Asklepiades.

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Die Einbürgerung der griechischen Heilkunde in Rom war vorzugsweise das Werk des Asklepiades aus Prusa, eines rhetorisch gewandten, philosophisch geschulten und äußerst lebensklugen Arztes, der die nationalen Vorurteile durch imponierende praktische Leistungen zu überwinden verstand und die wissenschaftliche Medizin dem Zeitgeschmack des Römertums geschmeidig anzupassen wußte.

Asklepiades dürfte um 124 v. Chr. in Prusa (oder in Prusias), einer Stadt Bithyniens, geboren sein und wandte sich frühzeitig dem Studium der Rhetorik, Philosophie und Medizin zu. Zur Erweiterung seiner Kenntnisse scheint er eine Zeitlang in Parion, am Hellespont, in Athen, wahrscheinlich auch in Alexandreia verweilt zu haben, bevor er, um sein Glück zu machen, nach Rom ging. Hier gelang es ihm durch seine Rednergabe und gesellige Gewandtheit mit vornehmen Männern, wie L. Crassus, Cicero, Atticus, M. Antonius und Q. Mucius in freundschaftlichen Verkehr zu treten und sehr bald den Ruhm eines unvergleichlichen Heilkünstlers durch eine anscheinend ganz neuartige Heilmethode zu erwerben. Wie weit sein Name drang, beweist besonders die Tatsache, daß ihn Mithradates von Pontus zu sich berief; Asklepiades lehnte jedoch ab und schickte dem Könige bloß seine Werke. Von einigen Autoren ist uns eine Episode überliefert, die bald als Zeugnis der bewunderungswürdigen Beobachtungskunst, bald als Beweis seiner, auch vor groben Täuschungen nicht zurückschreckenden Scharlatanerie gedeutet wird. „Als er sich nämlich einmal,“ so wird erzählt, „von seinem Landgut in die Stadt begab, erblickte er einen großen Leichenzug; er trat näher, damit er erfahre, wer es sei, anderseits damit er selbst etwas bei jenem (Toten) den Regeln der Kunst gemäß entdecken könne. Obgleich er dessen Gesicht mit Spezereien bestreut und dessen Antlitz mit wohlriechenden Salben bestrichen sah, war er doch aus gewissen Anzeichen sehr aufmerksam auf ihn, beobachtete ihn und betastete immer wieder den Körper: und er fand, daß in jenem noch Leben sei. Sogleich rief er, der Mann lebt noch, man möge die Fackeln wegnehmen, die Feuer auslöschen, den Scheiterhaufen abtragen und den Leichenschmaus vom Grabmal zu Tische bringen. Es entstand ein Gemurmel; die einen sagten, man müsse dem Arzte glauben, die anderen spotteten über die Heilkunst. Dann erwirkte Asklepiades, obwohl sich alle Verwandten sträubten — entweder weil sie schon die Erbschaft hatten oder weil sie ihm noch nicht glaubten —, mit genauer Not einen kurzen Aufschub für den Toten. Den solcherart den Händen der Leichenträger Entwundenen brachte er, gleichsam aus der Unterwelt, nach Hause und sogleich stellte er das Atmen her, sogleich rief er durch gewisse Arzneien das Leben zurück, das in den Tiefen des Körpers verborgen war. Bei Tische wurde des weisen Mannes rühmend erwähnt.“ Berauscht vom Beifall der suggestiblen Menge, ließ sich Asklepiades als einen „vom Himmel Gekommenen“ feiern und verstieg sich in seinem ungemein entwickelten Selbstgefühl zu marktschreierischen Aeußerungen oder gar Handlungen, die sein Bild im Urteil der Nachwelt verdunkelten, die es verschuldeten, daß der treffliche, wenn auch etwas einseitige Therapeut und medizinische Philosoph geradezu als Scharlatan hingestellt wurde. Mit den meisten Reformatoren teilte er allerdings maßlose Eitelkeit und Verachtung der Vorgänger. Hochbetagt soll er durch den Sturz von einer Treppe gestorben sein und seinen Ausspruch bewahrheitet haben: „Er wolle nicht für einen Arzt angesehen werden, wenn er jemals erkranken würde.“

Noch von größerer Bedeutung aber, als die fruchtbringende Vermittlung, war die damit verbundene Reformbewegung, welche Asklepiades im medizinischen Denken und in der Therapie einleitete. Mit der ganzen Wucht seiner impulsiven Persönlichkeit trat er gegen die erstarrte Humoralpathologie — als Erster — in die Schranken und bekämpfte den traditionellen Unfug, der im Namen des Hippokrates oder gestützt auf angebliche „Empirie“ mit Purganzen, Brech- und Schwitzmitteln, mit der Venäsektion oder gar abergläubischen Methoden von Seite der späteren alexandrinischen Schule getrieben wurde und setzte an deren Stelle eine planmäßige diätetisch-physikalische Behandlungsweise, die sich aus einer spekulativen mechanistischen Physiologie und Solidarpathologie ableitete. Hierdurch wurde er ein Faktor von größtem Werte für die allseitige Entwicklung der griechischen Medizin, welche im Alexandrinertum bereits zu erstarren begann, eine der markantesten Gestalten in der Geschichte der Heilkunst, deren Leitgedanken zwar vielfacher Korrektur bedurften, aber, soweit die Therapie in Betracht kommt, bis auf unsere Tage fortwirken.

Von den, in bestem Attisch verfaßten Schriften des Asklepiades (ungefähr 20) finden sich nur Zitate in der späteren Literatur, welche aber oft parteiisch, je nach dem Standpunkt des Autors gefärbt sind. Sie bezogen sich auf allgemeine Grundsätze, Atmung und Puls, akute Krankheiten und periodische Fieber, Phrenitis, Morbus cardiacus, Geschwüre, Wassersucht, Alopecie, Gesundheitsvorschriften, Heilmittel und Präparate, Klysmen, medizinische Verwendung des Weines u. a. Eine Schrift war an Mithradates gerichtet, andere bekämpften die Ernährungs- und Zeugungslehre des Erasistratos oder waren der Auslegung hippokratischer Bücher gewidmet. Sicherlich enthielten sie auch viel historisch-literarisches Material. Die erhaltenen Reste sind gesammelt in Ch. G. Gumpert, Asclepiadis Bithyni fragmenta, Vimar 1794. Die Herrschaft des Galenismus, welcher im schärfsten Gegensatz zu Asklepiades steht, bewirkte es, daß dieser Autor nach dem 4. Jahrhundert n. Chr. nur mehr wenig, seit dem 6. Jahrhundert gar nicht mehr genannt wird. Erst seit dem 16. Jahrhundert erscheint er wieder an der Oberfläche, und so manches System der neueren Medizin entlehnte ihm Grundideen. — Im Jahre 1700 wurde in Rom nahe der Porta capena eine Büste ausgegraben, welche die Inschrift Asklepiades trägt und mit dem Bithynier in Verbindung gebracht worden ist.

Insoferne als Asklepiades bis auf die letzten Ursachen zurückgeht, um Anhaltspunkte für sein therapeutisches Handeln zu gewinnen, entfernt er sich von den „Empirikern“, hinsichtlich seiner Grundanschauungen über den Organismus tritt er dagegen in den schärfsten Gegensatz zu den Vertretern der rationalistischen Richtung, welche sich mehr oder minder auf die platonisch-aristotelische Philosophie stützten. Im Lehrgebäude des Asklepiades kommt zum ersten Male der Atomismus zur Herrschaft und zwar in jener Modifikation, welche den Epikuros oder richtiger Herakleides den Pontiker, zum Urheber hat. Indem der Bithynier diese materialistische Metaphysik, die alles Teleologische, Unkörperliche und Wunderbare ausschließt, zur Basis der medizinischen Theorie wählte, sicherte er sich von vornherein den Beifall der römischen Geisteselite, welche dem Epikureismus überzeugungsvoll anhing und in dem jüngeren Zeitgenossen des Asklepiades, Tit. Lucretius Carus einen poetischen Stimmführer fand.

Herakleides (aus Heraklea am Pontos Euxinos um 340 v. Chr.) und Epikuros (um 300 v. Chr.) erklärten (im Anschluß an Leukippos und Demokritos) alles Geschehen aus der Bewegung der Atome im leeren Raum. Ein Unterschied in ihren Systemen liegt darin, daß die Atome im Sinne des Herakleides zersplitterbar sind, deshalb gebrauchte derselbe auch, anstatt des Terminus ἄτομος, das Wort ὄγκος als Bezeichnung für Urkörperchen. — Der römische Dichter Lucretius Carus (98-54 v. Chr.) verfaßte ein hexametrisches Lehrgedicht De rerum natura, worin er in kunstvoller Weise die Grundlehren der Kosmologie, Physik, Psychologie und Ethik im Geiste des Epikureismus darstellt. Es ist möglich, daß er bei seiner Schilderung physiologisch-pathologischer Dinge besonders im 6. Buche neben Epikuros, der auch über Krankheiten schrieb, vieles dem Asklepiades verdankt. Eingebürgert hatte sich der Epikureismus bei den Römern seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr.

Der menschliche Körper ist nach der Lehre des Asklepiades aus unendlich vielen Urkörperchen (ὄγκοι) zusammengesetzt und auf ihrer Bewegung beruht das Leben (einschließlich der geistigen Tätigkeit). Verbindungen der Urkörperchen (συγκρίσεις) bilden die unzähligen, mit Empfindung versehenen röhrenförmigen Räume, „Poren“ des Körpers, in denen sich mehr oder weniger feine Atome unaufhörlich bewegen, und durch welche der Säftestrom hindurchgeht. Die feinsten, kugeligen, glatten Atome (ὄγκοι λεπτομερεῖς) stellen das Substrat der Psyche dar und entsprechen dem Pneuma. Atmung und Ernährung führen die zur Erhaltung nötigen Stoffe zu; alle physiologischen Vorgänge vollziehen sich rein mechanisch, ohne daß besondere (organische) Kräfte dabei wirksam sind. Der Puls ist eine Bewegung der Arterien, deren wechselnde Ausdehnung und Zusammenziehung durch das Einströmen des Pneuma in Erscheinung tritt; die Atmung erfolgt in der Weise, daß die äußere Luft wegen ihrer Dichte und Schwere in die Lunge eindringt und, sobald der Thorax die Grenze seiner Ausdehnbarkeit erreicht hat, unter Zurücklassung der feinsten und zartesten Teilchen wieder ausströmt; Hunger entsteht durch Erschlaffung der größeren, Durst durch Erschlaffung der kleineren Porengänge, die Nahrungsstoffe werden nicht verdaut im Sinne der gewöhnlichen Meinung, sondern zerfallen bloß in ihre letzten Bestandteilchen, welche also roh, wie sie aufgenommen worden, in den Körper gelangen und sich daselbst durch die feinsten Kanälchen verteilen. Der Harn kommt, ohne die Nieren zu berühren, in Dampfform in die Blase und schlägt sich dort nieder.

Asklepiades leugnet die Zweckmäßigkeit der vitalen Kräfte und ist im Altertum der konsequenteste Vertreter der mechanistischen Anschauungsweise in der Medizin. Er folgt in seinen physiologischen Erklärungen zum Teil dem Empedokles, besonders aber dem Demokritos (wie bei letzterem ist auch bei ihm der Seelenstoff, Pneuma, die Summe der feinsten beweglichsten im ganzen Körper verbreiteten Atome). Die Lunge vergleicht er mit der κλεψύδρα, den Atmungsmechanismus mit der Anziehung beim Schröpfen. Als Beweis, daß keine „Verdauung“ = „Kochung“ stattfinde, führt er an, er habe weder im Erbrochenen, noch bei Magenöffnungen jemals Speisen in (gekochtem) verdautem Zustande gesehen. Wichtig ist es, daß Asklepiades die Resorption der feinsten Ernährungsbestandteile durch unsichtbare Kanälchen und die auf gleichem Wege vor sich gehende Ausscheidung, also den Stoffwechsel in den Geweben, vorausahnte. Vergl. darüber als Quelle auch den Anonym. Londinens. In Betreff der nutritiven Wahlanziehung leugnete er jede aktive Attraktion.

Bemerkenswert ist es, daß Asklepiades manche Probleme der Physiologie auch experimentell untersuchte und z. B. die Annahme des Sitzes der Seele im Kopf oder im Herzen mit dem Argument bestritt, daß Tiere eine gewisse Zeit noch weiter leben, wenn man ihnen diese Teile wegnimmt. Aus einer Stelle bei Tertullian ist zu ersehen, daß er z. B. an Ziegen und Fliegen Versuche anstellte. — Ueber die anatomischen Kenntnisse läßt sich nichts Bestimmtes aussagen, da einzelne spätere ungünstige Angaben schon von vornherein den Stempel der Gehässigkeit an sich tragen.

Was die Anhänger des Hippokratismus unter φύσις verstanden, d. h. den Inbegriff der organischen Vorgänge und deren zweckmäßige Reaktionsvorgänge, muß bei Asklepiades einer rein physikalischen, jedwede Teleologie ausschließenden Auffassung Platz machen, die er in dem Satze formuliert: „Natur ist nichts anderes als der Körper und dessen Bewegung.“ Dieser Gedanke beherrscht seine Pathologie und Therapie und treibt ihn zum kräftigsten Widerspruch gegen den großen Arzt von Kos.

Gesundheit beruht auf dem richtigen Verhältnis der Poren zu den Atomen (συμμετρία), wodurch die Bewegung derselben in freier und ungestörter Weise ablaufen kann. Krankheit ist im letzten Grunde auf eine Störung in der Bewegung der Atome zurückzuführen (ἔνστασις, στάσις). Abnorme Größe oder Gestalt der Urkörperchen, abnorme Weite, Enge oder Knickung der Poren bewirken eine zu rasche oder zu träge Bewegung oder Anhäufung der kleinsten Partikelchen und Verstopfung der Poren (ἔμφραξις) und damit Krankheiten, deren Verschiedenheit von den Wegen und der Körperstelle abhängig ist. Veränderungen der Säfte und des Pneuma treten zwar bei leichteren Affektionen als ätiologisches Moment hervor, sind jedoch nicht als wesentliche, sondern nur als Gelegenheitsursachen anzusehen.

Die von A. als Krankheitsursache vorausgesetzte Stockung der Atombewegung ist eine weitere Ausführung der Idee des Erasistratos, gemäß welcher durch Error loci, d. h. Eindringen des Blutes in die Pneumawege, eine Stauung der Pneumabewegung und daher Krankheit entsteht. Wie sehr ursprünglich Asklepiades mit Erasistratos zusammenhängt, zeigt der Umstand, daß ersterer in nahem Anschluß an seinen großen Vorgänger, wenn auch sekundär, die Vermischung der flüssigen Stoffe mit dem Pneuma als Krankheitsursache bezeichnet.

Das eintägige Wechselfieber läßt er durch Stockung der größeren, das dreitägige durch solche der kleineren und die Quartana durch solche der allerkleinsten zu stande kommen.

Die atomistische Solidarpathologie beeinträchtigte glücklicherweise nicht im mindesten die ärztliche Beobachtungskunst des Bithyniers, vielmehr widmete er dem Pulse eingehende Aufmerksamkeit und machte sich um die Krankheitsbeschreibung sogar sehr verdient. So trennte er schärfer als bisher die akuten von den chronischen Krankheiten, schilderte vortrefflich die Malariafieber, unterschied von der Wassersucht mehrere Arten (eine rasch, eine langsam entstehende, eine fieberlose, eine mit Fieber einhergehende oder aus der Quartana hervorgehende Form) und förderte im hohen Grade die Lehre von den Krämpfen und Geisteskrankheiten. Der rhythmische Ablauf gewisser Krankheiten entging ihm nicht, er leugnete auch keineswegs die Krisen, doch verwarf er den Glauben an bestimmte kritische Tage.

Asklepiades sonderte die tonischen und klonischen Krämpfe vom einfachen Zittern, lehrte, daß Epilepsie auch durch eine Erschütterung oder Zerreißung der Hirnhäute (also traumatisch) hervorgerufen sein könne und führte die Geistesstörungen auf eine Affektion der Hirnhäute zurück. Mit feinem Blick differenzierte er die psychischen Anomalien und hinterließ entsprechende, scharf umgrenzte Definitionen über Phrenitis, Lethargus und Katalepsie. Bemerkenswerterweise trennte er die Phrenitis von jenen psychischen Aufregungszuständen, wie sie im Verlauf der Pneumonie oder Pleuritis symptomatisch vorkommen.

Wie eine logische Konsequenz seiner Krankheitstheorie nimmt sich die therapeutische Richtung aus, welche Asklepiades mit ungeheuerem Selbstvertrauen als die einzig wahre ansah. Dem hippokratischen Grundsatze: die Natur ist die Heilerin der Krankheit, stellte er den Ausspruch entgegen: Nicht nur, daß die Natur nichts nützt, sie schadet sogar bisweilen. Heilung ist nichts anderes als Rückkehr zur normalen Atombewegung, ein Vorgang, der eben nur auf mechanischem Wege erfolgen kann. Eine zweckmäßig regulierende Naturheilkraft existiert bloß in der Phantasie, und ausschließlich von der energischen Tätigkeit des Arztes ist alles abhängig. Hippokrates, der sich mit seiner vorsichtig abwartenden, in den Krankheitsprozeß wenig eingreifenden Therapie nur als Diener der Natur betrachtet, wird unter solchem Gesichtswinkel freilich zu dem Vertreter einer todbringenden Kunst (θανάτου μελέτης)! Da die Krankheiten keineswegs Wirkungen einer Materia peccans darstellen, sondern auf feinen mechanischen Störungen beruhen, so können nicht die groben ausleerenden Mittel (namentlich Brech-, Abführmittel), sondern nur jene Heilpotenzen zum Ziele führen, welche die stockende Atombewegung wieder in normalen Gang bringen, also mechanische, physikalische, hygienisch-diätetische Einflüsse. Demgemäß legte Asklepiades das Hauptgewicht auf entsprechende Maßnahmen: Fasten, Verordnung eines bestimmten Regimes, Verbot von Fleischgenuß (z. B. bei Epilepsie), Trockendiät (z. B. bei Hydrops), medizinische Anwendung des Weines, genau geregelte Spaziergänge, Laufen, Reiten, mäßig betriebene Gymnastik, Massage (nach Intensität und Dauer bestimmte mit Oeleinreibungen kombinierte Streichungen), passive Bewegungen (Getragenwerden im Sessel, in der Sänfte, Fahren, Schaukeln in hängenden Betten etc.), kalte Waschungen, kalte, warme Schwitzbäder, Duschen, Schaukelbäder (Balinea pensilia), Wassertrinken, Klistiere etc. Außerdem berücksichtigte er den Einfluß der Luft, des Lichtes (bei Geisteskranken auch der Musik). Innerliche Medikamente scheint er relativ spärlich verwendet zu haben (besonders den Gebrauch von Brechmitteln und drastischen Abführmitteln bekämpfte er energisch), wohl aber benützte er äußere Applikationen (Bähungen, Pflaster, Riech- und Niesmittel) und in indizierten Fällen chirurgische Eingriffe, wie den Aderlaß (je nach dem Sitze der Krankheit an genau bestimmtem Orte, aber nur bei schmerzhaften Affektionen), Skarifikationen, das Schröpfen (z. B. bei Angina, wo er auch eventuell Einschnitte in den weichen Gaumen machte), die Paracentese (bei Hydrops). Bei Erstickungsgefahr empfahl er die Ausführung der — Laryngotomie.

Im Lichte der therapeutischen Vorschriften des Asklepiades schwinden, was die Idee anlangt, die Ansprüche vieler späterer Aerzte auf Priorität hinsichtlich der physikalisch-diätetischen Richtung, und es kann ihnen in vielen Momenten nur der zeitgemäße Aufbau oder die technische Verbesserung als Verdienst zugesprochen werden. Aber auch schon der Bithynier, der selbstgefällig und streitsüchtig auf seine Originalität pochte — οἰνοδότης wegen seiner vielfachen medizinischen Verordnung des Weines, ψυχρολούτης wegen seiner Vorliebe für Wasserprozeduren genannt —, griff tatsächlich auf Heilmethoden zurück, die, abgesehen von einer näher liegenden Vergangenheit, namentlich in den hippokratischen Schriften Ausdruck gefunden haben und in letzter Linie den griechischen Ringschulen entstammen. Neu war eigentlich nur seine theoretische Begründung, seine planmäßige, ausgebreitete, sorgfältig geregelte Anwendungsweise, seine den Fortschritten angepaßte Methodik; reformatorisch verdienstvoll wurde es, daß er (mit verzeihlicher Einseitigkeit) den Wert derselben betonte, zu ihrer allgemeinen Verbreitung Anlaß gab und den Schlendrian der herkömmlichen Therapie erfolgreich bekämpfte!

Asklepiades ist sowohl hinsichtlich der Praxis wie der Theorie nicht der Anfang, sondern der Höhepunkt eines Wellenzugs, der sich weit zurückverfolgen läßt und nur durch die herrschende Schule verdeckt wurde. Den innigsten Zusammenhang zeigt er mit Erasistratos. Wie die Alten uns berichten, gehörte Asklepiades ursprünglich zu den Anhängern des Kleophantos, der die Diätetik ausbaute und den Wein gerne als Heilmittel verwendete. Seine Schule stand derjenigen des Erasistratos nahe, welch letzterer die Therapie wesentlich vereinfachte, milde Abführmittel, Klistiere, Wein, Fasten, diätetische Vorschriften, Gymnastik, Bäder, kalte Waschungen, Abreibungen, individualisierend geregelte Spaziergänge etc. im Heilplan in den Vordergrund stellte — nur nicht mit solchem Nachdruck und solcher Einseitigkeit wie Asklepiades. Erasistratos und Kleophantos schließen sich wieder stark an Chrysippos und hierdurch an die knidische Richtung der Hippokratiker, bezw. die italische Schule an, welch letztere namentlich die den Gymnasten und Athleten entlehnte diätetisch-physikalische Therapie pflegte. Es ist interessant, daß diese Heilart somit wieder auf italischem Boden durch Asklepiades einen Höhepunkt erreichte. Auch für die theoretischen Ansichten liegt eine Wurzel im Lehrsystem des Erasistratos und tiefer in der knidisch-italischen Richtung. Erasistratos verwarf die Vierelementenlehre, ließ den Körper aus Atomen bestehen, anerkannte nicht überall die Zweckmäßigkeit der Natur, suchte die physiologischen Erscheinungen rein physikalisch zu erklären, huldigte bereits in beschränktem Ausmaß der Solidarpathologie, führte die meisten Affektionen im Grunde auf mechanische Störungen (Verlegung der Pneumawege) zurück und bekämpfte zuerst sehr energisch die Autorität des Hippokrates. Manche dieser Hauptpunkte (mechanistische, solidarpathologische Auffassungen) finden sich schon bei der knidischen oder italischen Schule vor, letzterer war namentlich in gewissem Sinne die Porenlehre eigentümlich. — Daß die Ideen des Erasistratos so großen Einfluß auf Asklepiades hatten, nimmt nicht wunder, wenn man bedenkt, daß die erasistrateische Schule um 100 v. Chr. in Kleinasien zu neuer Blüte gekommen war.

Bezüglich mancher Einzelheiten wäre z. B. darauf zu verweisen, daß Asklepiades fieberhafte Krankheiten in den ersten Tagen nach dem Grundsatze behandelte, es müßten die Kräfte des Kranken durch helles Licht, anhaltendes Wachen und Versagen des Getränkes (nicht einmal Ausspülen war gestattet) niedergerungen werden. Im weiteren Verlauf aber kam er den Wünschen der Patienten durch Verordnung von üppigen Mahlzeiten und Wein sehr entgegen, und gerade dieser Umstand machte seine Behandlungsweise besonders beliebt. Vom Wein, den er als Hauptmittel und geradezu als Panacee ansah, sagte er: seine Nützlichkeit komme beinahe der Macht der Götter gleich. Bald ließ er ihn unvermischt, bald mit Wasser verdünnt, bald mit Salz versetzt oder warm darreichen, namentlich im Zustand der Fieberremissionen oder bei Schwäche. Den Aderlaß wandte er mit Vorsicht an und erklärte, daß sein Wert auch davon abhänge, in welchem Klima der Kranke zur Behandlung kommt, Pleuritische z. B. vertrügen ihn sehr gut in Parion und am Hellespont, nicht aber in Athen und Rom. Das Binden der Glieder, wie es die Vorgänger vikariierend geübt hatten, verwarf er. An Stelle der Abführmittel setzte er Enthaltung vom Essen oder verordnete nur, um mechanisch die Stauung zu beseitigen, Klysmen, deren übermäßiger Gebrauch ihm jedoch ebenfalls schädlich erschien. Bei jeder Krankheit schrieb er eine genaue Diät vor, sogar bei Alopecia legte er neben äußeren Mitteln auf ein bestimmtes Regime (Enthaltung von Fleisch, Wein etc.) großes Gewicht. Interessant ist es, daß er sogar die Trockendiät bereits kannte (nach vorausgegangenem Laufen ließ er getrocknete Fische und gut durchgebackenes Brot genießen). Massage benützte er auch als Schlafmittel, z. B. bei Geistesstörungen, für welche er in verdienstvoller Weise eine psychische Behandlung namentlich durch Musik und Gesang einführte; „Phrenitische“ ließ er an einen lichten Ort bringen, weil im dunklen die eingebildeten Bilder durch keine wirklichen Eindrücke korrigiert würden. Besonders eigentümlich waren: die Behandlung mit Schaukelbewegung in hängenden (mit Stricken befestigten) Betten und die Balinea pensilia (Schaukelbäder). Waschungen kamen auch bei Durchfällen (aber erst nach der Kräftigung des Patienten) zur Anwendung, desgleichen das Trinken von kaltem Wasser. — Bezüglich der Chirurgie wissen wir, daß Asklepiades die spontane Luxation des Femurs aus einer Entzündung erklärte und den Kehlkopf- oder Luftröhrenschnitt(?), den er wahrscheinlich von Vorgängern übernahm, in geeigneten Fällen anriet.

Der Fortschritt gegenüber der zumeist rohen oder abergläubischen Medizin, wie sie in Rom vorher herrschte, war so einleuchtend, daß Asklepiades inmitten seines Zeitalters wie ein Wundertäter erscheinen mußte, zumal er gewiß über große suggestive Kraft verfügte. Das „tuto, cito et jucunde“ und die Maxime, daß ein guter Arzt für jedes Uebel doppelte und dreifache Arzneien sofort bereit haben müßte — dies waren seine Devisen — suchte er, soweit als möglich, zu verwirklichen. Günstig wirkten überdies für die Aufnahme der zumeist angenehmen Kurart zwei Momente. Einerseits, daß sie, ihres philosophischen Mantels entkleidet, auch populär begründet werden konnte (z. B. durch den Hinweis auf die nachteilige Einwirkung der Arzneien auf Geschmack und Magen), anderseits, daß sie so recht der Sehnsucht des entnervten Zeitalters nach der alten Mannhaftigkeit durch ihre roborierende Tendenz entsprach. Darum erlosch mit Asklepiades zwar der Zauber, der von seiner imponierenden Persönlichkeit allein, ausging; die feine Individualisierung, wie sie der Bithynier trotz seines Gegensatzes im Geiste des Hippokratismus ausübte, ging verloren; die auf den Gesamtzustand gerichtete, mit wenigen Mitteln hantierende Behandlungsweise machte leider allzubald einer schematischen Richtung und später einer schablonenhaften Polypragmasie Platz — aber selbst noch in der Hülle, welche von der therapeutischen Reform des Bithyniers zurückblieb, läßt sich erkennen, daß sie einst einen Feuergeist umschlossen hielt.

Von der gewiß sehr zahlreichen Anhängerschaft des Asklepiades haben sich, abgesehen von seinem größten Schüler Themison von Laodikeia, fast nur Namen und spärliche Angaben über ihre literarische Tätigkeit erhalten. So werden erwähnt: Titus Aufidius (chronische Krankheiten), Nikon von Agrigent (über Heilmittel), Chrysippos (über Würmer), Miltiades von Elaiussa (chronische Krankheiten), Philonides von Dyrrhachion (über Heilkunde, Arzneimittel, Hippokrateskommentar), Clodius (über Askariden), Marcus Artorius (rettete dem Octavianus in der Schlacht von Philippi das Leben; schrieb über Lyssa und Makrobiotik), Gallus Marcus, Antonius Musa, der berühmteste Leibarzt des Augustus (sein Vorgänger in dieser Stellung war Cajus Aemilius = Camelius); Musa heilte den Kaiser, welcher an der Leber, sowie an rheumatisch-gichtischen Beschwerden litt und vorher erfolglos mit erhitzenden Mitteln behandelt wurde, durch eine systematische Hydrotherapie (Wassertrinken und kalte Bäder); zum Lohne erhielt er nebst reichen Geschenken den Ritterstand und eine Statue im Tempel des Aeskulap.