Aretaios, Rhuphos, Soranos.
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Die Spirallinie der geschichtlichen Entwicklung führte das medizinische Denken unverkennbar wieder zum Rationalismus, allerdings auf höherer Stufe, zurück, und die pneumatisch-eklektische Schule bedeutet nichts anderes, als eine Erneuerung der dogmatischen Fundamentalsätze, deren humoralpathologischer Inhalt freilich durch die Pneumalehre erweitert, durch die Qualitätentheorie verschleiert, durch die Heranziehung aller bisher erzielten theoretischen und praktischen Errungenschaften wesentlich modifiziert wurde.
Eine logische Geschichtskonstruktion würde als weitere Etappe schließlich die vollendete Rückkehr zu Hippokrates selbst erfordern, von dem sich ja einst die dogmatische Richtung auf der Suche nach rationeller Begründung der Kunstregeln ableitete, sie würde die Existenz eines Mannes präsumieren, dessen Denken und Wirken gleichsam die Asymptote zu einem den Zeitansprüchen äquivalenten, wissenschaftlich gefestigten Hippokratismus darstellt.
Ideal und Wirklichkeit fällt in dieser Epoche tatsächlich zusammen in einigen — Meisterwerken, über deren vielumstrittenen Verfasser wir leider bloß das eine mit Sicherheit wissen, daß er, weder auf seine, noch auf die nachfolgende Zeit (wenigstens nach den äußerst spärlichen Zitaten der späteren Autoren zu urteilen) einen tiefer eingreifenden Einfluß ausgeübt hat. Es sind dies die glücklicherweise noch erhaltenen Bücher des Aretaios aus Kappadokien: Ueber die Ursachen und Kennzeichen der akuten und chronischen Krankheiten (περὶ αἰτιῶν καὶ σημείων ὀξέων καὶ χρονίων παθῶν) und über die Behandlung derselben (περὶ θεραπείας ὀξέων καὶ χρονίων παθῶν) — Schriften von unvergänglichem Werte, Denkmäler echt hippokratischer Geisteshoheit!
Da Aretaios keinen medizinischen Autor außer Hippokrates erwähnt, und die Alten seiner ebensowenig gedenken, so herrschen über seine Lebenszeit nur Vermutungen, die sich vorwiegend auf Inhalt und Darstellungsweise seiner Schriften stützen. Der Umstand, daß er dem Pneuma eine bedeutende Rolle zuerkennt, hat neben anderen Momenten zur Annahme geführt, daß er in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. (wohl eine Zeitlang auch in Aegypten) lebte; der ionische Dialekt — den er für die Darstellung übrigens deshalb wählte, um Hippokrates auch in der Form nachzustreben — führt, nach Ansichten der Philologen, in die Zeit des 2. Jahrhunderts hinab. Außerdem ist heute sogar die Frage, wie Aretaios als Mediziner zu werten ist, deshalb diskutabel geworden, weil man eine bisher entgangene, merkwürdige Uebereinstimmung seiner Schriften mit den Fragmenten des Archigenes von Apameia entdeckt hat, und so dreht sich die Debatte noch darum, ob Aretaios nur als „Stilist“ einzuschätzen ist und sein Wissen dem Archigenes entlehnt hat oder aber, ob letzterer als Plagiator aufzufassen wäre. Die bedeutende Selbständigkeit, welche Aretaios gerade bei der Darstellung allgemein bekannter Verhältnisse offenbart, macht die medizinischen Historiker bisher wenig geneigt, seinen Ruhm schmälern zu lassen. Mag aber das Endurteil wie immer ausfallen, das Eine wird unverrückbar feststehen: Kein einziger griechischer Autor nach Hippokrates, von dem wir Kunde haben, erreicht die Höhe des Aretaios und kein Werk in der ganzen Literatur nähert sich in solchem Maße dem echten, unverfälschten Geist des Hippokratismus, sowohl in Bezug auf die Krankheitsschilderung, als auch im Hinblick auf die therapeutischen Grundsätze, wie die Bücher des Kappadoziers. Entrückt dem Streit über die Person des Autors, wollen wir in der folgenden Darstellung nur auf seine Schriften unser Augenmerk richten.
Außer den oben genannten Büchern schrieb Aretaios noch über Fieber, Chirurgie, Gynäkologie, über Prophylaxe und Arzneimittel, wovon aber nichts gerettet wurde. Die beiden auf uns gekommenen Hauptwerke, je vier Bücher, de causis et signis acutorum et diuturnorum morborum und de curatione acutor. et diuturnor. morb., sind leider mit einigen bedeutenden Lücken versehen. Ed. C. G. Kühn (Leipzig 1828 in den Op. medicor. Graecor. quae exstant vol. 24); deutsche Uebersetzungen von Dewez (Wien 1790, 1802) und Mann (Halle 1858).
Den schönsten Vorzug des Aretaios bildet es, daß er unbeirrt durch einengende Schulsatzungen und Dialektik die scharf beobachtende, aber nüchtern urteilende ärztliche Erfahrung keiner geistreich schillernden Theorie opfert, und wohl ein Sohn, nicht aber ein Knecht seines Zeitalters, inmitten einer ungesunden Hyperkultur, inmitten von frivoler Routine und uferloser Spekulation den schmalen Saumpfad wahrer, denkender, kritischer Naturbetrachtung einschlägt — den Weg, der unbetretbar für die Masse der Allzuvielen, von dem erhabenen Genius aus Kos nur für die Besten aller Zeiten gebahnt worden zu sein scheint. Lebhaft an Hippokrates in der knappen, edelstilisierten und plastisch abgerundeten Darstellungsweise erinnernd, ein Muster in der Auffassung des ärztlichen Berufes, in der Naturwahrheit der Schilderung, in der Zurückhaltung des Urteils, erfüllt von dem Geistesadel, der die klassische Literatur der Hellenen über die aller Völker erhebt, entwirft Aretaios vom Standpunkt seiner Wissenshöhe schwer erreichbare, kaum zu übertreffende Krankheitsbilder, immer hinstrebend nach sicherer Diagnose, immer das Hauptziel im Auge behaltend — die einfache, möglichst naturgemäße Heilmethode.
Aus der Fülle des Stoffes sei hier nur auf dasjenige verwiesen, was die Schriften im Verhältnis zu den herrschenden Schulen charakterisiert und einen Fortschritt in praktischer Beziehung ausmacht.
Aretaios nimmt die φύσις in der Bedeutung des Inbegriffs der organischen Kräfte, macht das Herz zur Zentralstätte der eingepflanzten Wärme und mißt dem Pneuma eine hohe Bedeutung bei; der τὀνος (vergl. S. 330) ist das verknüpfende Band des Organismus. Krankheiten entspringen aus Anomalien der Säfte, der eingepflanzten Wärme oder des Tonus. Bei der Schilderung der einzelnen Krankheiten, welche in akute und chronische zerfallen, werden die pathognomonischen Symptome mit packender Naturtreue beschrieben, finden neben der Aetiologie und Disposition (Lebensalter, Geschlecht) sehr oft auch die anatomischen Verhältnisse gebührende Berücksichtigung. Ganz besonders gelungen sind die Beschreibungen der Pleuritis (mit Empyem), Pneumonie und Phthise (Bluthusten), des Asthmas (in weiterem Sinne), der Lähmungszustände (Apoplexie = Lähmung der geistigen Tätigkeit, der Empfindung und Bewegung; Paraplegie = Lähmung der Empfindung und Bewegung; Paralysis = Lähmung der Bewegung; Anästhesie = Lähmung der Empfindung), des Tetanus (Emprosthotonus), der Epilepsie (mit vorausgehender Aura), der Hysterie (auch männliche), des Kopfschmerzes (Migräne), gewisser Halsaffektionen (darunter Diphtherie), des Diabetes (erste ordentliche Darstellung in der europäischen Literatur), des Ikterus, der Wassersucht, der Gicht und Ischialgie, der Ruhr, verschiedener Darm-, Leber- und Blasenleiden, der Spermatorrhöe, der Lepra (auf Grund eigener Erfahrung!). Scharf hervorgehoben und auf die physiologische Funktion zurückgeführt wird die Tatsache, daß die vom Gehirn ausgehenden Lähmungen gekreuzt, die spinalen dagegen gleichseitig sind. — Auf die Diagnostik ist besonderer Wert gelegt, ja an einer Stelle (De caus. et sign. acut. II. 3) ist sogar die Auskultation des Herzens angedeutet.
Aretaios fügte zu den physiologisch-pathologischen Anschauungen der Hippokratiker Fundamentalgedanken der Pneumatiker (τὀνος) und der Methodiker (Klassifikation der Krankheiten) hinzu und stützte sich im Sinne der alexandrinischen Meister gerne auf die Anatomie. Manche seiner Angaben z. B. über Darmgeschwüre, Nierenaffektionen, „Entzündungen“ oder „Erweiterungen“ der großen Gefäße sprechen beinahe für die Vornahme von Sektionen, jedoch läßt sich darüber keine Klarheit gewinnen, denn die Widersprüche in den anatomischen Kenntnissen sind zu kraß, wenn Aretaios einerseits sogar die Bellinischen Röhrchen der Niere (De causis II. 3), die Verzweigung der Pfortader und der Gallengänge andeutet, anderseits in der herkömmlichen Weise Nerven, Sehnen und Bänder zusammenwirft oder gar Wanderungen des Uterus annimmt. — In der Physiologie der Verdauung, Blutbewegung und Atmung steht Aretaios auf ähnlichem Standpunkt wie die Pneumatiker; den einzelnen Organen verleiht er Attraktionskräfte, dem Herzen die Fähigkeit, auch giftige Stoffe (aus dem Magen, aus Lungengeschwüren etc.) heranzuziehen. — Bemerkenswerterweise räumt Aretaios dem Herzen eine weit größere Bedeutung in der Pathologie ein, als alle übrigen Autoren und führt die Synkope, die er prächtig schildert, auf eine Affektion des Herzens zurück, zum Beweise weist er darauf hin (De caus. et sign. acut. II. 3), daß bei denjenigen, welche in der Ohnmacht zu Grunde gehen, kleiner und schwacher Puls, Herzgeräusch (πάταγος) und Palpitationen beobachtet werden. An dieser Stelle sei auch erwähnt, daß er gelegentlich von einer mit der Hand ausgeführten Erschütterung des Abdomens spricht, also von einer Art Perkussion. — Von Infektionskrankheiten erwähnt Aretaios pestartige Bubonen (βουβῶνες λοιμώδεες), die Diphtherie (Αιγύπτια καὶ Συριακὰ ἑλκεα, De morb. acut I. c. 9), bei welcher er die rahmartigen Exsudatmassen, die Schorfe, das Uebergreifen auf den Larynx beschreibt, vielleicht auch die epidemische Meningitis, die Dysenterie (Geschwüre im Dünn- oder Dickdarm, Abstoßung eines Teils der Schleimhaut), die Cholera nostras; die verschiedenen Bezeichnungen der Lepra, ἐλεφαντιασις, σατυριασις, λεοντιασις, werden eingehend erläutert und sogar Heilmittel der Kelten angeführt. — Vom Kopfschmerz unterschied er die akuten (κεφαλαλγια) und die chronischen Formen, καφαλαια und ἑτεροκρανια (Migräne). — Der Diabetes ist als eine Krankheit gezeichnet, bei welcher — Hauptsymptom Durst — Getränke den Körper durchlaufen, die Teile sich in Harn auflösen, Abzehrung und Kollaps entsteht; Ursachen sind auch akute Leiden oder Gifte (unter anderem empfiehlt Aretaios auch Milchkuren). — Die geburtshilflich-gynäkologischen Abschnitte in den Büchern des Aretaios (er schrieb über diesen Gegenstand übrigens ein eigenes, verloren gegangenes Buch) stehen nicht auf der Höhe, doch gebrauchte er den Scheidenspiegel zur Untersuchung und Vornahme gewisser therapeutischer Eingriffe.
Wie nicht anders zu erwarten, läßt sich Aretaios in der Therapie, welcher er wegen der Wichtigkeit eine eigene Schrift widmete, unter Verwerfung des spitzfindigen Theoretisierens von der Erfahrung leiten, er wendet die Hauptaufmerksamkeit auf die sorgsame Regelung der Lebensweise (Diät, Stoffwechselkuren, Leibesübungen, Massage) und bevorzugt im allgemeinen nur eine sehr geringe Zahl zumeist mild wirkender Arzneien. Wo er energisches Eingreifen indiziert fand, machte er vom Opium, von Brech- und Abführmitteln (Klistieren), von Blutentziehungen (Venäsektion auch am Handrücken, Arteriotomie, Blutegel, Schröpfköpfe), von Reizmitteln (kalten Uebergießungen, Wein, Castoreum), Vesikantien, Glüheisen, reizenden Salben und Einreibungen Gebrauch. Interessant ist es, daß Aretaios bei Larynxaffektionen das Einblasen von Pulver in den Kehlkopf empfiehlt. — In ethischer Hinsicht darf es nicht unerwähnt gelassen werden, daß Aretaios — darin weit entfernt von den Hippokratikern — den Arzt auch bei Unheilbaren nicht seiner erhabenen Pflicht entbindet, wenn ihm auch hier nichts anderes übrig bleibt, als das Mitgefühl zu äußern.
In dem Gesamtbild des großen Arztes befremdet es, daß Aretaios in der Behandlung der Geisteskranken kaum eine Bemerkung über die, von den Vorgängern (vergl. Celsus) so sehr betonte psychische Therapie macht, umsomehr als er zu den besten psychiatrischen Autoren des Altertums zählt. In meisterhafter Weise erörtert er den Einfluß der Temperamente, der Lebensstellung, der Beschäftigung, der unterdrückten Sekretionen auf die Entstehung der Psychosen, deren Rückwirkung auf die Ernährung und zeichnet naturgetreu die Manie, und die Melancholie mit ihren Folgezuständen. Gerade die somatische Auffassung (Humoral- und Pneumatheorie) mit starker Hinneigung zur anatomischen Lokalisation (Phrenitis — Gehirn; Manie und Melancholie — Hypochondrien) führte ihn dahin, fast ausschließlich Aderlässe, Schröpfköpfe, Kataplasmen, Bäder, Bitter- und Abführmittel, in der Rekonvaleszenz Thermen, Meersandbäder, Reisen u. s. w. anzuordnen.
In die Linie des Eklektizismus mit vorherrschender Berücksichtigung der unbefangenen Krankheitsbeobachtung und des anatomischen Denkens ist auch ein anderer hervorragender Arzt zu stellen, dem lange hinaus die gebührende Anerkennung bewahrt wurde, nämlich Rhuphos aus Ephesos, welcher die Hauptelemente seiner Bildung in Alexandreia erwarb und unter Trajan, also im Beginne des 2. Jahrhunderts, praktiziert haben soll. Von seinen zahlreichen Werken sind nur wenige erhalten, doch läßt sich aus dem Torso, sowie aus Zitaten und überlieferten Fragmenten mit Sicherheit erschließen, daß Rhuphos, im Geiste aristotelischer Philosophie, auf Grund fleißigster Literaturbenützung und eigener Forschung die Anatomie, die Arzneimittellehre und Diätetik, die Diagnostik, Pathologie und Therapie sowohl der internen, wie chirurgischen Affektionen sorgfältig bearbeitet und in bedeutendem Ausmaß gefördert hat.
Es sind die Schriften: περὶ ὀνομασιας τῶν τοῦ ἀνθρώπου μοριων = über die Benennung der Körperteile, ἰατρικἀ ἐρωτήματα = ärztliche Fragen, Krankenexamen, eine ausgezeichnete Diagnostik, σύνοψις περὶ σφυγμῶν = Uebersicht der Lehre vom Pulse (vielleicht unecht), περὶ ποδάγρας = über Gicht, nur in barbarischer lateinischer Uebersetzung vorhanden, περὶ τῶν ὲν νεφροῖς καὶ κύστει παθῶν = Nieren- und Blasenleiden; περὶ σατυριασμοῦ καὶ γονορροίας = von der Satyriasis und dem Samenfluß; περὶ φαρμάκων καθαρτικίν = über Abführmittel. Die Abhandlung περὶ ὀστῶν, sowie die Schrift über die Anatomie der inneren Teile des Menschen, περὶ ἀνατομῆς τῶν τοῦ ἀνθρώπου μορίων, welche dem Rhuphos zugeschrieben wurden, gehören einem Ungenannten an. Ausgabe von Daremberg-Ruelle, mit französischer Uebersetzung (Paris 1879). Erste deutsche Uebersetzung von R. v. Töply „Anatomische Werke des Rhuphos und Galenos“, Wiesbaden 1904. Außerdem schrieb Rhuphos über Geschichte der Medizin, akute und chronische Krankheiten, Gelbsucht, Diätetik (auch bei Meerfahrten), über Wein, Milch, Honig, Feigen, Hausarzneimittel, pflanzliche Arzneimittel, über Chirurgie, Gynäkologie, Augenheilkunde — wie angeführte Büchertitel und Fragmente beweisen.
Rhuphos hat uns eine für Anfänger bestimmte anatomische Schrift hinterlassen: „Ueber die Benennung der Körperteile“, welche für die Geschichte der anatomischen Nomenklatur großen Wert hat, seine Kenntnisse hat er nach eigener Angabe durch die Sektion an Affen erworben und er klagt darüber, daß man zu seiner Zeit nur auf Tierzergliederung beschränkt sei, höchstens die Körperoberfläche am lebenden Sklaven demonstrieren dürfe, früher dagegen hätte man zu Unterrichtszwecken menschliche Leichen zergliedert. Er beschrieb zuerst das Chiasma, kannte die Linsenkapsel, und ahnte den Unterschied zwischen Empfindungs- und Bewegungsnerven; auch schrieb er dem Nervensystem nicht bloß die Vermittlung der Empfindung und Bewegung, sondern die Leitung aller Funktionen zu. Das Buch „Aerztliche Fragen“ zeigt, mit welcher Feinheit die Aerzte bei ihrer Diagnose verfuhren. Die nicht für echt gehaltene „Pulslehre“ stützt sich im wesentlichen auf Herophilos, erörtert die Lage und Bewegung des Herzens, die Verschiedenheit des Pulses, je nach dem Lebensalter und in Krankheiten und unterscheidet mannigfache Pulsarten, je nach der Schnelligkeit, Stärke, Häufigkeit und nach Beschaffenheit der Arterie; als charakteristische Formen werden beschrieben z. B. der unterbrochene (παρεμπίπτων), der ameisenartige, formicans (μυρμηκίζων), der dikrote, der wurmförmige, vermicularis (σκωληκίζων) u. a. — In Betreff der Erkrankungen der Harnorgane, die Rhuphos in einer eigenen Schrift darstellte, wäre hervorzuheben, daß er bei Nierenentzündungen im Anfang keine Diuretika, sondern warme Klistiere anwandte, daß er bei Blasenentzündung der Männer den Gebrauch des Katheters widerriet, hingegen eine warme und milde Behandlung (Umschläge, Bäder, Klistiere, Suppositorien, Druck auf die Blasengegend) empfahl; außerdem schildert er die Blasenblutungen, Blasenlähmung, den Blasenstein (bimanuelle Untersuchung), den Prostataabszeß (als Geschwülste) und gibt zumeist eine sehr zweckmäßige Therapie für diese Zustände an. Er gehört zu den ältesten Schriftstellern über Bubonenpest, Aussatz und Kondylome, beschreibt das traumatische Erysipel, Epithelialkarzinome, Sehnengeschwülste (Zerdrücken der Ganglien) und führte die Verbreitung des Guineawurms auf schlechtes Trinkwasser zurück. Von seiner chirurgischen Tätigkeit spricht die eingehende Beschreibung der verbesserten hippokratischen Streckbank und die Angabe über die Blutstillungsverfahren (Fingerdruck, Kompressivverband, Kälte, Adstringentine, Torsion, Ligatur, Durchschneidung der angeschnittenen Gefäße), sowie die Erwähnung traumatischer Aneurysmen; auch der Gynäkologie (Dysmenorrhöe, Schwangerschaftsdiagnose und Hygiene der Schwangeren) widmete er seine Aufmerksamkeit. Endlich verbesserte Rhuphos auch die Hygiene durch zahlreiche höchst rationelle und vielseitige Vorschriften, förderte die Psychiatrie und erfand eine ganze Reihe von Arzneikompositionen, unter denen seine Hiera (koloquinthenhaltiges Abführmittel) besondere Berühmtheit erlangte.
Rhuphos erklärte das Fieber für ein großes Heilmittel, von dem zu wünschen wäre, daß man es künstlich erzeugen könnte und berichtet, daß manche afrikanische Völker in dieser Absicht Bocksharn verwenden.
Bezüglich der ἱερά sei daran erinnert, daß mehrere Aerzte des Altertums solche Mischungen dieses Namens komponierten, so Andromachos (ἱερὰ πικρά), Archigenes (ἱερὰ διὰ κολοκυνθιδος oder δι'ὰλόης).
Das Emporstreben der Pneumatiker und Eklektiker vermochte die methodische Schule keineswegs zu unterdrücken, im Gegenteile, dieselbe blühte als mächtigste weiter, und gerade in der Epoche des Trajan und Hadrian war ihr ein bedeutsamer Aufschwung beschieden durch einen der berühmtesten und bis tief ins Mittelalter gefeierten Aerzte: Soranos aus Ephesos, den „methodicorum princeps“, den Verfasser „vieler herrlicher Werke“. Aber, mochte dieser große Arzt auch fest im Erdreich des Methodismus wurzeln, die umfassende Ausbildung, welche er vorwiegend in Alexandreia empfing, trug doch gewiß das ihrige dazu bei, daß er, frei von beschränkter Einseitigkeit, auch jene Erkenntnisquellen nicht ungenützt ließ, welche die angestammte Schule mied, daß er, nur auf anderem Wege, aber mit gleichem Ziele, den besten der damaligen ärztlichen Forscher, und dies waren durchwegs eklektische Denker, entgegenkam. Scharfe Beobachtungsgabe, sicheres, selbstgeprägtes Urteil, vorurteilslose Sinnesart kennzeichneten in ganz besonderem Grade sein Wesen. Was er — der bedeutendste Geburtshelfer des Altertums — in der Frauen- und Kinderheilkunde geschaffen, liegt glücklicherweise direkt vor unseren Blicken, die trefflichen sonstigen Leistungen und Gedanken dieses Meisters, der das Gesamtgebiet der Medizin erfolgreich beherrschte, sehen wir nur durch das mehr oder minder trübe Medium der Uebersetzer und Kompilatoren; denn von Soranos selbst besitzen wir außer Fragmenten nur die beiden wertvollen gynäkologischen Bücher περὶ γυναικείων (παθῶν) nahezu vollständig.
Soranos, der Sohn des Menandros und der Phoibe, studierte in Alexandreia und wirkte als Arzt in Rom. Sein berühmtes Werk „Ueber die Krankheiten der Frauen“ (im Jahre 1838 von F. R. Dietz wieder aufgefunden) liegt uns, abgesehen von den Ausgaben von Zach. Ermerins (Utrecht 1869) und Val. Rose (Leipzig 1882) in einer deutschen Uebersetzung vor („Die Gynäkologie des Soranos“, übersetzt von Lüneburg-Huber, München 1894); nebstdem gibt es davon eine noch erhaltene populäre Ueberarbeitung aus späterer Zeit in Form des Hebammenbuches des Moschion. Caelius Aurelianus verfaßte ebenfalls eine lateinische Bearbeitung der Gynäkologie (unter dem Titel „Genetia“, wovon jedoch nur ein Fragment übrig geblieben ist) und folgte in seinem Werke De morbis acutis et chronicis so sklavisch dem gleichbetitelten, verloren gegangenen Werke des Soranos περὶ ὀξέων καὶ χρονίων παθῶν, daß man fast von einer Uebersetzung sprechen kann, jedenfalls ein deutliches Bild von den Lehrmeinungen und der Praxis des Soranos daraus gewinnt. Nebstdem schrieb der Ephesier — es sollen im ganzen 30 Schriften gewesen sein — über die Seele, Biographien der Aerzte und Geschichte der Sekten, eine anatomisch-physiologische Nomenklatur, über Aetiologie, die Kommunitätenlehre, über Fieber, Heilmittel und Heilmethoden, über den Samen, über das Gebären lebendiger Jungen, über Knochenbrüche, Verbandlehre, ferner Kommentare zu Hippokrates, über das Auge, über hygienische Lebensregeln u. a. Vorhanden ist ein, dem gynäkologischen Werke entlehntes Fragment (περὶ μήτρας); ferner das Fragment über die Kennzeichen der Knochenbrüche (περὶ σημείων καταγμάτων, beide abgedruckt in Idelers Physici et medici graeci minores I.), in lateinischer Sprache De medicamentis und de digestionibus = de salutaribus praeceptis. Unterschoben sind mehrere unter dem Namen des Soranos laufende Schriften: de pulsibus, quaestiones medicinales, in artem medendi isagoge u. a.
Diese Werke übten direkt und indirekt, in den Ueberarbeitungen oder Auszügen, jahrhundertelang Einfluß auf die Medizin aus, und Soranos erfreute sich bei Anhängern wie Gegnern der methodischen Schule des höchsten Ansehens. Selbst Tertullian und der heilige Augustinus erwähnen ihn stets mit Auszeichnung.
Entsprechend der Sitte, daß Aerzte in der Regel nur bei schwierigen Geburtsfällen zugezogen wurden, wendet sich die „Gynäkologie“ des Ephesiers zwar an die Hebammen, enthält aber, tatsächlich über den Rahmen weit hinausgehend, den gesamten Erfahrungsschatz der antiken Geburtshilfe, Gynäkologie und auch Kinderheilkunde. Die Kenntnisse der Alexandriner — Herophilos, Demetrios — scheinen nicht nur übertroffen zu sein, sondern es machen sich bei Soranos noch einige Züge angenehm bemerkbar, welche sicher für die praktische Handhabung von weittragender Bedeutung gewesen sind, nämlich die Abneigung gegen die abergläubischen Prozeduren, woran gerade die Frauen- und Kinderheilkunde allezeit überreich war (Amulette, Magnete etc. werden nur ausnahmsweise zu bewußt suggestiven Zwecken zugelassen) und die Verwerfung der älteren rohen, geburtshilflichen Methoden, die noch aus der knidischen Schule herstammten (unvorsichtige Anwendung von Fruchtabtreibungsmitteln, Schütteln des Körpers, Sukkussion mit der Leiter, Treppensteigen etc. zur Beförderung der Geburt, verschiedene rohe mechanische Verfahren, um die Placenta herauszuziehen). Im Geiste eines überlegten Konservatismus bestimmt Soranos überall die Indikationen für therapeutische Eingriffe aufs genaueste.
In der Lehre von den Dystokien steht er auf dem gleichen Standpunkt, wie die Vorgänger; als Ursachen der erschwerten Geburt gelten das Allgemeinverhalten der Mutter (vorgerücktes Alter, besonders Erstgebärender), Abnormitäten der Geschlechtsteile (z. B. Verlegung der Scheide durch Geschwülste, schmale Hüften = Verengerung des Beckens), Absterben des Kindes, endlich abnorme Lagen desselben, von denen er eine beträchtliche Zahl kennt; normal ist, nach Ansicht des Soranos, eigentlich nur die Kopflage, demnächst die Fußlage; bedenklich sind die Doppellagen. Die Untersuchung erfolgt mittels des Spekulums (δίοπτρα). Zur Vorbereitung für die Geburt eignen sich Einreibungen von Fett, häufiges Einführen des beölten Fingers der Hebamme in den Muttermund. Bei der normalen Geburt kommt der (mit halbmondförmigem Ausschnitt, Rücken- und Armlehne versehene) Geburtsstuhl zur Anwendung, wobei die Hebamme gegenüber sitzt, während zwei Frauen, zu beiden Seiten stehend und eine dritte, von rückwärts, die Gebärende unterstützen, bezw. das Beugen nach vorn verhindern. Der Damm wird mit einem linnenen Tuche unterstützt, die Geburt durch Druck auf den Unterleib oder Zug an dem Kinde befördert; die Lösung der Placenta ist durch die in den Uterus eingeführte Hand auszuführen. In den abnormen Fällen wird die Frau auf das Geburtsbett gelagert; eines der wichtigsten Hilfsmittel, insbesondere bei buckligen und fetten Frauen ist die Knieellenbogenlage; wo es nötig, muß die Blase durch den Katheter entleert und die Sprengung der Eihäute vorgenommen werden. Zur Beseitigung der abnormen Lagen, d. h. um sie in die gerade Richtung zu bringen, in die Kopf- oder Fußlage zu verwandeln, hat man die Wendung auszuführen. Vorliegende Gliedmaßen sind zurückzubringen, ein vorliegender Arm im Notfall zu exartikulieren; die Embryotomie und Embryulkie, bei welcher der ἐμβρυοσφάκτης (Instrument, welches aus Dilatatorium, einem scharfen Ring und einem stumpfen Haken bestand) in Funktion trat, sollte nur unter den zwingendsten Umständen zur Anwendung kommen. Es ist aber hierbei zu beachten, daß Soranos die Eingriffe, wenn es das Leben der Mutter erheischte, auch am lebenden Kinde vornahm. Die Frauenkrankheiten (Amenorrhöe, Metrorrhagie, Hysterie, Fluor albus, Dislokation, Pneumatose, Oedem des Uterus, Metritis, Scirrhus, „Sklerom“ des Uterus, Nymphomanie, Atresie der Scheide u. a.) beschreibt Soranos sehr eingehend und zumeist mit Angabe einer ganz rationellen Therapie (lokal kommen dabei auch Injektionen mit dem Mutterrohr — μητρεγγὑτης in Betracht). — Die Ausführungen über die Diät der Schwangern, über Säuglingspflege und erste Erziehung der Kinder bieten eine Fülle von vortrefflichen Ratschlägen, lassen tief in die römischen Kulturverhältnisse blicken und muten oft ganz modern an.
Die Anatomie des weiblichen Genitalsystems, welche Soranos in einem der ersten Kapitel bringt, ist mangelhaft und oft unklar. Bemerkenswert ist es immerhin, daß er die Wanderungen des Uterus und seine animalische Natur, die Lageveränderungen durch Kontraktion der Bänder und die Existenz der Kotyledonen bestreitet, ferner, daß er weiß, daß sich der Muttermund beim Coitus und bei der Menstruation öffnet. Hingegen kennt er keinen Hymen, was ein merkwürdiges Licht auf die Verhältnisse in Rom wirft. — Was die Embryologie anlangt, so läßt Soranos die Ernährung des Fötus nur durch die Nabelgefäße zu stande kommen. Die Möglichkeit, das Geschlecht des Kindes durch die Beobachtung der Lage vorauszuerkennen leugnet er. — Zur Verhinderung der Konzeption empfiehlt er (unter Verwerfung der vielen damals gebräuchlichen Mittel) Verschließung des Muttermundes durch Baumwolle, Salben, fettes Oel, Genuß des Uterus von Mauleselinnen (Antipathie); fruchttötende Mittel dürfen nur bei kräftigen Frauen und auch bei diesen nur während des 3. Monats angewendet werden; die Einleitung des Abortus durch den Eistich verbietet er wegen der Gefahr. — In den pädiatrischen Abschnitten kommen folgende Fragen zur eingehenden Verhandlung: Kennzeichen der Reife des Kindes; Nabeldurchtrennung (mit dem Messer, ohne Kauterisation; bei noch ungelöster Placenta doppelte Unterbindung); Beseitigung der Vernix caseosa (durch Bestreuen mit Salz oder Natron), Waschung, Reinigung der Augen (mit Oel) und des Mundes, Entfernung des Meconiums (Einführung des kleinen Fingers in den After); Verfahren beim Wickeln der Kinder (Einwicklung des ganzen Kindes mit wollenen Binden); Nahrung (in den ersten zwei Tagen gar keine, höchstens gekochten Honig, Stillen soll am dritten Tage beginnen, aber in den ersten 20 Tagen nicht durch die Mutter, sondern durch eine Amme; in Ermangelung dieser, Ernährung mit Honig und Ziegenmilch), Auswahl der Amme, Prüfung der Brustwarzen und der Ammenmilch (günstigstes Alter zwischen 20 und 40 Jahren, Multipara; gute Milch mischt sich mit Wasser allmählich, gleichmäßig, ohne Gerinnsel), Diätetik der Amme (Abstinenz von Wein, regelmäßige Leibesöffnung, mäßige körperliche Bewegung), Vorschriften über das Anlegen an die Brust (verschiedene Bedeutung des Kindergeschreies), Baden, Massieren, Salben, die Gehübungen (in mit Rädern versehenen Körben), die Entwöhnung (erst nach 1½-2 Jahren), Nahrung in den ersten Kinderjahren. — Im weiteren werden die Kinderkrankheiten (schweres Zahnen, wobei das Einschneiden des Zahnfleisches verworfen wird, Mandelentzündung, Soor, Geschwüre, Hautausschläge, Katarrh, fieberhafte Affektionen mit cerebralen Symptomen, Durchfall) und ihre Behandlung sorgfältig besprochen.
Auch als Chirurg zeichnete sich Soranos in hervorragender Weise aus; namentlich verbesserte er die Verbandkunst und baute die Lehre von den Knochenbrüchen und Schädelverletzungen, von denen er mit feiner Diagnostik acht Arten unterschied, beträchtlich aus.
Sein Hauptwerk über innere Medizin (akute und chronische Krankheiten) ist leider im Original verloren gegangen, doch schließt sich ein kompilatorischer Autor späterer Zeit Caelius Aurelianus, so eng an dasselbe an, daß wir berechtigt sind, den Hauptinhalt seines Werkes von Soranos herzuleiten. Aus der Analyse desselben geht hervor, das Soranos nicht auf formale Krankheitsdefinitionen, sondern auf die scharfe Differentialdiagnose das Hauptgewicht legte und mittels feinster Symptomatologie, sogar nicht wenig auch durch Berücksichtigung der vernachlässigten physikalischen Methode (Palpation und Perkussion) zu ihrer Ausbildung beitrug. Streng an den Grundsätzen des Methodismus im allgemeinen festhaltend, mußte er doch, da er in erster Linie Kliniker war, in Einzelheiten von dem trockenen Schematismus der Sekte abweichen, so z. B. wenn er eine große Zahl von Krankheiten auf das gleichzeitige Vorkommen des Striktum und Laxum (Komplex) zurückführt, bei der Lungenentzündung, trotz des Ergriffenseins des ganzen Körpers, die Lunge als Hauptsitz der Affektion erklärte oder, wenn er von dem Aderlaß sehr häufig Gebrauch machte, ohne sich auf die Indikation des Schmerzes oder den Ort (wie Asklepiades) zu beschränken. Gerade aber durch diese Abweichungen von der Schultradition hauchte er der methodischen Sekte selbst neues Leben ein und sicherte ihr die Fortdauer auf lange hinaus.
Die kulturgeschichtlich interessante Tatsache, daß der auf dem Epikureismus fußende Methodismus von allen Systemen am meisten den medizinischen Mystizismus bekämpfte, tritt natürlich bei Soranos ganz besonders hervor, wie schon oben gezeigt wurde. In einem Werke über Aetiologie eiferte er auch in eingehender Darlegung gegen den Glauben, der Alpdruck (Incubus) werde durch eine überirdische Macht (einem Gott oder Halbgott, Kupido) erzeugt. Sogar von den Hebammen verlangt er, daß sie nicht abergläubisch sein sollen, damit sie nicht um eines Traumes oder des gewohnten Mysteriums und Gottesdienstes willen eine heilbringende Handlung unterlassen. Aber leider war zu dieser Zeit der Aberglaube schon im Steigen begriffen und schwoll unaufhaltsam zum Strome an.