Die Medizin der Inder.

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Die Medizin der Inder reiht sich den besten Leistungen dieses Volkes, wenn auch nicht gleichwertig, so doch würdig an und nimmt durch den Reichtum der Kenntnisse, durch die Tiefe der Spekulation und den systematischen Aufbau einen hervorragenden Platz in der Geschichte der orientalischen Heilkunde ein. Dank den reichlich sprudelnden Quellen der Sanskritliteratur läßt sich ihre Entwicklung von den Uranfängen primitiver Empirie und Theurgie bis zur Höhe eines abgeschlossenen Lehrsystems, wenigstens in großen Zügen, überblicken.

Diese Entwicklung ist in doppelter Hinsicht interessant. Einerseits weist sie zur Heilkunst der Griechen manche Parallele auf — entsprechend den sonstigen großen wissenschaftlichen Errungenschaften der Inder (in der Philosophie, Astronomie, Mathematik, Geometrie, Sprachwissenschaft) und ihrer blühenden Dichtkunst (Lyrik, Epos, erzählende Dichtung — von allen orientalischen Völkern sind die Inder die einzigen, welche selbständig das Drama schufen!); anderseits ergibt sich deutlich, welchen bestimmenden Einfluß der Orient und die seinem Boden entsprießenden allgemeinen kulturellen Verhältnisse auf den Verlauf des medizinischen Denkens ausübten; denn ebenso wie bei den Semiten, Hamiten und Mongolen und trotz einer, der hellenischen gewiß kaum nachstehenden Begabung erlahmte auch bei dem arischen Hinduvolke die geistige Triebkraft, und unter dem Drucke des Dogmatismus machte die individuelle Entfaltung allzu früh einem Beharrungszustande Platz, welcher in grübelnder Spekulation, in subtilem Formalismus und in bizarrer Phantastik gipfelte — Züge, die sich auch in der grotesk-phantastischen, von Harmonie und Schönheit oft weit entfernten Kunst (Architektur, Plastik) aussprechen.

In der Geschichte der indischen Medizin, wie in der indischen Kultur überhaupt, werden allgemein drei Epochen unterschieden: 1. die vedische, welche von der Einwanderung der Hindu in Pendschab bis ungefähr 800 v. Chr. reicht; 2. die brahmanische, welche, durch die Vorherrschaft der Priesterkaste gekennzeichnet, das indische Mittelalter repräsentiert, und 3. die ungefähr um 1000 n. Chr. beginnende arabische Epoche.

Die vedische Epoche führt ihren Namen daher, weil sich ihr Kulturzustand, inklusive der Medizin, in den vier Vedas, d. h. den uralten (vorzugsweise aus religiösen Hymnen und dogmatisch-wissenschaftlicher Exegese bestehenden) heiligen Schriften der Inder widerspiegelt.

Die vedische Epoche besitzt keinen einheitlichen Charakter, sondern bedeutet eine wandlungsreiche, über viele Jahrhunderte gedehnte Evolution, welche das Hinduvolk von den arischen Uranfängen zu seiner spezifischen Eigenart geleitet. Dieser ganze Kulturprozeß — eine Folge der fortschreitenden Landeseroberung, der staatlichen und wirtschaftlichen Umwälzung, der Einflüsse von seiten der Natur — spiegelt insbesondere seine religiösen und sozialen Phasen in der Vedenliteratur (Rigveda, Sâmaveda, Yajurveda, Atharvaveda) deutlich wieder. Im Beginn der Epoche — repräsentiert durch den Rigveda — leuchtet noch echt indogermanische, von Priestersatzungen ungebeugte, kraftstolze, weltfreudige Sinnesart hervor, verbunden mit einem naiven, naturwüchsigen, farbenprächtigen Polytheismus. Das Ende der Epoche nähert sich zunehmend jenen Wesenszügen, die gemeinhin als national-indisch gelten. Dahin gehören: phantastische Romantik, weltfremde, leidgeborene, zur Askese hinneigende Verinnerlichung, ein in sublimer Theosophie verblassender Götterglaube, starre ständische Gliederung (Brâhmana, Kshatriya, Vâiçya, Çûdra, d. h. Priester, Krieger, Volk, Nichtarier) unter Führung einer vergötterten Priesterkaste, ein höchst kompliziertes Ritual, dessen massenhafte Zeremonien das ganze Leben von der Empfängnis bis zum Tode regeln und denen eine ungeheure symbolische Wichtigkeit beigelegt wird, ein die gesamte Kultur beherrschender theologischer Dogmatismus. All dies mehr oder weniger im Sâmaveda und Yajurveda mit ihren Unterabteilungen entwickelt, erstarrt sodann in der zweiten Hauptperiode der indischen Kultur, der brahmanischen, welche dem Mittelalter entspricht. Der vierte Veda, der Atharvaveda, steht zu dem Sâmaveda und Yajurveda in einem gewissen Gegensatz. Mehr dem häuslichen Kultus dienend, eher der Weisheit des Volkes als der Wissenschaft der Priestergeschlechter entsprungen, enthält er zumeist Beschwörungen, Besprechungen, Besegnungen (gegen verderbliche Wirkungen der Götter, Dämonen, Feinde, Krankheiten u. a.), welche bisweilen der Urzeit entstammen. Ebenso, wie der Rigveda, ist auch der Atharvaveda eine Hauptquelle des indischen Volkstums, nur zeigt uns der erstere Lebensfreude, starkes Selbstbewußtsein, warme Liebe zur Natur, der letztere aber scheue Furcht vor den dämonischen Naturkräften und Zaubergewalten — ein Ausdruck des hierarchischen Druckes und des Aberglaubens, der am Ende der vedischen Epoche über dem Volke lastete. Bezeichnenderweise wurde der Atharvaveda, der eine Art von Reaktion gegen das offizielle Priestertum darstellt, am spätesten und niemals unbestritten kanonisiert!

Für die Medizin haben der Rigveda (1500 v. Chr.) und der Atharvaveda die Hauptbedeutung. Man ersieht aus diesen Literaturdenkmälern, daß die älteste indische Heilkunde, empirische Kenntnisse in den Rahmen des Götterglaubens und der dämonistischen Naturauffassung einfügend, den Schwerpunkt auf die Theurgie legt. Die Empirie erstreckt sich auf einige anatomische Grundtatsachen und Krankheiten (auch Vergiftungen), auf die Wirkung gewisser Heilkräuter, des kalten Wassers, auf die Kenntnis von der luftreinigenden Eigenschaft der Winde etc. und gebietet über primitive chirurgische Hilfeleistungen. Die Spuren physiologischer Spekulation, welche hie und da auftreten, beziehen sich auf die Vorgänge der Befruchtung und verraten, daß man vorwiegend in der Luft (Atem) den Träger der Lebenskraft erblickte. Die Theurgie ist (entsprechend der Entwicklung des religiösen Bewußtseins) verschieden in der älteren und jüngeren vedischen Epoche. Im Rigveda herrschen Gebete und Anrufungen der Götter vor (Krankheiten sind Folge von Verfehlungen); im Atharvaveda dominiere Magie und Bannformeln, welche gegen die Krankheitsdämonen selbst, oder gegen die vermeintlichen Urheber des Krankheitszaubers (böse Menschen) gerichtet sind. Unter den Krankheiten, deren nicht wenige genannt werden, spielt der Takman (= bösartiges Fieber) die wichtigste Rolle. Hinsichtlich der magischen Handlungen, zu denen neben Gebeten und Opfern, der Amulettgebrauch und verschiedenartige Abwehrversuche der Dämonen (z. B. durch Beschwören, durch Lärmmachen) zählen, wäre besonders hervorzuheben, daß man Krankheiten durch Zauber in Menschen oder Tiere (z. B. das kalte Fieber in den Frosch, Gelbsucht in Papageien) zu bannen (= übertragen) suchte. Die Heilkräuter, an ihrer Spitze die heilige (zum Kult verwendete) Somapflanze (vielleicht Asklepias Syriaca), stehen unter dem Einfluß höherer Mächte und wurden, dämonisch personifiziert, gegen die Krankheiten angerufen. Interessant ist es, daß die älteste indische Medizin (wie die primitive Heilkunst überhaupt) bisweilen gewissermaßen vom iso- oder homöopathischen Prinzip Gebrauch macht, indem man gelbe Pflanzen gegen Gelbsucht, vergiftete Pfeile gegen Gift u. a. anwendete. Lag ursprünglich die Zaubermedizin in der Hand der Priester, so scheinen die Aerzte wenigstens in der jüngeren vedischen Zeit einen selbständigen Stand gebildet zu haben, der sich in einem gewissen Gegensatz zu den Brahmanen befand. In einem Kästchen führte der altindische Heilkünstler seine Arzneimittel mit sich, und seine Kuren unternahm er, wie angedeutet wird, weniger aus Menschenliebe als unter dem Gesichtspunkte des Erwerbs.

Während es später Gottheiten mit besonderer ärztlichen Funktion (z. B. Dhanvantari der Götterarzt) oder Seuchengötter (z. B. die Pockengöttin Sitalā) gab, findet sich in der älteren vedischen Epoche noch keine derartige Spezialisierung, sondern es wurden nur gewisse allgemeine Gottheiten (Naturmächte) mehr als andere mit der Heilkunst und den Krankheiten in Beziehung gebracht. Dahin gehören namentlich die Asvins, die Verkünder der Morgenröte (Dioskuren), „die roßgestaltigen Himmelsärzte“, welche Götter und Menschen heilen, insbesondere chirurgisch tüchtig sind, Rudra, der Vater der schnellen Winde mit seinem Hauptmittel, dem Kuhurin, Agni, der Gott des Feuers (die Erzeugung des Feuers mit den Reibhölzern galt als Symbol der Entstehung des Lebens), Sarasvati, Savitar, der Gott aller Bewegung, Dhātar, der „Setzer“, „Bildner“, „Ordner“ (heilt namentlich Frakturen etc.). Krankheitsbringer sind der erwähnte Rudra, noch mehr die bösen Dämonen (Rāksasas). Personifiziert und daher beschworen bezw. angerufen werden Krankheiten, z. B. das Fieber, der Takman, die Heilkraft der Wässer (in Indien wurden schon in sehr früher Zeit Bade- und Trinkkuren gebraucht, die Wirkung gewisser Quellen entdeckt, Bäder in Ganges etc.), die Heilkraft gewisser Pflanzen (namentlich die Somapflanze, aus welcher wie bei den Persern ein berauschender Opfertrank bereitet wurde).

Im Rigveda wird die heilsame Wirkung der Seewinde und des kalten Wassers gepriesen:

„Zwei Winde wehen eilend her, vom Ozean, vom fernen Ort,

Kraft wehe dir der eine zu, der andere dein Leiden fort.“

„Heilkräftig ist des Wassers Schwall, das Wasser kühlet Fiebers Glut,

Heilkräftig gegen alle Sucht, Heil bringe dir des Wassers Flut!“

Die Zauberformeln des Atharvaveda erinnern lebhaft an jene der übrigen Völker (z. B. Babylonier, Aegypter, nordamerikanischen Indianer etc.), namentlich aber stimmen sie mit den Besprechungen und Beschwörungsformeln der Germanen überein — mehr in uralter Volks- als in der Priestermedizin ist ihr Ursprung zu suchen. Ein Beispiel, wie man Krankheiten durch schmeichelnde Verehrung in fremde feindliche oder verachtete Völker zu bannen suchte, ist folgendes: „Dem Takman, der glühende Waffen hat, sei Verneigung! O, Takman, zu den Mudschavant gehe oder weiter. Das Çudraweib falle an, das strotzende; dieses schüttle etwas, o Takman“ u. s. w. Gegenzauber enthalten z. B. die Sprüche: „Ein Adler fand dich auf, ein wilder Eber grub dich mit der Schnauze; suche zu schaden, o Kraut, den Schädiger, schlage zurück den Hexenmeister.“ „Die Zauber sollen auf den Zauberer zurückfallen, der Fluch auf den Fluchenden; wie ein Wagen mit guter Nabe rolle der Zauber wieder zu dem Zauberer zurück.“ „Wenn du von göttlichen Wesen (sic!) angetan bist, oder von Menschen angetan, mit Indra als Genossen führen wir dich dem wieder zu.“ Als Rest urarischer Medizin ist der Spruch zu betrachten, welcher bei Verrenkungen, Verletzungen etc. üblich war und vollkommen mit dem berühmten sogenannten „Merseburger Segen“ übereinstimmt, welcher die europäische Volksmedizin später auch in christianisierter Form durchwandert hat. Nach dem Atharvaveda heißt es:

„Zusammen sei mit Mark dein Mark, zusammen sei mit Glied dein Glied!

Zusammen wachs' dein altes Fleisch und auch der Knochen wachs' dazu!

Zusammen füg' sich Mark mit Mark und mit der Haut verwachs' die Haut!

So wachs' dein Blut und auch das Bein, das Fleisch verwachse mit dem Fleisch!

Das Haar verein' sich mit dem Haar, die Haut verein' sich mit der Haut!

So wachs' dein Blut und auch das Bein, zusammenleg' Zerbrochnes, Kraut!“

Der Schluß des „Merseburger Segens“, wo Wodan spricht, lautet:

„So Beinrenkung,

So Blutrenkung,

So Gliedrenkung:

Bein zu Beine,

Blut zu Blute,

Glied zu Gliedern,

Als ob sie geleimet seien.“

Neben den Zaubersprüchen werden bei Behandlung chirurgischer Fälle auch Heilkräuter erwähnt, und es wirft ein helles Licht auf die altindische Wundarzneikunst, daß die Vedas der Extraktion von Pfeilen mit nachfolgendem Verband, künstlicher Glieder, der Kastration etc. gedenken. Die empirischen Kenntnisse waren überhaupt nicht unansehnlich, man unterschied eine Menge von Krankheiten, darunter Skropheln, Schwindsucht, Hydrops, Epilepsie, Gicht, Herzkrankheit, Gelbsucht, Hemiplegie, Haut- und Geschlechtsaffektionen, hereditäre Krankheit, Lepra, Wurmleiden u. a. Unter den Heilmitteln der Vedas befinden sich auch Abortiv- oder konzeptionsbefördernde Mittel und, was für indische Medizin charakteristisch, Aphrodisiaka.

Im Rigveda sagt der Arzt:

„Vom Kraut, das aus der Urzeit stammt, drei Alter vor den Göttern selbst,

In hundertsiebenfacher Art, vom Grünenden will dichten ich.

Wenn ich, Ihr Arzneien, euch in meine Hände drohend fass',

So macht das Siechtum sich davon, es bangt ihm vor des Häschers Griff.“

Auf die Gewinnsucht des Arztes — aber auch aller übrigen Stände — wird mit den Worten angespielt: „Die Wünsche der Menschen sind verschieden, der Fuhrmann verlangt nach Holz, der Arzt nach Krankheiten, der Priester nach Libationen.“ Ein im Rigveda erwähnter Arzt hofft durch seine Kuren „Roß, Rind und ein Gewand“ zu erlangen.

Gänzlich überwunden wurde die Theurgie niemals, und, wie die Theologie das indische Geistesleben beständig im Banne hielt, so bezieht sich die spätere wissenschaftliche Literatur der Aerzte fortwährend auf den Atharvaveda, zu dem sie geradezu als Anhang (upaveda) betrachtet wird, ja sie stimmt mit der religiös-philosophischen Exegese (z. B. den Upaniṣads) in der Nomenklatur, in den physiologischen oder hygienischen Anschauungen nahezu vollkommen überein. Neben der rationellen Therapie dauern auch die religiösen Zeremonien, abergläubischen Gebräuche, Beschwörungen (z. B. Schlangenzauber) unangetastet weiter fort, besonders auf dem Gebiete der Geburtshilfe und Kinderheilkunde, sowie in der Behandlung der Geisteskrankheiten.

Die brahmanische Epoche, welche als Typus und Glanzzeit der indischen Medizin ausschließliches Interesse verdient, da die weitere Entwicklung unter arabischem Einfluß teils wenig Neues bringt, teils des nationalen Gepräges entbehrt, charakterisiert sich durch einen vom Priestertum losgetrennten hochangesehenen Aerztestand, durch eine reiche wissenschaftliche Literatur, durch hochentwickelte medizinische Unterrichtsweise und Deontologie.

Die Aehnlichkeit der indischen und hellenischen Heilkunde während dieses Stadiums ist in den allgemeinen Grundanschauungen und gewissen Einzelheiten so auffallend, daß es nicht wundernimmt, wenn von mancher Seite die Originalität der ersteren bezweifelt oder gar in Abrede gestellt wurde, umsomehr, als die Datierung der maßgebenden indischen Werke mit großen Schwierigkeiten verknüpft ist und vor den neuesten Handschriftfunden gänzlich haltlos hin- und herschwankte. Im Hinblick auf die hervorragenden selbständigen indischen Leistungen in den meisten Wissens- und Kunstzweigen, die Abneigung gegen fremdartige Einflüsse und unter Berücksichtigung der neueren Forschungsergebnisse, herrscht heute die Ansicht, daß die indische Medizin im wesentlichen Originalität besitzt — autochthon ist namentlich die Anatomie, Materia medica, Diätetik, Hygiene — und wenn sie vorübergehend theoretisches und praktisches Gut von den Griechen aufnahm, dieses doch in ganz eigenartiger Weise verarbeitete und assimilierte. Aehnliches war, wie sicher erwiesen, auch der Fall z. B. auf dem Gebiete der Astronomie oder in der Novellendichtung (möglicherweise vielleicht auch in der dramatischen Dichtung), und wie dort stießen die griechischen Einwirkungen auf eine jahrtausendalte, in der Hauptsache festgestaltete, in sich abgeschlossene Kulturwelt, so daß das Wesen des Ganzen kaum mehr tiefgehend umzumodeln war. Die griechische Beeinflussung erfolgte hauptsächlich nach dem Zuge Alexanders des Großen, als in Indien zunächst eine bald wieder verschwindende mazedonische Satrapie bestand, sodann als lebhafte Beziehungen mit dem mächtigen, damals Medien und Persien einschließenden Seleukidenreiche gepflegt wurden, und die Herrscher des griechisch-baktrischen Reiches von weiten Landstrecken Nordindiens Besitz ergriffen, insbesondere aber in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, als griechische Schulen in Syrien und Persien entstanden. Der Buddhismus, welcher seinem Prinzip nach, die Schranken der Nationalität durchbrach, arbeitete den fremden Einflüssen kaum entgegen.

Die Medizin lag nur so lange in der Hand der Brahmanen, als die Empirie, namentlich die Chirurgie hinter der Theurgie zurückstand. Nunmehr gehörten die wissenschaftlich gebildeten Aerzte der hochstehenden Mischkaste der Ambaṣtha (Vaidya) an, welche väterlicherseits ihre Herkunft von den Brahmanen herleiteten; neben ihnen wirkte eine untergeordnete Gattung von Empirikern, Heilgehilfen, die in der weniger angesehenen Kaste der Vaisya vereinigt waren.

Es ist nämlich zu beachten, daß nur die zwei ersten Kasten, Brahmanen und Krieger, wirkliche Stände bildeten. Die dritte Kaste (Vâiçya) umfaßte im Gegensatz zu den nichtarischen Çûdra das ganze arisch-indische Volk (soweit es nicht Priester oder Richter waren), d. h. die Ackerbauer, Viehzüchter, Hirten u. s. w. In dem Maße, als sich (durch das verpönte Connubium) die ursprünglichen Kasten untereinander vermengten, tauchten eine ganze Menge von neuen Mischkasten auf, die sich dem Range nach abstuften und denen eine bestimmte Lebensweise und ein bestimmter Beruf vorgeschrieben waren. Die Rangstellung dieser „unreinen“ Mischkasten richtete sich nach der Kaste, welcher der Vater angehörte; daher stand z. B. ein Ambaştha, d. h. der Sohn eines Brahmanen von einem Vâiçyamädchen, relativ hoch. — Natürlich hatten auch die höheren Mitglieder höherer Klassen Zutritt zum ärztlichen Stand, während die Çûdra ausgeschlossen blieben, bis der Buddhismus auch da seine nivellierenden Einflüsse äußerte.

Spuren von der priesterlichen Herkunft des Aerztestandes (welche bei den Indern anfangs sogar mit der natürlichen Abstammung seiner Vertreter von den Brahmanen zusammenfiel) zeigen sich in der ganzen Unterrichtsweise und Standesethik. Erstere war der Erziehung des Brahmanenschülers geradezu nachgeahmt. Bei der ärztlichen Berufswahl bildeten gute Abkunft (am besten aus einer ärztlichen Familie), manuelle Befähigung und gewisse körperliche, wie sittliche und intellektuelle Eigenschaften die Voraussetzung; die Lebensweise und Studienordnung des Schülers unterlagen genauen Bestimmungen; Ehrfurcht gegen die Brahmanen, die Lehrer und Vorgänger wurde beständig eingeflößt. Die Aufnahme des Jüngers erfolgte im Winter, bei zunehmendem Monde, an einem glückverheißenden Tage in Gegenwart von Brahmanen, und der Unterricht leitete sich durch eine feierliche Einweihungszeremonie ein, an deren Schlusse der Adept das Gelöbnis ablegen mußte, daß er alle Vorschriften der Standesordnung und die religiösen Pflichten getreu beobachten werde. Ein Lehrer durfte nur 4-6 Schüler gleichzeitig unterweisen. Der Unterricht, welcher 6 Jahre währte, basierte auf einem erprobten und anerkannten Lehrbuche, und bestand einerseits aus dem Auswendiglernen der vom Lehrer erklärten Lehrsätze, anderseits in der praktischen Ausbildung (Krankenbesuch und besonders chirurgischen Uebungen). „Wer nur theoretisch gebildet ist, aber unerfahren in der Praxis, weiß nicht, was er tun soll, wenn er einen Patienten bekommt, und benimmt sich so töricht, wie ein Jüngling auf dem Schlachtfelde. Anderseits wird ein Arzt, der nur praktisch, nicht aber theoretisch ausgebildet ist, nicht die Achtung der besseren Männer erringen.“ Medizin und Chirurgie mußte in gleichem Maße beherrscht werden, denn „der Arzt, dem die Kenntnis des einen dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit nur einem Flügel“. Nach Vollendung der Studien war die Erlaubnis des Königs zur Ausübung der ärztlichen Praxis zu erwirken. Stets von wissenschaftlichem Eifer erfüllt, wurde dem Arzte nahegelegt, seine Kenntnisse im Verkehr mit Fachgenossen zu erweitern und hierbei Bescheidenheit an den Tag zu legen. Bis in alle Details war das äußere Auftreten, das Verhalten gegenüber dem Patienten und den Angehörigen, die Honorarfrage geregelt; Jäger, Vogelsteller, aus der Kaste Verstoßene, Verbrecher — aber auch Unheilbare sollten nicht in Behandlung genommen werden. Mehr von ärztlicher Politik als von Ethik eingegeben, war der Rat, Leuten, welche beim König oder beim Volk mißliebig sind, keine Arznei zu verordnen. Welchen Eindruck die indischen Aerzte im Volksbewußtsein hinterließen, beweist der Spruch: „Ist man krank, so ist der Arzt ein Vater; ist man genesen, so ist er ein Freund; ist die Gesundheit wiederhergestellt, so ist er ein Hüter.“ Unrichtiges Verfahren wurde nach den Gesetzen bestraft, gute Aerzte durften nach dem Tode den Himmel Indras zum Lohne erwarten! Das Zentrum der medizinischen Wissenschaft lag in dem hochheiligen Benares am Ganges, der uralten Stadt (der glänzenden „Kasi“), wo auch der Sitz brahmanischer Gelehrsamkeit war.

Ueber die Beschaffenheit des zur Medizin tauglichen Schülers und des richtigen Lehrers waren unter anderem folgende Ansichten verbreitet: „Der Schüler muß eine feine Zunge, schmale Lippen, regelmäßige Zähne, ein edles Antlitz, wohlgeformte Nase und Augen, ein heiteres Gemüt und feinen Anstand haben und fähig sein, Mühen und Schmerzen zu ertragen.“ „Der Lehrer soll das heilige Buch Schritt für Schritt, Vers für Vers vorlesen, er soll deutlich, aber ohne Anstrengung reden, ohne zu stocken, weder zu schnell, noch zu langsam, ohne zu näseln und ohne ein Zeichen der Ungeduld zu verraten“ u. s. w. — Am Schlusse der Aufnahmszeremonie wurde der Adept ermahnt, keusch und enthaltsam zu sein, einen Bart zu tragen, die Wahrheit zu reden, kein Fleisch zu essen, dem Lehrer in allen Dingen Gehorsam zu leisten, als Arzt die Brahmanen, die Lehrer, die Armen, die Freunde und Nachbarn, die Frommen, die Waisen unentgeltlich zu behandeln u. s. w. „Gegen die Götter, das Feuer, die Brahmanen, den Guru (Lehrer), die Alten und die seligen Lehrer mußt du alle Pflichten beobachten. Tust du es, so mögen dir dieses Feuer, alle Säfte, alle Düfte, Schätze und Körner und die genannten Götter alle günstig sein! Wo nicht — so seien sie dir ungünstig!“ Auf diese Worte des Lehrers spricht der Schüler: „So geschehe es.“ An bestimmten Tagen, in der Dämmerung, bei Donner und Blitz, zur Zeit der Krankheit des Königs, bei großen Festen, Naturereignissen etc. durfte nicht studiert werden, damit das Studium nicht mit halber Aufmerksamkeit betrieben werde. Nicht nur mit dem Ohr, sondern mit dem Verstande ist dem Unterricht zu folgen, sonst „gleicht der Schüler dem Esel, der eine Ladung Sandelholz trägt, und nur deren Gewicht, nicht aber deren Wert kennt“. Die Einübung von chirurgischen Operationen geschah in der Weise, daß man dem Schüler die Schnitte an Früchten, Punktionen an gefüllten Schläuchen, Harnblasen (von Tieren) oder Taschen zeigte, das Skarifizieren an gestreckten, noch behaarten Tierfellen, den Aderlaß an den Blutgefäßen toter Tiere oder an Lotusstengeln, das Sondieren an wurmstichigem Holz, röhrenförmigen Gegenständen, das Herausziehen an den Zähnen toter Tiere, das Oeffnen von Abszessen an einem Wachsklumpen, welcher auf Holz aufgestrichen war, das Nähen an dicken Kleidern, das Anlegen von Verbänden an Figuren, das Aetzen und Brennen an Fleischteilen u. s. w. lehrte. Unter den Vorschriften, die dem Arzt beim Eintritt in die Praxis gegeben werden, heißt es: „Laß dir die Haare und die Nägel kurz schneiden, halte deinen Körper rein, trage weiße Kleider, ziehe Schuhe an und nimm einen Stock oder Schirm in die Hand. Dein Aeußeres sei demütig und dein Gemüt rein und ohne Arglist.“ Wenn der Arzt die Wohnung des Kranken betritt, soll er wohl gekleidet, gesenkten Hauptes, nachdenklich, in fester Haltung und mit Beobachtung aller möglichen Rücksichten auftreten. Ist er drinnen, so darf Wort, Gedanke und Sinn auf nichts anderes gerichtet sein, als auf die Behandlung des Patienten. Die Vorgänge im Hause dürfen nicht ausgeplaudert, auch darf von dem bevorstehenden Ende nichts mitgeteilt werden, wo es dem Kranken oder sonst jemand Nachteil bringen kann. Besonders wird auch von jeder Vertraulichkeit mit Frauen abgeraten und gewarnt, mit ihnen zu klatschen oder zu scherzen und Geschenke außer etwa Speisen anzunehmen. — Das Honorar des Arztes richtete sich nach den Verhältnissen des Patienten und war unter Umständen sehr hoch. Als höchstes Ziel für den Arzt erschien es, Hofarzt zu werden. Im Kriege wurden die Truppen von Aerzten begleitet.

Die berühmtesten Vertreter der medizinischen Literatur Indiens sind Caraka, Suśruta und Vāgbhaṭa — die „alte Trias“. Das vielumstrittene Problem der chronologischen Fixierung dieser Aerzte oder der unter ihrem Namen überlieferten Schriften hat erst in der neuesten Forschung einige sichere Anhaltspunkte gefunden. Darnach fällt die Lebenszeit des Caraka wahrscheinlich in den Beginn der christlichen Zeitrechnung; Suśruta wurde jedenfalls schon im 5. Jahrhundert n. Chr. als Autor einer weit zurückliegenden Vergangenheit betrachtet, und was Vāgbhaṭa anlangt, so ist sein echtes Werk, in welchem Caraka und Suśruta zitiert werden, kaum nach dem 7. Jahrhundert n. Chr. entstanden.

Da von Chronologie bei den Indern keine Rede ist, und der Ursprung der medizinischen Literatur ganz ins Gewand der Sage gehüllt wird, so schwankten die Historiker bis vor kurzem ganz außerordentlich hinsichtlich der Entstehungszeit der Monumentalwerke indischer Heilwissenschaft. Ein Teil verlegte sie sehr weit zurück in die vorchristliche Epoche, andere, welche in der indischen Medizin nichts anderes als eine schattenhafte Reproduktion der griechischen erblicken wollten, gaben das 10. bis 15. Jahrhundert n. Chr. als Abfassungszeit an. Konnte letztere Ansicht schon durch ein arabisches Werk aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts n. Chr. sowie durch eine Inschrift aus dieser Zeit, worin rühmend des Suśruta gedacht ist, zurückgewiesen werden, so fiel ganz unerwartet neues Licht auf die Frage, als eine 1890 von Leutnant Bower von zwei einheimischen Kaufleuten erworbene Handschrift entziffert und übersetzt worden war. Die Bowerhandschrift, welche ein auf Birkenrinde geschriebenes, ziemlich gut erhaltenes Manuskript von 54 Seiten darstellt, lag unter einem buddhistischen Denkmal in Kaschgarien (China) verborgen; der in altertümlichem Sanskrit und in Versen abgefaßte Text enthält außer einer Sprichwörtersammlung einen Panegyrikus auf den Knoblauch (gegen alle möglichen Leiden), Angaben über Verdauung, über richtige Mischung der Arzneistoffe, Kinderpflege, Sterilität, Behandlungen der Schwangeren und Wöchnerinnen, süßen Harn, an dem die Hunde lecken (Diabetes), ferner zahlreiche Heilformeln zu äußerlichem und innerlichem Gebrauch, einen Schlangenzauber gegen den Biß der Kobra etc. Die eminente Bedeutung der Bowerhandschrift, die, nach den paläographischen Kriterien zu urteilen, um 450 n. Chr. geschrieben ist, liegt zunächst darin, daß sie den Bestand einer systematischen medizinischen Wissenschaft der Inder mit all den charakteristischen Eigentümlichkeiten, wie dieselben bei Caraka und Suśruta auftreten, zum mindesten schon für das 4. bis 5. Jahrhundert n. Chr. sicher nachweist, nebstdem aber erwähnt sie noch in der Einleitung unter anderen alten Aerzten ausdrücklich den Suśruta und stimmt sogar an mehreren Stellen mit ihm sowie mit Caraka wörtlich überein. Für die Lebenszeit des Caraka hat sich weiterhin ein Anhaltspunkt dadurch ergeben, daß eine ungefähr um 405 n. Chr. verfaßte chinesische Uebersetzung (einer Sanskriterzählung) von Caraka als von einer ganz bekannten Persönlichkeit spricht und ihn zum Zeitgenossen des Königs Kaniska macht, welcher im Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. regierte. — Auch andere, neuerdings bearbeitete zentralasiatische Handschriften, welche zum Teil noch älter sind als das Bowermanuskript, z. B. die um 350 n. Chr. geschriebene Macartneyhandschrift, bekräftigen die obigen Angaben.

In welchem Ausmaße die heute vorhandenen Ausgaben nur späte Redaktionen der ursprünglichen Originalwerke darstellen und aus älteren und jüngeren Teilen zusammengesetzt sind, kann die Zukunft möglicherweise klären — bezeichnend für das Alter und die Macht der medizinischen Tradition bleibt es jedenfalls, daß Caraka und Susruta sich lediglich als jüngere Bearbeiter des uralten, in letzter Linie von Brahman inspirierten „Ayurveda“ (Wissenschaft des Lebens) betrachtet wissen wollen, welcher aus 1000 Abschnitten, ein jeder zu 100 Stangen bestanden haben soll. Mit dieser mythischen Einkleidung, der sicher ein historischer Kern entspricht, harmoniert die Fülle der Kenntnisse — das Produkt vieler Generationen — und die auffällige inhaltliche und formelle Uebereinstimmung beider Autoren. Gemeinsam ist ihnen nicht nur das Lehrsystem und die Terminologie, sondern auch der Wechsel von Prosa und gebundener Rede; nur kennzeichnet sich Caraka durch größere Ausführlichkeit der Darstellung, Suśruta durch eine mehr trockene Behandlung des Stoffes und viel eingehendere Berücksichtigung der Chirurgie.

Aus den Werken Carakas und Suśrutas wurden wiederholt einzelne Kapitel oder sehr bedeutende Abschnitte ins Englische übertragen. Von Suśruta existiert auch eine vollständige, aber nach dem Urteil der Fachmänner höchst mangelhafte lateinische Uebersetzung (Susrutas Ayurvedas. Nunc primum ex Sanskrita in Latinum sermonem vertit, Dr. Franciscus Hessler, Erlangen 1844-1850, 3 Bände. — Kommentar in 2 Heften, Erlangen 1852 u. 1855). — Das Werk des Caraka besteht aus acht Hauptteilen (sthāna): 1. sūtrasthāna über Pharmakologie. Nahrungsmittel, Diätetik, gewisse Krankheiten, Kurmethoden, Aerzte und Pfuscher, über Physiologie, Psychologie u. a. 2. nidānasth. über acht Hauptkrankheiten. 3. vimānasth. über Geschmack, Ernährung, allgemeine Pathologie, ärztliches Studium. 4. sarīrasth. über Anatomie und Embryologie. 5. indriyasth. über Diagnostik und Prognostik. 6. cikitsāsth. über spezielle Therapie. 7. kalpasth. und 8. siddhisth. über allgemeine Therapie. — Das Werk des Susruta zerfällt in folgende Hauptabschnitte: 1. sūtrasthāna, Ursprung der Heilkunde, Propädeutik, Instrumentenlehre, Chirurgie, Arzneimittellehre, Diätetik etc. 2. nidānasth. Pathologie. 3. sarīrasth. Anatomie, Embryologie. 4. cikitsāsth. Therapie. 5. kalpasth. Toxikologie. 6. uttarasth. (Schlußabhandlung) spezielle Pathologie und Therapie, Hygiene. — Die Schriften des Vagbhāta folgen in ihrer Einteilung vollkommen dem Susruta. — Die drei Autoren, ebenso wie spätere, nahmen einen göttlichen Ursprung der Medizin an und bezeichnen als Grundquelle den Ayurveda (der einen upaveda = Nebenveda bildet); dieser enthielt ursprünglich acht Teile: große Chirurgie, kleine Chirurgie, Behandlung der Krankheiten, Dämonologie, Kinderheilkunde, Toxikologie, Elixiere, Aphrodisiaka. „Brahman, nachdem er das bedeutungsvolle ewige Ambrosia des Ayurveda erkannt hatte, übergab es dem Daksa, dieser den beiden Asvins, und diese dem Satakratu (Indra).“ In der weiteren Darstellung der Ueberlieferung des Ayurveda an die Menschen weichen die Autoren voneinander ab. Während nach Susruta Indra den Ayurveda an den Wundarzt der Götter Dhanvantari (d. h. Kenner der Chirurgie), verkörpert als König Divodāsa von Benares (Kāsirāja), übergibt, der dann Susruta nebst sechs Genossen darin unterrichtet, mit Voranstellung der Chirurgie, ist nach Caraka Bharadvāja der erste Sterbliche, dem Indra den Ayurveda offenbart. Von den Weisen, die ihn umgeben, teilt einer, nämlich Atreya, die von Bharadvāja empfangene Lehre sechs Schülern, Agnivesa, Bhela, Jatukarna, Parāsàra, Hārīta, Ksārapāni, mit. Jeder derselben verfaßte ein Lehrbuch; dasjenige, welches von Agnivesa herrührte, wurde von Caraka, wie er selbst wiederholt versichert, revidiert und bearbeitet. Nahe verwandt mit Caraka, vielleicht nur eine andere Rezension der Vorlage des Caraka, ist die noch ungedruckte Bhelasamhitā; über das Alter des unter dem Namen des Hārīta gehenden Werkes ist die Untersuchung noch nicht abgeschlossen.

Alles weitere Schrifttum der Hindu knüpft an die alten Meister an und bescheidet sich damit, die grundlegenden Werke zu kommentieren, durch etwaige frische Erfahrungen zu ergänzen, zu verbessern, ohne das theoretische Fundament oder die altertümlichen Rezepte auch nur im leisesten anzutasten.

Nicht nur die mittelalterliche, sondern sogar die sehr emsige schriftstellerische Produktion der indischen Aerzte der Gegenwart bewegt sich wesentlich im alten Geleise, so daß die neuesten ihrer Lehrbücher ebensogut vor 1000 Jahren abgefaßt sein könnten. Die berühmtesten Schriften des Mittelalters sind die Diagnostik (nidāna) des Mādhava (beschreibt die Pocken), die nosologischen Handbücher des Vangasèna, Cakradatta und Sārngadhara; dem 16. Jahrhundert, welches der indischen Kultur aber leider keine Renaissance brachte, entstammt das noch jetzt allgemein geschätzte umfassende Handbuch (des Bhāvamisra) Bhāvaprakāsa, worin die Syphilis (Frankenkrankheit, „phiranga roga“) beschrieben ist, und zuerst ausländische Arzneimittel Erwähnung finden.

Das Haupthindernis für einen wahrhaft wissenschaftlichen Aufbau der Heilkunde ist in dem religiösen Verbot zu suchen, welches die Beschäftigung mit Leichen aufs strengste untersagte und daher die Pflege der Anatomie unmöglich machte. Freilich wurde, da die Chirurgie doch eine gewisse Kenntnis derselben voraussetzte, das Verbot im Interesse derselben hie und da in der Weise übertreten, daß man Leichen 7 Tage im Wasser liegen ließ, nach der Mazeration die äußeren Teile mit Pflanzenrinde abschabte und die freigelegten inneren Teile besichtigte. Ein solches Verfahren konnte natürlich keine wirkliche Kenntnis des Sachverhalts vermitteln und eröffnete der Spekulation auf einem Gebiete, wo sie am wenigsten angemessen ist, die Pforten.

Die indische Anatomie ist keine Beschreibung, sondern eine bloße Aufzählung und Klassifikation der Bestandteile des Körpers; sie charakterisiert sich durch Zahlenspielerei, wobei namentlich die Fünf- und die Siebenzahl hervortritt. Die oft ungeheuerlichen numerischen Angaben erklären sich zum Teil aus der Zerfaserung der Leichen durch das oben angegebene Verfahren.

Der Körper besteht aus 6 Haupt- und 56 Nebengliedern, die Haut zerfällt in 6 (oder 7) Schichten, es gibt 5 Sinnesorgane, 5 „Werkzeuge der Tat“ (Hände, Füße, After, Genitalien, Zunge), 7 Behälter (z. B. für Luft, Galle, Schleim, Blut, Harn, unverdaute und verdaute Speisen, bei Frauen noch einen achten Behälter für den Fötus), 15 innere Organe, 9 Oeffnungen, 10 Hauptsitze des Lebens, 7 Grundstoffe, 7 Unreinigkeiten (zu denen auch die Haare und Nägelränder gehören), 107 Stellen, deren Verletzung gefährlich oder tödlich ist (z. B. Leistengegend, Hohlhand, Fußsohle), 360 Knochen, 210 Gelenke, 900 „Bänder“, 500 Muskeln, 16 Sehnen, 16 „Netze“, 6 „Ballen“ (an Händen, Füßen, am Hals), 4 „Stricke“ am Rückgrat, 7 Nähte (am Kopf, ferner je eine an der Zunge und am Penis), 14 Knochengruppen mit „Scheidelinien“; in Bezug auf die Gefäße oder das Röhrensystem schwanken die Angaben, einerseits ist von 700 Adern mit dem Nabel als Ausgangspunkt die Rede[17] (je 175 Adern enthalten Luft, bezw. Galle, Schleim, Blut), anderseits wird von 10 aus dem Herzen entspringenden Grundadern (Leiter der Lebenskraft) gesprochen, davon zu unterscheiden sind 24 Röhren (Nerven), die vom Nabel ausgehen, ferner jene Kanäle, von denen je 2 für den Atem, die Speisen, das Wasser, den Chylus, das Blut, Fleisch, Fett, den Harn, Kot, Samen, das Menstrualblut bestimmt sind. Wie bei den Aegyptern werden also Gefäße, Nerven und Hohlgänge aller Art zusammengeworfen. — Den mangelhaften anatomischen Kenntnissen entspricht es auch, daß in der indischen Plastik Knochenbau und Muskulatur wenig erkennbar sind.

Nach der medizinischen Theorie der Inder durchdringen drei Elementarstoffe, Luft, Schleim und Galle, den Körper und leiten, abgesehen von der Seele, die Lebensvorgänge[18]. Die Luft vermittelt die Bewegung und ist vornehmlich unterhalb des Nabels lokalisiert, die wärmespendende Galle hat ihren Hauptsitz zwischen Nabel und Herz, der Schleim, welcher die Tätigkeit der Organe ermöglicht, oberhalb des Herzens. Die drei Elementarstoffe bewirken die Entstehung der sieben Grundbestandteile: Chylus, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark und Samen. Den sieben Grundbestandteilen entsprechen sieben Unreinigkeiten (Sekrete, Exkrete). Der Chylus geht aus der gehörig verdauten Nahrung (Verdauung erfolgt durch das innere Feuer) hervor, strömt vom Herzen aus durch 24 Röhren durch den ganzen Körper und verwandelt sich in je 5 Tagen sukzessive in die sechs anderen Grundbestandteile, so daß also in einem einmonatlichen Bildungsprozesse zunächst Blut, sodann aus dem Blute Fleisch, aus dem Fleische Fett, aus dem Fett Knochen, aus den Knochen Mark, aus dem Mark Samen erzeugt wird. Die Quintessenz aller sieben Substanzen stellt die Lebenskraft dar, welche, als sehr feiner, öliger, weißer, kalter Stoff gedacht, durch den ganzen Körper verbreitet ist und die Funktionen regelt.

Die Luft (der Wind) herrscht im späteren Lebensalter, die Galle im mittleren, der Schleim in der Kindheit vor; das gleiche Verhältnis hinsichtlich des Vorherrschens eines der Elementarstoffe besteht in Bezug auf Ende, Mitte und Anfang des Tages, der Nacht und der Verdauung, ebenso beruht der Charakter, das Temperament auf der Präponderanz des einen oder anderen Urstoffs. Von jedem derselben werden Unterarten mit spezifischen Eigentümlichkeiten und Funktionen unterschieden, also 5 Arten der Luft, 5 Arten der Galle, 5 Arten des Schleims. Sehr bemerkenswert ist es, daß manche Autoren — analog zur griechischen Humoraltheorie — das Blut wegen seiner hervorstechenden Wichtigkeit unter den Elementarstoffen als vierten aufzählen. Hier sei übrigens erwähnt, daß die Lehre von vier Elementen schon in den Reden Buddhas vorkommt.

Gesundheit ist der Ausdruck der normalen Beschaffenheit und des normalen quantitativen Verhältnisses der Elementarsubstanzen; sind diese oder die Grundbestandteile verdorben, abnorm vermehrt oder vermindert, so entstehen Krankheiten.

In der Klassifikation der Krankheiten, von denen überaus zahlreiche Arten supponiert werden, kommt zwar hauptsächlich die Lehre von den Elementarsubstanzen und Grundbestandteilen zur Geltung — aber nicht ausschließlich, indem noch andere, teils religiös-spekulative, teils empirische Momente als Einteilungsprinzipien fungieren, nämlich ätiologische Momente (natürliche Krankheitsursachen, wie Fehler in der Ernährung und Lebensweise, Klima und Wetter, psychische Affekte, Vererbung, Gifte, Seuchen oder übernatürliche Einwirkungen, Zorn der Götter, Dämonen und, der indischen Wiedergeburtslehre entsprechend, „Karma“, d. h. Verfehlungen im früheren Leben), der Krankheitssitz (äußere, innere, lokale, allgemeine, körperliche, geistige Leiden), die Heilbarkeit (heilbare, nur zu lindernde, unheilbare Affektionen). Im Grunde aber bilden stets Luft, Schleim, Galle, das Blut oder einer der übrigen Stoffe den Angriffspunkt, und je nachdem nur eine oder aber mehrere der Elementarsubstanzen beteiligt sind, werden die mannigfachen, leichteren oder schwereren Krankheitsformen hervorgebracht.

Nach Susruta gibt es 1120, nach Caraka unzählige Krankheiten; letzterer nennt 80 Wind-, 40 Gallen-, 20 Schleimkrankheiten (womit aber die Aufzählung schon deshalb nicht erschöpft sei, weil eine Menge von Affektionen vorkomme infolge von zufälligen oder äußeren Ursachen, z. B. Verletzungen aller Art, Blitzschlag, dämonischen Einflüssen etc.). Er unterscheidet im wesentlichen drei Gruppen: natürliche, geistige, dämonische Krankheiten. Susruta teilt die Krankheiten in „körperliche“ (d. h. Abnormitäten der Grundstoffe), von Verletzung herrührende, durch Gemütsaffekte bedingte und „natürliche“ Leiden (Alterskrankheiten, Inanition, angeborene). Vāgbhata klassifiziert „natürliche“ und geistige, dämonische Krankheiten, wobei bei den ersteren die Störung der Grundsäfte das Primäre, bei den letzteren das Sekundäre ist. Welcher Krankheitsstoff (d. h. Abnormität des Windes, des Schleims, der Galle, des Blutes, des Chylus, des Marks, des Samens u. s. w.) vorliegt, ist aus den Symptomen zu ersehen. Neben der erwähnten findet sich bei Susruta noch eine andere Einteilung in 7 Klassen: 1. vererbte, 2. im Mutterleib erworbene, 3. von den Grundsäften herrührende, 4. durch Verletzung, 5. durch Witterungseinflüsse, 6. durch dämonische Einwirkungen oder ansteckende Berührung, 7. durch Hunger, Durst, Alter etc. entstandene Krankheiten. — Gewisse Krankheiten beruhen auf Karma, d. h. Verfehlungen in einem früheren Leben (z. B. der Mörder eines Brahmanen leidet an Anämie, der Ehebrecher an Gonorrhoe, ein Brandstifter an Erysipel, ein Spion verliert das Auge, die Elephantiasis ist die Strafe für Unkeuschheit). Solche Kranke haben sich Sühnezeremonien und Bußen zu unterziehen; wo aus geringfügigen Anlässen schwere Leiden entstehen, da liegt ein Zusammenwirken der gestörten Grundstoffe mit Karma vor. Medizinisch läßt sich als Kern dieses Mystizismus die Erkenntnis herausschälen, daß die gewöhnliche Aetiologie an manchen Affektionen scheitert. — Seuchen wurden auf anhaltende Dürre, Regengüsse, Einfluß der Gestirne, Ausdünstungen etc. zurückgeführt oder als von den Göttern verhängte Strafen aufgefaßt.

Die Diagnostik der Krankheiten bewegte sich zwar in den Grenzen des wissenschaftlichen Dogmatismus, basierte aber auf sorgsam geübter Sinnestätigkeit.

Der indische Arzt bediente sich nicht allein der Inspektion, Palpation, Auskultation, sondern stellte sogar den Geruch- und Geschmacksinn in den Dienst der Medizin. So nahm man mit dem Auge Zu- und Abnahme des Körpers, das Aussehen der Haut, der Zunge, der Exkrete, die Gestalt, den Umfang von Schwellungen u. a. wahr; mit dem Ohre achtete man auf Veränderungen der Stimme, auf das Geräusch beim Atmen, auf das Krachen der Gelenke, Krepitation frakturierter Knochen, Kollern der Gedärme u. a.; mit dem Tastsinn untersuchte man die Temperatur, die Glätte, Rauhigkeit, Härte oder Weichheit der Haut u. a.; der Geschmack belehrte z. B. über die Beschaffenheit des Urins (süßer Geschmack des diabetischen Harns), der Geruch über die Ausdünstungen. All diese Untersuchungsweisen ergänzten die Anamnese, welche man durch sorgfältiges Befragen in Betreff der Herkunft, Lebensweise, Krankheitsdauer, subjektiven Symptome des Patienten etc. erhoben hatte.

In den späteren Werken erscheint die Diagnostik noch subtiler, aber dafür auch dogmatischer, indem z. B. aus der Beschaffenheit der Augen, der Zunge, des Urins weitreichende und spekulative Schlüsse auf die krankmachende Ursache und den Krankheitssitz gezogen werden. Wahrscheinlich infolge fremder Einflüsse legte die indische Medizin der späteren Epochen auf die Pulsuntersuchung ein Hauptgewicht. Frauen ist der Puls auf der linken, Männern auf der rechten Seite zu fühlen, der Arzt hat hierbei die drei mittleren Finger der rechten Hand aufzulegen und die Kompressibilität, Frequenz, Regelmäßigkeit, Größe zu beachten. Affektionen, die von der Luft verursacht sind, verraten sich durch einen dahinschleichenden Puls (wie eine Schlange oder ein Blutegel); der wie ein Frosch, eine Krähe oder Wachtel hüpfende Puls kündigt die Prävalenz der Galle an, der langsam gegen die Finger schlagende (wie ein Schwan, Pfau oder Tauben) weist auf den Schleim. Für die meisten Krankheiten sind charakteristische Pulsarten aufgestellt.

Außerordentlich fein wurde die Prognostik ausgebildet, und diese zeigt in ihrer Eigenart noch ganz deutlich den Zusammenhang, welcher historisch unleugbar zwischen der priesterlichen Omenlehre und der ärztlichen Vorhersage besteht. Deshalb liefert die indische Prognostik einerseits Zeugnisse von bewundernswertem Scharfblick und praktischer Beobachtungsgabe, während sie anderseits von uraltem Aberglauben geradezu strotzt. In dieser Hinsicht genügt der Hinweis, daß man nicht bloß auf die Träume achtete, sondern sogar ganz zufälligen Begegnungen vor dem Krankenbesuche ominöse Bedeutung zuschrieb.

Die ärztliche Politik erforderte schon von vornherein eine Orientierung über den wahrscheinlichen Verlauf im allgemeinen und demgemäß war festzustellen, ob die Krankheit heilbar oder unheilbar ist (letzterer Fall, ebenso alljährliche Verschlimmerungen, geboten Ablehnung der Behandlung), ferner ob die Qualität des Patienten an sich, die Behandlung erleichtert oder den Erfolg in Frage stellt (z. B. bei Herrschern oder Brahmanen, Greisen, Frauen und Kindern entfallen heroische Mittel, die unter Umständen oft allein heilend wirken; durch Nichtbefolgung der Vorschriften infolge von Geiz, Armut, Stupidität wird die ärztliche Tätigkeit und damit die ganze Kur lahmgelegt). Als sehr wichtig galt es, noch vor Uebernahme der Behandlung ein Urteil über die Lebenskraft des Kranken zu gewinnen; die Langlebigkeit wurde aus gewissen Merkmalen geschlossen, z. B. aus den großen Dimensionen der Hände, Füße, der Zähne, der Stirne, der Ohren, der Schultern, der Brustwarzen, aus dem tiefliegenden Nabel u. s. w. Kurze Finger und langes Sexualorgan galten als Zeichen der Kurzlebigkeit. Eingehend schildern die indischen Autoren die Vorboten des Todes und die prognostischen Symptome sowohl im allgemeinen, wie bei jedem einzelnen Leiden, wobei auffallende körperliche oder geistige Veränderungen des Patienten, z. B. Sinnestäuschungen, Delirien, Insomnie oder Sopor, Anästhesie, plötzliche Lähmungszustände, plötzliche Temperaturabfälle, Schweißausbrüche, Hervortreten der Adern, Dyspnoe, Schwerbeweglichkeit und Trockenheit der Zunge u. a., in ihrer Bedeutung erkannt wurden.

Als günstiges Omen galt es, wenn der Bote, der zu dem Arzt gesendet wird, weiß gekleidet, rein, von angenehmem Aeußeren, von gleicher Kaste wie der Kranke ist, in einem von Rindern gezogenen Wagen sitzt u. a. Ungünstig dagegen war es, wenn der Bote einer höheren Kaste als der Kranke angehört, ein Eunuch oder eine Frau oder selbst krank, traurig, furchtsam oder erschreckt ist, oder wenn läuft, ein abgetragenes, schmutziges Gewand trägt, kahl geschoren ist, auf einem Esel oder Büffel reitet, um Mitternacht, zu Mittag, zur Zeit einer Mondsfinsternis etc. oder dann eintrifft, wenn der Arzt schläft, nackt auf dem Boden liegt, das Haar offen trägt, den Göttern opfert u. a. Günstige Vorzeichen waren es, wenn der Arzt auf dem Wege zum Patienten zufällig einer Jungfrau, einer Frau mit Säugling, zwei Brahmanen, einem rennenden Pferd u. a. begegnete. Ungünstig dagegen: Schlange, Oel, Feind, streitendes Volk, Bettler, Asket, Einäugiger u. a. m.

Bezüglich der Prognose bei einzelnen Affektionen wäre z. B. anzuführen, daß man Harnruhr für tödlich erklärte, wenn gefährliche Geschwüre entstanden, ebenso die „Hämorrhoiden“, wenn Schwellung des Mundes, der Hände, Füße, der Hoden, des Nabels, des Afters auftrat, der Ausfluß von Blut sehr stark war, Durst, Appetitlosigkeit, Kolik und Fieber hinzukam u. s. w. Als besonders schwere Krankheiten mit ungünstiger Prognose wurden Ascites, Aussatz, Gonorrhoe, Hämorrhoiden, Mastdarmfisteln, abnorme Kindslage, Lithiasis, Tetanus betrachtet.

In der Behandlung der Krankheiten schrieb man der Hygiene und Diät zum mindesten eine ebenso große Bedeutung zu wie dem Arzneischatz und den eigentlichen therapeutischen Eingriffen.

Es hängt dies damit zusammen, daß die Inder, im Banne einer Religion, welche durch sozialhygienische Vorschriften die ganze Lebensweise bis auf die kleinsten Einzelheiten pedantisch regelte, schon in gesunden Tagen die körperliche Reinheit mehr als alle übrigen Völker pflegten und auf richtige Ernährungsweise bedacht waren. Religion und Medizin fallen hinsichtlich der Hygiene und Prophylaxe vollkommen zusammen, was in der Uebereinstimmung der einschlägigen Angaben seinen Ausdruck findet; eine Ausnahme ist nur darin zu erblicken, daß die medizinischen Autoren den durch die Religion verpönten Genuß von Fleisch und geistigen Getränken nicht prinzipiell untersagten. Die Vorschriften beziehen sich auf folgendes: a) Die tägliche Reinigung, Sorge für den Stuhlgang, Reinigung der Zähne mittels frischer Zahnstöckchen (die von gewissen Baumzweigen mit zusammenziehendem, bitterem Geschmack, genommen sein müssen), zweimaliges Bürsten der Zähne, Abschaben der Zunge, Ausspülen des Mundes, Waschen des Gesichtes, Bestreichung der Augen mit Salben, Einreiben des Körpers mit wohlriechenden Oelen, Einölen des Kopfes, der Ohren, der Fußsohlen, Mundpflege (mittels Betelblättern, Kampfer, Kardamomen und anderen Gewürzen), Haar-, Bart-, Nägelpflege (alle fünf Tage zu schneiden). b) Die Mahlzeiten und Ernährungsweise — täglich zwei Mahlzeiten zwischen 9 und 12 Uhr Vormittags, 7 und 10 Uhr Abends, vorher Anregung des Appetits durch etwas Salz und Ingwer, Vorschriften über das Speisegerät, über das Sitzen beim Speisen, über die Ordnung der Gerichte, mäßiges Trinken während der Mahlzeit (Wassertrinken am Anfang der Mahlzeit verzögere die Verdauung, mache mager, reichliches Trinken am Ende derselben mache fettleibig etc.), nach dem Speisen sorgfältige Mundpflege, kleiner Spaziergang; wichtigste Nahrungs- und Genußmittel: die verschiedenen Getreidearten, besonders Reis, Früchte, Gemüse, Knollenfrüchte, Ingwer, Knoblauch, Salze, Wasser (das beste sei Regenwasser), Milch, Oel, zerlassene Butter, Honig, Zuckerrohr, vom Fleisch am ehesten Wildbret, Vögel, Büffelfleisch; als wenig gesundheitsförderlich galten Schweine-, Rindfleisch und Fische; die Quantität der Nahrung ist der Verdauungskraft anzupassen. c) Bewegung und Ruhe, Massage, Bäder und Kleidung — Gymnastik, Schlaf (am Tage nur nach großen Anstrengungen, in der Nacht bis eine Stunde vor Sonnenaufgang), warme und kalte Bäder (die heiligsten im Ganges), täglich ein Bad (nach dem Essen sei es schädlich, ebenso bei Erkältung, bei kaltem Fieber, Diarrhöe, Ohren-, Augenkrankheit), warme Bäder oder Waschungen seien nur für die untere Körperhälfte zuträglich, für die obere schädlich, Seebäder, Heilquellen; Kleidung muß sauber sein (schmutzige rufe Hautkrankheiten hervor), Schirm, Stock und Schuhe zu tragen sei ratsam, das Tragen von Kränzen, Schmuck, Kleinodien erhöhe die Lebenskraft und wende böse Geister ab. d) Regelung des Coitus (nachher soll man Milch trinken; Verbot desselben am 8., 14. und 15. Monatstage und am Morgen etc.). e) Prophylaktische Maßnahmen: einmal in der Woche ein Vomitiv, einmal im Monat ein Laxans, zweimal im Jahre Venäsektion. — Die diätetisch-hygienischen Maßnahmen erlitten natürlich vielfache Modifikationen je nach den Jahreszeiten (das indische Jahr zerfiel in sechs Abschnitte), und nicht geringe Aufmerksamkeit wurde auch der klimatischen Beschaffenheit zugewendet (sumpfige, trockene und Gegenden mit gemischtem Charakter).

Die zweckmäßige Regelung der Ernährung und Verdauung hat dem Heilverfahren im engeren Sinne stets vorauszugehen, und auch bei diesem spielen Mastkuren oder Entziehungskuren keine geringe Rolle; äußerliche Applikationen (Bäder, Einreibungen, Pflaster, Fomentationen, Räucherungen, Inhalationen, Gargarismen, Niesemittel, Einträufelungen, Klysmen, Suppositorien, Injektionen in die Harnröhre und Scheide, Blutentziehung u. a.) erfreuten sich besonderer Vorliebe. Unter dem Namen „die fünf Verfahrungsarten“ wurden die wichtigsten Kurmethoden zusammengefaßt, nämlich Brechmittel, Purgiermittel, Klistiere, ölige Klistiere und Niesemittel; denselben wurden zumeist Fett- und Schwitzmittel vorangeschickt. Die Indikationen waren zahlreich und genau umschrieben.

Zur Unterstützung der Brechwirkung steckte sich der Kranke einen Rizinusstengel in den Hals, während ein Diener ihm den Kopf und die Seiten hielt, das Erbrochene mußte der Arzt untersuchen. — Der Apparat zur Vornahme von Klysmen bestand aus dem Klistierbeutel (eine Tierblase oder Lederbeutel) und einer spitz zulaufenden, metallenen, hörnernen oder elfenbeinernen Röhre. Unfälle scheinen bei Klistieren nicht selten vorgekommen zu sein. — Die für Kopf- und Halsleiden besonders geeignet befundenen Nasenmittel dienten teils zur Purgation des Kopfes, teils zur Stärkung, es wurde dabei eine Arznei oder ein mit Arznei vermischtes Oel in die Nasenlöcher gebracht oder tropfenweise aufgesogen. — Fette und Oele, unvermischt oder mit Zusätzen, kamen äußerlich und innerlich zur Anwendung. — Das Schwitzen erzeugte man durch Auflegen von (in einem Tuch erhitzten) Kuhmist, Sand etc., durch Dampfbäder (in einer Tonne, in einer Schwitzstube, die durch einen Ofen mit vielen Löchern geheizt wurde, Liegen auf einer erhitzten Steinplatte, Eingraben eines mit Arzneien und glühenden Steinen gefüllten Kruges unter dem Bett des Patienten, Applikation von Röhren, deren eines Ende im Kochtopf steckte, während das andere dem kranken Körperteil genähert wurde u. s. w.). — Für Inhalationen war folgendes Verfahren üblich: Man pulverisierte die Arzneistoffe, knetete die Masse zu einem Teig, der über einen Rohrhalm geklebt wurde. War der Teig trocken, so zog man den Halm heraus, steckte die so erhaltene Teigröhre in ein Rohr von Metall, Holz oder Elfenbein, zündete sie an und brachte das andere Ende des Rohres in den Mund oder die Nase. — Blutegel, Schröpfen, Skarifikationen und Aderlaß waren die Mittel zur Blutentziehung. Für die Aufbewahrung und Applikation der Blutegel sind detaillierte Vorschriften überliefert; beim Schröpfen kam ein Kuhhorn, an dessen Spitze ein Stückchen Tuch festgebunden war, oder ein hohler Flaschenkürbis, in welchen ein brennender Docht gesetzt wurde, zur Anwendung; die Venäsektion, für welche sehr sorgfältige Indikationen und Kontraindikationen, auch bezüglich der Wahl der Stelle (je nach dem Sitz des Leidens, Adern der Stirn, der Nase, am Augenwinkel, am Ohr, an der Brust u. s. w.) existierten, nahm man mit der Lanzette vor; der Patient wurde vorher eingesalbt, und während der Operation hielt ihn ein Diener an einem Tuche fest, das um den Hals gelegt worden war.

Der Arzneischatz ist, entsprechend der fruchtbaren Natur des Landes, überaus reichhaltig und verleiht der indischen Medizin eine charakteristische Signatur; nichts spricht mehr für die Originalität desselben, als daß unter den zahlreichen Pflanzenmitteln kein einziges europäische Herkunft besitzt. Die überwiegende Mehrheit der Arzneisubstanzen war vegetabilisch; Caraka kennt 500, Susruta 760 Heilpflanzen (wobei Wurzeln, Rinden, Säfte, Harz, Stengel, Früchte, Blüten, Asche, Oele, Dornen, Blätter etc. zur Anwendung kamen); nicht gering aber ist nebstdem die Zahl der tierischen und, was ganz besonders bemerkenswert, auch die Zahl der mineralischen Heilmittel. Früh wurden die mineralischen Mittel bei den Indern nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich gebraucht, und gerade ihnen maß man die kräftigste Wirkung bei.

Von Indien aus kamen viele Arzneipflanzen oder Drogen nach dem Westen, wie Narde, Zimt, Pfeffer, Sesamum orientale, Kardamonum, der Saft des Zuckerrohres u. a. — Von den animalischen Stoffen wären zu erwähnen: Blut (als Stärkungsmittel), Galle, Milch (menschliche, Kuh-, Elefanten-, Kamel-, Schaf-, Stutenmilch), Butter (ein sehr beliebtes Mittel), Molken, Honig, Fett, Mark, Fleisch, Haut, Samen, Knochen (Ziegenknochen für Salben), Zähne (von Elefanten), Sehnen, Hörner, Klauen, Nägel (Räucherungen gegen Wechselfieber), Haare (verbrannte gegen Hautwunden), Gallensteine (des Rindes), Harn (von der Kuh), Fäces (Kuhmist gegen Entzündungen, Elefantenmist gegen Aussatz). — Außerordentliches Ansehen genossen die mineralischen Stoffe (Metalle, darunter auch Gold, Kupfersulfat, Eisensulfat, Bleioxyd, Bleisulfat, Bleiglätte, Schwefel, Arsenik, Borax, Alaun, Pottasche, Kochsalz, Chlorammonium, Edelsteine u. a.). Die Zubereitungen mineralischer Art setzen erstaunliche chemische Fertigkeiten (Reinigung, Oxydation, Sublimation u. s. w.) voraus. Gold wurde gereinigt, indem man es in dünne Blättchen schlug, siebenmal glühte und mit verschiedenen Flüssigkeiten abschreckte; oxydiert, wurde es als Stimulans, Aphrodisiakum oder Lebenselixir empfohlen! Aehnlich wie mit dem Gold verfuhr man mit den übrigen Metallen. Was das Quecksilber anlangt, so wird es in der älteren Literatur nur einige Male erwähnt (in der Bowerhandschrift kommt es nicht vor, wohl aber bei Susruta), und vor der mohammedanischen Epoche kannte man kaum die zu seiner pharmazeutischen Verwendung nötigen metallurgischen Prozesse; späterhin wurde es eines der beliebtesten Mittel (bei Hautleiden, Fieber, Nerven-, Lungenleiden, Syphilis, zur Lebensverlängerung), „der König der Metalle“, und ein Sprichwort lautete: „Der Arzt, welcher die Heilkräfte der Wurzeln und Kräuter kennt, ist ein Mensch; der, welcher die des Wassers und Feuers kennt, ein Dämon; wer die Kraft des Gebetes kennt, ein Prophet, wer die Kraft des Quecksilbers kennt, ein Gott.“ Da die Inder in der chemischen Technik Hervorragendes leisteten, so erlangte auch die pharmazeutische Hantierung bei ihnen eine hohe Stufe, und zahlreich sind daher die Arzneiformen. Bekannt waren Auszüge von Pflanzensäften durch Mazeration, Infusa, Dekokta, Latwergen (aus eingedickten Abkochungen mit Oel, Butter, Honig und dergl.), Mixturen, Sirupe, Pillen, Pasten, Suppositorien, Pulver, Tropfen, Kollyrien, Salben, Räuchermittel, gegorene mit verschiedenen Arzneistoffen versetzte Tränke u. a. m. Die Dosen waren nach einheimischen Gewichten (Samenkörner von Abrus precatorius) bestimmt.

Die meisten Rezepte waren hoch zusammengesetzt und mit volltönenden Titeln geschmückt, wie das „Ambrosia von zerlassener Butter“, „Zitronenpillen der Asvins“ (Dioskuren, siehe oben). Die Aerzte sollten selbst die Arzneien aufsuchen, sich von Hirten, Asketen, Jägern belehren lassen. Sie führten in einem Kästchen eine Art Reise- oder Hausapotheke mit sich. Bei Susruta finden sich Angaben über die besten Standorte, über Zeit und Art des Einsammelns der Pflanzen und Vorschriften über die Räumlichkeit, wo die Arzneien bereitet werden — geschützte Lage gegen Rauch, Regen, Wind, Feuchtigkeit. Der Mystizismus ging natürlich nicht leer aus, ebensowenig die bisweilen in seinem Gewande auftretende Scharlatanerie. Gebete, Beschwörungen mußten auch die pharmazeutischen Prozeduren einleiten; von Laien gesammelte und zubereitete Arzneisubstanzen galten als wirkungslos etc.

Klassifiziert wurden die Arzneimittel nach den Krankheiten, gegen welche sie helfen, und nach der Wirkung (z. B. Brech-, Purgier-, Beruhigungsmittel, Tonika, Aphrodisiaka u. s. w.). In dieser Weise stellt Caraka 50 Gruppen auf. Andere Einteilungsgründe waren allgemeine Eigenschaften, nämlich die elementare Beschaffenheit, der Geschmack (süß, sauer, salzig, scharf, bitter, zusammenziehend), die Umwandlungsfähigkeit (durch den Verdauungsprozeß), die Qualität erhitzende (heiße), abkühlende (kalte), aufweichende, austrocknende (trockene), reinigende, schlüpfrig machende (feuchte, ölige) Mittel u. a.

In der indischen Kosmologie werden vorherrschend fünf Elemente: Luft oder leerer Raum, Wind, Feuer, Wasser, Erde unterschieden. Abführmittel z. B. haben die Eigenschaft von Erde und Wasser, sind daher schwer und gehen unter, sie müssen einem Boden entnommen werden, in welchem Erde und Wasser vorherrschen. Brechmittel haben die Qualität von Feuer, Luft und Wind etc.

Ein grelles Streiflicht auf die indische Kultur wirft es, daß Kosmetika (namentlich Haarfärbemittel), Lebenselixire (Kraft und körperliche Schönheit spendend), Aphrodisiaka, Gifte und Gegengifte (auch Universalantidota) im Vordergrund standen.

In einem Lande, wo Kinderlosigkeit als größtes Unglück galt, wo Lingam und Yoni göttlich verehrt wurden, wo Impotenz erbunfähig machte, waren Liebesmittel, neben diätetischen und suggestiven Maßnahmen (Gesang, Musik, Blumen) natürlich sehr gesucht. In der Literatur sind sie sehr zahlreich angeführt, von einem aus Sesam, Bohnen, Zucker etc. bestehenden sagt Susruta: Vir hac pulte comesa centum mulieres inire potest. Auch künstliche Vergrößerung des Penis suchte man (z. B. durch Biß oder durch Insektenstich) zu erzielen. — Einen noch größeren Raum nehmen die Gifte und Gegengifte ein; der Arzt muß dieselben wegen des häufigen Vorkommens von Vergiftungen genau kennen; tatsächlich waren die indischen Aerzte wegen ihrer Kunst in der Behandlung des Schlangenbisses sehr berühmt. — Namentlich war es Aufgabe der Hofärzte, den König vor Vergiftung zu schützen, weshalb auch die Inspektion der Küche zu seinem Beruf gehörte. Durch den Tierversuch (z. B. an verschiedenen Vögeln, an Affen, an Fliegen) stellte man fest, ob eine Speise vergiftet oder unschädlich ist. Einen Giftmischer soll man an seinen Reden und Gebärden zu erkennen suchen. In der eingehendsten Weise sind in der Literatur die Symptome beschrieben, welche bei Vergiftung durch pflanzliche und mineralische Stoffe oder nach dem Biß oder Stich giftiger Tiere (Schlangen, Tiger, Affen, wütende Hunde, Ratten, Mäuse, Fische, Eidechsen, Skorpionen, Stechfliegen, Spinnen u. a. m.) hervortreten; ebenso wird darauf aufmerksam gemacht, welche Zeichen auf leichtere und schwerere Fälle, auf das Stadium der Vergiftung hindeuten. In der Behandlung kommen neben Zaubersprüchen, Gebeten, Musik zum Teil recht rationelle Eingriffe zur Anwendung (kaltes Wasser, Niesemittel, Brechmittel, Aderlaß, bei Wunden Umschnürung der oberhalb gelegenen Teile, Aussaugen der Wunde mit den durch eine Blase geschützten Lippen, Ausschneiden, Schröpfen, Kauterisation).

Die beliebtesten Antidota waren unter anderen: Convolvulus Turpethum, Curcuma longa, Nymphaea odorata, Brassica latifolia, Aconitum ferox, ferner verschiedene zusammengesetzte Spezifika, wie das aus den fünf Salzen, langem und schwarzem Pfeffer, Ingwer und Honig bestehende, innerlich oder als Niesemittel gebrauchte Antidot. Noch ungeklärt ist das Wesen der indischen „Giftmädchen“, deren Umgang tötete.

Die Fülle der Arzneimittel, welche die Empirie zusammengetragen hatte, verlockte umsomehr zur Polypharmazie, als die herrschende Doktrin eine Unzahl von selbständigen Krankheitsformen hypostasierte. So beschrieb man 26 Fieberarten (wovon 7 auf Störung eines, 13 auf der Störung mehrerer Grundsäfte, 1 auf Verletzung oder anderen äußeren Ursachen beruhten, 5 in die Gruppe des Wechselfiebers gehörten), 13 Arten von Unterleibsanschwellung, 20 Wurmkrankheiten, 20 Formen von Harnleiden (darunter der von den Indern zuerst beschriebene Diabetes mellitus, auf den man dadurch aufmerksam wurde, weil Fliegen und Insekten den süßen Harn aufsuchen), 8 Formen der Strangurie, 5 Arten der Gelbsucht — Bleichsucht (mit Eisenpräparaten behandelt), je 5 Arten von Husten, Asthma und Schlucken, 18 Formen des „Aussatzes“ (worunter sehr verschiedene Hautaffektionen zusammengeworfen sind), 6 Arten von Eiterbeulen, 4-7 Arten der Impotenz, 5 Arten der Mastdarmfistel, 15 Geschwürsformen, 76 Augenkrankheiten, 28 Ohrenleiden, 65 Mundaffektionen, 31 Nasenleiden, 18 Krankheiten der Kehle, eine Menge von Geisteskrankheiten u. s. w. Es ist hierbei zu berücksichtigen, daß diese Krankheitstypen nichts anderes als vage Symptomenkomplexe waren, welche natürlich bei der geringsten Abweichung vom fingierten Typus in eine Anzahl neuer Kategorien aufgelöst werden konnten. Bei mancher der genannten Krankheitsformen läßt sich aber nicht verkennen, daß neben der Aetiologie und den Symptomen, die mit bewundernswerter Sorgfalt beobachtet wurden, neben der doktrinären Herleitung von Grundsätzen, auch das anatomische Moment hie und da durchschimmert. So heißt z. B. eine Form der Unterleibsschwellung, weil sie auf einem Herabsinken und einer Vergrößerung der Milz beruhe („die hart wie Stein und gewölbt wie der Rücken einer Schildkröte die linke Seite ausfülle“), der „Milzbauch“; die gleichen Symptome auf der rechten Seite heißen „Leberanschwellung“.

Die natürliche Konsequenz einer solchen lokalpathologischen Auffassung war eine vorherrschende — Lokaltherapie.

Von Genauigkeit der Beobachtung zeugen insbesondere die Schilderung der verschiedenen Beschaffenheit der Fäces und des Harns, die Beschreibung der Schwindsucht, der Hautkrankheiten, der venerischen Affektionen, der Apoplexie, Epilepsie, Hemikranie, des Tetanus, Rheumatismus, des Irrsinns u. a. Bei der Cholera verordnete man Brechmittel, Erwärmung des Körpers, Cauterium (an den inneren Knöcheln), sodann Asa foetida mit Adstringentien oder Opium mit weißem Pfeffer. Die Pocken sind wohl bei Susruta (nicht aber bei Caraka und im Bowermanuskript) angedeutet, finden aber erst später angemessene Darstellung — auch der Kult einer Pockengöttin und der „sieben Pockenschwestern“ ist späteren Ursprungs; von irgendwelcher Impfung läßt sich in der älteren Literatur keine Spur entdecken[19].

„Fieber“ wird mit den schwersten Elementarereignissen auf gleiche Stufe gestellt und auf die verschiedenartigsten Ursachen zurückgeführt. Im Beginne (bis zu 7 Tagen) hat der Patient eine sehr strenge Diät (dünne Abkochungen, gewärmtes Wasser) einzuhalten oder zu fasten; besonders zu fürchten ist jenes Fieber, das aus einer Störung aller drei Grundstoffe hervorgeht; am 7., 10. oder 12. Tage nimmt es einen gefährlichen Charakter an, worauf es entweder aufhört oder zum Tode führt. Die Typen der Malaria (Therapie Brech- und Abführmittel) werden daraus erklärt, daß bei der Quotidiana das Fleisch, bei der Tertiana das Fett, bei der Quartana das Mark und die Knochen ergriffen sind. Den sieben Grundbestandteilen des Körpers entsprechen ebensoviele Fieberarten; todbringend ist das Fieber im Samen. Wie bei anderen Krankheiten (z. B. Geschwülsten) werden auch bei den Fiebern verschiedene Stadien (das rohe, reifende und reife Stadium), je nach dem Vorwalten charakteristischer Symptome, unterschieden. — Unter den „Würmern“ sind teils Spulwürmer, vielleicht auch Tänien, in der großen Mehrheit aber allerlei falsch gedeutete Dinge zu verstehen, die man in Krankheitsprodukten sah oder zu sehen glaubte. Wie die babylonische und ägyptische, so machte auch die indische Medizin „Würmer“ für sehr viele Leiden (namentlich solche, die mit stechenden, bohrenden Schmerzen, Jucken etc. verbunden oder geweblichem Zerfall verknüpft sind) verantwortlich, und glaubte demgemäß z. B. an Augen-, Zahn-, Ohr-, Kopf-, Herz- und andere „Würmer“. In der vedischen Medizin kommen verschiedene „Wurmsegen“ vor (namentlich bei Kinderkrankheiten). — Einen Schwindsüchtigen, der die sechs Symptome: Husten, Durchfall, Seitenschmerzen, Heiserkeit, Appetitlosigkeit und Fieber hat oder mit den dreien: Fieber, Husten und Blutsturz behaftet ist, soll ein nach Ruhm strebender Arzt nicht behandeln. Besteht die „Schwindsucht“ bereits ein Jahr, so kann das Leiden nur noch gelindert werden. — Die „Lepra“ wird, abgesehen von vielen anderen Ursachen, auch auf den häufigen Genuß von Milch mit Fischen zurückgeführt. — In den indischen Schriften seit dem 16. Jahrhundert n. Chr. findet man die Syphilis als „Frankenkrankheit“ beschrieben, wobei eine äußere, innere (Schmerzen wie bei Rheuma) und gemischte Form erwähnt wird. Therapie: Quecksilber innerlich in einer Pille mit Weizen, als Räucherungsmittel oder Verreibung mit den Händen; Sarsaparille. — Die Behandlung der Irrsinnigen war teils somatisch (Purgier-, Brechmittel, Aderlaß etc.), teils psychisch. Zwar ist auch von Aufheiterung des Kranken durch freundliche Zusprache die Rede, zumeist aber bediente man sich barbarischer Mittel (Hungernlassen, Brennen, Peitschen, Einsperren in einem dunklen Raum, Erschrecken durch Schlangen, Löwen, Elefanten, Todesandrohungen etc.). Die schlimmeren Formen des Irrsinnes sah man als Besessenheit an und suchte aus der Art des Benehmens der Kranken zu schließen, welcher der zahlreichen Dämonen von ihm Besitz ergriffen hat.

Den Glanzpunkt bildet die Chirurgie, die zwar als ultimum refugiens angewendet wurde, aber über eine ausgezeichnete Technik verfügte und naturgemäß der Spekulation entrückt war. Die Sorgfalt und Reinlichkeit, welche schon im allgemeinen den indischen Arzt auszeichnete, kam gerade diesem Zweige besonders zu gute und sicherte auf manchen Gebieten Erfolge, welche der medizinischen Kunst anderer Völker lange Zeit unerreichbar blieben.

Die chirurgischen Operationen zerfallen in acht Arten: Ausschneiden (z. B. Tumoren, Fremdkörper), Einschneiden (z. B. Abszesse), Skarifizieren (z. B. bei Halsentzündung), Punktieren (z. B. Hydrocele, Ascites), Sondieren (z. B. Fisteln), Ausziehen (z. B. Fremdkörper), Ausdrücken (z. B. Abszesse), Nähen (mit Fäden aus Flachs, Hanf, Sehnen oder Schweifhaaren). Das Instrumentarium zerfällt nach Susruta in 101 stumpfe und 20 scharfe Instrumente. Zu den ersteren gehören verschiedenartige Pinzetten, Zangen, Haken, Tuben, Sonden, Katheter, Bougies etc., ferner vielerlei Hilfsinstrumente, wie der Magnet (zum Herausziehen von Fremdkörpern), Schröpfhörner, Klistierbeutel u. a. „Das wichtigste Hilfsinstrument aber ist die Hand, da man ohne dieselbe keine Operation ausführen kann.“ Unter den scharfen Instrumenten sind Messer, Bisturis, Lanzetten, Sägen, Scheren, Trokare, Nadeln etc. aufgezählt. Die Instrumente waren aus Stahl — den die Inder schon in sehr früher Zeit herzustellen verstanden — verfertigt, und wurden in hölzernen Büchsen verwahrt. Noch lieber als das Schneiden wandte man das Aetzen (besonders mit Pottasche) und Brennen (mit Brenneisen verschiedener Form, siedenden Flüssigkeiten etc.) an. „Das Brennen ist noch wirksamer als das Aetzen, insofern als es Leiden heilt, die durch Arzneien, Instrumente und Aetzmittel nicht heilbar sind, und weil die damit geheilten Leiden nie wiederkehren.“ Bei Milzschwellungen pflegte man glühende Nadeln ins Milzparenchym einzustoßen. — Von Verbänden gab es vierzehn nach ihrer Form benannte Arten, als Verbandstoffe dienten Baumwolle, Wolle, Seide, Leinwand, die Schienen waren aus Baststreifen und Holzstückchen von Bambus und anderen Bäumen hergestellt. — Die Blutstillung erfolgte durch Heilkräuter, Kälte, Kompression, heißes Oel. Die der allgemeinen Bezeichnung nach mit den Geschwüren zusammengeworfenen Wunden (Schnitt-, Stich-, Hieb-, Quetschwunden etc.) wurden zum Teil genäht (z. B. jene des Kopfes, Gesichts, der Luftröhre). — Die Operationen durften nur unter glücklichen Konstellationen stattfinden, wurden unter religiösen Zeremonien begonnen und beendigt; der Chirurg muß gegen Westen, der Patient gegen Osten gewendet sein. Die Narkose bewirkte man durch Berauschung.

Die chirurgische Therapie stützte sich auf reiche Erfahrung, die in der Kühnheit der Eingriffe, in der Treffsicherheit der Prognose, nicht zum mindesten auch in der bedächtigen Nachbehandlung hervortritt. Die Behandlung der Frakturen (unter den Symptomen ist auch der Krepitation gedacht), der Luxationen, der Tumoren (Exstirpation), der Fisteln (Spaltung oder Aetzung), die Entfernung der Fremdkörper (15 Verfahrungsarten), die Vornahme der Paracentese, bei Wassersucht u. a. beruhte auf durchwegs rationellen Erwägungen und gefestigten Kenntnissen. Das Ueberraschendste aber leisteten die indischen Chirurgen auf dem Gebiete der Laparotomie (Darmnaht), des Steinschnitts und der plastischen Operationen (Oto-, Cheilo-, Rhinoplastik).

Die Darmnaht wurde folgendermaßen hergestellt: Nach Vornahme des Eingriffes soll der Arzt die verletzten und gereinigten Stellen der Gedärme „von schwarzen Ameisen beißen lassen, worauf er ihre Körper abreißt, die Köpfe aber innen stecken läßt“[20]. — Blasensteine wurden durch die Sectio lateralis entfernt: „Wenn der Stein bis unterhalb des Nabels gebracht ist, führe der Arzt den Zeigefinger und Mittelfinger der linken Hand eingeölt und mit beschnittenen Nägeln in den After des Kranken ein, dem Mittelfleisch entlang, bis er den Stein fühlt, bringe ihn zwischen After und Harnröhre und drücke so lange darauf, bis er wie ein Knoten hervorragt. Nunmehr erfolgt mit einem Messer der Einschnitt auf der linken Seite, ein Gerstenkorn weit von der Rhaphe, unter Umständen auch auf der rechten Seite, der Größe des Steines entsprechend.“ — Den Hauptanlaß für die plastische Chirurgie bildete der Umstand, daß Ohren- oder Nasenabschneiden als ein gesetzlich fixiertes Strafmittel im Schwange stand. Bezüglich der Rhinoplastik heißt es bei Susruta: „Wenn jemand die Nase abgeschnitten ist, schneide der Arzt ein Blatt von gleicher Größe von einem Baume ab, lege es auf die Wange und schneide aus derselben ein ebenso großes Stück Haut und Fleisch heraus, vernähe die Wange mit Nadel und Faden, skarifiziere das noch vorhandene Stück der Nase, stülpe rasch aber sorgsam die abgeschnittene Haut darüber, füge sie gut an mit einem tüchtigen Verband und nähe die neue Nase fest. Dann stecke er sorgfältig zwei Röhren hinein, um die Atmung zu erleichtern, und nachdem sie dadurch erhöht ist, benetze er sie mit Oel und bestreue sie mit rotem Sandel und anderen blutstillenden Pulvern; hierauf ist sorgsam weiße Baumwolle darauf zu legen und öfter mit Sesamöl zu besprengen.“

Was die Augenheilkunde anbetrifft, so war auch hier die Therapie ziemlich zweckmäßig — als Ort des Sehens galt die Linse —, aber die bei Susruta vorkommende Beschreibung der Staroperation leidet an großer Unklarheit.

Von geburtshilflichen Methoden wurden der Kaiserschnitt (an der Toten) und die Embryotomie ausgeführt, die kombinierte Wendung war unbekannt.

Höchst anerkennenswert sind die Vorschriften über die Diätetik der Schwangeren, die Pflege der Wöchnerin und des Neugeborenen.

Der Embryo ist das Produkt aus dem Samen und dem Menstrualblut, welche beide aus dem Chylus hervorgehen. Im dritten Monat entstehen die Ansätze zu allen Körperteilen, Beine, Arme, Kopf, im vierten erfolgt die deutliche Ausbildung der Körperteile und des Herzens, im fünften nehmen Fleisch und Blut zu, im sechsten kommen die Haare, die Nägel, Knochen, Sehnen, Adern u. s. w. zur Ausbildung, im siebenten ist der Embryo mit allen Existenzbedingungen ausgestattet, im achten wird die Lebenskraft bald aus der Mutter in das Kind, bald aus dem Kind in die Mutter geleitet, wegen dieses Hin- und Herschwankens ist ein in diesem Monat geborenes Kind nicht lebensfähig. Von der Mutter stammen die weichen, vom Vater die harten Körperteile. Die Ernährung geschieht auf dem Wege der Gefäße, welche Chylus von der Mutter zur Frucht führen. Während der Schwangerschaft befindet sich der Fötus in der Gebärmutter, dem Rücken der Mutter zugekehrt, den Kopf nach oben, die Hände über der Stirn gefaltet, auf der rechten Seite der Mutter liegend, wenn er männlichen, auf der linken, wenn er weiblichen Geschlechtes ist; vor der Geburt erfolgte die Culbute.

Der Uterus hat die Gestalt eines Fischmaules. Die geeignetste Zeit für die Konzeption ist in den zwölf Nächten nach dem Eintritt der Menses. Da das Geschlecht des Kindes vom Ueberwiegen des Samens oder des Menstrualblutes abhängt und letzteres an den ungeraden Tagen an Quantität zunimmt, so wird das Kind männlich, wenn die Empfängnis an einem geraden, weiblich, wenn die Empfängnis an einem ungeraden Tage (nach Eintritt der Menses) zu stande kommt. Während der in der Regel zehn Monate währenden Gravidität ist eine sehr sorgfältige Diät zu beachten und namentlich das Versehen zu vermeiden. Im neunten Monat begibt sich die Schwangere unter religiösen Zeremonien in die mit allen nötigen Gegenständen eingerichtete Gebärhütte. Bei der Geburt assistieren vier Frauen, wobei allerlei religiöse und suggestive Gebräuche zur Beschleunigung zu Hilfe genommen werden. Die zögernde Nachgeburt wird durch äußeren Druck, Schütteln, Brechmittel zu entfernen gesucht. Die Wöchnerin steht am zehnten Tage auf, hat aber sechs Wochen stramme Diät zu halten. Das Kind wird erst am dritten Tage an die Mutterbrust gelegt (vorher erhält es Honig und Butter). Tritt an Stelle der Mutter die Amme, so wird dieselbe vom Arzt erst genau untersucht und sehr zweckmäßigen diätetischen Vorschriften unterworfen. Mit außerordentlicher Sorgfalt ist die Pflege des Säuglings bis in alle Einzelheiten (z. B. Nahrung, Liegen, Sitzen, Schlaf, Spiele etc.) geregelt und namentlich bezieht sich eine Unmenge von Gebräuchen auf die Abwehr der dem Kindesalter so gefährlichen Dämonen. Vom sechsten Monat an wird die Abgewöhnung eingeleitet, indem man mit der Ernährung durch Reis beginnt. — Die Behandlung der Dystokien stand nicht auf der Höhe der übrigen Medizin. Magische Prozeduren spielten auch hier ihre Rolle. Man kannte das enge Becken nicht, ebensowenig die kombinierte Wendung auf den Kopf oder die Wendung auf die Füße. Bei unvollkommener Fuß- und Steißlage holte man den zweiten Fuß, bezw. beide Füße hervor. Ebenso mangelhaft war die Gynäkologie.

Die indische Medizin gebietet über einen imponierenden Schatz von empirischen Kenntnissen und technischen Fertigkeiten, sie erklomm die Höhe systematischen, theoretisierenden Denkens; aber um in die Bahnen echter Wissenschaft einzulenken, dazu fehlte es an der erforderlichen individuellen Schaffensfreiheit, an der voraussetzungslosen Unbefangenheit, an der Möglichkeit einer Kritik, die auch vor ehrwürdigen Doktrinen nicht halt zu machen braucht. In den seltsamen, drückenden Kulturverhältnissen wurzelt das Geschick, welches den Werdeprozeß abschnitt und zur scholastischen Versteinerung brachte. Keine Neuzeit dämmerte für dieses Mittelalter heran! Wie in längst verrauschter Vergangenheit ragt noch heute das Bollwerk der indischen Heilkunst empor, unzerstört, aber einsam entrückt, fern vom stetig flutenden Strom der Entwicklung. Dennoch ist das Sammeln, Denken und Schaffen der indischen Aerzte für die Weltmedizin nicht spurlos dahingegangen. Gleich den Zahlzeichen, den Fabeln und Märchen, philosophisch-religiösen Ideen wanderte auch die Medizin der Inder nach West und Ost auf den Straßen des Handels. Wenn auch nicht immer offen zu Tage liegend, bestehen Zusammenhänge zwischen der indischen Heilkunde und ihrer glücklicheren griechischen Schwester; bis ins Abendland trug die Vermittlungskunst der Araber so manche der indischen Leistungen, und soweit der Buddhismus seine Kreise zog, dankt Asien gerade indischen Einflüssen einen größeren oder kleineren Teil seiner medizinischen Kultur.

Daß die griechische Medizin indische Arzneistoffe und einzelne Heilmethoden aufgenommen hat, geht aus der Literatur (Hippokrates, Dioskurides, Galenos u. a.) deutlich hervor. Die Berührungen zwischen beiden Kulturkreisen wurden allerdings erst durch den Alexanderzug inniger und dauerten von da an ununterbrochen fort während der Diadochenherrschaft, während der römischen und byzantinischen Epoche. Hauptknotenpunkte des Verkehrs bildeten Alexandrien, Syrien, später Persien (besonders zur Zeit der Sassaniden). Indische Aerzte, Heilmittel und Heilverfahren finden bei griechisch-römischen und byzantinischen Autoren öfters Erwähnung, ebenso manche in Indien endemische, vorher unbekannte Krankheiten. Während der Regierung der Abbasiden erlangten die indischen Aerzte noch höheres Ansehen in Persien, wodurch die indische Heilkunst in die arabische Medizin verpflanzt wurde — ein Effekt, der kaum noch in der Zeit arabischer Herrschaft über Indien verstärkt werden konnte. Im Gewande der arabischen Heilkunst drangen indische Elemente neuerdings nach dem Abendland vor. Die im 15. Jahrhundert in Sizilien anscheinend unvermittelt auftauchende Rhinoplastik spricht für eine lange Nachwirkung indisch-arabischer Einflüsse.

Die plastische Chirurgie des 19. Jahrhunderts ist direkt durch das Vorbild der indischen Methode angeregt worden; den ersten Anlaß hierzu gab die 1794 aus Indien nach Europa gedrungene Kunde, daß ein Mann aus der Ziegelmacherkaste einem Eingeborenen mit Hilfe eines Stirnhautlappens die abgeschnittene Nase ersetzt habe. — Auch auf die Verbreitung des Hypnotismus dürfte Indien, wo die empirische Praxis der Suggestion mehr als irgendwo ausgebildet worden ist, zum mindesten indirekt Einfluß genommen haben. Um nur eine Tatsache anzuführen, war es wohl kein Zufall, daß gerade in Kalkutta der englische Arzt Esdaile auf die Idee kam, zahlreiche Operationen in der Weise auszuführen, daß er die Anästhesierung mit Hilfe des Hypnotismus vornahm (1852).

Durch die Buddhisten, welche gleich den abendländischen Mönchen, weniger aus wissenschaftlichem Interesse, als geleitet von Nächstenliebe, die Medizin pflegten (Lieblingsmittel Kuhurin), wurde in der Heimat die Krankenpflege mächtig gefördert (Errichtung von Hospitälern oder Anstalten für ärztliche Konsultation und Verabreichung von Arzneien), und nach außen unter der Flagge religiöser Propaganda auch die indische Heilkunde verbreitet. (Uebersetzung von medizinischen Werken, z. B. ins Tamulische.) Die älteste Pflanzstätte war Ceylon, am stärksten machte sich der indische Einfluß in der Medizin Tibets geltend (von wo aus weitere Verbreitung, z. B. nach Südsibirien, stattfand), ebenso blieben der indische Archipel (namentlich Java), Hinterindien (Kamboja, Birma) und selbst China nicht unberührt.

Die Bowerhandschrift stammt von Buddhisten her, buddhistische Spuren finden sich auch bei Vagbhata. Nach den Angaben des chinesischen Buddhisten I-tsing (Ende des 7. Jahrhunderts n. Chr.) stimmt die buddhistische Heilkunst mit Caraka und Susruta völlig überein. Die altbuddhistische Schrift des Mahavagga (4. Jahrhundert v. Chr.?) kennt bereits die drei Grundstoffe. Der buddhistische König Asoka (3. Jahrhundert v. Chr.) errichtete, wie aus Inschriften hervorgeht, Spitäler (für Menschen und Tiere); in Ceylon gab es schon seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Krankenhäuser; Buddhadas, König von Ceylon (4. Jahrhundert n. Chr.), schrieb selbst ein medizinisches Werk, stellte Truppenärzte an und gab seinem Lande eine Sanitätsorganisation, der zufolge Asyle für Unheilbare und Verlassene, ferner Hospitäler errichtet wurden und Distriktsärzte (für je zehn Dörfer) ein fixes Einkommen zugewiesen erhielten. Die modernen singhalesischen Drucke beruhen durchaus auf Sanskritvorlagen. Schon um 900 n. Chr. war die Geschicklichkeit Susrutas in Kamboja sprichwörtlich; die Nomenklatur der Medizin in Birma stammt aus dem Sanskrit, desgleichen viele Kenntnisse der Siamesen. Die neuerdings erschlossene Heilkunde Tibets stützt sich größtenteils auf Uebersetzungen medizinischer Sanskrittexte ins Tibetische und zeigt daher in vielen Dingen die eklatanteste Uebereinstimmung mit der indischen, wie aus den Lehrsätzen über Anatomie, Embryologie und Pathologie (drei Grundstoffe, Würmer, Dämonologie), aus der Terminologie und aus den verwandten Drogen hervorgeht[21]. Von Tibet aus verbreiteten sich indische Grundsätze und Kenntnisse weiter, einerseits zu den Himalayavölkern, anderseits zu den Burjäten, Dsungaren, Tanguten und Wolga-Kalmücken. Selbstredend erreichte oder bewahrte diese verpflanzte indische Medizin keineswegs die Höhe, welche sie im Heimatlande einnahm, das gilt namentlich hinsichtlich der Chirurgie, welche in Hinterindien und auf den Inseln des indischen Archipels (z. B. Java) auf sehr primitiver Stufe steht; hingegen fiel die medizinische Dämonologie der Inder überall auf sehr fruchtbaren Boden und vermischte sich mit den autochthonen Gebräuchen und mystischen Vorstellungen (z. B. der Malayen!).