Frioul II.
Der Stationsarzt in Frioul war der Médecin-Major Gros, ein Herr, welcher der schweren Situation gewachsen war, wie vor ihm und nach ihm kein anderer. Unter ihm stand noch, durchaus minderwertig, Herr Dr. Michel als Assistenzarzt. Von deutschen Aerzten waren auf der Insel: Sanitätsrat Dr. Spindler (Elsaß), Dr. Berger (Els.), Dr. Vösselmann (Els.), Dr. Heller (Oesterreicher) und ich, von Gefangenen 1200–1300 Männer, etwa 250 Frauen und ebensoviel Kinder. Eine Lösung der ärztlichen Frage mußte also gefunden werden.
Die Frauen und Kinder lebten von uns etwa zwanzig Minuten entfernt in einem Kasernement auf einer Anhöhe der Insel. Es war schon des öfteren gemunkelt worden, daß Dr. Gros die Baracken an einem Vorsprung der Insel instand setzen ließe und beabsichtige, die Arbeit unter französische und deutsche Aerzte zu teilen. Das wurde mit großer Freude von uns begrüßt; aber wenn wir auch die Botschaft hörten, der Glaube fehlte uns. Eines Tages, es war am 5. Oktober, wir hatten gerade wieder einen der lächerlichen Aufzüge neuer Kriegsgefangener bewundert (Männer, die leere Kinderwagen vor sich herschoben), kam an uns die Aufforderung vom Médecin-Major, wir möchten uns zu einer Besprechung einfinden, und zwar am nächsten Tage bei den Baracken. Dort empfing uns zur festgesetzten Stunde Dr. Michel, völlig kollegial, er hatte sogar seine Freude daran, uns mit einigen Ferngläsern zu zeigen, wie gerade ein deutsches Handelsschiff von einem Torpedo eingebracht wurde, und knüpfte daran etwa die sinnbildliche Betrachtung vom Untergange des heiligen deutschen Reiches. Derlei waren wir gewohnt. Wichtiger war es uns, daß er uns die Baracken zeigte, die zwar noch nicht ganz fertig, aber doch schon etwa bewohnbar waren, sagte, daß Dr. Gros eine Teilung beabsichtige, etwa so: einer von uns solle die innere Station, ein anderer die äußere, ein dritter den Revierdienst und endlich der vierte die Frauenstation übernehmen. In der letzteren sei die Kenntnis der französischen Sprache notwendig. Herr Dr. Gros behielt sich das Hospital, welches neben unserem Schuppen lag, und in welchem die beiden Kinder gestorben waren, sowie die Aufsicht über die anderen Stationen vor, da er die Verantwortung für das Ganze trage. Wir möchten uns alles überlegen und am nächsten Mittag mit Dr. Gros alles selber besprechen. So schieden wir in recht gehobener Stimmung. Ein laisser-passer für die Insel wurde uns sogleich ausgestellt, auch die Erlaubnis, im Kasino zu essen und jederzeit zu verkehren. Ebenso wurde uns vier Aerzten, außer Sanitätsrat Dr. Spindler, der als Kranker im Hospital lag und somit von der offiziellen Behandlung ausschied, in den Baracken je ein kleines Zimmer mit Bett — Gedanke voller Majestät! — zugewiesen.
Wir vereinigten uns mit unserer neuen Erlaubnis in der Kantine und schwelgten einmal in recht gutem Essen mit Bier und Wein, froh, daß wir endlich in unserem Beruf angestellt waren.
Inzwischen übernahmen wir provisorisch die einzelnen Schuppen. Am Abend schickte Dr. Gros reichliche Mengen Lymphe, und ich impfte mit Dr. Spindler in zwei Tagen mehr als 1000 Mann gegen die Pocken. Gegen Typhus wurde im Lager nicht geimpft, wenngleich die ersten verdächtigen Fälle schon zu verzeichnen waren. Am nächsten Tage bestimmte Dr. Gros für die äußere Station Dr. Heller, für die innere Station Dr. Vösselmann, mich für den Außendienst, und Dr. Berger, der perfekt Französisch sprach, für die Frauenstation.
So froh wir waren, eine Enttäuschung war es doch für mich, von der Frauenstation versprach ich mir den besten Erfolg, denn was mir von da berichtet war, erschien mir recht trostlos.
Frioul, 10. 10., abends 9½ Uhr.
Liebste Armgard!
Nun hat sich wieder alles so eigenartig verändert, der Ekel und Widerwille ist gemildert. Eben verläßt mich Herr Geißler, der zugleich mit Herrn Schülke uns als Krankenpfleger zugeteilt ist, und der Kollege Berger. Sie gehen aus „meinem Zimmer“, einer Bude von 3 mal 2½ Meter, aber es ist doch mein Zimmer, und ich habe es mir blutsauer verdient. Ich bin also doch ausgezogen aus dem Stall, in dem wir auf Steinfußboden, immer zwei zu zwei auf einer Matratze nebeneinander, eingepfercht zwischen anständigen Menschen und einem widerlichen Gesindel, der Kälte, dem Winde, dem Ungeziefer, Krankheit und Tod preisgegeben waren. Ich sitze vor Deinem Kleiderkorb, der mir als Tisch dient, auf meinem Koffer und schreibe Dir. Eine Stearinkerze, die ich mir für 15 Cts. gekauft, erleuchtet festlich mein Zimmer. Eine Flasche Wein steht vor mir, und ich rauche eine gute Pfeife. Ja, liebe Alte, man kann mit wenigem nicht nur zufrieden sein, sondern sich sogar mehr daran freuen, als man sich an vielem je freute. Mein Bett hat eine Matratze aus Stroh, aber sie erscheint mir köstlicher als die beste Sprungfedermatratze, und das eiserne Bettgestell kommt mir luxuriös vor, denn es ist ein wirkliches Bettgestell, das vermutlich nicht einmal Wanzen birgt; doch ich will nicht unbescheiden sein, das werden die nächsten Nächte schon lehren. Die paar Flöhe in Decke und Stroh sollen meine gute Laune nicht trüben. Heute war der große Umzug in die Baracken, die so schlecht gebaut sind, daß ein Sturm sie aufheben kann. Ich habe mein Zimmer mit einigen Arbeitern wieder zurechtgezimmert, und nun steht es gerade. Vielleicht hält die Bude, solange ich halte. Wir sind also, um mich großsprecherisch auszudrücken, menschlich untergebracht.
Aber das gilt leider nur von uns vier Aerzten, den Krankenpflegern und den Kranken. Die anderen, auch Moritz, Bonitz, Schmidt, Dr. Bayer und die übrigen Geistlichen und verwöhnten Herren hausen da in dem Stalle weiter, wo der Regen nachts auf ihr Strohlager träufelt, und verzweifeln. Die Krankheiten mehren sich, und es heißt, man habe in Marseille beschlossen, das Gefangenenlager Frioul als solches zu räumen. Daran knüpfen sich wieder vage Hoffnungen, deren Endziel ist: „Nach Hause“. Seit ich wieder eine geordnete Tätigkeit habe, kann ich viel ruhigeren Blutes alle solchen Gerüchte aufnehmen. Vielleicht ist, hier im Lager viel zu leisten und die Aufgabe dankbar.
Aus unserer Insel sind zugleich — natürlich getrennt von uns — die gefangenen Frauen und Kinder untergebracht. Ich habe bisher einige von ihnen bei der Beerdigung des Lützererschen Kindes gesehen, und Frau Lützerer, deren Mann gleichfalls an schwerer Dysenterie im Hospital liegt, sehe ich täglich am Krankenlager. Es steht nicht gut mit ihm. — Einige von den Frauen haben ihre Männer hier im Lager, welche sie von Zeit zu Zeit besuchen dürfen. Sie berichten recht Trauriges, wenn sie auch wenig Einblick in das Lager haben können. Es war mein Wunsch gewesen, diese Station zu bekommen. Der Médecin-Major, welcher die Einteilung vornahm, wählte dafür Dr. Berger, weil er fertig Französisch spricht und ich nicht. Zu meiner großen Freude hat er das heute widerrufen und mir die Station gegeben. Er bat mich, morgen auf der Station den ersten Besuch zu machen und gab mir ein Schreiben an den maréchal des quartiers mit, des Inhalts, der maréchal möchte mich auf der Station einführen und der französischsprechenden Krankenpflegerin, Mme. Vogl, vorstellen, ich würde dann noch nach eigener Wahl eine deutschsprechende Dame beauftragen, zugleich mit Mme. Vogl unter meiner Leitung die Krankenpflege zu übernehmen. So, liebste Armgard, nun will ich auch den äußeren Menschen wandeln. Ich rasiere mich und trage den häßlichen Vollbart ab, der Dir immer so besonders mißfiel, dann packe ich die Koffer aus und lege mir neue gestärkte Wäsche zurecht, um alles abzulegen, was an unser Sträflingtum erinnert. Ich habe ja nun eine relative Freiheit gewonnen und darf mich auf der ganzen Insel, wann und wo und wie ich will, bewegen. Morgen schreibe ich weiter. Gute Nacht!
Sonntag, den 11. 10., abends 11 Uhr! Kollege Berger nahm eben einen Abendschoppen bei mir. Wir werden unsolide. Mein neues Zimmer wird täglich einladender. Eine Kiste gibt eine Art Waschtisch, eine andere größere einen pompösen Schreibtisch. Als Stuhl dient mir die Bettkante, und Besucher setzen sich entweder auf die Bettkante oder nehmen je nach Gefallen auf dem Waschtische oder dem Schreibtische Platz. Die Franzosen fangen an, uns ernstlich zu verwöhnen. Es war ein eigenartiger Tag heute. Wie gesagt, meine Toilette machte ich wie in alten Tagen, um den traurigen Menschen der letzten Zeit abzustreifen und hatte etwa zwei Stunden dazu nötig, was sonst nicht mein Fall ist. Dann war es acht Uhr geworden, und ich machte mich auf. Ich schreite gleich hinter den Baracken auf den Bergweg und genieße einen wunderbaren Morgenspaziergang. In Bergwindungen und Buchten führt der Weg, der die schöne Aussicht auf das Meer, Marseille und die anderen Inseln freigibt, bis herauf zur Bergeshöhe, einem eigenartigen, kasernenartigen Gebäudekomplex, der die gefangenen Frauen und Kinder einschließt. Es war ein Spaziergang von etwa zwanzig Minuten, der mich wunderbar zu neuer Tätigkeit stärkte.
Oben auf der Station angelangt, ließ ich mir den maréchal rufen und gab ihm den Brief des Majors. Er stellte mich der Mme. Vogl vor, einer hübschen Französin, Gattin eines Deutschen in Paris, welcher mit uns das Gefangenenlager teilte. Sie hatte bisher die Krankenpflege allein geleistet. Dann wählte ich mir als deutsche Pflegerin Frl. Schnell, urdeutsch, eine Dame, welche zu unseliger Zeit ihren Bruder in Paris besucht hatte und nun diesen Wagemut mit Gefängnis büßte. Sie wohnte oben mit der Frau Schnell, und der Bruder teilte unser Lager. Sie nahm sich mit großem Geschick der Pflege an, und Arbeit gab es in Hülle und Fülle.
Ich machte meinen ersten Besuch durch die verschiedenen Räume. Es waren ungefähr 250 Frauen und ebensoviel Kinder dort. Und in welcher Ordnung und in welchem Zustande?!
Da waren zuerst die Damen, welche, soweit das möglich war, sich etwas abgesondert hatten, dann Frauen aus dem Volke, fast alle Elsässerinnen, endlich Weiber verschiedenen Ranges, verschiedenen Alters und verschiedenen Wertes. Dieses Durcheinander! Ich habe anständige Mädchen und Frauen zusammen in einem Zimmer mit Freudenmädchen interniert gesehen, und versucht, da zu helfen; andere, Gesunde, mit Krätzekranken, die später auch infiziert wurden. Ich sah in einem Zimmer eine Mutter (Elsässerin) mit acht Kindern. Das Zimmer war, deutsch gesprochen, ein Schweinestall. Die Kinder verrichteten ihre Notdurft in das Stroh, und nur die 17jährige Schwester versuchte, die äußerste Reinlichkeit aufrechtzuerhalten, wusch sogar bisweilen die Geschwister. Die Fenster waren geschlossen, und es stank pestartig. Die Mutter ertrug blöde ihr Los, unfähig zu helfen. Ich entsetzte mich wahrhaftig. Auch andere Zimmer zeigten mir, wie furchtbar solche Frauen in der Gefangenschaft hausten. Eine Sorge für die Kinder fand ich wohl hier und da, bei einigen Frauen sogar ausgesprochen peinlich. Manche Zimmer waren auf das korrekteste gehalten, zum Teil sogar gemütlich gestaltet, was recht schwer war, der Durchschnitt war aber entsetzen- und mitleiderregend. Als ich noch in einem dunklen Loch eine Menge Zigeunerweiber mit Kindern in eklem Schmutz fand, da bat ich den Maréchal, blasen zu lassen. Alle Kinder sollten heraustreten. Das habe ich von nun an täglich beibehalten. Immer, wenn ich auf Station war, mußten die armen Würmer an die Luft. Und was sah ich da! Unter einigen frisch gewaschenen, spielenden und fröhlichen Kindern weitaus die größere Zahl blasse, abgehärmte Gestalten, deren Jugend und Vernachlässigung in Pflege und Ernährung es mir klarmachte, daß hier der Tod fürchterliche Musterung halten würde, wenn nicht schleunigst Abhilfe geschaffen würde. Ich ging nun mit den beiden Damen ernstlich zu Rate, auch mit dem Maréchal, der wohl nicht mit Unrecht alle Schuld auf die Mütter schob. Von den Kindern litten so viele an unstillbaren Durchfällen. Die schweren Bohnen, in Fett gekocht, konnten die Jammergestalten nicht vertragen, und wunderbarerweise gab es gerade auf der Frauenstation weit konsistentere Nahrung. Milch und Milchsuppen gab es nicht, Hautkrankheiten grassierten, Läuse und Ungeziefer gab es überall, Krätze hatte sich unerbittlich fest eingenistet. Noch einmal versuchte ich, mit den beiden Damen auf einzelne Frauen einzureden, aber die Worte schlugen an taube Ohren. Die Gleichgültigkeit ist vollkommen: „Hier haben es die Kinder wenigstens warm, da draußen frieren sie und erkälten sich.“ — Es ist ihnen alles gleich, ob sie mit ihren Kindern verkümmern oder nicht. Wo ihre Männer sind, wissen sie nicht, Nachricht haben sie nicht erhalten, Hab und Gut ist zerstört, nun mag die Sintflut einbrechen. Was nützt es, gegen den Stachel zu löcken? Sie kommen mir vor wie die Armen, die im Schnee verirrt die Energie zum Weiterschreiten verlieren und das kalte Totenlaken begrüßen. Ein Elend ohne Ende; so hatte ich es in seiner ganzen Nacktheit nicht erwartet.
Das war der erste erschütternde Eindruck, den ich von dem Lager der gefangenen Frauen in Frioul hatte. Wie bitter not tat hier Hilfe! Ich wählte mir nun einen Raum zur Sprechstunde. Der Maréchal stellte mir liebenswürdigerweise eine große helle Glashalle zur Verfügung, und wir begannen nach dem Krankenbesuche die Sprechstunde.
Ich verließ recht gedrückt die Station, aber doch wieder glücklich, daß ich hier eine große Aufgabe zu erfüllen hatte. Der Major hatte mir völlige Freiheit in der Behandlung und Pflege gelassen, auch Medikamente standen zur Verfügung. Aber welche Medikamente wirken bei Verhungernden? Opium gegen Brechdurchfall, Tannin oder Wismut? Hier mußte der Unterernährung gesteuert werden, und Milch, Reis, Grieß, Sago und weiße Semmel erschienen mir die einzigen Heilmittel. — Ich ging auf dem herrlichen Wege zurück zu den Baracken, und da ich zur allgemeinen Suppe zu spät kam, aß ich im Kasino und besuchte die anderen Lager der Deutschen. Gewiß, das Elend war dort auch groß; aber man sah doch Männer, die so viel Energie bewahrten, den Kampf aufzunehmen.
Zum Kriegführen gehört bekanntlich Geld und dreimal Geld, und um Notleidenden in Kriegsgefangenschaft zu helfen ebenso. Ich wandte mich zuerst an einige Herren, die im Kasino täglich zweimal ein großes Essen zu sich nahmen und sich selber wenigstens tadellos pflegten. Auf meine Bitte, mir oder vielmehr den armen Kindern zu helfen, erhielt ich zur Antwort, das sei Sache des französischen Staates. Aber dafür konnte ich den Würmern nichts kaufen. — Ein Bote kam und rief mich von da ab wieder zur Frauenstation. Ein Kind, blaß und elend, ließ unter sich und krümmte sich vor Bauchschmerzen. Kann ich ihm helfen?
Ich suchte abends das Lager der Deutschen auf, und da fand ich Mitleid. Herr Schnell war der erste, der reichlich gab, dann die Herren Vogl, Silberberg, Moritz und Leonhardt. Keiner, den ich darum anging, versagte mir die Hilfe. Dann wandte ich mich an unsere Sisterleute und berief sie zur Versammlung. Ich brauchte ihnen nur zu sagen, daß oben deutsche Kinder hungern, und erhielt nicht zur Antwort, daß die französische Regierung für die Kinder zu sorgen hätte, sondern ich hatte kaum ausgesprochen, als auch schon der Antrag gestellt wurde, die halbe Sisterkasse, und dann die ganze, mir zur Verfügung zu stellen. Als ich erklärte, es genüge vorläufig die halbe Kasse, wurde einstimmig dies als Antrag angenommen. Später sollte ich mehr haben, wenn ich forderte. Auch erbot sich jeder einzelne zu freiwilligen weiteren Beiträgen. Auch die Matrosen kamen zu mir und stellten mir den Inhalt der Matrosenkasse zur Verfügung. In der Kantine bestellte ich für morgen fünf Liter frische Milch, Tapioka, Grieß, Eier und weißes Brot. Morgen wird Suppe gekocht. — und damit gute Nacht.
Max.
Frioul, Mittwoch, den 14. 10., abends 8 Uhr.
Liebste Armgard!
Ach, wenn in unsrer dunklen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird’s auch in dem Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt.
Ich erlebe und erlebe, und die Eindrücke sind so traurig und erschütternd. Allein das sehen, wie die verhärmten Kinder unbewußt Hilfe suchen gegen ihre stupiden Mütter, und dann die männlichen Gefangenen, deren Lager durchnäßt ist vom ewigen Regen, die erkältet sind und verzweifeln! — Es kommt mir fast wie ein Unrecht gegen die Kameraden vor, daß ich es nun soviel besser habe seit wenigen Tagen. Um wieviel besser! Nicht nur, daß ich meine kleine Holzbude für mich besitze und meine eingedeckte Strohmatratze auf Holzgestell, ich habe zu tun und kann so den bösen Gedanken wehren. Die anderen klammern sich an die Hoffnung, daß wir bald von Frioul fortkommen, nach Hause oder in ein anderes Lager, gleichviel, nur fort von hier. Und ich habe das Gefühl, daß ich Deserteur wäre, wenn ich die da oben verlasse, wo sie mich doch so nötig haben. Unsere Baracken sind schön gelegen, und ich versuche bisweilen, einige der anderen durch die Posten mit meinem laissez-passer durchzuschmuggeln. Das geht manchmal glatt, wenn die Posten gutmütig, manchmal nicht, wenn sie bösartig sind. Gestern nahm ich fünf Herren mit mir. Der Posten rief uns an. Ich zeigte mein laissez-passer. — Er: „Ja, Sie kenne ich; aber die anderen dürfen nicht durch.“ Ich bedeutete ihm, daß sie dazu da wären, Medikamente und Milch zu tragen. Da lachte er: „Fünf Mann zum Milchtragen?“ und ließ uns durch. Herrn Schnell, der seine Frau besuchen wollte, gab ich eine Terpentinflasche und ein laissez-passer „mit Medikamenten“. Unglücklicherweise war gerade oben Revision; er wurde zwar durchgelassen, mir aber bedeutet, ich möchte doch kein laissez-passer mehr ausstellen.
Doch nun zum Bericht:
Also am Montag kam ich zur Station und erzählte Frl. Schnell von dem guten Erfolg, den ich gehabt und der bewiesen wurde durch einen großen Korb mit Lebensmitteln, in dem sich auch noch gute Schokolade befand. Dann ließ ich alle Kinder herunterrufen und warten, damit sie die frische Luft genossen. Der Maréchal stellte uns die Küche zum Suppenkochen zur Verfügung. Ich bat die Damen zur Besprechung, und drei von ihnen erklärten sich bereit, die Suppe zu kochen, Frl. Brunswich, die Besorgungen in der Kantine zu übernehmen. Heute wurde für 60 Kinder Grießsuppe mit Ei und Milch gekocht. Ich ließ die Kinder antreten und suchte mir die schwächlichsten aus. So verteilten wir 60 Bons. Die Damen erzählten mir nachher, daß sie noch etwas übrig gehabt haben für einige Blaßgesichter, die ich übersehen hatte. In der Sprechstunde hatte ich auch viel zu tun, von den Damen auf das eifrigste unterstützt. Wir arbeiten uns ganz gut miteinander ein. Frl. Schnells gleich freundliche und bestimmte Art macht sie besonders für solche Pflege geeignet; ich hoffe, daß sie einmal von Grund aus hier Wandel schaffen wird. Gestern kamen mir bei meinem Besuch die Kleinen schon von selber unten entgegen; sie hatten Vertrauen gewonnen, und als ich heute mehr Bons für Semmelsuppe verteilen konnte, da streckten sich die kleinen, mageren Aermchen schon nach dem Zettel aus, und ich habe selten so hohe Befriedigung im Leben empfunden. Einige haben auch Schokolade bekommen. Der Médecin-Major und Dr. Michel, denen ich Mitteilung vom Suppenkochen gemacht hatte, schickten mir jeder 3 Fr. für die Sammlung, auch von anderen Seiten flossen Gelder zu; nur die so reichlich im Kasino essen, haben noch nichts von sich hören lassen. Aber ich kann darauf verzichten. Als ich gerade Sprechstunde abhielt, kam der Médecin-Major, der sich durchaus kollegial benahm. Er schickte zwei Patienten, die ich ihm dafür empfahl, ins Lazarett zu Marseille. Wenn ich früher Böses von französischen Aerzten gesehen, später Schamloses, so sei hier auch der Platz, lobend eines Arztes Erwähnung zu tun, der seiner schweren Aufgabe so voll und ganz gerecht wurde.
Nach der Konsultation besuchte ich noch Frau und Fräulein Schnell, die mit einer kräftigen Tasse Kaffee meine ermatteten Lebensgeister wieder auffrischten. Ihr kleines Zimmerchen mit zwei Strohmatratzen als Lager machte einen so behaglichen Eindruck, daß mancher häßliche Eindruck verwischt wurde. Ich bestellte für morgen Tapiokasuppe mit Ei und hoffe, bald den Kindern eine Schokoladensuppe zu bringen.
So ging auch heute alles seinen guten Gang. Schwerere Erkrankungen haben wir nicht zu verzeichnen, wenn auch manches von den kleinen Kindern vom Tode gezeichnet ist. Vielleicht reicht einmal das Geld, auch etwas Wäsche usw. anzuschaffen. Von seiten des Arztes, der Damen und des Maréchals finde ich das willigste Entgegenkommen. — Einzelne Fälle sind typhusverdächtig, auch Diphtherie haben wir. Die Kranken sind gut isoliert, aber ich möchte sie doch aus dem Häuserkomplex heraushaben. Ich spreche darüber mit dem Arzt; der sagt mir, daß er auch schon daran gedacht habe und beschlossen habe, ein Haus zu diesem Zwecke zur Verfügung zu stellen. Er habe an eins auf dem Wege zu den Baracken gedacht, in welchem augenblicklich die Geniesergeanten untergebracht sind. Ich sollte dort Wohnung nehmen, die Infektionsstation leiten und die Frauen- und Kinderstation weiterbehalten. Ich war natürlich sehr erfreut darüber. Der Maréchal wurde beauftragt, mir das Haus zu zeigen; ich solle ihm dann sagen, wie ich es einrichten wolle. In zwei bis drei Tagen solle der Umzug stattfinden. Auf dem Rückwege zeigte mir der Maréchal das Haus, ganz geeignet für unsere Zwecke. Es hat vier Zimmer nach dem Süden als Krankenzimmer, die ich gut mit je vier bis fünf Patientinnen belegen kann, dann ein Zimmer für mich mit Bett und Schreibtisch, daran anschließend eine kleine Küche und Apotheke. Vor dem Hause kleiner Raum und kleiner Garten, schöne Aussicht auf das Meer. Ich sagte natürlich gerne zu, bat noch, Bonitz als Pfleger dorthin mitnehmen zu dürfen; das wird wohl keine Schwierigkeiten haben. Bonitz ist natürlich von dem Gedanken sehr erbaut.
Am meisten erbaut bin ich selber. Wie anders hat sich seit wenigen Tagen mein Los gestaltet! Ich bereute fast nicht mehr, daß ich gefangen war. Ich aß im Kasino und ging dann zum Schuppen meiner Kameraden.
Dort schwirrten die seltsamsten Gerüchte. Morgen sollten 500 Elsässer fortkommen; wohin wußte keiner, wahrscheinlich nach Korsika. Das Schiff, welches bei uns im Quarantänehafen seit heute morgen lag, soll Pest an Bord haben. Die Sache der Sisterleute soll entschieden sein. In den nächsten Tagen werden alle nach der Schweizer Grenze geschafft und zur Heimat zurückbefördert. Es war wie ein Rausch, der die Aufgeregten erfaßt hatte. Endlich winkte die Freiheit. Aber es gab auch die Bedächtigen, welche böse aussagten, wir würden fortkommen, aber nur, um die schon infizierte Insel zu räumen, in neue Gefangenschaft. Wohin wußte heute noch keiner.
Mich hatte der Rausch mit den anderen ergriffen. Der Gedanke, freizukommen, war so beseligend, daß keiner das nachfühlen kann, der nicht in unserer Lage war. Und doch machte ich mir einen gewissen Vorwurf, daß ich so leicht meinen Platz, der mir so wichtig geworden war, verlassen wollte. Und wie ein Schrecken lähmte die Furcht, ich solle nur von hier fort, in ein neues Gefangenenlager, von neuem all das durchmachen, was ich vordem gelitten, und das aufgeben, was mich so froh gemacht hatte!
Das Gerücht läuft beharrlich weiter und weiter.
Bei schwerstem Regen kam ich nach Hause; er klatscht gegen das Wellblech. Man fühlt sich so köstlich geborgen nach sieben Wochen der Entbehrung. Soll ich das alles hergeben um einen Tausch, bei dem ich nicht gewinnen kann? — Aber, wenn mich das Schicksal zu Euch zurückführte, wenn das Ende der Gefangenschaft da wäre...? Ich wage es nicht auszudenken. Der Gedanke ist zu schön! Was wird der morgige Tag bringen? Ich bin sehr müde. Gute Nacht. — Vielleicht auf Wiedersehen!
Max.
Und nun folgte ein kritischer Tag erster Ordnung, den ich nie in meinem Leben vergessen werde, so voll der Freude, des Erwartens, der Aufregungen, wie ich ihn früher nie, später des öfteren erlebt habe. Am nächsten Morgen schon war die Luft elektrisch gespannt; einer sah den anderen an, ein fragender Blick, und der andere antwortete durch Gegenfrage. Etwas sollte geschehen, das war gewiß; etwas mußte der heutige Tag bringen. Ein großes Schiff fuhr in den Hafen. Die Insel Frioul sollte von Gefangenen geräumt werden, und der erste Schub, eine beträchtliche Zahl, sollte heute mittag fort. Uns Sisterleuten winke die Freiheit, so hieß es, und eine gewaltige Freudenstimmung bemächtigte sich allen. Aber bisher waren nur die 500 Elsässer aufgerufen worden, nichts weiter.
Alles ist heute in Unordnung. Fräulein Brunswich, die mich zum Einkauf in der Kantine für die Kindersuppe abholen soll, erscheint nicht. Ich mache mich auf den Weg, da es Zeit ist zum Besuche der Frauenstation. Auf der Hälfte des Weges begegnet mir Fräulein Brunswich mit dem großen Korbe. Und nun beginnt das Wetterleuchten. Aus dem großen Korbe springen die Neuigkeiten nur so heraus. „Die Elsässer kommen fort, nach Korsika oder sonst wohin. Von den Sisterleuten wird allerhand gemunkelt; Gewisses ist noch nicht heraus; das Schiff, welches gestern mit der Quarantäneflagge einlief, hat Pest an Bord; einer oder zwei sind tot, die übrigen sind als pestverdächtig heute in das Hotel de Dieu (Hospital), welches im Bereich der Frauenstation liegt, eingeliefert, um da behandelt zu werden. Man sucht manches zu verheimlichen; aber allmählich sickert es doch durch.“ Darauf fährt sie fort, man habe ihr geraten, sie solle nicht mehr heruntergehen, damit sie die Pest nicht mit nach unten trüge.
So hatte sie in erregten Worten alles heruntergebeichtet, was sie vermochte. Ich neckte sie und meinte, sie habe sich einen Bären aufbinden lassen, und die Pest, die sie herunterbringen könne, sei nur verheerend für die jungen Kriegsgefangenen dort. Aber sie blieb fest bei ihren Behauptungen, und sie hatte in allem recht.
Ich kam auf die Station. Auch hier bemerkte ich sichtliche Unruhe. Ich fragte den Maréchal, ob es auf Wahrheit beruhe, was man über die Pestverdächtigen sagte. Er bestätigte es. Ein Singhalese war kurz vor der Einfahrt in Marseille an der Lungenpest gestorben. Man hatte ihn sofort ins Meer versenkt, und einen anderen mit ihm, der auch tot oder nur krank war, oder vielleicht auch nur die ersten Symptome der Krankheit bot, so genau war das nicht festzustellen. Es waren ja Singhalesen. — Dann gingen wir nach dem Hotel de Dieu, dessen Front zum Meere, die Rückseite nach dem Hofe der Frauenstation zu lag, und trafen die nötigen Abschließungsmaßregeln. Dann begann die Sprechstunde.
Ich war mitten im Untersuchen und Verordnen, als plötzlich atemlos Fräulein Brunswich in die Halle gestürzt kam: „Herr Sanitätsrat, Sie sind frei! Alle Sisterleute sind aufgerufen, Sie kommen direkt nach Genua. Eilen Sie, das Schiff liegt schon da!“ Nun war Aufregung im Lager, aber weit mehr in meinem Innern. Ich mußte die Sprechstunde unterbrechen und mich schnell von den Damen verabschieden. Der Abschied war kurz und herzlich. Fräulein Schnell sagte wehmütig: „So sieht nun ein glücklicher Mensch aus!“ Ich tröstete sie alle, daß sie nun bald auch so aussehen würden, — ein Händedrücken, und ich verließ die Stätte, die einzige, die mir in der Gefangenschaft lieb geworden ist, und eilte fliegenden Fußes nach unten zum Lager, von einer Aufregung gepackt, die unbeschreiblich war. — Dort begegnete ich gleicher Bewegung. Einzelne Pessimisten, die wissen wollten, man führe uns in ein neues Gefangenenlager nach Korsika, kamen nicht zu Worte. Der größte Optimismus herrschte vor. Man rief mich an, ich solle eilen, den Koffer packen; in einer Stunde führe das Schiff. Nun, das Kofferpacken hat bei mir nie lange gedauert; in zehn Minuten war ich reisefertig und frühstückte noch schnell etwas in der Kantine.
Auffallenderweise waren drei Sisterleute, tschechische Priester, Barth, Kurdin und Kerlitzky, nicht aufgerufen. Sie waren außer sich, als sie so von uns getrennt wurden und nahmen in gedrücktester Stimmung Abschied. Wir waren frei, und sie blieben in alten Ketten. Gerade Barth, an den wir uns besonders angeschlossen hatten, war aufs tiefste erregt, von unserer Seite gerissen zu werden. —
Nun hieß es eiligst Abschied nehmen. Ein Motorboot schickte uns an Bord des Dampfers „Pelion“. Ein Grüßen, ein Hüteschwenken, und wir fuhren aus dem Hafen, wieder einmal ins Ungewisse; denn schon erhoben die Ungläubigen lauter ihre Stimme und warnten vor Selbstbetrug. Wir wurden im untersten Lagerraum verstaut; es fehlte uns Licht und Luft. Der „Pelion“ war einer der ältesten französischen Kästen, gerade gut genug für die „boches“. Als wir uns trotzdem einrichten wollten, wurden die oberen Lagerräume von den Elsässern besetzt, die uns das letzte Restchen Licht und Luft nahmen, und deren Anwesenheit drückend die Frage auf uns legte: Wenn die auch mit uns fahren, wie ist dann an ein Freikommen zu denken? Aber noch hielten die Optimisten den Kopf hoch: „Ganz einfach, das Schiff setzt die Elsässer in Korsika ab und fährt uns dann nach Genua.“ Ein furchtbarer Sturm. Der Kasten wackelt hin und her, schlingert und rollt, daß es eine Art hat. Aber das Schicksal meint es gut mit uns, da es uns Sturm schickte; denn die Posten, des Seefahrens nicht gewohnt, fielen ab. Einer nach dem anderen. Sie lagen zum Teil langgestreckt, das aufgepflanzte Bajonett neben sich, und erbrachen die Seele aus dem Leibe. So war ihre Wachsamkeit gleich Null; einer nach dem anderen von uns kam an Deck und schloß Eß- und Trinkhandelsgeschäfte heimlich mit den Stewards. Aber mens sana in corpore sano. Als das Meer höher ging und wir zum großen Teil kaum noch dem allgemeinen Elend entgingen, faßten seltsame Gedanken in unserem Hirn Wurzel. Wir waren an Zahl weit überlegen; ein Handstreich, und das Schiff war unser. Schiffsmannschaft, Kapitäne und Offiziere hatten wir unter uns. Und so erhitzten wir die kranke Phantasie mit seltsamen Gespinsten. Die Großredner führten das Wort und begeisterten sich an ihnen.
Wir waren noch nicht reif; wir hatten noch nicht genug gelitten; es mußte noch viel heftiger auf Nerv und Niere gehämmert werden, ehe derlei zur Tat sich gestalten konnte. Aber auch sonst, was sollte uns derlei? Wir fuhren ja in die Freiheit; in zwei Tagen sollten wir die Heimat wiedersehen. Warum vorgreifen?
Die Kommissäre waren mit uns an Bord, und auf unser wiederholtes Fragen hatten sie ihr feines Lächeln: „Staatsgeheimnis“. Und ihr Lächeln sagte dem einen „Freiheit“, dem anderen „neue Ketten“.
Wenn aber die Herren Kommissäre auch keinen Mißbrauch mit Gefühlsduseleien trieben, etwas anderes war ihnen geläufiger, das Handelsgeschäft. Und so wurden zehn Mann von uns, auch ich war unter den Auserwählten, aus lauter Freundlichkeit Kabinen eingeräumt, zu 10 Fr. pro Mann, so wurden kleine Essen veranstaltet, teuer und schlecht; der Wein stieg auf seltene Preishöhe, und das Bier, als es begehrter wurde, auf 2,50 Fr. die Flasche. Die übermütige und grobe Behandlung der Stewards erhöhte den Genuß. All das war natürlich nicht erlaubt und entsprang nur der Gutmütigkeit der Biedermänner, wie sie es selber versicherten. Sie nahmen den Abfall und füllten die Taschen.
Der Sturm heulte und der Kasten wackelte immer bedenklicher. Ich hatte mit Moritz und Bonitz zusammen eine Kabine, und was mir seit Jahren nicht passiert ist, nicht einmal im Sturm auf den kleinen Fischdampfern bei Màlaga, ich wurde so jämmerlich seekrank, daß ich alles andere Leid vergaß.
So kam der Morgen, da wir in Bastia landen sollten; denn daß dies das Ziel der Reise war, hatte die Schiffsmannschaft verraten, der auch von einer Weiterreise nach Genua nichts bekannt war. Wir waren nicht vorwärts gekommen, und so ging die widerliche Fahrt noch einen Tag länger.
Wir mußten morgens die Kabine verlassen, durften aber an Deck bleiben, da die Posten unfähig waren, Ordnung zu halten. Der Tag verging; abends durften wir für eine Zulage an die Herren Kommissäre in die Kabine zurück. Wir sollten uns nicht entkleiden, da man annahm, wir könnten schon in der Nacht ausgebootet werden.
Um zehn Uhr zeigte uns ein wüstes Johlen, Kreischen, Pfeifen und Heulen unsere Landung an. Wenn der Inhalt von zehn Affenkäfigen in voller Tätigkeit ist, so kann das Ohr nicht so gräßlich durch die höchsten Mißtöne beleidigt werden als hier durch das Kreischen der alten Weiber. Wir wurden in unsere Kabinen eingeschlossen und uns die Weisung gegeben, uns nötigenfalls darin zu verrammeln. Dann ein Hin- und Herlaufen, wir hören das Aufpflanzen der Bajonette, das Kreischen dauert fort und dringt näher. Man ruft uns durch die verschlossene Tür zu, wir sollten das Licht löschen und uns ganz still verhalten; die Menge wolle das Schiff stürmen und uns lynchen. Wir gehorchen schweigend dem Befehle. Eine unheimliche Nacht! Die Weiberstimmen überschlagen sich in Fisteltönen. Ein Ausbooten sei unmöglich, ruft man uns wieder zu, die Menge würde uns zerfleischen.
Nun habe ich zwar des öfteren gesehen, wie tapfere, alte Weiber, auch junge, durch Flaschenscherben oder Steine Unheil anrichteten; manch ein Loch im Kopfe gab davon Bericht. Aber hier erschien es mir doch noch etwas anders. So grausig auch das Menageriegeheul durch die dunkle Nacht drang, das Ganze wirkte mehr als Theater, wie das der Franzose liebt, Musica, wie der Spanier derlei bezeichnet. Es kam mir so verabredet vor, uns bange zu machen.
Dann verstummte allmählich das Geheul; Offiziere kamen säbelklirrend in die Kabinen, es wurde allerhand verlesen und besprochen, bis ein Uhr nachts etwa. Was in der Nacht durch unser Hirn gezogen, was wir alles, die wir aufgeregt horchten, aus den seltsamen Verhandlungen herausgehört haben, das übersteigt die Phantasie des kühnsten Dichters. Bonitz verstand nicht Französisch, Moritz verstand nicht Französisch, ich verstand nicht Französisch, aber jeder von uns hatte auf der Schule und im Leben so viel von dieser unangenehmen Sprache aufgefaßt, daß wir gerade in der Lage waren, uns ein Hexengesudel aus dem zurechtzumachen, was an unser Ohr klingelte: — Wut der Korsen — starke Bemannung — Schutz — Genua — Militär vermehren — wieder Genua oder etwa Genf — einige bleiben hier, andere nach — Genua! — und was immer wieder an unser Ohr schwirrte, war — Genua!
Am folgenden Morgen setzten wir unseren Fuß auf die Insel Korsika, und alle Träume der Freiheit waren begraben; wir waren von den Korsen zu Gaste geladen.
So begann das widerlichste Kapitel unserer Gefangenschaft, Casabianda. — — —