Schriften allgemeinen Inhalts.
1. Ὅρκος. Jusjurandum = Eid. Eidesformel der Schüler. Wahrscheinlich von der koischen Schule überkommenes Asklepiadenstatut, das später dem berühmtesten aller Aerzte, Hippokrates, zugeschrieben wurde.
2. Νόμος. Lex = Das Gesetz. Behandelt die zur Erlernung der Medizin nötigen Anlagen und Kenntnisse.
3. περὶ τέχνης. de arte = Die Kunst. Verteidigung der ärztlichen Kunst gegen ihre Widersacher.
4. περὶ ἀρχαίης ἰητρικῆς. de prisca medicina = Die alte Medizin. Polemik gegen die Philosopheme der Neueren, Lob der alten Kunst, welche ihren Ursprung von diätetischen Erfahrungen bei Gesunden und Kranken nahm. Das Warme und Kalte, Feuchte und Trockene ist nicht die Krankheitsursache, sondern das Süßeste, Bitterste, Sauerste, Herbste etc. — eine Säftetheorie, welche stark von Alkmaion beeinflußt erscheint.
5. περὶ ἰντροῦ. de medico = Der Arzt. Deontologie und Vorschriften über die ärztliche Werkstätte. (Für den Anfänger bestimmte Schrift.)
6. περὶ εὐσχημοσύνης. de habitu decenti = Ueber den Anstand. Aerztliche Ethik. (Wahre und falsche Wissenschaft; Philosophie und Medizin; Untersuchung und Verhalten am Krankenbette.) Im 5. Kapitel dieser Schrift findet sich der berühmte Satz: „denn ein Arzt, der zugleich Philosoph ist, steht den Göttern gleich“ (ἰητρος γὰρ φιλόσοφυς, ἰσόθεος).
7. Παραγγελὶαι. Praecepta = Vorschriften. Aerztliche Sittenlehre, welche in dem Satze gipfelt: Wo Liebe zum Menschen ist, da ist auch Liebe zur Kunst vorhanden.
8. Ἀφορισμοί. Aphorismi = Die Aphorismen (Lehrsätze). Bücher, deren letztes in viel späterer Zeit verfaßt wurde und nur eine höchst mangelhaft redigierte Kompilation darstellt. Die Aphorismen sind der berühmteste Teil der ganzen hippokratischen Schriftensammlung, wurden in fast alle Sprachen übersetzt und unzählige Male kommentiert, sie enthalten in zumeist lapidarer Kürze das Resumé der Prognostik der koischen Schule. Wenn auch dem Werte nach ungleichartig, finden sich unter den Aphorismen Thesen und Sinnsprüche, welche von echt hippokratischem Geiste durchweht, in ihrer prägnanten Fassung an die Aussprüche der sieben Weisen erinnern und zu den Perlen der Weltliteratur zählen. Zu geflügelten Worten sind namentlich die folgenden beiden geworden: „Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, der rechte Augenblick ist rasch enteilt, der Versuch ist trügerisch, das Urteil ist schwierig“ (I, 1)[19] und „Was Arzneien nicht heilen, heilt das Eisen, was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer, was das Feuer nicht heilt, das muß man als unheilbar betrachten“ (VIII, 6)[20]. Das erste Buch betrifft hauptsächlich die diätetische Therapie; das zweite die Prognostik; das dritte Krankheitsdisposition, Einfluß der Jahreszeiten und des Lebensalters; das vierte handelt von Brech- und Abführmitteln und von der Diagnose, insbesondere fieberhafter Krankheiten; das fünfte von Krämpfen, von der Wirkung der Wärme und Kälte, namentlich bei chirurgischen Affektionen, von Frauenkrankheiten; das sechste enthält in seinem sehr bunt gemischten Inhalt Bemerkungen über die Symptomatologie chirurgischer Krankheiten; das siebente handelt von Nebenerscheinungen, Komplikationen mit Prognose und über die Aufeinanderfolge von Krankheiten.