Die Pneumatiker und Eklektiker.
[[←]]
Die dogmatischen Sekten, welche aus der alexandrinischen Medizin hervorgegangen waren, bestanden auch in Rom weiter fort, doch fristeten sie nur ein Schattendasein neben dem sieggekrönten Methodismus und der alten, doch stets neu verjüngbaren Empirie. Unter dem Wuste der schablonenhaften Polypragmasie drohte nicht allein die Spekulation über die Krankheitsvorgänge, sondern das medizinische Denken überhaupt, zu versiegen, und weder von der einseitigen Humoral- noch von der extremen widerspruchsvollen Solidarpathologie war, bei dem Mangel exakter Forschungsmethoden, eine befriedigende Weiterbildung der Theorie zu erhoffen.
In ganz ähnlicher Lage hatte sich nach Erlahmung der Platonik und Peripatetik die Philosophie befunden, bis sich das hellenistische Epigonentum durch Skeptizismus und Atomismus hindurch zum synkretistischen Stoizismus emporschwang, der, auf der breiten Grundlage der Vergangenheit ruhend, zwar vorwiegend der praktischen Lebenskunst zugewandt blieb, aber auch die stagnierende Erkenntnistheorie und Metaphysik wieder in Fluß brachte.
Solchem Beispiel folgend und im direkten Anschluß an die Stoa, welche bei den Römern von allen Systemen am meisten angesehen war, suchte im Laufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine Minderzahl wissenschaftlich strebender Aerzte eine neue Entwicklung der medizinischen Theorie herbeizuführen, indem man den Grundgedanken der stoischen Philosophie, die Pneumalehre, in die Physiologie und Pathologie hineintrug, zugleich aber auch die früheren gegensätzlichen Richtungen unter dem neu gewonnenen Gesichtspunkt vereinigte. Gründer der Schule war Athenaios von Attaleia (Pamphylien). Verdiente die Schule zur Zeit ihrer Stiftung den Namen der pneumatischen (πνευματικοί), weil sie vornehmlich auf die Ableitung aller organischen Erscheinungen von der Funktion und Beschaffenheit der Lebensluft den Nachdruck legte, so verwandelte sie sich doch schon sehr bald in dem Maße, als die Therapie bestimmenden Einfluß auf den Ideengang erlangte, in die Schule der Eklektiker (ἐπισυνθετικοί), auch hierin ein Gegenstück zum Stoizismus, welcher schon von Anfang an synkretistischen Tendenzen huldigte. Mag die antike Medizin oftmals ihr Licht von der Philosophie erborgt haben, stärker treten doch niemals die historischen Zusammenhänge zwischen beiden und der Zusammenklang in der nachfolgenden Entwicklung hervor. Anderseits freilich, wenn man den Werdegang der medizinischen Theorie, losgelöst von äußeren Einflüssen, betrachtet, ist es nicht zu übersehen, daß die pneumatische Schule im Wesen jene uralten Ideen von der Bedeutung der „Lebensluft“ zur Vollreife brachte, welche, abgesehen von der orientalisch-ägyptischen, in der Medizin der Naturphilosophen und Hippokratiker (vergl. Diogenes von Apollonia, Herakleitos, die hipp. Bücher περὶ φυσῶν, περὶ φύσιος ἀνθρώπου, Anonym. Londin. cap. 5), ja selbst des Erasistratos und Asklepiades (λεπτομερές) lagen, aber wenig beachtet wurden.
Das stoische Lehrsystem, begründet von Zenon aus Kition (im letzten Dezennium des 4. Jahrhunderts v. Chr.), literarisch hauptsächlich vertreten durch Chrysippos aus Soli in Kilikien, stellte als Kompromiß zwischen den verschiedenen vorausgegangenen Systemen (besonders Heraklit, Plato, Aristoteles) die typische Philosophie des Hellenismus dar und erreichte wegen des eklektischen Grundzuges, wegen der praktischen Tendenzen und last not least wegen des kosmopolitischen Standpunkts im Römerreiche die höchste Entfaltung, allerdings in Form einer moralisierenden Popularphilosophie. Die Metaphysik des Stoizismus ist dynamisch-materialistisch mit stärkster Betonung der Teleologie. Unter Anlehnung besonders an Herakleitos und an die aristotelische Dualität eines tätigen und eines leidenden Prinzips nehmen die Stoiker eine einheitliche Weltkraft (= Gott) an, die einerseits als Weltvernunft aufgefaßt wird, anderseits mit dem Urstoff, dem Feuer = Lebenshauch = Pneuma identifiziert wird. Das Pneuma ist der Urkörper, aus dem die Einzeldinge hervorgegangen sind und zugleich die alles durchdringende, alles beherrschende und erzeugende Weltvernunft (λόγος σπερματικός). Da das Pneuma, als Körper, mit Naturnotwendigkeit, als Geist aber, zweckmäßig wirkt, so kann der Naturprozeß nur zu vollkommenen und zweckmäßigen Bildungen führen. Entsprechend der Identifikation der Urkraft mit dem Urstoff wird auch bei jedem Einzelding trotz logischer Unterscheidung eines tätigen und eines leidenden Prinzips die bewegende Kraft mit dem bewegten Stoff gleichgestellt, ausklingend in den Satz: Nur das Körperliche ist wirklich. Der aus gröberen Elementen zweckmäßig zusammengefügte menschliche Leib ist in seiner ganzen Ausdehnung durchsetzt von dem warmen Lebenshauch, welcher als Ausfluß der Weltseele die Vernunft ausmacht, die Sprache, das Vorstellen, das Begehren hervorbringt, als einheitliche Lebenskraft, die physiologischen Funktionen unterhält und den Hauptsitz in der Brust hat.
Wie die stoische Weltauffassung auf biologischer Betrachtungsweise beruht (Welt = ein organisiertes, beseeltes, vernünftiges, schaffendes, zeugendes Lebewesen), wie sich die Stoiker auch gerne mit physiologisch-medizinischen Fragen beschäftigten und mit kleinlicher Teleologie vom anthropomorphen Standpunkt die Naturforschung betrieben, so war anderseits gerade ihre Lehre, wie geschaffen, auf die medizinische Theorie bestimmend einzuwirken. Dies erfolgte aber erst, als der epikureische Atomismus mit Asklepiades hinabgesunken war und der vergröberte Methodismus theoretisch nicht mehr befriedigte. Nicht allein durch die Pneumalehre und Teleologie, sondern auch in formaler Hinsicht durch die subtile Ausgestaltung der Logik und Dialektik (namentlich die feine Differenzierung im kausalen Denken) wurden die Stoiker maßgebend für die pneumatische Schule und damit für die ganze weitere Entwicklung der Medizin.
Im Gegensatz zum System der Methodiker erhebt sich das Lehrgebäude der Pneumatiker auf dem Fundament einer sorgfältig durchdachten Physiologie, in welcher neben dem Pneuma die vier Elementarqualitäten der älteren Dogmatiker, sowie die Lehre von der Lungen- und Hautatmung (vergl. hierzu besonders die sizilische Schule und Diokles) die Hauptrolle spielen.
Grundbestandteile des Körpers (wie bei den älteren Dogmatikern) sind das Warme, Kalte, Trockene und Feuchte, welche, als Stoffe gedacht, die Gewebe und Organe aufbauen, als Kräfte aufgefaßt, die Lebensvorgänge bedingen; hiervon gelten das Warme und Kalte als die wirkenden (ποιητικὰ αἴτια), das Trockene und Feuchte als die leidenden (ὑλικά) Potenzen. Die oberste Regulation der physiologischen Erscheinungen wird durch das Lebensprinzip (πνεῦμα ζωτικόν) bewirkt, das dem Menschen von Natur innewohnt (daher π. σύμφυτον), durch seine mannigfache Bewegung die innere Wärme (ἔμφυτον θερμόν) erzeugt und in dreifacher Abstufung 1. den Körper zusammenhält (ἒξις), 2. als Bildungskraft, Wachstum und Zeugung vermittelt (φύσις), endlich (als ψυχή) Denken, Empfinden, Begehren hervorbringt; der herrschende Teil der Seele ist das ἡγεμονικὸν, mit dem Sitz im Herzen (vergl. die sizilische Schule). Der Atmungsprozeß hat den Zweck, das Pneuma durch die eindringende Luft zu ersetzen und die innere Wärme zu mäßigen. (Die vom Herzen mit eingepflanzter Wärme versehene Lunge, verlangt nämlich zur Abkühlung nach kalter Luft und führt diese sodann dem Herzen wieder zu.) Bei der Zusammenziehung des Thorax wird Luft aufgenommen, bei der Ausdehnung wird die unrein gewordene nach außen abgegeben. Ergänzend wirkt die Perspiration (διαπνοή), d. h. die pulsatorische Tätigkeit der Arterien, durch deren feinste in der Haut befindlichen Endungen einerseits die Zuführung der Luft für den Körper (bei der Systole) stattfindet, anderseits die Aussonderung der unrein gewordenen Luft (bei der Diastole) vor sich geht (vergl. Empedokles, sizil. Schule, Diokles). Das Blut wird aus den brauchbaren Nahrungsstoffen (nach Vollendung des Verdauungsprozesses im Magendarmtrakt) in der Leber vermöge der eingepflanzten Wärme gebildet und von dieser dem Herzen zugeführt; die Milz dient als Reinigungsorgan (Aussonderung der unreinen Stoffe des schwarzen Blutes). Die vom Herzen entspringenden Arterien führen, ebenso wie die aus der Leber hervorgehenden Venen, sowohl Blut, als auch Pneuma (vergl. Praxagoras-Herophilos), nur mit dem Unterschied, daß die ersteren mehr Pneuma, die letzteren mehr Blut enthalten.
Stimme und Sinnestätigkeit erklären sich aus der Funktion des Pneuma; jedes der Sinnesorgane besitzt ein besonders geartetes Pneuma, z. B. das Auge ein sehr feines, das Ohr ein trockenes, die Nase ein feuchtes und dampfartiges. Die Zeugung setzt ein tätiges und ein leidendes Prinzip voraus, d. h. den männlichen Samen (mit seiner bewegenden und bildenden Kraft) und den weiblichen Zeugungsstoff (Material für den Aufbau des Embryos). Die Eierstöcke liefern keinen wirklichen Samen und sind, ebenso wie die Brustdrüsen des Mannes, nur der Analogie wegen vorhanden, aber ohne ἐνέργεια. Die Knaben stammen aus der rechten (wärmeren) Seite des Uterus, die Mädchen aus der linken. Die Bildung des Embryos erfolgt nach 40 Tagen, am 9. Tage zeigen sich einige blutige Streifen, am 18. fleischige Klümpchen und Fasern, nach 27 Tagen erscheinen schwache Spuren des Rückgrats und Kopfes. — Wie ein Rückblick ergibt, stützt sich die Physiologie der Pneumatiker auf den Stoizismus und teils indirekt, teils direkt auf Empedokles, die sizilische Schule, die Hippokratiker, Diokles, Aristoteles u. a.
Ganz, wie bei den älteren Dogmatikern wurde die Verschiedenheit der Geschlechter, Lebensalter, Jahreszeiten auf die verschiedenen Qualitätenverbindungen zurückgeführt und ein Korrespondenzsystem aufgestellt, gemäß welchem der Qualität nach, das Knabenalter dem Frühling, das Jünglingsalter dem Sommer, das Mannesalter dem Herbste, das Greisenalter dem Winter entsprach (doch herrschte bei den einzelnen Autoren keine volle Uebereinstimmung).
Gesundheit beruht auf der normalen Beschaffenheit des Pneuma und namentlich wird sie durch die Spannung (τὀνος) desselben gefördert. (Der Tonos ist durch den Puls zu erkennen.) Krankheit ist Verderbnis des Pneuma, hervorgerufen durch Dyskrasien der Elementarqualitäten, deren es im ganzen acht gibt, je nachdem nur je eine oder je zwei Elementarqualitäten abnorm vorwalten (z. B. Kälte und Feuchtigkeit). Vom Grade der Verderbnis des Pneuma, also der Dyskrasien, hängt die Schwere der Krankheit, ihre Sonderart ab. In der speziellen Pathologie der Pneumatiker wird von den Dyskrasien ausgiebig Gebrauch gemacht, zudem aber noch auf den entsprechenden Krankheitsstoff, d. h. einen der vier Kardinalsäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle), das Hauptgewicht gelegt.
Am deutlichsten ist dies in der pneumatischen Fieberlehre zu verfolgen: das Quotidianfieber beruht auf Kälte und Feuchtigkeit, wird demnach durch die kaltfeuchte Körperflüssigkeit, d. h. durch den übermäßigen Schleim gebildet; das Tertianfieber beruht auf Wärme und Trockenheit, sein Krankheitsstoff ist die gelbe Galle; das Quartanfieber hat entsprechend der Kälte und Trockenheit die schwarze Galle zum Krankheitsstoff. (Trotz der praktischen Konformität mit den Humoralpathologen ist zu beachten, daß die Pneumatiker den Schleim, die gelbe und schwarze Galle nicht als letzte Krankheitsursache, sondern nur sekundär als Krankheitsstoff ansahen.) Unter den einzelnen Autoren herrschte übrigens betreffs der Krankheitsklassifikation nach Qualitäten keine volle Harmonie. Aus dem Korrespondenzsystem der Qualitäten leitete man die besonderen Eigentümlichkeiten der einzelnen Krankheitsformen in Bezug auf ihr Vorkommen ab. So kommt z. B. das kaltfeuchte Quotidianfieber (seiner Qualität entsprechend) am häufigsten im Winter, bei kalter und feuchter Luftbeschaffenheit, in kalten und feuchten Gegenden und im Greisenalter vor; die Tertiana (Wärme — Trockenheit) bei jugendlichen Personen, zur Sommerszeit, in heißen und trockenen Gegenden; die Quartana (Kälte — Trockenheit) im Herbste etc.
Fieber entsteht durch Fäulnis der Kardinalsäfte (σῆψις τῶν χυμῶν) — eine schon von den älteren Dogmatikern vertretene Lehre, die von nun an lange in der Medizin herrschend blieb. (Asklepiades und die Methodiker hatten die Annahme einer Fäulnis, ebenso wie einen eigentlichen Verdauungsprozeß verworfen, für sie gab es nur Verstopfung der Porengänge, bezw. Zerlegung in Atome.) In der Krankheitslehre sind nicht nur die offenbaren Ursachen (φαινόμενα), sondern auch die verborgenen, unsichtbaren (ἄδηλα) zu erforschen. Nach dem Muster der stoischen Doktrin unterschieden die Pneumatiker mit subtilster Haarspalterei in der Aetiologie eine ganze Reihe von Ursachen verschiedenen Grades, von denen die wichtigsten Arten folgende waren. Αἴτια προκαταρκτικά, das sind die äußeren Gelegenheitsursachen (z. B. übermäßige Nahrungsaufnahme). Von diesen erst werden die αἴτια προηγούμενα hervorgerufen (z. B. die durch übermäßigen Genuß von Speisen entstandene Ueberfüllung der Gefäße mit Blut — Plethora). Unter den αἴτια συνεκτικα verstand man die eigentlichen fortwirkenden Ursachen, von deren Vorhandensein, Zunahme, Abnahme, Verschwinden die entsprechenden Stadien der Krankheit abhängen (z. B. Stein in der Harnblase). Man sonderte ferner im Krankheitsprozeß begrifflich: αἴτία (die wirkende Ursache), διάθεσις (alles das, was zum Krankheitszustand gehört), νόσος (die Dyskrasie), πάθος (Funktionsstörung) und σύμπτωμα (Folgen der verletzten Funktion).
Hinsichtlich der Aetiologie ist nachzutragen, daß auch die Methodiker bereits die Krankheitsursachen in ähnlicher Weise einteilten, jedoch die αἴτια προηγούμενα nicht kannten. Die Stoa scheint die Fülle ihrer αἴτια der älteren dogmatischen Schule entlehnt zu haben.
Die Diagnostik wurde von der pneumatischen Schule ganz besonders dadurch verfeinert, daß sie die von Herophilos begründete, im Lichte des Systems besonders wichtige Pulslehre allerdings mit dialektischer Spitzfindigkeit weiter ausbaute. Ihre Therapie war, entsprechend den pathologischen Prämissen, auf die Bekämpfung der Dyskrasien gerichtet, sie bestand demnach darin, übermäßige Wärme durch kühlende Mittel, übermäßige Kälte durch wärmende, übermäßige Feuchtigkeit durch trocknende und übermäßige Trockenheit durch anfeuchtende Mittel zu bekämpfen. Charakteristischerweise wichen die Anhänger der pneumatischen Schule von den Humoralpathologen aber darin ab, daß sie die abnormen Qualitätenverbindungen weit weniger durch Arzneimittel, als durch die diätetisch-physikalischen Behandlungsarten zu beheben bemüht waren (Einfluß des Methodismus). Gerade hierin leisteten sie ihr Bestes, indem sie in rationellster Weise und mit großer Selbständigkeit die Erfahrungen über Diätetik, Leibesübungen, Bäder, Mineralquellen etc. verwerteten, welche im Corpus Hippocraticum vorlagen, bezw. von den älteren Dogmatikern (vergl. z. B. Philistion, Mnesitheos, Dieuches, Diokles), sowie den Alexandrinern überliefert wurden und seit dem Auftreten des Asklepiades und der Methodiker das Lieblingsgebiet der Therapeuten bildeten.
Die angeführten theoretischen und praktischen Grundzüge — von den Anhängern mit größter Hartnäckigkeit als allein richtig verfochten — wurden schon von dem Stifter der Schule Athenaios vertreten und verraten, daß das System der Pneumatiker schon in seinem Ursprung eklektischen Charakter besitzt, auf die Vergangenheit stark zurückgreift und sich als eine Verschmelzung des verjüngten Dogmatismus mit dem Methodismus erweist. In diesem Sinne wurde auch durch die Schüler des Athenaios: Theodoros, Magnos, namentlich aber durch Agathinos die Richtung weiter verfolgt.
Athenaios wirkte in der Zeit des Claudius — Celsus kennt die neue Sekte noch nicht — er scharte in Rom eine bedeutende Zahl von Anhängern um sich und erwarb bei der Mit- und Nachwelt hohes Ansehen. Ausgerüstet mit scharfem Blick für die Schwächen seiner Zeit, suchte er auf Grund einer überaus reichen philosophischen und medizinischen Literaturkenntnis und praktischen Befähigung die herrschenden medizinischen Mißzustände zu beseitigen. Von der Ansicht geleitet, daß die Unterweisung in der Heilkunde einen Bestandteil des Jugendunterrichts bilden solle, daß jeder Mensch Arzt sein müsse, da man in jedem Berufe auch der Heilkunde bedürfe, verfaßte er neben „Definitionen“ (ὁροι) ein das Gesamtgebiet behandelndes Werk in mindestens 30 Büchern (περὶ βοηθημάτων), das sich durch Klarheit der Darstellung auszeichnete. Leider sind davon bei späteren Autoren nur Bruchstücke vorhanden, welche Diätetik, Physiologie, Embryologie, Pathologie und Hygiene (Luft, Wohnort) behandeln. Von Interesse ist es namentlich, daß er vom wissenschaftlichen Standpunkt seiner Zeit, d. h. nach den Prinzipien der Qualitätenlehre die Nahrungsmittel (Getreidearten, Brote), das Trinkwasser (das Filtrieren durch die Erde), die Wirkung der Luft (in der Sonne, im Schatten; am Tage, bei Nacht; in der Stadt, auf dem Lande; in hohen, bewaldeten Gegenden, in der Nähe von Flüssen, am Meere, im Binnenlande, in der Nähe von Sümpfen) sorgfältig analysierte und für jedes Alter, für die beiden Geschlechter, in den verschiedenen Jahreszeiten detaillierte Lebensregeln angab. Bei der Jugenderziehung legte er, anklingend an Platon, größten Wert auf gleichmäßige Ausbildung des Geistes und Körpers, empfahl den ersten Unterricht gewissermaßen spielend, ohne zu große Strenge zu erteilen und auch nach dem 12. Jahre, zu welcher Zeit erst der strengere, wissenschaftliche Unterricht beginnen soll, auf Leibesübungen (schon behufs Unterdrückung der erwachenden Geschlechtslust) das Hauptaugenmerk zu richten. Die geistige Ausbildung des weiblichen Geschlechtes soll vornehmlich darauf gerichtet sein, die zur Führung des Hauswesens erforderlichen Kenntnisse zu erwerben. Im Interesse ihrer Gesundheit rät Athenaios den Frauen wirtschaftliche Tätigkeit an und schreibt ihnen vor, das Backen selbst zu beaufsichtigen, selbst in der Wirtschaft Hand anzulegen, das für den Haushalt Erforderliche selbst zuzumessen und nachzusehen, ob alles an seinem Platze ist, selbst den Teig anzufeuchten und zu kneten, selbst die Betten zu machen, da körperliche Bewegung den Appetit vermehre und einen gesunden Teint verleihe. — In der Therapie schloß sich Athenaios ziemlich an Asklepiades an (auch hinsichtlich des Weins), trotz vielfacher Abweichung im einzelnen. — Magnos aus Ephesos schrieb medizinische Briefe und eine Geschichte der Entdeckungen seit Themison, worin viel vom Pulse gesprochen wurde.
Claudius Agathinos aus Lakedaimon (zur Zeit der Flavier) gab der Schule mit Recht den Namen der eklektischen, da er sie mit den Empirikern und Methodikern in noch innigeren Zusammenhang bringen wollte. Er behandelte mit ungewöhnlichem Fleiße die Lieblingsthemen seines Lehrers, namentlich die Pulslehre (περὶ σφυγμῶν), experimentierte an Hunden über die Wirkung der Nieswurz und verwarf zwar nicht ganz den Gebrauch der warmen Bäder, aber wandte mit Vorliebe die kalten an, für deren Anwendung er genaue Regeln festsetzte.
Der Gebrauch der kalten Bäder war nach Asklepiades und Antonius Musa, besonders durch den Arzt der neronischen Epoche, Charmis aus Massilia, in Aufnahme gekommen und wurde mit fanatischem Eifer von vielen Aerzten und von Laien verteidigt. Agathinos empfahl sie auch bei Kindern und in jeder Jahreszeit.
Zu den hervorragendsten Anhängern des Agathinos gehörten Herodotos und Archigenes aus Apameia (in Syrien).
Herodotos (gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr.) näherte sich noch mehr, als alle übrigen, dem Methodismus, indem er zwar die Qualitätenmischung zum Ausgangspunkt wählte, auf die Einflüsse des Alters, Geschlechtes und der Jahreszeiten Bedacht nahm, aber auch die Kommunitäten, die Theorie des Diatritos, die Metasynkrise berücksichtigte, ja sogar in der Terminologie Konzessionen machte. Er war ein großer Freund der „methodischen“ Heilmethoden, gab Vorschriften über Wasser-, Sand-, Sonnen-, Oel- und Schwitzbäder, über Massage, Gymnastik, Schröpfen, Venäsektion, Weingenuß u. a. m. Bei der Krankheit unterschied er vier Stadien: ἀρχή, ἐπίδοσις, ακμή, παρακμή. Herodotos scheint, nach einem erhaltenen Fragment zu urteilen, die Blattern beschrieben und die kontagiöse Verbreitungsweise derselben hervorgehoben zu haben.
Archigenes lebte zur Zeit des Kaisers Trajan in Rom und vereinigte nach übereinstimmendem Urteil der Zeitgenossen, wie der nachfolgenden Kritiker, alle Vorzüge in sich, die den Ruf der Gelehrsamkeit und zugleich der praktischen Tüchtigkeit bedingen. Seiner Person dankte die Schule vielleicht am meisten die Anerkennung, welche ihr in steigendem Maße zu teil ward und, abgesehen von dem Lobe der späteren Autoren, spricht für die Bedeutung dieses ärztlichen Forschers die Tatsache, daß späterhin der große Galenos vieles aus seinen Schriften entnahm und durch dieselben zu ähnlichen wissenschaftlichen Arbeiten angeregt worden ist. Aeußerst beliebt beim Publikum, namentlich bei der vornehmen Welt, fand Archigenes doch die Muße, eine reiche literarische Tätigkeit zu entfalten, um in populärer Darstellung, aber auch mit allen Finessen der logischen Distinktion, die Grundlehren der Pneumatiker mit den guten Leistungen der empirischen und methodischen Medizin in Einklang zu bringen. Außer Briefen mit ärztlichen Ratschlägen verfaßte er Werke über den Puls, über fieberhafte Krankheiten und Fiebertypen, über lokale Affektionen, Diagnostik und Behandlung akuter und chronischer Leiden, über den rechten Augenblick zur Vornahme ärztlicher Eingriffe, über Chirurgie, Arzneimittel (namentlich Nieswurz und Bibergeil) und therapeutische Hilfsmittel im allgemeinen. Nach den erhaltenen Fragmenten zu schließen, war er ein ausgezeichneter, auch chirurgisch hochbegabter Therapeut, der alle zu Gebote stehenden Methoden mit Umsicht verwendete, freilich aber aus suggestiven Gründen auch abergläubische Mittel (z. B. Amulette) benützte; theoretisch bemerkenswert ist es insbesondere, daß Archigenes die Pulslehre auf jene Höhe brachte, die sie überhaupt in der antiken Medizin erreichen konnte, daß er eine ganze Reihe von verschiedenen Schmerzempfindungen unterschied, aus deren Qualität er den Sitz der Krankheit bestimmen wollte und daß er die primären von den bloß sympathischen, sekundären Krankheitszuständen scharf zu trennen suchte.
Archigenes, Sohn eines als Pharmakologen bewährten Arztes, Philippos, gehörte zu den besten Autoren des Altertums, wenn er auch gewiß in sehr bedeutendem Maße von den Vorgängern abhängig ist. Obwohl er zu den galanten Modeärzten zählte und den Wünschen der vornehmen Damen (βασιλικαὶ γυναῖκες) sogar durch Angabe von Haarfärbemittel sehr entgegenkam — der Leibarzt des Trajan, Kriton, schrieb ein eigenes Handbuch der Toilettenkunst[15] — haftet ihm doch kaum ein Zug von Scharlatanerie an. Wo der bissige Juvenal von Aerzten spricht, nennt er ihn, sein Name ist bei dem Dichter geradezu der Gattungsname für „Aerzte“. — In seinen Lehren weicht Archigenes nicht selten von den früheren Meistern der pneumatischen Schule, wenigstens in Einzelheiten ab. Die Fieber leitete er von abnormer Steigerung der Wärme und Trockenheit ab (bei Athenaios ist es Wärme und Feuchtigkeit), auch folgte er in der Angabe über die vorherrschenden Qualitäten bei den intermittierenden nicht ganz den Vorgängern und unterschied (gegenüber Herodotos) als Stadien: die ἀρχή, ακμή, παρακμή und ᾰνεσῖς. Die Fieber zerfallen in drei diagnostisch (nach der Aetiologie, Pulsbeschaffenheit, Wärme, Harn, Allgemeinzustand) erkennbare Arten, nämlich Eintagsfieber, septische und hektische, je nachdem die Fäulnis im Pneuma, in den flüssigen oder festen Teilen ihren Sitz hat; nach dem Verlauf in intermittierende und kontinuierliche, nach der Dauer in κατόξεις (bis zu 7 Tagen), οξεις (bis zu 14 Tagen), χρόνιοι (bis zu 40 Tagen), βραχυχρόνιοι (über 40 Tage anhaltend). Von Hippokrates nahm Archigenes wieder die lange verworfene Lehre von den kritischen Tagen auf, sprach jedoch dem 21. Tage größere Bedeutung zu als dem 20., dem 27. eine geringere als dem 28. Tage. Den Glanzpunkt bildete die Pulslehre. Unter σφύγμος verstand er die normale Bewegung der Arterien und des Herzens (zum Unterschied von τρόμος, σπάσμος, πάλμος vergl. Praxagoras) und führte die Systole wie die Diastole auf eigene Kraftäußerung zurück (vergl. Herophilos). Wie Herophilos nimmt Archigenes vier Zeiten (Systole, Diastole und die beiden Pausen) an und unterscheidet im wesentlichen zehn Pulsgattungen mit entsprechenden Unterarten, worüber man sich aus nachfolgendem Schema orientieren kann:
Es wird also Größe, Schnelligkeit, Stärke, Völle, Häufigkeit, Härte, Rhythmus, Gleichmäßigkeit in der Aufeinanderfolge untersucht. Wichtig waren die Unterarten des doppelschlägigen (δίκροτος), ameisenartigen (μυρμηκίζων), gazellenartigen (δορκαδὶζων), wurmartigen (σκωληκίζον) und welligen (κυματώδης) Pulses. — Von der Therapie des Archigenes wissen wir, daß er neben der eifrig gepflegten diätetisch-physikalischen Behandlungsweise auch Abführmittel (z. B. bei Fieber, bei Melancholie, gab er seine, „Hiera“ genannte, Koloquinthen enthaltende Komposition), Blutentziehungen (mit Indikationsstellung) und Brechmittel (gewisse Speisen, Rettiche, Nieswurz) anwendete. Eines seiner Lieblingsmedikamente war das Bibergeil. — Archigenes gab eine glänzende Beschreibung der Lepra und berichtete auch über verschiedene indische Heilmethoden; er kannte auch die Diphtherie.
Ebenfalls Pneumatiker war Apollonios aus Pergamon, welcher die häufige Ausführung des Aderlasses widerriet, mit der Begründung, es werde dadurch zu viel πνεῦma dem Körper entzogen; besser sei es daher vom Schröpfkopf und Skarifikationen Gebrauch zu machen.
Die Schule der Pneumatiker hat sich auch um die Chirurgie große Verdienste erworben, gehörten ihr doch die berühmtesten Wundärzte der Kaiserzeit an, Archigenes, Leonides und Heliodoros und der spätere Antyllos.
Archigenes zeichnete sich dadurch aus, daß er die Indikationsstellung für die Amputation (gegenüber den Hippokratikern) bedeutend erweiterte, Gefäßligatur oder Umstechung anwendete; er operierte Brust- und Gebärmutterkrebs, verwendete zur Stillung der Blutungen, sowie bei Coxalgie das Glüheisen und bediente sich des Speculum uteri. Heliodoros hinterließ, wie die Fragmente zeigen, wertvolle Angaben über die Operation von Abszessen, über Schädelverletzungen (Untersuchung mit der Sonde, Trepanation), Exostosen, Empyem, Hypospadie, Strikturenbehandlung, nahm Resektionen vor, kannte den Lappenschnitt und bespricht ausführlich die verschiedenen Verbände (Rollbinden, gespaltene und zusammengenähte Binden) und Repositionsmethoden (mit der Hand, mit den Utensilien des gewöhnlichen Lebens, mit Maschinen, z. B. πλινθίον des Neileos).
Leonides aus Alexandreia (gegen Ende des 1. Jahrhunderts) stützte sich vornehmlich auf Philoxenos (vergl. S. 281), verbesserte mehrere Operationsmethoden, z. B. bei der Amputation (Lappenschnitt), bei den Hämorrhoiden (unter Benutzung des Mastdarmspiegels) und beschäftigte sich, wie die erhaltenen Bruchstücke zeigen, besonders mit der Diagnostik der Schädelbrüche, sowie mit der Therapie der Tumoren, Hernien und Fisteln; er wußte auch, daß die Filaria Medinensis in Indien und Aethiopien endemisch vorkommt.
Literarische Bedeutung hat von den späteren „Eklektikern“ Kassios, der Iatrosophist (_?_ n. Chr.), dessen „Medizinische Fragen und Probleme“ (ἰατρικαὶ ἀπορίαι καὶ προβλήματα φὑσικα) in 84 Sätzen medizinische und naturwissenschaftliche Dinge behandeln. Der Standpunkt des Verfassers ist vorwiegend pneumatisch aber auch methodisch. Die Fragen betreffen u. a. auch die Tatsache der gekreuzten Lähmungen, die Lehre von den Sympathien (metastatische Abszesse, sympathische Augenentzündung etc.), die Ernährung der Körperteile durch die spezifische Assimilation, womit auch die Kallusbildung in Zusammenhang gebracht wird (vergl. Ideler, Med. gr. min. I). Erwähnenswert ist ferner: Markellos aus Side (Pamphylien) zur Zeit des Marc Aurel, welcher 42 Bücher ἰατρικά = Aerztliches schrieb, wovon wir noch ein Fragment über Lykanthropie und 101 Hexameter über die in der Medizin gebräuchlichen Fische besitzen (Schneider, Marcelli Sidetae medici fragmenta, Leipzig 1888).