Die Medizin im Alten Testament.

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Ueber die Heilkunde der alten Israeliten zur Zeit ihrer politischen Selbständigkeit gibt keine ärztliche Schrift Aufschluß, sondern die Bibel, welche die medizinischen Verhältnisse begreiflicherweise nur so weit beleuchtet, als kultuelle Vorschriften, religiöse Gesetze davon berührt werden. Mag dieses Material auch durch gelegentlich in die Geschichtserzählung eingestreute Hinweise, durch Gleichnisse der religiösen Dichtung u. a. erweitert, ein ansehnliches sein, niemals darf doch außer acht gelassen werden, daß wir streng genommen, nicht über die Medizin der Juden, sondern eben nur über die Medizin in der Bibel unterrichtet sind.

Den Glanzpunkt der Medizin im Alten Testament bildet die Sozialhygiene, deren Verwirklichung das Wohl und die Erhaltung des Volkes befördern mußte, welche Leitideen auch immer ursprünglich zu Grunde lagen; wahrscheinlich gipfelte übrigens die mosaische Gesetzgebung, wie die anderen orientalischen Religionssysteme in dem Gedanken, daß entsprechend der Doppelnatur des Menschen physische und ethische Reinheit zumeist zueinander in Wechselbeziehung stehen.

Die Vorschriften betreffen die Prophylaxe und Bekämpfung der Seuchen, die Bekämpfung venerischer Krankheiten und der Prostitution, die Hautpflege, Bäder, Nahrung, Wohnung und Kleidung, die Regelung der Arbeit, das Geschlechtsleben, die Züchtung der Rasse u. a. Viele dieser Vorschriften, wie die Sabbatruhe, die Beschneidung, die Speisegesetze (Verbot des Blutgenusses, des Schweinefleisches etc.), die Maßnahmen bei Menstruierenden, Wöchnerinnen, Gonorrhoikern, die Isolierung der an Aussatz Leidenden, die Lagerhygiene u. a., besitzen namentlich unter Würdigung der Zeitumstände und klimatischen Verhältnisse einen überraschend hohen Grad von Rationalität und lassen selbst angesichts der modernen Wissenschaft das Wort zur Wahrheit werden: „Diese Gebote werden eure Weisheit und Vernunft sein in den Augen der Völker“ (Exodus IV, 6). Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Hygiene des Pentateuchs ihr Vorbild vorzugsweise in der ägyptischen Priesterhygiene hatte (vergl. S. 51). — Dazu gesellten sich bei der späteren Redaktion der Bibel (in den Einzelheiten des Reinigungsverfahrens) wahrscheinlich auch babylonische und parsische Ideen, mit denen die Juden während der babylonischen Gefangenschaft vertraut werden konnten. — Die charakteristische Leistung der mosaischen Gesetzgebung ist aber darin zu suchen, daß sie sich nicht auf eine besondere Kaste, sondern auf das ganze Volk erstreckt: „Ihr werdet mir sein ein Reich von Priestern und eine heilige Nation“ (Exodus XIX, 6).

Auf die ägyptische Herkunft der mosaischen Gesetzgebung weist das Neue Testament mit den Worten: „Und Moses ward gelehret in aller Weisheit der Aegypter“ (Apostelgeschichte VII, 22); Philo erzählt auf Grund der altjüdischen Tradition, daß Moses am Pharaonenhofe von ägyptischen und chaldäischen Weisen erzogen wurde (also auch babylonische Einflüsse!); Clemens Alexandrinus läßt Moses bei ägyptischen Aerzten Medizin und nebstdem auch chemische Künste erlernen. — Der Parsismus hat auf die Religionsvorstellungen (z. B. Engellehre, Glaube an den Satan, Auferstehungsglaube) der Juden mächtigen Einfluß geübt, und damit wurde auch gewiß manches von den parsischen Kultgebräuchen, insbesondere Reinigungsverfahren, herübergenommen. Wie aber das Judentum den babylonischen Sagen die polytheistische Spitze abbrach und ihnen einen ethischen Gehalt gab, so prägte es auch den Begriff der sittlichen Reinheit, der bei Zoroaster noch ganz mit dem Begriff der körperlichen Reinheit zusammengeworfen wird, zu voller Schärfe aus. Außer den Aegyptern, Babyloniern und Parsen wurde von einigen auch den Sabäern, welche ungemein strenge Gesetze gegen jede „Verunreinigung“ besaßen und bekanntlich zur Zeit Salomos zu den Hebräern in Beziehung traten, ein Einfluß auf die jüdischen Reinigungsgesetze zugeschrieben. — Bezüglich der Hygiene des Geschlechtslebens ist unter anderem erwähnenswert die Vorschrift des Badens nach dem Koitus, Verbot der Kohabitation mit einer Menstruierenden und mit einer Wöchnerin (40 Tage nach der Geburt). —

Um die Verbreitung ansteckender Krankheiten, namentlich Zaraath („Aussatz“), zu verhüten, schrieb das Gesetz nach Feststellung der Diagnose nicht nur strenge Isolierung und Reinigung des Geheilten vor, sondern ordnete auch Desinfektion der Kleider (Waschung, eventuell Verbrennung) und der Wohnung (eventuell sogar Abtragung des Hauses) an. Ein Desinfektionsmittel nach Berührung toter Körper war die Reinigung durch die „Asche der roten Kuh“. Eine junge makellose Kuh mußte in einem Feuer von Zedernholz, Ysop und Karmesin verbrannt werden; die so gewonnene Asche wurde an einem reinen Orte aufbewahrt und stets vorrätig gehalten; bei Bedarf schüttete man einen Teil dieser Asche in ein Gefäß und goß darüber „lebendiges“ Wasser; jemand, der von keiner Krankheit behaftet war, nahm einen Ysopzweig, tauchte ihn in das Wasser ein und besprengte mit diesem Wasser alle, die den toten Körper berührt hatten.

Medizinisches im engeren Sinne findet sich zwar nicht wenig im Alten Testament — so werden z. B. Seuchen (Pest?), „Aussatz“, Lähmungs- und Krampfzustände, Geisteskrankheiten, Geschlechtsaffektionen, Geburtsanomalien, Hautkrankheiten, Mißbildungen erwähnt — doch sind die Krankheitsschilderungen so fragmentarisch, daß die sichere Deutung der Affektionen nur selten möglich wird. Dies gilt sogar für den biblischen „Aussatz“, der bei Berücksichtigung aller einschlägigen Stellen nicht einwandfrei mit der Lepra identifiziert werden kann, sondern wahrscheinlich neben dieser eine ganze Reihe von Hautaffektionen in sich schließt, und dabei ist der „Aussatz“ gerade jene Krankheit, deren differentialdiagnostische Eigentümlichkeiten wegen der nötigen Isolierungsmaßregeln noch die eingehendste Darstellung erfahren (Leviticus XIII).

Was die Krankheitsauffassung anlangt, so galten besonders die, das ganze Volk befallenden Seuchen als Schickungen, bezw. Strafen Jahwes, vereinzelt lassen sich aber auch Spuren einer nüchternen Krankheitsätiologie verfolgen.

Es ist eine natürliche Folge des strengen Monotheismus, daß der Glaube an krankmachende Dämonen im Alten Testament verpönt ist. Dies gilt aber durchaus nicht für das jüdische Volk, wie aus dem Neuen Testament und dem Talmud erhellt. Mit götzendienerischen Anwandlungen schimmern z. B. im „Elohisten“ des Pentateuch auch volksmedizinische Reste durch.

Die Heilung der Krankheiten erhoffte man von Gebeten und Opfern, außerdem aber wurden, anscheinend spärlich, auch diätetische und medikamentöse Mittel verwendet; zu letzteren zählten z. B. Bäder (im Jordan, in Heilquellen, Oelbäder), Wein, Feigen (als Pflasterbestandteil), Oel, Fischgalle (als Augenmittel), Pflaster, Salben, Räucherungen; daß man die günstige Einwirkung der Musik auf die Melancholie kannte, beweist das Harfenspiel Davids vor dem König Saul. — Von chirurgischen Operationen ist nur die Ausführung der Beschneidung erwiesen, von Eunuchen (Zerstoßene und Verschnittene) ist zwar im Alten Testamente die Rede, doch erscheint es sehr zweifelhaft, ob die Kastration von den Juden selbst ausgeführt wurde. Zum Wundverband dienten Oel, Wein, Balsam, bei Knochenbrüchen legte man einen Verband an. Den Kreißenden standen Hebammen zur Seite, die sich jedoch hauptsächlich nur auf tröstenden Zuspruch beschränkten; der Gebärstuhl scheint früh bekannt gewesen zu sein.

Der untrennbare Zusammenhang, welcher zwischen der Sanitätspolizei und der Religion bestand, brachte es mit sich, daß die Priester, die Leviten, als Gesundheitsbeamte fungierten; ihr praktisches Können beruhte wohl auf einem esoterischen Wissen, das sich wahrscheinlich auf dem Wege mündlicher Tradition fortpflanzte, nirgends aber ist es erweisbar, daß sie außer den sanitätspolizeilichen Obliegenheiten die Heilkunst berufsmäßig ausübten. Daß den Propheten die ärztliche Kunst nicht ferne lag, schon deshalb, weil gerade medizinische Wundertaten zu allen Zeiten am meisten begehrt wurden — geht aus den glücklichen Heilungen, welche manche unter ihnen — Elisa, Elia, Jesaia — vollzogen, hervor, sowie aus gewissen Redewendungen; in den Prophetenschulen dürfte auch die Heilkunst in den Bereich des Unterrichts gezogen worden sein!

Nach einer Ueberlieferung waren insbesondere Esra und Nehemia über die Wirkungsweise gewisser Drogen eingehend unterrichtet. Interessant ist es, daß noch bei byzantinischen und salernitanischen Autoren eine Rezeptformel unter dem Namen des Esdra = Esra (?) angeführt wird. Der Einfluß der babylonischen Medizin machte sich gewiß zur Zeit des Exils in pharmakologischer Hinsicht geltend.

Eines ganz besonderen Rufes als Arzneikundiger erfreute sich in der jüdischen Tradition der weise König Salomo, unter dessen Regierung sich bekanntlich lebhafte Kulturbeziehungen zu den Nachbarvölkern auf verschiedenen Gebieten geltend machten. Ihm schreibt die Legende sogar die Abfassung eines Werkes über Krankheiten und deren Heilung zu, welches jedoch von dem frommen König Hiskia beiseite geschafft worden sein soll. Wahrscheinlich war es ein Kräuterbuch mit magischen Formeln. Bekanntlich spielt Salomo in der Magie noch lange eine bedeutende Rolle[16].

Irrtümlicherweise hat sich lange die Annahme erhalten, daß es im biblischen Zeitalter keine Berufsärzte gegeben habe, sondern daß die Heilkunst ausschließlich in den Händen der Priester lag. Diese Annahme entbehrt jeder Stütze, gerade das Gegenteil läßt sich aus den Quellen entnehmen. Vor allem muß es auffallen, daß in der Bibel dort, wo vom Heilen im nichtfigürlichen Sinne gesprochen wird, niemals die Priester genannt werden — wobei noch in Anschlag zu bringen ist, daß diese doch selbst die Schrift redigierten. Aber auch positive Gründe sprechen dafür, daß es mindestens zur Zeit der Propheten eigentliche Aerzte gab. Der Ausdruck für den Berufsarzt „rophe“ ist in dieser Epoche schon ganz geläufig. Von König Asa wird ausdrücklich erwähnt, er habe nicht bei Jahwe, sondern bei den Aerzten Hilfe gesucht, Jeremia hält es für unglaublich, daß in Gilead kein Arzt sein sollte, Hiob nennt seine Freunde nichtige Aerzte. Aus späteren Angaben wissen wir, daß für die Priester, welche durch die kalten Bäder, die leichten Kleider, das Barfußgehen auf den kalten Steinen häufig Unterleibserkrankungen ausgesetzt waren, eigene Tempelärzte angestellt waren.

Wie hoch das Ansehen des ärztlichen Standes gewesen, beweisen die schönen Worte Jesus, des Sohnes Sirachs (um 180 v. Chr.): „Halte den Arzt in Ehren, so wie es ihm zukommt, damit er dir zur Verfügung stehe — seine Kunst als Arzt erhöht sein Haupt und angesichts der Großen wird er bewundert. Der Herr schafft aus der Erde Heilmittel, und der verständige Mann wird sie nicht verschmähen.“

Daß die Aerzte Honorar für ihre Bemühungen empfingen, ließe sich schon aus Exodus XXI, 18-20 folgern, wo es heißt: Wenn sich Männer miteinander streiten, und einer schlägt den andern mit einem Stein oder mit der Faust ... kommt er auf, so daß er ausgehet an seinem Stabe, so soll, der ihn schlug, straflos sein, aber ihm bezahlen, was er versäumt hat und das Arztgeld geben.

Auch aus der nachbiblischen Zeit der jüdischen Medizin ist keine Fachliteratur auf uns gekommen, immerhin läßt sich ein Einblick durch den Talmud gewinnen, wo nicht selten medizinische Fragen zur Erörterung gelangen. Die starke Beeinflussung der talmudischen Medizin durch die spätgriechische weist ihrer Darstellung einen Platz an späterer Stelle zu.