Typhus.

Wegen der Schwere der Krankheitserscheinungen und der Zahl der Opfer, auch wegen der großen Schwierigkeiten, die seine Bekämpfung auch heute noch der ärztlichen Wissenschaft bereitet, gehört der Unterleibstyphus zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten unseres Klimas.

Das Krankheitsbild ist in den schwereren Fällen meist sehr charakteristisch. Nach erfolgter Übertragung des Ansteckungsstoffes pflegt eine Inkubationszeit von etwa 2 Wochen Dauer zu verstreichen, gegen deren Ende sich unbestimmte und zunächst geringfügige Krankheitserscheinungen einstellen, vor allem Mattigkeit, Unlust zur Arbeit, Appetitlosigkeit, leichte Kopfschmerzen. Ganz allmählich pflegen die Erscheinungen schwerer zu werden, die Temperatur steigt mehr und mehr an. Erscheinungen von seiten des Darmkanals, zunächst gewöhnlich Stuhlverhaltung, dann Durchfälle, stellen sich ein, dazu kommt neben gänzlicher Appetitlosigkeit quälender Durst und im weiteren Krankheitsverlauf bei besonders schweren Fällen kürzere oder längere Bewußtseinsstörungen mit allen ihren peinlichen Folgezuständen. Meist erst nach mehrwöchiger Krankheit gehen die Erscheinungen langsam zurück, das Fieber läßt nach, und endlich tritt die Rekonvaleszenz ein, die nicht selten noch durch Rückfälle unterbrochen wird. Nicht ganz selten führen aber diese schweren Fälle, trotz aller ärztlichen Bemühung, zum Tode.

Um so merkwürdiger mag es auf den ersten Blick erscheinen, daß neben schweren auch leichtere, ja, wie man seit kurzem weiß, gar nicht selten auch allerleichteste Formen von Typhuserkrankung vorkommen, die sehr oft von dem Betroffenen selbst gar nicht als Krankheit, geschweige denn als Typhuserkrankung im besonderen erkannt werden.

Die Ursache des Prozesses ist der Typhusbazillus, der zuerst von Eberth im Jahre 1880 gesehen, dann im Jahre 1884 von Gaffky zuerst gezüchtet und genauer in seinen Eigenschaften erforscht wurde. Es handelt sich um ein kleines, sehr lebhaft bewegliches Stäbchen, das diese Beweglichkeit einer größeren Anzahl von Geißeln verdankt, und das die Eigenschaft der Sporenbildung nicht besitzt. Dieses Stäbchen findet sich in allen Typhusfällen in großen Mengen im Darminhalt und in der krankhaft veränderten Darmwand, ferner aber auch im Blute der Kranken und in deren Organen. Anfänglich machte seine sichere Erkennung große Schwierigkeiten, da sich im Darm regelmäßig normalerweise Bazillen finden, die den Typhusbazillen, äußerlich wenigstens, ähnlich sehen, die sog. Kolibazillen. Man lernte aber bald auf Grund der chemischen Leistungen die beiden Bakterienarten sicher und rasch zu unterscheiden, noch leichter und schneller gelingt heute die Unterscheidung auf Grund der spezifischen Seroreaktion, die im Kapitel III besprochen wurde. – Zur Feststellung des typhösen Charakters eines verdächtigen Krankheitsfalles wird neuerdings als einfachstes Mittel der Nachweis der Typhusbazillen im Blute herangezogen. Einige Kubikzentimeter des einer Armvene entnommenen Blutes werden mit Agar vermischt zu Plattenkulturen verarbeitet. Schon vor Ablauf eines Tages entwickeln sich dann bei Brüttemperatur nahezu regelmäßig große Kolonien des Typhusbazillus mit sehr charakteristischen Eigenschaften, – vorausgesetzt, daß man es mit einem Falle von echtem Typhus zu tun hatte.

Abb. 25.
Typhusbazillen; Abstrich von einer Reinkultur.

Da die erste und wesentlichste Ansiedelung der Typhusbazillen im Darm erfolgt, ist es wahrscheinlich, daß sie immer vom Mund aus in den Körper eindringen. Vereinzelte Typhusfälle, die hier oder da auftreten, beispielsweise Erkrankung des Pflegepersonals in großen Krankenhäusern, sind ohne Zweifel darauf zurückzuführen, daß Typhusbazillen aus den Ausscheidungen eines Kranken auf irgendeinem Wege mit den Nahrungsmitteln oder mit der Hand in den Mund des Gesunden gelangt sind. Nicht nur die Darmentleerungen, sondern in sehr vielen Fällen auch der Harn der Kranken enthält enorme Mengen der infektiösen Keime, und es ist nur zu erklärlich, daß, namentlich in der Umgebung benommener Kranker, tausend Möglichkeiten der Kontakt-Infektion gegeben sind.

Neuerdings ist z. B. von Geheimrat Curschmann, einem der erfahrensten Typhuskenner, besonders auf die Rolle der Fliegen bei der Verschleppung von Keimen hingewiesen worden; daß diese Tiere mit kleinsten Partikelchen der Entleerungen eines Kranken Keime verschleppen können, ist von vornherein einleuchtend; man hat es aber auch unmittelbar nachweisen können, indem man Fliegen aus dem Krankenzimmer eines Typhösen über eine Nähragarfläche kriechen ließ und nach einiger Zeit neben anderen Kolonien auch solche des Typhuserregers aufgehen sah.

Die wichtigste Maßnahme, die zur Eindämmung der Typhuserkrankungen führen kann, ist deshalb wiederum die absolute oder doch tunlichste Isolierung des erkrankten Menschen. Schwerkranke sollten immer in Krankenhäusern untergebracht werden, die über besondere Isolierstationen verfügen. Von den ganz leichten Fällen ist dies selbstverständlich nicht zu verlangen. Unbedingte Erfordernis ist aber, daß sämtliche typhusbazillenhaltigen Ausscheidungen sofort in besonderen Gefäßen desinfiziert werden. Die neuere Zeit hat uns nun gelehrt, daß diese Aufgabe erheblich größer und damit schwieriger ist, als man früher wohl annahm, insofern, als sowohl die Rekonvaleszenten von schweren Typhusfällen als auch die schon erwähnten ganz leicht Erkrankten oft viele Monate hindurch die gefährlichen Keime beherbergen und ausscheiden. Bei gutem Willen kann nun zwar ein einigermaßen intelligenter Mensch für die Vernichtung dieser ausgeschiedenen Bazillen hinreichend sorgen, die erste Voraussetzung hierfür ist aber die Erkenntnis seiner Krankheit resp. seiner Gefährlichkeit. Um diese bemühen sich besonders die Medizinalbeamten und Ärzte und an vielen hervorragend gefährdeten Stellen besondere zur Typhusbekämpfung begründete Institute.

Hin und wieder kommt es zu explosionsartig auftretenden Typhusepidemien hier oder da. In solchen Fällen hat sich in der Regel nachweisen lassen, daß irgendwo durch typhöse Ausscheidungen Verunreinigungen einer Trinkwasserquelle erfolgt waren, die dann direkt oder nicht selten auch auf einem Umwege zu einer sehr erheblichen Verbreitung der Krankheit beigetragen haben. Mehrfach hat sich gezeigt, daß die gemeinschaftliche Ansteckungsquelle für eine große Zahl von Typhusfällen in der Milch zu suchen war; die Typhusbazillen stammten dann wiederum aus infiziertem Wasser, das entweder zur Reinigung der Gefäße oder aber in betrügerischer Absicht zur Verdünnung der Milch verwendet worden war. Die Anstrengungen der Medizinalbehörden sind deshalb in neuerer Zeit auch besonders auf die Bekämpfung des Typhus in den Dörfern gerichtet, in denen bisher die Wasserversorgung vielfach noch nicht mit der gleichen Schärfe überwacht werden kann als in den Städten.


Einige Ähnlichkeit mit dem Unterleibstyphus haben manche Fälle von Vergiftungen durch Nahrungsmittel, die mit bestimmten, dem Typhusbazillus nahestehenden Bakterien infiziert waren. Es mag deshalb hier eine kurze Erörterung dieser und ähnlicher Erkrankungen und ihrer Entstehung angeschlossen werden.

Nach dem Genuß verdorbener, d. h. in Fäulnis übergegangener Nahrungsmittel treten oft sehr erhebliche Krankheitserscheinungen, in erster Linie heftige Verdauungsstörungen, auf. Die Ursache dieser Erkrankungen liegt in der Giftigkeit mancher der bei der Fäulnis entstehenden Abbau- oder Zersetzungsprodukte der organischen Substanzen, vor allem der Eiweißabbauprodukte. Da die Zersetzung auf der Lebenstätigkeit von Bakterien beruht, so kann man in gewissem Sinne auch diese Erkrankungen den Spaltpilzen auf die Rechnung setzen. Es ist aber einleuchtend, daß es sich dabei um etwas ganz anderes handelt als um eine Infektionskrankheit. – Man vermeidet diese Schädlichkeit in der Regel leicht dadurch, daß man sich vor dem Genuß aller verdorbenen Nahrungsmittel, die durch Aussehen, Geruch und Geschmack ja meist leicht erkennbar sind, hütet.

Man hat aber anderseits nach dem Genuß von Nahrungsmitteln, die im gewöhnlichen Sinne durchaus nicht verdorben waren, mehr oder weniger heftige Erkrankungen auftreten sehen, die zuweilen geradezu epidemieartig erschienen, indem sie gleichzeitig eine große Anzahl von Personen befielen, die von irgendeiner Speise genossen hatten. Dabei handelte es sich teils um Fleischkonserven, Wurst, teils auch um Gemüsekonserven, aber auch um andere Speisen verschiedener Art. In solchen Fällen ist es bereits mehrfach gelungen, die Ursache der Erkrankung in bestimmten Bakterienarten nachzuweisen, die sowohl in dem betreffenden Nahrungsmittel als auch in den Darmentleerungen der Erkrankten nachgewiesen werden konnten. Bei einzelnen solcher Erkrankungen gelang es, die gleichen Bakterien auch im Blute der Patienten zu finden. In diesen Fällen haben wir es also mit einem echten infektiösen Prozeß zu tun.

Es ist ganz ausgeschlossen, die verschiedenen Krankheitsformen und die dabei bisher gefundenen Krankheitserreger hier zu erörtern oder auch nur aufzuzählen. Glücklicherweise gehören derartige Erkrankungen und besonders derartige Epidemien zu den seltenen Vorkommnissen. Da sie aber unter Umständen große Ähnlichkeit einerseits mit der asiatischen Cholera, anderseits, wie erwähnt, mit dem Typhus aufweisen, so kann ihre richtige Erkennung besonders in Zeiten, wo die eine oder andere dieser beiden Krankheiten uns bedroht, von großer Wichtigkeit sein. So ist es vorgekommen, daß gerade während des Auftretens einzelner Cholerafälle in unsern östlichen Provinzen, zu einer Zeit also, in der man eine epidemische Verbreitung der Cholera zu befürchten hatte, »explosionsartig« eine große Anzahl von Erkrankungen an Brechdurchfall in einer Stadt der Provinz Brandenburg auftraten, die einige Beunruhigung verursachten, bis die bakteriologische Untersuchung ergab, daß es sich um Nahrungsmittelvergiftung durch eine bekannte Bakterienart, vor allem also nicht um Cholera handelte.