Pest und Cholera.
Historische und epidemiologische Vorbemerkung.
Pest und Cholera, die beiden mörderischsten Seuchen, die die Menschheit heimsuchen, haben neben vielen unterscheidenden auch einige gemeinsame Züge: beider Heimat ist Asien, beide sind zu verschiedenen Zeiten von dort mit dem Verkehr zu Lande und zu Wasser zur Levante und nach Rußland und – auf verschiedenen Wegen – nach West- und Mitteleuropa vorgedrungen in großen Seuchenzügen, die gewaltige Opfer an Menschenleben gefordert haben. Die heute in Mitteleuropa lebende erwachsene Generation steht noch unter dem Eindruck des letzten größeren Angriffs der Cholera – der Hamburger Epidemie von 1892. Die Tatsache, daß bei unseren östlichen Nachbarn auch augenblicklich die gefürchtete Seuche haust und trotz der Fortschritte unserer Kenntnisse nicht gebändigt werden kann, vor allem aber die Tatsache, daß hier und da trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ein oder einige Cholerafälle in die Kulturländer Westeuropas eingeschleppt werden, erinnert uns beständig daran, daß dieser Feind vor der Tür steht, und daß wir stets zu seiner Abwehr gerüstet sein müssen.
Während aber die Cholera bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts völlig unbekannt war, stellt die Pest die eigentlich gefährlichste, mörderischste Krankheit des mittelalterlichen Europas dar. Die beiden großen Seuchen haben sich – in ihrer Rolle in Europa – gewissermaßen abgelöst.
So ist denn auch die Erinnerung an die Pest im Volksbewußtsein fast erloschen, die Furcht vor einem Einbruch dieses Feindes – man kann sagen, mit Recht – verschwunden.
Die fürchterlichste Pestepidemie, die Mitteleuropa überzog, war diejenige der Mitte des 14. Jahrhunderts. Man hat berechnet, daß damals ein Viertel der Bewohner Europas oder etwa 25 Millionen Menschen dem »schwarzen Tod« erlegen sind. Erhebliche Opfer forderten weitere Pestepidemien des 15. und 16. Jahrhunderts, erst im 17. Jahrhundert ließen diese nach, und erst mit dem 18. Jahrhundert verschwand die Seuche aus Westeuropa, von einzelnen kleinen Einfällen abgesehen, völlig, während sie aus dem Osten und Südosten Europas erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so gut wie verschwunden ist.
Von all dem unabsehbaren Unheil ist heute kaum etwas in unserem Volksbewußtsein geblieben, als der Name der Krankheit, der sich noch in einigen Ausdrücken erhalten hat.[11]
Der erste große Einbruch der Cholera nach Europa fand im Jahre 1826 statt, und zwar gelangte die Seuche auf dem Landwege über die Türkei und Rußland nach Deutschland, kam mit dem Seeverkehr nach England, wurde von dort aus auch nach Amerika geschleppt und gelangte gleichzeitig auch anderseits nach China und Japan.
Weitere gewaltige Seuchenzüge überzogen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts alle bewohnten Länder der Erde, die am Weltverkehr beteiligt sind. Im Königreich Preußen allein erlagen im Jahre 1866 nicht weniger als 114000 Menschen der Cholera. Die letzte große Ausbreitung der Seuche, die auch Westeuropa vorübergehend ernstlich bedrohte, begann im Jahre 1883; zu Anfang der 90er Jahre kam die Krankheit nach Rußland, wo sie in den Jahren 1892 bis 1894 etwa 800000 Menschenleben vernichtet haben soll.
Von da aus wurde der Ansteckungsstoff nach fast allen größeren Hafenplätzen Europas verschleppt; zu einer größeren Epidemie kam es aber nur in Hamburg. Es gelang, der weiteren Verbreitung der Gefahr vorzubeugen – dank den Fortschritten der Kenntnisse über ihre Ursache, vor allem Dank der Entdeckung und Erforschung der Cholera-Erreger durch Robert Koch.
Unmöglich dagegen ist und bleibt bis auf weiteres die vollständige Beseitigung der beiden Seuchen, denn beide haben ihre vorläufig unangreifbaren Schlupfwinkel, entlegene Landstriche, in denen sie endemisch hausen, und aus denen sie nicht eher verschwinden werden, als durchgreifende hygienische Maßnahmen in großem Stil zur Anwendung gelangen werden. Solcher »Pestherde« sind mehrere im Innern Asiens vorhanden, ein weiterer ist in Innerafrika (Uganda) festgestellt worden. Bis zu ihrer Beseitigung wird die Gefahr eines immer neuen Aufflammens von Pestepidemien in Asien und Afrika und damit auch einer Bedrohung Europas nicht schwinden.
Ähnlich steht es mit der asiatischen Cholera, die ihre Hochburg im Gangesdelta hat, unter dessen armer Eingeborenenbevölkerung sie vorläufig unausrottbar endemisch ist. Für ihre Verbreitung sind von verhängnisvoller Bedeutung die religiösen Bräuche der Mohammedaner, die in Gestalt der Pilgerfahrten zu den heiligen Stätten des Islam wie geschaffen sind, um den Tausenden, die aus allen Himmelsrichtungen zusammenströmen, den Ansteckungsstoff zu vermitteln, den sie dann auf der Heimfahrt mit sich schleppen. Gegen die Choleraeinschleppung durch Pilger nach Ägypten hat man bisher ohne vollen Erfolg einen mühsamen Kampf geführt, und es verdient alle Achtung, daß es den europäischen Sanitätsbehörden bisher gelungen ist, im wesentlichen das Vordringen der Seuche von da aus auf dem Seewege nach Europa hintanzuhalten.
Freilich ist das ein geringer Trost Angesichts der Tatsache, daß die Cholera auf dem Landwege bis in die Hauptstädte Rußlands vorgedrungen ist und, damit in die nächste Nähe unserer östlichen Grenze gerückt, unsere Medizinalbehörden zu ständiger gespannter Aufmerksamkeit und schärfster Kontrolle der Grenze zwingt. Daß auch die westeuropäischen Häfen erheblich gefährdet sind, seit der unheimliche Gast in Rußland festen Fuß gefaßt hat, bedarf kaum der Erwähnung.