Nachspiele von Casabianda.
Wie ich schon sagte, wir waren in der ersten Zeit in Uzès weit besser aufgehoben als in Casabianda; das merkten wir drei Schwerverbrecher am meisten, als wir im Gefängnis zu Uzès die letzten neun Tage unserer Kerkerhaft abbüßten. Wir hatten es kaum schlechter als die anderen und brauchten uns um kein Signal zu kümmern. So entging uns denn auch die Entwicklung der ersten Eindrücke in Uzès. In uns hallte noch die entrüstete Erinnerung an Casabianda nach, und wir sollten die Folgen noch schwer spüren. Das erste und traurigste Nachspiel von Casabianda war Krankheit und Tod von Moritz. Ich habe Edgar Moritz aus Hamburg des öfteren erwähnt; wir waren zusammen von Barcelona auf der „Sister“ gefahren, hatten schon den ersten Abend, Moritz, Schmidt, Heller, Kratt, Bonitz und wir, die vier letzteren mit Familie, die ersten zwei ohne, einen recht vergnügten Abend in halbbanger Erwartung auf dem Schiffe verlebt. Nachher bildeten Moritz, Schmidt, Bonitz und ich engeren Zusammenhang. Ich schloß mich mehr und mehr an den vornehm denkenden, gemütvollen Mann an, der gleichaltrig mit mir auch gern von den Seinen sprach und mit tiefster Anhänglichkeit dem Hause verbunden war. Es war ein Mensch, dessen Seele zu feinen Klang hatte, und das Saitenspiel zerbrach in so rauher Wirklichkeit. Der Gefangenschaft und ihren täglichen Entbehrungen, ihren Aufregungen und Demütigungen war er nicht gewachsen, das fühlte er selber immer wieder. Aber die Gefahr suchte er, wo sie nicht drohte. In ihm lebte die Idee, er würde der Malaria zum Opfer fallen, die in Casabianda grassierte, und deren Wiederkehr im Sommer zu erwarten stand. Die französische Regierung schien geneigt, den Gesuchen des korsischen Deputierten nachzugeben und uns auch im Sommer zur Bearbeitung des Landes auf Korsika zu lassen, gleichviel, ob wir der Malaria erlagen. Die amerikanische Botschaft ist damals wohl eingeschritten und hat es erreicht, daß wir nach Uzès gebracht wurden. Wie oft sagte Moritz: „Ich wäre gerettet, wenn wir von hier fortkämen!“ Die drohende Reihe der Typhuserkrankungen, teilweise durch den Tod unterbrochen, hatte sich nicht geschlossen, und doch sprach der unregelmäßige Verlauf der letzten Fälle schon für ein Weichen der Epidemie. In der gefährlichsten Gegend unseres Schlafraumes in Casabianda lag Schmidt; die Erkrankungen an Typhus waren im unteren Schlafraume und gerade hier bei weitem die häufigsten. Schmidt aß meist mit Moritz zusammen, dann kamen Bonitz und ich. Ich büßte schweren Kerker, und vielleicht war das meine Rettung.
Während meiner Kerkerzeit erkrankte Schmidt, als wir schon glaubten, die Epidemie sei erloschen. Die Symptome traten sehr schwer auf; der Arzt (Marcantoni war lange entlassen) nahm ihn ins Hospital, diagnostizierte Typhus und behielt ihn dort bis zum Umzug nach Uzès. Ich erschrak, als ich ihn wiedersah, so war der korpulente Mensch heruntergekommen.
Beim Auszug aus Casabianda war Moritz ein anderer geworden. Ein Druck war von ihm genommen; er war jetzt sicher, daß er seine Familie wiedersehen würde, eine Hoffnung, die er in Casabianda ganz aufgegeben hatte. Er war wie ausgewechselt, auch im Ponton, wohin wir zunächst für vier Tage geschafft wurden, war er vergnügt. In Uzès sah ich ihn wiederum die ersten neun Tage nicht, da ich hinter Schloß und Riegel saß. Bald nachdem ich herausgekommen, fiel mir bei ihm ein gereiztes, empfindliches Wesen auf; er konnte leicht in Streit geraten, was früher nie vorkam, und vertrug keinen Widerspruch. Ende Mai notierte ich mir, daß bei Moritz der begründete Verdacht auf Typhus bestände. Bald setzten Kopfschmerz und Temperatur ein, und eines Mittags trat eine erschreckende Untertemperatur mit Kollapserscheinungen auf. Der Arzt nahm ihn ins Lazarett, nachdem ich ihm die Reihenfolge und den Charakter der Typhusfälle in Casabianda auseinandergesetzt hatte, besonders Schmidts Fall, glaubte ihn aber nach einigen Tagen entlassen zu dürfen, nachdem er nur niedrige Temperaturen fand mit Nachmittagssteigerungen. Mir war gerade das verdächtig, und der Irrtum war verhängnisvoll, wenn auch wohl das Schicksal nicht mehr abzuwenden war. Er kam auf das Zimmer 63, wo nur zwei andere Herren noch schliefen, und durfte sich eigenes Bett kaufen. So war er verhältnismäßig nicht schlecht untergebracht. Ich war fast jede Nacht bei ihm; er war durchaus kein leichter Patient... Bald traten dauernde Delirien ein, und bei seinem Auszug in das Garnisonlazarett — der Sterbende in einer gewöhnlichen Droschke — nahm ich Abschied von ihm; Lähmungen traten auf und alle Erscheinungen eitriger Meningitis. Etwa drei Wochen später starb Edgar Moritz.
Er hat ein glückliches Ende gehabt; seine Delirien führten ihn immer zu den Seinen. Er sprach nur von seiner Freilassung, diktierte an seine Frau, drängte immer wieder, daß ja das Automobil pünktlich zur Stelle wäre, daß ich seiner Frau drahte, sie solle ihn an der Grenze erwarten. Immer wieder mußte ich telegraphieren und bestellen. Der Arzt sagte ihm auf seine Frage, daß die französische Regierung seine Freilassung dekretiert habe, und so zog er glücklich von uns. Am 24. Juli 1915 fand der arme, zerstörte Geist, der einer zu schweren auf ihn gelegten Last nicht gewachsen war, die Ruhe.
Ein trauriges Nachspiel folgte: wir wollten unserem Freund das letzte Geleit geben, und das wurde nicht bewilligt. Der Kommandant meinte, er sei für unsere Sicherheit verantwortlich und fürchte die Bevölkerung von Uzès, welche uns feindlich gegenüberstände.
Die Bitte, wenigstens eine Abordnung zu gestatten, die aus dem mitgefangenen Pfarrer Hommel, mir und einigen anderen Freunden bestünde, wurde nach Anfrage in Marseille gleichfalls abgeschlagen, auch die letzte Bitte, man möchte den Sarg auf dem Wege zum Kirchhof in den Kasernenhof zur Einsegnung der Leiche und Feier tragen lassen. So mußten wir uns mit der letzten, kümmerlichen Erlaubnis abfinden, eine Feier auf dem Kasernenhofe zu veranstalten zur Zeit, wo der Tote auf dem Kirchhofe sang- und klanglos verscharrt wurde. Am 25., nachmittags vier Uhr, fand die Leichenfeier statt; es wurden Lieder gesungen, dann sprachen Pfarrer Hommel und zum Schluß ich. Ein Eichenkreuz hatten wir auf dem Grabe errichten lassen, das Mitgefangene geschnitzt haben, einen Kranz aus der allgemeinen Sammlung auf sein Grab gelegt. Heute, wo wiederum acht Monate nach seinem Tode vergangen sind, so schwerer Erlebnisse voll, freue mich fast, daß er die Ruhe gefunden hat.
Zwei Tage darauf begruben wir einen anderen Mitgefangenen, Pagel, der auch dem Typhus erlag. Der letzte schwere Ausläufer des Typhus betraf Bonitz, welcher wieder in Uzès neben Moritz gelegen hatte. Der Arzt nahm ihn gleich in das hiesige Lazarett; ich besuchte ihn täglich, und er überstand die Krankheit nach monatelangem, schwerem Lager und Rezidiv. Lange hat es gedauert, ehe er sich einigermaßen erholen konnte; aber vor dem Aergsten blieb seine Familie bewahrt.
Noch ein anderes Nachspiel von Casabianda hat schweren Eindruck auf mich gemacht, wenn es sich auch glücklicher löste, als wir fürchten mußten. Es betraf meinen jüngsten Freund und Kerkergenossen, Leutnant Balduin von Herff, der bisher so tapfer dem Schicksal, das schwer auf ihn einstürmte, widerstanden hatte. Wie bekannt, hatte er dasselbe Verbrechen begangen wie ich, er hatte die ganze Prügelaffäre seinem Vater, Professor der Gynäkologie in Basel, berichtet und den Bericht mit Urin unsichtbar geschrieben. Am Tage, als wir nach Uzès abmarschierten, soll er, wie wir später hörten, freigekommen sein. Aber schon zog sich neues Verderben über seinem Haupte zusammen. Der juristische Grundsatz, „ne bis in idem“ schien den Franzosen nicht geläufig. Am Tage, als zwei unserer mitgefangenen Zivilisten, Schielke und Rau, welche dasselbe Verbrechen wie von Herff begangen und es ebenso bereits abgebüßt hatten, in Uzès aufs neue eingekerkert wurden, um vor das Kriegsgericht nach Marseille zu kommen, konnten wir dasselbe wohl auch von Herff annehmen, der in Casabianda zurückgeblieben war. Es war wirklich so, wie ich aus späteren Nachrichten erfuhr. Ob au titre de repressalies oder aus welchem Grunde plötzlich ein so scharfes Vorgehen gerechtfertigt erscheinen sollte, weiß ich nicht; jedenfalls wurde den Dreien aus ihren Schriften ein Strick gedreht und dieser zu einem Prozeß wegen Spionage verdichtet.
So standen die Sachen, als am 16. Juli im „Eclair“, der Zeitung, die wir täglich lasen, folgendes stand:
Eclair, 16. 7.
Wegen Spionage zum Tode verurteilt.
Marseille, den 15. Juli.
Früh am 15. Juli hat der vereinigte Kriegsrat im unteren Fort St. Nicolas unter dem Vorsitz des Oberstleutnants Kervall die Todesstrafe gegen von Herff, Rau, Otto, Schicht, angeklagt, mit Angehörigen einer feindlichen Macht einen Briefwechsel unterhalten zu haben, um ihnen Aufschlüsse über die französischen Armeen zukommen zu lassen, ausgesprochen. Die Verhandlung fand unter dem Ausschluß der Oeffentlichkeit statt.
Selten hat eine Nachricht so erschütternd auf mich gewirkt. Ich hatte zusammen mit ihm gefühlt und gelitten, und sollte nun dies das Ende dieses tapferen Menschen sein? Daß er auch an der französischen Wand ganz der alte bleiben würde, wußte ich freilich. Am nächsten Tage wurde uns beim Appell verkündigt: Laut „Eclair“ sind die Gefangenen Schielke und Rau des hiesigen Lagers zum Tode verurteilt. — Also auch Herff! Glücklicherweise hat sich die Nachricht nicht bestätigt, sie war einfach erlogen. Ich erfuhr das in einem weiteren Brief durch Herff selber.
Schielke und Rau kamen bald zurück. Der Prozeß der Drei war niedergeschlagen. Grimms Berufung wurde verworfen; er wurde aber, was wir kaum zu hoffen wagten, zu zehn Jahren Zwangsarbeit begnadigt. Unerhörte Strafen wurden gegen Ritter und Teichert ausgesprochen; beide wurden zu je zehn Jahren öffentlicher Arbeit verurteilt. Durch Herffs Vater erhielt ich Neujahr 1916 die Nachricht, daß er gut aufgehoben und gesund sei. Von Ritter und Teichert haben wir nichts mehr gehört!