Meine Anerkennung als Offizier.
Eines der Lieblingslieder meiner Frau, welches sie auch oft sang, weil ich es gern hörte, war ein Wiegenlied mit entzückenden Versprechungen für ein Kind, das schlafen soll, und der Schluß war immer wieder: „Bleibe nur fein geduldig.“ Wie oft, wenn uns die Ungeduld plagte, wenn dies oder das uns an den Rand der Verzweiflung brachte, trösteten wir uns: Es wird ja werden, „bleibe nur fein geduldig“. Nie hatte ich diesen Trost so nötig gehabt als in der Gefangenschaft. Weit hinter das Ziel, frei zu werden, trat das andere, als Offizier, wie es mir zukam, anerkannt zu werden. Ich habe schon geäußert, wie furchtbar mich die Gleichheit mitnahm. Wir kämpften weidlich und mutig gegen unseren Unstern und haben unsere Anerkennung als Offizier in neunzehn Monaten so etwa wöchentlich beantragt. Versprochen wurde sie uns noch häufiger. Zu uns gesellte sich in Casabianda Oberleutnant Spangenberg, und da bildeten wir zu dreien ein schönes Gespann derer, die nicht anerkannt werden sollen oder müssen. Und doch hatten wir unsere Papiere in tadelloser Ordnung; ein Zweifel an unserer Charge konnte gar nicht da sein und war nicht da. In Casabianda war das nicht so schlimm; da gab es keine Offiziere; aber in Uzès waren schon einige anerkannt und genossen Ausnahmestellungen. Da war also unsere Stellung weit peinlicher. Nach der Marcantoniaffäre, also im Dezember 1914, war es, wo der Kommandant mir zugesagt hatte, ich solle nach Corté in ein Offizierslager, um der schwierigen Stellung dort zu entgehen. Von da erwartete ich solche Beförderung etwa täglich, geradeso oft, wie meine Freilassung, bis schließlich der Humor obsiegte und ich mich, wie auch meine Leidensgenossen Spangenberg und Schmidt, mit dem Schicksal aussöhnte, nicht ohne die wöchentlich fälligen Anträge zu machen und mit stiller Erwartung, es könne doch einmal anders werden; „bleibe nur fein geduldig“. Und es kam wirklich anders, und seitdem haben wir drei Leidensgenossen uns den Kinderglauben des Wiegenliedes, den wir schon fast verloren hatten, wiedergewonnen. Zuerst wurde, ich glaube es war im Dezember 1915, also nach einer Gefangenschaft von 1½ Jahren, Schmidt ins Bureau gerufen und ihm mitgeteilt, seine Papiere, die unauffindbar erschienen, seien zwar noch nicht gefunden, aber seine Angaben seien durchaus glaubwürdig und es werde ihm Offiziersbehandlung zuteil werden. Er zog nun in das Chambre des Officiers. Aber der Ausgang dieser Sache war peinlich genug. Der Kommandant hatte wohl aus eigener Machtvollkommenheit gehandelt, und als ein neuer Kommandant kam, wanderte Schmidt in sein altes Mannschaftszimmer.
Einige Wochen darauf schlug für Spangenberg die hohe Stunde, und er trat aus unseren Reihen in die der Begnadeten. Schmidt und ich wiederholten unser Wochenrepertoire. Er hatte wenigstens vorübergehend das Glück genossen, ich noch nie, und da ich von Casabianda her den Brandstempel als „Aufwiegler, Aufrührer und durchaus unglaubwürdig“ trug, so schien es uns schon verständlich, und wir waren überzeugt, daß es sich nie ändern würde. Aber, wie gesagt: „Bleibe nur fein geduldig“. Da geschah etwas Seltsames: Am 29. Januar wurden mit mir vier Herren, Pasch, Doetsch, Holst und Stern, plötzlich heruntergerufen. Einige Korporale kamen hinzu, und wir wurden in ein abgelegenes Zimmer gebracht. Nun, an so kleine Extravaganzen hatten uns unsere Feinde gewöhnt; aber es kam doch mehr, als wir erwarteten: Wir mußten uns in der Kälte ganz nackend ausziehen, wurden durchsucht bis auf die Stiefelsohlen und jede Falte des Hemdes. Dann mußten wir unsere Kofferschlüssel ausliefern und blieben in Polizeigewahrsam, bis die Koffer untersucht waren. In unserem Zimmer hatten inzwischen Posten jede Annäherung an eines der uns gehörenden Gepäckstücke oder an unser Lager unmöglich gemacht. Das größte Gepäck stand im Gepäckraum; der wurde von nun an gleichfalls von Posten bewacht. Aufgepflanztes Bajonett wie immer. — Ja, was war denn los? Waren wir der Spionage verdächtig? Man kannte uns doch lange genug. Daß wir ganz gemeiner Denunziation zum Opfer gefallen waren, das leuchtete uns ein. Einer, Herr Holst, hatte am Tage zuvor Geld gewechselt, dem wurde sein Geld abgenommen; bei Herrn Doetsch und Pasch fand man nichts, desto mehr bei mir. Alle meine Schriftstücke, die ich als Tagebuch gesammelt hatte, Kopien der Briefe usw., hatte ich in ein Kopfkissen eingenäht. Ich wollte nicht, daß es irgendwer lese. In diesem Kopfkissen hatte ich unglücklicherweise noch die Abschrift der rein statistischen Angaben des Herrn Spangenberg, die mir des Datums wegen zur Aushilfe dienten. Als die Vormittagsuntersuchung beendet war und wir erstaunt fragten, was das alles bedeute, lächelte mich Herr H. an: „Nun, bei einem der Herren hat man alle verborgenen Schriften im Kopfkissen gefunden!“ Das konnte nur das meine sein, und man hat mir erzählt, daß dieser Herr bei Durchsuchung meines Lagers erst das eine, dann das andere Kopfkissen aufgetrennt habe. Eine halbe Flasche guten Rotwein, den ich im Koffer aufbewahrte, nahm man gleichfalls mit. Nun hing von neuem ein Damoklesschwert über mir. Daß sie sich meines Buches nicht freuen würden, wußte ich auch, und ich wußte geradeso aus früherer Erfahrung, wie leicht man einem Mißliebigen einen Strick dreht. Nachmittags kam die Untersuchung der großen Gepäckstücke, das war der Reisekorb meiner Frau; darin war nichts; ich hatte alles im Kissen, als dem sichersten Versteck, aufbewahrt. Bei Doetsch war auch nichts, nur bei Pasch fand man einen Teil des Tagebuchs aus Casabianda. Der wurde abgenommen. Nun verlebten wir einige erwartende Tage und Wochen. — Natürlich waren wir im Innersten empört über das Vorgehen. Durften wir denn nicht Tagebücher schreiben? Wer wehrt das Gefangenen? Und daß solche Bücher nicht strotzen werden von Lobeserhebungen über die Vögte, das wird man begreiflich finden. Aber in meinem Buche war alles authentisch mit Kopien der abgeschickten Briefe belegt. Mit den großen Bogen meiner Aufzeichnungen sah ich Herrn H. häufig ins Bureau und auf sein Zimmer gehen, und da wir im Nebenzimmer lagen, so hörten wir abends, wie er seinen Kollegen Teile aus demselben übersetzte. Daß er keine Freude an meiner Gesinnung hatte, glaube ich wohl; aber strafbar konnte nichts sein, und ich war eigentlich im Grunde neugierig, welcher Paragraph für mich herangezogen werden sollte. Daß wir darauf rechnen konnten, heute oder morgen, so oder so, gefesselt nach Marseille zum Kriegsgericht geführt zu werden, war uns klar, und wir bereiteten uns auf solchen Transport vor. Da fiel am Geburtstag meiner Frau, dem 3. Februar, das erste Opfer, das wir am wenigsten erwartet hatten. Am Abend traten die Korporale nach dem Appell in unser Zimmer, und Pasch wurde abgeführt. Dessen Tagebuch war doch offensichtlich im Koffer gewesen, meines verborgen; warum der zuerst? Freilich, daß ich mein Tagebuch verborgen hatte, war klar; ich wollte, daß niemand Einsicht nehmen sollte; es war berechnet, alle Erlebnisse, die ich später Frau und Kindern bringen wollte, festzuhalten. Der Schein konnte immerhin gegen mich sprechen, aber gegen Pasch? — Die Lösung ließ nicht lange auf sich warten. Pasch wurde, wie beim Appell am nächsten Tage bekanntgegeben wurde, wegen Beleidigung des Offizierkorps, der Korporale und der Bevölkerung von Casabianda zu 15 Tagen Einzelhaft verurteilt. Der Kommandant würde die Sache weitermelden und den Antrag stellen, daß der Täter vor ein Kriegsgericht nach Marseille zitiert würde. Das war immerhin seltsam; aber wir hatten zu schweigen. Pasch blieb in strengem Verschluß. Inzwischen war Spangenberg gerufen und verhört, weil auch in seinen Aufzeichnungen manches Tadelnswerte sich fand. Daß er durch mich hereingeritten war, das tat mir herzlich leid; aber schuld war ich nicht; wir hatten so oft unsere Beobachtungen ausgetauscht, und ich wollte gern seine Bemerkungen, die so rein statistisch und sachlich waren, verwerten und sie ihm nachher zurückerstatten. Zwei Tage darauf kam unversehens der langerwartete Abgesandte der amerikanischen Botschaft in Paris, Herr Haseltine, den wir seit fast einem Jahre nicht mehr gesehen hatten, ins Lager. Dem wurden nun unsere Klagen vorgebracht, und auch ich kam zu Wort und bat, wie Schmidt, wir beide, wie immer, wenn sich Gelegenheit bot, um Anerkennung als Offizier. H. bat uns, ihm die Sachen schriftlich zu geben, und so gingen diese Schriftstücke mit der Genehmigung des Kommandanten nach Paris, von neuem. Auch im Kerker war Herr H., und Pasch konnte ihm genauen Bericht über das Vorgefallene geben. Wenige Tage, nachdem er gegangen, kam ein höherer Offizier ins Lager, welcher Spangenberg und mich rief und sagte, er habe unsere Bestrafung beantragt, nicht weil in unseren Tagebüchern Beleidigungen enthalten seien (es stehe uns frei, in Privatnotizen zu schreiben, was wir wollten), sondern weil daraus hervorginge, daß wir die Zensur übergangen hätten. Für Sp. habe er die Entziehung der Vorrechte als Offizier, für mich Gefängnis beantragt. Wir protestierten beide lebhaft, weil wir uns bewußt waren, daß ein solcher Vorwurf uns nicht gemacht werden konnte; aber wir wurden, wenn auch nicht unhöflich, entlassen, und das Damoklesschwert blieb hängen. Vorläufig geschah nichts. Ein Gerücht, Sp. habe zwei Monate Festung und ich vielleicht auch, war unbegründet. — Am 18. Februar wurde ich ins Bureau gerufen und mir die Mitteilung gemacht, daß ich als Offizier anerkannt sei, daß aber infolge des gegen mich schwebenden Falles diese Anerkennung durch den Herrn Kommandanten vorläufig suspendiert sei. Die Verfügung des Kriegsministeriums wurde mir durch Leutnant Millet vorgelesen, von einer Suspendierung stand nichts darin. Ich hatte also endlich, nach etwa 19 Monaten, das Wunderbare erreicht und war nunmehr zwar anerkannter, aber suspendierter Offizier. Wie die Anerkennung des Kriegsministers suspendiert werden konnte, leuchtete mir nicht ein, und nach vierzehn Tagen des Wartens beschwerte ich mich, weil ich noch die alte Behandlung voll und ganz genoß. Zwei Tage darauf war ich anerkannt und genoß Herrenrechte; wir glaubten natürlich, daß damit die Angelegenheit erledigt sei; aber der Mensch denkt...! Ich zog zunächst in das Offizierzimmer; vor allem wurde ich feierlich in meinem alten Zimmer „degradiert“, d. h. die roten Biesen und Tressen, die Gefangenennummer wurden mir abgetrennt und die Mütze ins Lager zurückgegeben. Schmuck- und zeichenlos zog ich in das neue Gemach. Der Kommandant bewilligte schon am nächsten Tage, daß wir beiden Aeltesten, Hauptmann Engelhard und ich, ein eigenes Zimmer bezögen, und nun folgte eine immerhin bessere Zeit, die gut zu nennen gewesen wäre, wenn der Hauptmann nicht so gräßlich geschnarcht hätte. Aber auch das war zu erdulden. Die köstliche relative Ruhe wirkte versöhnend nach so viel Leiden. Ich konnte mich wenigstens isolieren, stand nicht mehr unter dem Befehle der Korporale und fühlte wohl den Unterschied zwischen früher und jetzt. Und, eigentümlich war es, 14 Tage darauf wurde mein intimer Leidensgenosse Schmidt nun endlich auch durch kriegsministerielle Verfügung als Offizier definitiv anerkannt und zog in das Zimmer der anderen Herren. Nun endlich schien es, als sei das Schwert von unsern Häuptern endgültig genommen. Aber... Spangenberg und ich wurden am 28. März morgens ins Bureau gerufen, und es ist nicht oft, daß derlei Gutes bedeutet. So wappneten wir uns mit dreifachem Harnisch und zogen herunter. Da verkündete uns der Kommandant, daß unsere schwebende Affäre nun zum Austrag gekommen sei: der Kriegsminister habe verfügt, daß Spangenberg als Offizier 30 Tage strengen Arrest erhalte, ich als Gefangener 25 Tage Gefängnis. Da inzwischen meine Anerkennung als Offizier erfolgt sei, so habe das Kriegsministerium meine Strafe ebenfalls in 30 Tage Offiziersarrest umgewandelt. Der Dolmetscher gab die in französischer Sprache gegebene Erklärung, die wir so verstanden, wieder, daß wir jeder zu 30 Tagen Festung verurteilt seien, die in Uzès abzubüßen sei. Als Grund unserer Bestrafung verlas der Kommandant, daß wir in unserem Tagebuch die Namen der Elsässer aufgeführt hätten, welche in französische Dienste getreten seien, um sie unserer Regierung bekanntzumachen. Wieder war jeder Protest unnötig. Wir baten beide, man möchte uns beweisen, daß das aus dem Tagebuch hervorginge, und fügten hinzu, daß es sich um Soldaten handelte, die im Feindeslager in deutscher Uniform fahnenflüchtig geworden seien. Wie gesagt, solche Antworten sind unnütz, und der Kommandant tat eben, was ihm befohlen war. So hatte ich zum zweiten Male 30 Tage, aber wie anders als damals! Der Offizier teilte uns jedem ein Zimmer zu, wir durften tun, was wir wollten; unsere Ordonnanzen durften uns bedienen; nur wir waren abgeschlossen von allen anderen. Unser Essen bekamen wir aus der Kantine. Es wurde mir ein großes Zimmer, freilich kahl und lieblos, angewiesen, ich durfte mein Bett, das mir als Offizier zustand, herübernehmen, Speisen und Getränke selber zubereiten oder aus der Kantine besorgen lassen, meine Ordonnanz kam täglich zweimal, das Zimmer zu reinigen und Aufträge entgegenzunehmen; ich durfte zwei Stunden am Tage auf dem Korridor allein und beaufsichtigt spazierengehen, nur das eine war verboten: jeglicher Verkehr mit den übrigen Gefangenen. Nun, wer meine Ausführungen gelesen, mag sich denken, daß mir solche Strafe damals nicht zu schwer schien.
Ich war wirklich von Herzen froh, und nun folgten Stunden köstlichster Sammlung. Zuerst freilich empfand ich, wie sehr das Tosen der bisherigen Tage verwirrt und eine künstliche Energie erzeugt hatte, die, wie ich von anderen gehört, auch nach der Freilassung schwere Reaktion forderte. Ich mußte mich förmlich an die Ruhe gewöhnen und tat das gern, wenn ich auch unter einem mehr körperlichen als seelischen Unbehagen litt, das bisher einer künstlichen täglichen Erregung unterlegen war. Trotzdem hätte ich mit keinem im Lager tauschen mögen, so eigenartig erlösend erschien mir solche Sammlung. Ich las, schrieb, arbeitete und war von Herzen froh, daß erst das Gerassel der Schlüssel Besuch ankündigte und nicht jeder der fünfhundert Mitgefangenen mit einer nichtigen Frage oder Mitteilung in das Zimmer kam. — Aber als ich fünfundzwanzig Tage hinter mir hatte, da war diese Freude verschwunden, und ich stellte fast beschämt vor mir selber fest, daß sich das Bedürfnis doch schon recht bemerkbar machte, mich einmal mit einem der Wenigen, die mir im Lager nähergetreten waren, auszusprechen, das, was ich täglich dachte — und Zeit zum Nachdenken hatte ich reichlich —, im Diskurs zu verwerten und anderer Meinung zu hören. Es kam noch hinzu, und das spürte ich deutlich, daß das Abgeschlossensein von Luft und Sonne — sie schien nur morgens eine Stunde lang in mein Zimmer und auch das durchaus nicht immer, da an den meisten Apriltagen der Himmel bedeckt war — und der Mangel an Bewegung den Körper träge zur Arbeit macht. Das Nachdenken über sich selber, das Rekapitulieren des Gedachten fordert Absatz, und ich erfuhr, daß der Mensch doch mehr Herdentier ist, als er sich selbst gestehen mag. Da nun noch die Aussichten auf baldige Freiheit durch den bevorstehenden Austausch des gesamten Sanitätspersonals wiederum akut geworden waren, so kam das Denken in Gefahr, zu einem Schwelgen zu werden, und das stählt die Energie durchaus nicht. Je mehr sich meine Abgeschlossenheit ihrem Ende näherte, desto ungeduldiger erwartete ich es, wieder hinauszukommen, mich anderen mitzuteilen, selbst nichtige Gespräche zu führen und Gerüchte, seien sie wahr oder nicht, zu vernehmen. Ich versuchte es, mehr Bücher zu lesen, da ich zu Sprachübungen, die ich sonst trieb, nicht die strikte Lernsammlung aufbrachte. Beim türkischen Alphabet ertappte ich mich, wie ich lange schon über die Grammatik hinausgestarrt hatte und meine Gedanken auf Reisen waren, in die Schweiz, nach Deutschland, ins versprochene Kriegslazarett. Aber Bücher — ich nehme einige sehr wenige aus — nützen nichts; sie erzeugten eine größere Nichtachtung meiner selbst und konnten mich auch nicht fesseln. — Man mag mich nicht falsch verstehen. Wenige Tage fehlten, heute, wo ich dieses niederschreibe, zum Ende meiner Festungstid. Es ist selbstverständlich, daß ich diesen übrigen Tagen mit voller Ruhe entgegensehe, und daß sie keinen Einfluß auf mich ausüben können; ich habe andere Zeiten durchgemacht. Ich schreibe meine Empfindungen nur nieder, weil sie für mich eine Erfahrung bedeuten, die mich einigermaßen überrascht hat, und weil sie mich Gefühle verstehen lernten, die den Einsamen überkommen mögen, dessen Einzelhaft über Jahre hinaus, oder — es ist mir dies zur gräßlichsten Vorstellung geworden — für die Zeit des Lebens dauern. Gefühle, wie ich sie heute hege, mögen ein Anfangsstadium bedeuten, was aber für den, welchem lange oder unbeschränkte Einzelhaft bevorsteht, folgen muß, ist mir deutlich vor Augen getreten: Verstumpfung, wenn nicht vorher der Geist stumpf war... Wie lange es dauern mag, ehe ein so sicheres Ziel erreicht wird, das wird vom Individuum abhängen. Ich meine, daß ein geistig Denkender und ein Charakter schneller dazu gelangt, je kräftiger er sich wehren mag, als der Träge. — In Reuters „Festungstid“ las ich die köstlichen Worte: „Minschenverkihr und geiht hei einen ok nichs nich an, frischt dat Hart up; oewer hei is as de Musik, sei möten beid nich too drist warden. — Ne schöne, lise Melodi leggt sich weich an’t Hart, oewer wenn allens um einen rum fidelt und tut’t und trommelt, werden einem de Uhren weih dauhm un ein sehnt sik nah de Einsamkeit!“ —
So ging es mit unserer Anerkennung als Offizier; aber weil wir fein geduldig waren, so kam es eben eines schönen Tages doch so weit. Köstlich war eine kleine Episode, die wenige Wochen vor Schmidts Anerkennung spielte. Ein Kolonel besichtigte das Lager, und sowohl Spangenberg wie ich, die wir damals auf einem Zimmer lagen, traten auf Frage nach Gesuchen usw. vor und sprachen unser Befremden aus, daß wir immer noch nicht als Offiziere anerkannt seien. Er versprach, die Sache in Paris zu untersuchen, und kam auch auf Schmidts Zimmer, der natürlich, wenn es auch nicht gerade Sonnabend, der übliche Tag des Gesuches um Offiziersanerkennung an die amerikanische Botschaft war, sofort vortrat und dem Kolonel erklärte, daß er seit achtzehn Monaten gefangen sei, daß alle seine Papiere in Ordnung seien, und trotzdem habe ihm das Kriegsministerium noch immer nicht Offiziersbehandlung zugesprochen. Der Kolonel sah ihn erstaunt an, dann erwiderte er nach einigem Ueberlegen: „Ja, was meinen Sie denn? Das Kriegsministerium ist mit Arbeit überhäuft und kann sich nicht intensiv um jeden einzelnen Gefangenen kümmern. Wenn Ihnen daran gelegen war, so wäre der Weg doch leicht zu erreichen gewesen, wenn Sie einmal durch die amerikanische Botschaft ein Gesuch in diesem Sinne gemacht hätten.“ Noch stand der Gewaltige, Antwort erwartend; aber dieser ungeheuerliche Vorwurf ließ Schmidt doch bis zur Zunge erstarren. Er war noch starr, als er uns die Begebenheit erzählte. Wir haben selten so herzlich gelacht; wir wanden uns vor Lachen und stellten unter Lachen Schmidt das Zeugnis aus, daß er diesen schweren Vorwurf keinesfalls auf sich sitzen lassen dürfte. Das tat er denn auch nicht, sondern machte am nächsten Sonnabend das übliche Gesuch an die amerikanische Botschaft, diesmal aber im harten Reiterknechtston, ohne Anrede und ohne „vorzügliche Hochachtung“. Spangenberg griff zur selben Formel, und siehe da, es gelang! Wenn auch die Botschaft ihrerseits Anrede und jede Formel vergaß, die Sonne brach doch durch die Wolken, und heute sind wir „anerkannt“ dank der langen Dauer des Krieges, ohne die dies fabelhafte Ereignis natürlich nicht hätte zustande kommen können.
Vielleicht dauert nun die nächste Stufe nicht gar zu lange. Ausharren und immer wieder ausharren! Vielleicht darf ich noch einmal die Hand rühren im Dienste der gewaltigen Zeiten! Es klingt mir in den Ohren, als wenn Frau Armgard mir das Schlaflied sänge: „Bleibe nur fein geduldig“.
Hier endigen die authentischen Aufzeichnungen; was nachzutragen bleibt, ist wenig. Seit der letzten Haftstrafe, während welcher der Gefangene 30 Tage von der frischen Luft abgeschlossen blieb, fingen die Kräfte Dr. Br.s an, nachzulassen. Herr Oberleutnant Spangenberg notierte in seinem Taschenbuche: „Der Sanitätsrat fällt merklich zusammen.“ Trotzdem dachte niemand an einen tragischen Ausgang. Ein Brief aus Uzès, der zum erstenmal beunruhigende Nachrichten über Dr. Br.s Gesundheit enthalten haben soll, erreichte seine Angehörigen nicht. So kam der 8. Juli heran, ein Tag härtester Prüfung; von den Leidensgefährten Dr. Br.s wurden an diesem Tage fast alle, die ihm freundschaftlich nahestanden, von Uzès abtransportiert; einige kamen in andere Lager, die meisten nach der Schweiz. Für sich selbst hatte Dr. Br. den Gedanken, sich als erholungsbedürftig zu melden, stets abgelehnt.
Der Abschied von den Freunden bewegte ihn so tief, daß zum erstenmal in einem Briefe aus diesen Tagen eine bittere Stimmung und Verstimmung zu Worte kommt. Bald jedoch flammt die belebende Hoffnung, seine treue Begleiterin bis zur letzten Stunde, wieder auf: auch ihn trifft das Los, von Uzès zu scheiden; mit zwei Gefährten zusammen wird er für das Offizierslager von Le-Puy en Velay bestimmt, das, seiner Ueberzeugung nach, nur eine Uebergangsstation auf dem Wege nach Deutschland sein kann. In seinen Briefen fehlt jede Nachricht von der Ankündigung und Ausführung des Transports nach Le-Puy. Dagegen schreibt sein Leidensgefährte, Leutnant B.: „Nie habe ich Herrn Stabsarzt so vergnügt gesehen, als bei unserem Frühstück auf dem Bahnhof von Alais, wo wir in einem kleinen Extrastübchen speisen durften.“ Eine Zentnerlast fällt von seiner Seele, als er dem verhaßten Uzès den Rücken kehrt: Nun geht es vorwärts, zu gleichgesinnten Kameraden, zur Heimat, in die Freiheit! Noch einmal siegt der unbeugsame Geist dieses größten Optimisten, wie ihn einer seiner nächsten Jugendfreunde nannte, über alle körperlichen Leiden, über die ersten Anzeichen der Schwäche und der vernichtenden Krankheit.
Der erste Brief aus Roche Arnaud lautet:
„19. 7. 16.
Wir sind am Sonnabend, den 15., hier angelangt, und war der erste Anfang nicht gerade vielversprechend, so haben wir doch schon am nächsten Tage eingesehen, daß wir in ein gutes, geordnetes Lager gekommen sind, weit entfernt von allem, was wir bisher gehabt. Ich will hinzufügen, daß ich mich schon in den wenigen Tagen körperlich wohlfühle, und Euch weiter dahin beruhigen: 1. Wir sind hier auf einer Höhe von 700 m mit schönem Rundblick über Stadt, Wald und Berge; wir haben einen recht geräumigen Garten mit Sitzplätzen zur Verfügung, der von den bisherigen Gefangenen sehr hübsch bearbeitet ist und von Blumen strotzt. Die Luft ist — im Gegensatz zu Uzès — ganz rein, wenn auch kalt. 2. Die Verpflegung ist gut. — Wir sind etwa 100 Offiziere hier; keiner hat wohl Aehnliches durchgemacht, als ich. Der älteste ist Oberst B., der zweite im Range bin ich, wie offiziell bekanntgemacht wurde; — 3. (und das ist psychisch so besonders wertvoll): Ich lebe in sehr anständiger Gesellschaft. Was es heißt, wieder einmal in Kreisen zu leben, die einem zukommen, das könnt Ihr kaum begreifen. Der Ton, die gegenseitige Gefälligkeit, ist so tadellos, wie ich es nie, auch nicht annähernd, gekostet habe. Ich sitze am Tische neben dem Oberst, meist in netter Unterhaltung, und esse auch dabei, sogar mit Appetit. In Uzès hätte ich es auf die Dauer nicht durchgehalten. Als ich hier vom Bahnhofe zum Lager sollte, konnte ich einfach nicht mehr und Treppensteigen auch nicht. 4. Ich wohne in einem netten Zimmer mit einem Hauptmann; unser Fenster hat, wie alle, schöne Aussicht. — — Was wird aus allen Träumen, die als letzten Termin schließlich den 15. Juli festgesetzt haben? Darin bin ich ganz resigniert geworden und nur froh, daß ich hier für meine Gesundheit etwas tun kann.“ —
„Brief vom 30. 7. 16.
Wir haben heute einen herrlichen Morgen, und ich sitze hier im Garten und schreibe. Ich mache Fortschritte, wenn auch noch nicht, wie ich es möchte. Eben habe ich meinen Morgenspaziergang im Garten gemacht, der mir noch verdammt sauer wird. Ich komme mir vor wie ein schwerer Rekonvaleszent, konstatiere aber, daß die illusionistische Fähigkeit im Denken und Pläneschmieden und damit die Lust zum Leben wieder erwacht ist. Sitze ich im Freien, so fühle ich mich ganz wohl, nur zur weiteren Bewegung und Treppensteigen reicht es noch nicht.“
„1. Aug. In den Zeitungen munkelt man soviel vom Aerzteaustausch; ich weiß gar nicht, was ich von alledem denken soll, kümmere mich aber auch zurzeit nicht darum. Es geht langsam und stetig besser; die Gesichtsfarbe wird auch schon besser; ich glaube, mein Gewicht, das sehr stark abgenommen hatte, fängt auch an, sich zu mehren. — Gestern und heute köstliche Tage. Seit etwa acht bis zehn Tagen habe ich die Zuversicht: Es wird wieder! Also gute Zuversicht; ich tue alles, gesund zu werden, und werde darin von meinem Zimmerkollegen energisch unterstützt.“
„5. Aug. Mir geht es immer langsam besser, leider noch langsam; aber nun wird alles wieder gut werden. Wenn wir uns erst wiedersehen.“
„11. Aug. Ich muß erst gesund sein, ehe ich mich auf ein Wiedersehen freuen kann.“
Von da an wird die Schrift unsicher und mühsam; ausgelassene Buchstaben und Worte zeigen an, daß der Geist anfängt, seine Spannkraft zu verlieren. „Schreib, wenn die neun Pakete da sind“, sind die letzten, mit sichtlicher Anstrengung auf einer Postkarte vom 30. 8. geschriebenen Worte. Die neun Pakete mit der Zivilkleidung, darin verborgen das Tagebuch, hatten die Heimat erreicht, die der Dulder selbst nie mehr betreten sollte. — — —
Jeder Lagerwechsel brachte eine vielwöchige Unterbrechung der Korrespondenz mit sich; auch in schweren Krankheitsfällen ging die französische Verwaltung von der Vorschrift, ankommende und abgehende Post der Gefangenen erst längere Zeit in Gewahrsam zu behalten, nicht ab. Die Klagen des Leidenden, daß er seit langer Zeit von seinen Angehörigen keine Briefe erhalten — die nach seinem Tode in großer Zahl nach Deutschland zurückgeschickt wurden — sind herzzerreißend.
Ebenso erlitt die Gefangenenpost durch die Zensur oft wochenlange Verzögerung, so daß bis Anfang September nur die ersten hoffnungsvollen Berichte aus Le-Puy bei Dr. Br.s Familie eingetroffen waren. Ein von der deutschen Regierung seit Monaten vorgeschlagenes Abkommen über den Austausch des Sanitätspersonals zwischen Deutschland und Frankreich war endlich zum Abschluß gelangt: die französische Regierung hatte sich verpflichtet, unmittelbar nach dessen Ausführung auch Dr. Br. freizugeben.
Mutter und Geschwister, Frau und Kinder bereiteten sich, den sehnlichst Erwarteten für alle Entbehrungen der harten Gefangenschaft tausendfach zu entschädigen, teilnehmende Freunde beglückwünschten die Familie: das Ziel jahrelangen, heißen Bemühens war erreicht! — Die Abreise der gefangenen aktiven Militärärzte nach Lyon und von da nach Konstanz, erfolgte wirklich, am Tage nach Dr. Br.s Beerdigung.
Kameradschaftliche Treue bereitete dem Heimgegangenen eine würdige Totenfeier; Beethovens und Mozarts weihevolle Klänge grüßten ihn zum letzten Abschied, und „Wenn ich einmal soll scheiden“ klang es von deutschen Soldatenstimmen, als der Trauerzug sich vom Hofe des Lagers Roche Arnaud nach dem hochgelegenen Friedhofe in Bewegung setzte. Der rangälteste Offizier, Oberst B., widmete dem Kameraden herzliche Abschiedsworte: „Es war ihm nicht vergönnt, wie Begeisterung und Tatendrang ihn trieben, seinen Brüdern gleich seine Kräfte persönlich einzusetzen; und doch starb auch er als Held, wenn wir seines Denkens und Fühlens, wenn wir seines Sterbens uns entsinnen.“
Der stolze Sinn eines deutschen Mannes von der Begabung und Empfindung Br.s ist auch eine wuchtige Waffe gegen den Feind gewesen.
Druck von Möller & Borel G. m. b. H., Berlin SW. 63.
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche und inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten; insbesondere wurden fremdsprachliche Begriffe und Zitate unverändert übernommen. Zeichensetzung und typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Einzelne unleserliche Buchstaben wurden sinngemäß ergänzt.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt, ebenso die darin enthaltene Überschrift des Kapitels „Château d’If“. Im Text ist dagegen keine Überschrift vorhanden.