Die Methodiker.
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Die Therapie unter den Gesichtspunkt einer subtilen Theorie zu bringen und dabei doch selbständig, mit künstlerischer Freiheit, zu verfahren, war der Begabung des Asklepiades gegönnt; der Troß von Aerzten aber, der seiner Spur folgte, bedurfte schärfer umschriebener, leichtfaßlicher Leitsätze, welche der Mittelmäßigkeit eine breite Heeresstraße eröffnen, indem sie auf Kosten der individuellen Leistung dem Schwanken zwischen Empirie und Spekulation kategorisch ein Ende setzen und die Tätigkeit am Krankenbette in eine bequeme Technik verwandeln.
Diesem Bedürfnis nach straffer Regelung, nach Vereinfachung des medizinischen Denkens und Handelns entsprang, wie schon der Name besagt, die Schule der Methodiker, welche von einem Anhänger des Bithyniers, Themison von Laodikeia (um 50 v. Chr.), gestiftet, sehr rasch zur ebenbürtigen Rivalin des humoralen Dogmatismus heranwuchs, an Zahl der Vertreter, an Bedeutung für die Folgezeit, dem Hippokratismus wenig nachstehend. Der alles nivellierende Geist des Zeitalters stand an der Wiege dieser Schule, läßt sie doch in ihrem innersten Wesen das, auch auf den übrigen Kulturgebieten hervortretende Bestreben erkennen, griechischen Geist in die starre römische Form zu gießen.
Themison von Laodikeia wandte sich erst in vorgeschrittenen Jahren von der reinen Lehre seines Meisters Asklepiades ab und scheint sich in seinen zahlreichen Schriften, nur allmählich zu seinem Systeme durchgerungen zu haben. Nach einem Spottvers des Juvenal war er kein glücklicher Arzt. Wie wir aus Zitaten ersehen, machte er sich besonders verdient um die Darstellung der Therapie der chronischen Affektionen (ein Gebiet, auf dem er überhaupt der erste Autor gewesen ist), um die Schilderung der Kachexie, der Satyriasis etc., um die Bereicherung des Arzneischatzes (dem er die Blutegel und manche zusammengesetzte Mittel, z. B. das Mohnmittel Diacodion, das Bittermittel πικρὰ, bestehend aus Aloe, Mastix, Safran, indischem Baldrian, Haselwurz, Zimt und Balsam, hinzufügte), endlich um die Bearbeitung der Gynäkologie. Er verfaßte medizinische Briefe und Schriften über periodische, akute und chronische Krankheiten, über Diät, den Wegerich und über Lepra (die erst zur Zeit des Asklepiades in Rom bekannt wurde, vergl. auch Lucretius Carus, de rer. nat. VI, 1114). Angeblich soll er über die Therapie der Lyssa deshalb nichts veröffentlicht haben, weil er jedesmal, wenn er den Griffel zur Hand nahm, einen Rückfall der selbst überstandenen Wutkrankheit (?) befürchtete. Der Anonymus Parisinus — eine sehr wichtige Quelle für die methodische Schule — wirft vielleicht ein Schlaglicht auf Themison.
Wie ein Abglanz der nüchternen, zweckstrebenden römischen Denkweise, mit ihrem Hang zum Formalismus, mit ihrer oft auf Kosten der Tiefe errungenen selbstsicheren Klarheit, erscheint das System des Methodismus von vornherein für die Praxis zugeschnitten und bewegt sich unter Mißachtung weiterer Naturbetrachtung in dem engen Zirkel von einigen wenigen, zur dogmatischen Allgemeingültigkeit emporgeschraubten Ideen.
Neben der atomistischen Pathologie des Asklepiades bildete für Themison die Vergleichung der Krankheiten untereinander, die Aufsuchung gemeinsamer Merkmale den Ausgangspunkt seiner Lehre, und auf diesem Wege gelangte er schließlich zu der einseitigen scharf formulierten Anschauung, daß es in dem Reiche der vielgestaltigen Krankheitsvorgänge im Wesen nur zwei gemeinsame Grundformen (κοινότητες, communitates) gäbe, nämlich den Zustand der Straffheit, Spannung — στεγνωσις, status strictus — oder den Zustand der Erschlaffung — ρύσις, status laxus. Beide, das strictum (τὸ στεγνόν) und das laxum (τὸ ῥοῶδες) beruhen auf abnormer Beschaffenheit der Poren, die im ersten Falle zu sehr zusammengezogen, verengert, im letzteren Falle dagegen zu sehr gelockert und schlaff erweitert seien (Solidarpathologie). Welcher Zustand vorliegt, ob krankhafte Steigerung oder Abnahme des normalen Tonus besteht, wäre aus dem allgemeinen Verhalten des Körpers, namentlich aber aus dem Uebermaß oder der Verminderung des Exkrete und Sekrete oder aus Blutflüssen etc. leicht zu erschließen; die Behandlung laufe im wesentlichen darauf hinaus, das strictum oder laxum durch entgegengesetzt wirkende, den ganzen Körper angreifende therapeutische Maßnahmen zu beheben, also durch Entspannung oder Zusammenziehung, Tonisierung, wobei außer der „Kommunität“ als „Indikationen“ nur noch in Betracht käme, ob es sich um eine akute oder chronische Krankheit handle, und ob sich dieselbe im Stadium der Zunahme, des Stillstands oder der Abnahme befinde.
Themison ließ somit die von Asklepiades zur Krankheitserklärung herangezogene Atomtheorie fallen und benützte lediglich jenen Teil seines System, der von dem Mißverhältnis der „Poren“ sprach. Es ist jedoch festzuhalten, daß Asklepiades sich bis zu einer so einseitigen Krankheitsklassifikation und Therapie nicht verstieg, sondern auf dem klinischen Standpunkt verblieb. Für Themison mag vielleicht das Vorbild der spastischen und der schlaffen Lähmungen, welche schon Erasistratos als auf Zusammenziehung oder Ausdehnung beruhende Formen unterschieden hatte, maßgebend gewesen sein. Zu einer Aufstellung des Strictum und Laxum mit allen therapeutischen Konsequenzen dürfte übrigens auch er erst am Ende seiner Laufbahn gelangt sein.
In der Einteilung der Krankheiten nach dem Prinzip der Kommunitäten herrschte freilich eine gewisse Willkür; die Mehrzahl der akuten Affektionen wurde dem Status strictus, die Mehrzahl der chronischen dem Status laxus zugerechnet. Als erschlaffende Mittel galten: Blutentziehung (Blutegel, Schröpfen und Skarifikation, Aderlässe auf der, der kranken gegenüberliegenden Stelle, eventuell bis zur Erschöpfung), warme Bäder, Umschläge, Einreibungen mit warmem Oel, Dämpfe, Fasten und entziehende Diät, die nur unter bestimmten Kautelen und selten angewendeten Diuretika, Emetika, Diaphoretika und Laxantia, mäßiger Geschlechtsgenuß u. a. Zu den verengernden, adstringierenden, tonisierenden Mitteln gehörten z. B. kalte Waschungen, Umschläge und Bäder, Aufenthalt in kalter Luft, roborierende Diät, Wein, Essig, Alaun, Narkotika u. s. w. Das Grundprinzip des Themison mit seiner blendenden Einfachheit mußte begreiflicherweise in dem Maße modifiziert werden, als die praktische Anwendung die enorme Lückenhaftigkeit der Lehre aufdeckte. Zunächst konnte es nicht entgehen, daß das „Strictum“ und „Laxum“ bei derselben Krankheit vorkommen kann (z. B. bei der Epilepsie, Paralyse) und somit der Zustand einer zweifachen Behandlung bedürfe. Aus solcher Erwägung entsprang schon frühzeitig der Hilfsbegriff des Status mixtus, τὸ μεμιγμένον, welche dritte Kommunität je nach der Präponderanz der einen oder anderen Qualität bekämpft werden sollte. Aber auf die Dauer reichten auch diese drei Kommunitäten nicht aus, wenn es galt, für Fälle chirurgischer Art oder Vergiftungen die gemeinsamen Eigentümlichkeiten, die therapeutischen Indikationen aufzustellen. So wurden denn unter dem Zwange der Erfahrung immer weitere neue Gemeinbegriffe ersonnen, wie z. B. die „prophylaktische“ Kommunität bei Verwundungen, Vergiftungen etc.
In der Chirurgie wurden vier Kategorien (Kommunitäten) von Krankheiten unterschieden. 1. Fremdkörper, die von außen eindringen; sie sind auszuziehen. 2. Lageveränderungen (Brüche, Verrenkung); sie sind zu reponieren. 3. Fremdartige Strukturen (Geschwülste, Abszesse); sie sind zu entfernen oder zu inzidieren. 4. Fremdartige Beschaffenheit der Teile (Hemmungsbildungen, Geschwüre u. s. w.) durch Fehlen von Substanz; diese ist zu ersetzen.
Solche Ergänzungen der Kommunitätenlehre durchlöcherten freilich im Grunde die Einheitlichkeit des Prinzips, und waren tatsächlich nur der Ausdruck von Verlegenheiten, die naturgemäß einer Krankheitstheorie erwachsen mußten, welche von tieferer ursächlicher Erklärung, von der Erforschung des Krankheitssitzes Abstand nahm und sich vermaß, bei einseitiger Berücksichtigung bloß sekundärer Zustände, sowohl die Polymorphie der Krankheiten, als auch die Individualität der Kranken gänzlich außer acht lassen zu können.
Der Methodismus wollte den Klippen des Empirismus und Dogmatismus gleicherweise entgehen. Seine Anhänger schlugen den Mittelweg ein; sie blieben nicht, wie die Empiriker, bloß bei der rein praktischen Handhabung der Heilmittel stehen, sondern suchten die pathologischen Vorgänge auch theoretisch zu erklären, sie gingen über das Grobsinnliche hinaus, aber sie verschmähten es, im Gegensatz zu den Dogmatikern, bis zu den ersten Krankheitsursachen und bis zur Krankheitslokalisation vorzudringen oder den Kausalnexus der Symptome zu ergründen und blieben bei gewissen Krankheitszuständen, die willkürlich aus der großen Menge herausgezogen wurden, haften. Nicht allein die Physiologie, sondern auch die Anatomie, besonders die pathologische, deren Anfänge in Alexandrien bereits aufgetaucht waren, galt der Schule der Methodiker ebenso überflüssig, wie Aetiologie und Symptomatologie. Die Anatomie wollten die Methodiker in der ärztlichen Ausbildung allerdings nicht gänzlich vermissen, manche von ihnen beschäftigten sich sogar intensiver mit ihr, hielten es jedoch im allgemeinen für genügend, die Namen der Körperteile zu wissen.
Im Lichte der neuen Lehre verloren die wissenschaftlichen Bestrebungen der Vorgänger nahezu ihren Wert, und insbesondere fielen die großen Ansprüche, welche der Hippokratismus an die ärztliche Ausbildung und Individualität stellte, hinweg. Der Satz des Altmeisters der Heilkunst „das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“ wurde geradezu in das Gegenteil verkehrt. Begreiflicherweise schwoll, wo so geringfügige Vorkenntnisse für die medizinische Laufbahn gefordert wurden, die Schar der Anhänger schon unter Themison gewaltig an, noch mehr aber nahm bei der Ebbe des damaligen Geisteslebens die Zahl der unberufenen und unlauteren Elemente zu, als dessen Schüler, der Weberssohn Thessalos aus Tralleis in Lydien im Zeitraum von 6 Monaten die ganze Medizin, d. h. sein noch mehr vereinfachtes und für unfehlbar erklärtes System, zu lehren vorgab.
Thessalos, unter dessen Schülern sich angeblich ehemalige Schuster, Färber und Schmiede befanden, warf sich zum Reformator der Heilkunde auf und ließ sich von seiner ungebildeten oder halbgebildeten Gefolgschaft als unvergleichlichen Arzt huldigen. Ueber unleugbar großes Talent verfügend, aber mit noch größerer Anmaßung begabt und zum Scharlatan geboren, erinnert er in seinem ganzen Auftreten und in der Tonart, mit der er zeitgenössische und frühere Autoritäten befehdete, an so manche unerfreuliche Erscheinungen der Gegenwart. Seine Aussprüche, daß vor ihm selbst kein Arzt etwas Nützliches geleistet habe, daß die Aphorismen des Hippokrates Lügen seien, charakterisieren den Mann hinlänglich, und den Gipfelpunkt seiner Eitelkeit bezeichnet die Inschrift, auf einem Denkmal an der Appischen Straße, worin das Epitheton ἰατρονίκης „Besieger der Aerzte“ glänzte. Die Blütezeit des Thessalos fällt in die Epoche Neros, dem er seine Schriften widmete. Diese bezogen sich unter anderem auf Diät, chronische Krankheiten und auf Chirurgie, auch richteten sie eine scharfe Polemik gegen die berühmten Vorgänger, z. B. Erasistratos. Von den Humoralpathologen wurde es ihm zum Vorwurf gemacht, daß er Organmittel, wie z. B. Leber-, Nierenmittel etc., leugnete und die galle- und schleimtreibenden Arzneien mit der Begründung verwarf, daß sie durch ihren Reiz erst die Entstehung dieser, als vermeintliche Materia peccans betrachteten Sekrete bewirken; übrigens spricht es für seine Selbständigkeit, daß er in Einzelheiten von Themison und auch von den Dogmen der methodischen Sekte überhaupt, abwich. Außer manchen unbestreitbaren Verdiensten auf dem Felde der Therapie erheischt es die Gerechtigkeit, dem Thessalos insbesondere das eine nachzurühmen, daß er den Unterricht am Krankenbette, wohin ihn seine Schüler begleiteten, erteilte und darin seiner Zeit weit voraneilte.
Bedeuten die theoretischen Prämissen der Methodiker eine Verirrung, so fällt dagegen das Urteil über die Rolle, die diese Schule in der antiken Medizin spielt, ganz anders und wesentlich günstiger aus, wenn man einzig allein ihre Tätigkeit am Krankenbette ins Auge faßt. Und nichts Besseres läßt sich wohl zu ihrem Lobe sagen, als daß die Therapie, wie sie von den rationell verfahrenden Methodikern betrieben wurde, so manchen gemeinsamen Zug mit dem scheinbar toto coelo verschiedenen Hippokratismus aufweist. Denn bildeten auch die Ansichten über das Walten der Naturheilkraft, über Krisen und kritische Tage, über den Einfluß der Individualität des Kranken auf den Verlauf der pathologischen Vorgänge — alles Dinge, denen die Methodiker keine Essentialität zusprachen — starre Scheidewände zwischen den beiden Hauptschulen des Altertums, so stimmten sie doch darin miteinander überein, daß sie die Allgemeinbehandlung und die hygienisch-diätetische Therapie in den Vordergrund stellten, nach Indikationen handelten und nur solche Mittel verwendeten, welche einer geläuterten Erfahrung zu danken waren, hingegen alle rohen und abergläubischen Prozeduren verwarfen, den Gebrauch der drastischen Arzneien oder Eingriffe (z. B. Narkotika, Venäsektion, Arteriotomie, ausleerende Mittel) wesentlich beschränkten und von bestimmten Vorschriften abhängig machten. Obzwar von entgegengesetzten Vordersätzen ausgehend, befleißigten sich die Methodiker, gleich den Hippokratikern im Beginne akuter Affektionen einer exspektativen Behandlung, und trugen auch der Individualität des Patienten, wenigstens indirekt durch Rücksichtnahme auf die subjektiven Beschwerden (wobei allerlei Topika zur Anwendung kamen) Rechnung; in letzterer Hinsicht verfielen sie allerdings oft in Polypharmazie, die sich aber zumeist nur auf äußere Applikationen erstreckte. Und wiewohl sie den Glauben an kritische Krankheitsvorgänge in Abrede stellten, so richteten sie sich doch in ihrem Kurplan nach dem Krankheitsstadium und banden sich sogar bei der Behandlung chronischer Affektionen, deren systematische Therapie erst durch die methodische Schule geschaffen wurde, mit einer geradezu übertriebenen Pedanterie an bestimmte Tage (Dreitagsfristen, διὰ τρίτον, daher auch Diatritarii genannt) und Zyklen.
In wohltätiger Reaktion gegen die Humoralpathologen erweiterten die Methodiker die von Asklepiades wieder inaugurierte diätetisch-physikalische Therapie und bereicherten die Formen der Stoffwechselkuren, der Bäderbehandlung, Hydrotherapie, Massage, Kinesiotherapie (Spaziergänge, Läufe, passive Bewegungen etc.), Klimatotherapie (Seefahrten) u. s. w. Wie weit sie darin gingen erhellt schon aus der Tatsache, daß sogar die den Hippokratikern bekannten Stimmübungen (ἀναφώνησις, clara lectio) wieder in Aufnahme kamen und sogar eigene Abhandlungen darüber erschienen. Wenn die Schule auch in der Aetiologie auf äußere Einflüsse gar kein Gewicht legte, so richtete sie dafür in der Behandlung ihr besonderes Augenmerk auf die Beschaffenheit der Kleidung und Lagerstätte, auf die Verhältnisse der Belichtung, Temperatur und Luft[12] des Krankenraumes.
Im allgemeinen reichte man (im Anschluß an Asklepiades) bei Fieber erst nach drei Tagen kräftige Nahrung (Typus der Malaria?). Diese Behandlungsweise wurde geradezu zum Paradigma für die gesamte Therapie, indem man sich gerne an Dreitagsfristen „Diatritos“ hielt, wenn stärkere Eingriffe oder Modifikationen der Kur unternommen wurden. Die Bedeutung der Dreizahl spielt sogar in die Theorie hinüber, da z. B. behauptet wurde: Narben nach Hämorrhagien bilden sich binnen 3 Diatritoi = 7 Tagen, wie auch in anderen Naturerscheinungen die Dreizahl herrsche.
So war es auch nichts anderes als ein direkter Anschluß an die (den Gymnasten entlehnte) von den Hippokratikern geübte und Metasynkrise genannte Methode, wenn Thessalos die Therapie der dyskrasischen Krankheiten durch zyklische Stoffwechselkuren bereicherte, die eine Erschütterung und Umwandlung (recorporatio) des ganzen Körpers herbeiführen sollten. Eine solche Kur bestand einerseits in dem Cyclus metasyncriticus oder recorporativus (Entziehungskur durch Fasten in verschiedenen Graden, Genuß scharfer Substanzen, Pfeffer, Senf, Meerzwiebel, „zehrender“ Weine, dabei Bäder, aktive und passive Bewegung, Massage, Sinapismen, reizende Pflaster u. a.), anderseits in dem Cyclus resumptivus, welcher die Kräfte durch roborierende Diät und geeignete Maßnahmen wiederherzustellen hatte. In Dreitagsfristen oder auch auf längere Frist hinaus (z. B. 11 Tage), je nach den Umständen mit dem ersten oder zweiten Zyklus beginnend, aber höchstens nur dreimal nacheinander, wurde diese Behandlungsweise absolviert.
Der Methodismus an sich, war keiner fortschreitenden Entwicklung fähig, sondern höchstens die Therapie konnte erweitert, verbessert werden. Daraus erklärt es sich, daß ein großer Teil der Anhänger in der Folge einer gedankenlosen Routine oder wüster Empirie verfiel, während die befähigten Vertreter auf dem Wege kluger, kritischer Beobachtung zahlreiche und wertvolle praktische Erfahrungen sammelten, die sie der Schule zuliebe unter der Etikette des Systems subsumierten. Bemerkenswert ist es, daß mehrere derselben sich in gründlicher Weise mit der Chirurgie beschäftigten und insbesondere die Geburtshilfe förderten. In der Blütezeit des römischen Cäsarentums erfreute sich das methodische System des größten Beifalls, Methodiker wurden von den vornehmen Kreisen am meisten zugezogen und trugen nicht wenig zur Hebung der sozialen Stellung bei, welche der gesamte Aerztestand fürderhin in der Weltmonarchie einnahm.
Die Massenbehandlung, wie sie den römischen Sklaven in den Valetudinarien zu teil werden mußte, bildete eine der Hauptursachen der raschen und weitreichenden Aufnahme des methodischen Systems, denn hierzu eignete es sich ganz besonders.
Von Methodikern, welche sich einen Namen machten, wären folgende anzuführen: der Chirurg Meges von Sidon, Proklos, Dionysios (nahm auch eine physiologische Straffheit und Lockerheit an, zeichnete sich auch als Chirurg aus, Hämorrhoidenbehandlung), Mnaseas (führte manche Leiden, wie Lethargus, Paralyse, Katarrh auf beide Kommunitäten zurück), Antipatros (verfaßte mehrere Bücher medizinischer Briefe), Menemachos von Aphrodisias (hinterließ verschiedene Arzneikompositionen), Olympikos aus Miletos, Eudemos, der Themisonianer (vergiftete auf Anstiften der Livia den Drusus), Vettius Valens (hingerichtet wegen seiner ehebrecherischen Beziehung zur Messalina), Asiaticus, Apollonides von Kypros, Julianos (medizinischer Vielschreiber, der Schriften über Propädeutik und 48 Bände gegen die hippokrat. Aphor. verfaßt haben soll) u. a. Neben anderen Schulmeinungen wurde auch diejenige der Methodiker benützt von: dem ausgezeichneten Chirurgen Leonides aus Alexandreia, von dem um die Therapie, besonders aber um die Gynäkologie verdienten Philumenos (die von ihm noch erhaltenen Abschnitte über Unterleibsleiden ed. von Puschmann, Nachträge zu Alexander Trallianus etc. Berliner Studien V. 2. 1886) u. a.
Den Höhepunkt erreichte die methodische Schule in dem berühmtesten Frauenarzt des Altertums, Soranos aus Ephesos; ihre Nachwirkungen lassen sich durch das Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit verfolgen.