2. Gonokokken und Gonorrhoe.
Eine in ihrer traurigen Bedeutung für die Menschheit früher bei weitem unterschätzte Infektionskrankheit stellt die in der wissenschaftlichen Medizin als Gonorrhoe bezeichnete Krankheit dar, die ganz wesentlich die Harnwege und die Schleimhäute der Generationsorgane befällt und deshalb auch zu den »venerischen« Krankheiten gerechnet wird. Es handelt sich in den Anfangsstadien um akut einsetzende eitrige Entzündungen dieser Schleimhäute, die aber namentlich bei unzureichender Behandlung in chronische Prozesse von außerordentlicher Langwierigkeit übergehen können. Die chronische Gonorrhoe des Mannes ist die Quelle unendlich vielen menschlichen Elends, vor allem als Ursache der Kinderlosigkeit (Sterilität) vieler Ehen: die gonorrhoische Erkrankung kann einerseits unmittelbar völlige Zeugungsunfähigkeit des Mannes und somit Sterilität der Ehe zur Folge haben, andererseits, wenn eine Eheschließung erfolgt, bevor der Mann völlig geheilt ist, langdauerndes Siechtum und entweder völlige Sterilität der Frau oder deren Sterilität nach dem ersten Wochenbett verursachen. Ganz besonders traurig war endlich noch, besonders in früherer Zeit, die außerordentlich häufige Übertragung des Krankheitsprozesses auf die Augenbindehaut schon während der Geburt des Kindes einer gonorrhoisch infizierten Frau. Schwere eitrige Augenentzündungen, die häufig zum Verluste des Augenlichtes führten, waren die häufige Folge dieser Übertragungsweise, der man erst seit wenigen Jahrzehnten systematisch dadurch vorbeugt, daß man ein Tröpfchen einer antiseptischen Silbersalzlösung in den Augenbindehautsack des Neugeborenen einträufelt. Die gonorrhoische Augenentzündung in den ersten Lebenstagen ist seit der Einführung dieser Maßnahmen durch Credé so gut wie ausgetilgt, und unendlich viel Elend ist dadurch der Menschheit erspart worden. Immerhin kommt auch heute noch, wenn auch viel seltener, gonorrhoische Infektion der Augenbindehaut zustande, gelegentlich auch durch unreinliches Verhalten bei gonorrhoisch erkrankten erwachsenen Individuen. Wenn man nun ferner noch erfährt, daß, freilich in seltenen Fällen, die gonorrhoische Infektion auch mit Gelenkrheumatismus und Herzklappenerkrankung einhergehen und so das Leben unmittelbar bedrohen kann, so wird man nicht mehr an dem großen Ernst der Krankheit zweifeln können.
Als Erreger der gonorrhoischen Krankheitsprozesse wurde im Jahre 1879 von Neißer ein durch seine eigentümliche Semmelform und durch seine Lagerung in bestimmten Körperzellen wohl charakterisierter Mikrokokkus entdeckt (vgl. [Abb. 30]), dessen Reinkultur, die anfänglich auf Schwierigkeiten stieß, wenige Jahre später Bumm gelang. Der Gonokokkus gehört zu den sehr anspruchsvollen Mikroorganismen: er geht durch Abkühlung und durch Eintrocknung außerhalb des Körpers außerordentlich rasch zugrunde und wird daher ausschließlich durch Übertragung von Mensch zu Mensch oder doch auf allerkürzesten Umwegen gefährlich.
Der Kampf gegen die Gonorrhoe hat daher in erster Linie die Vermeidung der Weiterverbreitung durch direkte Ansteckung ins Auge zu fassen und zu diesem Zweck vor allem in gründlicher und sachgemäßer Behandlung jedes erkrankten Individuums bis zu seiner völligen Heilung zu bestehen. Wichtig ist auch, daß jeder Kranke über die außerordentlich große Gefahr, die eine gonorrhoische Augenentzündung mit sich bringt, unterrichtet und deshalb zu besonderer Reinlichkeit ermahnt wird.
Die Behandlung des Erkrankten ist ausschließlich Sache des Arztes, dem heute eine ganze Anzahl von wirksamen Arzneimitteln für diesen speziellen Zweck zur Verfügung stehen, durch deren sachgemäße Anwendung in Verbindung mit einer geeigneten Diät die meisten Krankheitsfälle geheilt werden können.
Abb. 30.
Gonokokken im Eiter bei akuter Gonorrhoe. Semmelförmige Doppelkokken im Körper von Eiterzellen (weißen Blutzellen).
Unbedingte Pflicht eines jeden, der einmal gonorrhoisch infiziert war, ist, daß er eine Ehe unter allen Umständen erst dann eingeht, wenn ärztlicherseits seine Heilung festgestellt und ihm daraufhin die Erlaubnis zum Heiraten gegeben worden ist.