4. Der Wein.
Wein, wein von dem Rein,
Lautter, claur und vein!
Dein varb gibt gar lichten schein
Als cristall und rubin.
Du gibst medicein
Für trauren, schenk du ein!
Trinck, quot Kätterlein!
Mach rothe wängelein!
Liederbuch
der Clara Haetzlerin.
Für Sorgen sorgt das liebe Leben,
Und Sorgenbrecher sind die Reben.
Goethe, Divan 9, 4.
Das ist am Wein das Beste,
daß die Erinnerung darüber schwebt!
Eine hervorstechende Eigenschaft des Germanen, die alle seine Schilderer einmütig erwähnen, war sein dauernder Durst. Er liebte alles Trinkbare, das Wasser natürlich ausgenommen, ganz wie seine Nachkommen, sah aber in seinem Met so lange das Ideal aller geistigen Getränke, bis er etwas Besseres, sagen wir Moderneres, kennen lernte – denn Göttin Mode war gleichmächtig bei allen Völkern und in allen Zeiten. War erst das bessere Bier der Feind des guten Met, so machte der noble Wein dem plebeischeren Bier seinen Platz in der Volksgunst streitig.
Der Wein, einst der Göttertrank, den die seefahrenden Gaugenossen aus endlos weit entlegenen, unbenannten, sonnigen Himmelsstrichen, die viele viele Jahrhunderte später ein kühner Spanier der Menschheit entdecken sollte, unter Fährnissen aller Art zu den heimischen Gestaden brachten, wurde durch die römischen Eroberer in deutschen Gauen allgemeiner bekannt. Und römisch ist sein äußeres Gewand den Deutschen geblieben bis zum heutigen Tag.
Aus dem lateinischen vinum wurde Wein, aus mustrum Most, aus lora Lauer, aus mosa Maß, aus amphora Eimer, aus vas Faß, aus cupa, cupella Kübel, aus calvatorium Kelter, aus cella Keller und noch manch anderes mehr.
Lernten nun auch die Deutschen verhältnismäßig früh den Wein kennen und schätzen, sei es in Italien selbst, wohin sie in Kriegsdiensten, als Geiseln oder als Gefangene kamen, sei es durch die in Germanien erschienenen Römer, oder durch Tauschverkehr mit seefahrenden Südländern, so vergingen doch noch Jahrhunderte, ehe sie selbst die erste Rebenpflanze in die Erde senkten. Die Einführung des Weinbaues in Gallien knüpft sich an die Gründung der griechischen Kolonie Massalia. Er blieb jahrhundertelang auf die Umgebung dieser Stadt beschränkt und verbreitete sich zunächst nur über den südlichsten Teil der provincia Narbonensis und Aquitanien bis in das Gebiet der Bituriger an der Garonne. In augusteischer Zeit war er im nördlichen Teil der narbonensischen Provinz noch unbekannt. Im ersten Jahrhundert drang er weiter nördlich bis in das Gebiet der Allobroger vor und verbreitete sich sodann, vielleicht bereits gegen Ende des ersten Jahrhunderts, sicherlich im darauffolgenden, weiter im übrigen Gallien und im Moseltal, gleichzeitig überhaupt am linken Rheinufer, in Rheinhessen, der Pfalz wie im Elsaß. Ob auch am rechten Rheinufer von den Römern Weinbau getrieben wurde, läßt sich nicht entscheiden. Wenn dieses der Fall war, sind diese Kulturen nach Verlust des rechtsrheinischen Germaniens ebenso zu Grunde gegangen, wie hier das römische Leben überhaupt vollständig aufhörte. Erst in merowingischer Zeit erblühte in diesen Gegenden der Weinbau, wie denn beispielsweise im Rheingau die Hauptlagen nachweislich erst sehr viel später gerodet und in Kultur genommen sind.[83] Der Wein selbst, manchmal auch die Rebe, gelangte von Gallien zu den benachbarten Germanen, »die mit Aufnahme dieses Produktes den Pakt mit gallisch-römischer Kultur schlossen«. In Italien betrachtete man den Weinbau in den Provinzen mit scheelen Blicken. Kaiser Domitian befahl, wenn auch vergeblich, die Hälfte aller außerhalb Italiens befindlichen Weingärten dem Erdboden gleich zu machen.[84] Erst Kaiser Probus hob 281 n. Chr. Geb. diesen Befehl nicht nur auf, sondern begünstigte, besonders in Gallien, Pannonien und Mösien den Weinbau derart, daß man diesem Soldatenkaiser später geradezu die Würde eines Weinheiligen zuerkannte.[85]
Wenn sich in früherer Zeit gewisse germanische Stämme gegen die Einfuhr des Weines aufgelehnt hatten,[86] da sie seinen Genuß für verweichlichend hielten, so verlor sich dieser Widerwillen doch mit der Zeit, und bereits 276 n. Chr. Geb. sind deutsche Weinberge geschichtlich nachweisbar, die vielleicht schon viel länger bestanden haben mögen, meist von den römischen Soldaten gepflanzt, die nachgewiesenermaßen ja auch die Ufer des Rheines mit Weingärten umsäumten. Und nicht nur am Rhein, auch an den sonnigen Hügeln des unteren und mittleren Neckars bauten sie sich ihre Weingärten, um den von der Heimat her gewohnten Trank zur Hand zu haben, wenn die Lebensmittelzufuhr einmal ausblieb. Und war der Trank auch nicht so gehaltreich wie der unter dem ewig blauen Himmel Italiens gereifte, so sagte er doch den Fremdlingen immer noch besser zu, als das Bier der eroberten Länder und der landesübliche Met, der so rasch und gründlich berauschte. Darum waren es egoistische Gründe, die sie den Spaten in die Hand nehmen hießen, um jene Anlagen zu schaffen, die sie dann nach ihrem Abzug aus den germanischen Gauen als kostbares Andenken hinterließen. Dem Schwabenlande soll, der Sage nach, der heil. Urban, der von 223–230 auf Petris Stuhl saß und unter Alexander Severus den Märtyrertod starb, gelehrt haben die Rebe zu pflanzen und die Trauben zu keltern, weshalb man ihn auch jetzt noch in Württemberg als Schutzpatron des Weinbaues feiert. Im vierten Jahrhundert waren bereits die Ufer der Mosel von Trier bis Koblenz reich mit Reben besetzt. Der Dichter Ausonius (geb. 309 zu Burdigala, dem heutigen Bordeaux, gest. 395) lobt in seiner »Mosella«, einer poetischen Schilderung einer Rhein- und Moselreise von Bingen bis Trier, die Mosel mit den begeisterten Worten:
Wie stolz am Uferhang die Klippen ragen,
Wie schön auf Hügeln Bachus Gaben sprießt!
Und wie, in sanftem Hauch dahingetragen,
Mosella's holde Woge murmelnd fließt!
Gruß dir, o Strom, dem alle Dank hier sagen,
Wer immer deines Wohltums nur genießt!
Die Stadt, des Kaisersitzes wert befunden (Trier),
Sie ist nur dir zu Dank dafür verbunden.
Von Rebenhöh'n und Wiesengrün umzogen usw.
und weiter Vers 161:
Bis zur äußersten Höhe der sanft abneigenden Bergwand
Ist das Gewände des Flußes bedeckt mit grünender Rebe.[87]
Er lobt ferner das feine Aroma der Moselweine, die er den Gewächsen seiner Heimat Bordeaux gleichstellt. Ausonius hat die Deutschen gerne, denn ein goldhaariges, blauäugiges, sanftes Schwabenmädchen, das er als Gefangene erworben, hat ihn für die Deutschen eingenommen. Sie begeisterte den alternden Mann zu den Versen:
Bist du Römerin auch worden,
Strahlt doch deutsch noch dein Gesicht.
Himmelblau dein Aug vom Norden,
Golden deiner Locken Licht.
So verraten Aug und Haare
Dich als Kind vom deutschen Strom …
Venantius Fortunatus (geb. um 530), der sich in den Jahren 567–580 unter den Merovingern aufhielt, spricht von den Weinbergen bei Metz und Trier an der vinisera Mozella, die er preist:
Frucht zu erbringen bezwingt man sogar den starrenden Schiefer.
Selbst, der Felsen gebiert, und es entströmet der Wein;
Allwärts siehst du die Höhen, umkleidet mit grünender Rebe.
Auch von den Weinbergen bei Andernach im Rheintal weiß er zu erzählen. Vor Fortunatus, im fünften Jahrhundert, bewunderte der heil. Severin den Weinbau in Rhätien, der, nach Cyriakus Spangenberg, durch Kolonisten von der Mosel dorthin gebracht worden sein soll.[88]
Vom fünften Jahrhundert an standen die Weinberge unter dem Schutz der Gesetze. Das von Chlodwig 421 verfaßte Salische Gesetz bestraft die Entwendung eines Weinstockes mit fünfzehn Schillingen. Nach den Verordnungen des Langobardenkönigs Chlotar (657) war es nur gestattet, drei Trauben einem fremden Weinberg zu entnehmen.
Im sechsten und siebenten Jahrhundert gewann der Weinbau in den Rheinufergegenden eine immer größere Ausdehnung. Bereits im achten Jahrhundert fanden hier Schenkungen von Weinbergen an Stifte und Klöster statt,[89] ja sogar schon 638 verschenkte der Frankenkönig Dagobert alle seine Güter und Weinberge in Lobdengau an das Stift St. Peter in Worms.[90] Karl der Große, dessen Riesengeist nicht nur das bis zu seiner Zeit zersplitterte Germanien zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuschweißen und geistig und sittlich zu heben wußte, so daß sein Auftreten der Beginn einer neuen Kulturära bedeutet, sorgte wie für so viele Zweige des Fortschrittes auch für den Weinbau. In seinen Kapitularien finden sich bis ins Nebensächlichste gehende Anordnungen, wie die Reben zu pflanzen, die Weinberge zu besorgen, die Beeren zu behandeln und zu pflücken seien. Er wollte nicht, daß die Trauben mit bloßen Füßen ausgetreten werden; sie sollten in eigenen Keltern, den sogenannten Truttas, die in dem schwäbischen Worte Trotte für Presse fortleben, ausgepreßt und der Most in reine Gefäße eingegossen werden. Ferner befahl er den Wirtschaftern, für das Anpflanzen von Fechsern zu sorgen. Durch Aushängen von mindestens drei bis vier Kränzen war anzuzeigen, wenn die Weinernte zum Verkauf gestellt würde. Dieses Kranzausstecken erhielt sich bekanntlich, namentlich in Süddeutschland, bis zum heutigen Tag. In späterer Zeit wurde dieses Kranzschild das Wahrzeichen der Schenken, gleichviel ob man Wein oder Bier verzapfte: »Wenn man ein schoeblin ußsteckt, daz ist ein zeichen, daz man bier da feil hat«, sagt Geiler von Kaisersberg. In den kaiserlichen Kranz- oder Reifwirtschaften wurde jedoch nur der geringe Wein zum Verkauf gebracht, der bessere mußte an die Hofkellereien abgeliefert werden, wie das ja immer war. Die Untertanen hatten im Schweiße ihres Antlitzes dafür zu sorgen, daß es dem Herrn an nichts gebrach. Für die Produzenten war der Abhub gerade gut genug.
Karls Verbot, die Trauben mit den Füßen zu zertreten, scheint nicht mit genügender Strenge durchgeführt worden zu sein; diese uralte Sitte hat sich bis jetzt erhalten, trotz aller hygienischen und ästhetischen Bedenken, die übrigens schon die Vergangenheit mit uns teilte. Denn Petrus de Crescentius, der Begründer der Agronomie in Europa (1230–1310) fordert in seinem »Opus ruralium commodorum« libri XII (Augsburg 1471), daß die nackten Füße wenigstens rein seien, der Kelterer nicht aus dem Kelter aus- und einlaufe, während des Kelterns nicht esse und trinke und genügend bekleidet sei, um den jungen Wein nicht mit Schweiß zu vermengen usw. Wo Karl der Große geeignetes Land entdeckte, ließ er es mit Reben bestellen. So erzählt über die Entstehung des edlen Ingelheimers folgende Sage: »Einst geschah es, daß der Herrscher aus seiner Pfalz nach den Bergen hinüberschaute und bemerkte, wie die Sonne sie schon im März so warm beschien, daß der Schnee wegschmolz, das junge Gras hervorsproß und die Bäume sich belaubten. Da kam ihm der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo noch ein finsterer Wald lag. Rasch verschwand dieser unter den Äxten der geschäftigen Arbeiter, und die Erde nahm die aus Ungarn, Italien, Spanien, Burgund, der Champagne und Lothringen gebrachten Reben auf, die bald einen herrlichen Wein lieferten.«[91]
Fand Karl Weinberge vor, so suchte er die Reben zu veredeln. Alle von Karl neu eingeführten Weinsorten belegte man mit dem gemeinsamen Namen fränkische Weine, im Gegensatz zu den alten Weinsorten, die unter dem Namen hunnische oder heunische Weine zusammengefaßt wurden. So hatte der Herr zu Eppenstein im Dorfe Niederluderbach bei Höchst 1483 Anspruch auf »zwei halb firtel wins, eins frensch (fränkisch) das ander hunesch in zweyen orenkannen ein Kangelidt (mit Deckel) die ander angelidt«. Der Name stammt wahrscheinlich von den Hunnen her, die 451 nach Attilas Niederlage auf dem nach ihnen benannten Hunnsrück zurückgeblieben waren und hier pannonische Reben anpflanzten.
Die Wertschätzung Karls des Großen für den Wein entsprang rein nationalökonomischen Gründen, denn er selbst war das Muster der Mäßigkeit. Genoß er doch bei Tisch höchstens drei Becher, »denn die Trunkenheit verabscheute er an allen Menschen aufs äußerste und erst an sich selbst und seinen eigenen Leuten«.[92] Übrigens gab er auch bei der Neubenennung der bis dahin lateinischen Monatsnamen dem Oktober den Namen Windumemanoth, d. h. Weinlese-Monat, althochdeutsch windemôn vom lateinischen vindemia = Weinlese, woraus das volkstümliche wînmanot = Weinmonat entstand.
Im Thurgau, Breisgau und am Bodensee kommen Weinberge bereits im siebenten Jahrhundert vor. Während des neunten Jahrhunderts gelangte der Weinbau in der Schweiz, in Tirol und im südöstlichen Deutschland zur vollen Blüte. Ludwig der Fromme, Karls Sohn und Thronerbe, förderte wie sein Vater die Rebenzucht und ihm und seinen Nachfolgern dankt Alamannien seine Weinberge. Im elften Jahrhundert finden sich die ersten Spuren des Weinbaues bei Göttingen und Hildesheim; 1150 führten Rheinländer, die Albrecht der Bär gastlich aufgenommen hatte, die Rebenkultur in der Altmark ein. 1285 heimste Stendal so viel Wein ein, daß es damit Handel treiben konnte und drei Jahrhunderte später waren ertragreiche Weingärten bei Lübeck, in Mecklenburg, bei Rathenow an der Havel und bei Guben in der Lausitz vorhanden. Gubenscher Wein war in ganz Norddeutschland verbreitet und sogar an Fürstentafeln geschätzt.
Die Hohenstaufen beförderten namentlich in ihrem schwäbischen Stammland mit aller Energie den Weinbau, der zu einer Hauptbeschäftigung der Einwohner wurde. Besonders der Neckarwein war schon früh auch im Ausland geschätzt. Abt Berchtoldt von St. Gallen, ein Zeitgenosse Rudolf von Habsburgs, setzte seinen Gästen neben Botzener, Klevner und Elsässer Weinen auch den kostbaren Neckarwein vor. Wie Kaiser Karl bemühten sich auch die Hohenstaufen, ihre Weingärten zu Musteranstalten zu machen. Strenge Gesetze schützten die Weinberge, deren Zerstörung mit dem Tode bestraft wurde.
Der Umschwung, den die Kreuzzüge, diese »umgekehrte Völkerwanderung« mit sich brachte, lehrte die Deutschen neben vielen neuen Sitten und Krankheiten, die besser unbekannt geblieben wären, auch manches Gute kennen, das fortan in Deutschland eine dauernde Heimstätte fand. Unter den Pflanzenarten, die durch heimkehrende Kreuzfahrer im Norden eingeführt wurden, waren auch mancherlei noch unbekannte Rebsorten, die mit dem im Süden erlernten Verfahren behandelt wurden.
Die allgemeine Verbreitung dankt der Weinstock in Deutschland hauptsächlich den Mönchen. Die Geistlichkeit mußte wegen der Verwendung des Weins zum heil. Abendmahl auf seinen Anbau bedacht sein. Nebenbei vergaßen die frommen Herrn auch nicht die profaneren Zwecke des Rebensaftes, der sie über die vielen Stunden der Einsamkeit und Langeweile in ihren unwohnlichen Zellen und den kahlen Kreuzgängen hinwegtröstete. Der Wein war der treue Genosse der Mönche, den sie um nichts in der Welt hätten missen mögen. Ihrer Sorge um den Weinbau verdankt die Nachwelt so viele der edelsten Tropfen, so daß der Zecher, weß Glaubens er auch sei, schon um dieses so schwerwiegenden Verdienstes willen, den Klerikern aufrichtige Dankbarkeit zu zollen gehalten sein sollte.[93]
Die Herren mit der Tonsur pflegten und rodeten die an den sonnigsten Geländen angelegten Weingärten, veredelten die Traube und zierten sich keineswegs, wenn ihnen fromme Gemüter als Angeld auf zukünftige Seligkeit reiche Geschenke an Geld und Weingütern vermachten. Auch Karl der Große schenkte der Geistlichkeit Weinberge im heutigen Burgund. So kam es, daß einzelne Klöster an Reichtum selbst die Landesherrn übertrafen. Fulda, St. Gallen, Lorch bei Worms, Hirschau, Maulbronn u. a. m. besaßen neben Schätzen von unendlichem Wert noch tausende Morgen Landes mit Weinbergen, Äckern, Wiesen und Waldungen, Riesenherden von Vieh und hunderte Dörfer mit ihren Insassen. Da die Kleriker aufs beste für ihr Besitztum sorgten – »unter dem Krummstab ist gut wohnen«, besagt ein altes Sprichwort – so konnte es nicht ausbleiben, daß die reichen Erträgnisse klösterlichen Eigens weltliche Gutsbesitzer und schließlich auch die Bauern zur Nacheiferung der mönchischen Ökonomie anspornten. Es ist daher eine nicht wegzuleugnende Tatsache, daß die Klöster der Entwickelung der deutschen Landwirtschaft die wichtigsten Dienste geleistet haben. Sie besaßen die ersten und viele Jahrhunderte hindurch die einzigen Musteranstalten für rationellen Landbau, Obst- und Weingärten und Viehzucht, wie sie die alleinigen Hüter weltlicher und geistlicher Gelehrsamkeit waren.
So ist der Rüdesheimer Weinbau, 864 begonnen, mönchischer Herkunft. Benno von Meißen (1010–1107), der 1523 trotz Luthers Protest in seiner Schrift »Wider den neuen abgott und alten teufel, der zu Meißen soll erhoben werden«, saecularisiert wurde, brachte 1073 Reben nach Thüringen, und bald darauf, 1128, erhielt Pommern durch Otto von Bamberg den Weinbau, den der harte Winter von 1437 für immer vernichtete.
Fleißigen Klosterleuten verdankt auch die Perle der deutschen Weine, der Johannisberger, sein Dasein. »Vor tausend Jahren, in der Mitte des neunten Jahrhunderts, saß auf dem erzbischöflichen Stuhl in Mainz Rhabanus Maurus … Die Schiefergebirgkuppe, auf dem Rheinspiegel zugeneigter Südseite, wo jetzt der Schloß-Johannisberger wächst, war damals noch eine wüste Fläche, bewachsen von Wachholdergebüsch und wilden Reben, ein Lieblingsaufenthalt nicht der Menschen, sondern der Krammetsvögel. Da diese Kuppe ein erzbischöfliches Allod war, so führte sie den Namen Bischofsberg.«
Dem heiligen Nicolaus, dem Patron der Schiffer, stiftete Erzbischof Rhabanus nun eine Kapelle auf dem Gipfel jenes Hügels, welche der durch die Schnellen des Bingerloches bedrängte Schiffer überall vom Rheinstrom aus sehen konnte.
Im Jahre 1106 verwandelte Erzbischof Ruthard von Mainz diese Kapelle in ein Benediktiner-Mönchskloster, dessen erstes Geschäft die Pflanzung von Reben war. Das neue Kloster wurde reich durch Schenkungen Richolfs, des letzten der Rheingrafen, mit dem der altehrwürdige autochthone Dynastenstamm erlosch. Um für verschiedene Missetaten, die er gegen »Seiner Majestät getreue Kammerknechte«, die Juden von Mainz verübt, der Strafe des Himmels und der Rache des erzürnten Kaisers zu entgehen, schenkte er den Benediktinern Ländereien und Gefälle und da er jene Straftaten am St. Johannistage verübt, so nahm auf sein Begehr das Kloster Johannes den Täufer als Schutzpatron und änderte seinen Namen aus Bischofsberg in Johannisberg. Das von ihm gleichfalls auf dem nunmehrigen Johannisberg gegründete Nonnenkloster verlegte der Rheingraf nach einem Neubau am Fuße des Berges, der St. Georgen-Klause.
Schon um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts spielte der Johannisberger eine glänzende Rolle. Die deutschen Kaiser unterstützten die Arbeit des Klosters durch mannigfache Privilegien und Schutzbriefe, namentlich erfreute es sich der Zollfreiheit für seine Weine. Bei dem rheinischen Adel gehörte es damals zum guten Ton, der Abtei letztwillig zu gedenken. Die rheinischen Bauern leisteten ihr freiwillig reichliche Naturalleistungen und sonstige Gaben, denn der Ruhm des Johannisberger Weines erfüllte auch seine Landsleute mit Stolz.
Doch das Lob, das allerorts dem Weine von Johannisberg gespendet wurde, verscherzten sich seine Winzer durch ihr Betragen. 1462 wurde das Nonnenkloster wegen der Zuchtlosigkeit seiner Insassen aufgelöst und den Mönchen ging es nicht viel besser. Sie wurden liederlich, vernachlässigten die Weinkultur, die zurückging, wodurch ihr Kloster so starke Einbußen erlitt, daß sie nahezu verarmten. Nach verschiedenen wechselvollen Schicksalen wurde das Kloster 1552 von dem wilden Markgrafen Albrecht von Kulmbach in Asche gelegt, dann wieder aufgebaut und nochmals im dreißigjährigen Krieg von den Schweden dem Erdboden gleich gemacht. 1641 verpfändet an den Reichspfennigmeister Hubert von Bleymann, dann von Napoleon (1807) an den Marschall Kellermann verliehen, kam das Weingut 1816 an den Fürsten Metternich.[94]
Ein gefährlicher Rivale erstand dem Johannisberger in dem 1177 von Mönchen der Cisterzienser Abtei Eberbach angelegten Weingarten Steinberg.
In den Kellern dieser Stiftung Bernhards von Clairvaux lagerten ehemals die edelsten Weine des Herzogs von Nassau. Aus einer achtzig Morgen großen Wüstenei, die die Mönche mit eigener Hand urbar gemacht und mit einer zwölf Fuß hohen Mauer umzogen, erwuchs den Eberbachern ein Ertrag, der sie zur Zeit der Hansa und des rheinischen Städtebundes zum bedeutendsten Weingroßhändler der Erde machte, dessen eigene Schiffe das Weltmeer befuhren, deren berühmtestes »die Ebersbacher Sau« benannt war.
Weitere berühmte Weinsorten in Mönchshänden waren: die berühmte Blume des Hocks, der Hochheimer, der Domdechanei von Mainz; der auf die charakteristischen Bocksbeutelflaschen abgezogene Stein- und Leistenwein erwuchs in der Nähe der Stadt und ganz nahe an den Wänden des Schlosses der Fürstbischöfe von Würzburg.[95]
Als der deutsche Ritterorden die Eroberung Ostpreußens vollendet hatte, zog er Kolonisten aus den benachbarten sächsischen und wendischen Staaten herbei. Besonders der Hochmeister Winrich von Kniprode – nomina sunt odiosa; Win-rich gemahnt an Wein wie Knip-rode an Kneipe – ließ für schweres Geld erfahrene Winzer aus Italien und Süddeutschland kommen, um Weinberge bei Rastenburg, Lüneburg, Polska, Hohenrode, Tapliau und Thorn anzulegen. Selbst in Memel, Tilsit und Königsberg wurde Eigenbau getrunken. Im Jahre 1379 belief sich die Ernte aller Weinberge des Hochmeisters auf sechshundertacht Tonnen, die teils eingekellert, teils ausgeschenkt wurden. Vor allem versorgten die Weinberge bei Thorn die Ordensritter mit Wein zur Messe und zu den Gelagen. Als Herzog Rudolf von Schwaben (1363) in der Marienburg als Gast weilte, mußte der Mundschenk beim Schluß der Tafel einen großen goldenen Becher mit Thorner füllen, den zuerst die Gäste, dann der Hochmeister und zuletzt die Ritter auf gut Kriegsglück leerten. Da rief Rudolf: »Langt mir noch einmal den Becher her! Der Trank ist Öl, davon einem die Schnauze klebt!« Und den neugefüllten Pokal leerte der Bayer unter dem hellen Jubel der Zechkumpane auf das Andenken Kaiser Ludwigs des Bayern.
Seitdem die Weinkultur in Ostpreußen verschwunden ist, bildet die Mark Brandenburg die nördlichste Weingrenze Europas. Im sechzehnten Jahrhundert erlangte der märkische Weinbau seine höchste Blüte. Von der Quantität des hier gezogenen Weines kann man sich einen Begriff machen, wenn man die alte Nachricht liest, daß ein einziger Weinberg bei Tasdorf hundertfünfzig Tonnen Wein ergab. Wie die Qualität war, darüber schweigt sich allerdings mein Gewährsmann gründlich aus.
Riesenthal und Oderberg in der Mark hatten zwanzig Tonnen weißen und ebensoviel roten Wein an das Berliner Joachimsthalsche Gymnasium für die Lehrer und Schüler zu liefern, und in der Neumark war der Landwein billiger als das Krossener Bier.
Durch die zielbewußte Feldwirtschaft der Geistlichkeit konnte eine Überproduktion nicht ausbleiben. Sie heimsten weit mehr Naturalien ein als sie selbst verbrauchten. Wenn auch ein Teil ihrer Erträgnisse darauf verwandt wurde, die Vorratskammern ihrer Gönner zu füllen, oder durch Verteilung neue Freunde zu schaffen – wie jener Abt von Citeaux, Jean de Bussières, von Papst Gregor XI. in Avignon als Gegenleistung für dreißig Fässer Beaune und Chambertin den Kardinalshut erhielt – so reichten in besonders gesegneten Jahren die groß angelegten Speicher und Keller der reichen Abteien und Stifte nicht aus, die Ernte aufzunehmen. Im Kloster St. Gallen nahm im zehnten Jahrhundert der Weinvorrat derartige Ausdehnung an, daß volle Weinfässer, von Hütern bewacht, unter freiem Himmel lagen und sich höherstehende Leute Rotwein zu trinken weigerten. Eines dieser reich gesegneten Jahre war 1332, das eine unerhörte Fülle von Wein brachte. Raudisacker bei Würzburg sandte als Zehnten zweihundertsechzig Fuder, ein Jahr später nur zwölf Fuder an die geistliche Herrschaft. »Was vil wins gewaisen, den man noimpde den bodenwin«, sagen die Kölner Jahrbücher darüber.
Wie diese Raudisacker waren unzählige andere Dörfer der Geistlichkeit zins- und frohnpflichtig, denn die frommen Herrn hatten von jeher den bekannten guten Magen, den sie sich um so voller stopften, als in der Zeit vor der Reformation die Ehrfurcht vor Kutte und Tonsur alle ihre Übergriffe guthieß. Das Gebahren der Klerisei war zu lukrativ, um nicht in den Kreisen der Feudalherrn, von hoch oben an bis herab zum Ritter, der auf seinem halbverfallenen Steinhaufen ein armseliges Leben führte, begeisterte Anhänger und Nachtreter zu finden.
Und als die Güter der Geistlichkeit ins Ungemessene gewachsen waren und sie trotz ihrer Unzahl – gab es doch zu Luthers Zeiten zwei Millionen vierhundertfünfundsechzigtausend Mönche und etwa zweihunderttausend Nonnen in Deutschland – außer stande waren, alles selbst zu bewirtschaften, zwangen sie ihre Pächter zur vollsten Abhängigkeit. Erhielten diese Winzer, wie schon zu Karls des Großen Zeit, den Auftrag, durch Aushängen des Blätterkranzes anzuzeigen, daß der Wein trinkbar sei, so handelten sie doch immer nur als Diener ihrer Herrschaft, die sich das Recht vorbehielt, den erteilten Befehl gegebenenfalls zu widerrufen. Dieses Recht dehnten die Herren schließlich über ihr ganzes Gebiet aus, ohne Rücksicht darauf, ob die Weinberge ihrer Domänen ihr Eigentum, oder ihren freien Untertanen gehörten. Dieser Weinbann zwang sogar größere Städte mit Weinbau und Weinhandel sich durch bedeutende Abgaben von dieser Last zu lösen. So mußte Straßburg 1252 von ihrem Bischof den Weinbau um vierhundert Mark Silber, etwa sechzehntausend Mark erstehen. In Mainz hatten um 1300 die »Weinschröter« die Verpflichtung, dem Erzpriester jährlich drei Karren Wein als Ablösung zu liefern. Speyer wußte sich schon 1182 durch ein königliches Privileg vom Weinbann zu befreien.[97]
Der Weinbann nahm übrigens, wie fast alle anderen derartigen, gewissen Sonderinteressen dienenden Privilegien durch den Übermut ihrer Diktatoren recht bizarre Formen an. So gehörte der Weinbann zu Münster dreimal des Jahres, zu Weihnacht, Ostern, Pfingsten, jedesmal durch »vierzehn Nacht« dem Abt von St. Gregoriental. Sobald eine dieser Zeiten naht, haben Schultheiß und Ratsherrn die vom Abt zum Verkauf zu bringenden Weine zu prüfen, ob sie auch aus dem Weinberg des Gotteshauses stammen, denn das Recht, fremde Weine zu verkaufen, hat er nicht. An dem Abend aber, da der Bann des Abtes anhebt, muß der Schultheiß mit dem Weibel die »Tavernen« der städtischen Weinschenken durchmustern, ihre Fässer zuschlagen und in irgend einer Weise zeichnen, daß man sie nicht unbemerkt öffnen und wieder schließen könne. Man nannte das dort »die Fasse brigelen«. Wer in der genannten Zeit das unter solche Sperre gelegte Faß dennoch öffnete, der hatte dem Abt sechzig Schilling Buße zu zahlen, »so oft er den Zapfen ziehet«[98] oder den Strich über dem Zapfen – daher der Name »Zapfenstreich« – verlöschte.
Wie in Münster, so schloß auch anderswo der Ausschank des Bannweines den Verkauf jedes anderen Getränkes aus. »Und welcher den banwein hait uns schenckt, der hait die Freiheit zu fischen, zu jagen, voglen, brottbacken und metzlen, wess er zu seine wirtschafft benötiget ist und nit weiter … Ess soll auch ein jeglicher inwhoner schultich sein umb ein recht ein maß weins bey ime zeholen, es were dan sach, das der wein ze deuer were und nit betzalen kundt; und welicher dass nit thett, so hett der wirdt macht ime ein mass weins zum hünerloch in ze schöden, und most sie ime bezalen.«[99]
Ja die Herren von anno dazumal waren noch ganz andere Kerle wie die armen vielverlästerten »Ringmänner« der Gegenwart. Wenn die sich erst mal auf die Hinterbeine setzten und zu befehlen anfingen, so hörten sie erst gar nicht wieder auf. Sie gefielen sich häufig in Verordnungen, die so recht den ganzen Übermut eines an Größenwahn streifenden Machtbewußtseins spiegelten, das mit den wehrlosen Untergebenen wie mit fühl- und vernunftlosen Puppen umsprang. Ein markantes, wenn auch die Geschichte des deutschen Durstes nicht berührendes Beispiel gibt ein Erlaß in einem der Weistümer von 1442. Dort heißt es: »Und geburt meyner Frauwen der graffynne zu Folkelingen zu lygen, so sollent die frosche sweygen das sie myn Frauwe nit wecken«.[100] Da nun die sangeslustigen Frösche nicht respektvoll genug gewesen sein dürften, den Schlaf der holden »graffynne« als vollwichtigen Grund zum Schweigen anzusehen, so werden wohl die armen Bauern ihre Nächte damit zugebracht haben, die Teiche, Sümpfe und andere Froschkolonien mit Gerten zu schlagen, um die Frösche in Furcht zu jagen und dadurch ihren melodischen Gesang zu verhindern.
Natürlich regelten diese Miniaturherrscher und vollständig ausgewachsenen Tyrannen auch haarklein die ihnen seitens der Bauern zu leistenden Arbeiten und Lieferungen. Ein Überschreiten dieser Pflichten wurde huldvollst übersehen, eine Vernachlässigung aber grausam bestraft. So bestimmten sie ganz genau, wie sie selbst oder einer ihrer Abgesandten auf dem Bauernhof aufzunehmen, welche und wieviel Speisen und Getränke vorzusetzen seien.
Der Probst des Klosters Ölenberg im Elsaß hatte 1354 auf dem Hof St. Lukart Anspruch auf zwei Mahlzeiten mit »nuwen wine« in »wiss schenckbecher« und »krachend bette«. In Beyenheim bei Friedberg in der Wetterau erhielt der Vogt 1455 ein gesottenes und gebratenes Huhn und »ein maas Firnischen weins, der Knecht ein maas Hanauischen wein«.[101] Nach dem Weistum von Borne und Crüftel[102]: »sol man holenn zu Epstein zwaierley fleisch mit guter wurtz (Würze) wol gekocht, unndt ein pfund licht, guten frenkischen wein in ainem hultzern becher mit ainem raiff«. In Faha (1462) soll der Besucher Feuer ohne Rauch, einen schönen gedeckten Tisch »schonen brotz (Brot's) genungh, zweierlei wein des pesten genungh«, dreierlei der Tageszeit angemessene Speisen finden. Im Jahre 1529 war die Speise schon auf »sebenerley Kost geduppelt«, aber der »zweyerley wein« beibehalten. Zu Pellingen verlangte die Herrschaft »ein schmeckigen glass schönen wein, so in dem jahr gewachsen ist«, und derartige Verordnungen wiederholten sich in beinahe allen Weistümern.
Die Überproduktion von Lebensmitteln der geistigen und weltlichen Großgrundbesitzer hatte einen schwunghaften Handel zur Folge, dessen sich aber die aufblühenden Städte zu bemächtigen wußten, da sie als Zwischenhändler, als Vermittler zwischen Produzenten und Konsumenten, auftraten. Besonders der Weinhandel erwies sich bald als äußerst gewinnbringend, wenn auch die Preise, je nach der Ernte, ganz außerordentlichen Schwankungen unterlagen. In Württemberg kostete ein Eimer alter Wein im Jahre 1426 dreizehn Kreuzer, während man 1484 eine Maß für ein Ei erhalten konnte. Noch wohlfeiler war er:
Tausendfünfhundertdreißig und neun
Da galten die Faß mehr als der Wein
Wie Schultze erzählt,[103] kam im genannten Jahr ein Edelmann auf den Gedanken, statt seinen alten Wein wegzugießen, ihn von seinen Bauern in der Frohne austrinken zu lassen. Ungemessen strömte am Tage dieser »Arbeit« der Rebensaft die durstigen Kehlen hinab und stieg von dort in die Köpfe der Bauern. Händel und Verwundungen waren die Folge und die Geldstrafen für diese Ausschreitungen strich der Edelmann als Gerichtsherr ein, wodurch ihm sein Wein besser bezahlt wurde, als wenn er ihn verkauft hätte. 1287 soll in Heilbronn das Fuder Wein nur zweiunddreißig Kreuzer gekostet haben. In den besonders fruchtbaren Jahren 1420 bis 1429 mußte man mehrere Male ins Wirtshaus gehen, um überhaupt eine Zeche machen zu können. In Urach ließ einmal ein Wirt ausrufen, man könne bei ihm für einen halben Batzen vom Morgen bis zum Abend trinken. Als in Ulm der Münster gebaut wurde, (1377 bis 1494), war in manchen Jahren der Wein so billig, daß die Bürger nur in großer Gesellschaft die Kneipen besuchten, so daß heute der, morgen jener die Zeche bezahlte.[104] Das war eine schöne Zeit, aber leider:
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit!
Freilich sind solche Weinjahre gerade wie in der Gegenwart nur Ausnahmen gewesen. Zu gewöhnlichen Zeiten hielt sich der Preis auf einer der Ware angemessenen Höhe, wozu noch das tief eingewurzelte Zunftwesen im Verein mit der behördlichen Bevormundung dem Weinhandel, wie jeder anderen Handelsart, allerlei Hemmnisse zu bereiten sich bemühte. Dies war um so schlimmer, als die Weinhändler hauptsächlich auf den Export nach fremden Städten angewiesen waren. Verbot so ein Stadtrat schon den Kaufleuten seiner eigenen Gemeinde alles mögliche, wie erst den zugereisten Fremden!
Von allem in der Stadt verzapften Weine mußte eine Abgabe gezahlt werden, und wer sich fremden Wein kommen ließ, mußte auch von ihm, wie uns die Ausgabenotizen Anton Tuchers beweisen, der Stadt seinen Zoll entrichten. Eine Meile um die Stadt sollte kein Wein verzapft werden, damit die Gemeinde nicht um ihr Ungeld kam, und die Heckenwirte, die dies dennoch versuchten, wurden streng bestraft.
In Straßburg im Elsaß war 1631 auch den einheimischen »Wein-Zäpfnern, Küeffer und Weinhändlern« der Weinverkauf außerhalb der Markttage verboten. Den Landleuten war streng untersagt, ihre Weine in kleinen Gebinden anderswo als auf den gemeinen Weinmärkten auf dem »Grau- und Parfüßer Platz« an den Mann zu bringen.[105] Zu Leipzig mußte nach dem Ratsbeschluß vom 10. Oktober 1464 jeder, der im Weichbilde der Stadt Wein schenken wollte, dem Bürgermeister ein Nösel, d. i. eine halbe Kanne »Kostwein« und von je zwei Fässern verzapften Weins noch »ein halb stobichin«, d. h. über eineinhalb Liter »setzewin« abgeben.[106]
Am strengsten suchte man aber jenes kaufmännische Gebaren zu unterdrücken, das man heute fixen nennt und auch jetzt noch so grimmig haßt.
In den Straßburger Polizeiordnungen wird das Aufkaufen des Weines vor der Reife vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert immer wieder mit einer, einer besseren Sache würdigen Konsequenz verboten. »Montags, 19. Julii 1518« erneuern z. B. die »Räthe und die Einundzwanzig« das Mandat von 1515, daß niemand vor dem Herbst Wein »uff ein gesunderten schlag fürkaufen oder bestellen soll«.
»Mitwuchen Sanct Johanns Baptiste obend« (Juni 23.) verbietet dieselbe Behörde Früchte, Wein, Korn, Getreide auf dem Felde zu kaufen oder auf Mehrschatz zu verkaufen, d. h. den mutmaßlichen Ertrag der Ernte zu veräußern.
Alsdann verkaufet er mit List
Frucht, die noch nicht gewachsen ist
sagt Murmer[107] tadelnd von dem Menschen, die »mit dem Judenspieß rennen«, also wuchern.
Auch das Entgegengehen den Verkäufern vor die Stadttore, »das Grempen«, das auch Murner mit grimmem Hasse verfolgt,[108] war den Behörden ein Dorn im Auge. 1627 wird in Straßburg zur Denunziation der Vorkäufe aufgefordert und dem Angeber der vierte Pfennig des Strafgeldes zugesichert.
Der größte Weinhandelplatz des Mittelalters war Ulm. Der württembergische Wein ging über diese hochangesehene Stadt nach dem übrigen Süddeutschland bis nach Ungarn. Anfangs lag auch hier der Weinhandel in den Händen der Mönche. Als er aber ein freies, bürgerliches Gewerbe geworden war, gelangte er zu solcher Blüte, daß die Kaufleute Ulms einen eigenen Weinhof und sog. Weinstadel errichteten. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts war Erasmus Rauchschnabel der Weinmatador Ulms. Er hatte mitunter bei Kaiser Maximilian II. und anderen hohen Herren solch bedeutende Summen für gelieferten Wein ausstehen, daß ihm öfters Ländereien und ansehnliche Güter als Unterpfand gegeben wurden.[109]
Wie mit den württemberger handelte Ulm schon früh mit Rhein-, Main-, ausländischen und Kräuterweinen. Zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts belief sich oft der Weinumsatz in Ulm auf achthundert Fässer an einem Tage, der sich aus den mannigfaltigsten Sorten zusammensetzte, denn die Weinkarte des Mittelalters war mindestens so reichhaltig wie die der Gegenwart.
In Leipzig wurden 1443 verkauft »Reynfal, Welschwyn, Malmasie und Rummenie«, also Wein aus Istrien, vielleicht aus Rovigno, den Fischart in seiner »Aller Pracktick Großmutter« erwähnt, von Italien, von Monembasia und von Griechenland. 1462 wird außer den genannten auch des Passeners oder Passowners gedacht, wohl der altberühmte Bozener, den die Bewohner jener Stadt 1155 dem Kaiser Barbarossa, als er sie auf seinem Italienzug besuchte, als Willkommentrunk darboten, wodurch diesem edlen Gewächs die Ehre widerfuhr, von Otto von Freising in seiner Geschichte Friedrichs des Rotbärtigen verewigt zu werden.[110]
Ferner erscheinen noch unter den fremden Weinen der Elsässer und der Rheinische. Der »Ihenische wyn, Kotesberger – aus Kötschenbroda – Frankenwyn und Elsessir« sind gleichfalls 1452 in Leipzig zu haben. Anton Tucher in Nürnberg besaß nach seinem Wirtschaftsbuch, in dem der reiche Patrizier alle seine Ausgaben sorgsam aufzeichnete: Frankenwein, Neckarwein, Tauberbischofsheimer, Neuenstadt am Kocher, Rheinwein von Landau, von St. Martin bei Boppard, dann Rinkauer, Speierer, von dem es hieß:
Der macht den Kopff wol halbe ler
Als ob es win von Züttern (Zeutern bei Bruchsal) wer.
Elsässer, Heidelberger, dann Weine von der Bergstraße und von Heiligenstadt, Tauberwein, Wertheimer, Königsberger, aus Rausche bei Forchheim. Dann Erfurter, der 1336 noch so sauer war, daß er die eisernen Schnauzen der Gefäße, aus denen er gegossen wurde, abgefressen haben soll, während er später zu einer vielbegehrten Sorte wurde, und natürlich den »herrlichsten von allen«, den Rheinwein, »des Rheines Rebenblut«, wie er im Waltarilied benannt wird,[111] dem die Helden des Nibelungenliedes mit Vorliebe zusprachen[112] und dem schon in Clara Hätzlerins Gedichtsammlung aus dem Jahre 1471 der Sang ertönt[113]:
Wein, wein von dem Rein,
Lauther, claar und vein!
Dein varb gibt gar lichten schein
Als cristall und rubin.
Du gibst medicein
Für trauren, schenck du ein!
Trinck, quot Kätterlein
Mach rothe wängelein!
Dem Pfälzer Wein singt der geistvolle Gelehrte Nicodemus Frischlin (1547–1590) 1575 ein Loblied, aus dem hervorgeht, daß man auch damals die Tugenden des Elfingers, Hippachers, Beutelsbachers, Felbachers und Beinsteiners zu schätzen wußte.
Bei der großen Liebe, die man dem Wein allenthalben entgegenbrachte, konnte es nicht ausbleiben, daß man ihn mit allerlei Kosenamen belegte, von denen Johannes Fischart in trunkenem Gespräch seiner »Geschichtsklitterung« folgende aufzählt: Herzenssaft, Herzenssälble, Erdenblut, Leberfrist, Lungenschwamm, Kragenspülerle, Stirnstößerle, Lungenbädlein, Fußfinderer, Vettelnkutzler, Bettlerbett, Himmeltau, Rebenbrühlein, Bankpfühlbelein, Gaumenkitzel, Netz den Gaum, Mayenreglein, Herbstmellin, Aprillenbädlein, Wintergrün, Wendunmut, Wintermayen.« Diesen Bezeichnungen fügt Hegendorfius noch den Namen »Leidvergiß« zu.
Von fremdländischen Weinen wies Tuchers Keller auf: »Osterwein – österreichischen – heinischen, d. h. hunnischen, in diesem Fall wohl ungarischen Wein, Veltliner, Reinfal aus Istrien, den auch Tuchers Landsmann Michael Behaim bezog, Muskateller, Malvasier, den malfasy des dreizehnten Jahrhunderts und andere Süßweine.
Peter Suchenwirt, der Minnesänger, gedenkt der Südweine: »Die tisch sach man beraten mit welchisch und mit oster wein, Chlarn Raifal schanckt man ein« und »Nur Wippacher (Kärnthner) und Reinfal Und Lutenberger (Steirischen) guten wein«. In Nürnberg wurde Lackwein, süßer, durchgeseihter Wein feilgehalten,[114] dann Schabernac, ein italienischer Wein, vielleicht aus Capranica bei Viterbo.[115] In Bremen gab es im sechzehnten Jahrhundert Petersymen – Pedro Ximenes – Bastert, aus Spanien, Wyn Teynd – vino tinto – und Seck oder Weinseck, vermutlich aus Xeres.[116]
Von deutschen Weinen finden sich noch als vielbegehrte Sorten: »lantweyn in Slesien gewachsen«, Gubener, Neumarker, Crossener, Oderwein aus Frankfurt, der viel exportiert wurde und noch viele andere, nach ihrer Herkunft benannte Sorten. Hermann von Sachsenheim, eine feine Zunge, dessen Gedicht »Moerin« von Weinsorten wimmelt, sagt: »Den besten win, Den ich zu Botzen getranck« (Vers 5568), dann spricht er von »malfasy« in einem »Behembschglaß«, dann wieder (Vers 1654) »Ich main, es riech uß dir der win, Den nechten trunkt uß Rummeny« und (Vers 2834) »Dis ist der allerbeste win, der dort in Rummeny ye gewuchs«.
Unsere üblichen Weinkarten finden wir zuerst im 17. Jahrhundert, und zwar in der Form reichgeschnitzter, mit Karyatiden und Traubenbehang gezierter buntbemalter Holztafeln, auf denen auf schwarzbemaltem Untergrund die Namen der Weine in weißer Farbe verzeichnet waren, und zwar folgende Sorten: Rhein-Wein, Mossel, Döningerbleicher, Wertheimer, Hasslacher, Stein, Leuten, Margräfler, Kräuter. – Schampagner weißer und roter.[117] – Bourgogne, weiß und rot, Pontack; Medock, Mouscat, weiß und rot, Lünel, Frontignant, Mallaga, Sect,[118] Alicant, spanischen. – Eine andere, einige Jahre später, verzeichnet noch außerdem: Cortibenedicten, Wermut, spanischen Sect und Meth, weiß und rot. Die exotischen Weine waren aber viel zu teuer, um selbst von wohlhabenden Leuten ständig getrunken werden zu können. Sie werden daher nur zum Nachtisch gereicht worden sein, während man sich als Tischtrank billigeres Gewächs munden ließ. War der einheimische zu sauer, so versüßte man ihn mit Honig und setzte ihm Gewürze zu, wodurch er zum Lautertrant, Lûtertrank, den Moerin (Vers 2836) als »ouch gar suoß« hinstellt. Mit Gewürzen wüstete man bekanntlich im Mittelalter sowohl in der Küche wie bei der Trankbereitung. Mischte man doch aus feingestoßenem, durch Leinwandsäcke geseihten Pfeffer in Verbindung mit Honig und Wein den Piment oder Pigment genannten Würzwein; aus denselben Ingredienzien und Zimmt den vielgerühmten Hypokras. Ein Rezept zu diesem Mischtrank finde ich in M. Gualther H. Ryffs Kochbuch von 1540, von dem Scheible einen Auszug mitteilt:[119] »Ist ein gemeiner Trank des Morgens nüchtern zu trinken, wird gewöhnlich in allen Apotheken bereit gefunden, sunderlich Winters Zeit; von Zimmet, Ingber, Zucker und gutem rothem Wein bereittet, auf diese weiß: Nimm des besten Zimmets 1½ Loth, guten weißen Ingber 1 Loth, Galgant ½ Loth; stoß zu Pulver, schütt in einem Glas ein wenig Wein darüber, laß über nacht stohn, des Morgens thu noch 1½ Maß Wein dazu, Zucker so viel du wilst. Etliche stoßen auch diese Würze zusammen: Nimm 4 Loth Zimmet, 2 Loth Ingber, 1 Loth Paradieskörner, ½ Loth Galgant, Nägelein, Muscatnuß, Cubeben, Cardanum, jedes 1½ Quintlein; von dieser gestoßenen Würz nemen sie 1 Loth auf ein Maß und ½ Pfund Zucker minder oder mehr nach ihrem Gefallen, danach der Ypocras stark sein soll, vermischen den gestoßenen Zucker kalt unter den Wein und das gewürz, lassens durch ein wullin spitzig Säklin lauffen dazu bereit«.
Außer den Rebenweinen waren auch Frucht- und Kräuterweine vielbeliebt.
Der Fruchtwein wurde bald aus Birnen, bald aus Äpfeln bereitet. Sein Name war lît. Im »Buch der Rügen« heißt es Vers 779 »Mîdel (meide) auch daz lîthûs«. Im Meier Helmbrecht »Viel süeze lîtgebinne Ir sult uns füllen den maser (Holzbecher).[120]
Birnenmost trank man vornehmlich in Bayern. »Ir birnenmost den tranc ich alsô swinde« sagt Neidhard von Reuenthal. »Lâz Beyer trinken bîremost« heißt es im Siegfried Helbling (III 233). Apfelwein scheint aber weitaus beliebter gewesen zu sein. War der Apfelwein zu sauer, so behandelte man auch ihn mit Zusätzen von Honig und Gewürzen.[121] Außerdem gab es auch Kirschen-, Schlehen-, Heidelbeer-, Stachelbeer-, Johannisbeer- und Brombeer-Weine. Von den Kräuterweinen blieb der, besonders gut in Bacharach aus der Alantwurzel (Inula) bereitete Alantwein bis um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts beliebt, während andere Arten, deren »furnemsten und bräuchlichsten« waren: Rosmarin-, Salbei-, Hirschzungen-, Ysop-, Bethonien-, »Mayeron-«, Augentrost-, Bimpernellen- oder Schlutten-, Absinth-, Sinopel-, Melissen-, auch als Augenheilmittel beliebt, um »Augen lauter und klar zu machen«, und Sponwein im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert für immer von der Bildfläche verschwanden. So der einst so hochgeschätzte Moras (vinum moratum), das Ideal aller Leckermäuler der Vergangenheit. Das Nibelungenlied[122] erwähnt den Moras, wie der Parzival, wo es heißt:
Diese vier Jungfrauen klug,
Hört, was jegliche trug:
Moras, Wein und Lautertrank
Trugen drei auf Händen blank.[123]
Dieser Moras war eine Mischung von Heidelbeer- und Rebenwein, demnach eigentlich eine Verfälschung von Wein durch Heidelbeersaft. Ein gleiches Schicksal widerfuhr auch den Fruchtsprossen oder Julep, die man aus Rosen, Veilchen, Sauerampfer, Citronen, Apfelsinen, Granatäpfeln, Erdrauch, Wermut, Essig usw. erzeugte und an Stelle unserer Liköre reichte.
Kirchlicher Vorschrift gemäß war an Bußtagen und während der Fastenzeit bis zum neunten Jahrhundert der Genuß von Wein oder Met untersagt. Nur Most oder Bier war erlaubt.[124]
Weinverfälschungen waren schon in der frühesten Zeit der Weinbereitung im Schwange. Karl der Große, Friedrich II. und Ludwig der Bayer erließen strenge Gesetze gegen diese Frevel, ohne aber viel zu erreichen. Auch Gregorius von Tours gedenkt mit Schmähworten der habsüchtigen Weinfälscher.[125] Besonders im fünfzehnten Jahrhundert häufen sich die Klagen gegen die Weinpanscher. 1427 hatten zwei Kaufleute Nahewein »gevelschet up den brunst ind op de vorwe« und in Köln verkauft. Man warf sie ins Gefängnis, schenkte ihnen zwar das Leben, brannte sie aber durch beide Backen und in den Nacken und peitschte sie mit Ruten aus der Stadt. Das war um Weihnachten geschehen, aber im März wurde derselbe Betrug nochmals versucht. Acht Jahre später mußten im Ewigen Köln ein Weinschänker mit seiner Frau gebunden auf einem Faß unter dem Kax (Kaak), dem Pranger, sitzen, weil sie gesottene Beeren in den Wein getan. Die aufgeweichten Beeren waren ihnen wie Paternoster (ein Rosenkranz) um den Hals gehängt. Nach abgebüßter Strafe verwies man sie der Stadt.[126] Der Hansetag von 1447 beschloß nach Köln, Bingen, Frankfurt und Straßburg zu schreiben, die elende Wasserplumperei einzustellen und den Wein ganz so zu belassen, wie ihn Gott wachsen ließ. In Ulm mußte jeder Weinwirt schwören, daß seine Weine echt seien und weder er, noch sein Weib, noch sein Knecht, noch sonst Jemand in seinem Namen ein Gemächt von Weidaschen, weidaschiger Lauge, Kalk, Senf, Senfkorn, Speck, Scharlachkraut, Birn- und Apfelmost, Bleiweiß, Quecksilber, Heringkraut oder Vitriol gemacht habe.
O Gott behüt den Wein,
Vor Hagelstein,
Und treff den,
Der die Maß macht klein
Und thut Wasser, Milch, Eierklar, Salz, Speck,
Senf, Weidäsche und Tropfwurz drein
sagt Johannes Fischart in seiner »Geschichtsklitterung«.[127]
In Straßburg i. Elsaß war es nicht so streng wie an anderen Orten. »1528 Montags den letzten Novembris« verbietet »Jacob Zorn zum Rieth der Meister und der Rath« die zum Verkauf gebrachten Weinfässer unterwegs anzustechen und mit Wasser aufzufüllen bei strenger Strafe.[128] Die auf dem Rottenburger Konvent von 1487 erlassene Weinordnung bestimmt: »wo aber yemanz, wär der wär geistlich oder werentlich (weltlich), erfunden würd, der ainicherley Gemächt, nichzig ußgenommen, denn allein die obgeschriebene Zulassung des Swebels (Schwefels), in die Win oder Faß thätt, machte oder zu thun bestellte, es wäre vor oder nach dem Ablaß, durch sich selbs oder jmantz ander, demselben sollen zuvörderst von Stund an, an den Enden, da sollich Win gefunden, den Faßen die Boden ußgeschlagen, und der Win verschütt, und dazu ain yeder zu yedenmal von siner Herrschaft, mit nachfolgender Peen, nehmlich hundert Gülden rinisch gestraft werden.«[129]
Wie dem armen Wein seitens der Täufer ansonst noch mitgespielt wurde, erfahren wir aus einem der zwanzig Weinsegen Hans Rosenblüts, in dem es heißt:
Nu gesegen dich got, du krefftreiche Labung,
Du wol zeltende sanfft drabung,
Du suesses meyenpad meiner zungen,
Du frischt mir die lebern vnd feuchtest mir die lungen,
Als wenn es auf durren acker tawt.
Wenn man dich in einem gleslein schawt,
So kan man deines herren frumkeit schetzen,
Ob er dich gefelscht hat mit dem vetzen.
Das er mit dir treybt vber jar,
Mit milch vnd auch mit eyer klar,
Mit steinsaltzt vnd auch mit sweinen swartten
Damit der Kellerknecht dein muss wartten,
Mit sennff, mit weydaschen vnd mit tropffwurtz
Davon dein edel nympt offt vnters turtz.
Der zoll der hat dich vbel gesmaltzen;
So hat dich das vngelt gar versaltzen:
Das prufen die armen in der taschen.
Wenn man dir dann den spunt sol waschen,
So muß zweintzig maß zulauffen.
Wer das dann für wein will verkauffen,
Der wil seinen nechsten als trewlich betzalen
Als einer der gut mele awf mewsekot wil malen.[130]
Durch den Zusatz von Giften kamen selbstverständlich hier und da Leute zu Schaden. Wurde ein solcher Giftmischer ertappt, dann ging es ihm wie dem Weinfälscher Erni, der 1706 in Stuttgart öffentlich enthauptet wurde.[131]
Das Süßen sauren Weines durch Zucker und Honigzusätze, wie die Fabrikation von teueren Weinen aus billigeren Sorten, was 1720 in Hamburg ausdrücklich verboten wurde, sowie die Umarbeitung von Kräuter- und Fruchtweinen in »echten Rebensaft« war allgemein bekannt und überall, wo Wein gehandelt wurde, gebräuchlich.
Wenn die Behörden dahinter kamen, wurde allerdings der Wein vernichtet oder den Armenhäuslern preisgegeben – für die war das geschmierte Zeug noch lange gut genug – aber wie selten wurden in jener chemielosen Zeit die Panscher überführt. Nur der unglaublich gute Magen ihrer Zeitgenossen bewahrte viele der Weintäufer vor dem Schicksal ihres Genossen Erni.
Hohem Besuch brachte der Rat einer Stadt als Ehrengeschenk sehr häufig Wein dar, der entweder durch seine Güte oder durch die Menge des Geschenkes imponieren sollte. Als Kaiser Sigmund 1414 nach Straßburg kam, schenkte ihm der Magistrat drei Fuder Wein und »ein silbern übergült Gießfaß wohl werth«. Herzog Heinrich von Liegnitz erhielt 1576 vom Kölner Rat dreißig tönerne Krüge mit Wein, jeden drei Quart haltend. Vordem hatte der Rat den Wein in silbernen Gefäßen gesandt, die in tönerne umgeleert wurden, bis ein Graf von Arberg einst die silbernen Flaschen nicht mehr herausgegeben hatte. Seitdem war man vorsichtiger geworden.[132]
Die Weinlese stand natürlich unter behördlicher Aufsicht. »Zur Zeit des Herbstes, wenn die Trauben schon reif sind«, erzählt Johannes Boëmus, »darf keiner früher lesen, ehe es die Herren, denen der Zehnte zusteht, erlaubt haben; nicht liest heute der, morgen der, sondern so viele an einem Berg Weingüter haben, lesen in ein bis zwei Tagen alles, und es wird bekannt, daß heute auf dem, morgen auf dem gelesen wird. Die Zehnten werden im Tal unter den Weinbergen in Empfang genommen und wer später als es angeordnet ist lesen will, muß nicht bloß die Erlaubnis sich erwirken, sondern auch auf seine Kosten den Zehnten nach dem Kelter des Herrn schaffen. Zu Würzburg wird jedem Lesenden, ich denke wegen Betrügereien in Bezug auf den Zehnten, ein junger Mann beigegeben, der sorgsam aufmerkt und immer das zehnte gelesene Faß ohne Betrug seinem Herrn zu geben anordnet. Nach Beendigung der Lese kommen die Burschen alle auf freiem Felde zusammen und versehen sich mit ein bis zwei Fackeln, aus dem Stroh gedreht, das zu diesem Zwecke angefahren ist, zünden sie gegen die Nacht an und ziehen singend in die Stadt ein. Auf diese Weise, sagen sie, reinigen sie und brennen den Herbst aus. Die Tage des Martinus und Nicolaus, der heil. Bischöfe, feiert das Volk in Franken mit wunderbarer Freude und Festlichkeit, jedoch verschieden, den einen in der Kirche und am Altar, den andern am Tische und in der Küche. Da ist im ganzen Lande keiner so arm, keiner so geizig, daß er am Feste des heil. Martin nicht gemästetes Geflügel oder wenigstens gebratene Schweins- oder Kalbswürste (suillo vitalinove viscere assato) ißt, dem Wein nicht ungezwungen zuspricht.«
»Jeder kostet da seinen neuen Wein, dessen er sich bis dahin enthielt, und gibt allen zu kosten. In Würzburg und den meisten Orten wird auch den Armen aus Frömmigkeit Wein verteilt. Öffentliche Schauspiele werden veranstaltet: zwei oder mehr knirschende Eber werden in einen Kreis eingeschlossen, damit sie sich gegenseitig mit den Hauern stückweise zerfleischen; das Fleisch der Gefallenen wird teils dem Volke, teils den Vornehmen zugeteilt. Am Sankt Niklastage aber wählen die Jungen, die zu ihrer Erziehung die Schule besuchen, unter sich drei: einen, der den Bischof, und zwei, die die Diakonen spielen. Dieser (Bischof) wird an demselben Tage von dem Haufen der Schüler feierlich in die Kirche geführt und leitet mit einer Infula auf dem Haupte den Gottesdienst, nach dessen Beendigung er mit einigen Auserwählten singend von Haus zu Haus Geld einsammelt; das ist kein Almosen, sondern die Bischofssteuer. In der Nacht vor dem Feste fasten die Kinder und werden dann von den Eltern angehalten, weil sie überzeugt sind, daß sie die Geschenke, die des nachts in die zu diesem Zweck unter den Tisch gestellten Schuhe gelegt werden, von dem freigebigen Bischof Nicolaus erhalten; deshalb fasten die meisten so eifrig, daß sie zum Essen gezwungen werden müssen, weil man für ihre Gesundheit fürchtet.«[133]
Meist wurden die Weinlesefeste am Sankt Martinstag abgehalten, doch setzen sie sich gewöhnlich noch ein bis zwei Tage länger fort. Der Hochmeister des deutschen Ordens in Marienburg feierte es, wenn es nicht gerade galt, sein Mütchen an mehr oder weniger harmlosen Heiden zu kühlen, mit seinen Komthuren und Rittern im Kreise der Winzer, wobei zwei Tonnen Wein und acht Tonnen Bier aufgebraucht wurden. Häufig ließen die edlen Ritter von Marienburg, deren Charakterbild in der Geschichte recht verdächtig schwankt, im Kriege am St. Martins-, also am Weihnachtstag, Waffenstillstand eintreten, um sich, wie an vielen anderen Tagen des Jahres, gründlich auszutoben. Ihren »Feinden« kam das nicht unwillkommen, denn an einem solchen Tage wurden sie nicht hingeschlachtet, ihre Weiber und Kinder entgingen der Gefangenschaft, und ihre friedlichen Anwesen wurden nicht niedergebrannt – ad majorem dei gloriam! Sie mögen daher den Wein so innig gesegnet haben, wie er es, freilich aus anderen Gründen, verdiente.
Der geerntete Wein kam in die Keller, die nicht nur in jedem größeren Anwesen, sondern auch in jedem besseren Bürgerhaus vorhanden waren; denn auch in diesen Privatkellereien wurden mitunter ganz gewaltige Mengen Stoffes eingelagert. Von den Wiener Kellern sagt Aeneas Sylvius: »die Weinkeller sind so tief und weitläufig, daß man gemeiniglich sagt, sie machten ein unterirdisches Wien aus, das demjenigen, welches auf der Oberfläche steht, an Größe nichts nachgibt«,[134] und hundert Jahre später (1548) bestätigt dies der Schulmeister Wolfganz Schmeltzl in seinem »Lobspruch«:
Die gantz Stadt ist sogar durchgrabn,
So weit vnd tieffe Kheller habn,
Vol angesteckt mit khulem wein,
Möchten nit pesser, khuler sein.
Über große Lagerräume mußte auch Anton Tucher verfügen, denn er verbrauchte in den Jahren:
| 1507 | 42 | Eimer | Wein | und | 55 | Eimer | Bier |
| 1508 | 41½ | " | " | " | 55 | " | " |
| 1509 | 47 | " | " | " | 54 | " | " |
| 1510 | 54 | " | " | " | 70 | " | " |
| 1511 | 50 | " | " | " | 59 | " | " |
| 1512 | 52 | " | " | " | 62½ | " | " |
| 1513 | 45 | " | " | " | 59 | " | " |
| 1514 | 48½ | " | " | " | 53½ | " | " |
| 1515 | 42½ | " | " | " | 60 | " | " |
| 1516 | 46 | " | " | " | 61 | " | " |
also im Jahre durchschnittlich 2500 l Wein und 3600 l Bier zum Preise von 95 bezw. 33 Gulden nach heutigem Wert etwa 4800, resp. 1650 Mark, demnach über sechstausend Mark allein für den Trank – ein ganz nettes Sümmchen!
Was waren aber diese Weinmengen im Vergleich zu den in den Klöstern aufgespeicherten, wo man allerdings für eine ganze Reihe durstiger Kehlen zu sorgen hatte. – Und nicht die Mönche allein konnten einen Stiefel vertragen, auch ihre Schwestern in Christo tranken gern und gut.
Als Kaiser Joseph II. von Österreich im Jahre 1781 mehr als siebenhundert Klöster in seinem Erblande aufhob, die Zahl der Ordensgeistlichen von dreiundsechzigtausend auf siebenundzwanzigtausend verminderte, welch geradezu riesenhafte Weinmengen fanden nicht die Beamten in den Klöstern vor! Die Kanonissinnen von St. Himmelpforten in Wien, die Himmelspförtnerinnen, hatten in ihren Kellereien noch sechstausendachthundert Eimer Wein, und Raum für die doppelte Menge. Es gab da einen Gottvater-, Gottsohn- und Heiligengeistkeller, einen Muttergottes-, Johannes-, Xaverie- und Nepomukkeller. Der allergrößte, der Gottsohnkeller, war leergetrunken bis auf ein einziges Faß.[135]
Wie es in einem mittelalterlichen Weinkeller aussah, beschreibt Hans Folz wie folgt:
»Vort ich mich in den Keller mach, ob nit ein truncklin folg hernach. Im Keller darff man manch zupuß, Wein, pir, kraut, ruhen, öppel, nuß, Pirn, Kuten (Quitten), kesten, nespeln (Mispeln), gleich Nachdem einer arm ist oder reich. Ein saure milch zu dem geproten Kan man kein gesten hast geroten, Und viel geschlex, das dan einmacht.«
Aus diesem Vorratskeller geht es in den eigentlichen Weinkeller:
Nun nempt des Kellerzeuges acht:
Faßparer, Kuner (?), zapffen, hannen,
Stentner (Stande), drichter, flaschen, kannen,
Weinlater, weinleger, hebrigel,
Weinseil, probirkrans, ein lichtdigel,
Weinror, dampader (zum Verstopfen), dammesser,
Van nicht verrun, es wer vil pesser,
Ich mein, man det in sunst wee gnug
Mit sweffel und aus dem milchkrug,
Senf, weidasch, eyerklar und thaen (thendehem-Decem, Abgabe).
An maß man thut mit wasser zwaken,
Und wie sein weiter zimpt zu warten
Mit gesaltzen speck, mit sweinen swarten,
Mit susser wirtz, mit glater smir;
Da von nichts ist befollen mir,
Dan das man auff sech in alln ecken.
Mit zangen, keupseln und faßdecken
Und alle meßgeschir sein verhanten,
Untersetzschusel, spunt und stanten,
Der man hart eins geraten kan,
Ob man an nicht will mangel han.[136]
Auch Hans Sachs, der Schuhmacher und Poet dazu, gibt in Versen die Erfordernisse eines wohleingerichteten Weinkellers also an:
Nun mußt auch haben in dem Keller
Wein und Bier, je mehr je besser,
Ein Schrotleiter, und ein Dambmesser,
Ein Faßbörer muß auch da seyn.
Ein Rören und ein Kunnerlein,
Ein Steudtlein und auch etlich Kandel,
Weinschlauch, und was gehört zu dem Handel.[137]
Den Riesenkellern und den großen Weinvorräten entsprachen auch die Riesenfässer, von denen uns eine ganze Anzahl nach Umfang und Inhalt bekannt ist. Das größte dieser Gebinde lag auf der Elbfestung Königstein; es faßte achthundertfünfzig Fuder. 1725 erbaut, war es 34 Fuß lang, 24 Fuß hoch. Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts führten Fäulnis und Baufälligkeit das Ende jenes turmähnlichen Weinbehälters herbei. Nach ihm kam das Tübinger Faß, 1548 von Herzog Ulrich von Württemberg für seinen Schloßkeller erbaut, »vierundzwanzig Schuh lang und sechzehn hoch«; ferner das Riesenfaß im Kloster Eberbach, das vierundsechzigtausend Liter enthielt und 1520 von aufrührerischen Bauern erst leergetrunken und dann zerschlagen wurde. Ferner das dreihundert Eimerfaß im Ludwigsburger Schloßkeller. Dann die Fässer des Bremer Ratskellers, so das Bacchusfaß mit vierzigtausend Flaschen Inhalt von 1624, und zwei weitere mit Raum für dreißig- bezw. vierundzwanzigtausend Flaschen, die sich die Franzosen in den Sturmjahren des vorigen Säculums und ihr Führer, General Davoust, bis auf den letzten Tropfen schmecken ließen. Das Faß zu Grüningen im Halberstädtschen, das mit Eisen und Wein 3448 Zentner wog, hatte, ohne Holz, über 6000 Reichstaler gekostet.
In der Abtei Salmannsweiler befand sich ein vierzig Fuder haltendes Weinfaß, »von einem solchen Umfang, daß durch sein Spundloch einst ein Mönch hineinfiel und darinnen ertrank« schreibt Münster, in der Cosmography, im 5. Band, Seite 946 und ihm sei die Verantwortung für die Richtigkeit dieser Angabe überlassen. Im Keller des Schlosses zu Würzburg liegen mehrere sehr große, schön verzierte Weinfässer, wie auch in dem Aschaffenburger Schloßkeller.
Dem achtzehnten Jahrhundert gehört das Riesenfaß in der Stiftskellerei zu Klosterneuburg bei Wien an. Das Faß wurde 1704 angefertigt und im Weinjahre 1771 zum erstenmal gefüllt. Es faßt 999 Eimer; der Spundaufsatz enthält den tausendsten Eimer. Im Jahre 1809 wurde der Koloß zum letztenmal geleert und seither nicht mehr gefüllt.
Alljährlich am 15. November, am Tage des heil. Leopold, wallen Tausende von Wienern nach diesem Faß, um sich am »Fasselrutschen« zu ergötzen.
Wie dieses »Fasselrutschen« entstanden, darüber berichtet eine uralte Legende: Es war einmal, die Zeit ist nicht angegeben, ein Klosterwirt, der unter dem Pantoffel seines Weibes stand und als echtes »Simandl« – Sie Mann – bekannt war. Das Stiftskellervolk saß eines Abends beim fröhlichen Gelage, und der Bindermeister frotzelte den Klosterwirt. Er meinte, wenn es die strenge Gattin befehlen würde, müßte der Wirt auf das Faß hinaufsteigen und herabrutschen. Der Klosterwirt aber schwur: »Wenn ich meiner Alten so parieren müßte, dann soll jeder, der hier kommt, das Kellerrecht haben, mir zum Spotte den Rutscher über das Faß zu machen. Die gestrenge Frau Wirtin erfuhr von der Geschichte und sekkierte den Simandl so lange, er möge über das Faß rutschen, bis er unter der Bedingung einwilligte, daß die Sache unter den Eheleuten geheim bleibe. Eines Abends schlichen die beiden in den finsteren Keller, der Mann kletterte auf eine Leiter bis zur Höhe des Fasses und als er herunterrutschte, erscholl ein Gelächter, es wurde plötzlich Licht und das ganze Personal begrüßte den Pantoffelhelden. So entstand das Kellerrecht, das bis jetzt noch immer geübt wird. Die Mehrzahl der heutigen Besucher von Klosterneuburg steigt über die vierzehn Stufen, die zur Höhe des Fasses führen, empor und rutscht zum Gaudium der Zuschauer über den Rücken des Kolosses hinab.
Aber alle diese Fässer stellt das noch heute vielberühmte, einst von Hagedorn und von Fischers »Saufpoeten«, dem deutschen Anakreon, J. V. von Scheffel, besungene Heidelberger Faß in den Schatten, durch den unvergänglichen Ruhm, mit dem es durch den Autor des »Gaudeamus« umgeben wurde. Von jeher war es der Stolz der pfälzischen Fürsten, die größten Fässer im Reich zu besitzen. Denn ein altes Winzersprichwort besagt: »Je größer der Pfühl, desto besser der Wein«.
Das erste der Riesenfässer ließ Johann Kasimir 1582 und für dieses den jetzt noch vorhandenen Keller bauen. Das zweite entstand unter Karl Ludwig, das dritte unter Karl Philipp und endlich das auf unsere Zeit gekommene 1751 unter Karl Theodor. Dieses von Johann Jakob Engel angefertigte Faß ist das größte aller Heidelberger Fässer. Es faßt zweihundertzwölftausend vierhundertzweiundzwanzig Liter, ist neun Meter lang bei einem Durchmesser von beinahe sieben Metern.
Auf die Zeremonien, denen Besichtiger vom Stand unterworfen wurden, komme ich später zurück. »So groß aber auch das jüngste Heidelberger Faß ist, das voluminöseste ist es doch nicht in deutschen Landen. Herzog Eberhard III. vom Württemberg ließ 1719 durch den Böttcher Ackermann ein äußerst schmuckes, reichverziertes Behältnis erbauen, welches sich im Schloßkeller zu Ludwigsburg befindet und geräumiger ist als das Meisterstück Englers. Riesenfässer enthält auch der ehemals fürstbischöfliche Keller zu Würzburg, in welchem der gepriesene Steinwein lagerte.«[138]
Ein weiterer Faßkoloß soll, wie der Reisende Keyßler im achtzehnten Jahrhundert mitteilte, im Dunkel eines Dresdener Kellers gelegen haben, doch konnte ich näheres darüber nirgends finden.
Eine Geschichte des Weines, und wäre sie auch noch so kurz, würde eine unverzeihliche Lücke aufweisen, wenn sie nicht Branders Lieblingsgetränk, des »… Champagnerwein
Und recht moussierend soll er sein!«
gedenken würde, denn:
Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden,
Doch ihre Weine trinkt er gerne!
Der Champagner hat aber eigentlich gar keine Geschichte, denn niemand kennt seinen Ursprung, kein Dokument nennt seinen Erfinder. Selbst das Jahr, in dem zuerst die bekannten fünfmalhunderttausend Teufel entfesselt wurden, ist nicht mehr nachweisbar, trotzdem es nicht etwa in grauer Vergangenheit, sondern höchstens gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts zu suchen ist. Das Altertum und das Mittelalter kannten keinen moussierenden Wein. Der Sekt, in seiner Bedeutung als Schaumwein, ist neueren Datums und bekanntlich eine Erfindung Ludwig Devrients, der in der Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin seinen Lieblingswein mit den Worten Falstaffs: »Gebt mir ein Glas Sekt«[139] verlangte, obgleich der dicke Schwerenöter Shakespeares darunter vino secco, d. h. trockenen Spanier oder Canarier verstand. Zum ersten Mal wird der Champagner 1718 mit dem Bemerken erwähnt, daß er jetzt seit etwa zwanzig Jahren bekannt sei. Dom Pérignon, »der 1638 geborene, 1715 verstorbene wohlbestallte Pater Kellermeister der Abtei zu Hautvilliers, soll zuerst gefunden haben, daß und wie es möglich ist, das Mousseux, welches jeder junge Wein in der Zeit der Gärung entwickelt, ihm dauernd zu erhalten. – Ehre seinem Andenken.«[140] Er wurde »pétillant« genannt und das Volk beehrte ihn mit den Namen »Teufelswein« oder »Pfropfentreiber«; denn Teufelswerk schien der perlende Wein zu sein, bei dessen Bereitung Zauberei und allerlei unheimliche Mittel im Spiele waren. Heute wissen wir, daß es bei seiner Fabrikation meist, aber nicht immer, wenigstens bei vielen Sekten unseres schönen Vaterlandes nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, und daß bei ihm nur eines unheimlich ist, – seine Wirkung – sofern er nicht lauter und rein, wie es jedem Weine, daher auch dem Champagner, zukommt.
Im achtzehnten Jahrhundert trank man in Norddeutschland einen aus dem Birkensaft erzeugten Champagner-Wein, von dem Krünitz, nach Angabe seiner Anfertigung schreibt: »Das Produkt ist in allen Stücken dem Champagnerwein so ähnlich gefunden worden, als nur irgend seyn kann. Viele Kenner(?) haben mit Vergnügen diesen nachgemachten Champagner dem wahren vorgezogen.«(??)[141]
Auch Met und Bier kochte man, demselben Autor zufolge, aus dem vielseitigen Birkensaft, der sogar, wie der gelehrte Simon Pauli versichert, die Sommersprossen vertreiben und die Maden aus dem Käse verscheuchen soll – was ich gerne glaube. Brrr!
Auch sonst noch hatte die Bacchusgabe, der edle Wein, die lobenswerte Eigenschaft, dem Wasser den Zutritt in den weingefüllten Magen zu verwehren, was unter gewissen Umständen von hohem Vorteil sein konnte.
Wie der Nürnberger Chronist Heinrich Deichsler erzählt, wurde 1500, den 17. März in Nürnberg eine Frau vieler Diebstähle wegen lebendig begraben; sie hatte schon einmal im Rhein ertränkt werden sollen. Sie sprach: »da het ich vor vier moß weins getruncken, vor demselben wein kunt kein wasser in mich kumen.«