III. Casabianda.
Und wieder erfaßt mich ein ekles Entrüsten,
Durchblättr’ ich noch einmal, was hier ich gebucht.
Kaum eine Stunde hatten wir in jener denkwürdigen Nacht Ruhe gefunden. Um drei Uhr morgens schon ging das Blasen und Lärmen los; wir kamen übermüdet aus einzelnen Kabinen und tauschten nun aus, was wir erhorcht hatten. Da stießen denn die Meinungen gewaltig aufeinander. Wie wenn wir im Bremer Ratskeller geträumt hätten, so zog in verschiedenen Variationen diese gruselige Nacht an unseren Sinnen vorüber. Und dem entsprachen die Berichte. Die Kühnsten verstiegen sich dazu, gehört zu haben, daß das Schiff weiter sollte nach Genua; die Pessimisten hatten herausgehört — und daran war viel Wahrheit —, daß alle Elsässer, Dalmatiner, Tschechen usw. besser behandelt werden sollten, daß die schlimmste Behandlung die Deutschen treffen sollte. Und wieder schwirrte es durcheinander, und wie Hexenmusik klangen immer wieder die Worte „Gênes“ und „Gêneve“ durch. Die Elsässer gingen zuerst von Bord. Aber das Schiff machte keinen Dampf auf; unser großes Gepäck wurde verladen, und das kleine mußten wir in die Hand nehmen, und dann ging es herunter von dem gräßlichen Kasten zur Eisenbahn, in der wir, dicht gedrängt, in einigen Viehwagen verladen wurden. Die Bevölkerung war ruhig dank den großen Absperrungsmaßregeln, die getroffen waren. Oder war doch der ganze Empfang gestern nichts als Musica gewesen, unsere Männerherzen im Tiefsten zu erschüttern? Nun war ja manch einer von uns tapfer und manch einer weniger; aber dem Weibergekeife hätten wir wohl alle noch standgehalten.
Uebrigens wurde der Trick, uns das Gruseln zu lehren, von nun an eigentlich dauernd angewandt; ich werde noch des öfteren darauf zurückkommen. Auch jetzt kam der erste Befehl, wir sollten die Köpfe tief halten, da man für den Zornesausbruch der tapferen Korsen nicht einstehe, und da Steinwürfe oder verirrte Kugeln leicht Unschuldige treffen könnten. Es gab auch wirklich deren, die nur im Tunnel den Kopf mutig erhoben und bei jeder Lichtung ängstlich bargen. Nun ging die Fahrt vier Stunden durch die herrliche Landschaft. Auf jeder Station sah das Volk erregt in unsere Menageriekäfige, und besonders Pater Kaspar in seiner Körperfülle und braunen Kutte erregte die Menge zu den seltsamsten Ausrufen. Daß man einen ganz besonderen Fang gemacht hatte, das war schon reichlich verbreitet, und im ganzen Volke schien man es nicht anders zu wissen, als daß es der französischen Regierung gelungen sei, einen ganzen Wald voll Affen, pardon, ein ganzes Nest von Spionen, auszuheben, deren Bestimmung nur die weiße Wand sein konnte und sein würde. Auf einer Station gefiel sich ein hämischer Pfaffe besonders darin, uns Eingepferchte für die Zertrümmerung der Kathedrale in Reims verantwortlich zu machen, und mit Entsetzen sah man auf die Heiligtumschänder, bis sich die Menagerie wieder in Gang setzte. Innerhalb der Tierkäfige ging es friedlicher zu. Manch einer hatte sich auf dem Schiffe mit Vorräten, Wein und Atzung, versorgt. Die Flasche kreiste, und der gutmütige Soldat, der uns mit aufgepflanztem Bajonett bewachte, wurde so reichlich bewirtet, daß er, ermüdet, den Schlaf des Gerechten schlief, nachdem er noch mit Aufbietung der letzten Willenskraft Herrn Kuchenbecker, einem alten, weißbärtigen Herrn, seine Mordwaffe vertrauensvoll in die Hand gedrückt hatte. Wer das Bild gesehen, Herrn Kuchenbecker an der Seite des schlafenden Soldaten, als Wächter französischer Ordnung, der wird es so bald nicht vergessen. Endlich langten wir in Aleria an, wo wir ausstiegen. Ein Hauptmann der Forestiers auf einer merkwürdigen Rosinante mit einer Schar von Förstern empfing uns, und nun ging es langsamen Schrittes — wir mußten uns dem Gang der Rosinante anpassen — nach Casabianda. Dort waren schon einige Militärgefangene interniert. Man führte uns in eine Halle, wo einige Offiziere die Begrüßungsformeln, Abnahme von Messern, Streichhölzern und ähnlichen Artikeln vornahmen. Dann gab es ein freudiges Wiedersehen mit der uns so wohlbekannten Kohlsuppe. Die Sonne neigte sich, und wir sanken ermüdet ins Stroh. Ein großer Kübel wurde uns als nunmehr unentbehrliches gemeinsames Gerät ins Zimmer gestellt. Immerhin hatte er wenigstens einen großen Holzdeckel. Die Wachen traten heraus, und die Riegel klirrten. Noch ein kurzer Besuch, Feststellung, daß wir alle da wären, und wir blieben uns selber überlassen.
Am nächsten Morgen ging das alte Rezept los. Wir sollten das Gruseln lernen. Zu dem Zwecke rief der Offizier, Herr Simeoni traurigen Angedenkens, einige, die Französisch sprachen, zusammen und sagte ihnen, sie sollten es weiter unter uns verbreiten, daß die große Wachsamkeit, die sie an uns verschwendeten, zu unserem Besten sei. Die Korsen seien gefährlich und haben uns Tod geschworen. Sie sähen in uns allen Spione, und wir seien vor ihren Dolchen nicht sicher. Auch wenn wir herausgelassen würden, dürften wir nicht einen Schritt außerhalb der Umfassungsmauern uns wagen, da der Kommandant ausdrücklich gesagt, er stünde für keinen derartigen Unfall ein. — Also sprach Simeoni. — Er war ein Mann, der von der Pike auf gedient, bei der Fremdenlegion avanciert und schließlich Offizier geworden war. Dem entsprach er ganz. Er war groß, kräftig, trug einen martialischen Schnauzbart und gefiel sich in starker Pose. Er bekam bald den trefflichen Namen „der Operettenleutnant“. Ich beschäftige mich mit dem Mann genauer, weil er berufen war, eine schwere Rolle in unserem künftigen Schicksal als Gefangene und auch in dem meinen zu spielen.
Bei der Revision der Koffer, die programmäßig am zweiten Tage nach dem Quartierwechsel stattfand, passierten wieder einige kleine Humoristika. Eines will ich berichten: Dr. Bayer hatte ausländisches Geld bei sich, das der untersuchende Korporal mit besonderer Neugier betrachtete. Wessen Kopf ist das? — Kaiser Franz Joseph. Und der? — König Georg von England! Ein bewunderndes Ah! Und der? — Kaiser Wilhelm. — Da verzerrten sich die Züge des Korsen, und er warf das Geldstück klirrend auf den Boden. Wilhelms Name ist Kinderschrecken, aller Haß entlädt sich auf unseres Kaisers Haupt. Einen Schuldigen will das Volk haben, und im Fälschen der Geschichte sind sie Meister.
Unsere Lager werden nun genau bestimmt. Ich teile wieder mit Bonitz eine Matratze, wir sind aneinander gewöhnt. Abends erfaßt mich ein dumpfer moralischer Schmerz. Warum nahm man mich von Frioul fort, von meiner Tätigkeit, ehe ich sie eine Woche nur ausgeübt hatte, und was tue ich hier? Nun ging das Verzweifeln von neuem los, und es wuchs uns über den Kopf und wuchs zu einer solchen Stärke, daß wir ihm nicht wehren konnten, wir gerieten in wirkliche Gefahr, nach innen und nach außen.
Schön liegt Casabianda, der Neid muß ihm das lassen. Als uns die Terrasse freigegeben war, atmeten wir auf und genossen in vollen Zügen die reine Luft und die prächtige Aussicht. Vor uns, fast greifbar, nur durch Wiesen von üppigem Grün und kleine Waldungen getrennt, ragten in riesiger Kette die schneebedeckten Berge Korsikas empor. Der Anblick ist imposant, und er imponierte uns heute und er erfreute uns heute noch, auch noch am anderen Tage und einigen folgenden; dann aber erwachte wieder das quälende Bewußtsein, daß das nichts anderes sei als vergoldete Stäbe unseres Käfigs, und daß wir anderes zu tun hätten, als arbeitslos uns der Natur zu erfreuen. Und als uns so auch die Freude an der Natur genommen war, begann unser Leiden immer drückender die Brust zu beengen, daß wir fast zu ersticken meinten. Ein Etwas trat damals in die Erscheinung, das uns fast das Unerträglichste dünkte. Aus unseren eigenen Reihen traten einige hervor, die, der französischen Sprache kundig, sich dazu hergaben, ein gewisses Kommando über uns sich anzumaßen, unterstützt von der französischen Behörde. Es war natürlich, daß bei einer immer wachsenden Zahl von Gefangenen Disziplin herrschen mußte. So wurden wir in Gruppen und Sektionen eingeteilt, welche ihre Gruppen- und Sektionschefs hatten, für jedes Zimmer war weiter ein Zimmerältester verantwortlich. Zu diesem Posten waren nur solche möglich, welche Französisch gut sprachen. So war die Auswahl beschränkt, und es sind nicht immer die Taktvollsten, leider auch nicht immer die Besten gewesen, welchen solch Posten zugewiesen wurde.
Die Korsen hatten in Maurer ein gutes Medium gefunden, uns aufzuregen, nur hatten sie nicht bedacht, wie lange sich unser Haß zurückdrängen ließ, ohne zum Ausbruch zu kommen. Es war in ihnen von Anfang an die Lust wach, uns bis aufs Blut zu reizen, und dieser Lust frönten sie, wie ich es später noch zeigen werde, bis zum Satten. Der Spanier quält Tiere, ist aber gutmütig zu Menschen, der Franzose aber quält Menschen mit Lust, mit satter Lust. Was nun alles zu einem wilden Gebrodel in dem Höllenkessel von Casabianda vereinigte, war die verdammte Gleichheit unter den Franzosen und übertragen auch auf uns. Das habe ich nie so ausgeprägt empfunden als in jenen Tagen in Casabianda, „dort, wo es keinen Herrn und keinen Diener gibt“. Das mag schön klingen, aber für den souveränen Pöbel paßt es nicht. Einer dient nicht etwa dem anderen, sondern die Sucht, Herr zu sein über den anderen, ist nie so ausgeprägt wie hier. Wer nicht Herr sein kann und aufsteigen, der tut alles, hernieder zu ziehen; nur keinen Besseren anerkennen! Keine Autorität! Der gemeinste Schwätzer soll dem Denkenden gleichstehen. Der Kommandant, Herr Teissier, war ein Mann von Formen und Anstand, nicht gutmütig, aber entgegenkommend. Was wir anfangs für Gutmütigkeit hielten, war Schwäche, er konnte nicht „nein“ sagen, zu uns nicht, aber weniger noch zu seinen Untergebenen, und das führte naturgemäß zu Wirkungen. Der Operettenleutnant und allen voran der Arzt führten Regiment über ihn, diese an bevorzugter Stelle. Aber auch jeder Forestier, jeder Gendarm fühlte sich als Kommandant. So passierte folgendes, was etwa typisch für die Verhältnisse in Casabianda war:
Ich genoß als Arzt eine gewisse Ausnahmestellung, welche zwar nicht im entferntesten derjenigen glich, die ich in Château d’If und Frioul gehabt hatte, die mir aber doch Freiheiten sicherte. So hatte ich keine Arbeit zu verrichten, trug ein laissez-passer, ausgestellt vom Kommandanten, bei mir, das mich berechtigte, die Posten jederzeit ungehindert zu passieren. Das ist ein Vorteil oder sollte einer sein. Als ich eines Tages mir aus der Kantine etwas besorgen wollte, ging ich am Posten vorbei, der mich anhielt. Ich zeigte ihm das Dokument, woraus er mir achselzuckend bedeutete, das sei ihm ganz gleichgültig. Ich pochte etwas energischer auf meine Rechte und bekam nun die Antwort, die wir von nun an zu allen Gelegenheiten und fast täglich hörten: „Ich sch..... auf den Kommandanten, der Kommandant bin ich!“ — Ich geriet in Wut und wollte nun gerade durchdringen, weil ich damals noch reichlich harmlos über Machtbefugnisse des Kommandanten dachte; aber schon hatte der Kerl im Augenblick seinen Revolver entblößt, setzte ihn mir auf die Brust und sagte: „Einen Schritt weiter, und ich schieße Sie tot.“ — Dieser Logik gehorchend, zog ich mich zurück und beschloß, über solches Vorgehen, das mir damals noch unerhört erschien, mich beim Kommandanten zu beschweren. Das geschah am nächsten Tage. Der Kommandant war außer sich über die Rücksichtslosigkeit des Forestiers und schrieb eine äußerst strenge, aber immerhin weise und gerechte Maßregelung einer solchen Insubordination auf mein laissez-passer als Zusatz. Nun hatte ich das drohendste aller Schriftstücke in der Hand, aber versucht habe ich nie mehr, die Kraft solchen Talismans zu erproben. — Wie gesagt, wo es nur am Platze war oder sein konnte, gebrauchte man das Wort: „Ich pfeife.“ Jeder Forestier (ich drücke mich sehr gewählt aus) pfiff auf den anderen, die anderen auf ihn und mit ihnen zusammen auf den vorgesetzten Offizier, dieser auf sie und auf die anderen Offiziere, und dann wiederum in Gemeinschaft mit dem Arzt, auf den sie alle pfiffen, und den anderen Offizieren auf den Kommandanten. Nur dem armen Kommandanten blieb im Lager nichts zu pfeifen, so mußte er sich schon höher hinaufbemühen. So herrschte ein Geist der Unordnung in Casabianda, der allem hohnsprach, was ich im militärischen Leben für möglich gehalten hätte, der Geist des souveränen Pöbels.
Casabianda, 10. November 1914.
Liebste Armgard!
Der letzte Brief, der wirklich an Dich abging, war eigentlich nicht für Dich berechnet, sondern für den Kommandanten. Ich schrieb ihn in gewisser Verzweiflung, um das Ohr des Kommandanten zu erreichen, das uns der Erste Offizier künstlich verschließt. Der Herr Maurer hatte mich dazu getrieben. Wiederum war ich zum Leutnant Simeoni gerufen, der mir sagte, daß der Geist der Rebellion in unsere Reihen gedrungen sei, und daß ich der Rebellenführer sei, der die anderen aufhetze. (Ich hatte meine Lampe erst fünf Minuten nach 9 Uhr statt Punkt 9 Uhr ausgemacht.) Er wolle heute noch Rücksicht nehmen, auch habe er das nur im allgemeinen gehört, nicht etwa durch Mr. Moré (das war gelogen, denn Mr. Moré hatte sich wieder einmal gebrüstet, daß er es dem Sanitätsrat eingebrockt habe). Er wollte also von Bestrafung absehen, aber wenn ich es noch einmal wagen sollte, mich beim Kommandanten zu beschweren, so würde er (der Kommandant bin ich) mich auf zwei Tage einsperren.
Ich hatte es satt und suchte das Ohr des Kommandanten durch den Brief an Dich, in dem ich Dir alle Schandtaten des Mr. Moré aufzählte, in der Sicherheit, daß er die Zensur nicht passieren, daß aber der Kommandant ihn lesen würde. Nun höre ich, daß er ungelesen durchgegangen ist, der Kommandant hat ihn gar nicht zu Gesicht bekommen, sein Zweck ist verfehlt, Dich hat er höchstens geängstigt. Das habe ich nicht gewollt! — Neulich bekamen wir den ersten Sold in französischen Diensten, auch die Priester und Aerzte, die nicht gearbeitet haben. Einen Sou pro Tag, ich erhielt 4 Sous. Es werden noch mehrere kommen, die will ich für Hans bewahren. Ein Memento!
Unser Los ist unerträglich. Doch da es eben ertragen werden muß, solange psychische und physische Kraft standhalten, so will ich nicht jammern. Viele andere haben schwereres Los zu tragen, nur nicht so elend, so gedemütigt wie wir. Ich klammere mich nur noch daran, daß, wenn wir unseren alten früheren Stolz ganz eingesargt haben, ein neuer geläuterter Stolz entstehen wird. So muß es wohl kommen. Es ist unendlich schwer, die täglichen Demütigungen, die stündlichen Nadelstiche zu überwinden, den Hohn des Pöbels und unsere Ohnmacht. Manchmal meine ich, daß wir vom Propheten von Nazareth lernen dürften, dessen Stirn-, Hand- und Fußmale leuchteten als Sinnbild seines Stolzes. Wenn wir uns erst dazu durchgerungen haben werden, Schmähungen und gewollte Demütigungen unserer Feinde als Ehre zu empfinden! — Ich glaube, ich komme solcher Auffassung näher, heute kann ich mich noch nicht zu ihr aufraffen.
Zurück aus dem Feindesgewoge zur Idylle. Wir hatten eine Eingabe gemacht, man möchte uns gestatten, in einer Küche, die wir uns provisionell einrichten wollten, für einige Herren selber zu kochen. Die Eingabe ist günstig beschieden und uns ein kleiner Raum neben der Küche zur Verfügung gestellt, in welchem wir zwei kleine Herde aufstellen konnten. Zum Küchenchef bin ich erhoben, wieder eine der vielen Wechselstufen in meinem bewegten Leben. Präsident der Republik Château d’If, Chefarzt der Frauen- und Kinderstation in Frioul, Oberkoch für die Zuchthäusler mit garantiertem Mehreinkommen! — Was winkt mir noch? Der Pfad scheint etwas abschüssig, aufwärts weist er nicht. Aber ich habe doch etwas zu tun. Der Arzt hier, ein junger Mann, ebenso abstoßend wie gesucht freundlich, hat sich mit Heller stark überworfen und ihm jedes Eingreifen in die Behandlung von Kranken, auch jede Bestellung von Medikamenten untersagt. Ich selber bin mit dem Knaben noch nicht recht in Berührung gekommen. In unseren Räumen sieht man ihn nicht, trotzdem er da oft genug not täte bei der wachsenden Dysenterie. Einen Toten hat sie schon gefordert.
Wenn ich also für den Magen der anderen sorge, so leiste ich ärztlich mein gut Teil, denn die Verpflegung ist erbärmlich, und die Fälle der Dysenterie sind zum großen Teile der Unterernährung zuzuschreiben.
Moritz und Radei sind mir zugeteilt. Radei versteht die Küche schon und kocht selbständig, Moritz gibt sich der neuen Schule mit bewunderungswürdigem Eifer hin. Wir kochten am Tage der Eröffnung ein recht einfaches Gericht, Rindfleisch mit Gemüsesuppe. Es war dasselbe wie in der Menage, und doch, wie anders! Uns mundete es kostbar, wie am heimatlichen Tisch. Alles, was wir bisher vermißten, Kraft in der Bouillon, Verschiedenheit in den Gemüsen (Kohl hatte ich ausgelassen), ein weiches und großes Stück Fleisch, ganz durchgekocht, fanden wir hier. Radei und ich übernehmen jeder abwechselnd die Garantie für gutes Essen. Am nächsten Tage kochte der „ungarische Professor“ sein Gulasch, das allgemeinen Beifall fand. Heute sitze ich nun frühmorgens 6½ Uhr bei scharfer Kälte oben in meiner offenen Küche und habe glücklicherweise so viel an die Mäuler der Fresser zu denken, daß ich den trostlosen Gedanken keinen Raum geben kann. So geht mein Leben in dem neuen Beruf Tag für Tag zu wie folgt:
Morgens beim Grauen Appell, dann ziehe ich zur Küche und mache großes Feuer, meist aus Selbsterhaltungstrieb, denn die Kälte macht sich recht bemerkbar. Dann bringt mein Bursche (wir leisten uns solchen Luxus für 50 Cts. täglich) Wasser und Waschgeräte nach oben, wo ich mich einer gründlichen Reinigung unterziehe, dann meinen Morgenkaffee wärme. Inzwischen kommen Radei und Moritz zur Menuberatung, dann Linke mit dem großen Einkaufskorb, Küchendienst. Endlich naht der Financier der Küchengesellschaft, Herr Gerson, mit seinem Notizbüchelchen und notiert, was wir ihm an Einkäufen als notwendig vorschlagen, nickt bejahend oder schüttelt mißbilligend den Kopf. Wir alle fünf gehören zu den Senioren der Gefangenen. Radei, der jüngste von uns, zählt 35 Jahre, Gerson und Moritz sind noch älter als ich, Linke geradeso alt. Nun geht es zum Einkauf. Zuerst herauf zum Fleischer, einem dicken braven Manne, der uns manch gutes Stück ausgesucht, manchen Vogel besorgt und auch manche Flasche Wein heimlich zugesteckt hat. Für 22 Personen Fleisch, also immerhin eine tüchtige Portion, denn wir haben Hunger und müssen nachholen. Dann zur Kantine, wo wir auch freundlich empfangen werden, wir sind immerhin gewichtige Gäste. Die alte Frau erzählt uns ihr altes Märchen von Guillaume, das ihr das Käseblättchen immer mit neuen Tricks mundgerecht auftischt, und die junge, deren Mann im Kriege ist, gibt aus, je nach den Nachrichten, die sie empfangen, reichlich oder weniger reichlich. Die Nachrichten müssen selten gut sein, denn sie wiegt immer knapper und steigt in Preisen. Bisweilen wird uns ein Morgenschnäpschen kredenzt, Branntwein, der Krämpfe erzeugt. Nun geht es ans Reinigen der Gemüse, des Fleisches, Aufsetzen des Wassers usw., bei dem sich mein Freund Moritz wie immer durch besondere Sorgfalt auszeichnet, bis die verschiedenen Sachen aufgesetzt sind und die Frager sich einstellen: „Was gibt es heute?“ Ihre Zahl vermindert sich zusehends, denn sie werden meist nicht eben freundlich behandelt. Sie sollten sich auch solche Fragen abgewöhnen, denn die Antwort ist doch immer die gleiche: Das weiß der Koch erst ganz bestimmt, wenn das Essen auf dem Teller liegt. — Wie oft hat es sich gerächt, wenn wir so tiefe Weisheit mißachteten und in vorschneller Prognose die Tagesplatte verraten hatten, und nachher gestehen mußten, daß eben aus dem Wunderkochtopfe zum Schlusse etwas ganz anderes hervorgegangen war, als unsere Meinung gewesen. Wenn ich nun verrate, was es bisweilen gab, und bis zu welchen Höhen sich unsere Kochkunst verstieg, so schelte man uns nicht Schlemmer, wir haben es vorher schlecht genug gehabt, und solche Perioden des Wohllebens waren immer von kurzer Dauer, wer weiß, wie wir es später haben werden? Also nach dieser entschuldigenden Vorrede zur Aufzählung der Tagesplatten, die zu den außerordentlichen gehörten: Aal grün, Aal gebacken mit Breikartoffeln (dabei half, wie auch sonst oft, der Kapitän der Elsa Köppen, Herr William, der eine wunderbare Fähigkeit besaß, die Aale durch den Essig laufen zu lassen und dann ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen), Kalbskeule mit Gemüse (hors de concours), Schweineschinken, Apfelmus, Fischsuppe mit Tomaten, Huhn mit Reis, gebratene Hühner, Rindfleisch mit Senfsauce, Bouillonkartoffeln und Sellerie, Karotten und Steinpilze mit Koteletts, frische Champignons, Kartoffelpuffer, Eierkuchen mit Obst usw. usw. Wenn man bedenkt, daß der Durchschnittspreis für die Portion 50 Cts. sein sollte, daß Herr Gerson böse Augen machte, wenn wir das Budget überschritten, daß wir keine weiteren Gewürze als Zwiebeln, Salz und Pfeffer zur Verfügung hatten, daß die Butter unerschwinglich teuer und das Schmalz ungenießbar war, so denke ich doch, daß wir das Unsere geleistet haben. Zur Kräftigung der Kasse wurde nachmittags Kaffee gekocht, an dem wir pro Tasse etwa 7 Cts. verdienten, und ein Cedratine dazu ausgeschenkt, der auch einen kleinen Ueberschuß ergab. Andernfalls wäre unser gemeinnütziges Unternehmen verkracht. Wenn nun alles sich gesättigt entfernt hatte, begann die Reinigung der Küchenräume durch eine angestellte Kraft. Später stand die Küche noch einmal den 22 Mitinhabern zur Verfügung, und manch Eierkuchen oder Kartoffelpuffer wurde darauf gebacken. Bisweilen, aber nur selten, an ganz besonders kalten Tagen, braute ich abends einen Eierpunsch, zu dem Anmeldungen zugelassen wurden. Das geschah besonders, wenn die Kasse Ebbe aufwies.
Daß ich nun doch die Küche aufgeben werde, hat verschiedene Gründe. Zuerst kann ich selber nicht essen, wenn ich koche, und nehme so viel zu wenig Nahrung zu mir. Ich werde Radei auf einige Zeit die Leitung übergeben und für einige Zeit auf Urlaub gehen. Der wird wohl auch nicht lange aushalten und Moritz auch nicht, denn sie sind beide nicht die Stärksten, und Arbeit, die zu leisten ist, ist weit größer, als der ahnt, welcher mit seinem möglichst tiefen Teller ankommt und sich seine Portion zumessen läßt. Dann aber will ich mich zurückziehen, weil die Küche zu exponiert liegt und wir das ganze Getriebe der korsischen Forestiers und Gendarmen wie auch Simeoni mit seiner Kommandostimme täglich vor Auge und Ohr haben. Ich möchte die Aussicht auf die Berge und alle Schönheiten der Natur entbehren, wenn ich einmal ein Zimmer für mich hätte, in das ich mich verschließen und ausdenken könnte, ohne immer wieder mit ansehen zu müssen, was uns Gefangenen hier täglich und stündlich von den Korsen zugefügt wird.
Gestern passierte etwas, so widerlich, wie ich lange nichts erlebt. Nach dem Essen saß ich auf der Mauer gegenüber der Küche mit Herrn Großpietsch, einem jungen Manne von 21 Jahren, der mir in der Küche geholfen hatte. Während wir uns unterhielten, sehen wir, wie ein französischer Soldat in der Küche herumschnüffelt. Ich frage: „Was will der Kerl?“ G. geht hin und fragt den Soldaten, was er da suche, worauf der sofort grob wird und G.s Namen fordert. Ein Gendarm kommt aus der anderen Küche, packt G., der sich verteidigt, und nun prügeln beide zusammen auf den einen Wehrlosen in der rohesten Weise. Dann verhaften sie sie ihn. Unterdessen war schon wieder unten ein wüstes Durcheinander entstanden. Alle, welche den Vorfall mit angesehen hatten, entrüsteten sich gegen solche Mißhandlung. Der Hauptmann kam, ein bequemer, weißhäuptiger kurzer Herr, dem der Name Schildkröte beigelegt war. Die Forestiers zogen, wie sie das so gewohnt waren, den Revolver und bedrohten jeden einzelnen, einige weitere Verhaftungen wurden vorgenommen, der Hauptmann sprach mit dem Gendarmen und bestätigte die Strafe. Da trat ich an den Hauptmann heran und bat, gehört zu werden, da ich direkt neben G. gestanden habe. Ich wurde nicht gehört, sondern mir die Antwort zuteil: „Wenn ein französischer Gendarm sagt, er habe nicht geschlagen, so gilt das mehr, als wenn 200 Deutsche beschwören, er habe geschlagen.“ Unsere Hoffnung auf Freilassung taucht täglich auf und täglich wieder unter. Unseren Nerven wird reichlich viel zugemutet. Wie lange werden wir aushalten? Welche Zustände! Wer uns hier sähe, würde sich entsetzen. Wir liegen auf Stroh am Boden, in unsere Wäsche kriechen die Läuse, die Ratten beginnen sich zu zeigen und werden uns allmählich an Zahl näherkommen. Im Zimmer steht neben den Lagern ein Kübel, der, sobald wir eingeschlossen sind, bis zum Morgen benutzt wird und fast immer besetzt ist. Wie soll da der Infektion Halt geboten werden?
Willkür und Unordnung treiben Blüten. Neulich wird Klaebisch als Sektionschef plötzlich ins Gefängnis gesteckt, weil ein Mann seiner Sektion fehlt. Wir zählen nach und finden, daß alles stimmt. Nun werden die Franzosen gerufen und zählen auch nach, dreimal, bis sie wirklich herausbekommen, daß keiner fehlt und Klaebisch wieder entlassen wird. Das Gefängnis füllt sich, der brave Arzt läßt alle ins Gefängnis stecken, welche sich krank melden und von ihm nicht als krank befunden werden. So beugt man Krankheiten vor. Wir leben im Lande der Humanität.
Dr. Bayer hat eine Karte geschrieben, darin heißt es: „Wir haben auch Nachbarn, Ratten, Wanzen, Läuse, Krankheiten und den Tod.“
Max.
Am 1. November waren neue Zivilgefangene unserm Zuchthaus zugeteilt, es waren das alles Wehrpflichtige, welche, von Spanien kommend, auf Schiffen, die meisten auf dem Federigo, abgefangen waren. Wir bedauern die Armen, die mit uns leiden sollen. Von den in Frioul zurückgelassenen drei Priestern erfahren wir, daß sie freigeworden und nach Spanien zurückgeschickt sind. Barth schreibt an Bayer folgende humoristische Karte, die wunderbarerweise durch die heute noch harmlose Zensur geht, trotzdem ihr Sinn allzu deutlich ist. Sie lautet:
18. 11. 14.
Lieber Freund!
Ich habe Deinen Brief, den Du nach Graz schicktest, gelesen, ebenso die Briefe Pressel und Klaebisch, und freue mich, daß es Euch wohlgeht. Da ich weiß, wieviel Dir an unseren Vereinen liegt, so teile ich Dir mit, daß sie, besonders unser Theater, brillant funktionieren, trotz der schlechten Zeit. Nur Franz Rebl und Peter Schwarz sind im Kriege gefallen und können nicht mehr aufstehen. Sehr schwer verwundet sind Nikolas Schnaps und Georg Nordwassermann, dagegen ist unsere Demi-Monde sehr viel beschäftigt und tritt mit uns in verschiedenen Rollen auf. Wir ernten alle sehr viel Beifall und Lorbeerkränze. Brauchst also um unsere Sache nicht besorgt zu sein. Hoffe, daß wir uns zu Ostern wiedersehn. Beste Grüße an alle Freunde, und bitte um einige Zeilen an Deinen alten Freund
Philipp.
Der brave Barth. Wenn wir ihn noch bei uns hätten! Aber wir gönnen ihm alle sein besseres Los. Wir freuen uns für jeden, der diesem Kerker entgeht, und erwarten, daß er in der Ferne für uns wirkt.
So leben wir weiter im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Wenn wir doch schneller abstumpften gegen Kränkungen! Es ist das, was wir täglich üben müssen, es wäre die erste Phase zur Gesundung, der Sieg über uns selber, aber es geht noch nicht. Ein vielleicht krankes, gewiß nicht berechtigtes Ehrgefühl zuckt immer wieder in uns auf. Wir sagen uns, daß uns der Feind nicht kränken kann, und ärgern uns über uns selber, wenn es ihm doch immer wieder gelingt. Wir dürfen nicht aufhören, gerade in dem Sinne an uns zu arbeiten.
Verlaß ist auf nichts, und was heute gilt, wird morgen nicht gelten. Ist der Kommandant für uns, so haben wir Simeoni als Gegner oder die Forestiers. Und wer hat die Macht? Ein ganz nettes Stückchen passierte neulich. Dr. Mayne hatte irgend etwas Unbesonnenes begangen und sollte ins Gefängnis; da ging er zur Frau vom Domänenverwalter, die für uns Partei nimmt und auch gründlich die Hosen anzieht, wenn sie unter den Offizieren auftritt. Diese Frau sagt ihm, sie würde das schon regeln (und sie hat es auch geregelt), rät ihm weiter, er solle vor allem den korsischen Forestiers gehorchen; was der Kommandant sagte, wäre unwesentlich, alles hinge von den Forestiers ab. Die gute Frau hat uns auch später oft geholfen.
Der Kommandant hat uns Aerzte von jeder Arbeit befreit. Am 20. November kam ein neuer Genieoffizier, um Arbeitsverteilung vorzunehmen. Simeoni sagt ihm, als er an mich kommt, daß ich als Médecin-Major frei von Arbeit sei. Er kehrt sich nicht daran: „Gut, Landarbeiter“. Dr. Heller passiert das gleiche. Die Pfarrer sind gerade in Aleria, sonst kämen sie auch dran. So nehmen wir Spaten in Empfang und gehen als Ackersmann hinaus aufs Feld. Wir nahmen die Sache humoristisch, und es lohnte sich, sie so zu nehmen. Es war der erste Tag meiner Zwangsarbeit und einer von den wenigen, die mir gefallen haben. Ich will dabei verweilen.
Nachdem wir einem Korporal zugeteilt waren, ging es zur Feldarbeit; vor allem heraus aus dem Bau und dem Kasernenhofe! Vor uns die schneebedeckten Berge. Wir sind der Abteilung zugeteilt, in der auch Moritz und Bonitz arbeiten. Was die können, warum nicht wir auch? Bonitz hat schon Arbeit gewählt: er unterhält das Feuer, und ich helfe ihm und unterhalte ihn und wir uns gegenseitig und das Feuer. Die Landschaft ist herrlich. Der Korporal gibt meinen Spaten einem andern und fordert mich gutmütig auf, nicht zu arbeiten. Ich sehe um mich und mache die Entdeckung, daß die anderen auch mit recht wenig Arbeit auskommen. An der Zwangsarbeit wird keiner zugrunde gehen, das ist ein Trost, wenn mir auch Moritz sagt: „Du hast schön reden, guckst einmal in die Sache herein, hast Glück in der Wahl des Korporals, und nun willst du über derlei urteilen?“ Recht hat er, aber ich auch, denn ich habe auch später die Waldkolonnen und Essenträger begleitet und die verschiedenen Arbeiten gesehen. Immer fand ich, daß die Arbeit kräftigend wirkte und ein gutes Gegengift war gegen die seelische Depression.
Nachdem wir also das heilige Feuer zu schöner Glut geschürt hatten, zogen wir aus, neues Holz zum Brande zu suchen. Bonitz führte mich an einen Bach, an dessen Ufern viel trockenes Holz lag und vertrocknete Bäume standen. Wir sammelten einiges, machten aus den größeren Stämmen eine Bahre und luden das gesammelte Holz darauf. Das war das Werk von zehn Minuten, aber eine halbe Stunde arbeiteten wir dann viel schwerer an der Vertilgung unseres mitgebrachten Frühstücks und einer halben Flasche Rotwein. Die Sonne neigte sich schon. Wir genossen die herrliche Ruhe. Kein Geschrei, kein ewiges Gekeife: „Was soll’s, flott! Vorwärts, flott!“ — Wir atmeten tiefer. Dann nahmen wir unser Holz auf, brachten es zum Feuer, dessen Bewachung andere übernommen hatten, und verbrachten noch ein Viertelstündchen am Feuer mit den anderen. Der Korporal saß bei uns. Als wir nach Hause kamen, sah der Médecin-Aide-Major gerade aus dem Fenster. Es muss ein wohltuender Anblick für ihn gewesen sein. Er kam aber doch heraus, reichte uns seine kleine weiche Hand und fragte uns naiv aus, ob wir denn arbeiteten. Wir bejahten das, und Dr. Heller sagte lachend: „Wir sind leider noch nicht recht an dieses Instrument gewöhnt“, und wies auf die Hacke über seiner Schulter. Hierauf sagte er, wir möchten am nächsten Tage zu ihm kommen. Er hat uns dann freigeschrieben von aller Arbeit, aber wird uns das nützen? Vielleicht sagt schon der nächste korsische Forestier: „Ich pfeife auf den Arzt, ich bin der Arzt. Vorwärts also!“ Aus allem Elend taucht immer wieder die Hoffnung auf Befreiung. Heut heißt sie Infantin Beatriz von Spanien (die in hochherziger Weise sich um meine Befreiung bemüht hat), morgen Sister, dann Auswärtiges Amt, Genf, Bern, Repressalien, Austausch, Arzt, Militärarzt. Heut hat sie eigenartige Gestalt gewählt, sie heißt Italien. Gerüchte über Gerüchte dringen an unser Ohr, Telegramme nach Italien untersagt, Geld über Italien wird nicht ausgezahlt, Spannung zwischen Italien und Frankreich, geheimer Vertrag zwischen Italien (Bülow in Rom) und Deutschland, der Italien verpflichtete, im Anfange des Krieges neutral zu bleiben, damit die Einfuhr von Lebensmitteln leichter sei. Und durch das Labyrinth des Ohres dringen die Gerüchte tief ein ins Gehirn, klopfen an die Ganglien und legen sich fest in den Nervenzentren. Und nun beginnt die Phantasie seltsame Blüten zu treiben. Bis zum Appell steht alles auf der Terrasse und hält Ausschau nach italienischen Kriegsschiffen, die nicht erscheinen wollen. Neue Meldungen kommen. Einer hat gehört, wie einer zu einem gesagt hat, in Spanisch: „Italien hat den Krieg an Frankreich erklärt“, ein anderer, wie ein anderer einem anderen zugeflüstert hat: „Der Krieg ist erklärt.“ Und wir berauschten uns förmlich an romantischen Phantasiegebilden. Es genügt nicht, daß der Krieg entbrannt ist, wir bauen weiter. Was tut Italien, was wird der erste kriegerische Schritt sein, den es unternimmt? Natürlich die Besetzung Korsikas. Und Korsika wird sich nicht wehren können, Bastia wird fallen und Ajaccio. Die Italiener rücken ein und bringen uns Waffen. Unsere Vögte werden Kriegsgefangene, und hei! wie wir ihnen lohnen werden für all die Schmähungen und Kränkungen, mit denen sie uns überhäuft. Simeoni unser Gefangener und der hämische Arzt! Gewiß, so wird es werden, und wenn heute die Schiffe noch nicht da sind, so kommen sie morgen, und wenn morgen nicht, übermorgen. In Bereitschaft sein ist alles! Es bläst zum Appell, und wir reißen uns unwillig los vom Anblick des verheißenden Meeres, da unten weit und tief unter uns. Zum Schuppen geht es, und die Gläser füllen sich, und ein gedämpftes „Evviva Italia“ geht von Mund zu Munde. Die Erregung ist ins Ungeheure gestiegen, und manche Flasche wird geleert. Herrgott im Himmel, wenn das wahr würde! Wenn unsere Knechtschaft so schön, so romantisch schön endigen sollte! Aber endlich übermannt uns die Müdigkeit, und Wein vertragen wir auch nicht mehr. Glückselig sinken wir auf unser Strohlager und freuen uns auf den morgigen Tag. Das Wetter ist unwirsch geworden, und leiser Donner grollt in der Ferne. Plötzlich etwa nach Mitternacht werde ich aus schwerem Schlaf geweckt, auf unserer gemeinschaftlichen Matratze hat sich Bonitz erhoben, er stößt mich wieder und wieder an, es wird ihm schwer, mich wach zu bekommen. „Max, Max! Siehst du es nicht? Sieh doch da! die Scheinwerfer!“ — Ich weiß nicht mehr, ob es ihm gelungen war, mich zu überzeugen; ich weiß nur, daß in derselben Nacht auch Blitz und Wetter leuchtete und bat meinen Freund Bonitz am anderen Morgen, wenn er in der nächsten Nacht wieder Scheinwerfer sähe, so möchte er mir solches Faktum doch erst später, wenn ich ausgeschlafen sei, mitteilen. Und so vergeht die Nacht und der nächste Tag in äußerster Spannung. Einige versteckte Ferngläser werden hervorgeholt und das Meer abgesucht nach italienischer Kriegsflagge. Auch die nächste Nacht brachte keine Ruhe, die Geister spukten in unseren Köpfen. Ich wollte gerade einschlafen, als ich plötzlich eine lange Gestalt vor meinem Lager sehe. Es war ein Brasilianer, der mir mit flüsternder Stimme zuruft: „Erheben Sie sich!“ — Ich folgte dem seltsamen Befehle und setzte mich aufrecht auf mein Lager, mir den Herrn anzusehen. „Reichen Sie mir die Hand, Sie werden mich kennenlernen!“ fährt er in Geisterstimme fort. Da ich merkte, daß das Oberstübchen, ob chronisch, ob akut, nicht ganz richtig funktionierte, so lud ich ihn ein, bei mir Platz zu nehmen; aber mit Gespensterlächeln erwiderte er: „Heute nicht, heute wird Ihnen noch vieles seltsam erscheinen, aber morgen. Sie werden von mir hören.“ Dann schlich er davon, und ich sank in Schlaf oder versuchte es, denn der Mann mir gegenüber ließ mir keine rechte Ruhe. Ich war eben gerade eingenickt, als ein seltsames Fauchen mich weckte. Der Mann hatte sich, auf allen vieren schleichend, wie ein Panther vorgestreckt, ergriff mit einer Vorderpfote einen Schemel, und mit dem Rufe „Feuer, Feuer!“ schleuderte er ihn nach vorn und traf einen der Unseren recht kräftig. Es wurde zum französischen Arzt geschickt, der natürlich nicht kam. Dr. Heller holte Morphium, und er verfiel in tiefen Schlaf, den er uns nicht gönnte. Den Schemel hatte er, wie er sich am nächsten Morgen entsann, als Bombe gegen ein französisches Kriegsschiff (es war der Kübel der allgemeinen Notdurft) geschleudert. Ein Jüngling neben mir hatte sich in Todesfurcht in die äußerste Ecke des Schuppens geflüchtet, ohne auch nur eine Decke in seiner Herzensangst mitzunehmen, und da die Nacht durch gefroren. Er gehörte gottlob zu den „Nichtkombattanten“. — Und Italien griff doch nicht ein. Die Enttäuschung war bitter, schwer gewöhnten wir uns wieder an die ganz gemeine, hämische Wirklichkeit mit Gefängnis und Fußtritten und — Maurer...
Aber auch Patroklus ist gestorben und war mehr als du!
Die Erregung steigt ins Ungeheure, und eine Rebellion scheint unausbleiblich. Wer die Wochen der Tragik miterlebt, dem werden sie als etwas Furchtbares ins Gedächtnis geprägt bleiben. Sie begann am 9. November, erreichte ihre schroffe Höhe am 22. Januar 1915 durch Grimms Auflehnung, wurde am 24. Januar durch den Gewaltcoup gegen Maurer vorübergehend zum Schweigen gebracht, wiederholte sich immer wieder in kleinen Szenen und lenkte, dann in ein Fahrwasser stumpfer Resignation ein und führte zum Schlusse zu einer ruhigen Regeneration, wenn ich so sagen soll, zu unserer Rettung, die wir erst dann als vollendet betrachten durften, als wir das Schreckenslager von Casabianda verlassen hatten. Und auch dann noch nicht. Aus Casabianda brachten wir schwere Krankheit und Tod mit. Einer der Unseren wurde zur Kugel verurteilt und drei vor ein Kriegsgericht gestellt. — Mir schlägt noch heute das Herz, wenn ich solche fürchterliche Erinnerungen zurückrufe, wenn ich derer gedenke, denen Casabianda Elend, Siechtum und Tod gebracht hat!
Es wird klingen, als schreibe ich einen Roman, aber ich rufe alle meine Mitgefangenen mit nur einer Ausnahme zu Zeugen auf, daß ich der Wahrheit gemäß schreibe, nicht übertreibe, eher mich mäßige. Selbst wenn ich dem gewaltigen Zorn, der mich noch heute in Erinnerung der furchtbaren Szenen in der Tragödie Casabianda packt, Zügel und Kandare anlege, was wahr ist, will ich auch niederschreiben, ohne zu verschärfen, aber auch ohne zu schonen.
Ich muß nun etwas chronologisch vorgehen und komme zurück auf das Kapitel Maurer.
Der Unwille gegen Maurer war auf das äußerste gestiegen, hier und da hörte man laute und versteckte Drohungen. Besonders die Matrosen hatten Rache geschworen, und dem Braven war wohl selber für sein Leben bange. Am 9. November kam der Matrose Grimm, ein Hüne von Gestalt, zu Maurer, um von ihm Stroh zu fordern, das der verweigerte. Ob es böse Worte gab, weiß ich nicht, im Augenblick hatte Grimm die Faust erhoben, die wuchtig auf Maurer niedersauste, dann stürzte er sich auf ihn, und wer Grimm kannte, wußte, was bevorstand. Zwei Nachbarn warfen sich dazwischen und erreichten es gerade noch, daß Maurer sich seinem Gegner entwinden konnte. Er flüchtete sich zu seinen Schützern, den Franzosen. Grimm wurde ins Gefängnis geworfen und zu dreißig Tagen verurteilt. Nun war Maurers Urteil zugleich gesprochen, denn daß die Matrosen ihren Kameraden rächen würden, war gewiß. So wählte Maurer sauren Gesichts das einzige Mittel, das ihm blieb, er machte sich zum Fürsprecher für seinen Angreifer und erreichte, daß dieser freigelassen wurde. Das Schicksal hatte ihn zu schwererer Tat und schwererer Buße aufbewahrt.
So zog diese Wolke noch vorüber. Von dem Tage an war Maurer vorsichtiger geworden und wir vorsichtiger gegen ihn, denn wir fürchteten heimtückische Rache. Aber neue Angriffe konnten nicht ausbleiben, so sehr wir sie zu verhindern suchten. Die Wut der Matrosen legte sich nicht. Am 24. desselben Monats wiederholte sich der Vorfall. Ein Matrose wandte sich drohend gegen Maurer, die anderen standen ihm zur Seite, und es drohte ein allgemeiner Ausbruch gegen den Vogt zu werden. Der Appell war vorüber, die Türen schon geschlossen. In seiner Herzensangst schlug Maurer mehrere Male gegen die geschlossene Tür, um Hilfe heischend und rief nach den Wachen. Die kamen, und der Matrose wurde von Maurer bezeichnet und abgeführt. Die Türen wurden wieder geschlossen, und als nun definitive Abrechnung erfolgen sollte, war Maurer verschwunden. Er hatte sich ins Wachtzimmer gerettet und hat es nicht gewagt, auch bei Tage nicht, zu uns zurückzukehren. Er begegnete uns nur noch, wenn Gendarmen auf dem Hofe waren, und das war gut so, es hätte leicht böse enden können.
Ereignisse folgten auf Ereignisse, fast ein jeder Tag brachte neue Aufregungen, und der Mann stand noch an seiner Stelle, die Franzosen schätzten die Dienste, welche er ihnen leistete. Das haben sie uns häufiger gesagt, und das schnitt jede Beschwerde ab. Sie hatten wohl auch Grund dazu, und sie schützten ihn recht wirksam. Wer sich dem Mann widersetzte oder ihn beleidigte, flog unerbittlich ins Gefängnis. Er nutzte diese Macht aus, nur so konnte er sich halten, und so war er den Franzosen genehm. Damals füllten das Gefängnis zwei Kategorien von Verbrechern:
- die, welche Maurer beleidigt hatten,
- die, welche sich beim Arzt krank gemeldet hatten und nicht krank befunden wurden.
So erwachte dem Würdigen damals ein Nebenbuhler, welcher den Haß der Gefangenen auf sich und von ihm ableitete, es war das der Arzt des Gefangenenlagers, der Médecin-Aide-Major Dr. Marcantoni, und eines seiner ersten Opfer war wieder ich. Darin bewies ich bewundernswürdiges Talent, das sich später noch steigerte.
Casabianda, 30. November 1914.
Meine liebe Armgard!
Und wenn man überhaupt nichts mehr glaubt und wenn alles Narretei erscheint, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Das heißt nicht etwa: „Ich bin frei“, aber ich, der noch vor wenigen Wochen fürchtete, daß die Nerven reißen und das Herz klappen werde, der gestern auf Stroh lag im Schuppen unter dauernder Aufsicht der Gendarmen und Forestiers, auf verlaustem Stroh und nachts unter dickem Mantel frierend, bewohne heute ein Zimmer mit Bett! Mit Schreibtisch! Ein Klosett zur Verfügung, auf das ich mich setzen darf! Ein Ofen im Zimmer zum Heizen und Kochen. Er prasselt lustig, während ich schreibe. Das alles kam so:
Heute morgen wollte ich, wie meist, mit der Waldkolonne ausrücken. Ich tue das gern, um dem ewigen Getöse und Nervengepauke hier zu entgehen. Da treffe ich den Burschen von Dr. Marcantoni, der mir sagt, des Doktors Bruder sei im Kriege gefallen, er selbst ginge auf Urlaub, wie lange wisse man nicht, er suchte mich, um mir seine Vertretung zu übergeben. Ich kehrte um und folgte dem Burschen zu Marcantoni. Der saß im Offizierskasino, stand natürlich nicht auf, als ich eintrat, reichte mir seine linke Hand und bat mich, seine Vertretung zu übernehmen, da er sofort reisen müsse. Ich erteilte ihm meinen Segen zur Reise und wünschte im Herzen, er käme nie wieder. So zog er ab.
Der Bursche führte mich nach oben, dort Revier zu halten. Ich weigerte mich und ging zum Kommandanten. So bekam ich im neuerbauten Hospital ein freundliches Zimmer und fühlte mich wieder einmal Mensch und Arzt. Nachmittags hielt ich Sprechstunde und machte Krankenbesuche. Mehrere der Kranken sind besorgniserregend, besonders ein junger Mensch, Ziesing. Er leidet an schwerster Dysenterie, und der Arzt hatte es bisher noch nicht für nötig gehalten, ihn zu besuchen, so oft er darum gebeten ist.
Dann gehe ich nach Aleria, einem kleinen Flecken, 20 Minuten von Casabianda entfernt, um Geräte für meinen neuen Haushalt zu besorgen, denn ich nehme an, daß ich hier bleiben werde, auch wenn Dr. Marcantoni zurückkommt. Dann bitte ich den Kommandanten, für unsere eigene Rechnung Medikamente aus Bastia verschreiben zu dürfen, was mir erlaubt wird. Ich habe mir die Lampe angesteckt, mein Tisch steht gerade vor dem großen Fenster, das auf freies Feld führt. Die Lampe leuchtet wie ein heller Scheinwerfer hinaus. Ich bewohne das Hospital, welches noch im Bau ist, ganz allein und habe mich von innen eingeschlossen. Der ganze Bau liegt am Ende der Domäne, außerhalb des Tores, das die Gefangenen abschließt. Nun bin ich also den Korsen ans Messer geliefert und kann erproben, ob sie wirklich so grimmig sind, wie Simeoni sie schildert. Ich bin weit hinaus sichtbar, das Fenster hat keinen Vorhang. In zehn Meter Entfernung stehen drei große Platanen, die gute Deckung bieten. Ein Schuß von da, und ein Boche ist weniger, der Schütze liefe nicht die geringste Gefahr, entdeckt zu werden.
Ein eigenartiges Gefühl beschleicht mich. Und wenn es so geschähe! Die Kugel schreckt mich nicht mehr, Furcht habe ich überhaupt abgelegt, aber Euch möchte ich wiedersehen nach allem Leid, Dir danken und den Kindern erzählen, was ich gelernt habe, und sie lehren.
Die Ruhe des heutigen Abends! Ich bin todmüde von allen Aufregungen, aber Krankheit und Unmut sind gewichen. Ich wollte ja nichts anderes, als meinen kleinen Anteil am Kriege gewinnen. Nun ist mir wieder zumute wie damals in Frioul, in der Glanzzeit meiner Gefangenschaft. Vielleicht kann ich hier wirken wie damals, ein Arzt tut so not. Wenn Marcantoni nur lange genug fortbleiben oder besser gar nicht wiederkommen wollte. Die tiefe Ruhe des heutigen Abends nach dem ewigen Krakeel und Geschrei da oben! Nach den sinnverwirrenden Gerüchten und Debatten! Die tiefe Ruhe des heutigen Abends wirkt so erschütternd. Ich glaubte, ich hätte das Denken verlernt und ich denke! Der heutige Abend wird mir unvergeßlich bleiben, wie eine Aussprache mit Gott. Ich hab’s besser gehabt als die anderen und war doch Tag für Tag verzweifelt. Nun will ich für andere schaffen.
2. 12. Heute, der hundertste Tag unserer Gefangenschaft, verlief ruhiger, vielleicht mehr für mich. Ich hatte die Nacht gräßlich geschlafen in meinem neuen Bette, der Ofen war ausgegangen, und ich bekam ihn nicht wieder an. So fror ich erbärmlich und sehnte mich nach meinem Ehebette mit Bonitz zurück. Auch gesundheitlich fühlte ich mich nicht wohl. Man kann alle diese Magen- und Darmkrankheiten gar nicht recht präzisieren. Sie sind bedeutungslos, wo man in seiner eigenen Behausung sich pflegen kann, und wachsen zu unendlichen Belästigungen, wo alles fehlt.
Um ½7 Uhr weckten mich die Arbeiter, welche ihr Werk begannen. Ich schloß auf und ließ sie herein. Es war gräßlich kalt. Mein Bursche, ein Soldat, machte Feuer. Ich wusch mich, kochte mir Schokolade, röstete mir Brot und aß es mit Butter dazu. Kein Lärm, kein Streit, auch morgens die köstliche Ruhe. Ich hörte kein Signal zum Appell, kein Sergeant trat herein: „Vorwärts, eilen Sie sich, flott, flott!“ Ich sah keine rote Hose und keine blaue. Ich kleidete mich wieder wie in Frioul, dem Range entsprechend. Dann ging ich um 8 Uhr durch das Tor auf den Kasernenhof. Der Lärm dort ging an meinen Ohren vorbei. Ich besuchte einige der Bekannten (Moritz und Bonitz waren ausgerückt), Schmidt und Dr. Bayer, ging dann zu den Schwerkranken, sie zu vertrösten, daß zwar noch keine Medikamente da seien, daß ich sie aber bestellt habe. Es wirkte das; die bisherige Behandlung besser zu gestalten, war keine Kunst. Sie verlangten so wenig, die armen Menschen, und dem wenigen war nicht zum zehnten Teil Genüge geschehen. Dann ließ ich den französischen Trompeter das Signal blasen „Zum Arzt“, das etwa wie ein Triumphsignal klingt, und hielt Sprechstunde. Die Leute sollten nicht, wie bei meinem humanen Kollegen, stundenlang auf dem eisigen Flur warten, darum war ich sofort zur Stelle und begann. Reichlich war doch die Krankenzahl, etwa 30 heute. Ich hatte gebeten, es möchten nicht zu viele am ersten Tage kommen, um den Unterschied nicht zu augenfällig zu machen. In den letzten Tagen hatte sich bei dem Unmenschen von Arzt kaum jemand noch gemeldet, um nicht noch die übrigbleibenden Räume des Gefängnisses auszufüllen und sich dem Zuge anzuschließen, der nachmittags bei uns vorbeigeführt wurde. Unrecht war es auch, daß viele Gesunde die günstige Konjunktur ausnutzten und so den Kranken es erschwerten, sich krank schreiben zu lassen. Die Sprechstunde beginnt mit den Herren Franzosen. Es ist doch ein anderes Bild, wenn jetzt der Mann von „Vorwärts, vorwärts! Flott, flott!“ vor mir steht, von meinem Urteil abhängig. Ich denke immer, was würde ich tun, wenn alle unsere Vögte einmal in einem Gefangenenlager von mir abhängig geworden wären, wie es unser Traum war beim geträumten Einzug der Italiener. Ich fürchte fast, wir ließen sie es doch nicht genug entgelten. Jetzt behandle ich die Kerle natürlich gut, nicht meinetwegen, sondern der anderen wegen und weil ich auch denke, es könnte mir gehen wie weiland Prinz Sigismund in Calderons „Leben ein Traum“. Da kommt so einer unserer größten Schinder und winselt mir täglich in die Ohren, ich möchte doch für ihn sprechen, daß er vierzehn Tage Urlaub erhält. Ich tu’s natürlich schon meiner Kameraden wegen, daß sie ihn für einige Zeit los sind, und hab’s auch durchgesetzt. Wenn er gehängt worden wäre, wär mir’s natürlich lieber gewesen; so war aber das doch immerhin ein Ausweg.
Danach kommen noch andere vier Franzosen ordnungsgemäß mir vorgeführt. Ich bin konziliant und schreibe sie alle dienstfrei. Dann folgen die 34 Deutschen, und ich muß meine ganze Diagnostik zu Hilfe nehmen, alle zu rubrizieren. Ein schweres Stück Arbeit. Es gelingt bei gutem Willen, und ich hätte mir eher den Finger abgehackt, ehe einer von ihnen durch mich in den Kerker käme. Wenn sie das ausnutzen, fällt das auf sie zurück, grob behandle ich manchen, aber bestrafen durch die Franzosen lasse ich ihn nicht.
Nach der Sprechstunde gehe ich nach oben, besuche meinen Freund und Nachfolger als Küchenchef Radei, dem die Arbeit auch schon über ist, dann zum Bericht beim Kommandanten, der interessiert scheint. Ich versuche sogar, Französisch mit ihm zu sprechen. Ich bitte ihn um Autorisierung meiner Unterschrift für Rezepte, die ich ausstelle und aus Bastia schicken lasse und erhalte sie. Weiter bitte ich zur Bereitung von Krankensuppen um Extrabewilligung von Reis usw. Er geht sogar selber mit mir zum Furageoffizier, der mir alles Verlangte in einen Sack füllt; da ich keine Träger beanspruchen kann, trage ich den Sack eben selber in die Küche. Nun kommt etwas weit Wichtigeres. Das Hospital hat so viele Betten unbenutzt. Da einige Kranke auf dem Strohlager nicht weiter bleiben können und das Lazarett zur Aufnahme nicht fertig ist, bitte ich, provisorisch die Betten den Schwerkranken, deren ich fünf zitiere, heraufschaffen zu können, um sie, sobald die Arbeiter fertig sind, im selben Bett wieder nach unten zu transportieren. Das wird mir nicht bewilligt. Gut denn: Der Wille genügt. Also das nächst zu Erreichende: ich hoffe, daß Dr. M. noch lange fernbleibt und möchte das Lazarett nutzbar machen. Morgen werde ich wieder vorstellig werden. Ich gehe zurück und finde von Schwägerin Else ein Paket mit Pfefferkuchen, Katharinchen, wie sie Großmutter immer nannte, und wie wir sie zu Weihnachten uns wünschten, und ein zweites mit warmen Strümpfen. Du weißt gar nicht, wie solche Gaben freuen. Es ist das Erfreulichste am Tage, wenn ich von Dir und den Geschwistern solche Geschenke erhalte. — Also ich brenne den Ofen an und röste mir die Katharinchen, verbrenne sie zum Teil, aber sie schmecken doch. Dann setze ich mich hin und schreibe an Dich, dabei bin ich noch.
Radei und Bonitz, die nachmittags hier waren, gaben mir doch den Rat, ich sollte etwas vor das Fenster hängen, denn die Verlockung für die Korsen sei zu groß. Ich tue das und hänge meinen Operationsmantel davor.
Ich habe heute seltsames Glück gehabt. Wäre ich abergläubisch, so dächte ich an den armen Polykrates, aber ich will optimistisch denken und hoffe, ich werde weiter Glück haben. Beim Waschen war mir Frau Boehmes Ring, den ich, wie Du weißt, nach ihrem schweren Schicksal und Tode sehr hochhalte, von meinen immerhin abgemagerten Fingern geglitten, und ich hatte es nicht gemerkt. Zwei Stunden später, als ich zurückkam, sah ich etwas im Sande funkeln, und es war der Ring. Dann vermißte ich ein Pfundstück englisch. Es war mir mit dem Taschentuch aus der Tasche geglitten. Auf dem Wege zur Küche traf ich Dr. Heller und erzählte ihm von dem Verluste. Natürlich war es mir fraglos, daß ich das Goldstück nicht wiedererhielte. Er griff in die Tasche und sagte: „Da nehmen Sie es wieder.“ Ich war sprachlos, die Lösung war einfach. Ein Herr hatte das Goldstück gefunden, zu Heller gesagt, wenn wir ausrufen, ein Pfundstück ist gefunden, so melden sich wohl fünfzig Verlierer. Also warten wir ab, ob jemand den Verlust beklagt, sonst verwenden wir es fürs Rote Kreuz.
Also es sei eine gute Vorbedeutung.
Es ist 10 Uhr, ich habe meine Mahlzeit verzehrt und stecke mir trotz Maurer eine Pfeife an und trinke behaglich guten Wein. Der Wein ist fast glühend, er stand zu nahe am Ofen, und ich habe tüchtig eingekachelt, weil es eisig kalt war. Ich will mich einmal ordentlich aufwärmen auf Franzosen- und Korsenkosten. Darum lasse ich das Feuer nicht ausgehen, stecke immer neue Scheite hinein. Mögen sie mir das abziehen vom Gehalt als Médecin-Aide-Major, oder später von den Ersatzansprüchen; für die Franzosen besser, sie zahlen’s jetzt und ziehen’s später ab. Ich habe noch genug Holzscheite im Zimmer, und der Korridor liegt voll davon. Heute sind wir hundert Tage gefangen. Im Holzschuppen da oben feiert man gewiß. Ich wollte wohl mitfeiern, aber heute taugte ich wenig dazu. So sehe ich ins Feuer und schreibe folgendes herunter:
Zum hundertsten Tage unserer Gefangenschaft.
Am Franzosenfeuerofen feire ich allein den Tag,
Und ich werfe große Stoven in den überheizten Ofen,
Kost es, was es kosten mag,
Mich kostet es nichts!
Wär ich als Spion gefangen, setzte ich mich nicht zur Wehr,
Mitgefangen, mitgehangen, an die Wand und ohne Bangen,
Das ist Krieg, und das ist Ehr,
Das kostet das Leben.
Aber so vom Schiff gezogen aufs Ponton und Château d’If,
Immer weiter weggelogen, nach Frioul und auf die Wogen,
Bis die Korsin heiser rief:
Das kostet das Leben!
Hundert Tage so bezwungen, so begeifert, maledeit,
Von den blödesten der Jungen, Korsenförstern, Weiberzungen,
In den Ofen, Scheit auf Scheit,
Mag’s teuer euch kosten!
Rektor Kalb sagte mir vor einigen Tagen, daß die Gefangenschaft so sehr auf ihn gewirkt habe, daß er sich seiner Schüler nicht mehr entsinnen könne, kaum seiner Verwandten, er könne sie sich bildlich nicht mehr vorstellen. Andere versichern dasselbe. Ich zwinge mich, nicht an die Vergangenheit zu denken, weil das zu nichts führt, vor allem lasse ich die fruchtlosen Vorwürfe: Warum hast du das so gemacht und nicht so. — Fatum. — Was ich tat, mußte ich tun; daß es unglücklich ausschlug, wer will mich dafür verantwortlich machen, wo ich es selber nicht tue? Darum konzentriere ich mich auf das eine: Durch! — Dich selber erhalten! — Die Gefahr ist groß, aber vielleicht beurteilen wir die Möglichkeiten schwerer als sie sind, das habe ich in den letzten Tagen erfahren. Ich höre nicht mehr das sinnenverwirrende Stimmendurcheinander, ich spreche mit einzelnen, wie Mensch zum Menschen. Man muß sich langsam daran gewöhnen. Das Fürchterlichste war es doch: hundert Tage im Kreise schreiender, sich zankender, politisierender Massen zu leben. Es gab so viele gute Elemente, aber die schweigen mehr; und die schrien, waren meist die Gewohnheitsschreier, und sie zwangen die Ruhigen, auch zu schreien, wenn sie zu Worte kommen wollten. Das empfinde ich jetzt so tief, wo ich allein sitze. Das große Leiden bestand darin, daß wir hundert Tiere in einem Käfig waren, alle gierig nach derselben Kost, nach Freiheit, und edel genug, zusammenzustehen und keinen drinnen zu lassen, wenn der Wärter, die Käfigtür öffnen sollte. Das Massenwesen war es, was uns erdrückte, und es war uns aufoktroyiert, wir durften uns ihm nicht entziehen, wenn wir nicht Verräter werden wollten an denen, die mit gleicher Schmach von unseren gemeinsamen Feinden behandelt wurden. Aber daß das Massenwesen unsere Nerven zerreißt, das empfand ich gestern, als ich die erste ruhige Stunde nachmittags mit Radei sprach und später in Ruhe mit Bonitz über alles verhandelte. Köstliche Ruhe. Das vielköpfige Ungeheuer, die Masse, wirkt in kleinem Umfange so unerträglich. Man sagt zwar, daß die Einzelhaft weit schwerer zu ertragen sei als die Massenhaft; auf die Dauer mag beides gleich erdrückend wirken, wie alles, was dem Wechsel nicht unterlegen ist.
Der Kommandant erlaubt mir, Erholungsbedürftige, nicht Schwerkranke, ins Hospital zu nehmen, immer „auf ihre eigene Gefahr“. Schwerkranke, schon dysentrische, kommen nicht in Betracht, weil die Heizungsvorrichtung noch nicht funktioniert; eine provisorische auf unsere Kosten legen zu lassen, wird mir erst erlaubt, dann wird die Erlaubnis wieder zurückgezogen. So nehme ich Bonitz und Radei ins Hospital. Bonitz ist stark erkältet, leidet überhaupt unter niedriger Temperatur, ich lege ihn zu mir ins Zimmer, wo ordentlich geheizt wird.
5. 12. Heute ist noch Dr. Arranza hinzugekommen. Ich werde zum Hauptmann gerufen, und nun passiert etwas, was wieder, meiner Meinung nach, nur im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten geschehen kann. Vier Forestiers haben das Gesuch um Invalidisierung eingereicht, ich werde beauftragt, das ärztliche Gutachten abzugeben. Man legt mir genau das vorgedruckte Gutachten vor, wie es Dr. M. früher gezeichnet hatte. Der Hauptmann bringt mir selber die vier Leute zu, setzt sich in mein Zimmer, während ich untersuche. Unter den vieren ist der, welcher mich nicht durch den Posten ließ und mir den Revolver auf die Brust setzte. Heut sieht er bittend zu mir. Ich untersuchte, gab genaues Urteil ab, es handelte sich um echte Staatskrüppel, unterzeichnete als offiziell beauftragter Médezin, und sie sind alle vier frei geworden, ohne neue Untersuchung. Ist das bei uns möglich? Es wird hier alles auf den Kopf gestellt, vor einigen Tagen sagte mir derselbe Hauptmann, der heute bei der Untersuchung zugegen ist, daß zweihundert von solchen, wie wir, Eide leisten können, das Wort eines französischen Soldaten sei glaubwürdiger. Santa Republica! — Nun sind sie alle äußerst höflich, und die Hunde, die eben so laut bellten, wedeln. Auch den Revierdienst der französischen Soldaten halte ich regelrecht mit Eintragung in die Revierbücher und Zeichnung meines Namens ab.
Der Kommandant hat einfach gefordert, daß ich für das Lazarett volle Verantwortung nähme, auch für die, welche ich hereinlege. Das macht er gern so. Wir sitzen abends zusammen, Radei, Bonitz und ich, und sprechen über alle Ereignisse der vergangenen Tage. Wir lassen Revue passieren. Wir leben ein Narrenleben und wissen nie, was der morgige Tag bringen wird. Morgen ist Papas Todestag. Ich werde nach Hause denken. Was wir hier durchmachen, wird uns als klares Bild erst vor Augen treten, wenn der Vorhang sich darüber geschlossen hat, wenn das ewige Bildzittern, wie im Kinematographen, das schnelle Hin- und Herbewegen, wie dort, sich vor dem klareren Auge der Erinnerung zu einem vielleicht sogar folgerichtigen Bilde vereinigt. Manchmal denke ich, vielleicht ist all das, was wir erleben, gar nicht so unwichtig für uns, als könne es beitragen, Charaktere zu erziehen. Darin werde ich bestärkt, wenn ich sehe, wie der Willensschwache so widerstandslos verkümmert. Ja, wenn wir jünger wären und ein Leben vor uns hätten, das zu verwerten, was wir gelernt. Den Jüngeren mag die Schule wertvoll sein, für die Aelteren ist sie reichlich hart. Wir haben uns in unserem Alter und in unserer Stellung wie Hunde demütigen müssen, gehungert, gedarbt, uns mit Stroh, mit allerhand Ungeziefer geplagt, wir haben die zu Grabe getragen, die dem auferlegten Lose nicht gewachsen waren, andere hat die schwere Zeit für Tod oder Siechtum gezeichnet. Und ich sage mir doch, es war der Einblick in so vieles, das ich nie geahnt, politisch nicht und menschlich nicht, es war eine so romantische, gewaltig traurige Zeit, daß ich nur hoffe, ich halte sie durch, um den Kindern zu erzählen von dem, was das Leben bietet und fordert, von Recht und Unrecht, Ordnung und Unordnung, von falscher und wahrer Ehre. Ich fühle mich in der Besserung und denke, ich werde Widerstand leisten können. Wer weiß, was morgen auf mich hereinbricht. Gefaßt bin ich auf alles. Küsse die Kinder!
Max.
Herr Kommandant!
Ich erlaube mir, folgendes beschwerdeführend mitzuteilen: Am 30. November wurde mir von Herrn Dr. Marcantoni, Aide-Major, dann von Ihnen die ärztliche Vertretung des ersteren übertragen. Sie gaben mir schriftlich die Erlaubnis, in der Infirmerie Wohnung zu nehmen.
Ich übernahm den Posten und führte ihn, wie wir gelehrt sind, gemäß den Gedanken der Genfer Konvention in gleicher Behandlung der französischen Forestiers und Gendarmen, welche mir täglich zugeführt wurden und welche ich auch auf ihren Zimmern besuchte, wie der deutschen gefangenen Soldaten und Zivilisten aus. Von Ihrer Erlaubnis, Herr Kommandant, machte ich Gebrauch und legte drei Kranke, Bonitz, Radei und Dr. Arranza, provisorisch in die Infirmerie.
In der Zeit meiner Vertretung des Herrn Dr. Marcantoni wurde ich zugleich beauftragt, vier Forestiers auf Invalidität zu untersuchen, was ich tat, in der Meinung, hierin wie in der anderen Vertretung meine Pflicht getan zu haben. Gestern abend gegen 8.40 Minuten wurde gegen das Tor des Hospitals geklopft. Herr Dr. Marcantoni trat mit einigen Zivilisten und einigen Forestiers ein, Bonitz, Radei und ich waren in dem uns zur Verfügung gestellten Zimmer, welches durch den Ofen gut durchwärmt war. Dr. Arranza auf seinem Bette in der Halle. Herr Dr. Marcantoni führte aus, sein Haus sei zum Hotel und Bordell geworden, und forderte uns auf, sofort die Infirmerie zu verlassen. Als ich fragte, ob ich bleiben dürfte, sagte Herr Dr. Marcantoni: „Sie dürfen natürlich bleiben, aber besser, Sie gehen auch.“ So mußte ich schleunigst das Zimmer räumen; es wurde mir nicht erlaubt, meine Zigarrenkiste oder Eßwaren zu berühren. Als auch meine Patente als Stabsarzt von einem Zivilisten mit Beschlag belegt wurden, rief ich Herrn Dr. Marcantoni zu Hilfe, welcher mir erlaubte, meine Papiere mitzunehmen. Ich selbst wurde in einem Aufzuge, der meines Standes unwürdig war, in die Halle oben gebracht, wo ich ein Strohlager fand. Mein Einwurf, daß es sich bei den anderen um Kranke handele, begegnete einem Lachen des Herrn Dr. Marcantoni. Ich bin bereit, die Krankheiten der drei Kranken, wie ich sie notiert, wissenschaftlich zu beweisen.
Ich bitte, Herr Kommandant, Protest einlegen zu dürfen gegen eine derartig entehrende Behandlung, 1. als Arzt im Namen der Wissenschaft und Humanität, 2. als deutscher Sanitätsoffizier, in Berücksichtigung des erschwerenden Umstandes, daß ich kriegsgefangen und nicht in der Lage bin, mich gegen Beleidigung zu verteidigen, 3. als von Ihnen, Herr Kommandant, und von Herrn Dr. Marcantoni persönlich eingesetzter offizieller Stellvertreter des französischen Aide-Majors, dessen Funktionen mir übertragen sind und die ich erfüllt habe.
Sollten Sie, Herr Kommandant, für diese Frage nicht die zuständige Behörde sein, so bitte ich Sie, diese Beschwerde weiterzureichen. Zugleich bitte ich als Offizier meine Versetzung nach Corté so bald als möglich anordnen zu wollen, da nach der gestrigen Behandlung meine Stellung hier entwürdigt ist, und mich vom Dienste bei Herrn Dr. Marcantoni zu entbinden. — Mit der Versicherung.....
Dr. Br., San.-R., St.-Arzt a. D.
Das Dokument, welches mir die Erlaubnis gab, in der Infirmerie zu wohnen, zeigte ich dem rasenden Marcantoni, der mir natürlich wieder sagte: „Ich pfeife auf den Kommandanten.“ Der Mann ist von einer satanischen Schlechtigkeit, das erkannte wohl jeder, auch die Franzosen. Er will uns zugrunde richten, uns schädigen und erniedrigen, wie er kann. Radei und Bonitz mußten am nächsten Tage zum Arzt, der sie, ohne sie zu untersuchen, gesund schrieb, ihnen sagte, sie sollten das Lazarett reinigen, und sie dazu anstellte. Dann sollten sie in den Kerker. Wofür? Es schreit zum Himmel!
Meine Beschwerde legte ich dem Kommandanten persönlich vor, der mich, nachdem er sie nochmals gelesen, rufen ließ. Es war dies auf dem Hofe. Er nahm mich beiseite, dann sagte er, er selber sei außer sich, daß so etwas vorgekommen sei, aber er könne nichts dabei tun. Ob ich nun damit zufrieden sei, daß er sofort nach Corté geschrieben, der Gouverneur möchte provisionell Order geben, daß ich als Offizier nach Corté berufen werde. Er selber könne nur verfügen, daß, ich nicht weiter unter Herrn Dr. M. zu stellen habe. Ich sprach nun sehr erregt zu ihm, erst französisch, dann riefen wir den Dolmetsch, Comte Peraldi. Ich bat ihn, dem Kommandanten zu sagen, daß ich nicht für mich spräche, sondern für die anderen. Dr. M. hat heute zwei Herren, Radei und Bonitz, die sich krank gemeldet, gesund geschrieben, und läßt sie wegen falscher Krankmeldung einsperren. Aber er hat kein Urteil über ihre Krankheit und kann es nicht haben, da er sie nicht einmal den Rock hat öffnen lassen, geschweige denn irgendeine Untersuchung vorgenommen hat. Ich kann wissenschaftlich beweisen, daß der Herr Dr. M. so keine Diagnose stellen kann, daß es sich bei ihm also nur um persönliches Uebelwollen handelt. Ich fuhr noch erregter fort: „Herr Kommandant, so sterben die Menschen hin, und so wird einer nach dem andern diesem Arzt zum Opfer fallen.“ Graf Peraldi verdolmetschte, ich griff des öfteren in schlechtem Französisch ein und sprach mit Händen und Füßen. Er fragte, was ich von ihm verlange. Ich antwortete, wir bäten um einen anderen Arzt, der Kranke sich zum mindesten ansähe. Weiter bat ich, man möchte von einer Bestrafung Radeis und Bonitz’ Abstand nehmen. Sie könnten weder arbeiten noch ins Gefängnis; sie seien krank. Er versprach alles, der arme Mann, wenn er es auch halten könnte! Um seinen Worten Applomb zu geben, rief er den Leutnant Simeoni, dem diktierte er die Namen beider mit dem Befehle, sie dürften nicht arbeiten, auch nicht in der Infirmerie, es sei ihnen auch jede Strafe zu erlassen.
Dann wandte er sich an mich und fragte, ob ich nun zufrieden sei. Ich war es und dachte, es würde geschehen, wie er es gesagt. Ich Optimist! Es waren wenige Stunden nach dieser Unterredung vergangen. Ich stehe in der Küche mit Bonitz und Radei und erzähle ihnen von dem Erfolge bei dem Kommandanten. Da kommt die Ordonnanz des Arztes: Bonitz und Radei sollen kommen zur Arbeit. — Ich sage: Ich habe Auftrag vom Kommandanten, die beiden dürfen nicht arbeiten. Er kommt zum zweiten Male; ich rufe mir den Comte, der heute verdolmetscht hat. Der sagt der Ordonnanz: Sagen Sie dem Dr. M., Befehl vom Kommandanten, daß Bonitz und Radei arbeitsfrei sind. Jetzt kommt er zum dritten Male. Der diensthabende Offizier Simeoni steht da; ich wende mich an den. Simeoni sagt, daß er den Befehl habe, die beiden nicht zur Arbeit zu schicken.
Während ich mit dem verhandle, stürzt wie eine Viper aus dem Verstecke Dr. M. auf mich zu, den keiner vorher gesehen hatte. Er ergreift mich an der Weste: „Sie sollen’s mir büßen; jetzt sollen Sie arbeiten!“ Im Nu war ich umringt von bewaffneten Forestiers und wurde abgeführt.
Nun kommt, was folgt:
Casabianda, 10. Dezember 1914.
Herr Kommandant!
Meiner gestrigen Beschwerde über Herrn Dr. M. füge ich heute eine neue, weit schwerere zu:
Herr Dr. M. hat mich gestern handgreiflich festgenommen, mich unter Zurufung der Forestiers, unter Androhung von Gefängnis zum Lazarett zur Zwangsarbeit führen lassen, ist selber dorthin gekommen und hat mir aufgetragen, den Abort des Lazaretts zu reinigen und mich zur Arbeit angetrieben. Ich habe die Arbeit getan, bis ich durch Sie, Herr Kommandant, erlöst wurde. Der französische Militärarzt hat mich als wehrlosen gefangene deutschen Militärarzt in einer Weise, die mich entehren sollte, beleidigt.
Mit dem Vorgehen des Herrn Dr. M. gegen mich ist der internationale Aerztestand durch einen Arzt, der Offizierstand durch einen Offizier beschimpft. Ich bitte Sie, Herr Kommandant, mich zu schützen vor den Angriffen dieses Herrn und meine Beschwerde höheren Ortes vorzulegen.
Ich bin...
Der Vorfall hatte natürlich im Lager das größte Aufsehen erregt. Marcantoni stand wie ein Satan neben mir; ich war völlig ruhig, er um so erregter. Er schaufelte mit den Händen Schmutz vom Boden und sagte mir, so sollte ich es machen. Ich nahm einen Eimer, Wasser zu holen, während er im Lazarett blieb. Den Eimer ließ ich am nächsten Wasserkran stehen und lief herauf zum Kommandanten, der gerade im oberen Lager war. Der ging mit Simeoni und dem Comte. Ich trat auf ihn zu und berichtete deutsch, was mir Dr. M. zugemutet. Er war äußerst erregt, schickte sofort den Comte mit mir zu Dr. M., mit nun endlich energischem Befehl, mich zu keiner Arbeit, sei es, welche es sei, zuzuziehen. Der Comte war selber erregt, als er den Befehl überbrachte. Der Arzt gab mich frei.
Es war viel und Schweres, was mir in der kurzen Zeit durch den Kopf ging. Widerstand, Weigerung! Fünf bis zehn Jahre Zwangsarbeit stehen darauf. Den Mann niederschlagen! Tod ohne Zweifel, füsiliert werden. Ehrlos verscharrt werden in französischer Erde, nie den Meinen sagen dürfen, was mir geschehen und in mir unserer Nation, unserem Stande!
Ich bin mit Willen der Waffengewalt gewichen und tat das einzige, was ich tun konnte und mußte. Die Gründe sind klar. Erstens stehen Bonitz und Radei mir gesellschaftlich nicht nach, und was die arbeiten müssen, kann ich auch. Außerdem hat man mir eine Waffe in die Hand gegeben, die ich für andere gebrauchen kann. Ueber einen Zwischenfall traurigster Natur, der in diese ganze Aufregung fällt, will ich hier berichten. Schielke und Pressel sind flüchtig geworden, sie wollten am Strande ein Boot nehmen und nach Elba oder Sardinien fahren. Das ist fehlgeschlagen, sie sind festgenommen und zu vier Wochen schweren Kerkers verurteilt worden. Was das heißt, weiß keiner, der nicht diese vorweltlichen Löcher gesehen. Lt. Simeoni hat sich geäußert, sie wüßten wohl, daß da keiner nach vier Wochen lebendig herauskäme. Wir hoffen, es zu erreichen, daß die Strafe gemildert wird, sonst fürchten wir für ihr Leben.
Mein Kelch ist nicht voll, er beginnt sich langsam zu füllen. Ich bin gefaßt auf alles. Das eine hoffe ich jetzt mit immer größerer Zuversicht, daß man mich nicht geistig unterkriegen wird, wenn der Körper standhält. Ich spüre im Gegenteil etwas wie Gesundung. Je mehr auf mich geschlagen wird, desto härter will ich werden.
Am nächsten Morgen, dem 10. Dezember, überreichte ich meine Beschwerde persönlich dem Kommandanten. Er geriet in heftigste Erregung, ich habe ihn nie so gesehen. Aber die Angst, die Beschwerde weiterzugeben, überwog doch alles anständigere Denken. Er beschwor mich, ich solle ruhig bleiben, die Schuld trage die wahnsinnige Erregung der Franzosen gegen uns. Ich blieb fest, der Comte unterstützte mich. Der Kommandant sagte in größter Erregung: „Le docteur est un homme charmant mais d’un race sale.“ Der Comte übersetzte mir das: Dr. Br. ist ein scharmanter Mann, aber leider eben Deutscher. — Ich hatte mir das Wort, das ich nicht verstand, aber gemerkt, und ließ es mir später richtig übersehen, sale heißt schmutzig. So beleidigte also auch der Kommandant seine Gefangenen, der uns als Gentleman galt.
Der Kommandant lief dann noch einige Male im Zimmer umher. Schließlich blieb er vor mir stehen und sagte: „Besinnen Sie sich 24 Stunden, so lange gebe ich Ihnen Bedenkzeit. Wenn Sie dann auf der Beschwerde bestehen, werde sich sie weiterreichen. Aber ich warne Sie.“ Ich ging, und nach 24 Stunden trat ich wieder vor ihn.
Was wird nun kommen? Vielleicht leugnet M. alles, dann komme ich vors Kriegsgericht wegen Verleumdung, oder 30 Tage Kerker! — Gut! —
Repressalien folgen auf Repressalien, unerträglich fast.
Die Arbeiter und die Soldaten haben durchaus minderwertige Ernährung und weigern sich, hungernd zu arbeiten. Ein Trupp Soldaten wird vom Arbeitsführer zurückgebracht, jeder einzelne hat erklärt, er habe Hunger und fühle sich nicht fähig zur Arbeit. Sie werden vor das Haus des Kommandanten geführt, der droht ihnen, Bericht zu machen und ihren Transport nach Marokko zu beantragen. Aber er fühlt doch, daß es so nicht weitergehen kann, und so verhandelt er mit einigen von ihnen und gibt den Arbeitern Zulage an Brot und sonstiger Nahrung. Wieder wurde eine drohende Gefahr beseitigt. —
Wenn in unserem Zimmer auch keine Infektion aufgetreten ist, so hatten wir doch einen schweren Fall von Blinddarmentzündung, der für uns den immer wiederkehrenden Streit mit dem Lagerarzte auslöste. Marcantoni wird gebeten, den Kranken zu sehen. Er verweigert das: „Herunter soll er kommen, oder oben krepieren.“ Wer nur eine Ahnung von Blinddarmentzündung hat, der kennt auch die Gefahr, welche ein Aufstehen und Gehen mit sich bringt. Die Temperatur steigt und Schüttelfrost tritt auf. Zufällig kommt nachmittags der Kommandant zu uns, nun bitte ich ihn, den Kranken zu sehen, wir ständen machtlos, da uns jede Hilfe verweigert würde. Der Kommandant sagte, wie ein Greis mit den Achseln zuckend, wieder dasselbe: „Ich kann nichts tun. Marcantoni und immer noch Marcantoni! Keiner ist verantwortlich als der.“ Nun aber nahte auch die Aera Marcantoni ihrem Ende und heute war der Vielgeplagte auf Urlaub gefahren, ein junger Arzt vertrat ihn, der ihn bald ersetzen sollte. Das überdachte in diesem Augenblick der gestrenge Kommandant, und er gab mit Genehmigung dieses Arztes die Erlaubnis, das zweietagige Bett abzusägen und den Patienten im Bett herunterzutragen. Der hat sich in wenigen Wochen vom ersten Anfall erholt, und Marcantoni ließ seiner wissenschaftlichen Ader wieder freien Lauf und gab der Krankheit einen anderen Namen. — Aber es ging abwärts mit Marcantoni. Die Schweizer Kommission kam unter Führung des Obersten Marvall. Auf den trat ich im Beisein Marcantonis zu, Dr. Heller auch, und nun berichteten wir von diesem Manne, der sich seines Standes unwert gezeigt, als Arzt und als Offizier. Wir wurden erregter und erregter, Marcantoni sah hämisch drein, er konnte nicht Deutsch, aber er fühlte jedes Wort, und unsere Augen wandten sich immer wieder zeigend gegen ihn, und der Oberst hörte zu und machte Notizen. Als ich auf das unerhörte Vorgehen Marcantonis gegen mich kam, wandte sich der Oberst zu mir: „Ah, Sie sind Doktor Brausewetter?“ Als ich bejahte, sagte er: „Nun, dieser Vorfall ist schon dem Roten Kreuz genau zur Vorlage gekommen; aber bitte, berichten Sie darüber noch einmal ausführlich.“ Einige Male unterbrach er: „Wurden Sie mit Gewalt bedroht?“ Ich bejahte, er notierte. Wir wollen hiermit die Tragödie Marcantoni beschließen, auch Patroklus-Maurer ist gestorben! Marcantoni verschwand bald von der Bildfläche, man hat ihn nicht wieder gesehen. Nach Berichten hat er die Uniform ausziehen müssen und ist zu 30 Tagen Gefängnis verurteilt. Jedes weitere Wort über diesen psychologischen Jago wäre zuviel. — Ob wir dafür Herrn Obersten Marvall zu danken hatten, weiß ich nicht. Marcantoni war zum Fällen reif gewesen, und ich weiß auch, wer in der Schweiz so energisch für mich und gegen diesen Partei ergriffen.
Mit dem neuen Kommandanten, den wir als Ersatz des Herrn Teissier in Herrn Pleit, erhielten, sahen wir das Aufgehen gerechterer Tage, und es schien wirklich so, aber der Herr blieb nur kurze Zeit bei uns, wir haben es bedauert. — — —
Fünf unserer Mitgefangenen sind entflohen.
Sie haben am Strande ein Boot genommen, das sie eingerichtet haben. Zwei Nächte noch mußten sie auf der Insel kampieren, während sie am Tage segelten, am dritten Tage kamen sie nach Sardinien, wo sie gut aufgenommen und nach Rom befördert wurden. Dort nahm die deutsche Botschaft sie in Empfang und versorgte sie zur Weiterfahrt. Die Glücklichen! Sie haben Mut bewiesen und ihr Glück verdient. — Daß wir darunter litten, war klar. Wieder wurde verschärft, was noch zu verschärfen war. Ein neues Mittel wurde erfunden. Sämtliche Ausgänge wurden mit Gefangenen als Posten besetzt, das war ein ergötzliches Bild und führte zu ergötzlichen Szenen. Marder, welcher an dem Tore, das zu den Ställen führte, Wache hatte, waltete streng seines Amtes. Ein Franzose hatte einen Gefangenen beauftragt, ihm etwas von dort zu besorgen, Marder ließ ihn nicht durch. Nun kam der Franzose selber und forderte den Durchgang für den Beauftragten, worauf M. ihm kühl erwiderte: „Sie dürfen durch das Tor und sich alles besorgen, der Gefangene darf nicht durch. So ist mein Auftrag.“ Ein „sale boche!“ fluchend, mußte der sich nun selber bemühen. Gleich darauf wurde Marder seines Amtes, das er zu genau verwaltet hatte, entsetzt. Man kann es den Herren nie recht machen. — —
In diese Zeit fällt der Entscheid über meine von allen Seiten unterstützte Eingabe um Freilassung. Und nun muß ich noch einmal, trotz meines Schwures, den Namen des widerlichen Mannes erwähnen. Die französische Regierung schrieb an die amerikanische und spanische Botschaft, daß sie gern meine Freilassung verfügt hätte, besonders da eine so hohe Dame, wie die Infantin Beatriz von Spanien, sich darum bemüht habe, daß dies jedoch unmöglich geworden sei durch das Attest des Arztes. Dr. Brausewetter sei „en parfait état de sante“, wie eine „enquête minutieuse“ ergeben, und „mobilisable“. Das war die Rache Marcantonis gewesen. Ich war ja so vieles gewöhnt worden, aber um meine Frau war mir’s leid. Die hatte so tapfer gekämpft, und nun diese Enttäuschung!
Der Zorn war bei ihr aufgewallt und bei mir. Ich setzte mich sofort hin, schrieb an beide Botschaften und auch an die Infantin Beatriz, daß mich das sichere Urteil des Arztes und die „enquête minutieuse“ aufs äußerste in Erstaunen gesetzt habe. Dr. Marcantoni habe nie eine Frage meiner Gesundheit wegen an mich gestellt, trotzdem die Bescheinigung des preußischen Kriegsministeriums vorgelegen, daß ich wegen Lungentuberkulose aus dem Heere geschieden sei; viel weniger habe er auch nur einmal mich untersucht. Es sei unerklärlich, wie er zu solchem Urteil käme und wie die Note der französischen Regierung von einer „minutieuse enquête“ sprechen könne. Wieder kam der Stein ins Rollen, aber der Weg, den er rollen mußte, war vorgezeichnet. Ein Arzt aus Bastia kam nach einiger Zeit, mich — nun zum ersten Male — zu untersuchen. Er bestätigte meine Angaben nach genauer Feststellung des Befundes und sagte mir dann, ich würde nun freikommen, sein Bericht sei günstig für mich. Durch das Bureau erfuhr ich, daß er mich als immobilisable für jeden militärischen Dienst eingegeben habe, und daß damit meiner Freilassung nichts im Wege stände. Aber das konnte dem Ministerium natürlich nicht passen, es wäre in eine schlimme Lage gekommen und hätte der Infantin gegenüber einfach bekennen müssen, daß die leichtsinnige oder bewußt feindliche Eingabe des Marcantoni zu einem Irrtum geführt habe. Ein zweiter Arzt wurde beordert, das war bestellte Arbeit; er untersuchte mich und erklärte, daß zwar die Leiden vorhanden seien, daß ich aber doch soweit gesund sei, um einen service militaire zu tun. Was sollte das wohl für ein service militaire sein? Ich war doch Arzt, sollte ich zum Schreiber degradiert werden? Die Antwort der Regierung war klar. Es sei, so hieß es, nach dem Attest des ersten Arztes schon meine Freilassung verfügt gewesen, man habe aber nach dem Attest des zweiten die Verfügung wieder streichen müssen. Das war ja sonnenklar und hat uns nicht weiter überrascht. Ausharren hieß es nun und immer wieder ausharren, ob auch schwere Wolken über uns hingen.
Daß die fünf Flüchtlinge nicht zurückkehren wollten, erzürnte die Machthaber, und deren Gereiztheit stieg. Nun hatten wieder fünf Mann einen Fluchtversuch gemacht: Marder, Seifried, Liebscher, Soennickens und Kühl, aber das Glück hatte sie nicht begünstigt wie ihre Vorgänger, sie wurden eingefangen und Gegenstand neuer unerhörter Vorgänge in Casabianda. Der frühere Polizeipräfekt von Paris, Herr Lepine, kommt nach Casabianda und betrachtet den Schauplatz so vieler Fluchtversuche. Die Erregung steigt auf allen Seiten aufs höchste, und ein seltsamer Abend war es, wie die Vorabende schwerer Ereignisse, als ich am 29. März, unserem Hochzeitstage, noch spät aufsaß und an meinem Tagebuch schrieb. Ich war lange über Erlaubnis aufgeblieben und schrieb alles nieder, was mir durch Herz und Sinne ging. Da öffnete sich gegen elf Uhr etwa, ohne daß ich ein Geräusch hörte, die Tür, ein Korporal wies auf mich: „Voilà.“ Hinter ihm trat der Chef-Adjutant, der Schwarze oder Mephisto, wie wir ihn nannten, ein, eine unheimliche Figur, wie auf der Lauer. Als er mich sah, war er ruhig: „Es ist Zeit, zu Bett zu gehen!“ sagte er, weiter nichts; dann ging er, lautlos wie er gekommen. Die Reitpeitsche, die ihn immer begleitete und die noch eine große Rolle spielen sollte, hatte er in der Hand getragen. Was hatte er gewollt, auf wen fahndete er? Etwas war im Gange gewesen, und der nächste Morgen brachte die Enthüllung. Wenige Stunden nach dem rätselhaften Besuche, der wohl mir nicht gegolten hatte, waren aus dem Nebenraum wieder sechs Mann entflohen. Sie hatten sich an Seilen von ihrem Fenster, dessen Kreuz sie ausgebrochen hatten, an der Stallmauer herabgelassen, waren so ins Freie auf gefährlicher Tour gelangt. Am nächsten Morgen war eine furchtbare Aufregung im Lager, die Flüchtlinge waren schon um drei Uhr morgens wieder eingefangen und saßen im Kerker.
Das war in der Nacht vom 29. zum 30. März geschehen. Vor wenigen Tagen hatten wir erfahren, daß der Chef-Adjutant drei der früheren Flüchtlinge in ihrer Kerkerzelle aufgesucht und mit der Reitpeitsche geschlagen hatte. Was diese Nacht geschehen, war das Ungeheuerlichste, was wir in unserer Gefangenschaft erlebten. Es drang erst gerüchtweise zu uns, wir wollten ihm nicht Glauben schenken, bis eine dahingehende Frage, die den vorübergeführten Gefangenen rasch gestellt worden war, bejaht wurde. Immer mehr kam aus guten Quellen eines nach dem anderen zutage. Simeoni hatte die Flüchtlinge um drei Uhr morgens, als sie von der Wache herangeführt wurden, vor dem Tore sich nackend entkleiden lassen, sie mit der Peitsche blutig geschlagen, auf den nackten Körper, jeden einzelnen, ihre Kleidung ins kalte Wasser geworfen, sie dann mit der Peitsche in den Kerker getrieben, dort von neuem gepeitscht. Wir wollten nicht glauben, was wir erfuhren, aber der Graf Peraldi selber sagte einem von uns alles, und als die erste Beschwerde abging, in welcher wir fälschlich den Chef-Adjutanten bezichtigten, gab er das Schreiben zurück: es sei nicht der, sondern Simeoni und ein anderer Offizier gewesen, den wir Falstaff nannten. Darüber hinaus gab es nichts, war das möglich gewesen, so konnten wir alles erwarten und es galt jetzt zu handeln. Faikos hatte die erste Beschwerde als Gruppenführer geschrieben, es war keine Antwort erfolgt. Jetzt trat an andere die gleiche Aufgabe heran, an mich als etwa Rangältesten, an Baron v. Weichs und Dr. Steinbrecher, die von ihren Gruppen dazu ersehen waren. Wir unterzogen uns der Aufgabe, der Gefahr uns wohl bewußt. Ehe ich die Eingabe machte, habe ich noch einmal mir von den Gefangenen die Einzelheiten bestätigen lassen, und folgende Briefe trafen aus dem Kerker ein.
Zivilist X., Korporalschaft Y.:
Lieber X.!
Simic, Lariga und ich waren heute zur Untersuchung. Der Arzt sagt, daß wir uns, die von dem Hieb herrührenden Wunden selbst beigebracht hätten. Ich konnte allerdings an seinen Mienen und an denen des Mephisto und des Grafen sehen, daß sie vom Gegenteil überzeugt waren. Man hat eben nur der Form genügt. Der Rote wartete draußen auf das Resultat. Der Graf und Mephisto sind uns wohlgesinnt. Der Graf bedauerte mein hartes Los. Ihr könnt mir alles bringen, Mephisto drückt beide Augen zu. Laß Dir also von Klos zwei Decken, Unterhosen und Mundharmonika geben und bringe den Kram rauf, auch Eßwaren aus der Kantine und falls Pakete angekommen sind. Auslagen vergüte ich Dir. Ebenso die weißen Schuhe vom Wandbrett und Spielkarten von X., und an der Bettstelle hängt ein kleiner Mantel, in welchem Du alles verstauen kannst. Besten Dank usw.
Lieber X.!
Zuerst die Angelegenheit mit Simeoni. Wir wurden also hinter dem Gut an der Düngergrube von einem Posten 3¼ Uhr und unter vielem Theater an das verschlossene Eingangstor geführt. Nachdem wir etwa eine Viertelstunde gestanden, kam Simeoni mit der Wache, die Bajonette aufpflanzen mußte. Simeoni gebärdete sich wie ein in höchster Ekstase befindlicher Wahnsinniger. Die eine Faust im Munde, knirschte er wie ein angeschossener Eber und in der erhobenen Rechten schwang er einen dreizölligen Ochsenziemer, den er zunächst wahllos über alle herniedersausen ließ. Als er dann des Heer ansichtig wurde, glaubte ich, er platze vor Wut: cochons, boches usw. regnete es. Er fuhr Heer mit der Linken an die Kehle und ließ die Rechte fast drei Minuten lang auf dessen Schädel platzen, während ihn außerdem noch ein Förster festhielt. Dann hieß es, obgleich wir durchnäßt von Schweiß waren, splitternackt ausziehen. Heer war zuerst fertig, unter beständigen Schlägen, bekam einige besonders wuchtige Hiebe und flog nach links. Dann kam Simic, dem der bärtige Oberleutnant Stefani an die Kehle fuhr und ihn an die Wand drückte, mit der Rechten fest den Kopf bearbeitend. Dann flog er zu Heer. Mittlerweile hatte Simeoni bei Reichel das um den Leib gewickelte Seil entdeckt. Neuer Ausbruch des Vesuvs. Mit dem umgekehrten Ochsenziemer einen Schlag über den Kopf, das Loch sieht man heute noch. Noch einige Schläge über Rücken, Gesicht und Schenkel, und er flog samt Amade rüber zu den übrigen. Amade erhielt einen Hieb über den Rücken von ungelogen 2 Zentimeter Breite. Jetzt erblickte er mich. Ich wurde die ganze Zeit von einem Förster visitiert, der mich vielleicht so vor dem Strafgericht zu retten dachte. Simeoni zu mir: Was, du Schwein bist noch nicht ausgezogen? begleitet von einigen Hieben. Ich zog mich so schnell als möglich aus, welchen Augenblick Lariga benutzte, um zu den anderen zu entweichen. Ich bekam seine Hiebe mit und flog mit einem Fußtritt zu den anderen. So standen wir etwa sechs Minuten. Dann mußten wir die Kleider über die Arme nehmen und zum Kerker marschieren. Ich war der letzte und bekam unterwegs noch einige Hiebe über den Rücken. Am Kerker neue Wutszene. Wir mußten einzeln vor die Halle treten, bekamen jeder zwei echte germanische Jagdhiebe und durften eintreten. Dann wurde Reichel herausgeholt, natürlich immer noch ohne jedes Bekleidungsstück. Mit der Linken hielt er ihm den Revolver vors Gesicht, in der erhobenen Rechten wieder den Ochsenziemer. „Jetzt sagst du Schwein mir die Wahrheit, wo ihr heruntergekommen seid.“ — „Bei der Bäckerei.“ Klatsch, gab’s einen Hieb. „Willst du die Wahrheit sagen.“ Reichel blieb dabei. Dann kam ich und ich sagte natürlich dasselbe, und daß wir Eier holen wollten. „Du lügst, du Hund, um vier Uhr war man bei mir und hat mir alles gesagt.“ Ich sagte: „Ich verstehe das nicht, da doch alles so ist, wie ich sage.“ In dem Augenblick kam der Kommandant und wir durften uns anziehen. — Wer hat nun die Geschichte brühwarm hinterbracht? Gruß
Ulrich.
Ein anderer Herr im Lager hatte einen Beschwerdebrief aufgesetzt, der mir und vielen anderen viel zu lau gegen diese unerhörte Barbarei erschien; ich sagte ihnen, ich wolle selber das Schreiben verfassen und verlas es dann. Es hatte vollen Beifall und folgenden Inhalt:
1. 4. 15.
An die amerikanische Botschaft, Paris.
Im Namen und Interesse der in Casabianda unter Militärverwaltung internierten Zivilgefangenen erlaube ich mir folgendes vorzutragen:
Die in Casabianda internierten Zivilgefangenen sehen sich in der dringenden Lage, die Hilfe der nordamerikanischen Botschaft, deren Schutze sie unterstellt sind, anzurufen, weil ihre Behandlung dem hohnspricht, was sie selbst in Kriegszeiten als menschenwürdig anzusehen gewohnt sind. — Alle Repressalien, welche gegen sie ergriffen sind, wiegen nichts gegen das eine, die entehrendste aller Strafen, die Prügelstrafe in ihren Reihen. Die Prügelstrafe durch eine Reitpeitsche auf den bekleideten und nackten Körper ist ausgeführt durch drei französische Offiziere und ausgeübt an etwa acht Gefangenen durch dieselben Offiziere. — Der erste Fall der Prügelstrafe betraf einige Flüchtlinge im Kerker. Der zweite ist noch gravierender, er ereignete sich vor zwei Tagen, nachdem eine Beschwerde über den ersten Fall eingereicht worden war, und trug sich so zu: Sechs Gefangene, welche auf einem Fluchtversuche eingeholt waren, wurden morgens etwa drei Uhr am Tore von Casabianda durch zwei französische Offiziere des Lagers gezwungen, sich nackend auszuziehen, mit dem Revolver bedroht und gepeitscht. Dann mußten die armen Gefangenen ihre völlig durchnäßte Wäsche in den Arm nehmen, wurden den etwa 150 Meter weiten Weg zum Kerker heraufgetrieben, dort wiederum gepeitscht. Sie mußten im nassen Hemde, von Frost und Schmerzen fast erstarrt, im Kerker bleiben; erst heute ist ihnen Stroh und Unterzeug gegeben. — Ein Fluchtversuch, der von den Franzosen aus deutschen Lagern als Heldentat in französischen Zeitungen gepriesen wird, kann, von Deutschen ausgeführt, keine Schande sein und eine Strafe fordern, die bisher jeder Kulturstaat als unmenschlich aus seinen Rechtsbüchern ausgestrichen hat.
Eure Exzellenz bitten wir um schleunige Entsendung einer Kommission zur Feststellung unserer verzweifelten Lage und Bericht bei unseren Regierungen, da wir den augenblicklichen Stand für gefährlich erachten.
(gez.) Dr. M. Br....
Zugleich hatten Baron Weichs und Dr. Steinbrecher ihre Schriften verfaßt und sandten sie auf demselben Wege zum Kommandanten. Dessen erste Eingebung war, uns jeden auf 30 Tage, das Höchstmaß seiner Strafbefugnis, einzusperren.