Die Pest.
Aus den Beschreibungen der verschiedenen Krankheitsbilder, unter denen »der schwarze Tod« in den großen Epidemien des 14. Jahrhunderts die Menschen dahinraffte, geht hervor, daß während jener Epidemien viele Fälle von Lungenpest beobachtet wurden. Im allgemeinen tritt diese Form der Krankheit an Häufigkeit zurück hinter der als Beulenpest oder Bubonenpest bezeichneten gewöhnlichen Form. Bei dieser letzteren zeigt sich als charakteristisches Krankheitssymptom eine starke, außerordentlich druckempfindliche, entzündliche Schwellung von Lymphdrüsen, meist einer solchen am Oberschenkel oder in der Leistengegend, zuweilen in der Achselhöhle, seltener am Halse oder am Kiefer. Die Krankheitskeime sind dahin von irgendeiner ganz winzigen benachbarten Hautwunde aus gelangt. Gleichzeitig mit dem Auftreten der »Pestbubonen« (geschwollenen Drüsen) setzt hohes Fieber ein. Die Kranken zeigen Bewußtseinstrübung, ihre Sprache wird lallend, und innerhalb 3–4 Tagen sterben 70–80% der Befallenen meist unter Bewußtlosigkeit. In ganz besonders schweren Fällen kann der Krankheitsverlauf noch kürzer sein.
Die Lungenpest kann sich entweder aus einem Falle von Beulenpest nachträglich entwickeln, oder es kann – in seltenen Fällen – gleich von Anbeginn der Erkrankung an die Lunge befallen sein. Dann verläuft die Krankheit unter dem Bilde einer Lungenentzündung, und zwar führt sie fast ausnahmslos und meist sehr rasch zum Tode.
Der Erreger der Seuche, der Pestbazillus ([Abb. 21] u. [22]), wurde im Winter 1893/94 gelegentlich einer in Hongkong herrschenden Epidemie gleichzeitig von einem Schüler Pasteurs, Yersin, und einem Schüler Kochs, Kitasato, entdeckt. Es ist ein kleines, kurzes, ziemlich plumpes Stäbchen mit abgerundeten Enden, das keine Eigenbewegungen besitzt, keine Sporen bildet, aber in mancher Beziehung vergleichsweise widerstandsfähig gegen physikalische Einflüsse ist; namentlich ist es im Gegensatze zu den meisten anderen krankheiterregenden Bakterien auffallend unempfindlich gegen Kälte. In Kulturen vermag es sich selbst bei + 4,5° C, wenn auch sehr langsam, zu vermehren, während die meisten pathogenen Bakterien ja erheblich höhere Temperaturen beanspruchen, und viele geradezu auf Körpertemperatur angewiesen sind.
Abb. 21.
Pestbazillen aus einer Reinkultur auf Nähragar.
Dieses Pestbakterium findet sich bei der Beulenpest in den entzündeten Lymphdrüsen in kolossalen Mengen, in späteren Stadien auch im Blute und wird in solchen Fällen auf den Körper des Erkrankten streng beschränkt bleiben, also nicht in die Außenwelt gelangen, es sei denn, daß nach Vereiterung einer Lymphdrüse ein Durchbruch von eitrigem Material nach außen eintritt. In diesem letzteren Falle werden mit dem Eiter natürlich auch Pestbakterien, und zwar in großer Menge, ausgeschieden. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle von Beulenpest kommt es aber nicht hierzu, und daraus ergibt sich schon, daß solche Kranke selbst für ihre nächste Umgebung keine erhebliche Gefahr darstellen. Ganz anders bei der Lungenpest: der Kranke, der an dieser Form der Seuche leidet, scheidet mit seinem Auswurf massenhafte virulente Pestkeime aus und wird dadurch für seine Umgebung außerordentlich gefährlich. Auch von dieser Gefahr macht man sich aber zuweilen ganz übertriebene Vorstellungen: wer sie genau kennt, vermag ihr vorzubeugen. Das beweist am besten eine Angabe von Schottelius: danach erkrankten von den 99 englischen Diakonissinnen, die von 1894–1900 ausschließlich zur Pflege Pestkranker nach Bombay gekommen sind, im ganzen nur 3 an Pest, von denen zwei genasen. Überhaupt werden Europäer, auch in den Gegenden, in denen die Pest niemals erlischt, vergleichsweise nur äußerst selten von der Seuche befallen; in erster Linie deshalb, weil sie für Reinlichkeit des Körpers, der Kleidung und Wohnung Sorge tragen. – Anderseits wird die Gefahr der Pestverbreitung durch den Auswurf dadurch vergrößert, daß, wie Gotschlich zuerst feststellte, noch wochenlang nach der Abheilung einer Pestlungenentzündung im Auswurf des Rekonvaleszenten bzw. Genesenen Pestbazillen nachzuweisen sind.
Abb. 22.
Pestbazillen im Abstrich von einer vereiterten Lymphdrüse (Bubo) bei Bubonenpest.
Von größter Bedeutung für die Entstehung und Verbreitung von Pestepidemien ist die Tatsache, daß der Pestbazillus ebenso wie für den Menschen für eine Reihe von kleineren Nagetieren höchst gefährlich ist, insbesondere für Ratten. Man hat beobachtet, daß dem ersten Auftreten von gehäuften Pestfällen unter den Menschen oft ein massenhaftes Rattensterben vorausgeht. Dies gilt vor allen Dingen für die sogenannten Pestherde, jene Gegenden, in denen die Krankheit nie vollständig erlischt. Die natürliche Verbreitung der Seuche unter diesen Tieren soll hauptsächlich dadurch erfolgen, daß die Überlebenden die Leichen der an Pest gestorbenen Tiere aufzufressen pflegen. Die Pestbazillen dringen dann in kleine Verletzungen des Rachens ein, und die ersten »Pestbeulen« finden sich dann auch häufig am Halse; d. h. mit andern Worten: in den der infizierten Wunde nächstgelegenen Halslymphdrüsen.
Durch neueste Untersuchungen ist es wahrscheinlich gemacht, daß von Ratten die Seuche auf den Menschen hauptsächlich durch Flöhe übertragen wird; dafür sprechen manche Erfahrungstatsachen; vereinbar damit ist z. B. die schon erwähnte Seltenheit der Erkrankung bei Europäern, die in reinlichen Wohnungen leben und sich vor Ungeziefer überhaupt schützen, ferner auch die sicherstehende Tatsache, daß einen relativen Schutz gegen die Seuche auch die unter günstigen hygienischen Bedingungen lebenden vornehmen Kasten der indischen Bevölkerung genießen, endlich die Feststellung, daß weitaus die meisten Pestbubonen an den Oberschenkeln sitzen und dadurch auf Eindringen der Krankheitskeime an den Beinen hindeuten: es ist ja einleuchtend, daß Flöhe, die von den verendeten Ratten auf den Menschen übergehen, meist zunächst auf die unbekleideten Beine gelangen und daher am häufigsten auch hier zuerst stechen werden.
Die Bekämpfung der Pest bei der armen eingeborenen Bevölkerung Indiens muß vorläufig auf die größten Schwierigkeiten stoßen, da sie nach dem eben Gesagten wesentlich in der Hebung der hygienischen Verhältnisse im allgemeinen beruhen müßte. In dieser Hinsicht ist aber von der näheren Zukunft wohl noch nicht viel Gutes zu erwarten.
Zur Verhütung der Gefahr einer Einschleppung der Seuche nach Europa dienen strenge Maßnahmen, die sich namentlich auf eine scharfe Kontrolle aller aus pestverdächtigen Gegenden kommenden Schiffe erstrecken. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Möglichkeit einer Verbreitung der Seuche durch pestkranke Ratten gerichtet. Hier kommen als Schutzmaßregeln zunächst wieder Vorkehrungen in Betracht, die das Eindringen von Ratten an Bord von Schiffen in pestverseuchten Häfen unmöglich machen sollen. Weiterhin hat man als radikalste und beste Methode die Vernichtung sämtlicher in den Schiffsräumen befindlichen Ratten durch Entwickelung giftiger Gase mit Erfolg versucht.
Sollte trotz aller Vorsicht einmal ein Pestfall nach Deutschland eingeschleppt werden, so wird der Umfang der dadurch entstehenden Gefahr in erster Linie von der Schnelligkeit abhängen, mit der die Krankheit erkannt wird. Gelingt es, den betreffenden Patienten zu isolieren, bevor er seine Umgebung angesteckt hat, so wird die Gefahr unterdrückt werden können. In erster Linie dienen diesem Zwecke sogenannte Pestlaboratorien, die im Anschluß an größere hygienische und andere staatliche Institute, die sich mit der Erforschung der Infektionskrankheiten beschäftigen, in über 20 deutschen Städten vorhanden sind. Für die Einrichtung und den Betrieb dieser Laboratorien bestehen besonders strenge und genaue Vorschriften, denn bei der Gefährlichkeit des Pestbazillus ist selbst das wissenschaftliche Arbeiten mit dem Keim mit vergleichsweise großen Gefahren verknüpft; man braucht z. B. nur an die Möglichkeit zu denken, daß eine zu diagnostischen Zwecken mit Pestmaterial geimpfte Ratte aus ihrem Käfig entwischte; dies könnte den Anlaß zu einer Pestseuche zunächst unter den Ratten geben, die dann aber unter unglücklichen Bedingungen auch auf die Menschen überspringen könnte. Auch sind einige sehr traurige Fälle, in denen Ärzte sich beim Arbeiten mit Pestbazillen eine tödliche Infektion zuzogen, ja allgemein bekannt geworden und noch in lebhafter Erinnerung.
In Gegenden, in denen die Pest heimisch, »endemisch« ist, hat man mit Erfolg, besonders bei Soldaten, Schutzimpfungsverfahren angewendet, die meist in der Injektion kleiner Mengen abgetöteter Reinkulturen des Pestbazillus bestanden und sich nach den Berichten bewährt haben. Neuerdings sollen auch günstige Erfolge durch Schutzimpfung von Menschen mit lebenden, avirulenten Pestkulturen erzielt sein. Erwähnt sei noch, daß vom Institut Pasteur in Paris mittels eines langwierigen Vorbehandlungsverfahrens von Pferden ein Antipestserum hergestellt wird. Bei dem letzten unliebsamen Besuche, den die Pest vor wenigen Jahren in Europa machte – es handelte sich um eine in Oporto im Jahre 1899 ausgebrochene Epidemie –, hat sich dieses Serum, wenn auch nicht als ein sicheres Rettungsmittel, so doch als ein wertvolles Hilfsmittel erwiesen: die Sterblichkeit der mit dem Serum behandelten an Pest Erkrankten betrug nur 14,8% gegenüber einer solchen von 63,7% bei den unbehandelten.