(Knidos, Kos, Sizilische Schule.)


Die Schriftensammlung, welche dem größten der Aerzte, Hippokrates, zugeschrieben wird, gewährt uns die Handhabe, um die Hauptrichtungen, welche das ärztliche Denken bei den Griechen anfangs einschlug, einigermaßen verfolgen zu können. Abgesehen von den Spuren der ägyptischen[5] und mesopotamischen Heilkunde und den genialen Ideen der großen philosophischen Denker, findet man in der hippokratischen Schriftensammlung die beiden Asklepiadenschulen von Knidos und Kos und die unter philosophischem Einfluß stehende italisch-sizilische Schule vertreten[6]. Auf die Gefahr hin, dem historischen Entwicklungsgange voranzueilen, wollen wir die hervorstechendsten Eigentümlichkeiten dieser Schulen, soweit es bei den spärlichen Nachrichten möglich ist, beleuchten, bevor wir an die Betrachtung des Hippokratismus im engeren Sinne herantreten.

Die Schule von Knidos (lakedaimonische Kolonie in der asiatischen Doris) ist anscheinend älter als ihre Rivalin von Kos. Abgesehen von Zitaten aus späterer Zeit besitzen wir ein Urteil aus dem Munde eines Vertreters der koischen Schule[7], der zwar anerkennt, daß die Knidier richtig beschrieben haben, „was die Patienten bei jeder einzelnen Krankheit zu leiden haben und welchen Ausgang einige Krankheiten genommen haben“, aber es mit herben Worten tadelt, daß die Verfasser der „Knidischen Sentenzen“ (Κνἰδιαι γνῶμαι) die subjektiven abnormen Empfindungen der Kranken gegenüber der objektiven Untersuchung des Arztes in den Vordergrund stellten, nach unwesentlichen Symptomen und zufälligen Merkmalen eine große Zahl schematischer Krankheitstypen statuierten, denen ohne Individualisierung der einzelne Fall willkürlich untergeordnet wurde, daß sie die Diät vernachlässigten und in ganz schablonenhafter Anwendung wenige Heilmittel (bei chronischen Affektionen ausschließlich Abführmittel, Milch, Molken) benützten. Streng genommen bezieht sich dieses Urteil einerseits nicht auf die knidische Schule in toto, sondern nur auf das Hauptwerk derselben, auf die „Knidischen Sentenzen“, und anderseits sagt der Tadler selbst, daß „diejenigen, welche späterhin die ‚Knidischen Sentenzenʻ noch einmal bearbeitet[8] haben, wohl etwas mehr medizinische Darlegungen bezüglich der in den einzelnen Fällen anzuwendenden Mittel gegeben haben“. In Erwägung, daß selbst der wissenschaftliche Gegner einen Fortschritt der Schule (in der zweiten Auflage der Knidischen Sentenzen) zugibt, und nach Prüfung derjenigen Schriften der hippokratischen Sammlung, welche die Forschung als knidische ansieht, dürfen wir über die medizinische Richtung der Knidier ein wesentlich günstigeres Urteil fällen und können ungefähr folgendes aussagen. Aehnlich wie die mesopotamischen und ägyptischen Aerzte differenzierten die Knidier eine große Anzahl von Symptomenkomplexen als selbständige Krankheitstypen; ihre Rezepttherapie war sehr reichhaltig, namentlich auf dem Gebiete der Frauenkrankheiten, die lokale Therapie scheint gegenüber einer individualisierenden Allgemeinbehandlung den Vorrang behauptet zu haben.

Galen berichtet, daß die knidischen Aerzte sieben Krankheiten der Galle, zwölf der Harnblase, vier der Nieren, ebensoviele Arten der Strangurie, drei des Tetanus, drei Gelbsuchten, drei Schwindsuchten, zwei Krankheiten des Schenkels, fünf des Fußes, vier Bräunen etc. unterschieden. Aus knidischen Schriften des Corpus Hippocraticum ersieht man, daß sie drei Formen der Schwindsucht (je nachdem der vom Kopfe herabfließende Schleim oder Samenverluste oder eine Ueberfüllung des Rückenmarks mit Blut und Galle beschuldigt wurde), mehrere Formen der Brustwassersucht (auch eine durch zerplatzende Hydatiden entstandene), drei Leberleiden, fünf Milzleiden, drei Ileus, vier „dicke“ Krankheiten nervöser Art voneinander trennten; von der Wassersucht kannten sie drei Arten (Verhärtung der Leber, der Milz, durch schlechtes Trinkwasser verursacht), vom Typhus fünferlei Spezies (z. B. infolge von Indigestion oder durch Samenverluste oder durch Anhäufung von Galle in den Gelenken hervorgebracht) u. s. w.

Es lag im Bestreben der knidischen Aerzte, die grob regionäre Bestimmung des Krankheitssitzes unter dem Einfluß der humoralen Spekulation und des anatomischen Denkens in eine Lokalpathologie umzuwandeln, der auch die Vorliebe für örtliche Mittel (auch chirurgische) entsprach (Lokaltherapie).

Die Krankheitsklassifikation der Knidier beruhte auf einzelnen vortrefflichen Beobachtungen, auf der Berücksichtigung der ätiologischen Momente und war, was besonders hervorzuheben ist, von dem Gedanken geleitet, daß ähnliche Symptome durch ganz verschiedenartige pathologische Vorgänge hervorgerufen werden können. Allerdings bei dem niedrigen Stand der anatomischen Kenntnisse, bei der mangelhaften Einsicht in den Zusammenhang der physiologischen Funktionen und ihrer Störungen wurde begreiflicherweise das vorschwebende Ideal nur zum kleinsten Teile tatsächlich erfüllt; verleitet durch Spekulationen über Krankheitsentstehung (wobei Schleim und Galle die Hauptrolle spielten), mit Hilfe einer scheinbar exakten Akribie der Symptome (wobei wesentliche und unwesentliche nicht getrennt und die kausalen Zusammenhänge nicht erkannt wurden), kam man dazu, eine Unzahl von zumeist nur erdichteten Schemen zu konstruieren, welche nur selten das Wesen der Krankheitstypen in sich schlossen. Wie so oft im Laufe der Geschichte der Medizin trübte anscheinende Wissenschaftlichkeit die unbefangene Beobachtung und führte auf Irrwege, die gefährlicher waren als die roheste Empirie. Schlimmer als die verzerrten doktrinären Krankheitsbilder, wobei oft nur Formen einer Krankheit für selbständige Typen galten, war die Vernachlässigung der individuellen Eigentümlichkeiten des einzelnen Falles. Immerhin gebührt den Knidiern das große Verdienst, daß sie im Streben nach scharfer Diagnostik die Sinne in jeder Weise übten und in bewundernswerter Weise die Untersuchungsmittel am Krankenbette vermehrten: Geht doch, ganz im Gegensatz zu dem oben erwähnten Tadel der knidischen Sentenzen, mit Sicherheit aus manchen ihrer Schule angehörigen Schriften hervor, daß sie der objektiven Krankenuntersuchung ganz besonderen Wert beilegten, die Auskultation bei Brustaffektionen bereits anwendeten (Kenntnis des pleuritischen Reibens und der kleinblasigen Rasselgeräusche) und, was bezeichnend ist, gerade in der Gynäkologie Hervorragendes leisteten. Dem Lokalisationsgedanken entsprechend, scheint auch ihre Therapie, vorwiegend örtlich, mehr radikal als abwartend und individualisierend gewesen zu sein. Mit Messer und Glüheisen rasch zur Hand, nahmen sie kühn Trepanation der Rippen beim Empyem, Nephrotomie bei Nierenabszessen vor, und ebenso scheuten sie nicht vor übermäßigen Purgier- und Diätkuren oder vor der Anordnung anstrengender Spaziergänge zurück. Zu ihren Lieblingsmitteln zählten bei chronischen Krankheiten Milch (namentlich von einer Frau, die einen Knaben geboren hat, ganz wie in den Rezepten des Papyrus Ebers!), Molken, die „rohe Lösung“ (in verschiedener Weise zu Mehl verarbeitete Gerste mit oder ohne Zusatz). Im lokalisierend-physikalischen Sinne gedacht, waren die folgenden therapeutischen Methoden: Eingießen von Flüssigkeiten in die Luftröhre, um Husten zu erregen — zur Herausbeförderung von Schleim oder Eiter aus der Lunge, Inhalationen, Aufbinden von ledernen Schläuchen zum Zwecke der Bähung, Schaukelbewegungen etc.

Die Schule von Knidos dankte gewiß vieles der Berührung mit dem Orient — Reste davon waren die Neigung zur Traumauslegung, die symbolischen Bezeichnungen in ihrer wissenschaftlichen Terminologie[9] —, später aber scheint sie innige Beziehungen zu den großen Naturphilosophen, namentlich Großitaliens, gehabt zu haben, woher auch sicherlich die Vorliebe für anatomische Studien und Probleme über die Zusammensetzung des Körpers stammte. Dabei ist es charakteristisch, daß die knidischen Denker von großzügigen Analogieschlüssen ausgiebigen Gebrauch machten, namentlich die Parallelisierung körperlicher Vorgänge mit kosmischen Vorgängen oder Erscheinungen des Tier- und Pflanzenlebens verwerteten und ganz besonders häufig physikalische Vergleiche heranzogen[10].

Unter den zahlreichen Aerzten, die der Schule von Knidos angehörten, ragen berühmte Zeitgenossen des Hippokrates, Euryphon und Ktesias, hervor. Euryphon hat sicherlich einen tiefgreifenden und lange nachwirkenden Einfluß auf die Entwicklung der Heilkunde ausgeübt. Mit größter Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß er an der Abfassung der „Knidischen Sentenzen“ in besonderem Maße beteiligt war und manche der knidischen Schriften der hippokratischen Sammlung wenigstens mittelbar inspirierte. Aus Zitaten in der späteren Literatur erfahren wir, daß Euryphon Anatomie trieb, ein Buch über das „livide Fieber“ (πελιὴ νόσος) schrieb, die Pleuritis als Lungenaffektion erklärte, die Schwindsucht mit Esels- oder Frauenmilch und mit dem Glüheisen behandelte (auf welch letztere Methode sich vielleicht eine Szene bei dem Komiker Platon bezieht, in der ein Phthisiker Kinesias, auf der Brust mit Brandschorfen bedeckt, auftritt). Ferner wird angeführt, daß er die Krankheiten von mangelhafter Entleerung und den nach dem Kopfe aufsteigenden Nahrungsüberschüssen ableitete und annahm, Hämorrhagien könnten nicht nur aus Venen, sondern auch aus Arterien erfolgen (im Gegensatz zur herrschenden Lehre, die den Arterien Blutgehalt absprach). Für die tiefe Auffassung, welche Euryphon vom Wesen der ärztlichen Kunst hatte, spricht es, daß er die Zeit seine Lehrmeisterin nannte.

Euryphon beschäftigte sich auch eifrig mit Geburtshilfe und Gynäkologie. Zur Diagnose der Konzeptionsfähigkeit machte er eine Räucherung, die Nachgeburt suchte er durch harntreibende Mittel oder durch Schütteln der an einer Leiter festgebundenen Wöchnerin zu entfernen, bei Uterusprolaps hing er die Frau kopfüber an einer Leiter auf und ließ sie dann rücklings fallen. Wie der Gymnast Herodikos, behandelte er Hydrops durch Schlagen mit gefüllten Blasen.

Von Ktesias, der lange am Perserhof lebte und durch Schriften über Indien und Persien zur Vermittlung orientalischer Kenntnisse wohl vieles beitrug, ist es bekannt, daß er eine Arbeit über die medizinische Verwendung des Helleborus (Nieswurz) verfaßte und in einer Polemik gegen Hippokrates die Möglichkeit einer dauernden Reposition des luxierten Oberschenkels leugnete.

Ktesias, Zeitgenosse des Xenophon, diente im Heere des Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes Mnemon, wurde von diesem in der Schlacht bei Kunaxa gefangen genommen und stand bei ihm 17 Jahre lang wegen seiner ärztlichen Tätigkeit in hoher Gunst. Gleichzeitig mit ihm lebte ein anderer gefangener griechischer Arzt, Polykritos von Mende, am Perserhofe. Ktesias sammelte während seines Aufenthalts in Persien ein reiches Material geschichtlicher und geographischer Notizen, die er in seinen Werken Ἰνδικὰ und Περσικὰ niederlegte; hiervon sind zahlreiche Bruchstücke auf uns gekommen. — Vom Helleborus sagt er, daß man die Dosierung desselben zur Zeit seines Vaters noch wenig kannte, weshalb die Kranken auf die häufig tödliche Wirkung dieser Arznei aufmerksam gemacht wurden.

Die Schule von Kos ließ aus ihrer Mitte den größten der Aerzte hervorgehen. Verdankt sie diesem glücklichen Umstand einen Ruhm, der alle übrigen Schulen in den Schatten stellt, so werden anderseits ihre Traditionen und Leistungen durch das Genie des unvergleichlichen Hippokrates, durch die Verdienste der hippokratischen Aerztefamilie so sehr erdrückt, daß sich heute nicht mehr mit voller Sicherheit erkennen läßt, was der koischen Schule an sich angehört.

Kos, eine den Sporaden zugerechnete Insel, den Städten Knidos und Halikarnassos gegenüber gelegen, im Altertum berühmt durch ihren Wein, war wegen besonders günstiger klimatischer Verhältnisse wie geschaffen zum Kultort des Asklepios. Das Heiligtum desselben befand sich westlich von der Hauptstadt Kos und wurde zur Zeit der höchsten Blüte mit den Meisterwerken des Apelles und Praxiteles (Aphroditestatue) ausgeschmückt. In jüngster Zeit wurde die ehrwürdige Stätte des koischen Asklepieions bloßgelegt, wobei man eine Menge von Weihgeschenken, sowie eine Reihe von Inschriften (bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. herab) auffand. Es ergibt sich, daß das koische Asklepieion, wiederholt durch prächtige Neubauten erweitert, zu den ausgedehntesten heiligen Anlagen des Altertums zählte. Zu den wiederholten Neubauten und Erweiterungen gab das Erdbeben von 412 v. Chr. oder ein Brand, später die Gunst der Ptolemäer und der Herrscher von Pergamon, endlich der Römer Anlaß. Wann das Heiligtum verödete, ist noch nicht festgestellt, niedergeworfen wurden seine Bauten wahrscheinlich durch das gewaltige Erdbeben vom Jahre 554 n. Chr. Die an weithin sichtbarer Stelle heute noch gezeigte sogenannte Hippokratesplatane war Zeuge der alten Herrlichkeit. Auf den Ausgangspunkt des Asklepioskults von einem Brunnen in einem heiligen Hain deutet es, daß die Dichter direkt für Asklepieion den Namen der (fälschlich auch nach Hippokrates bezeichneten) schon bei Theokrit sagenberühmten Quelle Burinna einsetzten. Die koischen Asklepiaden erfreuten sich schon im 6. Jahrhundert eines weitreichenden Ansehens; dafür besitzen wir Zeugnisse in einer historischen Ueberlieferung, nach welcher die Delphische Priesterschaft, bedrängt von den Einwohnern Kirrhas, um 584 v. Chr. den Asklepiaden Nebros und seinen Sohn Krisos zu Hilfe riefen, ferner in einer zu Athen aufgefundenen Weiheinschrift des Aineios, Großoheims des Hippokrates. Unter den Vorgängern des Hippokrates ist namentlich Apollonides bekannt, welcher als Leibarzt des Artaxerxes I. tätig war und wegen Vergehungen mit der Schwester des Königs, Amytis, hingerichtet wurde. Nach den kürzlich gefundenen Inschriften in Kos sandte die Schule sehr häufig ihre besten Vertreter ins Ausland; zahlreiche Ehrendekrete fremder Staaten, welche im Asklepieion verwahrt wurden, berichten von den hervorragenden Leistungen der koischen Aerzte. — Wie die knidischen, so besaßen auch die koischen Asklepiaden schon im 5. Jahrhundert v. Chr. eine große Bibliothek und eine reiche Literatur.

Wenn wir unten das Wissen und Können der Hippokratiker schildern, so ist darunter implizite auch die koische Schule verstanden. Hier sei nur ganz im allgemeinen auf ihre wissenschaftliche Auffassung im Gegensatz zur knidischen verwiesen. Daß sich ein solcher Gegensatz in demselben Zeitalter zwischen zwei Asklepiadenschulen trotz innigster geistiger Verwandtschaft und räumlicher Nachbarschaft schon so frühzeitig entwickeln konnte, daß Knidos und Kos in ihren Prinzipien sogar vorbildlich für die ganze weitere medizinische Entwicklung wirkten — spricht wohl mehr als vieles andere für die unvergleichliche Vielseitigkeit des hellenischen Geistes!

Gleich den Knidiern, vom Streben erfüllt, die Medizin über rohe Empirie zu erheben, mit mindestens der gleichen Sorgfalt die Symptome beobachtend, schien den Koern nicht so sehr die naturgeschichtliche Beschreibung der Krankheitsindividuen, sondern vielmehr das Schicksal des erkrankten Individuums, nicht so sehr die Diagnose, als die Prognose Hauptobjekt des ärztlichen Denkens zu sein. Während die Knidier mittels vager Differenzierung zahlreiche Krankheitstypen konstruierten, suchten die Koer dieselben durch das Band der Prognose zu vereinigen, indem sie aus den vom Typus abweichenden Symptomen auf einen veränderten Verlauf und Ausgang derselben Krankheit schlossen; ihre Pathologie und Therapie berücksichtigte nicht so sehr den Sitz der Krankheit als den Gesamtzustand des Kranken. Wurden von beiden Schulen Fehler begangen, von der knidischen durch Fiktion von Krankheitstypen auf Grund unwesentlicher Merkmale, von der koischen durch das Zusammenwerfen pathologisch und ätiologisch differenter Krankheitseinheiten, so gebührt doch den Koern in theoretischer Beziehung der Vorrang, weil zu ihrer Zeit eine wirkliche Erkenntnis der zu Grunde liegenden pathologischen Vorgänge eben unmöglich war, in praktischer Hinsicht, weil ihre Methode zur individualisierenden Behandlung führte. Mochten die knidischen Krankheitsklassifikationen den Schein der Wissenschaftlichkeit für sich haben, tatsächlich lag es damals in den Grenzen wahrer Wissenschaft einzig und allein, auf Grund kritisch geläuterter Empirie, den Krankheitsausgang aus gewissen, der Erfahrung nach, günstigen oder ungünstigen Symptomen vorauszusagen[11].

Historisch bemerkenswert ist es, daß diese Stufe des medizinischen Denkens, die Pflege der Prognostik, sich logisch fast ungezwungen aus der weissagenden Tempelheilkunde ableiten läßt (nur daß an Stelle der göttlichen Vorzeichen die dem Kundigen viel bedeutenden krankhaften Lebenserscheinungen getreten sind) und ein Analogon darstellt zur Vorhersage von Himmelserscheinungen und Vorzeichen durch Babylons sternkundige Priester. Wie diese aus uralten Aufzeichnungen das Gesetz der zyklischen Wiederkehr kosmischer Vorgänge aufdeckten, und ein Thales auf Grund dessen eine Mondfinsternis zum Erstaunen seiner Mitbürger voraussagen konnte, so war es den Asklepiaden ermöglicht, aus der Vergleichung zahlreicher in dem Tempelarchiv verwahrter ähnlicher Krankheitsgeschichten, aus gehäufter Erfahrung Anzeichen des günstigen oder ungünstigen Ausgangs festzustellen, Gesetze des Krankheitsverlaufs empirisch zu formulieren.

Mit Vorliebe wandte man sich der Beobachtung jener akuten Leiden (z. B. der Lungenentzündung) zu, welche durch den Typus ihrer Symptome, durch den Rhythmus ihres Verlaufs ein Gesetz ahnen ließen, das an den Zyklus der Sternwelt, an die Zahlenverhältnisse der Töne, wie sie Pythagoras gefunden, in seiner Regelmäßigkeit erinnerte. Spekulation und tatsächliche Erfahrungen arbeiteten sich in die Hände. So bildete sich denn als Folge der Betrachtung des Gesamtverlaufs typischer Krankheitsbilder, vielleicht auch im Hinblick auf die Astronomie und die Pythagoreische Zahlenmystik die Lehre von den Krisen, d. h. von der Krankheitsentscheidung, und die Lehre von den kritischen Tagen aus, d. h. von den Zeitverhältnissen, an welche die Wendung der Krankheit zum Guten oder Schlimmen gebunden ist. Die Richtschnur für die Vorhersage am Krankenbette bildete, abgesehen vom Allgemeinbefinden und verschiedenen Merkmalen, namentlich das Fieber und das Verhalten der Exkrete und Sekrete, die nach der herrschenden Säftelehre als ausgeschiedene Krankheitsstoffe galten und durch den Wechsel ihrer Konsistenz den Mischungszustand der konstituierenden Grundflüssigkeiten offenbarten. Ausgehend von Bildern des gemeinen Lebens und vom Verdauungsprozesse, erblickte man im Zusammentreffen des ansteigenden und absteigenden Fiebers mit zähflüssigen oder dünnflüssigen Auswurfstoffen einen Kochungsprozeß der Säfte durch die Körperwärme und gelangte zur Aufstellung dreier Krankheitsstadien, des Stadiums der Roheit der Säfte (ἀπεψία), der Kochung (πέψις) und der Krisis (Ausscheidung oder Ablagerung der Krankheitsstoffe).

Die Erfahrungen und Anschauungen der koischen Aerzte wurden vor Hippokrates in den „Koischen Lehrmeinungen“ niedergelegt, welche höchstwahrscheinlich als Vorlage für die eine oder andere prognostische Schrift der hippokratischen Sammlung benützt wurden.

Waren die Koer vom Geiste nüchterner, echt klinischer Beobachtung erfüllt, vertraten die Knidier mehr eine Richtung, welche zwar treu auf dem Boden der Erfahrung verläuft, aber dennoch dem Idol temporärer Wissenschaftlichkeit die Naturwahrheit nur allzu leicht zum Opfer bringt, so scheint die sizilische Aerzteschule, die sich von Empedokles herleitete, ihr Hauptziel darin erblickt zu haben, die ärztliche Kunst in eine Wissenschaft umzuwandeln, auf dem Wege der Naturforschung und philosophischen Spekulation oberste Prinzipien zu gewinnen, aus denen sich deduktiv die Theorie der Krankheiten und die Norm für das ärztliche Handeln ergibt. Aus den kargen Bruchstücken, welche scharfsinnige Forscher in letzterer Zeit aus der Vergessenheit emporgezogen haben, erhellt es immer mehr, daß die sizilischen Aerzte, als deren vornehmste Vertreter die Schüler des Empedokles, Akron und Pausanias, insbesondere aber der Zeitgenosse Platons, Philistion aus Lokroi, genannt werden, sich um die Entwicklung der Anatomie und Physiologie ganz besonders verdient gemacht und die wichtigsten Bausteine zur Krankheitstheorie, wie sie im Corpus Hippocraticum entwickelt ist, gelegt haben.

Den Spuren des Alkmaion folgend, beschäftigten sich die hervorragendsten Aerzte der sizilischen Schule eifrig mit der Tierzergliederung, wobei sie anscheinend den Gefäßen besonderes Augenmerk zuwendeten. Hierzu dürfte wohl die Lehre des Empedokles, daß das Blut Sitz der eingepflanzten Wärme (der Seele) sei, und daß die Atmung nicht allein durch Mund und Nase, sondern auch vermittels der Hautporen durch das Röhrensystem des ganzen Körpers erfolge[12], den Anlaß gegeben haben. (Es sei hier daran erinnert, daß auch der philosophische Hauptvertreter der Pneumatheorie, Diogenes von Apollonia, eine Schilderung des Gefäßsystems hinterlassen hat.) Nach der Ansicht maßgebender Forscher steht gerade die beste anatomische Schrift, das Corpus Hippocraticum, welche vom Herzen handelt (περὶ καρδίης) und eine vortreffliche Beschreibung der Aortenklappen, des Herzbeutels, Herzbeutelwassers etc. enthält, unter dem Einfluß der sizilischen Aerzte; wie von den Aegyptern, wurde die Lehre vertreten, daß das Herz Mittelpunkt des Gefäßsystems und Quelle alles Blutes ist.

Neben allgemein naturwissenschaftlichen Erwägungen über die Bedeutung der Luft und der Windströmungen[13] mag auch die anatomische Beobachtung der postmortalen Leerheit der Arterien dazu geführt haben, daß die sizilischen Aerzte das Pneuma als wichtigsten Regulator des organischen Lebens betrachteten[14]; das Pneuma sollte sich durch die Adern verbreiten, mit dem Blute zirkulieren[15], zur Abkühlung der Körperwärme dienen, alle Sinneswahrnehmungen und Bewegungen, sowie durch Erregung von Fäulnisvorgängen[16] (zusammenwirkend mit der Wärme) die Verdauung vermitteln. Als Zentralorgan des Pneuma betrachtete man das Herz[17]. Gerade diese auf anatomische Kenntnisse (Herz = Mittelpunkt der Gefäße) begründete Lehre wurde verhängnisvoll für Physiologie und Pathologie, insofern nämlich die sizilische Schule dementsprechend — im Gegensatz zu Alkmaion und den Koern — den Sitz der Seele in das Herz verlegte und die Geisteskrankheiten als Affektionen des Herzens ansah. Ein bedeutender Rückschritt, der wie bei den Knidiern durch scheinbare Exaktheit verursacht wurde!

In der Krankheitslehre wurde dem Pneuma und den vier Elementen oder Elementarqualitäten gleiche Berücksichtigung zu teil. Solange die Bewegung des Pneuma (Atmung) ungestört vor sich geht, ist der Mensch gesund; wird sie gehindert, indem Schleim- oder Gallenanhäufung die Wege verlegt, so entstehen Krankheiten; neben äußeren Einflüssen (Verletzungen, Temperatur) oder Diätfehlern führt aber auch das Uebermaß oder der Mangel einer der Qualitäten (des Warmen, Feuchten u. s. w.) an sich, zur Erkrankung.

Hinsichtlich der Therapie wäre mit Anerkennung hervorzuheben, daß die sizilische Schule auf die Diät besonderes Gewicht legte — eine Nachwirkung der Pythagoreer; ihre Koryphäen Akron und Philistion verfaßten eigene Werke über diesen Gegenstand, ja der letztere wurde von Galen sogar unter den vermutlichen Autoren der hippokratischen Schrift περὶ διαίτης aufgezählt.

Wir sind in unserer Darstellung mit der sizilischen Lehre zwar nicht über die Zeit, in der die „hippokratischen“ Schriften entstanden sind, hinausgeeilt, wohl aber über die Epoche des großen Hippokrates. Diese Ueberschreitung war nötig, weil es galt, die Grundlagen der „hippokratischen“ Schriften bloßzulegen, zu welchen aber neben koischen und knidischen nicht zum mindesten auch die Lehrmeinungen der sizilischen Schule gehören.

Anhangsweise seien noch einige, zur Zeit des Hippokrates lebende Aerzte erwähnt, welche keiner besonderen Schule zugerechnet werden. Meton von Athen, als Astronom bekannt, suchte die Medizin mit der Astronomie in Verbindung zu setzen. Bolos schrieb über die Heilkraft der Natur. Diagoras von Melos, Gegner des Opiums, Erfinder eines Collyriums gegen chronischen Augenkatarrh, wurde wegen Atheismus mit Verbannung bestraft.

Die hippokratischen Schriften
(Corpus Hippocraticum).

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Die ehrwürdige hippokratische Schriftensammlung, welche als ältestes Denkmal der Glanzepoche hellenischer Heilkunst erhalten blieb, bezeichnet den Kreuzungspunkt aller früheren Richtungen und verknüpft in sich die vielverschlungenen Fäden, die einerseits zur grauen Vorzeit zurück, anderseits bis mitten in die Gegenwart hinein reichen.

Die Tradition macht einen einzigen zu ihrem Urheber, Hippokrates, den unvergleichlichen Arzt von Kos, der seinen Namen in Flammenzügen an die dunkle Wand der Jahrhunderte hinschrieb; vor dem Richterstuhl prüfender Kritik dagegen sind die „Werke des Hippokrates“ nichts anderes, als die bunt zusammengewürfelte Arbeit von Generationen, das Geistesprodukt sehr verschiedenartiger Verfasser, deren Einzelstimmen nur der Zufall zu einem, nicht immer zusammenklingenden Chor vereinigt hat.

Wie es jetzt vorliegt, so wurde im wesentlichen das Corpus Hippocraticum im Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. von einer Kommission alexandrinischer Gelehrter im Auftrag der bücherfreundlichen Ptolemäer zusammengestellt und redigiert[18]. Schon damals war man in Zweifel, welche Schriften dem großen Hippokrates mit Sicherheit zugesprochen werden können, und kaum war eines der Bücher frei von Veränderungen und Zusätzen geblieben. Bemüht, die echten Bücher in einer Sammlung zu vereinigen, anderseits aber auch bestrebt, möglichst wenig verloren gehen zu lassen, sichtete die Kommission zwar die große Zahl von anonymen Dokumenten, welche als angeblich hippokratisch durch Kaufleute aller Länder herbeigeschafft wurden, verfuhr aber dabei mit so wenig Kritik, daß neben Meisterwerken mit dem Stempel echt ärztlichen Geistes und schriftstellerischer Klassizität auch bloße Kompilationen und dürftige Auszüge oder Entwürfe, neben koischen auch Schriften anderer Schule, in das Corpus Hippocraticum aufgenommen wurden. Unter sich zeigen die einzelnen Schriften die größten Verschiedenheiten hinsichtlich des Dialekts, des Stils und der Darstellung, ja sogar hinsichtlich der theoretischen Grundanschauungen; neben vollkommen abgeschlossenen Abhandlungen stehen bloße Notizensammlungen oder Krankenjournale, neben Fachschriften auch phrasenhafte Sophistenreden, die sich an das große Publikum richten, und was den Ursprung anbelangt, so stammt ein nicht unbeträchtlicher Teil der Schriften gar nicht aus der koischen Schule oder entstand nicht einmal im Zeitalter des Hippokrates, sondern vor und nach seiner Schaffensperiode!

Seit der Zeit der alexandrinischen Bibliothekare beschäftigen sich gelehrte Forscher mit der Frage, welche Schriften von Hippokrates selbst herrühren, welchen Verfassern oder wenigstens welcher Schule die „unechten“ Bücher zuzuschreiben sind. Da im ganzen Corpus Hippocraticum kein Autor genannt ist, gleichzeitige zuverlässige Zeugen für die Echtheit fehlen und die Kommentatoren des Altertums meist tendenziös verfuhren, indem sie ihre eigenen medizinischen Grundsätze durch angeblich „echte“ Schriften zu stützen suchten, so wird der subjektiven Kritik ein um so größerer Spielraum eingeräumt, als leider auch textkritische, etymologische und sogar reale (medizinische) Unterscheidungsmomente keine genügenden exakten Anhaltspunkte geben, oder doch sehr häufig versagen. Das Schlimmste liegt noch darin, daß gerade dasjenige, was wir der Schriftensammlung nicht entnehmen können, nämlich die persönlichen theoretischen Ansichten und Kenntnisse des Hippokrates selbst, einen ausschlaggebenden Faktor bei der Beurteilung bildet, weshalb die Kritiker unter der Voraussetzung der idealen Größe des koischen Arztes nur zu leicht der Versuchung unterliegen, dasjenige als echt hippokratisch anzusehen, was den temporären Vorstellungen von medizinischer Vollkommenheit entspricht. Trotzdem das Problem der Echtheit seit 2000 Jahren von einer Unzahl von Forschern mittels der verschiedenartigsten Kriterien angegangen wurde, konnte kaum in der Kritik der einen oder anderen Schrift volle Einigkeit erzielt werden, und wie sehr das Urteil schwankt, zeigt, daß die Zahl der „echten“ Schriften (von den 31, die der Kommentator Erotianos [zur Zeit Neros] anerkannte, oder von den 13, die noch Galenos anerkannte) schon auf zwei, ja auf Null herabgesunken war und sich in der neuesten Kritik kaum auf sechs erhoben hat. Dasselbe gilt für die Frage, wer die Autoren der unterschobenen Bücher sind. Als sicheres Ergebnis kann es nur angesehen werden, daß die „hippokratischen“ Schriften fast sämtlich vor Aristoteles verfaßt wurden und einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert umspannen, daß in ihnen die Grundsätze der koischen Schule zwar überwiegend, so doch nicht ausschließlich hervortreten, und daß nicht wenige Schriften von den Lehren oder Leistungen, namentlich der knidischen, aber auch der sizilischen Aerzte mehr oder minder beeinflußt sind.

Dieses dürftige Resultat bezeichnet eine klaffende Lücke, welche sich zwar in der Literaturgeschichte sehr störend bemerkbar macht, aber für eine historische Betrachtung, welche mehr den Tatsachen, Ideen, der gesamten wissenschaftlichen Entwicklung als den Personen zugewendet ist, von wenig Belang ist. War es doch das Corpus Hippocraticum in seiner Totalität, das die Wissensquelle für unzählige Aerzte bildete, Theorie und Praxis im Laufe zweier Jahrtausende beeinflußte und diese gewaltige Geistessumme von Ideen und Kenntnissen liegt, unbeschadet der Echtheitsfrage, klar vor uns. Und entzieht sich auch die historische Person des Hippokrates unseren Blicken, die geistige Persönlichkeit, welche die medizinische Forschung von spekulativen Irrwegen abrief und ins Fahrwasser der nüchternen Beobachtung lenkte, die ärztliche Berufstätigkeit mit dem Gefühl der Standeswürde erfüllte, sie spricht, wenn auch nicht mit derselben Reinheit, aus allen, auch aus den minderwertigen Teilen der Schriftensammlung, gleich wie sich die Sonne auch im Tümpel spiegelt. Anders erscheint Sokrates in Platons Dialogen, anders in Xenophons Auffassung; so bergen auch die „hippokratischen“ Schriften bald mehr, bald weniger von echt hippokratischem Geiste, ganz unbeeinflußt von seinem Genius sind aber wohl nur wenige unter ihnen. Ohne daher auf die Feinheiten philologischer Kritik einzugehen, wollen wir zunächst von den Schriften der hippokratischen Sammlung Kenntnis nehmen, hierauf untersuchen, worin der tiefere Wesenszug des Hippokratismus besteht und schließlich den materiellen Inhalt der „hippokratischen Schriften“ in summarischer Uebersicht betrachten.