Arabismus und Scholastik.

Mit dem 13. Jahrhundert tritt die Medizin gleich den übrigen Zweigen der abendländischen Bildung in eine neue, von den vorangehenden Entwicklungsstadien scharf differenzierte Phase, welche insbesondere durch die Aufnahme, Verbreitung und eigenartige Verarbeitung der arabischen Literatur ihren charakteristischen Zug empfängt.

Aber auch in dieser Epoche bestätigt sich das historische Gesetz, daß neue Geistesströmungen in der Medizin später als auf anderen Gebieten des Kulturlebens zum vollen Ausdruck gelangen, denn wahrhaft durchdrungen vom Arabismus im Ideengang und in der Methodik wird die Heilkunde erst im Laufe der zweiten Hälfte des Säkulums, d. h. erst dann, nachdem ihr in der gegebenen Richtung die philosophische Spekulation und die sonstige Forschung schon Dezennien lang vorausgeeilt war.

Während nämlich unter dem Einflusse der arabisierenden Peripatetik nur allzu bald jene hoffnungsvollen Ansätze verkümmerten, welche der jugendliche Humanismus und die Dialektik des 12. Jahrhunderts, aus dürftigen Hilfsquellen schöpfend, hervorgebracht hatten[1], stemmte sich die inzwischen im Abendlande herangewachsene ärztliche Tradition dem Arabismus zunächst entgegen und hinderte für eine Weile noch, freilich aussichtslos, seinen Sieg.

Dieser Widerstand besaß nicht überall dieselbe Stärke und die gleiche Hartnäckigkeit, am kräftigsten und dauerndsten war er begreiflicherweise in Salerno selbst, dessen Ruhm sich ja gerade an die Erhaltung der alten Ueberlieferungen knüpfte und daher jetzt bedroht wurde. Aber auch in Salerno, wo seit der Tätigkeit des Constantinus wenigstens in manchen Teilgebieten der medizinischen Wissenschaft (namentlich Heilmittellehre, Anatomie, Chirurgie) Arabismen längst eingeschlichen waren, richtete sich die Abwehr nicht gegen das neue Beobachtungs- und Erfahrungsmaterial, nicht einmal so sehr gegen den therapeutischen Ueberschwang als gegen jene, der schlichten salernitanischen Denkweise widersprechende theoretische Subtilität und hyperrationalistische Systembauerei, wie sie in höchster Vollendung in Avicennas Kanon vorlag.

Im wesentlichen handelte es sich also um die Methode des Wissenschaftsbetriebes, um diese drehte sich der Streit, und schon eine einfache Ueberlegung ergibt, daß der ablehnende Standpunkt der Civitas Hippocratica nicht allein eine Aeußerung erklärlicher eifersüchtiger Regungen oder eines starren Konservatismus war, sondern geradezu mit zwingender Notwendigkeit dem ganzen Bildungswesen der Salernitaner entsprang. Waren es doch nüchterne, von der Blässe abstrakten Denkens nicht angekränkelte, einer rationellen Empirie huldigende Praktiker, welche die Schule groß gemacht hatten, war es doch eben die vom rein ärztlichen Gesichtskreise geleitete Lehr- und Forschungsweise, welche den Namen Salernos weithin erstrahlen ließ. Mit den minderen, von Constantinus importierten Autoren, auch mit Ali Abbas und dem Kliniker Rhazes konnte sich der Geist der Salernitanermedizin noch durch Konzessionen abfinden, die Unterwerfung unter die Diktatur Avicennas hingegen, des höchsten Repräsentanten des medizinischen Arabismus, erforderte schon tatsächlich eine Verleugnung der bisher so hoch gehaltenen, so treu bewahrten Prinzipien. Aber noch mehr, um die Feinheiten dieses großen Syllogismenvirtuosen empfinden, um in den Scharfsinn seines engmaschigen Lehrsystems eindringen, um seine Gedanken weiter ausspinnen zu können, dazu bedurfte es einer Vorschulung in spitzfindiger Dialektik und in ihrer Anwendung auf ärztliche Probleme, welche dem bisherigen Studienwesen, der bisherigen wissenschaftlichen Bearbeitung, wenn man nach den Schriften der Glanzperiode Salernos urteilen darf, mangelte.

Die Hindernisse, welche dem arabisierten Galenismus entgegentraten — am meisten im Zentrum der Salernitanermedizin, verhältnismäßig weniger wohl in der durch historische Verhältnisse besser vorbereiteten Schule von Montpellier — begegneten keineswegs dem viel rascher vordringenden arabisierten Aristoteles und seinen Kommentatoren; denn ihnen hatte die im 9. Jahrhundert einsetzende, im 11. und 12. Jahrhundert bereits mächtig aufblühende Scholastik durch straffe Geisteszucht längst den Boden geebnet, und die bedeutungsvolle Anknüpfung der christlich-abendländischen an die arabische Philosophie konnte umso leichter von statten gehen, als beiden die Methode gemeinsam war und nur die Breite der antiken Grundlage, die Reichhaltigkeit der Probleme den auszugleichenden Unterschied ausmachte[2].

Sollte nun in ähnlicher Weise eine Anknüpfung der abendländischen an die in ihrer Höchstentfaltung von aristotelischem Geiste ganz durchsetzte arabische Medizin zu stande kommen, so war es eine unerläßliche Vorbedingung, daß sich die ärztlichen Forscher jene Methode aneigneten, auf deren souveräner Handhabung eben der imponierende Nimbus der fremden Meister beruhte, d. h. sie mußten sich in die spezifische Begriffswelt des Stagiriten einleben, den Gebrauch des philosophischen Handwerkzeugs erlernen, die nötige Gewandtheit auf der Schaubühne der Dialektik erwerben. Mit anderen Worten, durch den Arabismus wurde die abendländische Medizin genötigt, ihr jahrhundertelang in den ärztlichen Fachschulen geführtes Sonderdasein aufzugeben, aus ihrer Isoliertheit herauszutreten und den Anschluß an die Philosophie zu suchen. Dieser Anschluß, der in der Antike mehr in Form der Personalunion zu Tage getreten war, fortan aber eine langdauernde Realunion wurde, erfolgte in dieser Epoche durch das verhängnisvolle Bündnis mit der Scholastik.

Die Wandlungen im medizinischen Wissenschaftsbetriebe ließen begreiflicherweise auch andere Pflegestätten neben den bisherigen auftauchen oder Bedeutung gewinnen, denn besser als das abblühende Salerno vermochten den neuen Bedürfnissen jene der inzwischen entstandenen Schulen gerecht zu werden, welche ihrer Entwicklung und Einrichtung gemäß schon seit längerem die Heilkunde mit anderen Wissensgebieten in Verbindung gesetzt hatten, wiewohl dabei erst ganz allmählich der äußeren Form der Institutionen auch eine innere, organische Einheit folgte. Es waren dies einige der seit dem Beginne des 13. Jahrhunderts feste Gestaltung annehmenden — Universitäten, dieser Hochsitze scholastischer Gelehrsamkeit. Dort, wo der so fruchtbringende Assoziationsgeist auch auf dem Felde geistiger Arbeit Triumphe feierte, wurde die spätmittelalterliche Medizin aus der Paarung des Arabismus mit der scholastischen Methode geboren, dort wurde die Heilkunde wieder ein wichtiges Glied in der Kette der gesamten wissenschaftlichen Entwicklung.

Die ältesten Universitäten besitzen keinen genau datierbaren Ursprung, weil sie aus dem gesteigerten geistigen Leben des 12. Jahrhunderts (Aufschwung der Rechtsstudien und der philosophisch-theologischen Scholastik) und aus den Bedürfnissen des Scholarentums nach Organisation und Rechtsschutz ganz allmählich emporwuchsen; sie entwickelten sich aus privaten Schulen (z. B. Bologna aus einer Rechtsschule) oder in Anlehnung an alte geistliche Lehranstalten (Paris, Oxford) — nicht aber direkt aus diesen, wie man früher gemeint hat — und gewannen auf Grund des Genossenschaftsprinzips durch Regelung ihres Verhältnisses zur geistlichen und staatlichen Autorität erst nach und nach ihren Rechtsboden; festere Organisation erlangten sie kaum vor dem Beginne des 13. Jahrhunderts. Durch Abzweigung aus den ältesten Universitäten (Auswanderung von Scholaren und Magistern) oder nach dem Muster derselben entstanden im Laufe des 13. Jahrhunderts nicht wenige neue Studiensitze, besonders in den miteinander wetteifernden italienischen Städten, auch stifteten Kaiser Friedrich II. (als König von Neapel und Sizilien) und Papst Gregor IX. bereits in den ersten Dezennien dieses Säkulums Hochschulen (Neapel bezw. Toulouse). Die Theorie, daß zur Errichtung eines Studium generale vorerst die Einholung päpstlicher oder kaiserlicher Genehmigung (päpstliche Bulle, kaiserlicher Stiftungsbrief) nötig sei, brach sich zwar in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts langsam Bahn, kam aber erst in der Folgezeit zur vollen Geltung.

Es würde viel zu weit führen, hier auf die, in ihren Anfängen äußerst verwickelte Geschichte der mittelalterlichen Universitäten einzugehen und es muß daher auf die einschlägigen neueren Werke verwiesen werden[3]. Es sei bloß daran erinnert, daß man unter Universitas die mit Privilegien ausgestattete Korporation der Scholaren oder der Scholaren und Magister verstand, während die Hochschule selbst als Studium generale[4] bezeichnet wurde, und daß nach der im einzelnen nicht unerheblich voneinander abweichenden aber nach gewissen Typen (Bologna, Paris, Neapel) orientierten Verfassung im wesentlichen drei Gruppen von Universitäten unterschieden werden können: Städtische Scholarenuniversitäten[5], kirchliche Magisteruniversitäten (Kanzleruniversitäten)[6], Staatsuniversitäten[7]. Neben der Scheidung in Nationalitäten vollzog sich die anfangs gewöhnlich nur in den Doktoren-(Magister-)Kollegien zum Ausdruck kommende Sonderung in Fakultäten. Gemäß dem Begriffe der alten Universitas lediglich als Korporation von Scholaren und Magistern hat man sich unter den ältesten „Universitäten” keineswegs stets schon gleich von Anfang an aus den vier Fakultäten (im modernen Sinne) bestehende Hochschulen vorzustellen. Dieser Komplex kam vielmehr in der Regel nur allmählich und, was nicht übersehen werden möge, nicht überall zu stande[8]. Was die Stellung der Medizin im Rahmen der Universitäten anlangt, so war dieselbe keine gleichartige — eine Erscheinung, die sich auch in der geschichtlichen Rolle der einzelnen Schulen oder in der von ihnen vorzugsweise vertretenen wissenschaftlichen Richtung äußerte. So führte sie z. B. in Montpellier ein Sonderdasein in Form einer ganz selbständigen Korporation, an den italienischen Stadtuniversitäten nach dem Muster Bolognas, z. B. in Padua, bildete sie einen Bestandteil der (artes liberales) Artistenkorporation (═ philosophischen Fakultät), in Paris erscheint schon am Anfang des 13. Jahrhunderts in voller Deutlichkeit eine eigene medizinische Fakultät, welche aber nicht bloß die wirklichen Lehrer, sondern sämtliche diplomierte Aerzte in sich schloß[9]. Eine ganz isolierte Stellung nahm die Schule von Salerno ein, ihre Einrichtung wurde, abgesehen von Unterrichtswesen und Graduierung, nicht einmal für Formierung der übrigen medizinischen Fakultäten vorbildlich.

Im frühen Mittelalter hatte die Medizin als Wissenschaft ein bescheidenes Plätzchen unter den Artes liberales erobert[10] — bloß als Anhängsel der Klerikerbildung; in Salerno war sie zur Selbständigkeit erstarkt — doch losgelöst vom allgemeinen Wissenschaftsbetriebe; in der Jugendepoche der Universitäten trat sie wieder in den Kreis der Wissenschaften zurück, jetzt erst mit voller Ebenbürtigkeit und Gleichstellung, was alsbald in der Regelung der Standes- und Unterrichtsverhältnisse prägnanten Ausdruck fand.

Denn erst in dieser Zeit waren jene Voraussetzungen ganz erfüllt, welche es ermöglichten, das medizinische Studien- und Prüfungswesen in festere Normen zu bringen, und unter dem Einflusse kirchlicher oder staatlicher Macht, den Befähigungsnachweis zur Ausübung der medizinischen Lehrtätigkeit und der ärztlichen Praxis auf gesetzliche Grundlagen zu stellen.

In Montpellier erfolgte der Uebergang von schrankenloser Lehr- und Lernfreiheit (vgl. S. 319) zur gesetzlichen Regelung durch die Statuten, welche der dortigen „Universitas medicorum tam doctorum quam discipulorum” die erste straffere Organisation gaben und die Schule unter die Leitung eines (vom Bischof von Maguelone in Gemeinschaft mit drei angesehenen älteren Lehrern gewählten) Kanzlers stellten. Nach diesen 1220 vom päpstlichen Legaten, Kardinal Konrad, entworfenen Statuten durfte nur derjenige als Lehrer der Medizin auftreten, welcher darin geprüft worden war und vom Bischof unter Zuziehung und nach Befragen seiner Lehrer die Lizenz erhalten hatte. Im Jahre 1230 wurde bestimmt, daß niemand die ärztliche Praxis ausübe, bevor er hierzu nicht vor zwei (vom Bischof zu Examinatoren bestimmten) Magistern der Heilkunde die Prüfung mit günstigem Erfolge abgelegt habe, andernfalls drohte ihm die Strafe der Exkommunikation. Wie wenig übrigens die Gesetze gegen die Kurpfuscherei fruchteten, beweist ihre wiederholte Erneuerung, so z. B. durch Jacob I. von Aragonien, der 1272 Juden und Christen ohne abgelegte Prüfung und erworbene Lizenz die Praxis in Montpellier verbot.

Von größter Bedeutung waren die Verordnungen, welche der Hohenstaufe Friedrich II. als Herrscher beider Sizilien — mit Rücksicht auf die zur Staatsanstalt umgewandelte Schule von Salerno (und Neapel) — erließ; sie stellen den ersten Versuch einer staatlichen Organisation des medizinischen Unterrichts- und Prüfungswesens dar. Im Anschluß an König Rogers gesetzliche Bestimmung (vgl. S. 317) wurde (1231) die Erlaubnis zur ärztlichen Praxis nach vorangegangenem (staatlich kontrolliertem) Examen von der Staatsbehörde abhängig gemacht, Zuwiderhandelnden schwere Strafe angedroht. Die Studienzeit hatte sich überdies nach der Medizinalverfassung vom Jahre 1240 über ein Quinquennium zu erstrecken, dem zur Vorbereitung noch ein dreijähriges Studium der Logik vorhergehen mußte. Die Grundlage des Unterrichts bildete die Interpretation hippokratischer und galenischer Schriften theoretischen und praktischen Inhalts, auch war die Chirurgie im Studienplan inbegriffen. Um die nötige praktische Sicherheit zu erlangen, hatte der junge Arzt sich nach bestandener Prüfung noch ein Jahr unter die Leitung eines erfahrenen, älteren Kollegen zu begeben. Chirurgen mußten den Nachweis eines mindestens einjährigen Studiums und insbesondere des fleißigen Besuchs der Vorlesungen über die Anatomie des Menschen erbringen, bevor man sie zur Prüfung vor dem ärztlichen Kollegium zuließ. Ueber die von der Staatsbehörde erteilte Lizenz wurde ein Diplom ausgestellt; in dem Eide, den der junge Arzt bei dieser Gelegenheit leisten mußte, hatte er sich zu verpflichten, Armen unentgeltlich seinen Rat zu erteilen und Apotheker[11], welche die Medikamente nicht den Vorschriften gemäß zubereiten, der Behörde anzuzeigen. Als Maximaltaxe für eine Krankenvisite am Tage innerhalb der Stadt wurde ein halber Gold-Tarrenus (═ 1¼ Mark) festgesetzt, für Visiten außerhalb des Ortes ein entsprechend höherer Betrag. Streng untersagt waren dem Arzte Geschäftsverbindungen mit den Apothekern oder der Besitz einer eigenen Apotheke. — Die Erlaubnis zur Ausübung der Lehrtätigkeit (in Salerno) durfte nur nach einer unter staatlicher Kontrolle erfolgreich bestandenen Prüfung erteilt werden.

Utilitati speciali perspicimus, cum omni saluti fidelium providemus. Attendentes igitur grave dispendium et irrecuperabile damnum, quod posset contingere ex imperitia medicorum, jubemus in posterum nullum medici titulum praetendentem audere practicare aliter, vel mederi, nisi Salerni primitus, et in conventu publico magistrorum judicio comprobatus, cum testimonialibus litteris de fide et sufficienti scientia tam magistrorum quam ordinatorum nostrorum, ad praesentiam nostram vel, nobis a regno absentibus ad illius praesentiam, qui vice nostra in regno remanserit, ordinatus accedat, et a nobis, vel ab eo medendi licentiam consequatur; poena publicationis bonorum et annalis carceris imminente his, qui contra huiusmodi nostrae serenitatis, edictum in posterum ausi fuerint practicare (Constitut. regni Siciliae 1231, vgl. Huillard-Bréholles, Histor. diplom. Friderici II, Paris 1851-61, Tom. IV, p. 150).

Quia nunquam sciri potest scientia medicinae, nisi de logica aliquid praesciatur, statuimus, quod nullus studeat in medicinali scientia, nisi prius studeat ad minus triennio in scientia logicali. post triennium, si voluerit, ad studium medicinae procedat: ita quod chirurgiam, quae est pars medicinae, infra praedictum tempus addiscat, post quod, et non ante, concedatur sibi licentia practicandi examinatione, juxta curiae formam, praehabita, et nihilominus recepto pro eo de praedicto tempore studii testimonia magistrali. Iste medicus jurabit servare formam curiae hactenus observatam, eo adjecto, quod si pervenerit ad notitiam suam, quod aliquis confectionarius minus bene conficiat, curiae denunciabit, et quod pauperibus consilium gratis dabit. Iste medicus visitabit aegrotos suos ad minus bis in die, ad requisitionem infirmi semel nocte: a quo non recipiet per diem, si pro eo non egrediatur civitatem vel castrum, ultra dimidium tarrenum auri. Ab infirmo autem, quem extra civitatem visitat, non recipiet per diem ultra tres tarrenos, cum expensis infirmi, vel ultra quatuor tarrenos, cum expensis suis. Non contrahet societatem cum confectionariis, nec recipiet aliquem sub cura sua ad expensas suas pro certa pretii quantitate, nec ipse etiam habebit propriam stationem. — — — Nec tamen post completum quinquennium practicabit, nisi per annum integrum cum consilio experti medici practicetur. Magistri vero infra istud quinquennium libros authenticos, tam Hippocraticos, quam Galeni, in scholis doceant, tam in theoretica, quam in practica medicina. Salubri etiam constitutione sancimus, ut nullus chirurgicus ad practicam admittatur, nisi testimoniales litteras offerat magistrorum, in medicinali facultate legentium, quod per annum saltim in ea medicinae parte studuerit, quae chirurgiae instruit facultatem, et praesertim anatomiam humanorum corporum in scholis didicerit, et sit in ea parte medicinae perfectus, sine qua nec incisiones salubriter fieri poterunt, nec factae curari. — — — Praesenti etiam lege statuimus, ut nullus in medicina vel chirurgia nisi apud Salernum vel Neapolim legat in regno, nec magistri nomen assumat, nisi diligenter examinatus in praesentia nostrorum officialium et magistrorum artis ejusdem. (Novae Constitutiones, vgl. Huillard-Bréholles, l. c. p. 235. Als Datum dieser Verordnungen wird das Jahr 1240 angenommen.)

Das ärztliche Diplom hatte folgenden Wortlaut:

Notum facimus fidelitati vestrae, quod fidelis noster N. N. ad curiam nostram accedens, examinatus inventus fidelis et de genere fidelium ortus et sufficiens ad artem medicinae exercendam, extitit per nostram curiam approbatus. Propter quod de ipsius prudentia et legalitate confisi, recepto ab eo in curia nostra fidelitatis sacramento et de arte ipsa fideliter exercenda juxta consuetudinem juramento, dedimus ei licentiam exercendi artem medicinae in partibus ipsis: ut amodo artem ipsam ad honorem et fidelitatem nostram et salutem eorum qui indigent, fideliter ibi debeat exercere. Quodcirca fidelitati vestrae praecipiendo mandamus, quatenus nullus sit, qui praedictum N. N. fidelem nostrum super arte ipsa medicinae in terris ipsis, ut dictum est, exercenda impediat de cetero vel perturbet.

Die mit besonderer Rücksicht auf Salerno gegebenen Verordnungen Friedrichs II. wurden für den medizinischen Studiengang an den übrigen Hochschulen im ganzen und großen vorbildlich, und namentlich war überall ein mehrjähriges Vorstudium in den artes erforderlich. In Paris mußte der Mediziner nach den ältesten Statuten (aus den Jahren 1270-74) eine 5½jährige Studienzeit nachweisen[12], vorausgesetzt, daß er in artibus bereits graduiert war (wenn dies nicht der Fall war, eine 6jährige Studienzeit), und dasselbe galt auch für Montpellier. Allmählich wurde es jedoch üblich — nach dem Muster der Rechtsschule von Bologna — schon 2-3 Jahre nach Beginn des medizinischen Studiums eine Zwischenprüfung einzuführen, welche den Nachweis über die allgemeinen theoretischen Kenntnisse in den einzelnen medizinischen Zweigen erbringen sollte. Der dabei erlangte Grad, das Baccalaureat, erhob den Kandidaten über die Stufe des Scholaren und machte ihn schon durch Heranziehung zur Lehrtätigkeit, wenn auch in sehr beschränktem Maße, zu einer Hilfskraft der Schule. In Salerno erfolgte die Einführung des Baccalaureats spätestens im Jahre 1280 gemäß einer Verordnung des Königs Karl I.[13]; das Baccalaureat und das Licentiat (am Ende der Studienzeit) wurden zu Vorstufen für das Magisterium bezw. späterhin für die Doktorwürde[14], mit welcher die Aufnahme in die ärztliche Korporation (Fakultät) und die Lehrtätigkeit verbunden war. Ursprünglich waren es ausschließlich die Rechtsschulen, welche nach dem Beispiele Bolognas die Doktorwürde erteilten, schon im Verlauf des 13. Jahrhunderts ging aber der Gebrauch (wenigstens in Italien) auch auf die übrigen Fakultäten mit Ausnahme der artistischen über, bei der der Magistertitel ständig erhalten blieb.

Die Lizenz wurde an den meisten Hochschulen vom Kanzler, d. h. einem kirchlichen Würdenträger, im Namen des Papstes (in der Kirche) erteilt, wobei der Akt gleichsam einen religiösen Charakter trug. Nur für den Ausnahmsfall, wo es sich um Juden handelte, wurde auch der Fakultät selbst (an italienischen Hochschulen, in Montpellier) die Verleihung überlassen.

So sehr aber die Angliederung an die Universitäten den szientifischen Rang der Heilkunde erhöhte, die Kontinuität ihrer Lehre sicherte, die Legitimität ihrer Ausübung regelte, so sehr auch die Medizin durch die aus arabischen Quellen stammende Gelehrsamkeit, durch die, der Scholastik abgelauschte Dialektik ein wissenschaftlich gleißendes Gepräge erhielt — es war gerade der, in äußeren Institutionen aufgehende, echt mittelalterliche, stramme Korporationsgeist, die überreiche, einem fremden Boden entsprossene Tradition, die von der Artistenfakultät entlehnte, auf abstraktes Denken gegründete Methode, welche die bisher inhaltlich zwar dürftige, aber der unbefangenen Beobachtung, der freien Kritik nicht gänzlich entratende Forschungsweise verdrängte und an ihre Stelle den Autoritätsglauben, den starrsten Dogmatismus setzte. Unter dem Banne dieser beiden finsteren Mächte stehend, wurde die Medizin ein wenigstens formal hineinpassender, ein das Gesamtbild nicht störender Bestandteil der eben auf der Höhe ihrer Entfaltung angelangten christlich-abendländischen Kultur, zumal Lehrer und Schüler zumeist dem Klerikerstande (wenigstens nominell) angehörten — mochte auch die Heilkunst ihren Zielen nach dem herrschenden asketisch-hierarchischen Zeitgeist, der ausschließlich dem Transzendentalen zugewandten Weltanschauung stets etwas Wesensfremdes bleiben.

Vom herrschenden Zeitgeist, der weltverneinend im Innersten, alles Irdische unter dem Gesichtspunkt des Jenseits wertete, von der im 13. Jahrhundert eben den Zenith erreichenden mittelalterlichen Weltanschauung, die das Sinnliche nur als Zeichensprache des Uebersinnlichen faßte, flossen der aufs leibliche Wohl gerichteten, daher geradezu in kontradiktorischem Gegensatze stehenden Heilwissenschaft[15] keinerlei fördernde Leitgedanken zu; dem Kulturganzen konnte die Medizin nur äußerlich, nur formal subsumiert werden, indem man sie unter das Joch einer Methode zwang, welche ursprünglich für die Zwecke der spekulativen Theologie ersonnen war, aber darüber hinausgreifend schließlich das gesamte Geistesleben in die Fesseln der Syllogistik, der logischen Turnierkunst schlug. Da diese Methode die Unterwerfung unter anerkannte Autoritäten und zu Dogmen gestempelte Doktrinen forderte und in ihrer Ueberschätzung des einseitigen Intellektualismus nicht von sinnlicher Erfahrung ihren Ausgang nahm, sondern umgekehrt die Einzelerscheinungen aus axiomatisch hingestellten Prämissen aprioristisch zu konstruieren strebte, schon durch logische Begriffsverkettungen auch den realen Zusammenhang der Dinge ergründen zu können vermeinte, somit für jedes Gebiet eher passend war als für die dringendst auf Beobachtung angewiesene Medizin — so erklärt es sich von vornherein, daß das 13. Jahrhundert, welches auf manchen anderen Gebieten der abendländischen Kultur unleugbar glänzende Manifestationen des Zeitgeistes, ja bewundernswerte Leistungen des Scharfsinns oder der künstlerischen Schaffenskraft erkennen läßt und selbst technische Fortschritte (Kompaß, Schießpulver, Brillen)[16] hervorbrachte, der Heilkunde im großen und ganzen eine Epoche der Stagnation bedeutet, die durch einen Aufwand imponierender Gelehrsamkeit und subtiler Spitzfindigkeit Bewegung bloß vortäuschte.

Das 13. Jahrhundert — namentlich die erste Hälfte desselben — stellt die klassische Epoche der mittelalterlichen Kultur dar, insofern ihr treibendes Element, der kirchliche Gedanke, auf allen Gebieten zur reichsten Entfaltung gelangt. Von düsteren Katakomben zu glänzenden Basiliken und hochragenden Domen emporgestiegen, von weisen Päpsten geführt, auf die neuen Streitscharen der Bettelmönche gestützt, nahm die Kirche, triumphierend über alle Gegenströmungen (Katharer, Waldenser, Albigenser — Hohenstaufen), neben dem Sacerdotium auch das Imperium und Studium für sich in Anspruch und beherrschte mit ihrem überall hindringenden, kaum je versagenden Einfluß alle Lebensverhältnisse. Wenn auch nicht bis zu den letzten Konsequenzen, so doch in sehr weitgehender Weise war jenes asketisch-hierarchische System zur Tatsache geworden, welches die weltverneinende Idee des Christentums in der Aufrichtung des als Vorbild vorschwebenden kirchlichen Gottesstaates oder in der damit gleichbedeutenden Uebertragung aller Macht auf die Kirche zu verwirklichen strebte. Es sei hier gänzlich davon Abstand genommen, auf die politischen und sozialen Verhältnisse einzugehen und nur versucht, ganz im allgemeinen den Charakter des damaligen Geisteslebens ins Auge zu fassen. Vor allem muß betont werden, daß sich innerhalb der gezogenen Schranken eine wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit entwickelte, die an die glänzendsten Epochen erinnert und einerseits in den Universitäten ihren Brennpunkt hatte, anderseits in den herrlichsten Denkmälern der Baukunst, in den mächtigen Kathedralen, den erhabensten Ausdruck fand. Das Zentrum, die Kraftsonne alles wissenschaftlichen Lebens bildete die Theologie, welche als scientia universalis alle übrigen Wissenszweige umschloß, ihnen Ziel und Richtung gebend, feste Grenzen setzte, sie geradezu zu bloßen Helfern herabdrückte. Für den Betrieb der profanen Wissenschaften war vorwiegend der Gesichtspunkt der Theodizee maßgebend. In höchstem Maße gilt dies von der Philosophie, welche, als Magd der Theologie, ohne die Glaubenssätze antasten zu dürfen, ausschließlich die Aufgabe hatte, mittels der allmählich zur Technik erstarrten scholastischen Methode den dogmatischen Inhalt mit der natürlichen Vernunft in Einklang zu bringen, nach Lösung vorhandener Widersprüche oder rationalistischer Einwände in ein organisch zusammenfassendes System zu kleiden. Waren doch der Theologie und Philosophie die Lehrer und Schüler, die Methoden und Bücher gemeinsam. Bei dem Streben, die Philosophie kirchlich zu gestalten, leuchtete namentlich das Ziel voran, die anfänglich mit Mißtrauen betrachtete Peripatetik, diese höchste Entfaltung des nicht von der Offenbarung geleiteten Denkens, mit der Glaubenslehre, Aristoteles mit den Kirchenvätern in Uebereinstimmung zu setzen, wodurch man allen, an den großen heidnischen Weltweisen anknüpfenden heterodoxen Neigungen am schlagendsten, am wirksamsten zu begegnen hoffte, wie dies zur Genüge aus den Systemen der Koryphäen der Scholastik, des Alexander von Hales, Bonaventura, Albertus Magnus und Thomas von Aquino hervorleuchtet. Aristoteles, der in scholastischer — auf neuplatonisch-arabischer basierender — Interpretation die kräftigsten Stützen für die Herstellung der Konkordanz zwischen Wissen und Glauben lieferte[17], wurde zum Range einer Autorität erhoben, die derjenigen der Kirchenschriftsteller höchstens in essentiellen dogmatischen Fragen nachstand, sie aber in wissenschaftlichen überragte, auch gewannen unter dem Einflusse des Stagiriten die stets wach erhaltenen enzyklopädischen Neigungen einen früher kaum in solchem Grade hervorstechenden rationalistischen Zug, der sich in der Ausdehnung der scholastischen Methode von der Theologie und Philosophie auf andere Fächer äußerte. Es bedarf keiner weiteren Ausführung, daß die Unterordnung unter eine Methode, welche die Dialektik zur obersten Schiedsrichterin auch im Gebiete des Realen machte, nicht von der Beobachtung und Analyse der Einzelerscheinungen, sondern von aprioristischen Konstruktionen ausging, vor den Autoritäten die Segel strich, den harmonischen Abschluß des Systems der Weltanschauung selbst auf Kosten der Erfahrung als vornehmstes Ziel anstrebte, namentlich für die Naturwissenschaft ein drückendes Joch bedeutete, ein Joch, welches den wirklichen Fortschritt hemmte. Nicht weniger unheilvoll war für die Naturwissenschaft die Tendenz, die Physik in ein Anhängsel der Metaphysik umzuwandeln, die Natur nicht so sehr als Objekt an sich, denn als Hindeutung auf die Welt des Uebersinnlichen zu betrachten — die allegorische, symbolistische Auffassung der Naturkörper und des Naturgeschehens, wie sie schon im Physiologus zutage getreten war. — Vorherrschend von kirchlich-religiösem Geiste als Leitmotiv waren die Schöpfungen der Poesie[18] und Musik, der bildenden Künste erfüllt, und die glänzendste Verkörperung erhielt die transzendente, allegorische Auffassung der Erdenwelt, der Gedanke des Gottesstaates, die subtile Konstruktion des Einzelnen aus machtvoll beherrschenden allgemeinen Ideen in den großartigen, auf schmaler Grundlage hochstrebenden gotischen Kathedralen, welche in Stil und Technik anscheinend die irdischen Bedingungen überwinden, in ihrer in unzähligen zierlichen Formen aufblühenden Gliederung den lebendigen Eindruck eines zu Stein gewordenen organischen Ganzen erwecken. Und wie sich die kirchliche Philosophie die profanen Wissenschaften unterordnete, so zwang die Architektur die an Reinheit, an klassischem Stil, an Fülle der Gestalten an die herrlichsten Epochen erinnernde Plastik und selbst die Malerei in ihren Dienst, wodurch wenigstens die letztere an individueller Entfaltungskraft einbüßte.

Wie jedes andere Zeitalter war übrigens auch das 13. Jahrhundert von einer wirklich homogenen Kultur durchaus entfernt, und nicht wenige Erscheinungen des religiösen, wissenschaftlich-künstlerischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebens wurzelten gerade in solchen Unterströmungen, welche zum hierarchisch-asketischen Systeme, zur spiritualistischen Weltanschauung und zum Feudalismus einen scharfen Kontrast bildeten. Hierher gehören z. B. die religiösen aber antikirchlichen Bewegungen der Katharer, Waldenser, Albigenser etc., die neuplatonisch-averroistischen, pantheistischen Neigungen mancher Scholastiker, das Erwachen der Nationalitätsidee gegenüber dem kirchlichen Universalismus (Nationalstaaten, zunehmende literarische Bedeutung der Volkssprachen), das Aufblühen der nichtkirchlichen Poesie, welche völkische in die heidnische Vorzeit zurückreichende Ideale, wenn auch verschleiert, feierte, und zudem im Gegensatz zur asketischen Weltabgewandtheit der natürlichen Sinnlichkeit Rechnung trug (Volksepen, Troubadours, Minnesänger), die Anfänge wissenschaftlicher Betätigung seitens der Laien (z. B. in der Geschichtschreibung), die höchst folgenreiche Emanzipation von der Kirche im Rechtsleben, das Emporkommen der Ständevertretung, der Städte, der Geldwirtschaft u. s. w.

Wenn oben ausschließlich der charakteristischen Hauptrichtung gedacht wurde, so geschah dies, weil die antagonistischen Kulturbewegungen nur in geringem Maße ihren Einfluß auf die Heilkunde geltend machten.

Es soll gewiß nicht in Abrede gestellt werden, daß die scholastische Epoche die vorausgehenden Entwicklungsstadien der abendländischen Heilkunde durch ihren Ideengehalt, durch den aus der arabischen Literatur zugetragenen Wissensstoff, ganz besonders aber durch die wissenschaftliche Form der Bearbeitung überragte; doch was bedeuten diese Vorzüge gegenüber den Schädigungen einer Methode, welche von der erfahrungsmäßigen Prüfung der Fundamente absah, die Ueberlieferung als Denknotwendigkeit hinstellte, die Dinge durch die Kunst des scharfsinnigen Definierens und Konkludierens zu meistern vortäuschte, die Sinnestätigkeit, die unbefangene Beobachtung unter dem Scheingebäude blendender Dialektik begrub. Statt der ehrlichen Forschung am Krankenbette wurde jene technische Gewandtheit im Distinguieren und Argumentieren, im Kommentieren und Disputieren gezüchtet, die für jede Frage auch schon die Antwort, für jedes neu auftauchende Problem auch schon die Argumente spitzfindiger, aus Aristoteles, Galen, Avicenna etc. geschöpfter Buchweisheit bereit hielt. Die dialektische Bearbeitungsweise, welche im Grunde stets im gleichen Zirkel vorgefaßter, bloß autoritativ gestützter Meinungen umherirrte, konnte am wenigsten einer Wissenschaft frommen, in der es noch so vieles, wenn nicht alles, erst an der Hand der Erfahrung aufzubauen galt. Gerade die Heilkunst mußte ihrem ganzen Wesen nach unter dem Zwange des Scholastizismus mehr leiden als die übrigen realen Fächer, welche entweder dem Kalkül unterworfen waren und teilweise bereits in sicheren Bahnen liefen oder aber durch die relative Einfachheit des Objekts den Beobachtungssinn wenigstens einzelner trotz aller Systembefangenheit anlockten. Während die Mathematik und Geometrie (Leonardo Fibonacci, Jordanus Nemorarius, Robert Grossetête), die Astronomie (Alfonsinische Tafeln, Sphaera materalis des Holywood ═ De Sacrobosco), die Mechanik, die Optik (Peckham, Roger Baco, Witelo), die Chemie bezw. Alchemie, die Mineralogie, Botanik und Zoologie (Albertus Magnus), die Klimatologie und Geographie (Giraldus Cambrensis — Reisebeschreibungen des Plano de Carpini, Rubruquis, Marco Polo), im Zeitalter der Hochscholastik, im Anschluß an die Araber nicht ohne Fortschritte über das Gegebene hinaus blieben, kann von der Medizin dieser Epoche kaum dasselbe behauptet werden, und wenn sie auch mancher über den Durchschnitt hinausragender Männer nicht entbehrte, vermochte sie doch Keinen hervorzubringen, der einem Albertus Magnus als Naturbeobachter, einem Roger Bacon als Experimentalforscher wahrhaft gleichwertig an die Seite zu stellen wäre.

Wiewohl der Gesamteindruck unverwischbar bleibt, daß die Geistesarbeit des 13. Jahrhunderts im wesentlichen darauf abzielte, übernommene aprioristische Konstruktionen auszuspinnen und denkmethodisch zu beweisen, so darf doch nicht übersehen werden, daß auch an der Vermehrung des realen Kenntnisschatzes eifrig gearbeitet worden ist, und zwar mit einem Ergebnis, welches uns wenigstens auf einzelnen Gebieten unter Berücksichtigung der historischen Verhältnisse geradezu Bewunderung abringt. Der Hauptantrieb für solche höchst anerkennenswerte Bestrebungen und Leistungen lag freilich in dem Drange der Scholastik, die übersinnlichen Glaubenssätze mittels des Wissens von den irdischen Dingen vernunftgemäß zu demonstrieren[19], doch unter der sorgsamen, weitausgreifenden Pflege verwandelte sich hie und da das sekundäre Werkzeug in ein Objekt mit Selbstzweck.

Den besten Einblick in die Naturforschung der Scholastiker bezw. in die Summe ihres Wissens von der Natur gewähren die einschlägigen Schriften des Albertus Magnus (1193-1280) und die kolossale Enzyklopädie des Vincentius Bellovacensis, von denen der eine der Aristoteles, der andere der Plinius des 13. Jahrhunderts genannt zu werden verdient. Ihre Werke besitzen auch zur Medizin Beziehungen.

Albert von Bollstädt, genannt Albertus Magnus (wegen seiner universellen Gelehrsamkeit auch Doctor universalis), wurde 1193 zu Lauingen in Schwaben geboren, studierte in Italien (zuletzt in Padua), trat in seinem 30. Lebensjahre in den Orden der Dominikaner ein und wirkte bis ins hohe Alter mit grenzenlosem Fleiße als gefeierter Lehrer (besonders in Paris und Köln) und ungewöhnlich produktiver Schriftsteller, trotz vielfacher Inanspruchnahme durch anderweitige Ordensangelegenheiten und kirchliche Funktionen (1260-1262 Bischof von Regensburg). Er war nicht nur eine Leuchte der Theologie und scholastischen Philosophie, sondern förderte auch in hohem Grade die Naturwissenschaften, denen er schon während der Studienzeit reges Interesse und seltenes Verständnis entgegenbrachte. Bekanntlich knüpfen sich an seine, den Zeitgenossen und Späteren fast unheimlich große Naturkenntnis manche Sagen, welche ihn geradezu als Magier erscheinen lassen. Von den außerordentlich zahlreichen (überwiegend theologisch-philosophischen) Schriften des Albertus Magnus — die Gesamtausgabe von Petr. Jamy (Lyon 1651) besteht aus 21 Foliobänden[20], neueste Ausgabe, Paris 1892 ff. — beziehen sich nicht wenige auf naturwissenschaftliche Gegenstände und Fragen, wobei im wesentlichen die Tendenz durchleuchtet, die Zeitgenossen mit den einschlägigen Lehren des Aristoteles bekannt zu machen, was damals als gleichbedeutend mit der Einführung in die Naturkenntnis selbst betrachtet wurde. „Meine Absicht in Betreff der Naturwissenschaft,” sagt Albert in der Einleitung zur Physik, „liegt darin, nach meinen Kräften der Bitte meiner Ordensgenossen zu willfahren, ihnen ein Buch über die Natur zu verfassen, woraus sie zugleich die Schriften des Aristoteles richtig verstehen könnten.” Dieser Anschluß an den Stagiriten in naturwissenschaftlichen Dingen war nur eine Teilerscheinung der gewaltigen Aufgabe, die sich Albertus gesetzt hatte, nämlich das gesamte Schrifttum des Aristoteles erschöpfend zu erklären, die Scholastik mit dem Ideengehalt der Peripatetik zu erfüllen, und entsprach vollkommen den Bedürfnissen des Zeitalters, das ohne kundigen Führer sich in der Fülle der neuerschlossenen Gedanken und Tatsachen noch nicht zurecht zu finden wußte. Demgemäß verfaßte Albertus — wie schon die gleichlautenden Titel andeuten — eigentlich nur paraphrasierende Abhandlungen über die entsprechenden Schriften des Aristoteles und versuchte, wo solche verloren gegangen waren, das Fehlende im Geiste des Stagiriten selbst zu schreiben. Trotz der sogar äußerlich nicht verleugneten Gefolgschaft in den Grundanschauungen wußte sich Albertus dennoch in oft überraschender Weise eine gewisse Selbständigkeit zu wahren, welche in seinen „Digressiones” zu Tage tritt und zwar nicht allein in Form der Kritik abstrakter Erklärungsversuche (beruhend auf denkender Verarbeitung der sonstigen Literatur), sondern, was mehr gilt, in Form von zahlreichen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen, die Albertus wohl am meisten auf seinen Fußwanderungen durch ganz Deutschland — als Provinzial seines Ordens — gemacht hatte. Diese Selbständigkeit im Sinnesgebrauch — im damaligen Zeitalter des bloßen Bücherwissens eine ganz ungewöhnliche Erscheinung — kam in erster Linie der Zoologie und Botanik (reichhaltige, genaue Angabe über die Tierwelt Mitteleuropas, vortreffliche autoptische Pflanzenbeschreibungen, Anfänge der Pflanzengeographie etc.) zu gute, im minderen Grade auch der Klimatologie (Unterscheidung zwischen solarem und physischem Klima u. a.), Mineralogie, Chemie und Physik[21]. Mag Albertus auch in den Grundauffassungen ein starrer Verfechter der kirchlichen Weltanschauung gewesen sein, mag er auch dem Aberglauben oft zu willig Folge geleistet haben[22], er schied doch weit schärfer als die Vorgänger und meisten Zeitgenossen Metaphysisches von dem, was rationeller Naturerkenntnis zugänglich ist. In einer theologischen Schrift versteigt er sich bemerkenswerterweise zu dem Ausspruch, in Lehren des Glaubens und der Moral sei wohl dem Augustinus eine höhere Autorität als den Philosophen beizumessen, in Fragen der Medizin hingegen sei am meisten dem Galen oder Hippokrates, in Fragen der Naturwissenschaft am meisten dem Aristoteles zu vertrauen, ja an anderen Stellen bezweifelt er sogar überhaupt den Wert der Autorität für die profanen Wissenschaften und verweist sie auf die Erfahrung als einzig ausschlaggebendes Kriterium[23]. Was das Medizinische anlangt, so verdienen die, in zahlreichen Schriften verstreuten anatomischen, physiologischen und psychologischen Ausführungen Interesse. Albertus schrieb auch (hauptsächlich nach Avicenna) über die Heilwirkungen der Pflanzen (de vegetabilibus lib. V) und Steine (de mineralibus), hingegen hat er die praktische Heilkunde unbearbeitet gelassen (von dem Machwerk de secretis mulierum muß abgesehen werden). Trotzdem war sein Einfluß als Herold des Aristoteles auf die naturwissenschaftliche Begründung und Methodik der ärztlichen Bildung ein ungemein großer, diente doch seine Schrift Summa naturalium (Philosophia pauperum) bis ins 16. Jahrhundert als medizinische Propädeutik.

Mit Albertus Magnus erlosch unter den Scholastikern nahezu gänzlich das Streben, das Studium des Aristoteles zum Ausgangspunkt empirischer Naturforschung zu machen; die Probleme der Dogmatik, Metaphysik, Ethik, Politik u. a. beherrschten eben ausschließlich das Terrain. Schon der größte Schüler des Albertus, Thomas von Aquino, ließ die Naturlehre des Stagiriten unkommentiert und begnügte sich, wo die Erörterung naturwissenschaftlicher Fragen erforderlich war, zumeist nur damit, das zu wiederholen, was sein Meister in diesen Dingen schon gelehrt hatte. In seiner Summa totius theologiae finden sich Erörterungen über Fragen aus der Physiologie der Sinnesorgane, der Zeugung und Ernährung, wobei ein extrem animistischer und dynamistischer Standpunkt (qualitates occultae) verfochten wird.

Es waren lediglich Werke enzyklopädischen Charakters ohne höhere spekulative Tendenz, in welchen auch die Naturwissenschaft ihre angemessene Vertretung fand, und zwar in der Weise, daß man fleißig erlesenes Bücherwissen mehr oder minder kritiklos zusammentrug. Für die Verbreitung der Kenntnisse in weiteren Kreisen hatten freilich gerade solche Kompilationen einen nicht gering anzuschlagenden Wert, und ihr Inhalt beweist, welche große Fortschritte seit dem Bekanntwerden und seit der Durcharbeitung der aristotelischen sowie der arabischen Schriften gemacht worden war.

An der Spitze dieser Enzyklopädien[24] steht dem Umfang und der Bedeutung nach das Speculum majus des Dominikaners (Vincentius Bellovacensis) Vincenz von Beauvais († 1264), welcher bei Ludwig IX., dem Heiligen, die Stelle eines „Lektors” bekleidete[25] und mit bewunderungswürdigem Sammlerfleiß das ganze Wissen der damaligen Zeit in wohlgeordneter, leichtverständlicher Darstellung zusammenfaßte[26]. Dieses, aus vielen Hunderten von Autoren kompilierte Kolossalwerk, das bis ins 17. Jahrhundert als Fundgrube der Gelehrsamkeit großes Ansehen genoß (ed. Argent. 1473-1475, Norimb. 1485, Venet. 1493-1495, Duaci 1624, die letzte Ausgabe in 4 starken Foliobänden), zerfällt in drei Hauptteile, Speculum naturale, doctrinale, historiale (das eingeschobene Speculum morale rührt nicht vom Verfasser selbst her), von denen die beiden erstgenannten für Naturwissenschaft bezw. Medizin überraschend reiche Ausbeute liefern. Das Speculum naturale, aus 33 Büchern mit 3740 Kapiteln bestehend, handelt nach einem alten Einteilungsmodus, nämlich nach der Ordnung der sechs Schöpfungstage, von Gott, den Engeln, der gesamten Natur. In den Abschnitten, welche den Menschen betreffen, werden die Seelenkräfte und ihre Funktionen, der Bau des menschlichen Körpers (Buch 29), des weiteren die Zeugung, Schwangerschaft, Geburt, die Ernährung des Kindes, die Komplexionen und Krankheitsanlagen, Mißgeburten u. a. (Buch 32) besprochen, resp. die einschlägigen Exzerpte aus Kirchenvätern, kirchlichen Enzyklopädisten und Philosophen, ferner aus Hippokrates, Aristoteles, Dioskurides, Plinius, Palladius, Isaac, Ali Abbas, Rhazes, Avicenna, Constantinus, Platearius, Maurus, Salernus u. a. mitgeteilt; der Verfasser selbst steht zwar im Verhältnis zu den vielen fremden Autoritäten im Hintergrunde, unterläßt es aber keineswegs ganz, hie und da mit eigenen verständigen Ansichten hervorzutreten. Das Speculum doctrinale, welches übrigens in seinem Inhalte vieles aus dem Speculum naturale in kürzerer Fassung wiederholt, gibt, mit der Pädagogik beginnend, eine Darstellung sämtlicher Wissenszweige und Künste in folgender eigenartiger Anordnung: Grammatik, Logik, Rhetorik, Poetik, Ethik, Oekonomik, Politik, Rechtskunde, mechanische Künste und Handwerke, Medizin, Naturlehre, Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie, Metaphysik, Theologie. Gerade die Medizin, welche zwischen den praktischen Künsten und den theoretischen Wissenschaften wegen ihrer Doppelnatur rangiert[27], ist besonders eingehend im 12., 13. und 14. Buche (insgesamt in 456 Kapiteln) behandelt, und zwar sowohl die Diätetik, allgemeine Heilmittellehre, Physiologie und Pathologie, wie die spezielle Krankheitslehre und Symptomatologie. Zitat reiht sich an Zitat aus Hippokrates, Galen (weit seltener), Isidorus, Johannitius, Alkindi, Isaac, Rhazes, Ali Abbas, Avicenna, Constantinus, Kophon, dem Compendium Salernitanum, Maurus Nicolaus u. a., während der Autor fast nur zu allgemein orientierenden Bemerkungen das Wort ergreift. Weit größere Verbreitung als das voluminöse Werk des Vincenz von Beauvais fand eine viel seichtere, kritiklos zusammengestoppelte naturwissenschaftliche Enzyklopädie, welche einen englischen Franziskanermönch zum Verfasser hat und kurz vor 1260 ans Licht gekommen zu sein scheint, es ist dies die, aus 19 Büchern bestehende Schrift des Bartholomaeus Anglicus (B. de Glanvilla) de proprietatibus rerum (man kennt 33 Inkunabeldrucke, dazu noch 10 spätere Ausgaben, zuletzt Francof. 1619; außerdem alte Uebersetzungen ins Französische, Englische, Holländische, Spanische, zum Teil mit Abbildungen). Der Inhalt ist aus ungefähr 150 Autoren geschöpft, wobei Aristoteles die Hauptrolle spielt. Auf die Medizin bezieht sich teilweise das 3. Buch, das von den Seelenkräften, das 4., das von den Elementarqualitäten und Kardinalsäften handelt, besonders aber das 5. und. 6. Buch, in welchen Anatomie, Physiologie und spezielle Krankheitslehre zur Darstellung kommen. Von medizinischen Autoren sind Hippokrates, Galen, Dioskurides, Johannitius, Isaac, Ali Abbas, Avicenna, Constantinus Platearius, Aegidius Corboliensis, Macer Floridus, Marbod u. a., von den Enzyklopädisten besonders Isidorus, von den naturwissenschaftlichen Schriftstellern besonders Aristoteles und Plinius exzerpiert. Bei der Beurteilung ist immer in Rechnung zu ziehen, daß der Verfasser gar nichts anderes als eine Kompilation im Auge hatte, was er selbst sowohl in der Vorrede, wie im Epilog nachdrücklichst betont, auch darf nicht vergessen werden, daß er mit seiner Arbeit hauptsächlich ein besseres Verständnis der heiligen Schriften in Bezug auf die Realien anbahnen wollte. Derselbe Maßstab ist auch anzulegen, wenn man die, nach fünfzehnjährigen mühevollen Studien zustandegebrachte Kompilation des Dominikaners Thomas (Cantipratanus, de Cantiprato) von Cantimpré (1204-1280), eines berühmten Schülers des Albertus Magnus[28], kritisch untersucht, nämlich das aus 20 Büchern bestehende, vielbenützte Werk die natura rerum (bloß handschriftlich vorhanden), welches fast nur durch die Anordnung des Wissensmaterials eine gewisse Eigenart besitzt. Das 1. Buch, welches die Anatomie nach Aristoteles und Galen enthält[29], und von den übrigen Büchern jene Abschnitte, welche die Heilwirkung mancher tierischer Stoffe und Pflanzen betreffen, sind von medizinischem Interesse.

Anschließend seien hier noch einige andere enzyklopädische Werke des 13. Jahrhunderts aufgezählt. In französischer Sprache Le Livres dou Tresor von Brunetto Latini, dem Lehrer Dantes (ed. P. Chabaille, Paris 1863), in italienischer Sprache La composizione del mondo von Ristoro d'Arezzo (ed. Enrico Narducci, Rom 1859), in deutscher Sprache die wahrscheinlich für deutsche Ritter bestimmte, im Kloster Meinau am Bodensee verfaßte Meinauer Naturlehre (ed. Wackernagel in Bibl. des liter. Vereins, Bd. 22, Stuttgart 1851). Alle diese Werke besitzen recht dürftigen medizinischen Inhalt, am meisten bietet in dieser Hinsicht noch die Meinauer Naturlehre (Aufzählung der vier Temperamente, diätetische Regeln, geschöpft aus den Traditionen der Schule von Salerno oder Montpellier). Eine rein naturwissenschaftlich-medizinische Kompilation rührt aus dieser Zeit von Joh. Vitalis de Furno (du Four) aus Guyenne (später Kardinal) her, die Schrift pro conservanda sanitate ad totius corporis humani morbos selectiorum remediorum liber utilissimus (Mogunt. 1531); darin findet sich eine Abhandlung über die Bereitungsweise und den Nutzen des Weingeistes, der dem Verfasser geradezu als Panazee gilt.

Wenn schon Albertus Magnus ohne wahren Nachfolger auf naturwissenschaftlichem Gebiete blieb, trotzdem er nirgends die Schranken der herrschenden Denkweise durchbrochen und nur die Vereinbarkeit unbefangener Tatsachenbeobachtung mit der Scholastik innerhalb gewisser Grenzen als möglich erwiesen hatte, so kann es nicht befremden, daß der um Jahrhunderte zu früh kommende Ruf nach völliger Loslösung der Naturforschung von dialektischer Uebermacht, nach exakter Begründung auf dem Wege der Beobachtung und Erfahrung, mittels der Mathematik und des Experiments noch keinen Widerhall fand, sondern auf Verständnislosigkeit, ja sogar auf erbittertste Anfeindung stieß. Es war der englische Franziskaner Roger Bacon, der diesen Weckruf erhob, ein Wahrheitsucher und Pfadfinder von umfassendem Wissen und tiefbohrender Erkenntnis, ein Denker von unbeugsamer Gesinnungstreue, der seine eminente Ueberlegenheit über die Epoche mit dem Martyrium eines Lebens büßen mußte, dessen Name aber in den Annalen der geistigen Entwicklung der Menschheit nicht verblassen kann, solange das Licht der freien Wissenschaft erstrahlen wird.

Roger Bacon[30] — wegen seiner erstaunlichen Kenntnisse Doctor mirabilis genannt — wurde als Sprößling einer vornehmen, wohlhabenden Familie im Zeitraum 1210-1215 zu Ilchester (Sommersetshire) geboren und studierte mit ungewöhnlichem, schon von Anbeginn zu den höchsten Erwartungen berechtigendem Eifer zunächst in Oxford, später (seit 1240) in Paris, woselbst er nach allseitiger Ausbildung um 1247 den Doktorgrad erworben haben dürfte. Wiewohl er sich die dialektische Virtuosität in seltener Weise aneignete, fand er doch in den Begriffsspaltereien und Wortkontroversen der Scholastik keine wahre Befriedigung, sondern betrieb, nach gründlicher Erkenntnis der Dinge strebend und angeregt durch bedeutende gleichgesinnte Forscher, neben linguistischen mit Vorliebe mathematisch-astronomische Studien und ganz besonders auch physikalisch-chemische Experimentaluntersuchungen, welch letztere eine große Menge Geldes (2000 Pfund) verschlangen. Ob Roger Bacon in Paris oder erst nach seiner etwa 1250 erfolgten Rückkehr in die Heimat in den Orden der Minoriten eintrat, ist ungewiß, hingegen spricht alles dafür, daß er in Oxford nicht bloß eine äußerst rege Forschertätigkeit vorzugsweise realistischer Richtung entfaltete, sondern auch als öffentlicher Lehrer — freilich in einer von der herkömmlichen abweichenden Weise — gewirkt hat[31]. Leider wurde das fruchtbringende, in damaliger Zeit fast einzig dastehende Wirken des großen Mannes, welcher eine Reform der Wissenschaft und des Bildungswesens anstrebte, nur allzu früh unterbunden. Der Neid und die Mißgunst, welche der anfänglichen Bewunderung auf dem Fuße folgten und infolge gewisser Aeußerungen Rogers über die Ignoranz der scholastischen Größen über die Sittenlosigkeit der Mönche immer mehr anwuchsen, der Argwohn, mit dem man seine unverstandenen wissenschaftlichen Forschungen und überlegenen Kenntnisse als Teufelskünste ansah, verdichteten sich endlich zu schweren Anklagen, die, eine Zeitlang zurückgewiesen, endlich bei den Oberen geneigtes Ohr fanden, seit Bonaventura Ordensgeneral der Franziskaner geworden war. Bacon wurde um 1257 von Oxford ins Pariser Ordenshaus gebracht, wo er sich allerlei Bußen unterwerfen mußte und unter strenger Ueberwachung stand, er war fortan der öffentlichen Lehrtätigkeit entzogen und zum mindesten der vollen Freiheit beraubt, seine Ideen und Entdeckungen niederzuschreiben. Ein letzter Hoffnungsstrahl leuchtete dem zum Stillschweigen verdammten Forscher, als ihm der aus früheren Tagen freundlich gesinnte neuerwählte Papst Clemens IV. im Jahre 1266 im tiefsten Geheimnis die Erlaubnis erteilte, seine Anschauungen und Reformpläne auszuarbeiten und zwecks Rechtfertigung zu unterbreiten. Trotz der bestehenden Hindernisse verfaßte Bacon mit Unterstützung seiner Freunde in 15 Monaten das Hauptwerk Opus majus[32] und ließ dasselbe mit anderen Schriften (darunter de multiplicatione specierum) durch einen in alle Kenntnisse seines Meisters eingeweihten Schüler (Johannes von Paris) dem Papste überbringen. Später gelangten noch die Einleitungs- und Erläuterungsschrift zum Hauptwerke, das Opus minus und das Opus tertium, nach Rom. Clemens IV. starb schon 3 Monate nach dem Eintreffen der Schriften, und der päpstliche Stuhl blieb einige Jahre unbesetzt. In welcher Art das Los Bacons verbessert wurde — was sicherlich anzunehmen ist —, darüber haben wir keine ausreichenden Nachrichten, wohl aber wissen wir, daß seine Feinde mit ihren Anklagen später wieder hervortraten, umsomehr, als eine neue 1271 verfaßte Schrift (Compendium studii philosophiae), in welcher die intellektuelle und ethische Depravation des Klerus und der Mönche schonungslos bloßgelegt war, die Erbitterung bis zum Höhepunkt gesteigert hatte. Im Jahre 1278 verurteilte der Franziskanergeneral Hieronymus von Ascoli als Vorsitzender des zu Paris versammelten Ordensgerichts den Unglückseligen „propter suspectas novitates” zur Kerkerhaft und sprach zugleich das Verbot aus, seine Schriften zu lesen. In dieser harten Gefangenschaft mußte Bacon auch dann noch schmachten, als Hieronymus 1288 unter dem Namen Nikolaus IV. Papst geworden und trotzdem er diesen durch die Widmung einer kleinen Abhandlung über die Kunst, die Beschwerden des Alters zu verhüten, zu versöhnen suchte. Erst nach dem Tode Nikolaus IV. (1292) wurde Bacon auf Verwenden einflußreicher Männer durch den milder denkenden Ordensgeneral Raimund Ganfredi aus 14jähriger Haft befreit — als gebrochener Greis. Aus diesem Jahre ist seine letzte Schrift, Compendium Theologiae, datiert; ob er 1292 oder erst 1294, wie auch angegeben wird, gestorben, ist unentschieden. — Leider hat die Unterdrückung des großen Denkers noch lange über das Grab hinaus den traurigen Erfolg gehabt, daß nur äußerst wenige und eben nicht die wesentlichsten seiner Schriften eine die Gesamtentwicklung beeinflussende Verbreitung fanden, daß sein Andenken bis zum 18. Jahrhundert nur verzerrt, bloß verknüpft mit der Geschichte der Astrologie, Alchemie und der magischen Künste fortdauerte. Nur ein Teil der Schriften Bacons ist bisher durch Druckausgaben zugänglich geworden. Seitdem Jebb die erste Ausgabe des Hauptwerkes (Opus majus de utilitate scientiarum, London 1733; ohne den 7. Teil des Werkes und in sehr geringer Auflage) veranstaltet hatte[33], wurden publiziert: Opera quaedam hactenus inedita, ed. J. S. Brewer, vol. I, London 1859 (Rer. britann. scriptor. vol. 15), enthaltend Opus tertium, Opus minus, Compendium philosophiae, im Anhang de secretis operibus artis et naturae, et de nullitate magiae. The Opus majus, ed. J. H. Bridges, Oxford 1897, 2 voll. (2. ed. ibid. 1900, 3 voll.). Opera hactenus inedita, ed. R. Steele, Fasc. I de viciis contractis in studio theologiae, London.

Die bekannt gewordenen Schriften des Roger Bacon — insbesondere das Opus majus, minus und tertium[34] — beweisen zur Genüge, daß dieser erleuchtete Denker nicht bloß ein Polyhistor war, sondern seine Epoche durch Klarheit der Anschauungen, Kritik, wissenschaftliche Selbständigkeit und Weitblick um Jahrhunderte überragte, wenn er auch manche Vorurteile des Zeitalters nicht gänzlich abzustreifen vermochte. Die Würdigung seiner vielseitigen, eigenartigen, wahrhaft großen Persönlichkeit würde den Rahmen unserer Darstellung weit überschreiten. Es soll daher hier sein religiös-reformatorischer, übrigens durchaus nicht antikirchlicher Standpunkt, ebenso seine lange übersehene indirekte Beeinflussung der spätmittelalterlichen Philosophie (Duns Scotus) unerörtert bleiben, ja wir müssen uns sogar mit einem bloßen Hinweis darauf begnügen, daß Bacon erstaunliche Kenntnisse in der Philologie (orientalische Sprachen, vergleichende Grammatik), Mathematik und Astronomie (Kalenderreform), Mechanik und Optik (Sehtheorie, Reflexion, Refraktion, Aberration des Lichts, Lehre von den Plan-, Konvex- und Konkavspiegeln, Erklärung des Regenbogens etc.), physikalischen Geographie, Chemie besaß und daß er eine ganze Reihe von Erfindungen der Idee nach antizipiert hat (Brillen, Teleskope, Schießpulver, landwirtschaftliche Maschinen, Hebeapparate, Taucherglocke, automatische Fahrzeuge, Flugapparate)[35]. Was wir allein hervorheben wollen, ist die Tatsache, daß Roger Bacon die Scholastik eben zur Zeit, da sie den Höhepunkt erklommen hatte, unablässig bekämpfte und ihre einseitig dialektische, die Realität der Dinge mißachtende Methode als schädlichste Verirrung brandmarkte. Roger Bacon betrachtete im Gegensatz zum Chorus der Zeitgenossen die antik-arabische Tradition nicht als vollendeten Abschluß des Wissens, als ein Gegebenes von unumstößlichem Wert, sondern nur als ein, der Nachprüfung bedürftiges Hilfsmittel, als Ausgangspunkt der kommenden Forschung. Im Interesse einer sicheren Grundlegung forderte er vor allem die intensive Pflege des weit über das Lateinische hinausgehenden Sprachstudiums, damit statt der sekundären Kommentare und der schlechten Uebersetzungen[36] die Bibel und die alten Autoren im Original als Quelle benützt werden könnten. Als Ursachen der traurigen wissenschaftlichen Zustände erklärte er hauptsächlich das Festhalten an nichtigen Autoritäten, eingewurzelte Denkgewohnheiten, die Vorurteile der ungebildeten Menge, insbesondere aber die allgemein verbreitete Eitelkeit, mit einem Scheinwissen zu prunken[37]. Die dringendste Voraussetzung des Fortschritts bilde die Inangriffnahme der arg vernachlässigten mathematisch-naturwissenschaftlichen Studien, welche den anderen Wissenszweigen zur sicheren, verläßlichen Stütze dienen und reiche Früchte fürs praktische Leben tragen. Dem in viel höherem Grade überzeugenden Experimentum legte Bacon als Basis der Erkenntnis weit mehr Wert bei als dem Argumentum[38]. Mathematik, Beobachtung, Erfahrung gelten ihm als die einzig sicheren Fundamente der Naturwissenschaft. Sehr bedeutungsvoll ist es schließlich, daß Bacon nicht, wie so manche seiner Vorgänger, nur im konkreten Falle zum wissenschaftlichen Versuch griff, sondern die Experimentalforschung an sich, die Scientia experimentalis als selbständiges methodisches Prinzip hinstellte, um ihrer überragenden Bedeutung gerecht zu werden[39].

Die Ausbeute, welche die Schriften Roger Bacons für die Medizin im engeren Sinne liefern, ist nicht erheblich[40], nur der Umstand bedarf besonderer Erwähnung, daß er, wie die meisten der Zeitgenossen, der Astrologie eine sehr große Bedeutung beimaß[41] und sich von der Alchemie, die aber bei ihm begrifflich fast mit Chemie zusammenfällt[42], vieles für die Heilkunde versprach; insbesondere glaubte er zuversichtlich, daß es möglich sein werde, mit Hilfe der letzteren lebensverlängernde Mittel zu gewinnen — ein Lieblingsgedanke, der an mehreren Stellen wiederkehrt[43]. Wichtig ist es, daß Bacon wie so manche andere magische Künste auch die Prozeduren der abergläubischen Heilkunde auf natürliche Gründe zurückführt und den eventuellen Gebrauch derselben seitens der Aerzte vom Standpunkt der Psychotherapie rechtfertigt[44]. Im ganzen kann man sich aber des Eindrucks nicht erwehren, daß den großen Denker, den Vorkämpfer der induktiven Forschung auf medizinischem Gebiete die sonstige Nüchternheit und Kritik verläßt — nur ein Beweis dafür, daß der Medizin bei ihrem Streben nach der exakten Methode unvergleichlich größere Schwierigkeiten entgegenstehen als den Naturwissenschaften, namentlich den anorganischen.

Durch die Schriften eines jüngeren Zeitgenossen Bacons, der in seiner ganzen Denkweise gleichsam den geistigen Antipoden des großen Pfadfinders der induktiven Forschung darstellt, wir meinen den, gleichfalls dem Minoritenorden angehörenden Katalonier (Raimon Lull) Raimundus Lullus (1235-1315), wird wohl besonders drastisch veranschaulicht, was die Wissenschaften, namentlich Naturkunde und Medizin, von einem auf die Spitze getriebenen, konsequent die Realität der Dinge außer acht lassenden Scholastizismus zu erwarten gehabt hätten. Es kann hier weder auf das unstete, ganz der Verteidigung des kirchlichen Glaubens geweihte und schließlich durch den Märtyrertod besiegelte Leben dieses merkwürdigen, auch dichterisch hochbegabten Mannes eingegangen, noch sein ungemein reichhaltiges, teils starr doktrinäres, teils bizarr phantastisches Schrifttum[45] berücksichtigt werden, es genüge lediglich der Hinweis, daß er mittels seiner Ars magna, einer an kabbalistische Spielerei erinnernden, in Wort- und Begriffskombinationen gipfelnden Methode, den besonderen Inhalt der einzelnen Wissenschaften, die Einzelkenntnisse sozusagen mechanisch aus allgemeinen Prinzipien herzuleiten versuchte. Seine Anwendung auf die Medizin findet dieses eigentümliche System besonders in der Schrift Ars de principiis et gradibus medicinae ═ Liber principiorum medicinae; darin ist die Medizin als Baum dargestellt, dessen Wurzeln die vier Humores bilden und aus dessen Stamme vermittels der vier Qualitäten (Wärme, Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit) die physiologischen Zustände und Krankheiten förmlich genealogisch hergeleitet werden. Außerdem beziehen sich von den, unter dem Namen Lulls gehenden Schriften auf die Medizin Liber de regionibus sanitatis et infirmitatis[46], Ars compendiosa medicinae, Liber de modo applicandi novam logicam ad scientiam juris et medicinae, de pulsibus et urinis, de medicina theorica et practica, de instrumento intellectus in medicina, Ars curatoriae u. a., wobei zweifellos auch Fälschungen unterlaufen. Lull übersetzte die Kyraniden ins Lateinische. Die alchemistischen Schriften gelten nach den neueren Untersuchungen durchaus als unterschoben.

Ein Blick auf die Naturwissenschaft des Abendlandes im 13. Jahrhundert genügt, um zu erkennen, daß sie nur auf jenen Gebieten wahre Fortschritte zeitigte, welche rein deskriptiv oder im Sinne einer mechanistischen Auffassungsweise bearbeitet wurden. Wie bei den Arabern dominierte aber in den meisten Zweigen der übermächtige Einfluß der peripatetischen Sophistik, deren blind hingenommene Prinzipien einer echten Kausalforschung den Weg verlegten.

Es kann nicht verwundern, daß die Heilkunde in einem Zeitalter, das die Verehrung des Stagiriten bis zur Vergötterung steigerte, alsbald dem von der Naturwissenschaft gegebenen Beispiele zu folgen anfing, daß auch die Medizin nach wissenschaftlicher Gestaltung ringend, die Verschmelzung mit dem Aristotelismus anstrebte, umsomehr als die vorbildlichen Lehrsysteme Galens und der arabischen Koryphäen der Hauptsache nach eben auf den Prämissen der Peripatetik aufgebaut waren, ihr ganzes Gefüge der aristotelischen Dialektik verdankten, wenigstens soweit die Physiologie und die darauf basierte allgemeine Pathologie in Betracht kamen.

In diesem Sachverhalt liegt der Schlüssel zum Verständnis des traurigen Zustands, in welchen die Heilkunde nach dem Verlassen der Salernitaner Tradition geriet, des öden Bildes, das die ärztliche Literatur der scholastischen Epoche im großen ganzen darbietet! Denn nur, wenn man sich das Hauptziel vergegenwärtigt — die wissenschaftliche Begründung der Medizin mittels der aristotelischen Naturphilosophie — wird man es begreifen, weshalb die abendländischen Aerzte sich so willig dem Joch der arabischen Theoretiker, dieser feinen Interpreten der Peripatetik, beugten, weshalb sie ihre besten Kräfte in der mühevollen Zusammenstellung und Vergleichung autoritativer Lehrmeinungen, in der Sisyphusarbeit spitzfindiger Lösungsversuche der vorgefundenen Widersprüche, in der Erörterung von Problemen, die von der Natur selbst niemals gestellt waren, nutzlos vergeudeten, und warum ihre hie und da auftauchenden Eigenbeobachtungen und selbständigen Erfahrungen in einem Wust abschreckender Subtilitäten ohne reale Bedeutung vergraben wurden.

Stellten die Grundprinzipien der Peripatetik mit ihren, durch arabische Kommentatoren weit ausgesponnenen Konsequenzen den allgemeinen Zusammenhang zwischen Naturwissenschaft und Medizin her, so begannen außerdem noch einige ihrer Zweige untereinander eine innigere Verbindung einzugehen. Förderlich wirkte in dieser Hinsicht besonders die eifrigere Pflege der Botanik auf die Diätetik und Heilmittellehre, unheilvoll dagegen die, unter dem Einflusse des vordringenden Arabismus zustandegekommene, Beeinflussung der Prognostik und Therapie durch die Astrologie, welche von den meisten der führenden Männer dieser Epoche als exakte Wissenschaft angesehen wurde. Nicht ohne Beziehung zur Medizin blieb auch die, gleichfalls während des 13. Jahrhunderts im christlichen Abendland Verbreitung findende Alchemie, welche vorwiegend das ärztliche Denken mit der Illusion vermeintlicher Panazeen erfüllte, in geringem Maße aber auch schon Wert für die Arzneimittelbereitung gewann.

Daß bei der Vorherrschaft einer Weltanschauung, in der neben dem dürrsten Intellektualismus die glühendste Mystik Platz hatte, auch abergläubische Gebräuche aller Art, bodenständige oder aus der orientalischen Fremde verpflanzte Wundermittel immer mehr ihren Weg in die Medizin fanden, kann nicht befremden, doch scheint es, daß wenigstens ein Teil der wissenschaftlich gebildeten Aerzte nur im Sinne der Psychotherapie von denselben Gebrauch machte.

Die mannigfachen äußeren und inneren bestimmenden Momente, die zahlreichen zumeist noch unausgeglichenen konstituierenden Faktoren machen das 13. Jahrhundert nicht zu einer Aera wahren Fortschritts vom Standpunkt der medizinischen Gesamtentwicklung, wohl aber zu einer sehr wichtigen und bewegten Uebergangsepoche der abendländischen Heilkunde, die erst in den letzten Dezennien des Säkulums im Arabismus erstarrt. Dieser beherrschte fortan die Theorie und Praxis der Medizin bis zum Ende des Mittelalters. Es genügt daher, da sich später Gelegenheit ergeben wird, auf den Inhalt der Wissenschaft näher einzugehen, wenn wir in dem, uns jetzt beschäftigenden Zeitraum bloß die wichtigsten ärztlichen Schriften und die maßgebendsten Persönlichkeiten der Betrachtung unterziehen.

Die auffallendste Erscheinung, welche sich zunächst darbietet, liegt in dem Zurücktreten der von Salerno ausgehenden literarischen Produktion seit dem Ende des 12. Jahrhunderts, was abgesehen von schädlich einwirkenden äußeren Umständen[47] damit zusammenhängt, daß die altberühmte Schule im Grunde die, ihr von der Geschichte zugeteilte Rolle ausgespielt hatte, wenn auch ihr Ansehen bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts von anderen Pflegestätten der Medizin noch nicht überstrahlt wurde. Das Wenige, was von salernitanischen Schriften aus dieser Zeit auf uns gekommen ist, besteht aus Ueberarbeitungen älterer Vorlagen oder betrifft lediglich die Therapie, ohne einen neuen wissenschaftlichen Geist spüren zu lassen. Immerhin war es von Bedeutung, daß die Schule, je weniger sie die Führung in der medizinischen Theorie aufrecht erhalten konnte, sich desto mehr der Pflege der botanisch-pharmakologischen Studien, der Diätetik und Balneologie widmete, wodurch ihr noch einigermaßen ein fortdauernder Einfluß gesichert blieb.

Von den salernitanischen Literaturprodukten seit dem Ausgang des 12. Jahrhunderts seien hier beispielsweise angeführt das Lehrgedicht über die Bäder von Puteoli, das Werk der Trotula in seiner jetzigen Fassung (vgl. S. 286), das Poëma medicum, die Tabulae des Petrus Maranchus (Coll. Salern. IV, 558-565, eine Zusammenstellung der wichtigsten Arzneimittel nach ihrer Wirkungsweise), also vorwiegend die praktische Medizin betreffende und zum Teil, nach alter Tradition, in Versen abgefaßte Schriften. Das Lehrgedicht über die Bäder von Pozzuoli, welches in den verschiedenen Ausgaben dem Eustatius de Matera oder dem Alcadinus aus Girgenti (Arzt der Kaiser Heinrich VI. und Friedrich II.), gewöhnlich aber dem Dichter Pietro da Eboli zugeschrieben wird (älteste Ausgabe Petrus de Ebulo, Libellus de mirabilibus civitatis Puteolanae, Neap. 1475 — vgl. Collect. de balneis, Venet. 1553) stimmt inhaltlich im wesentlichen mit einem Traktat Balnea Puteolana (ed. Giacosa in Magistri Salern. nondum editi, 333-340), des Arztes Johannes, Sohnes des Gregorius, überein. Durchaus auf salernitanischer Grundlage ruht auch ein „Alphita” betiteltes, wahrscheinlich von einem französischen Autor[48] des 13. Jahrhunderts verfaßtes medizinisch-botanisches Glossar (Coll. Salern. III, 272-322 und ed. Mowat in Anecdot. Oxoniens. Vol. I, pars II, Oxford 1887).

Mehr als in der Civitas Hippocratica selbst wurde außerhalb Salernos auf französischem Boden der Versuch gemacht, den alten, einfachen Ueberlieferungen, besonders auf dem Gebiete der Semiotik (Harnschau, Pulsuntersuchung) und Pharmakotherapie, sodann aber auch in der Krankheitslehre, einen mehr oder minder starken arabischen Einschlag zu geben, wie dies schon am Schlusse des 12. Jahrhunderts unternommen worden war. Als Typen dieser Richtung können die Schriften des Ricardus Anglicus, von dem auch eine Anatomie herrührt, und des Gualtherus Agulinus, eines Nachahmers des Gilles de Corbeil, angesehen werden; in ihnen herrscht noch ein durchaus praktischer Geist und jene ungekünstelte Schreibart vor, wie sie einerseits die Salernitaner, anderseits die von Constantinus importierten Araber (z. B. Isaac Judaeus, Ali Abbas) kennzeichnet. Letztere dienten neben antiken Autoren auch dem Petrus Hispanus zur Hauptquelle; unter dem Namen dieses, aus Portugal stammenden Arztes, Philosophen und späteren Papstes läuft ein im Mittelalter und noch später hochgeschätztes, weit verbreitetes Rezeptbuch, welches mehr populären als wissenschaftlichen Ansprüchen Rechnung trug, der Thesaurus pauperum.

Von diesen Werken hebt sich das Compendium medicinae scharf ab, welches der, wohl noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wirkende Gilbertus Anglicus (der erste englische Autor von europäischem Ruf) verfaßte. Dieses, auch Laurea anglica genannte Werk strebt wohl ebenfalls im Prinzip eine Synthese der Salernitanermedizin mit der arabischen in weitem Ausmaße an, macht aber der letzteren bereits allzu große Konzessionen und ermüdet noch überdies durch theoretische Spitzfindigkeiten, welche so manche gute Eigenbeobachtung und selbständige Erfahrung umstricken. Der Verfasser scheint, wie aus einigen Stellen hervorleuchtet, in der Polypharmazie und in der Anempfehlung von abergläubischen Heilprozeduren mehr den, vom Zeitgeist und von seiner Umgebung (Montpellier) ausgehenden Einflüssen als der inneren (zur rationellen und diätetischen Therapie hinneigenden) Ueberzeugung gefolgt zu sein.

Den besten Ueberblick über die damalige, aus dem salernitanischen Antidotorium (Nikolaus Praepositus), aus Galen und auch aus den arabischen Autoren schöpfende Arzneimittellehre gewähren die einschlägigen, kompendiösen Schriften des Johannes de Sancto Amando, der sich einer wahrhaft lichtvollen, rasch orientierenden Darstellungsweise befleißigt und nur dort einer unvermeidlichen Subtilität anheimfallt, wo sie ihm durch den Gegenstand selbst aufgezwungen wird. Ihm verdankten die Zeitgenossen neben anderem auch eine lexikalisch geordnete Zusammenstellung der wichtigsten Sentenzen aus Galen und Avicenna sowie eine knappe Inhaltsübersicht der wichtigsten hippokratischen und galenischen Schriften — was die schulmäßige Aneignung des umfangreichen und verwirrenden Kenntnisstoffes wesentlich erleichterte.

Dem Bedürfnis nach einer kritischen Revision der aus so vielerlei Quellen zusammengetragenen Arzneimittelstoffe, nach einer Verbesserung der wüsten Nomenklatur versuchte am Schlusse des Zeitraums Simon Januensis zu entsprechen, dessen Clavis sanationis nicht bloß auf linguistischen, sondern auch auf botanischen Studien beruhte.

Ricardus Anglicus (R. de Wendmere alias Wendovre) aus Oxford, seit 1227 Leibarzt des Papstes Gregor IX., zog sich nach dem Tode desselben 1241 nach Paris zurück (als Nutznießer einer Kanonikatspräbende), wo er eine fruchtbare literarische Tätigkeit entfaltete; er starb 1252. Außer mehreren handschriftlich vorhandenen Schriften (Signa prognostica, de laxativis et repressivis, de clysteribus mundificativis, Kommentare zu Johannitius, Philaretus, zum Fiebertraktat des Isaac Judaeus, zum liber urinarum des Aegidius Corboliensis, zu den hippokratischen Aphorismen) verfaßte er eine Anatomia (ed. Rob. R. v. Töply, Wien 1902) in 44 Kapiteln. Zitiert sind in letzterer Hippokrates, Aristoteles, Galen, Avicenna, die Sprache ist nicht arm an arabischen Kunstausdrücken und Gallizismen.

Gualtherus Agulinus (Agilon, Agulon, Aquilinus u. s. w.), Zögling Salernos, vermutlich ein französischer Arzt der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, Nachahmer des Aegidius Corboliensis, verfaßte außer mehreren handschriftlich existierenden Werken (liber pulsuum, de dosi medicinarum, Summa oder Practica, letztere auch in altfranzösischer Uebersetzung vorhanden) ein Compendium urinarum (ed. J. Pfeffer, Berl. Dissert. 1891), in welchem die Niederschläge und Farben des Harns nach ihrer diagnostischen Bedeutung angeführt werden.

Petrus Hispanus (P. Ulyssiponnensis, † 1277), welcher im Anfang des 13. Jahrhunderts in Lissabon als Sohn des Arztes Julianus geboren wurde, in Paris und Montpellier studierte und am Ende seiner ungewöhnlich glänzenden kirchlichen Laufbahn (Prior zu Mafra, Dechant zu Lissabon, Großschatzmeister zu Porto, Archidiakon zu Vernoim, Erzbischof von Braga, Kardinal) im Jahre 1276 als Johannes XXI. den päpstlichen Thron bestieg[49], gilt nicht bloß als Verfasser philosophischer[50], sondern auch einer Reihe von medizinischen Schriften, welche die größte Verbreitung fanden. Dahin gehören der Thesaurus pauperum sive Summa experimentorum (Antverp. 1476, 1479, Lugd. 1525, Francof. 1576, 1578, übersetzt in mehrere Sprachen, z. B. italienisch Venecia 1494 u. ö., spanisch Alcala 1589)[51], portugiesisch, eine für die Bedürfnisse der Armenpharmakopöe aus zahlreichen Autoren (besonders Dioskurides, Galen, Avicenna) zusammengestoppelte Rezeptsammlung gegen alle möglichen Affektionen (darunter viele Wunder- und Volksmittel); Commentaria super librum diaetarum universalium et particularium und de urinis Isaaci (beide Lugd. 1515); Liber de oculo oder Breviarium de egritudinibus oculorum, et curis (ed. A. M. Berger, Die Ophthalmologie des Petrus Hispanus, mit deutscher Uebersetzung und Kommentar, München 1899), letzteres Werk zerfällt in drei Teile, von denen der erste einen Auszug aus dem entsprechenden Abschnitt des Pantegni darstellt (die alte ital. Uebersetzung desselben publiz. von Franc. Zambrini in Scelta di curiosità letterarie, Bologna 1873), der dritte sich mit der Okulistik des Mag. Zacharias (vgl. S. 314) völlig deckt, der zweite auch selbständig in den Handschriften als Tractatus mirabilis aquarum vorkommt. Außer der Operation bei Trichiasis und Pterygium und Balggeschwülsten geht die Ophthalmochirurgie leer aus, anerkennenswert ist nur das Bestreben, die abergläubischen Mittel möglichst auszuschließen. Handschriftlich sind außerdem vorhanden Kommentare zu hippokratischen Schriften, eine Physionomia, eine Abhandlung über den Aderlaß, ein Regimen sanitatis, ein Consilium de tuenda valetudine ad Blancam Francie Reginam und die Schrift de formatione foetus.

Gilbertus Anglicus (erste Hälfte des 13. Jahrhunderts), „Doctor desideratissimus”, soll nach Studien in England die berühmtesten Hochschulen des Auslands (Salerno) besucht haben und übte wenigstens einige Zeit seines Lebens in Frankreich (Montpellier) die Praxis aus. Sein Hauptwerk ist das Compendium medicine tam morborum universalium quam particularium, nondum medicis sed et cyrurgicis utilissimum (Lugd. 1510, Genev. 1608). Es zerfällt in 7 Bücher, welche der Reihe nach über die Fieber, über die Krankheiten des Schädels und Gesichtes (Augen-, Ohrenleiden), des Halses und der Atmungsorgane, des Darmtraktes, der Leber, der Milz, der Harnorgane, über Sexualleiden, Hautleiden und die giftigen Wunden handeln; die letzten Abschnitte enthalten Varia, z. B. die Applikationsweise der Kauterien und das ganze Werk schließt mit hygienischen Ratschlägen für Reisende und Seefahrer. Zitiert sind darin griechische Autoren (natürlich nach den lateinischen Uebersetzungen), insbesondere Hippokrates, Aristoteles, Galen und Alexander, die Araber Hunain, Isaac, Rhazes, Avicenna und Averröes, die Salernitaner Constantinus, Platearius, Nicolaus Praepositus, Maurus, Ricardus. Merkwürdigerweise tritt bei Gilbert an einzelnen Stellen die Geneigtheit hervor, dem Hippokrates in seiner einfachen, exspektativen Behandlungsweise zu folgen; diese Absicht wird alsbald aber vom Verfasser mit dem Hinweise aufgegeben, daß er seinen Zeitgenossen dann als Sonderling erscheinen würde! Hie und da kommen auch eigene Beobachtungen vor, aber vergraben in einem Wust spitzfindiger theoretisierender Erörterungen. In der Therapie spielen daher neben diätetischen Maßnahmen mehr als 200 komplizierte Antidota, und auch manche Wundermittel die Hauptrolle; von letzteren sagt er allerdings, daß er sie nur der Vollständigkeit halber, nicht aus innerer Ueberzeugung, anführe. Hervorzuheben ist namentlich die Schilderung der Lepra (Anästhesie und andere Symptome des Nervensystems, Heredität, Ansteckungsgefahr), sowie der Blattern und Masern (der differentialdiagnostische Unterschied liege in der Prominenz über das Hautniveau, welches die Blattern kennzeichne); Gilbert betont die Ansteckungsgefahr der Blattern und erwähnt unter den Behandlungsmethoden auch jene, welche in der Einhüllung des Kranken mit roten Tüchern bestand[52]. In der Hygiene für Seereisende fällt besonders der Vorschlag auf, das Trinkwasser, wenn es nicht anders möglich ist, durch Destillation zu purifizieren. — Außer dem Compendium medicinae sollen von Gilbert noch ein Kommentar zu den hippokratischen Aphorismen und ein Antidotarium (handschriftlich) herrühren.

Johannes de Sancto Amando (Jean de Saint-Amand), Kanonikus von Tournay, einer der gelehrtesten Aerzte seiner Zeit, dozierte wahrscheinlich vorübergehend in Paris und entfaltete neben seiner ärztlichen, eine reiche schriftstellerische Tätigkeit. Schriften: Kommentar zum Antidotar. des Nicol. Praepositus (vgl. S. 302) Expositio super antidotarium Nicolai (gedr. in den meisten Venediger Joh. Mesuë-Ausgaben)[53], Revocativum memoriae[54], bestehend aus den Areolae, einer abgekürzten Arzneimittellehre, die sich großer Beliebtheit als Schulbuch erfreute (ed. Pagel, Berlin 1893), den Concordanciae, einer nach Schlagwörtern geordneten alphabetischen Zusammenstellung der wichtigsten Sentenzen aus Galen und Avicenna (ed. Pagel, Berlin 1894) und den Abbreviationes Hippocratis et Galeni (dem eigentlichen Revocativum) einer kurzen Inhaltsübersicht der wichtigsten hippokratischen und galenischen Schriften[55]. Auszüge aus dem Kommentar zum Antidotarium Nicolai sind die auch selbständig erschienenen Abhandlungen de balneis (gedr. in Coll. de baln. Venet.) und de usu idoneo auxiliorum (in Chr. Heyl, Artificialis medicatio, Mogunt. 1534). Außerdem verfaßte er einen Kommentar zum Antidotarium des Rhazes, quaestiones super diaetas Isaaci, breviarium de antidotario und die folgenden Schriften, welche vielleicht Auszüge aus dem Kommentar zu Nicolaus darstellen, additiones ad librum Albucasem de electionibus regendi sanitatem, Comment. ad librum cui Takwin inscribitur de morborum curis, Joannitii isagogarum commentarii compendium, de medicinarum gradibus, de medicinae operis consideratione. Der Kommentar zu Nicolaus ist eine Art von allgemeiner Therapie, geordnet nach den Wirkungen der Heilmittel; die arabische Polypharmazie tritt darin noch nicht in den Vordergrund, doch spielen Aderlaß, Kalenderdiät und Uroskopie eine wichtige Rolle; in spitzfindiger Weise wird die Pharmakodynamik und die Lehre von den Indikationen und Kontraindikationen (namentlich der Abführ- und Brechmittel) abgehandelt. Die Areolae, durch ihre Kompendiosität an moderne Rezeptbüchlein erinnernd, bestehen aus drei Abschnitten; im ersten ist die Materia medica übersichtlich nach pharmakodynamischen Grundsätzen alphabetisch angeordnet, der zweite enthält die Organmittel a capite ad calcem mit einem Supplement über Abführmittel, der dritte (ein Auszug aus entsprechenden Kapiteln des obengenannten Kommentars) bringt die Grundsätze der Arzneiverordnungen und Mischungen. Im wesentlichen handelt es sich um eine gedrängte, sehr übersichtlich gruppierte, Kompilation aus Galen, Avicenna, Joh. Mesuë, Serapion und Nicolaus Praepositus, wobei sich der Verfasser nur auf die Simplicia beschränkt und sich einer, vom Scholastizismus fast völlig freien, Darstellungsweise befleißigt. In der Vorrede wird die Notwendigkeit der Kenntnis von den Wirkungen der Simplicia betont, sodann geht Johannes de S. Amando daran, zuerst die gewöhnlichen Wirkungen (operationes communes) jedes Arzneistoffes zu beschreiben. Die Mittel zerfallen in 27 Hauptgruppen, nämlich abstersiva (entfernen die dicken und zähen Säfte, und zwar gibt es solche Mittel, welche nur innerlich genommen ihre Wirkung entfalten, z. B. Absinthium, oder äußerlich und innerlich wirksam sind, ohne oder mit eröffnender Kraft), adustiva (leicht ätzende), aperitiva (eröffnende Mittel, mit der Unterabteilung remedia maturantia, d. h. einen Abszeß zur Reifung bringende Arzneien), attractiva (Mittel, welche die Säfte aus der Tiefe z. B. von den Gelenken, an die Oberfläche leiten und zwar vermöge einer besonderen Beschaffenheit direkt infolge innerer Verwandtschaft zwischen dem anziehenden und anzuziehenden Stoffe oder indirekt z. B. wie der Theriak auf dem Wege der Herzstärkung), corrosiva (Aetz- oder geschwürsbildende Mittel), consolidantia id est cutem facientia (austrocknende, zusammenziehende Mittel, z. B. Myrrhe, plumbum ustum), confortativa (stärkende Mittel, dahin gehören z. B. die aromatischen), constrictiva (adstringierende Mittel), constringentia sanguinem (blutstillende Mittel), exsiccativa (Mittel, welche durch ihre auflösende und verflüchtigende Kraft die überschüssige Feuchtigkeit vernichten, manche wirken auch leicht ätzend), frangentia acuitatem (Mittel, welche die scharfen Säfte paralysieren, mildernd wirken), dissolventia ventositatem (Mittel, welche die Blähsucht bekämpfen), conglutinativa (Mittel, welche vermöge ihrer feucht-schleimigen Beschaffenheit die Poren der Organe zum Verkleben bringen, z. B. sarcocolla), incisiva (z. B. cepa, sinapis), inflativa (Carminativa), lenitiva, lavativa und die stärker wirkenden mundificativa (wirken ähnlich wie die obengenannten abstersiva), maturativa (Abszeßmittel), putrefacientia (Mittel, welche Fäulnis, bezw. Eiter erzeugen), diuretica, resolutiva, rubificantia, subtiliativa (verdünnende Mittel), styptica, stupefactiva (betäubende Mittel), vesicantia. Im folgenden werden die Organmittel abgehandelt, darunter die Abszeß- und Wundmittel (erstere zerfallen in repercussiva, d. h. zerteilende, maturativa, resolutiva, und doloris sedativa, letztere in blutstillende, eiterungsverhindernde, das Wundsekret reinigende, Granulationen beseitigende, den Substanzverlust deckende Mittel), anhangsweise sind die Abführmittel (Aloë, Koloquinthen, Cassia fistula, Helleborus etc.) besprochen. Den Schluß bilden Vorschriften über das Rezeptieren. Die Notwendigkeit, einfache Arzneistoffe zu einem Rezept zu komponieren, ergibt sich aus sechs Gründen: 1. weil es zuweilen keine einfache Arznei gibt, die dem Grade der Krankheit entspricht; 2. weil manche Stoffe überhaupt nur mit anderen gemischt zu gebrauchen sind; 3. zur Beseitigung der unangenehmen Nebenwirkung und des schlechten Geschmackes; 4. bei Krankheitskomplikationen, wo eine einfache Arznei nicht genügt; 5. zur Erlangung einer eigenartigen antitoxisch wirkenden Mischung; 6. zur Verstärkung der Wirkungen und der Eigenschaften. Bezüglich der Mischung sind folgende Regeln zu beachten: Von einem stark wirkenden Mittel ist nur wenig zu verwenden; hat ein Präparat gleichzeitig viele Wirkungen, so ist es in größerer Menge zu verwerten; von einem Arzneistoff, der auf die entfernten Teile wirkt, ist viel zu nehmen; wirkt ein Präparat auf wichtige Organe, so ist es in größerer Quantität bei der Mischung zu verwerten; wenn ein Präparat dasselbe leistet wie ein anderes, welches zur Mischung noch verwendet werden soll, so ist wenig davon zu verbrauchen; besitzt der Arzneistoff eine schädliche Nebenwirkung, so ist er in geringerer Quantität anzuwenden; befindet sich in der Mischung noch ein anderer antagonistisch wirkender Arzneistoff, so ist von dem ersteren viel zu nehmen. Zu vermeiden hat man beim Rezeptieren: Mischungen aus heterochronisch wirkenden oder sich in der Wirkung gegenseitig schwächenden bezw. aufhebenden Stoffen. Bei jedem Rezept unterscheidet man das Hauptmittel Radix und die verschiedenen Adjuvantia resp. Corrigentia. Die Concordanciae, der umfangreichste Teil des Revocativum, sind eine alphabetisch geordnete Sammlung von wichtigen Sätzen und Sentenzen aus Galen und Avicenna (hauptsächlich aus ersterem), mit gelegentlichen Hinweisen auf Aristoteles, Isaac Judaeus, Joh. Mesuë, Rhazes u. a., mit dem Zweck, nicht bloß eine leichte Uebersicht über die betreffenden Belegstellen zu geben, sondern auch auf etwaige Widersprüche aufmerksam zu machen und schließlich wieder eine Versöhnung der Divergenzen (Konkordanz) herzustellen. Wie die Areolae ein vorzügliches Kompendium der mittelalterlichen Arzneibehandlung, so stellen die Concordanciae ein Lexikon der damaligen Pathologie dar, welches sich zum bequemen Nachschlagen vortrefflich eignet und auf kurzem Wege vollen Einblick in die galeno-arabische Doktrin gewährt; dabei ist die Sprache klar und die Scholastik sozusagen nur in milderer Form vertreten. Für die große Beliebtheit des Revocativum sprechen die zahlreichen Handschriften und die Tatsache, daß es oftmals zitiert, kommentiert und exzerpiert worden ist. Ein Exemplar der Concordanciae wurde von der Sorbonne 1395 in besondere Verwahrung genommen und dem Schutze des jeweiligen Dekans anvertraut.

Simon Januensis (Simon von Genua), Arzt des Papstes Nicolaus IV. (1288-1292), Subdiakon und Kaplan Bonifacius' VIII. (1293-1304), hinterließ als Frucht einer ungefähr dreißigjährigen Arbeit ein Wörterbuch der Arzneimittellehre, Synoyma medicinae oder Clavis sanationis (Parm. 1473, Patav. 1474, Venet. 1486, 1507, 1510, 1513, 1514, Lugd. 1534), mit dem Zwecke, die wüste Nomenklatur zu säubern und zu erläutern. Simon stützte sich, wie rühmend hervorzuheben ist, auf botanische Untersuchungen, die er auf seinen ausgedehnten Reisen in verschiedenen Gegenden anstellte, hauptsächlich aber auf die mühselige Vergleichung griechischer, arabischer und lateinischer Schriftsteller resp. der Namen, womit sie dieselben Dinge bezeichnet hatten. Als Quellen kamen nach eigener Angabe in Betracht: Dioskurides (in zwei lateinischen Bearbeitungen, einer alphabetisch geordneten und einer, aus 5 Büchern bestehenden), Alexandri „liber de Practica” in 3 Büchern, „Practica Democriti”, Liber ophthalmicus des Demosthenes, die Synopsis des Oribasius, Moschion, Paul von Aegina, Galen, von den Arabern Avicenna[56], Serapion, Rhazes, Mesuë, der Liber Alsaharavii u. a., von den Lateinern Plinius, Celsus, Cassius Felix, Theodorus Priscianus, Isidorus, Gariopontus[(1)], das Antidotarium des Nicolaus u. a. Die Synonyma umfassen ungefähr 6500 Artikel, die mitunter aus einer einfachen Erklärung in einer Zeile bestehen, in anderen Fällen wieder Zitate, sprachliche und sachliche Bemerkungen enthalten. Trotz vieler Irrtümer und des Vorherrschens etymologischer Erläuterungen bedeutete das Glossar für seine Zeit eine Riesenleistung, und noch heute ist es für literarhistorische Zwecke und Kenntnis der älteren Synonyma von Wert. Außer seinem Wörterbuch kommt Simon auch als Uebersetzer arabischer Werke in Betracht, vgl. S. 334.

Wiewohl es schon einige der erwähnten Schriftsteller — insbesondere Gilbertus Anglicus — an spitzfindigen Deuteleien, an Formalismus in der Darstellung nicht fehlen ließen, so muß doch als der eigentliche Begründer jener dialektisch-disputatorischen Behandlungsweise medizinischer Gegenstände, welche die Bezeichnung „scholastisch” rechtfertigt, Thaddaeus Florentinus (Taddeo Alderotti) angesprochen werden, ein Mann, an dessen Lehrtätigkeit und literarisches Schaffen der älteste Ruhm der ärztlichen Schule von Bologna geknüpft ist[57].

Er war es, der mehr als alle anderen der aristotelischen Dialektik die Pforte zur Heilkunde weit eröffnete und die aristotelische Physiologie zur Hauptgrundlage der medizinischen Theorie machte; durch ihn wurde dem ärztlichen Unterricht, der ärztlichen Forschung für lange Zeit eine feste Norm in der scholastischen Beweisführung gegeben[58]. Wenn auch keine glückliche, so doch jedenfalls eine neue Epoche der medizinischen Literatur heraufgeführt zu haben, das bleibt seine Leistung.

Taddeo Alderotti, geboren zu Florenz um 1223 — Thaddaeus Florentinus — entstammte einer unbemittelten Familie, wuchs unter den drückendsten Verhältnissen heran[59] und soll sich erst im Mannesalter dem Studium der Philosophie und Medizin in Bologna gewidmet haben. Nach erlangter Ausbildung trat er dort 1260 als Lehrer auf und wirkte als solcher, auf logische Bearbeitung der Heilkunde abzielend, viele Jahre hindurch mit einer Meisterschaft, die ihm bei den Zeitgenossen den Ehrennamen eines Magister medicorum eintrug. Sein Ansehen beruhte aber nicht bloß auf hervorragender Gelehrsamkeit, sondern auch auf glücklichen Erfolgen in der Praxis, die ihn zum vielgesuchten und oft weithin berufenen ärztlichen Ratgeber besonders in vornehmen, begüterten Kreisen machten; letzteren Umstand wußte er zum Erwerb eines bedeutenden Vermögens in mehr als zulässigem Maße auszunützen[60], was aber ebensowenig wie andere Schwächen — Neid, Eifersucht[61], Mißtrauen — seine weitreichende Popularität zu erschüttern vermochte. Er starb in hohem Alter (1303), nachdem er noch testamentarisch durch mehrere wohltätige Stiftungen für die Fortdauer seines Namens gesorgt hatte. Seine Bibliothek, über die er ebenfalls Testamentsverfügungen traf, enthielt Avicenna (4 Vol.), Galen (4 Vol.), die Metaphysik des Avicenna, die Ethik des Aristoteles, den Liber Almansoris, Serapion u. a.

Alderottis Schriften, die manche autobiographische Mitteilungen enthalten[62], sind nur zum Teil gedruckt, nämlich Expositiones in arduum Aphorismorum Hippocratis volumen, in divinum prognosticorum Hippocratis librum, in praeclarum regiminis acutorum Hippocratis opus, in subtilissimum Joanitii isagogarum libellum (Venet. 1527), Commentaria in artem parvam Galeni (Neapol. 1522), Libellus de conservanda sanitatede regimine sanitatis secundum quatuor anni tempora (ital. u. lat., Bonon 1477, auch in Puccinotti, Storia della medicina, Vol. II, P. I, App. pag. IV ff. und pag. XLIV ff.). Die italienische Fassung Libello per conservare la sanità del corpo wurde wegen des Stils von Dante im Convito (I, 10) heftig getadelt. Taddeo Alderotti übersetzte auch die Ethik des Aristoteles ins Italienische (Probe bei Puccinotti l. c.). Handschriftlich sind Kommentare zu galenischen Schriften und Consilia medicinalia (Beispiele dieser aus 107 Konsilien bestehenden Sammlung gedr. in Puccinotti l. c. pag. XVII ff.) vorhanden. Auf die Benützung von Uebersetzungen direkt aus dem Griechischen verweist eine Stelle in seinem Kommentar zu den Aphorismen: Et translationem Constantini persequar, non quia melior sed quia communior. nam ipsa pessima est et defectiva et superflua quandoque. nam ille insanus monacus in transferrendo peccavit quantitate et qualitate. tamen translatio burgundionis pisani melior est. et imo cum sententiam ponam imitabor eum et corrigam in positione sententie totum quod in alia erroneum invenitur, et hoc invitus faciam, sed propter communitatem translationis Constantini hoc faciam. nam potius voluissem sequi pisanum. — Bis zu welcher Weitschweifigkeit sich die Sucht des Kommentierens bei Alderotti verstieg, mag damit veranschaulicht werden, daß seine Interpretationen zu der so kleinen Isagoge des Johannitius einen Raum von nicht weniger als 114½ Folioseiten füllen; eine Probe dieses Kommentars (Kap. 18) wurde in deutscher Uebersetzung von R. v. Töply veröffentlicht (Mann und Weib, eine Abhandlung des Taddeo Alderotti, Wiener klin. Rundschau 1899).

Eine Fortdauer der am Gräzismus festhaltenden Salernitaner Tradition könnte wohl darin erblickt werden, daß Thaddaeus — er knüpfte in einer diätetischen Abhandlung direkt an das Regimen an — nur hippokratisch-galenische Schriften (mit Ausnahme der Isagoge des Johannitius) zum Objekt seiner Interpretationskunst machte, daß er die spärlichen, zur Verfügung stehenden Uebersetzungen aus dem Griechischen (Burgundio von Pisa) den schlechten Uebertragungen des Constantinus vorzog, aber Geist und Stil seiner Kommentare verraten nur allzu deutlich die Schulung an Avicennas Kanon und erinnern in überraschender Weise an die von der Bologneser Juristenfamilie Accorsi zu so hoher Blüte gebrachte logische Glossiermethode[63].

Welch großen Beifall unter den damaligen Zeitverhältnissen seine, von der früheren so abweichende, als wissenschaftlich imponierende Lehrart ernten mußte, ist leicht auszumalen, und die kommende ärztliche Literatur beweist, daß Alderotti eine ganze Reihe von Schülern zu berühmten Kommentatoren heranzuziehen verstand; erfreulicher von unserem Standpunkt ist es aber, daß er allem Anschein nach, trotz ausgesprochener Vorliebe für das Theoretisieren, doch auch das Praktische in Forschung und Unterricht nicht gänzlich vernachlässigte und in diesem Sinne sogar eine neue Form der medizinischen Schriftstellerei ins Dasein rief, nämlich die auf Beobachtung einzelner Krankheitsfälle beruhenden „Consilia”.

Dank der von Thaddaeus Florentinus eingeschlagenen, zeitgemäßen Richtung, welche von seinen Jüngern weiter verfolgt wurde, überholte Bologna das in den alten Bahnen zäh verharrende Salerno. Die wahre Bedeutung der ärztlichen Schule von Bologna im Hinblick auf die Gesamtentwicklung ist aber nicht in der wachsenden Menge der von ihr ausgehenden gelehrten Kommentare zu suchen, sondern gerade in solchen Strebungen, welche das in Salerno viel früher Begonnene unter glücklicheren Umständen fortsetzten, nämlich in der Pflege des anatomischen Studiums und in der wissenschaftlichen Bearbeitung der Chirurgie (vgl. S. 290 u. 306), zwei Erscheinungen, die sich lichtstrahlend vom sonst so düsteren Bilde der Heilkunde des 13. Jahrhunderts abheben.

Der chirurgische Ruhm Bolognas ist erheblich älter als der medizinische und knüpft sich in dieser Epoche vor allem an die Namen des Hugo von Lucca und des Theoderich, welche die überkommenen antik-arabischen Ueberlieferungen denkend zu verwerten wußten und durch eine einfachere, mehr exspektative eiterungslose Wundbehandlung[64], sowie durch die Beschränkung des Glüheisens und der maschinellen Polypragmasie (in der Therapie der Frakturen und Luxationen) fortschrittlich wirkten.

Durch die Verordnungen Friedrichs II. wurde das Studium der Anatomie (Tiersektionen) in Salerno und Neapel zu einer stehenden Einrichtung. Die Angabe aber, es sei 1238 der Befehl gegeben worden, alle 5 Jahre in Gegenwart der Aerzte und Chirurgen eine menschliche Leiche zu sezieren, dürfte nichts anderes als eine spätere Ausschmückung sein. Die ersten Spuren von einem anatomischen Betrieb (Tiersektionen) in Bologna führen in die Mitte des 12. Jahrhunderts zurück (vgl. S. 317, Anm. 1). Thaddaeus, der in seinen Schriften verhältnismäßig reiche anatomische Kenntnisse verrät, schöpfte aus arabischen Autoren und hat gewiß auch Tiersektionen beigewohnt; ob er selbst zum Messer gegriffen, ist nicht festgestellt. Höchstwahrscheinlich ist unter seinem Einfluß in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Bologna die pseudogalenische Schrift De anatomia vivorum (hauptsächlich aus Aristoteles, in zweiter Linie aus Galen) zusammengestoppelt worden, wenigstens deutet die echt scholastische Darstellungsweise, das barbarische Latein und die arabistische Terminologie auf die genannte Epoche und die vermutete Entstehungszeit. Während die allgemeine Anatomie, Physiologie und Eingeweidelehre ausführlich darin behandelt werden, fehlt die Osteologie und die Lehre von den Gehirnnerven; in der Gefäßlehre sind fast nur die Aderlaßgefäße hervorgehoben. Es soll übrigens hier nicht unerwähnt bleiben, daß manchen Angaben zufolge schon während des 13. Jahrhunderts in Italien hie und da Leichen geöffnet wurden, um die Ursache seuchenhafter Krankheiten zu ergründen; wahrscheinlich, aber unbewiesen, ist auch die bisweilen behauptete Vornahme von gerichtsärztlichen Sektionen in diesem Zeitalter. Was die forensische Medizin anlangt, so wissen wir nur das eine bestimmt, daß im Anschluß an die germanischen Rechtsbräuche schon seit langem äußere Besichtigungen von Leichen zwecks Beurteilung der Letalität der Wunden etc. durch sachverständige Aerzte stattfanden, was deutlich genug z. B. aus einer Verordnung des Papstes Innocenz III. vom Jahre 1209 hervorgeht (Decretal. Gregor. Lib. V, tit. XII, cap. 18).

Als letzter Hauptvertreter der Salernitanerchirurgie ist der Schüler des Roger (vgl. S. 307) Rolandus (Rolando Capelluti) anzusehen[65], der, teils in seiner Vaterstadt Parma (R. Parmensis) teils in Bologna lebend, die Chirurgie seines Lehrers überarbeitet herausgab (Ego quidem Rolandus Parmensis in opere praesenti juxta meum posse in omnibus sensum et litteram Rogerii sum secutus) und dieselbe noch außerdem zur Grundlage eines eigenen „Libellus de cyrurgia”, der „Rolandina” (Coll. Salern. II, 497-724 mit den Glossen der vier Meister) machte. Die Rolandina weicht im ganzen sehr wenig von der Practica chirurgiae des Roger ab, doch ist sie reichhaltiger und verrät den arabischen Einfluß deutlicher. Von großer Kühnheit zeugt eine Krankengeschichte, in der Rolando erzählt, wie er in einem Falle von penetrierender Brustwunde mit prolabierter Lungensubstanz diese einfach wegschnitt und hierauf die Wunde verband. — Zur chirurgischen Literatur der Salernitaner gehören ferner noch die Glossulae quatuor magistrorum und teilweise das Poëma medicum. Die Glossulae quatuor magistrorum super chirurgiam Rogerii et Rolandi (Coll. Salern. II, 497-724 und Puccinotti, Storia della medicina II, 2, p. 662-792), ein Kommentar zu den Schriften des Roger und Rolando (namentlich zur Rolandina), zeichnen sich durch streng wissenschaftliche, auch die Theorie (Aetiologie, Semiotik etc.) sorgfältig berücksichtigende Darstellungsweise aus und repräsentieren die Höchstleistung der Salernitaner Chirurgie unter arabischem Einflusse (Zitate aus Avicenna, Abulkasim, Constantinus, Rhazes). Buch I: Spezielle Wundlehre; Buch II: Abszeßlehre, Exantheme, Krebs, Fisteln einzelner Organe; Buch III: Manie, Melancholie, Epilepsie, Augen-, Ohr-, Zahnleiden, Hernien, Blasenstein, Hämorrhoidalkrankheiten, Kauterien, Lepra, Spasmus; Buch IV: Frakturen und Luxationen. Ob die Schrift wirklich von „vier” Meistern zu Salerno oder Paris verfaßt worden ist oder ob sich ein einziger Autor unter dem Pseudonym der Quatuor magistri verbirgt, konnte bisher nicht entschieden werden. Das Poëma medicum ═ De secretis mulierum, de chirurgia et de modo medendi libri septem (Coll. Salern. IV, 1-176) ist ein wahrscheinlich aus dem Ende des 13. Jahrhunderts stammendes Lehrgedicht (6322 Verse). Die beiden ersten Bücher handeln über Frauenleiden, Geburtshilfe und Kosmetik (aus dem Werke der Trotula geschöpft), die folgenden vier über Chirurgie (hauptsächlich metrische Paraphrase der Chirurgie des Roger und des zugehörigen Kommentars der Quatuor magistri), das siebente Buch handelt von der allgemeinen Therapie und Deontologie; es stellt in letzterer Hinsicht eine Versifikation der Schrift de adventu medici (vgl. S. 293) dar. Die allgemeinen therapeutischen Vorschriften scheinen vorwiegend der Ars medendi des jüngeren Kophon (vgl. S. 291) entnommen zu sein.

Hugo Borgognoni oder (nach dem Geburtsorte) Hugo von Lucca[66] (Ugo de Lucca) wurde um die Mitte des 12. Jahrhunderts geboren, wirkte als Stadtarzt (nebstbei auch als Gerichtsarzt)[67] in Bologna, begleitete die Bologneser Kreuzfahrer auf ihrem Zuge nach Syrien und Aegypten (Belagerung von Damiette 1219) und starb, fast hundertjährig, vor 1258. Er genoß als chirurgischer Praktiker einen bedeutenden Ruf, zog mehrere seiner Söhne zu Aerzten heran, unter diesen den nachmals so berühmten Theoderich. Worin seine Bedeutung lag, erfahren wir ausschließlich aus dem Werke des letzteren, da Hugo selbst nichts Schriftliches hinterließ. Von Theoderich hören wir unter anderem, daß Hugo die primitive Form der Narkose, mit Schlafschwämmen (vgl. S. 302) empfahl und für eine einfache, eiterungslose Wundbehandlung (Kompressen mit Wein, einfacher Verband) eingetreten ist. Er verfuhr in sehr rationeller Weise in der Behandlung komplizierter und unkomplizierter Schädelverletzungen (Einfachheit, Reinlichkeit, Warnung vor Polypragmasie, Unterlassen jeder Sondierung), in der Behandlung penetrierender Brustwunden, sowie des Empyems, der Abszesse etc. und vereinfachte wesentlich die Apparatotherapie bei Extremitätenverletzungen und Luxationen; bei Rippenfraktur versuchte er die Reposition im Bade mit vorher eingeölten Fingern. Im Gegensatz zu diesen Neuerungen huldigte er dem mittelalterlichen Zeitgeiste freilich dadurch, daß er allerlei Pflaster- und Salbenkompositionen und „Wundtränke” anwendete. Vgl. die Zusammenstellung der Zitate in der Berliner Dissertation (1899) von Eugen Perrenon, Die Chirurgie des Hugo von Lucca nach den Mitteilungen bei Theodorich. Meister Hugo beschäftigte sich auch mit Chemie und lehrte eine Methode der Sublimation des Arseniks.

Theoderich von Lucca (Theodericus Cerviensis, Teoderico Borgognoni, Theodericus Episcopus, Theoderich 1206-1298), der Sohn des Begründers der Bologneser Chirurgenschule, des Hugo von Lucca, trat schon in jungen Jahren in den, kurz vorher entstandenen Predigerorden ein, wurde später Poenitentiarius des Papstes Innozenz IV. und endete seine Laufbahn als Bischof von Cervia (bei Ravenna). Infolge besonderer Erlaubnis durfte er die schon vom Vater empfangene ärztliche Ausbildung vervollkommnen und selbst während des Episkopats die Praxis in Bologna ausüben. Diese war so umfangreich und lukrativ, daß er ein großes Vermögen für wohltätige Zwecke hinterlassen konnte. Trotz bedeutender Anlehnung an die griechischen und arabischen Autoritäten verrät seine Chirurgie (Venet. 1498 und in mehreren Ausgaben der Collect. chir. Veneta) einen gewissen Zug von Selbständigkeit — eine Folge der Ausbildung durch Hugo von Lucca, auf den sich der Verfasser in zahlreichen Fällen beruft[68]. Theoderich tritt entschieden für die eiterungslose Wundbehandlung ein: „non enim est necesse — saniem, sicut Rogerius et Rolandus scripserunt et plerique eorum discipuli docent et fere omnes cyrurgici moderni servant, in vulneribus generare. Iste enim error est major quam potest esse. Non est enim aliud, nisi impedire naturam, prolongare morbum, prohibere conglutinationem et consolidationem vulneris” (II, cap. 27). Wie sein Vater erklärte er (nach dem Vorgange Avicennas) den Wein für das beste Verbandmittel der Wunden. In dem Abschnitte über Blutstillung ist unter anderem der Aetzung, der Tamponade, der Ligatur und der gänzlichen Durchschneidung des verletzten Gefäßes gedacht; in der Behandlung der Frakturen und Luxationen tritt das Streben zu Tage, einfache Verfahren an Stelle der maschinellen Polypragmasie zu setzen. Das achte Kapitel des 4. Buches ist bemerkenswert, weil darin die Methode der Betäubung durch Schlafschwämme bei Vornahme von Operationen besprochen ist. Die Schwämme wurden mit narkotischen Pflanzensäften (Opium, Hyoscyamus, Mandragora, Lactuca, Cicuta, Hedera arborea etc.) imprägniert, sodann getrocknet und aufbewahrt und vor dem Gebrauche mit warmem Wasser angefeuchtet: quotiens autem opus erit, mittas ipsam spongiam in aquam calidam per unam horam et naribus apponatur, quousque somnum capiat, qui incidendus erit et sic fiat cyrurgia, qua peracta, ut excitetur aliam spongiam in aceto infusam frequenter ad nares ponas. Item feniculi radicum succus in nares immittatur, mox expergiscitur. Dieses, nicht unbedenkliche Verfahren scheint übrigens nicht allzuoft angewendet worden zu sein. — Theoderich legte auf richtige Ernährung seiner Patienten großes Gewicht (medicum cibaria boni chimi et boni sanguinis generativa non ignorare). Bei verschiedenen Hautaffektionen (Scabies, Pruritus etc.) verwendete er äußerlich Quecksilber und beobachtete dabei als Folgeerscheinung den Speichelfluß. Im 3. Buche seiner Chirurgia, Kap. 49 (de malo mortuo) werden genaue Vorschriften über die Anwendung der Quecksilbersalbe (1 Unze auf 130 Unzen anderer Bestandteile) nach einer vorausgegangenen Vorbereitungskur (hauptsächlich Laxieren) gegeben. Es heißt dort: Item unguentum sarracenicum quod sanat scabiem, cancrum, malum mortuum, phlegma salsum, educendo materiam per os, et dicitur leprosos in principio ... postea fac duos ignes: et in medio pone tabulam in qua locetur patiens et unguatur a genibus usque ad pedes et supra genua tribus digitis. Similiter a cubita usque ad manus et supra cubitas tribus digitis, et fiat ista unctio bis in die ... Diaeta sit tenuis et bene digestibilis. Et si propter multa sputamina et rascationem, asperitas et dolor in gutture sentiatur, da mel rosatum et mel simplex. Et si patiens multum debilitatus fuerit, confortetur ... (diese Vorschrift für eine Schmierkur entspricht schon ganz der bis noch vor einem halben Jahrhundert beliebten Hunger- und Speichelkur). Für den rationellen Standpunkt Theoderichs spricht es, daß er die Notwendigkeit der anatomischen Kenntnisse für den Chirurgen energisch betonte und die Wertlosigkeit mancher zu seiner Zeit beliebter Wundermittel klar erkannte. Die Chirurgie des Theoderich zerfällt in vier Bücher. Buch I: Wundbehandlung; Buch II: Schädel-, Gesichts-, Thorax-, Darm-, Gefäß- resp. Nervenverletzungen; Buch III: Fisteln, Krebs, Hautleiden, Abszesse, Tumoren, Hernien, Hämorrhoiden, Panaritium, Lepra etc.; Buch IV: Rezepttherapie, Beiträge über Kopfschmerz, Augenleiden, Gicht, Lähmung und Epilepsie.

Weit stärker als bei Theoderich tritt der Autoritätsglaube und die scholastische Schreibart bei seinem Zeitgenossen Brunus hervor, der in Padua und Verona tätig war. Brunus (Bruno da Longoburgo)[69] verfaßte eine Chirurgia magna (im Jahre 1252 vollendet) und eine (bloß aus 3 Folioseiten bestehenden) Chirurgia minor (beide in Coll. chirurg. Venet. 1546). Wertvoll war seine Polemik gegen die Eitererzeugung, sowie seine Empfehlung der austrocknenden Wundbehandlung. Bei der Erörterung der Wundheilung ist von einer prima und secunda intentio die Rede. Die Einleitungen der Chirurgie des Theoderich und des Bruno zeigen auffallende Aehnlichkeit, was vielleicht damit zu erklären ist, daß beide aus denselben arabischen Quellen geschöpft haben. Brunus bezeichnet selbst sein Werk als librum ... collectum et excerptum ex dictis glorissimi Galieni, Avicennae, Almansoris, Albucasis et Alyabbatis necnon et aliorum peritorum veterum (Hippokrates, Johannitius, Serapion, Constantinus), doch finden sich hie und da auch eigene Beobachtungen.

In den Streit über die Prinzipien der Wundbehandlung griff vermittelnd Wilhelm von Saliceto ein — der größte Chirurg, den Bologna und das 13. Jahrhundert überhaupt hervorgebracht hat.

Saliceto war ein Mann von umfassender ärztlicher Bildung, den ausgesprochene Vorliebe, ein „Specialis amor”, wie er selbst sagt, besonders zur chirurgischen Praxis hinzog. In welchem Sinne er diese betrieben sehen wollte, davon gibt seine Cyrurgia ein erschöpfendes und erfreuliches Bild. Sind auch keine großen Neuerungen darin zu finden, so ist doch der Stoff trefflich angeordnet und durch Mitteilung guter Beobachtungen, zahlreicher instruktiver Fälle belebt. Ueberall wird die Diagnose und die Therapie mit solcher ruhiger Sicherheit klar und zielbewußt entwickelt, daß man förmlich den kritisch abwägenden Geist, die geschickte Hand eines vielerfahrenen, kühnen und dabei umsichtigen, nur der eigenen Wahrnehmung vertrauenden Chirurgen herauszuspüren vermeint. Einem solchen Meister entspricht auch die verhältnismäßig knappe, auf Zitate fast völlig verzichtende Darstellung des Buches. Von historischer Bedeutung ist es namentlich, daß Saliceto, wie auch schon Theoderich, an Stelle der mißbräuchlichen Anwendung des Glüheisens das Messer wieder mehr zu Ehren brachte.

Saliceto war aber nicht bloß ein hervorragender Wundarzt, er ließ auch die innere Medizin nicht aus den Augen, und entsprechend der eigenen, vielseitigen Ausbildung war seine Absicht darauf gerichtet, die Wiedervereinigung beider Zweige zu befördern. Welcher Gewinn der inneren Medizin aus einer solchen Verbindung erwachsen konnte, wie sehr die chirurgische Erziehung zur nüchternen Beobachtung geeignet gewesen wäre, den Illusionen ärztlicher Dialektik entgegenzuwirken — beweist am besten das umfangreiche Kompendium der inneren Medizin, welches Saliceto nach seiner Chirurgie verfaßte. Dieses Werk — Summa conservationis et curationis — hat wohl mit anderen ähnlichen Schriften dieses Zeitalters die starke Berücksichtigung der vorausgegangenen (besonders arabischen) Literatur gemeinsam, unterscheidet sich aber in vieler Beziehung vorteilhaft von denselben, so namentlich durch die Bevorzugung des hygienisch-diätetischen Standpunkts, durch die nicht unbeträchtliche Zahl guter Krankheitsbeobachtungen und durch die von der Scholastik beinahe freie Darstellung.

Guglielmo da Saliceto (Salicetti) aus Piacenza (daher Magister Placentinus) wurde im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts geboren und war ein Schüler des Buono di Garbo (Schwager des Taddeo Alderotti). Er lebte und lehrte eine Zeitlang in Bologna, zuletzt in Verona, wo er eine Anstellung als Stadt- und Hospitalsarzt hatte. Sein Todesjahr ist nicht sichergestellt, wahrscheinlich starb er um 1280.

Cyrurgia (Placent. 1476, Venet. 1502, 1546, franz. Uebersetzung von Nic. Prevost, Lyon 1492, Paris 1505, 1596), neueste französische Ausgabe von P. Pifteau (Chirurgie de Guillaume de Salicet, Traduction etc., Toulouse 1898); czechische Uebers. Prag 1867. Summa conservationis et (sanationis) curationis (Placent. 1475, Venet. 1489 mit der Chirurgie, 1490, Lips. 1495 u. ö.). De salute corporis (Lips. 1495). Vgl. die von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen: H. Grunow, Diätetik des Wilhelm von Saliceto (1895), Eug. Loewy, Beitr. z. Kenntnis u. Würdigung des W. von Saliceto (1897), Herkner, Kosmetik und Toxikologie nach W. v. S. (1897), O. Basch, Materialien zur Beurteilung des W. v. S. als Arzt (1898). Die Cyrurgia zerfällt in fünf Bücher, denen eine kurze chirurgische Hodegetik und Methodologie vorangeht. Buch I: Erkrankungen des Schädels (Hämatom des Neugeborenen, Hydrocephalus), Kopfausschläge, Augen-, Ohrleiden (Unterbindung der Ohrpolypen), Nasenpolypen, Mundkrankheiten, Drüsenschwellungen des Halses, Kropf (innerliches oder operatives Verfahren), Schwellungen und Abszesse in der Achselhöhle (Differentialdiagnose), an der oberen Extremität, Panaritium, Krankheiten der Brustdrüse „scrofula”, „durities”, „cancer”, Fall von inoperablem Mammakarzinom), Vereiterungen am Thorax, Nabelbruch (Pflaster, Verbände, Unterbindung), Tumoren der Leber- und Milzgegend, Affektionen der Leistenbeuge, darunter venerische, (et fit etiam [scilicet bubo], cum homo infirmatur in virga propter fedam meretricem vel aliam causam; cap. 42), Hernia inguinalis (Beschreibung des Bruchbandes „lumbar”; Radikaloperation), Kastration, Hämorrhoiden und Kondylome des Afters (Unterbindung, Kauterisation), Operation von Mastdarmfisteln, Steinschnitt (vorher bimanuelle Untersuchung), Erkrankungen der männlichen Genitalien (de pustulis albis et scissuris et corruptionibus que fiunt in virga et circa preputium propter coitum cum meretrice vel feda vel ab alia causa) — am Schlusse dieses Kapitels (48) der prophylaktische Rat: ablutio cum aqua frigida et continua abstersio cum eadem post coitum ... post ablutionem roratio loci cum aceto), Abszesse an den Hoden, Skrotalhernie, Hydro-, Sarkokele, Varices (Bloßlegung der Vene, doppelte Ligatur, Kauterisation), Hüft-, Kniegelenksleiden, Frostbeulen etc., Karbunkel, Anthrax, Kontusionen, Verbrennungen, verschiedene Dermatosen, Gicht. Buch II betrifft die verschiedenartigen Verwundungen und Kontusionen der einzelnen Körperregionen. Die Behandlung der großen Schnittwunden bestand in Reinigung mit Oel, Blutstillung, Naht, sorgfältigem Verbande, Ruhestellung des verletzten Organs und passender Diät; bei eingetretener Eiterung kamen die mundificativa, incarnativa etc. zur Anwendung. Bei Schädelverletzungen legte er einen sehr dicken Verband an, um den schädlichen Zutritt der Luft zu verhindern; unter den Folgeerscheinungen ist namentlich die kontralaterale Lähmung hervorgehoben. Sehr ausführlich ist die kasuistisch belebte Schilderung der Pfeilwunden, penetrierenden Brust- und Bauchwunden (Anwendung der Kürschnernaht bei Längs- und Querwunden des Darmes). Bei der, für sehr gefährlich erklärten Stichverletzung der Nerven ist Erweiterung der Wunde, Oelapplikation, zur Schmerzstillung Opium, Hyoscyamus empfohlen. Buch III handelt in sehr gründlicher Weise von den Frakturen und Luxationen. Unter den diagnostischen Zeichen der Frakturen ist namentlich das Krepitationsgeräusch (sonitus ossis fracti) erwähnt; der Verband war ziemlich kompliziert (Oelbauschen, Eiweiß enthaltendes Pflaster, 4-6 Schienen, Kompressen, Binden), Warnung vor zu festem Anlegen des Verbandes, alle 3-4 Tage Verbandwechsel; Aderlaß, Schröpfen, Diät u. s. w. Zur Reposition der Verrenkungen sind rationelle Verfahren angegeben. Buch IV enthält eine Anatomie für die praktischen Zwecke des Chirurgen. Der Wert derselben beruht nur auf der neuartigen topographischen Darstellungsweise, der Inhalt ist zum größten Teile aus den fehlerhaften Angaben der Vorgänger geschöpft, Anatomie an der Menschenleiche hat Verfasser nicht ausgeübt. Dem angegebenen Zwecke entsprechend sind die Aderlaßvenen, die verschiedenen Formen der Luxationen, die Hernien ausführlich berücksichtigt. Buch V handelt von der Kauterisation und von den, in der Chirurgie gebräuchlichen Arzneimitteln. Die zum Kauterisieren verwendeten Instrumente waren aus Gold, Silber, Messing oder Eisen verfertigt, ihrer Form nach wurden sie bezeichnet als Cauterium olivare seu cultellare, clavale, punctuale, rotundum, triangulatum, minutum (für Kinder). Auf den Brandschorf legte man gleich nach der Aetzung butirum vel axungia seu oleum rosatum. Anstatt des Glüheisens kamen unter Umständen auch ätzende Medikamente zur Anwendung. Das Cauterium actuale oder potentiale diente, wie Wilhelm de Saliceto sagt, ad alterandam dispositionem membri cujus complexionem volumus rectificare et ad resolvendum materias corruptas in membro contentas et ad restringendum fluxum sanguinis.

Summa conservationis et curationis in fünf Büchern, beginnt mit einer vortrefflichen medizinischen Deontologie und mit einer ausführlichen Diätetik und Prophylaxe. Buch I enthält die spezielle Pathologie und Therapie; Buch II die Fieberlehre; Buch III die Kosmetik und Dermatologie; Buch IV die Toxikologie; Buch V die Heilmittellehre und ein Antidotarium. Zitiert sind am häufigsten Hippokrates, Galen, Rhazes und Avicenna. Aus der noch heute beherzigenswerten ärztlichen Politik des Saliceto sei Einiges hervorgehoben, was sich auf das Verhalten des Arztes am Krankenbette und auf den Umgang mit den Laien bezieht: In pulsu vero debet medicus cum maxima instantia quoad laicos considerare; sed veritatem ignorare non convenit: astute tangere cum quiete pulsum infirmi est conveniens et est bonum videri, ut medicus sit multum intentus de hac re. Nam omnia talia de medico hominibus fidem faciunt; quae est valde utilis in convenienti opere medicinali et per istud astantes bonam habent praesumptionem de medico. Et in quibus rebus delectatur infirmus hora sanitatis inquirere convenit et etiam de somno et vigiliis et similibus. Et cum hoc deliberative inquirere debet de infirmitate et ejus causa seu causis et hoc per considerationem in superfluitatibus: egestione, urina, sputo et sudore et per narrationem infirmi et adstantium: etiam si ipse debilis aut parvae scientiae fuerit et per hoc confortatur mens infirmi super ejus operationem et fit operatio medicinarum nobilior et confortatur in tantum anima infirmi per hanc fidem et imaginationem quod operatur contra infirmitatem fortius et nobilius et subtilius quam faciat medicus cum instrumentis et medicinis. (Also sorgfältige Untersuchung und Erhebung der Anamnese schon aus psychologischen Gründen!) Bezüglich der Prognose heißt es in echt humaner Gesinnung: Nullo modo praesumas coram infirmo nec ipso audiente aliquam debilitatem de ejus natura proferre, neque aliquid mali de eo, etiam si de ejus salute fueris desperatus: sed medico semper convenit infirmo salutem promittere, ut imaginatio bonae dispositionis et salutis firma in infirmi anima remaneat: nam talis infirmitas de salute operationem medici juvat in omni re et effectus medicinarum contra materias et infirmitatem melior et nobilior reperitur; amicis vero et secretis infirmi totam veritatem exponas ut omnis suspicio si infirmus ad malum converteretur a mentibus amicorum infirmi per tuam bonam et veram narrationem tollatur. Gewarnt wird vor allzugroßer Vertraulichkeit mit den Laien, namentlich aber vor wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, da offenbar werdende Kontroversen hinsichtlich der Diagnose oder Behandlung das Vertrauen erschüttern. Nam omnes laici propter discordiam repertam inter medicos solum sermonibus et aliquando inquisitione causarum et egritudinum artem medicinalem reputant vanitatem et dicunt medicos non rationabiliter contra egritudines, sed ut plurimum, casualiter operari. Möglichst nachdenklich, schweigsam, mit zu Boden gesenktem Antlitz solle der Arzt dastehen, so daß der Eindruck erweckt werde, daß in seinem Geiste alle Weisheit verborgen sei, etiam si in tali cognitio veritatis nullo modo reperiretur. Nur das nötigste ist mit den Angehörigen zu sprechen, denn Schweigen fällt nicht dem Tadel törichter Rede anheim. Der Arzt halte sich fern von allem, was seinen Ruf beim Publikum schädigen könnte, namentlich hüte er sich mit der Frau des Hauses über intime Angelegenheiten zu reden. Seine Leistungen lasse er sich gut honorieren: et petere optimum salarium de qualibet operatione medicinali, assignando pro causa visionem stercoris et urinae non erit malum. Er gehe nicht hochmütig und in feinem Putz daher, auch vermeide er es, durch auffallendes, unschickliches Benehmen Anstoß zu erregen. Der Besuch bei dem Kranken erfolge nicht überflüssig, sondern nur auf dessen Wunsch: quia ex tali visitatione redderes te suspectum, et perit in te fides infirmi. Besondere Vorsicht ist bei der Verabreichung von Narcoticis am Platze, die Verordnung von Abortivis oder antikonzeptionellen Mitteln verstoße gegen Religion, Ethik und die staatlichen Gesetze. Die Kenntnis von den Leistungen der Vorgänger als Grundlage der eigenen Leistungen ist erforderlich, quod nullus hominum per se perfecte potest pervenire ad artes operativas seu conservativas nisi cum communitate prioris et melioris a quo doctrinaliter audire debet causas et principia et regulas universales artis. — Die diätetisch-hygienische Abhandlung bildet ein noch jetzt lesenswertes Vademekum von der Wiege bis zum Grabe. Sie beginnt mit einer ungemein sorgfältigen Hygiene der Schwangeren und der Kinder in den ersten Lebensjahren. Tägliches Baden des Kindes ist unerläßlich, das Bestreichen des Anus mit Oel erleichtert den Durchtritt der Fäces, das Weinen und Schreien der Kinder erweitere den Brustkasten und befördere den Stoffwechsel, sei also nicht besorgniserweckend, die Entwöhnung — man stillte bis zum 2. Jahre — das Laufenlernen und alles übrige erfolge nur gradatim. Nach vollendetem 6. Jahre habe man auf gute geistige und leibliche Erziehung Bedacht zu nehmen, das Baden sei von großem Wert, Weingenuß sei gänzlich zu untersagen. Nach dem 14. Jahre könne eine größere Freiheit in der Auswahl und Menge der Speisen gestattet werden, und man solle für gute Luft, angemessene Ruhe und Bewegung, Sättigung und Stuhlentleerung, Vermeidung seelischer Aufregung und körperlicher Ueberanstrengung und für eine gewisse Abhärtung sorgen. Saliceto weist auf die Notwendigkeit einer in gesunder Gegend gelegenen Wohnung und geeigneten Schlafstätte hin; Bewegung besonders vor dem Essen sei nützlich; Unmäßigkeit des Trinkens während des Essens störe die Verdauung; Zurückhalten des Urins (wegen Disposition zu Harnleiden) und der Fäces sei zu vermeiden. Allzugroße Enthaltsamkeit in Sexualibus sei nicht zu billigen; mäßiger Coitus schaffe dem Körper Erleichterung und lenke die Gedanken von sinnlichen Vorstellungen ab; unmäßige Ausübung desselben schwäche den Menschen. Allzu heiße Bäder seien schädlich durch ihre schwächende und austrocknende Wirkung. Alle Gemütsbewegungen, welche das Maß überschreiten, können Krankheiten erzeugen, z. B. langanhaltender Zorn — Fieber. Der Schluß der Abhandlung betrifft die Diagnose und die ärztlichen Maßnahmen vor dem Ausbruch einer herannahenden Krankheit. Aus der speziellen Pathologie wäre namentlich die Beschreibung der „durities renum” als Ursache der Wassersucht (Vorahnung des Brightschen Symptomenkomplexes![70]), und die Schilderung der Melancholie bemerkenswert. Die gynäkologischen Abschnitte haben folgenden Inhalt: Ursachen und Behandlung der Amenorrhöe, Dysmenorrhöe, Abszesse, Karzinom des Uterus (entsteht auf einem Boden, der durch eine Art Verbrennung in seiner Ernährung gestört ist, wobei die Gefäße als Verbreiter des Krankheitsstoffes wirken), Rhagaden, Blasenmole, Hysterie (der Anfall unterscheidet sich vom epileptischen durch das fortbestehende Bewußtsein), Stenosen der Vulva, Ursachen und Behandlung der Sterilität, Gebärmutterkatarrh, Verhaltungsmaßregeln zur Beförderung der Konzeption etc.

Der mächtige Aufschwung, den die Chirurgie während des 13. Jahrhunderts in Italien nahm, beruhte nicht bloß auf der ausgedehnten praktischen Verwertung der gräko-arabischen Ueberlieferung, sondern noch mehr auf der beginnenden Selbständigkeit der Beobachtung und Erfahrung mindestens in einzelnen Fragen und Methoden[71]. Die wichtigste Voraussetzung dieser aufstrebenden Entwicklung war durch den Umstand gegeben, daß die ärztlichen Schulen Italiens für die wissenschaftliche Ausbildung der Chirurgen Sorge trugen, und daß diesen eine ihres Standes würdige soziale Stellung eingeräumt wurde.

Der Einfluß der großen italienischen Meister blieb glücklicherweise nicht auf ihre nächste Umgebung beschränkt, doch eine wirkliche Pflanzstätte der italienischen Chirurgie wurde zunächst nur Paris, wo sich die legitimen Wundärzte um die Mitte des 13. Jahrhunderts zwecks Wahrung ihrer geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen zu einer Korporation, dem Collège de St. Côme, vereinigt hatten und dank ihrer fachlichen Ausbildung wenigstens einigermaßen schon für die Aufnahme einer Operationskunst im eigentlichen Sinne des Wortes vorbereitet waren[72]. Diese ihnen übermittelt und damit den Grundstein zur später so glänzenden französischen Chirurgie gelegt zu haben, ist das große Verdienst des Mailänders Lanfranchi, welcher der Schule des Wilhelm von Saliceto entstammte.

Wie aus den beiden Hauptwerken Lanfranchis, aus der Chirurgia parva und der kasuistisch belebten Chirurgia magna, hervorgeht, war der Herold der italienischen Wundarzneikunst auf französischem Boden eifrigst bemüht, den Spuren seines berühmten Lehrers zu folgen, ohne aber auf eigene Beobachtung und selbständiges Urteil Verzicht zu leisten. Gleich Saliceto für die Würde seiner Kunst begeistert und von strengster Gewissenhaftigkeit geleitet, suchte er die wissenschaftliche Begründung der Chirurgie und ihre Wiedervereinigung mit der internen Medizin herbeizuführen, und als Hauptmittel des chirurgischen Unterrichts galt ihm der Hinweis auf konkrete Fälle. „Bona casuum narratio multum corroborat operantem.” — „Nam omnis scientia, quae dependet ab operatione multum corrobatur per experientiam.” Mehr aber als Saliceto huldigte Lanfranchi der literarischen Gelehrsamkeit, ja selbst dem Scholastizismus, und unverkennbar ist ein Rückschritt darin zu erblicken, daß er gegenüber der Ausführung großer Operationen (z. B. Herniotomie, Steinschnitt) oft übertriebene Zaghaftigkeit zur Schau trägt.

Lanfranchi (Lanfranco, Lanfrancus, Alanfranc u. a.) aus Mailand, der hervorragendste Jünger Salicetos, wirkte zuerst als Chirurg und Internist in seiner Vaterstadt, aus der er infolge politischer Konflikte im Jahre 1290 verbannt wurde. Wie manche andere italienische Aerzte[73] suchte er in Frankreich ein Asyl, begab sich zunächst nach Lyon, wo er die Chirurgia parva schrieb, reiste sodann, immer seine Kunst ausübend, durch verschiedene Provinzen, um schließlich seit 1295 in Paris dauernden Aufenthalt zu nehmen. Hier entwickelte er in Verbindung mit seiner großen Praxis eine sehr ersprießliche Lehrtätigkeit, welche nach seiner (besonders durch den Dekan der medizinischen Fakultät, Jean Passavant, angeregten) Aufnahme ins Collège de St. Côme dem Ansehen der Pariser Chirurgenvereinigung in hohem Maße zu gute kam. Das Neue der Lehrweise bestand in der Oeffentlichkeit der Operationen, an die sich instruktive Vorträge knüpften, also in der echt klinischen Unterrichtsmethode. Lanfranchi beendete 1296 sein Hauptwerk, welches ihm den Nachruhm sicherte, die dem König Philipp dem Schönen gewidmete Chirurgia magna. Sein Todesjahr ist nicht festgestellt, doch scheint er noch vor 1306 gestorben zu sein.

Die Chirurgia parva (in Collect. chir. Venet., deutsche Uebersetzung von O. Brunfels, Kleyne Wundartznei des hochberümpten L., Straßburg 1528; alte spanische Uebersetzung, Sevilla 1495) ist nur ein Abriß, der in 16 Kapiteln das allernotwendigste chirurgische Wissensmaterial enthält. Die Chirurgia magna ═ Practica quae dicitur ars completa totius chirurgiae (Venet. 1490, in Coll. chir. Venet., alte französische Uebersetzung von G. Yvoire, Lyon 1490; alte englische Uebersetzung veröffentlicht in Early English Text Society 1894 unter dem Titel Lanfrank's Science of Cirurgie) zerfällt in 5 Traktate, welche in Doktrinen und Kapitel eingeteilt sind[74]. Traktat I beginnt mit der Definition der Chirurgie (cyrurgia von „cyros” ═ manus und „gyos” ═ operatio!) und einer Deontologie. Von den Eigenschaften, die der Chirurg besitzen soll, heißt es unter anderem: manus habeat bene formatas: digitos graciles et longos: corpus forte non tremulum: membra cuncta habilia ad perficiendum bonas animae operationes. Sit subtilis ingenii. Sit naturalis, humilis et fortis animi, non audacis. Naturali scientia sit munitus: non medicina solum sed in omnibus partibus phylosophiae studeat: naturalis logicam sciat: ut scripturas intelligat: loquatur congrue: quod docet grammatica: propositiones suas sciat rationibus approbare: quod docet dyalectica: verba sua sciat secundum intentionem propositam adaptare: quod docet rhetorica. Adeo noscat ethicam quod spernat vitia et mores habeat virtuosos: non sit gulosus: non adulter: non invidus: non avarus: sit fidelis. ... In aegri domo verba curae non pertinentia non loquantur. Mulierem de domo aegri visu temerario respicere non praesumat, nec cum ea loquatur ad consilium nisi pro utilitate curae: non det in domo aegri consilium nisi petitum: cum aegro vel aliquo de familia non rixetur: sed blande loquatur aegro: promittens eidem quamque salutem in aegritudine. Et si de ipsius salute fuerit desperatus, cum parentibus et amicis casum prout est expositione non postponat. Curas difficiles non diligat et de desperatis nullatenus se intromittat. Pauperes pro posse juvet: a divitibus bona salaria petere non formidet: ore se proprio non collaudet, alios aspere non increpet, medicos omnes honoret et clericos. nullum cyrurgicum pro posse sibi faciat odiosum. ... Sic addiscat physicam, quod in cunctis operationibus sciat instrumentum ejus cyrurgicum theorice regulis approbare, quod docet physica. Nam necessarium est quod cyrurgicus sciat theoricam sicut potest syllogizando probari. Omnis practicus est theoricus: omnis cyrurgicus est practicus: ergo omnis cyrurgicus est theoricus. ... Der Schluß dieses Kapitels klingt in die Forderung aus, daß der Chirurg auch von der Medizin eine vollständige Kenntnis besitzen müsse. Nach einem kurzen Ueberblick über Anatomie und Physiologie handelt Lanfranchi von den Wunden und Geschwüren. Die Wunde wurde gewöhnlich mit einem Verband behandelt, bei dem „pura clara ovi” oder das rote Pulver (vgl. S. 307) direkt appliziert wurden; bei großen, klaffenden Wunden kam die Naht zur Anwendung (Naht auch bei vollständig queren Nervendurchtrennungen, im Gegensatz zu Theodorich). Bemerkenswert ist es, daß auf den Einfluß hingewiesen wird, den die Luft auf die Eiterbildung in Wunden ausübt. Unter den Methoden der Blutstillung wird auch die Digitalkompression und die Unterbindung (vielleicht auch die Torsion) der Gefäße erwähnt. Verwundete müssen sich im allgemeinen, wenigstens anfangs, von Wein und substantiöser Nahrung enthalten. Die Geschwüre werden eingeteilt in ulcera virulenta, sordida, profunda, corrosiva, putrida, ambulativa und ulcera difficilis consolidationis. Hindernisse für die Geschwürsheilung sind oft in dem Sitze der Geschwüre oder in der Folgewirkung gewisser Krankheiten (mala dispositio totius corporis ut ydropisis, Leber-, Milzleiden etc.) zu suchen. Der „cancer apertus” soll nur dann mit dem Messer oder Glüheisen angegriffen werden, wenn die vollständige Entfernung möglich ist. Wenn der Wundstarrkrampf durch Verletzung einer Sehne oder eines Nerven (welche beide voneinander nicht genügend geschieden wurden) entstanden ist, so empfiehlt es sich (falls Aderlaß, Schröpfköpfe, Klysmen etc. nutzlos blieben) die völlige Durchtrennung vorzunehmen. Traktat II handelt von den Wunden der einzelnen Körperteile a capite ad calcem, wobei anatomische Erörterungen stets vorausgeschickt werden. Zeichen einer Schädelfraktur sind: der rauhe, klirrende Ton beim Beklopfen der Schädeldecke mit einem Stäbchen, die Schmerzempfindung des Patienten, wenn an einem, von diesem mit den Zähnen gehaltenen Faden mit den Nägeln geschabt wird. Die Hirnsymptome bei Schädelbruch werden treffend abgehandelt. Lanfranchi wendet sich gegen die übermäßige Anwendung der Trepanation, die er nur bei Depression eines Fragments und bei Durareizung für indiziert erklärt. Die Wiederanheilung von ganz abgehauenen Nasen hält er für unmöglich. Traktat III betrifft zunächst die Hautleiden (Impetigo, Morphea, Serpigo, Lepra etc.) und die „Apostemata”, worunter nicht bloß Abszesse, sondern auch manche Geschwülste verstanden werden (z. B. Kröpfe, deren Entstehung namentlich auf das Trinkwasser und auf das Leben im Gebirge zurückgeführt ist). In der Behandlung der Abszesse spielt die humorale Auffassung eine sehr bedeutende Rolle in Form der Evacuantia, Repercussiva (Zurücktreibung bezw. Verteilung der Materie), Maturativa. Es folgen die Augen-, Ohren- und Nasenkrankheiten, die Affektionen der Brustdrüsen, Hernien, Nieren- und Blasensteine, Geschlechtsleiden, die verschiedenen Arten der Wassersucht, Hämorrhoiden, Varices. Bemerkenswert ist es, daß Lanfranchi sich gegenüber der Radikaloperation der Hernien vorsichtig zuwartend verhält (Empfehlung von Bruchbändern und einer angemessenen Lebensweise), daß er die Nephro-Lithotomie verwirft und den Blasenschnitt nur dann anrät, wenn innere Mittel, Sitzbäder u. dgl., im Stiche ließen. Dieselbe Vorsicht bekundet er auch hinsichtlich der Parazentese des Abdomens bei Ascites, wobei er dagegen eifert, daß man diese Operation zumeist, ohne Berücksichtigung der Grundkrankheit und der individuellen Verhältnisse, schablonenhaft ausführe. Den Beschluß dieses Traktats bilden Vorschriften über die Technik der Venäsektion[(1)], des Schröpfens, der Kauterisation (mit 10 Abbildungen verschiedener Arten von Glüheisen, Cauterium punctuale, rotundum, radiale, cultellare, subtile, dactilare, triangulare, acuale, linguale, C. cum tenaculis perforatis). Was die Technik des Aderlasses anlangt, so ist im allgemeinen die Inzision der Länge nach empfohlen; als Aderlaßvenen kommen 30 in Betracht; neben den zahlreichen Indikationen wird auch der Kontraindikation bei Kindern, Greisen, Schwangeren etc. Rechnung getragen. Lanfranchi erhebt hier Klage darüber, daß der Aderlaß den Badern überlassen wurde, und über die Trennung der Medizin von der Chirurgie. Et jam scivisti quod licet propter nostram superbiam flebotomiae officium bartitonsoribus sit relictum, quod antiquitus erst medicorum opus et maxime quando cyrurgici illud officium exercebant. O deus quare fit hodie tanta differentia inter physicum et cyrurgicum, nisi quoniam physici manualem operationem laicis reliquerunt, aut quoniam operari ut dicunt quidam cum manibus dedignantur: aut quod magis credo, quoniam operationis modum quod apud scientiam est necessarium non noverunt. et haec abusio tantum valuit propter antiquam dissuetudinem: quod apud quosdam de vulgo credatur impossibile quod unus homo possit scire magisterium utriusque. Sed sciat quicunque quod non erit bonus medicus, qui operationem cyrurgiae penitus ignorabit. Et sicut est dictum cyrurgicus debet haberi pro nullo qui medicinam ignorat: imo est ei necessarium partes medicinae singulas bene scire. Traktat IV enthält die Lehre von den Frakturen und Luxationen. Traktat V ist ein Antidotarium.

Während die chirurgische Kunst in der Seinestadt schon ihre erste Blüte entfaltete, stand die Pariser medizinische Fakultät hinter den anderen ärztlichen Schulen an tatsächlicher Bedeutung wie an Ansehen weit zurück, und aus den spärlichen Nachrichten, die wir besitzen, läßt sich ersehen, daß man dort die Heilwissenschaft ganz unter die drückende Herrschaft des Scholastizismus brachte, hingegen die praktische Ausbildung arg vernachlässigte.

Im Gegensatz hierzu trug die Schule von Montpellier der Empirie in Forschung und Lehrweise einigermaßen Rechnung[75], eine Richtung, welche noch zielbewußter verfolgt wurde, seitdem der glänzendste Vertreter der Medizin des 13. Jahrhunderts auf die dortigen Studienverhältnisse von Einfluß wurde, der große Katalonier Arnaldus de Villanova († 1311)[76], eine der eigenartigsten und interessantesten Persönlichkeiten des ganzen Mittelalters.

Die Lebensgeschichte des Arnaldus de Villanova (Arnoldus, Arnauldus, Arnaudus, Rainaldus, Reginaldus, Villanovanus, de Nova Villa, Catalanus, Cathelanus, Provincialis) ist uns — charakteristisch für den wenig historischen Sinn des Mittelalters — einerseits höchst lückenhaft, anderseits entstellt durch viele widerspruchsvolle Angaben und durch phantastische Zutaten Späterer überliefert worden, welch letztere erst in jüngster Zeit durch gründliche Quellenforschungen ihre Revision erfahren haben. Leider bleibt aber noch vieles im Lebenslauf und hinsichtlich der Schriften Arnalds unaufgeklärt.

Arnald von Villanova dürfte innerhalb des Zeitabschnittes 1234-1240 geboren sein, als seine Heimat ist mit einer, an Gewißheit grenzender Wahrscheinlichkeit Spanien und zwar die Diözese von Valencia anzunehmen, ohne daß die Frage nach dem eigentlichen Geburtsort gelöst wäre — gibt es doch eine ganze Reihe von Ortschaften des Namens Villanueva. Arnald war nach eigener Angabe von niedriger Abkunft und wuchs, wie er dankbar erwähnt, in einem Kloster der Dominikaner auf. Nachdem er eine, übrigens mangelhafte, elementare Schulbildung erworben hatte, wandte er sich dem Studium der Theologie, Sprachkunde (Hebräisch), Philosophie, hauptsächlich aber der Naturwissenschaft (Alchemie, Physik) und Medizin mit größtem Eifer zu. Geht dies, abgesehen von gelegentlichen autobiographischen Bemerkungen, schon aus dem Inhalt seiner Werke hervor, welche ein, auch für die damalige Zeit selten umfassendes Wissen verraten, so sind wir dagegen über die Studienorte nicht ganz hinreichend orientiert. Jedenfalls spielten Paris und Montpellier unter diesen die Hauptrolle, als medizinischer Lehrer wird von ihm bloß Johannes (Casamida) Casamicciola rühmend erwähnt, der in Neapel als Professor und Leibarzt tätig war. Zweifellos hat Arnald nicht nur aus Büchern studiert, sondern auch auf Reisen, im Verkehr mit sarazenischen Aerzten (die arabische Sprache konnte er sich in Spanien leicht aneignen), mit hervorragenden Zeitgenossen und mit dem Volke seine Kenntnisse ergänzt und reichere Erfahrung als viele andere gesammelt. Schon in den siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts erfreute er sich eines bedeutenden Rufes als Arzt, wurde in Italien öfters zu vornehmen Personen berufen und trat später als Konsiliarius in den Dienst Pedros III. von Aragonien. Hatte er eine Zeitlang in Barcelona einen festen Wohnsitz, so ließ er sich vielleicht schon seit 1289, jedenfalls aber nicht über das Jahr 1299 hinaus, in Montpellier nieder, wo er nicht nur die Praxis ausübte, sondern auch mit großem Erfolg als Lehrer wirkte und einige der wichtigsten von seinen zahlreichen medizinischen Schriften verfaßte. Wenn Arnald auch fürderhin als ärztlicher Praktiker in verschiedenen Städten Italiens, Frankreichs und Spaniens, als medizinischer Schriftsteller und als Alchemist die Bewunderung seiner Zeitgenossen erregte, so ist doch der Schwerpunkt seines Wirkens in der späteren Epoche seines Lebens insbesondere in diplomatischen Aktionen im Interesse Aragoniens und in religiös-reformatorischen Strebungen zu suchen. Im Jahre 1299 geriet Arnald, als er als Gesandter Aragoniens am Hofe Philipps des Schönen weilte, mit den Pariser Theologen wegen seiner teils freien, teils mystischen (chiliastischen, spiritualistischen) religiösen Anschauungen in Konflikt und wurde vor das Inquisitionsgericht gestellt, das ihn nach kurzdauernder Verhaftung zum Widerruf zwang und seine Schrift de adventu Antichristi als häretisch verurteilte. Unter fortgesetzten Protesten mutig bei seinen religiösen Ansichten verharrend und dieselben in Streitschriften vertretend, suchte er sich bei den Päpsten Bonifaz VIII., dessen Gunst er durch ärztliche Dienstleistungen zu erwerben wußte[77], und Benedikt XI. (bei diesem vergeblich) zu rechtfertigen, seine Rehabilitation erlangte er aber erst durch Clemens V., der ihn ehrenvoll aufnahm und ihm die größte Hochachtung bezeigte. Auf die Einzelheiten des reichbewegten Lebens, das Arnald bald nach Italien und Frankreich, bald in die spanische Heimat führte, kann hier nicht eingegangen werden, ebensowenig auf die religiösen und diplomatischen Beziehungen, welche er zu den Päpsten, zu Jayme II. von Aragonien, zu dessen Bruder Friedrich III. von Sizilien und zu dem wissensfreundlichen Robert von Neapel hatte. Es sei nur erwähnt, daß Arnald von Villanova, verehrt von den Freunden, gehaßt und gefürchtet von den Feinden, vermöge seiner geistigen Ueberlegenheit und seines suggestiven, imponierenden Wesens in der Geschichte der religiösen Bewegungen und kirchenpolitischen Ereignisse des ausgehenden 13. und des beginnenden 14. Jahrhunderts eine höchst einflußreiche Rolle spielte. Er diente gekrönten Häuptern zum Berater, er erfüllte die Könige von Aragonien und Sizilien mit seinen schwärmerischen religiösen Ideen, an ihn wandten sich die bedrohten Tempelritter und die bedrängten Mönche vom Berge Athos um Hilfe, seinen Anregungen entsprang eine durchgreifend neue Gesetzgebung für Sizilien. Nach glaubwürdigen Chroniken ist Arnald auf einer Reise an den Hof Clemens V. auf dem Meere im Angesicht der Küste vor Genua gestorben (1311)[78]. Konnte ihn bei Lebzeiten das Wohlwollen der Päpste Bonifaz VIII. und Clemens V. gegen die Verfolgungen seiner Feinde schützen, so ruhte nach seinem Tode keineswegs das Inquisitionsverfahren gegen seine philosophisch-theologischen Schriften, welche kirchliche Mißstände schonungslos geißelten. Infolge des 1316 gefällten Inquisitionsurteils wurden die meisten derselben als ketzerisch verdammt und der Vernichtung preisgegeben. Unter diesen Umständen kann es nicht wundernehmen, daß Arnald auch der Zauberei und des Bündnisses mit dem Teufel bezichtigt wurde.

Arnald von Villanova war ein außerordentlich fruchtbarer Autor. Seine in barbarischem Latein abgefaßten, aber doch einer gewissen Eleganz des Ausdrucks nicht entbehrenden Schriften[79] beziehen sich, soweit sie erhalten sind, hauptsächlich auf Medizin, Alchemie, Astrologie. Ihr Umfang ist ein sehr verschiedener, manche besitzen eine sehr bedeutende Ausdehnung, andere füllen kaum mehr als eine Foliospalte. Gedruckt sind über 60. Ueber die Echtheit herrscht im einzelnen Zweifel. Gesamtausgaben seiner Werke (unvollständig und ohne Kritik der Echtheit), Lugd. 1504, 1509, 1520, 1532, Venet. 1505, 1514, Paris 1509, Basil. 1515, 1560, 1585, die medizinischen Schriften (Praxis medicinalis), Lugd. 1586, die astronomisch-chemischen Schriften (Tractatus varii exoterici ac chymici), Lugd. 1586, außerdem Sonderausgaben einzelner Schriften und Uebersetzungen derselben.

Zur Methodologie und Deontologie.

Medicinalium introductionum (considerationum) speculum, Lips., s. a. Grundlagen der allgemeinen Pathologie und Therapie. De diversis intentionibus medicorum handelt über die Prinzipien der medizinischen Wissenschaft, über Aetiologie, Diätetik. Cautelae medicorum (de opificio medici). Aerztliche Politik, Krankenexamen und Hygiene am Krankenbett. Die Schrift ist ein späteres Machwerk, das aus vier heterogenen Bestandteilen zusammengesetzt wurde. Von diesen geht höchstens einer, der von hoher sittlicher Auffassung des ärztlichen Berufes zeugt, auf Arnald zurück. De considerationibus operis medicinae (ad Grosseinum Coloniensem). Forderung einer rationellen Bearbeitung der Heilkunde gegenüber der verworrenen Anhäufung von „Partikularitäten” nach Art der Empiriker.

Zur Physiologie.

De humido radicali. De conceptione.

Zur Hygiene und Diätetik.

De regimine sanitatis (auch in Sonderausgaben, ital. Venezia 1549), fälschlich dem Arnaldus zugeschrieben, tatsächlich von dem Mailänder Arzte Magnino herrührend. Inhalt: Hygiene mit Rücksicht auf die verschiedenen Temperamente, Geschlechter, Klimate, Lebensalter, spezielle Hygiene der Nahrungsmittel, gewisser Berufe, hygienisches Verhalten bei Krankheiten, Rekonvaleszenz, Seuchen, Vorschriften über Aderlaß, Kauterien, Blutegel (Beachtung der Qualität derselben! manchmal nachfolgende Applikation von Schröpfköpfen auf die Wunde), Brechmittel, Purgiermittel. Regimen sanitatis ad inclytum regem Aragonum directum et ordinatum (auch unter dem Titel Tractatus de conservatione sanitatis oder Consilium ad reg. Arag.), mehrmals besonders gedr. z. B. Paris 1573, Colon. 1586, ins Spanische (Sevilla 1526) u. a. Spr. übersetzt, handelt über den Einfluß der Luft, der Körperbewegung, der Bäder, des Schlafs, der Affekte, der Nahrungsmittel u. a. De conservanda juventute et retardanda senectute, Lips. 1511, übersetzt ins Italienische (Venez. 1550) und Englische. Pathologie und Diätetik des Greisenalters, Mittel zur Wiederverjüngung, darunter das Goldwasser. Die Schrift beginnt mit der Widmung ad Robertum, regem Hierosolymitanum et Siciliae. De regimine castra sequentium (vielleicht nicht von Arnald selbst, jedenfalls aber aus seiner Zeit herrührend). Lagerhygiene in einem Kapitel. Deutsche Uebersetzung von R. v. Töply, Wien. med. Wochenschr. 1896. De bonitate memoriae. Ueber den Verlust des Gedächtnisses und Mittel zur Verhütung. Von zweifelhafter Echtheit. De coitu. De modo praeparandi cibos et potus infirmorum in aegritudine acuta, eine recht rationelle Krankendiät (vgl. hierzu Musandinus, S. 303). Compendium regiminis acutorum, bezieht sich ebenfalls auf die Krankendiät. Darstellungsweise scholastisch. De conferentibus et nocentibus principalibus membris corporis nostri, Lips. 1511 (mit de conservanda juventute), Basil. 1560, 1565 (mit den Parabolae). De esu carnium (pro sustentatione ordinis Carthusiensis contra Jacobitas). Verteidigung der ausschließlich vegetabilischen Diät. De confortatione visus secundum sex res non naturales (ed. Pansier in Coll. ophthalmolog. veter. auctar. Fasc. I, Paris 1903) handelt von der Hygiene im allgemeinen und von der Hygiene des Auges (nach dem entsprechenden Kapitel des Grabadin Mesuae, de cura oculorum).

Zur Heilmittellehre, Pharmazie und Toxikologie.

De dosibus theriacalibus. Liber aphorismorum de graduationibus medicinarum per artem compositarum. Simplicia gedr. auch unter dem Titel Aggregator practicus de simplicibus, Venet. 1520. Antidotarium, enthält nicht bloß eine Nomenklatur der Arzneimittel, sondern auch Angaben über Zubereitung und Anwendungsweise derselben. Gewarnt wird vor der Benützung kupferner Gefäße bei Bereitung der Acetosa, Dulcia u. a. De vinis, auch unter dem Titel Elixir de vinorum confectionibus oder de secretis magnis medicinae et virtutibus mirabilibus specierum et artificialium vini, separ. gedr. z. B. Lips. ca. 1510, Lugd. 1517; deutsche Uebersetzung von Wilhelm v. Hirnkofen, Augsburg 1479, 1481, 1482, 1484, Ulm 1499 und noch öfters a. versch. O. im 16. Jahrhundert. Enthält Vorschriften über Zubereitung und diätetisch-therapeutische Anwendung von Arzneiweinen (Kräuterweinen mit Rad. Buglossae, Melisse, Korinthen, Rosmarin, Wermut u. s. w. angesetzt), Alkohol (aus Rotwein), ätherischen Oelen (z. B. Terpentinöl), aromatischen Wässern. Um natürlichen Weinen medizinische Kräfte zu geben, machte man Einschnitte in die Weinstöcke und brachte in diese Scammonium, Helleborus u. dgl. (vgl. Avenzoar). In dieser Schrift kommt eine Stelle vor, welche einen vorübergehenden Aufenthalt des Arnaldus in Afrika wahrscheinlich macht: Fortunae impetus ... commovit super me aquilonem et duxit me in Africam ad miseriam ipsam. De aquis medicinalibus (aq. bechice s. ptisane, diuretice, purgative, adstringentes et alterative). De venenis, Repertorium der Universalantidote, Symptomatologie und Therapie der Vergiftungen, Hauptquellen Plinius, Dioskurides und die Araber. De arte cognoscendi venena, mehrmals separat gedr. z. B. Mediol. 1475, Pad. 1487 (mit d. Libell. de venen. des Petr. Aponens. und d. Tract. de peste des Valescus de Taranta). Vorsichtsmaßregeln gegen Vergiftungen und Gegengifte.

Zur Pathologie, Diagnostik und Therapie.

Parabolae medicationis secundum instinctum veritatis aeternae, quae dicuntur a medicis regulae generales curationis morborum, separat gedruckt Basil. 1560, 1565, Altenburg 1638, in der Articella Lugd. 1534, Hauptwerk des Arnaldus Philipp dem Schönen (1300) gewidmet, aus sieben Doktrinen mit 345 Aphorismen bestehend (der Kommentar zu den Aphorismen rührt von einem Schüler her). Inhalt: Allgemeine Grundsätze, spezielle interne und (von der 5. Doktrin angefangen) chirurgische Pathologie und Therapie. Diese Aphorismen enthalten viele bedeutsame Wahrheiten und verraten philosophischen Geist, Erfahrung, selbständiges Urteil. Tabulae quae medicum informant specialiter cum ignoratur aegritudo. Anempfehlung einer exspektativen oder mit diätetischen und indifferenten Mitteln hantierenden Therapie in zweifelhaften Fällen, nach dem Grundsatz: si non proficias, saltem non laedas. De parte operativa, handelt über Nervenleiden, Gehirnaffektionen, mit einem Anhang über Magen- und Darmtumoren. Aphorismi de ingeniis nocivis, curativis et praeservativis morborum, speciales corporis partes respicientes, summarische Pathologie (Lethargie, Phrenesis, Paralyse, Apoplexie, Epilepsie u. s. w.). Compendium medicinae practicae Breviarium practicae a capite usque ad plantam pedis, cum capitulo generali de urinis et tractatus de omnibus febribus, peste empiala et liparia, erschien in Sonderausgabe Mediol. 1483, Venet. 1494, 1497, Lugd. 1532, früher von mancher Seite dem Arnaldus abgesprochen[80], besteht aus 4 Büchern, von denen die beiden ersten die örtlichen Krankheiten, das dritte die Lehre von den Frauenkrankheiten und die Behandlung bei Verletzungen durch giftige Tiere enthalten (eine Zusammenstellung, welche der Verf. boshafterweise damit begründet, „quia mulieres ut plurimum sunt animalia venenosa”); das vierte Buch handelt von der Harnsemiotik, von den Fiebern (auch in der Coll. Venet. de febr. 1576) und von einer Reihe von Respirations-, Digestions- und Nervenleiden. Das Breviarium nimmt unter den medizinischen Werken des Mittelalters eine ganz besonders hervorragende Stellung ein und beruht nicht bloß auf Schulmeinungen, sondern auch auf wirklich selbständiger Beobachtung; bemerkenswert ist es, daß der Verf. sich nicht scheute, auch von Empirikern und einfachen Frauen zu lernen, wobei freilich mancher therapeutischer Aberglauben mit unterläuft. In den Zitaten sind nicht wenige sonst ganz unbekannte Aerzte angeführt. Practica summaria, seu regimen ad instantiam domini papae Clementis. Therapie in 29 kurzen Kapiteln (von der Astrologie stark durchsetzt). Regimen sive consilium quartanae (in Briefform an den Papst Clemens V.? gerichtet), hauptsächlich diätetisch. Consilium sive cura febris ethicae (gleichfalls in Briefform), hygienisch-therapeutisch. Consilium sive regimen podagrae. Deutsche Uebersetzung Straßburg 1576. Rezeptsammlung gegen Gichtanfall und Gichtschmerz. Tractatus de sterilitate tam ex parte viri quam ex parte mulieris. Signa leprosorum. Als diagnostische Mittel zur Erkennung des Aussatzes werden auch gewisse Veränderungen des Harns, Pulses, des Blutes, der Stimme angeführt. De amore qui heroicus nominatur. Ueber physische und psychische Folgen der unglücklichen Liebe und die zweckmäßigste Behandlung (in Briefform an einen Arzt). Der Sitz des Leidens wird ins Gehirn verlegt, die therapeutischen Mittel sind Zerstreuungen, Spaziergänge, Musik, Bäder, religiöse Gespräche. Remedia contra maleficia, handelt von Mitteln gegen dämonische Verhinderung des Geschlechtsverkehrs. Sicher eine unterschobene Schrift. Regulae generales de febribus. Unterschobene Schrift. Tractatus contra calculum (an den Papst Benedikt XI.? gerichtet). Regimen curativum et praeservativum contra catarrhum, handelt nicht bloß von Katarrhen im engeren Sinne, sondern auch von rheumatischen Affektionen. De tremore cordis, enthält viele eigene Beobachtungen. Versuch einer Trennung des bloß symptomatischen Herzklopfens von den primären und sekundären Herzleiden. Therapie. Diätetisches Regime, Evakuantia, Diuretika. De epilepsia. Recepta electuarii mirabilis praeservantis ab epidemia et confortantis mineram omnium virtutum. Destillat des Blutserums. De sanguine humano ad mag. Jacobum Toletanum in Briefform, gedr. mit anderen Schriften in Basel 1597 (als Anhang zu Joh. Rupescissa, de consideratione quintae essentiae), Lugd, 1572 (in angebl. Conr. Gesners Evonymus sive de remediis secretis), London 1576 (in der engl. Uebersetzung des genannten Werkes The newe Jewell of Health), neu publiziert von J. F. Payne im Janus 1903). Empfehlung eines Destillats aus Menschenblut als kräftigstes Wiederbelebungsmittel und Lebenselixir. Vgl. die Schr. Recepta electuarii mirabilis etc. Tractatus medicinae regalis. Unter den Rezepten findet sich auch dasjenige für aromatische Wässer, für das Goldwasser etc. Das Astrologische ist stark vertreten. De phlebotomia, höchstwahrscheinlich unterschobene Schrift.

In französischer und spanischer Uebersetzung läuft auch ein Thesaurus pauperum unter Arnaldos Namen.

Zur Kosmetik.

De ornatu mulierum. Kulturgeschichtlich sehr interessant. Enthält auch Rezeptformeln gegen Hautleiden. De decoratione.

Kommentare.

Commentum super libello De mala complexione diversa cum textu Galieni. Quaestiones super libro De mala complexione diversa. Ganz scholastisch. Commentum super Regimen Salernitanum. Kommentar zu dem Salernitanischen Lehrgedicht (das in dieser Redaktion aus 370 Versen besteht), auf Grund der galenischen Temperamentenlehre. Die Verbreitung des Kommentars war eine enorme. Zahlreiche Ausgaben. Commentum super canonem: Vita brevis.

Uebersetzungen.

Liber Costae ben Lucae de physicis ligaturis. Liber Avicennae de viribus cordis (gedr. z. B. in den Op. Avicennae, Venet. 1570, t. IV).

Zur Astrologie, Alchemie etc.

Capitula astrologiae de judiciis infirmitatum secundum motum phanetarum, auch unter den Titeln Compendium astronomiae, Introductorium astrologiae in scientiam judiciorum astrorum, Introductorium astrologiae pro medicis, Brevis tractatus introductorius ad judicia astrologiae. Sigilla. Ueber Talismane. Expositiones visionum quae fiunt in somno. Traumdeuterei als Wissenschaft betrachtet, wahrscheinlich unterschoben. Von den unter dem Namen des Arnaldus gehenden, gewiß nur teilweise echten alchemistischen Schriften sind gedruckt: Thesaurus thesaurorum, Rosarius philosophorum ac omnium secretorum; Novum lumen; Perfectum magisterium et gaudium (auch unter anderen Titeln, z. B. Flos florum); Epistola super alchymia ad regem Neapolitanum; De lapide philosophorum; Cathena aurea; Testamentum; Novum testamentum; Speculum alchymiae; Fractica; Semita semitae; Quaestiones tam essentiales quam accidentales; Carmina Tractatus parabolarum; Explicatio compendii alchimiae Joannis Garlandii. — Handschriftlich ist noch eine ganze Reihe angeblich von Arnaldus herrührender medizinischer bezw. alchemistischer und astrologischer Schriften bekannt.

Die Lebensgeschichte und das Wirken des berühmten Kataloniers ist zwar teilweise an Montpelliers aufblühenden Ruhm geknüpft, unbestreitbar lebt auch die Gestalt des Arnald von Villanova besonders als Arzt und Alchemist im Gedächtnis der Nachwelt fort, tatsächlich aber reichte sein Denken und Schaffen nicht nur über den Bannkreis einer bestimmten Schule, sondern über die Grenzen der Heilkunst selbst weit hinaus.

Das Wesen des merkwürdigen Mannes, der in sich den Arzt mit dem Alchemisten, den religiösen Schwärmer mit dem berechnenden Politiker vereinte und dessen vielseitige Ueberlegenheit schon von den Zeitgenossen empfunden wurde, bildet geradezu einen Ausschnitt der spätmittelalterlichen, im Ringen nach neuen Werten begriffenen Kultur. Es ist eine kraftbewußte, von faustischen Trieben nach universaler Erkenntnis erfüllte, von heißer religiöser Sehnsucht durchglühte Individualität, die uns hier entgegentritt, eine Vollnatur, die in ihren Licht- und Schattenseiten auch dort, wo sie sich bloß ärztlich manifestiert, nur aus der gesamten Weltanschauung heraus erfaßt werden kann, aus einer Weltanschauung, welche Verstandesschärfe mit Gemütstiefe, Denkklarheit mit Phantastik und Mystik wundersam verwebte.

Die Richtungen, in denen sich der Genius Arnalds reformatorisch versuchte, waren wohl recht verschiedenartig, doch im Grunde entsprang die Mannigfaltigkeit seiner geistigen Betätigung nur aus einer einzigen Wurzel, aus der, an Roger Bacon erinnernden, in reicher Lebenserfahrung, im warmen Naturempfinden, im inbrünstigen Gottessuchen erwachten Abneigung gegen jenen einseitigen Intellektualismus und dürr abstrakten Formalismus, welcher im Zeitalter der Scholastik auf den Gebieten des Glaubens und der Wissenschaften drückend lastete.

In erfreulichem Gegensatz zur sonstigen medizinischen Literatur dieser Epoche sind Arnalds Schriften keine formalen, in Begriffskonstruktionen aufgehenden Ueberarbeitungen, keine dogmatisch gebundenen Interpretationen fremder Vorlagen, vielmehr bilden sie ein von frischem Forschergeist durchwehtes Ganzes, in welchem das Tatsächliche und das Persönliche vorwaltet. Man spürt die Nähe eines geistesgewaltigen, denkmutigen Mannes, der die Tradition gebührend ausnützte, ohne von ihr erdrückt zu werden, der nicht nur aus toter Büchergelehrsamkeit, sondern auch aus Natur und Leben sein Wissen zu schöpfen wußte[81], der zwar nirgends die herkömmlichen Grundanschauungen durch umwälzende Erkenntnisse überwand, aber den überlieferten Erfahrungsstoff souverän zu meistern, zu mehren und vom Standpunkt des kritischen Synkretismus neu zu verarbeiten verstand.

In dem Systeme Arnalds — denn von einem solchen läßt sich sprechen — sind die medizinischen Hauptrichtungen vertreten, der Hippokratismus und Galenismus, die Salernitanerschule und der Arabismus, aber keiner dieser Richtungen folgt der Katalonier blindlings. Er vertraut am meisten dem Kompaß seines Wahrheitsinstinkts, seiner eigenen Beobachtung, wirklichen oder vermeintlichen Erfahrung, er bewahrt sich insbesondere der arabischen Medizin gegenüber eine überraschende Selbständigkeit, er scheut unter Umständen in seiner Polemik nicht einmal vor der sakrosankten Autorität eines Galen oder Avicenna zurück[82]. Gerade, weil er tiefer als die Zeitgenossen zu den primären Quellen herabstieg[83], fand er die Kraft in sich, ein freies Urteil über den Wert der vorausgegangenen Entwicklung im einzelnen zu fällen.

Die rationelle Empirie hält bei ihm die Dialektik in Schranken, und wenn er auch hie und da den Lockungen der letzteren zu theoretischen Subtilitäten nicht ganz zu widerstehen vermag, so gebraucht er sie doch vorzugsweise nur dazu, um seine Gedanken und Beobachtungen in das wissenschaftliche Gewand des Zeitalters zu kleiden. Ist schon die Dialektik im Vergleich zur rationellen Empirie bloß von untergeordneter Bedeutung, so gilt dies noch mehr von einem dritten geistigen Element, der Phantastik, die in Form der mystischen Naturphilosophie (astrologisch-magische Wechselbeziehungen zwischen Makro- und Mikrokosmos) zwar in Arnalds medizinische Gesamtauffassung eingreift, jedoch darin keineswegs die Vorherrschaft erlangt.

Den besten Einblick in das Wissen und Können des großen Arztes gewähren seine Parabolae medicationis und sein umfassendes Kompendium der Medizin, das Breviarium; im Verhältnis zu diesen beiden Meisterwerken nehmen sich die übrigen Schriften wie Ergänzungen auf einzelnen Gebieten oder in speziellen Fragen aus.

In der Anatomie[84], Physiologie und allgemeinen Pathologie[85] bietet Arnald kaum etwas, was als wesentlicher Fortschritt über Galen und die Araber hinaus angesehen werden könnte, hingegen offenbart sich sein ausgesprochener Tatsachensinn, seine glänzende Begabung zur Beobachtung in der speziellen Krankheitslehre. Statt der weit ausgesponnenen vagen Hypothesen, welche sonst in den mittelalterlichen Kompendien die Hauptsache bilden, und deren Lektüre so unerquicklich machen, gibt Arnald zunächst eine kurze Definition des betreffenden Leidens, dann erörtert er eingehend die prädisponierenden und Gelegenheitsursachen sowie die pathologische Physiologie, worauf eine ungemein sorgfältige und eingehende Schilderung der Symptome unter Berücksichtigung des differentialdiagnostischen und prognostischen Moments, zum Schlusse die Behandlungsweise folgt. Wenn auch unvollkommen, sind seine oft originellen Versuche der Krankheitsklassifikation doch jedenfalls anerkennenswert.

Die Ueberzeugung, daß die kalte, trotz all ihres trügerischen Glanzes inhaltsarme Dialektik weder den seelischen Bedürfnissen, noch den wahren Erfordernissen der Wissenschaft zu entsprechen im stande ist, daß die subtilste Syllogistik über den Mangel an sinnlicher Erfahrung nicht hinweghelfen kann, also sein dem Scholastizismus widerstrebender Standpunkt ist es vornehmlich, der Arnald gerade als medizinischen Autor kennzeichnet und ihn hoch über die ärztlichen Zeitgenossen erhebt, mag er auch sonst schon in Bezug auf seine Welt- und Menschenkenntnis, umfassende Gelehrsamkeit, schriftstellerische Produktivität und praktische Tüchtigkeit eine Ausnahmserscheinung gewesen sein.

Die scharfe Bekämpfung des falschen Begriffs der Wissenschaftlichkeit bildete aber bloß die eine Seite von Arnalds verdienstvollem Wirken, denn ebenso energisch wie dem Mißbrauch der Dialektik in der Medizin trat er auch dem planlosen therapeutischen Empirismus entgegen, der sich als Ausfluß skeptischer Anwandlungen und selbstzufriedener Denkträgheit unter Außerachtlassung jedweder theoretischer Grundlagen immer mehr auszubreiten begann.

Liegt schon in der Zurückweisung methodologischer Irrtümer ein anerkennenswertes Verdienst, so steigerte der Katalonier dasselbe noch erheblich, indem er von der negativen Kritik zur positiven Tat fortschritt. Denn, während alle übrigen daran verzweifelten, dem Dilemma des scholastischen Dogmatismus oder des rohen Empirismus entrinnen zu können, zeigte er, daß der Weg der rationellen Heilkunde offen stand, d. h. derjenigen, welche die ratio mit dem experimentum verknüpft, auf der beständigen Wechselbeziehung zwischen Theorie und Praxis beruht, ihre obersten Leitsätze nicht einem fremden Ideenkreise ungeprüft entnimmt, sondern aus der kritisch verarbeiteten Erfahrung abstrahiert. Und jenen entgegentretend, die den wissenschaftlichen Charakter der Medizin überhaupt in Frage zu ziehen wagten, suchte er den Nachweis zu erbringen, daß sich die Heilkunde selbst in ihrem empirischen Teile auf Vernunftprinzipien stütze, daß die allgemeinen Grundsätze des ärztlichen Handelns sich geradezu aus dem natürlichen Wahrheitsinstinkt des Menschen ergeben.

Mit der angestrebten rationellen Begründung der Heilkunst verbindet Arnald auch eine hohe sittliche Auffassung des ärztlichen Berufes, echte, von wahrer Frömmigkeit und tiefem Verantwortlichkeitsgefühl durchdrungene Humanität.

Der Kampf, den Arnald von Villanova gegen zwei Fronten, den unkritischen Empirismus und den Scholastizismus führte, spiegelt sich in einigen seiner Schriften wider. So sagt er in dem Traktat de considerationibus operis medicinae, daß sich die Empiriker mit der verworrenen Anhäufung von „Partikularitäten” begnügen, die sie noch dazu aus sekundären Quellen schöpfen, „nam cum empirici sint, solum in collectione particularium elaborant et ideo de illa (sc. de arte seu regula rationis) solum notitiam crassam faciunt et obscuram”, auch protestiert er dort energisch gegen diejenigen, welche der Medizin Rationalität absprechen: De Galeno vero et Hippocrate necnon his, qui perfecte eorum doctrinam intellexerunt, scimus, quod fuerunt artifices rationis et artem habent et tradiderunt inveniendi formam rectae operationis in applicatione causarum salubrium. Non enim aestimandum, quod ratio sapientis artificis per incerta percurrat, imo ad inveniendam recti operis formam certis considerationibus ambulat. In der Schrift de diversis intentionibus medicorum tadelt er anderseits die Vernachlässigung der Erfahrung (vgl. auch S. 388, Anm. 2). Eine geordnete Aufstellung der Grundsätze der praktischen Medizin bieten die geradezu von hippokratischem Geiste erfüllten Parabolae medicationis secundum instinctum veritatis aeternae, wohl eines der hervorragendsten Werke des ganzen Mittelalters, welches die gegenseitige Durchdringung von Theorie und Praxis darzutun versucht. Von diesen Aphorismen seien hier einige ganz allgemeinen, meist deontologischen Inhalts mitgeteilt: Omnis medela procedit a summo bono. — Qui non ut sapiat, sed ut lucretur, addiscit, in facultate, quam elegit, efficitur abortivus. — Convenit medicum efficacem esse in opere, non loquacem, quia morbi non vocibus, sed rerum essentiis aut viribus expelluntur. — Vitando nociva et utendo juvantibus, prosperatur in aegris opus curationis. — Antequam innotescant species aut proximae causae morborum, temperatis aut neutris regendus est patiens. — Cuicunque potest per alimenta restitui sanitas, fugiendus est penitus usus medicinarum. — Falax aut ignorans est medicus quaerens rara et inusitata, cum possit communibus languendo subvenire. — Potens mederi simplicibus frustra et dolose composita quaerit. — Quanto plura sunt componentia medicinae, tanto est compositi minus certus effectus. — In der größtenteils unechten deontologischen Schrift Cautelae medicorum (de opificio medico) findet sich ein Absatz, der seiner Tendenz nach von Arnald herrühren könnte: Nota quod medicus debet esse in cognoscendo studiosus, in praecipiendo cautus, et ordinatus, in respondendo circumspectus et providus, in prognosticando ambiguus, in promittendo justus et non promittat sanitatem, quia tunc exstirparet divinum officium et facit Deo injuriam: sed promittat fidelitatem et diligentiam, sit in visitando discretus et diligens in sermone, modestus in affectione benevolus patienti[86]. — Arnalds hohe sittliche und warm-religiöse Auffassung vom ärztlichen Berufe kommt z. B. in der Schrift de conservanda sanitatis zum Ausdruck, wo es heißt: Natura, cujus sapientiae non est finis, omnium horum artifex est, medicus vero minister cum bonitate et adjutorio Dei benedicti. — Die mangelhafte Ausbildung, Einseitigkeit oder Leichtfertigkeit mancher seiner ärztlichen Zeitgenossen, noch mehr das Treiben der Scharlatane und Pfuscher gibt Arnald nicht selten Anlaß, in scharfen Tadel oder Klagen auszubrechen. In der Schrift de vinis heißt es z. B.: Et qui scit naturas et potentias rerum simplicium et habet imaginativam fortem in opere naturae facit apparere mirabilia. ... Beatus igitur ille medicus, cui Deus dat scientiam et intelligentiam, quia est naturae socius. ... Sed heu multi sunt vocati, pauci vero electi, quoniam scientia medicinae redacta est jam ad opinionem eorum, qui sola universalia contemplantur: Qui enim plura singularia ad universale reduxerit, melior habetur. Ideo bene definit quidam dicens: Medicina scientia est, quae nescitur. Freilich läßt sich aber aus manchen Stellen in zweifellos echten Schriften erweisen, daß auch er selbst von einer gewissen Geheimniskrämerei und leisen Neigung zum Renommieren nicht immer ganz frei geblieben ist. Dahin ist z. B. seine Behauptung zu rechnen, daß er Geheimmittel besitze, um auf die Geschlechtsbestimmung bei der Konzeption einzuwirken (De sterilitate cap. 7), sein aus menschlichem Blute destilliertes Elixier zur vorübergehenden Erweckung vom Tode u. a.

Am meisten bekundet sich die Ueberlegenheit Arnalds in seiner Therapie, insoweit dieselbe durch strenge Individualisierung, sorgfältige Bedachtnahme auf den allgemeinen Kräftezustand, Bevorzugung der diätetisch-exspektativen Behandlung den unvergänglichen Prinzipien des Hippokratismus Rechnung trägt.

Arnaldus, welcher der Hygiene und Diät als Mitteln zur Krankheitsverhütung die höchste Aufmerksamkeit widmete, eine Fülle von vortrefflichen Vorschriften über die Regelung der Lebensweise in seinen Werken aufzeichnete, legte auch bei Krankheiten (namentlich bei jugendlichen Personen und bei chronischen Leiden) auf diätetische Maßnahmen[87] besonderes Gewicht (Ernährung, Bäder, physikalische Agentien etc.). Besonders hervorzuheben wäre seine weitgehende diätetisch-therapeutische Verwertung des Weins am Krankenbette, worüber eine eigene Schrift handelt[88]. Bei der Verordnung von Medikamenten berücksichtigte er sorgfältig das Alter, Temperament, die Lebensgewohnheiten etc. des Patienten; so lange die Diagnose nicht feststand, ferner im Stadium der Krise, im Paroxysmus gebrauchte er nur milde, indifferente Mittel. Die Auswahl und Dosierung der Arzneien machte er von präzis gefaßten Indikationen abhängig, auf die Zubereitung der Medikamente verwendete er peinliche Sorgfalt. In sehr anerkennenswerter Weise bekämpfte er den leichtfertigen Gebrauch von Substanzen, die noch nicht genügend erprobt waren, der Narkotika u. a. Sein Heilschatz umfaßte vorwiegend pflanzliche, aber auch tierische und mineralische Stoffe. Die subtile Heilmittellehre beruht auf den bekannten fiktiven Voraussetzungen der Qualitäten, Komplexionen, Graden der Arzneien, neu ist darin die Annahme einer „spezifischen Proprietät” der Arzneikörper. Als Therapeuten kamen Arnald seine bedeutenden chemischen Kenntnisse sehr zu gute (Destillation des Alkohols aus Rotwein, ätherische Oele, aromatische Wässer, metallische Präparate)[89], jedenfalls ist er als einer der Väter der medizinischen Chemie anzusehen. Außer der Diät und den Medikamenten spielte die Blutentziehung (Blutegel, Schröpfköpfe, Aderlaß) in seiner Behandlungsweise keine geringe Rolle.

Was die Chirurgie anlangt, so wandte er ihr wohl Interesse zu, doch scheint es, daß die praktische Ausübung derselben ihm fernlag, immerhin wird er auch als chirurgischer Schriftsteller von Späteren zitiert. Die Parabolae medicationis enthalten allgemeine Grundsätze, über chirurgische Krankheiten und deren Behandlung im speziellen handelt das Breviarium. Arnald erwähnt darin zwar die wichtigsten Operationen, verhält sich aber z. B. gegen den Steinschnitt, die Herniotomie, die Kropfexstirpation ablehnend. Bei dieser Gelegenheit sei hervorgehoben, daß das Breviarium manches Interessante in Bezug auf Gynäkologie (Lageanomalien, Vorfall des Uterus, Hysterie) und Geburtshilfe bietet (Lib. III, cap. 4 wird zum ersten Male in der Literatur die vollkommene Fußlage zu den naturgemäßen gerechnet, ferner ist a. a. O. auch die Wendung auf den Kopf oder die Füße erwähnt). Zaubersprüche am Kreißbette werden verworfen, hingegen spielt die Astrologie in der Aetiologie und Therapie auch hier eine wichtige Rolle.

Von tiefer Einsicht zeugt es, daß er in der Krankenbehandlung dem psychischen Faktor eine besondere und weitreichende Bedeutung beimißt, gewiß dankte er selbst gerade diesem Moment viele seiner glücklichen Erfolge in der Praxis [90]. Sagt er doch, „für den Arzt kommt alles darauf an, daß er in rechter Weise die Leidenschaften der Menschen benutzen kann und ihr Vertrauen zu gewinnen und ihre Einbildungskraft in Bewegung zu setzen versteht: dann kann er alles ausrichten”.

Bei all dem wäre es ganz verfehlt, den Katalonier für einen vollwertigen Vertreter des Rationalismus (im modernen Sinne) zu halten, denn tatsächlich finden in Arnalds medizinischem Denken auch die verschwommenen Ideen einer mystischen Naturauffassung noch genügend Platz, auch als Arzt läßt er daran keineswegs vergessen, daß er der Astrologie und anderen Geheimwissenschaften, allerdings nicht bedingungslos, Zutrauen schenkte, daß er ein eifriger Alchemist[91] war. Wie hart die Gegensätze in seinem Kopfe aufeinander stoßen, wie wenig sich Arnald zur völligen Klarheit durchzuringen vermag, beweisen zahlreiche Stellen in seinen Werken. Derselbe Mann, der so exakte Krankheitsbilder zeichnete, den magischen Ursprung gewisser Affektionen, z. B. der Sterilität, bestritt[92], ließ Geisteskrankheiten etc. manchmal durch Zauberei und Inkantationen entstehen[93], verwendete Amulette zu therapeutischen Zwecken[94], hielt das Gold für ein Universalmittel[95], unterwarf Prognose und Behandlung der Beobachtung der Konstellation[96], glaubte an die Vorbedeutung der Träume[97], berichtet, wie er sich selbst die Warzen durch Besprechen vertreiben ließ[98] u. s. w.

Alle diese Diskrepanzen entbehren übrigens nicht der verbindenden Logik. Denn, was uns vom Standpunkt moderner Auffassung in unversöhnlichem Gegensatz zu stehen scheint — das Naturgeschehen und die angeblichen magischen Phänomene —, war für Arnald durch keine unüberbrückbare Kluft voneinander geschieden, bildete doch den Kern seiner Gesamtanschauungen die Lehre von den Wechselbeziehungen zwischen der planetarischen und elementaren Welt, von der Korrespondenz zwischen Makro- und Mikrokosmus. Im Dämmerlichte der Astrologie, die ja allgemein als exakte Wissenschaft galt, lag es nur zu nahe, mit dem okkulten Begriff der astralen Influenz wie mit einem Naturgesetz zu hantieren und in ihm den Schlüssel zur Erklärung jener zahlreichen wirklichen oder bloß vermeintlichen Tatsachen zu suchen, welche die beschränkte Schulweisheit überstiegen[99]. Es beweist in der damaligen Epoche immerhin eine seltene kritische Begabung, daß Arnald, der a priori aus platt rationalistischen Gründen keine Tatsache leugnete, das Gebiet des Supranaturalismus wenigstens einzudämmen wußte.

Arnald von Villanova gehörte einem Zeitalter an, in welchem der blinde Autoritätsglaube herrschte, die geistige Freiheit fast nur in der Mystik Zuflucht fand, die reale Forschung bloß von äußerst Wenigen gepflegt wurde. Daß er als Arzt die letztere zum Schwerpunkt seines Schaffens machte und mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit gegen die Scholastik in die Schranken trat, daß er wieder aus dem Born der Antike selbst zu schöpfen und dem Boden des Arabismus echte Früchte zu entlocken verstand, sichert ihm eine hervorragende Stelle in der Geschichte der Medizin.

Wie hoch der Katalonier trotz mancher Abirrungen vom richtigen Wege zu werten ist, ergibt sich schon aus dem Vergleich mit dem berühmten und lang nachwirkenden Lehrer der Schule von Montpellier an der Wende des 13. Jahrhunderts, Bernard de Gordon, noch mehr aber, wenn man Arnald mit dem geistig verwandten Pietro d'Abano in Parallele zu bringen versucht, welch letzterer im Beginne des folgenden Säkulums den Ruf der Schule von Padua begründete.

Bernardus de Gordonio (Gordonius, Bernard de Gordon), einer der berühmtesten Aerzte des Mittelalters, stammte vermutlich aus einem der verschiedenen Orte Frankreichs, welche den Namen Gourdon führen (oder aus Schottland) und lehrte seit 1285 in Montpellier. Er begann im Jahre 1305 sein lange Zeit sehr angesehenes Hauptwerk Lilium medicinae, sive de morborum prope omnium curatione (Lugd. 1474, 1491, 1550, 1559, 1574, Neap. 1480, Ferrar. 1487, Venet. 1494, 1498, Paris 1542, Francof. 1617; französische Uebersetzung Lyon 1495, spanische Uebersetzung Sevilla 1495, Toledo 1513) zu schreiben. Im Vorwort erklärt G. den Titel des in sieben Particulae zerfallenden Buches folgendermaßen: In Lilio enim sunt multi flores et in quolibet flore sunt septem grana quasi aurea. Inhalt: Fieberkrankheiten, Vergiftungen, Abszesse, Geschwülste, Lepra, Hautkrankheiten, Wunden, Geschwüre, Hygiene für Seereisende, Affektionen des Kopfes, Augen-[100], Ohren-, Mund- und Nasenleiden, Affektionen des Halses und der Brust, Erkrankungen des Magen-Darmtraktes, der Leber, Milz, der Nieren und Blase, der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, Geburtshilfliches (in diesem Abschnitt ist auch die Sectio caesarea an der Toten angeführt), Antidotarium. Die Schrift spiegelt den subtilen Scholastizismus, die Polypharmazie und den Aberglauben des Zeitalters getreulich wieder und bedeutet, der Hauptsache nach, nur eine Konservierung arabischer Anschauungen, zeichnet sich aber durch Kürze und Uebersichtlichkeit aus. Manche Behandlungsarten fallen durch ihre Seltsamkeit auf, z. B. die auch von Späteren angewandte Ekelkur gegen Liebeswahnsinn („Amor hereos”). Die chirurgischen Abschnitte verraten eine übertriebene Scheu vor operativen Eingriffen. Rühmend ist die Beschreibung der Lepra hervorzuheben. Von der Anwendung der Alchemie auf die Medizin sagt G. modus chimicus in multis est utilis in medicina, in aliis vero est ita tristabilis, quod in ejus via infinitissimi perierunt. Schwindsüchtigen erteilt er unter anderem den Rat, den Atem möglichst anzuhalten oder „ohne Erbarmen” täglich das Feuer anzublasen. Außer dem Lilium medicinae verfaßte G. noch folgende Schriften: Regimen acutarum (aegritudinum) in 3 Abschnitten, de ingeniis curandorum morborum (de indicationibus curandorum morborum, de decem ingeniis), de phlebotomia in 4 Büchern (1. de phlebotomia, 2. de urinis, 3. de pulsibus, 4. Regimen sanitatis oder de conservatione vitae humanae), de floribus diaetarum, de prognosticis in 5 Teilen (sämtlich gedruckt in der Ausgabe des Lilium, Lugd. 1574), über den Theriak und über die Grade der Arzneimittel (vgl. Pagel, Pharmaz. Post, Wien 1894 u. 1895); letztere Schrift stützt sich auf die Lehre des Alkindus. Im 6. Kapitel heißt es: Will man den Grad einer gemischten Arznei bestimmen, so muß man die Verhältnisse der Bestandteile kennen und beherzigen, daß in einer gleichmäßigen Mischung die warmen Teile genau den kalten entsprechen. Eine im ersten Grade warme Arznei enthält zwei ganze Teile Wärme und die halbe Portion Kälte. Beim zweiten Grad sind vier ganze Portionen Wärme und eine Portion Kälte, d. h. ¼ der ganzen Wärmemenge. Im dritten Grade ist die Wärme mit acht ganzen, die Kälte mit einer Portion vertreten. Im vierten Grade sind es sechzehn ganze Teile Wärme und ein Teil Kälte.

Pietro d'Abano (d'Albano) — Petrus (de Apono) Aponensis — wurde 1250 als der Sohn eines Notars in dem, durch seine Schwefelquellen berühmten Dorfe Abano (in der Nähe von Padua) geboren. Ueber seinen Studiengang, der auf allseitige, gründliche Ausbildung abzielte, ist nur wenig genauer bekannt. Fest steht jedenfalls die ganz ungewöhnliche Tatsache, daß er sich während eines längeren Aufenthalts in Konstantinopel die Kenntnis des Griechischen aneignete — hauptsächlich, um die Problemata des Aristoteles aus dem Originaltext übersetzen zu können. Von dort zurückgekehrt, setzte er seine Studien (besonders in der Philosophie, Mathematik, Medizin) in Paris weiter fort, um sodann an dieser Hochschule als Lehrer der Philosophie zu wirken — mit einem Erfolge, der ihm den ehrenden Beinamen „le grand Lombard” eintrug. Wie manche andere geistvolle Männer seines Zeitalters traf aber auch ihn nur zu bald der Argwohn, die Anklage der Ketzerei und Magie von seiten der Dominikaner, doch wußte er sich gegenüber den gefährlichen Anfeindungen zu rechtfertigen und nach einer Reise an die Kurie vom Papste Bonifacius VIII. ein Absolutionsdekret zu erlangen. Noch in Paris begann er seine Hauptwerke zu schreiben, den Conciliator und den Kommentar über die Problemata des Aristoteles. Im Jahre 1306 eröffnete er — einem Rufe der Heimat folgend — seine medizinische Lehrtätigkeit in Padua. Pietro d'Abano, der durch erstaunliche Gelehrsamkeit und tiefbohrenden Scharfsinn die meisten Zeitgenossen überragte, wurde von denselben wie ein Wunder angestaunt — es heißt unter anderem, daß Gentilis da Foligno sich in der Nähe seines Hörsaals auf die Knie warf und ausrief: „Salve o santo tempio” —, sein Ruhm drang weithin, aber ebensowenig wollten die Verdächtigungen seiner Neider verstummen, denen er ja durch seine uneingeschränkte Verteidigung der Astrologie, noch mehr durch seine Anhänglichkeit an den kirchlich verfemten Averroismus Handhaben zur Anklage der Magie und Häresie bot. Glücklicherweise verhinderte der mächtige Schutz der Stadt Padua und das Wohlwollen der Päpste das Märtyrertum des großen Arztes. Pietro d'Albano, der 1314 noch die ehrende Aufforderung erhalten hatte, an der neu gestifteten Schule von Treviso als Professor der Medizin und Physik zu wirken, starb ein Jahr darauf. Gerade in seinem letzten Lebensjahre waren seine Feinde so weit gekommen, daß die Inquisition gegen ihn den Ketzerprozeß förmlich eröffnete. Wiewohl Pietro in seinem Testamente ein feierliches Glaubensbekenntnis hinterlassen hatte, wurde der Prozeß fortgesetzt und endete mit der Verurteilung des Beschuldigten. Nach einer Version soll das Urteil tatsächlich an dem aus dem Grabe gerissenen Leichnam vollstreckt worden sein, nach anderen Angaben mußte man sich mit der Verbrennung in effigie begnügen. Das dankbare Padua setzte aber ein Jahrhundert später dem großen Mitbürger ein Denkmal.

Von seinen Schriften — für deren langdauernde Beliebtheit schon die Frühdrucke sprechen — wären zu erwähnen das Hauptwerk Conciliator differentiarum philosophorum et praecipue medicorum (Venet. 1471 u. ö., Mantua 1472, Venet. 1496 u. ö., noch im 17. Jahrhundert Georg. Horst, Conciliator enucleatus, Giess. 1615, 1621), ferner De venenis eorumque remediis (Mant. 1472, Francof. 1679), Hippocratis libellus de medicorum astrologia finitus, in latinum reductus (Venet. 1485, angebliche Uebersetzung einer pseudohippokratischen astrologischen Schrift), Quaestiones de febribus (in Coll. de febrib., Venet. 1576), Textus Mesuae emendatus (Venet. 1505, Lugd. 1551), auch als Supplementum in secundum librum compendii secretorum Mesuae (in den Venediger Ausgaben des Joh. Mesuë, bildet eine Ergänzung zum 2. Buche des Grabadin resp. der Practica des Mesue und besteht aus Abhandlungen de syncopi, de tumoribus mamillarum und über die Magen-Darmkrankheiten), Expositio problematum Aristotelis (Mant. 1475, Paris 1520), Liber compilationis physionomiae (Patav. 1475), Geomantia (Venet. 1549).

Pietro d'Abano (1250-1315) — Petrus Aponensis — erinnert in mehrfacher Hinsicht an Arnald von Villanova und mußte gleich diesem erfahren, mit welch wachsamem Auge die Inquisition den ersten Regungen der Geistesfreiheit folgte. Wie der Katalonier, war auch der Lombarde ein kühner Denker, ein scharfer Kritiker, ein von universalem Erkenntnistrieb erfüllter Naturphilosoph, mit starker Hinneigung zu den Geheimlehren (namentlich zur Astrologie); wie Arnald, überstrahlte auch Pietro d'Abano die ärztlichen Zeitgenossen durch sein reiches, besonders aus der arabischen Literatur geschöpftes Fachwissen, durch seine umfassenden naturwissenschaftlichen Kenntnisse, durch seine linguistische Bildung. Beide haben auch das gemein, daß sie, unbefriedigt vom Bestehenden, die Medizin aus chaotischer Zerklüftung zu einem, in sich einheitlichen, harmonischen Ganzen erheben wollten. Die Art aber, wie der eine und wie der andere den Aufbau der Heilwissenschaft begann, die ganz verschiedene Position, die sie als medizinische Forscher, Lehrer und Schriftsteller gegenüber der Scholastik einnahmen, scheidet sie unversöhnlich voneinander — wahre Antagonisten.

Während nämlich Arnald von Villanova der Erfahrung, wenn auch oft nur einer unkritischen, durch Vorurteile getrübten, die Suprematie so weit als möglich zuerkannte, glaubte Pietro d'Abano, in felsenfestem Vertrauen auf die souveräne Macht philosophischer Spekulation, den Widerstreit naturwissenschaftlich-medizinischer Ansichten, die Fülle der theoretischen und praktischen Probleme einzig allein durch kritische Abwägung autoritativer Lehrsätze, durch feinste Begriffsanalysen, durch formal über jeden Einwand erhabene Syllogismen lösen zu können. Wie Arnald, soweit er auf arabischer Grundlage steht, als Jünger des Rhazes und Ali Abbas und Avenzoar erscheint, so repräsentiert Pietro d'Abano im Abendlande die Richtung des Avicenna und des Averroës, welch letzterem er schon als Philosophen die höchste Verehrung entgegenbrachte. Ja, man kann sagen, im Abendlande wurde gerade Pietro d'Abano neben Thaddeo Alderotti, den er aber an Weitblick, an Umfang und Tiefe des Wissens, an Subtilität und Konsequenz der Methode übertrifft, zum Vorbild für alle späteren medizinischen Dialektiker.

Was das abstrakte Denken des Zeitalters auf dem Gebiete der Heilwissenschaft zu leisten vermochte, findet sich gleichsam konzentriert in dem, von averroistischem Aristotelismus ganz durchdrungenen Hauptwerk dieses Meisters medizinischer Scholastik, in seinem jahrhundertelang hochangesehenen Conciliator controversiarum, quae inter philosophos et medicos versantur, nach dem er auch selbst der „Conciliator” genannt wird.

Der Conciliator, den Pietro d'Abano 1303 zu schreiben begann, behandelt alle naturphilosophisch-medizinischen Hauptprobleme, welche das 13. Jahrhundert bewegten und welche an sich interessanter als die Lösungsversuche sind. Wir teilen die vom Conciliator behandelten 210 Streitpunkte (Differentiae) mit ihren Adnexfragen hier mit, weil sie in das Wissen, in die Denkweise und in die hypertrophische Spekulationssucht der Periode ausgezeichneten Einblick gewähren.

Utrum medico sit necessarium alias scire speculationis scientias necne. — Utrum medicum oporteat logicum esse, necne. — Utrum medicina sit scientia, necne. — Utrum medicina sit theorica necne. — Utrum medicina sit artium excellentissima necne. — Utrum corpus humanum sit medicinae subjectum necne. — Utrum corpus humanum sit uni vel pluribus medicis committendum. — Utrum doctrinarum ordinationum numerus sit trinus vel indiffinitus. — Utrum natura humana sit debilitata ab eo quod antiquitus necne. — Utrum quis medicus existens per scientiam astronomiae possit conferre in salutem aegroti necne. —

Utrum elementum sit unum necne. — Utrum terra sit primum frigidorum necne. — Utrum aqua sit primum humidorum vel aer. — Utrum aer sit natura frigidus necne. — Utrum ignis sit calidus necne. — Utrum elementa sint in misto actu seu secundum formas in eo maneant substantiales. — Utrum complexio sit substantia necne. — Utrum sit complexionem aequalem seu temperatam reperire necne. — Utrum sit ponere complexionem simplicem ex semisse vel cali. vel frigi. siccam vel hum. necne. — Utrum melancholicus sit propinquior aequalitate ponderis vel mensurae temperamento justitialis certi necne. — Utrum complexio calida et humida sit longioris vitae necne. — Utrum complexio innata seu radicalis permutari possit necne. — Utrum duo individua sive plura possint eandem complexionem habere necne. — Utrum cerebrum sit calidum necne. — Utrum nucha sit cerebro minus frigida necne. — Utrum puer sit juvene temperatior necne. — Utrum puer sit juvene calidior necne. — Utrum masculus omnis sit foemella qualibet calidior et siccior necne. — Utrum non simul sed successive humores generentur. — Utrum solus sanguis nutriat necne. — Utrum sanguis arterialis seu vitalis nutriat necne. — Utrum eadem sit causa efficiens sanguinis et melancholiae hypostasis necne. — Utrum humiditates humores dicti secundi sint necne. — Utrum sperma a toto corpore sive ab omnibus decidatur membris necne. — Utrum testiculi sint ad generationem necessarii, sed alicuius melioris gratia necne. — Utrum genitura sive sperma viri sit pars constitutiva embryonis necne. — Utrum sperma dictum foemellae aut humiditas dealbata seu gutta ingrediatur constitutionem embryonis necne. — Utrum plura sint membra principalia necne. — Utrum craneum uno constituatur osse necne. — Utrum caput sit propter cerebrum aut oculos creatum necne. — Utrum nervi oriantur a cerebro necne. — Utrum caro sit organum tactus necne. — Utrum cutis sentiat necne. — Utrum panniculus sit para simplex an composita. — Utrum nares sint organum olfactus an carunculae seu additamenta mammillaria. — Utrum tunica arteriae construatur ex villis in longitudine protensis necne. — Utrum venae oriantur ab hepate necne. — Utrum sperma decisum sit animatum necne. — Utrum natus octimensis vivat necne. — Utrum digestio procedat subtiliando necne. — Utrum attractio, quae a calido reducatur ad eam, quae a vacuo necne. — Utrum medulla nutriat ossa necne. — Utrum venter nutriatur chilo necne. — Utrum pili et ungues nutriantur necne. — Utrum virtus augmentativa sit altera a nutritiva necne. — Utrum augmentum fiat secundum partes materiales an formales. — Utrum virtus vitalis sit altera necne. — Utrum virtus animalis motiva primitus influat in musculum quam in nervum. — Utrum calor et spiritus sint idem necne. — Utrum omnis actio a qualitate fiat tantum necne. — Utrum frigiditas ingrediatur operationem naturae essentialiter an per accidens. — Utrum digestio fiat frigiditate necne. — Utrum actio membres officialibus communiter attributa ex compositione dependeat, necne. — Utrum visus fiat extramittendo an intus suscipiendo. — Utrum sanitas sit species sicut aegritudo ita, ut interposita vel disjunctionis nota diffiniri debeat velut aegritudo necne. — Utrum ver sit calidum et humidum necne. — Utrum sub aequatore diei sive linea aequinoctiali sit possibilis habitatio necne. — Utrum carnes coclearum sint caeteris laudabilioris nutrimenti necne. — Utrum ovi albumen sit calidum et vitellus frigidus. — Utrum vinum calidum sit et siccum necne. — Utrum forma specifica dicta tota substantia rei sit substantia necne. — Utrum inter sanum et aegrum accidat medium necne. — Utrum dolor possit esse morbus necne. — Utrum sit quis morbus compositionis necne. — Utrum sit quis morbus communis necne. — Utrum una sit causa doloris tantum subita scilicet alteratio necne. — Utrum dolor sentiatur necne. —

Utrum icteritia sit ante septimam diem bonum signum necne. — Utrum caput parvum sit melius magno necne. — Utrum dilatato corde simul dilatentur arteriae, constrictoque constringantur necne. — Utrum dilatatione arteriarum fiat expulsio, constrictione vero atractio necne. — Utrum unum sit genus pulsuum tantum necne. — Utrum in pulsu percipiatur musicalis consonantia necne. — Utrum egestionis coloris varietas sit laudabilis necne. — Utrum color prius detur urinae quam substantia necne. — Utrum ad rupturam venarum, quae circa renas sanguinis consequatur mictio necne. — Utrum febris sit calor necne. — Utrum humores possint periodice confluere necne. — Utrum sanguis putrescens generet febrem sanguineam vel cholericam seu aliam. — Utrum febris sanguinis cum aliis componatur necne. — Utrum ex cholera prassina et aeruginosa febres causentur necne. — Utrum in empiala sit frigus interius et calor exterior necne. — Utrum hectica fiat incipiendo necne. — Utrum febris pestilentialis sub ephemera reponatur necne. — Utrum apostema intrinsecum causet febrem continuam omnino necne. — Utrum cerebrum et ossa possint apostemari necne. — Utrum cor possit apostemari et solutionem imparis pati necne. — Utrum aegritudo consueta sit deterior insueta necne. — Utrum pleuresis dextri lateris sit deterior ea quae sinistri necne. — Utrum peripneumonia phlegmatica sit cholerica deterior necne. — Utrum vermes seu lumbrici possint in ventre stomacho dicto generari necne. — Utrum hyposarcha sit deterior hydrope necne. — Utrum quod dici crisis sit laudabilior ea, quae noctis ostenditur necne. — Utrum vigesima et decimaseptima dies sit magis critica et indicativa necne. — Utrum crisis quartaedecimae dici sit fortior ea, quae septima necne. — Utrum computatio critica facienda sit non a die partus, sed a principio febris necne. — Utrum mors in morbi declinatione contingat necne. — Utrum in principio paroxismi sit nocumentum somni deterius, quam in aliis temporibus. — Utrum recidivatio sit una vel eadem cum sua radice necne. — Utrum recidivatio non sit deterior sua radice necne. —

Utrum calidum innatum amplius consumat humidum radicale influenti necne. — Utrum humidum radicale possit restaurari necne. — Utrum mors naturalis possit beneficio aliquo retardari seu eodem vita protelari necne. — Utrum cibus et potus magis aene nos immutent necne. — Utrum in vere magis abbrevietur vita quam in caeteris anni temporibus. — Utrum corpori lapsu debeatur praeservatio vel conservatio seu regimen per contrarium vel simile necne. — Utrum complexio calida et humida et temperata et calida et sicca facilius ferant jejunium necne. — Utrum primum sit bibendum antequam comedendum vel contra. — Utrum cibus subtilis grossum debeat praecedere vel contra. — Utrum semel in die naturali tantum sit comedendum vel plus. — Utrum coena debeat esse major prandio vel contra. — Utrum super fructus sit bibendum necne. — Utrum super dextrum latus dormiendum sit melius vel contra. — Utrum coitus competat in reg. sanit. necne. — Utrum anno quolibet sit evacuandum necne. — Utrum super pharmacum assumtum sit dormiendum necne. — Utrum theriaca competat post assumtum pharmacum necne. — Utrum balneum competat post purgationem necne. — Utrum pharmacia competat in reg. sanit. necne. — Utrum convalescentem sit opus pharmacia necne. — Utrum vomitus conferat oculis necne. — Utrum in continente calidiori et sicciori sint frondes populi sternendae necne. — Utrum sit aliquis morbus, in quo nullus debeatur cibus usque in statum necne. — Utrum regimen in diaeta procedat ingrossando vel subtiliando. — Utrum confidentia infirmi de medico conferat in ipsius salutem necne. —

Utrum medicina sortiatur ejus complexionem ab innata complexione necne. — Utrum sit aliqua medicina temperata necne. — Utrum humidum frigido conjunctum possit ultra secundum gradum elevari necne. — Utrum medicina calida in primo gradu adjuncta medicinae calidae in tertio reducat eam ad secundum gradum caliditatis vel amplius. — Utrum sit modus, quo medicina valeat deduci ex potentia in actu et praecipue frigida vel contra. — Utrum medicina attractiva vadat ad humorem attrahendum vel in ventre permaneat. — Utrum medicina attractiva si non soluerit, convertatur in humorem quem habet attrahere necne. — Utrum medicina lenitiva et lubricativa sive compressiva sit admiscenda necne. — Utrum post evacuationem melancholiae per pharmacum effrenitans attrahatur pituita necne. — Utrum omne amarum sit calidum necne. — Utrum amplius decoctum reddatur amarius necne. — Utrum paupum piperis provocet urinam vel multum ejus ventrem solvat, paucum vero scamoneae solvat ventrem vel multum urinam provocet. — Utrum aqua lactis seu serum sit calida vel frigida. — Utrum mentha sit calida vel frigida. — Utrum cicuta sit calida vel frigida. — Utrum argentum vivum sit frigidae et humidae vel calidae et sicae complexionis. — Utrum colloquintida multum teri debeat necne. —

Utrum omnis cura perficiatur contrario necne. — Utrum morbi cura sit forti medicina inchoanda necne. — Utrum odor curet alterando vel alendo. — Utrum praecantantio in cura conferat necne. — Utrum somnium conferat in cura necne. — Utrum digerat innaturalia necne. — Utrum digestio debeatur causae conjunctae vel antecedenti. — Utrum materia digesta possit febris seu morbus causari necne. — Utrum in morbi principio competat evacuatio necne. — Utrum evacuatio causae competat conjunctae solum necne. — Utrum sit movendum in diebus motus aegritudinis necne. — Utrum evacuandum sit usque ad lypothomiam necne. — Utrum evacuatio symptomatica conferat necne. — Utrum pharmacia in praegnante sit periculosior evacuatio phlebotomia necne. — Utrum in acuta aegritudine post quartam diem sit phlebotomandum necne. — Quod in prima quadra lunationis amplius quam in reliquis competat phlebotomia. — Utrum ptisana hordacea febri conferat necne. — Utrum syrupus acetosus aut quod hujusmodi, ut oxymel conferat in omni materia necne. — Utrum aqua frigida competat in febribus et in acutis maxime necne. — Quod vinum non competat in febribus et universaliter in acutis. — Utrum balneum competat in febribus necne. — Utrum juvenis vel cholericus causonizans ampliori egeat infrigidatione puero aut phlegmatico necne. — Utrum in causone competat phlebotomia necne. — Utrum apostemati competat repercussio necne. — Utrum in lepra competat eductio necne. — Utrum theriace venenum qualitate vel proprietate competat. — Utrum theriace diatesseron conferat morsui canis rabidi necne. — Utrum in scabie competat phlebotomia necne. —

Utrum solutio continui ad interius penetraos cranei possit sine ossis elevatione medicinari necne. — Utrum in apoplexia aliquid infra 72 horas sit operandum necne. — Utrum paralysis sinistri lateris sit curationis difficilioris ea, quae dextri necne. — Utrum in tortura facici locale remedium ponendum sit super partem visam sanam necne. — Utrum vinum competat in aegritudinibus nervorum necne. — Utrum coitus conferat aegritudini phlegmaticae necne. — Utrum sanguis desuper fluens sit compescendus necne. — Utrum subscannatio competat in squinantia necne. — Utrum gargarismata conferant in passionibus pectoris necne. — Utrum centaurea conferat sputo sanguinis necne. — Utrum in pleuresi competant repercussiva necne. — Utrum fluxus ventris curet apostema pectoris seu pleuresim necne. — Utrum phthisis possit curari necne. — Utrum lac competat phtisicis necne. — Utrum ventosae in retentione menstruorum sub mammillis sint cum scarificatione applicandae necne. — Utrum in cura morbi calidi competant calida necne. — Utrum in apostemate hepatis et praecipue in sanguineo phlebotomandus sit pes vel manus. — Utrum membrum aut hepar supercalefactum sit epithemandum cerussa necne. — Utrum bezel seu incisio super umbilicum competat in hydropisi necne. — Utrum fluxus ventris in principio morbi factus sit compescendus necne. — Utrum dysenteria ex sanguine facta sit deterioris curationis necne. — Utrum in dysenteria hepatica competat stiptica necne. — Utrum ileon ex stranguria febris curet superveniens necne. — Utrum narcotica competant in colica necne. — Utrum diuretica competant aegritudinibus viarum urinae necne. — Utrum in podagra sanguinea existente in pede dextro phlebotomandum sit ex manu sinistra et in sinistro ex dextra vel contra. — Utrum esse ulcus egeat exsiccatione necne. — Utrum cauterium potentiale sit laudabilius actuali necne. — Utrum medicinarum alterativarum copulatio possit conflare medicinam solutivam necne. — Utrum composita plus perdurent simplicibus vel contra.

Im Anschluß an einzelne dieser Hauptprobleme werden noch folgende Nebenfragen erörtert: An medicina una sit scientia vel plures. — An naturali subalternetur scientiae vel alii. — An qualitas elementi propria sit ejus forma. — An aer habeat gravitatem in propria sphaera. — An complexio inaequalis quo ad pondus sit aequalis quo ad justitiam. — An cerebrum sit frigidum amplius quam humidum vel contra. — An phlegma generetur tantum in hepate aut etiam alibi. — An sit ejusdem speciei sanguis genitus ex cibis et phlegmate ac universaliter ex coitu genita et sine. — An in venis digestio perficiatur communis. — An digestiones se possint vicissim corrigere. — An sanguis contineatur tantum venis. — An vir muliere amplius delectetur in coitu. — An spermatica membra soluta possint verius consolidari. — An ex omni parte judicandum sit membrum colobum. — An ossa sentiant. — An dentes sentiant. — An per anum immissum possit nutrire. — An pilis insint passiones plurimae ipsis attributae. — An unus nervus possit esse principium sensus et motus. — An musculus habeat solum virtutem innatam. — An spiritus in animali semper idem maneat vel fluat mox alius factus. — An quis morbus sit quantitate laedens. — An nervus sinistretur dexter opticus absque reditu et sinister et contra. — An oculus sit coloratus. — An autumnus sit temperatus. — An venti contemperent aerem. — An vinum competat pueris. — An sanum et aegrum actu concidant una. — An stupor sit morbus vel accidens, puta dolor. — An morbi complexionales sint quatuor, octo aut decem octo. — An apostema sit morbus simplex vel compositus. — An labor seu dolor apostemosus sit alius ab ulceroso. — An quae et qualia de urinae esse. — An qualis sit distinctio cholerae locus generationis et situs ejus. — An in empiala calidum cum frigido, simul per totum sentiatur. — An pulmo sit proprium organum anhelitus vel diaphragma. — An motus anhelitus sit naturalis vel voluntarius. — An plurimum mors contingat die vel nocte. — An subjectum supponatur in scientia sua. — An ova competant in febribus. — An fluxus sanguinis menstrualis sit naturalis. — An naturales temperantiae appetant similia et aegritudinales contrariae. — An exercitandum ante comestionem vel post. — An aer et universaliter elementum nutriat. — An humor sit causa efficiens febris vel materialis. — An morbus proportionalis sit periculosior improportionali vel contra. — An formicae cura perficiatur pennae concavitate. — An cum apoplexia possit febris concidere. — An a septima conjugatione nervorum colli oriantur nervi pervenientes ad manus aut aliunde. — An phthisis possit siccitate causari. — An qualis natura lactis temperata vel alia. — An zuccharum rosaceum competat phthisicis. — An morbus frigidus periculosior calido. — An cauterium melius ex auro vel argento.

Der Conciliator erörtert im Rahmen der Naturphilosophie die verschiedensten Probleme der theoretischen und praktischen Medizin wie auch der Hygiene. Jede der aufgeworfenen Fragen (Quaesita) wird mit einer an antike und arabische Dialektik erinnernden Spitzfindigkeit, in echt scholastischer Art beantwortet, wobei die oft mit zersetzender Kritik verbundene Widerlegung oppositioneller Lösungsversuche (opposita) ein gutes Stück der Darstellung ausmacht. Findet sich schon unter den Problemen neben Rationellem genug des Bizarren[101] — Probleme, die bloßer Grübelsucht entsprangen —, so entbehren die gebotenen Lösungen fast in ihrer Gesamtheit des bleibenden Werts, weil in den herangezogenen Argumenten die zackigen Syllogismen mit schmaler Wahrheitsfläche über das empirische Material weitaus und entscheidend vorherrschen[102]. Damit soll freilich der interessanten Tatsache kein Abbruch geschehen, daß der Verfasser in manchen seiner Schlußfolgerungen, besonders was die Naturwissenschaft betrifft, seinem Zeitalter voraneilt und unseren Erkenntnissen nahekommt[103].

Es kann nicht verwundern, daß der Conciliator seiner Epoche durch das Gaukelspiel mit aristotelischen Kategorien als Specimen sublimster Gelehrsamkeit imponierte und durch seine anscheinend unanfechtbaren Problemlösungen noch Generationen in den Glauben an einen gesicherten Wissensbesitz einlullte[104] — uns drängt sich bei der Betrachtung solcher Verirrungen nur das als tröstender Gedanke auf, daß gerade aus der bis zum Höchstmaß getriebenen Gegenüberstellung der Autoritäten und der erzwungenen Interpretation ihrer Lehrmeinungen — schon an sich ein Zeichen erwachender Kritik — der Zweifel an der Zuverlässigkeit der herrschenden Beweismethode allmählich entstehen mußte.

Die Rundschau über die führenden Männer und über die Literatur ergibt, daß die wissenschaftliche Heilkunde dieses Zeitalters vorwiegend, ja beinahe ausschließlich an Italien geknüpft war, und daß die Medizin des gesamten Abendlandes lediglich von dort, direkt oder indirekt, Impulse empfing.

Italien wurde auch vorbildlich durch die Organisation des Aerztestandes, durch die Kreierung des Apothekerwesens und durch manche behördlichen Maßnahmen sanitätspolizeilicher Richtung.

Der Aufschwung, den das Aerztewesen und die sanitätspolizeilichen Einrichtungen in Italien nahmen, basierte auf seiner relativ hoch entwickelten städtischen Kultur und wurde durch die Folgeerscheinungen der Kreuzzüge (Durchzug von Kranken und Verwundeten in ungeheurer Zahl, Seuchen), durch den regen Verkehr mit dem Orient, durch den Zufluß fremder (sarazenischer, jüdischer) Aerzte u. a. beschleunigt. Allenthalben entstanden Hospize, Hospitäler, Lazarette. Die Aerzte vereinigten sich auch außerhalb der Universitätsstädte in Kollegien, welche Prüfungen mit den aufzunehmenden Mitgliedern abzuhalten hatten, z. B. in Mailand, Brescia, Florenz. Von den Aerzten schieden sich die wissenschaftlich gebildeten Chirurgen, neben welchen aber noch eine aus mannigfachen Elementen zusammengesetzte Klasse von Empirikern wundärztliche Praxis ausübte (chirurgi phlebotomatores, barbitonsores, Bruch-, Zahn-, Augenärzte etc.). Frühzeitig wurde für die Anstellung von Stadtärzten Sorge getragen, welche Arme unentgeltlich behandeln, als Sanitätsbeamte (Aufsicht über Spitäler, Seuchenbekämpfung), als Sachverständige vor Gericht, eventuell auch als Feldärzte fungieren mußten. Bezüglich der forensischen Tätigkeit vgl. S. 377 und 378, Anm. 2. In Venedig erscheinen seit dem Jahre 1260 Aerzte (darunter Sarazenen und Juden) in den Registern der großen Verbrüderungen (scuole), die Bestallung der Kommunalärzte wurde dort jährlich vom Senate und dem Rate der Vierzig erneuert. — Einige hygienisch-sanitätspolizeiliche Städteordnungen italienischer Kommunen haben Puccinotti (Storia della medicina II) und Renzi (Storia della scuola di Salerno) veröffentlicht. Die Konstitutionen Friedrichs II. (vgl. S. 344), welche vorbildlich wirkten, enthalten zweckmäßige Bestimmungen über die Reinhaltung der Luft von gesundheitsschädlichen Einflüssen, über den Verkauf von Fleisch und Fischen, von Giften und Liebestränken u. s. w. — In Italien, wo sich infolge des Durchgangshandels orientalischer Produkte — am frühesten im Abendlande — ein eigentlicher Apothekerstand (vgl. S. 344) entwickelt hatte, wurde dessen Ausbildung, Tätigkeit und Verhältnis zu den Aerzten bezw. medizinischen Fakultäten bereits im 13. Jahrhundert festen Normen unterworfen (Konstitutionen Friedrichs II., Lo statuto dei medici e degli speziali in Venezia scritto nell anno 1258 u. a. Medizinalordnungen).

Auf die medizinischen Zustände außerhalb Italiens soll später im Zusammenhang zurückgegriffen werden, soweit es die dürftigen Nachrichten gestatten; hier sei nur darauf hingewiesen, daß alle Länder der Christenheit, so sehr auch die meisten unter ihnen in der Entwicklung der wissenschaftlichen Heilkunde noch zurückgeblieben waren, wenigstens in der Krankenpflege, in der Errichtung von Hospitälern, Aussatz- und Siechenhäusern einen edlen, höchst anerkennenswerten Wetteifer zeigten, und daß die Betätigung auf diesem Felde der Humanität gerade im 13. Jahrhundert eine Höhe erreicht, welche die Anerkennung auch der spätesten Geschlechter verdienen wird.

Erfüllt von tief religiösem Empfinden widmeten sich der Krankenpflege nicht nur Angehörige des Klerikerstandes, der Mönchs- und Krankenpflegerorden, sondern auch Laien aus allen, selbst den vornehmsten Kreisen, es sei nur beispielsweise an die Lichtgestalten der hl. Elisabeth von Thüringen oder der hl. Hedwig erinnert. Ludwig der Heilige, der das Hôtel Dieu mit Geschenken überhäufte, ähnliche Anstalten in Fontainebleau, Pontoise, Vernon, sowie das noch bestehende Blindeninstitut der Quinzevingt in Paris stiftete, verband selbst die Wunden Lepröser und forderte von den Chirurgen, denen er Privilegien erteilte, daß sie sich der Behandlung der Armen widmen.

Allenthalben entstanden Hospitäler und Aussatzhäuser (letztere in enormer Zahl)[105]. Bei der Stiftung von Hospitälern kommen weniger die Zweigniederlassungen der ritterlichen Krankenpflegerschaften in Betracht, als die zahlreichen, über ganz Westeuropa zerstreuten Tochteranstalten des Hospitals San Spirito in Rom (vgl. S. 326), die Heiligengeistspitäler. Diese letzteren verdanken der kräftigen Initiative des Papstes Innozenz III. ihren Ursprung, waren aber durchaus nicht sämtlich Stiftungen des Ordens vom heiligen Geiste selbst, sondern zum Teil, was oft verkannt wird, in städtischer Verwaltung stehende Anstalten mit gleichen Einrichtungen und Zielen.

[1] Man berücksichtigt im allgemeinen viel zu wenig, daß im 11. und besonders im 12. Jahrhundert ein, an die Renaissancezeit erinnernder, äußerst reger humanistischer Eifer in Italien und Frankreich (Schule von Chartres) herrschte, welcher an der Hand des Studiums der römischen Autoren zu einer hohen Ausbildung der Latinität führte, wie sich dies z. B. in den Schriften Abälards, Joh. von Salisburys u. a. kundgibt. Schon in der zweiten Hälfte des 12., noch weit mehr aber im 13. Jahrhundert gerieten die „grammatischen” Studien in Verfall. Die Höhe der damaligen philosophischen Spekulation, welche in weitem Umfange auf großer Selbständigkeit im Denken beruhte und fast allein die, noch dazu unvollständig bekannten logischen Schriften des Aristoteles zur Stütze hatte, kann namentlich an Abälard ermessen werden. Mit Rücksicht auf die Anknüpfung an sehr wenige, dafür aber unverfälscht erhaltene antike Elemente, ließe sich zwischen der philosophischen Entwicklung des 12. Jahrhunderts und der Salernitanermedizin eine Parallele ziehen. Wie die erstere vom augustinisch-platonischen, so war die letztere von hippokratischem Geiste durchweht, im Gegensatz zur späteren, mit dem 13. Jahrhundert beginnenden Epoche, in welcher hier der arabisierte Galen, dort der arabisierte Aristoteles das Szepter führte.

[2] Es braucht hier nur an die Hauptvertreter Johannes Scotus Erigena, Gerbert, Berengar von Tours, Lanfranc, Anselm von Canterbury, Roscellinus von Compiegne, Wilhelm von Champeaux und Abälard erinnert werden. Die dürftige antike Grundlage ihrer spekulativen Theologie bezw. kirchlichen Philosophie bildeten hauptsächlich einige der analytischen Schriften des Aristoteles, die Isagoge des Porphyrius in der Uebersetzung und mit den Kommentaren des Boëthius, des letzteren Abhandlungen über den kategorischen und hypothetischen Schluß. Die von Porphyrius aufgeworfene Frage, ob Gattungen und Arten, die allgemeinen Begriffe etwas Wirkliches außer uns oder bloß Gedanken seien, entfachte schon seit Anselm und Roscellin den noch früher im Morgenlande begonnenen, durch das ganze Mittelalter hin und her wogenden Streit der Realisten und Nominalisten, von denen jene die Realität der Universalien verfochten, letztere nur die Realität der Einzeldinge gelten lassen wollten, abgesehen von den beiderseitigen Vermittlungsversuchen.

[3] Vgl. namentlich H. Denifle, Die Universitäten des Mittelalters, I. Bd., Berlin 1885; G. Kaufmann, Die Geschichte der deutschen Universitäten, I. Bd. Vorgeschichte (die auswärtigen Universitäten), Stuttgart 1888; Rashdall, The universities of Europe in the middle ages, Oxford 1895.

[4] Eine den weitesten Kreisen geöffnete Anstalt im Gegensatze zum Studium particulare, d. h. einer nur für engere Kreise bestimmten, nicht mit Privilegien ausgestatteten Schule. Der im Beginn des 13. Jahrhunderts zuerst auftretende Begriff Studia generalia — solche waren zunächst Bologna, Salerno, Paris für Rechtswissenschaft, Medizin, Theologie — erhielt erst im Laufe der Zeit seine genauer umgrenzte juristische Fixierung, indem zu den Grundeigenschaften einer solchen Hochschule (Studenten aus allen Gegenden, Pluralität der Lehrer, Vertretung wenigstens eines der höheren Fakultätsgegenstände, d. h. der Theologie, Jurisprudenz oder Medizin neben den artes liberales) noch gewisse Privilegien (Enthebung der Geistlichen von der Residenzpflicht, Promotionsrecht, das Jus ubique docendi u. a.) hinzutraten, welche ursprünglicher oder nachträglich eingeholter (päpstlicher bezw. kaiserlicher) Beurkundung bedurften, wenn sie nicht ex consuetudine (wie z. B. in Oxford) anerkannt waren.

[5] Typus Bologna, dessen Universität (zunächst bloß Juristenuniversität) schon 1158 durch Friedrich Barbarossa („Habita”) ihre Rechtsgrundlage erhielt und durch ihre demokratische Verfassung (Wahl des Rektors aus der Mitte der fremdländischen Scholaren, wobei aber den, mit der Universität in Zusammenhang stehenden Doktorenkollegien durch das Promotionsrecht etc. die gebührende Autorität gewahrt blieb) für eine ganze Reihe von italienischen Stadtuniversitäten (Vicenza, Arezzo, Padua, Vercelli, Siena u. a.), zum Teil auch für einige Lehranstalten Südfrankreichs, vorbildlich wurde.

[6] Typus Paris, dessen Universitas zwar eine aus Scholaren und Magistern zusammengesetzte Korporation bildete, aber nur den Magistern Stimmrecht gewährte und unter dem Kanzler stand. Aehnlich, aber mit oft erheblichen Modifikationen hinsichtlich der Machtbefugnis des Kanzlers, waren Montpellier, Toulouse und in England Oxford und Cambridge organisiert.

[7] Am reinsten repräsentiert diesen Typus die von Friedrich II. 1224 gestiftete Hochschule von Neapel. Wenigstens teilweise gehören aber in diese Kategorie auch die durch königlichen Willensakt ins Leben gerufenen spanischen Universitäten, nämlich Palencia, die älteste derselben (von Alfons VIII. gestiftet), sodann Salamanca und Lerida, ferner die portugiesische in Lissabon bezw. Coimbra. Diese erhielten aber auch päpstliche Anerkennung als Studia generalia respectu regni.

[8] So war z. B. an der berühmten Pariser Universität das römische Recht gar nicht vertreten, sondern nur das kanonische; die italienischen Stadtuniversitäten im allgemeinen waren ursprünglich bloß Schulen für römisches sowie kirchliches Recht, sie pflegten erst im Laufe ihrer weiteren Entwicklung auch die Artes und die Medizin, wozu nur selten auch die Theologie hinzutrat.

[9] In Montpellier bildete die medizinische Schule (medizinische „Universität”) für sich eine eigene Korporation, welche mit den später entstandenen Schulen („Universitäten”) der Juristen und Artisten nicht vereinigt wurde.
In Bologna waren einerseits Genossenschaften der stadtfremden Scholaren, anderseits städtische Gilden der Lehrer miteinander verbunden. Von der ursprünglich einheitlichen, aber vorzugsweise das juristische Element vertretenden Scholarengenossenschaft trennte sich allmählich die Genossenschaft der Mediziner- und Artistenscholaren ab, und da die juristische Scholarenvereinigung wieder in die Citramontani und Ultramontani mit je einem Rektor an der Spitze zerfiel, so existierten tatsächlich mehrere „Universitäten” (im Sinne von Genossenschaften) nebeneinander. Gegenüber den großen Scholarengenossenschaften standen die Gilden der Lehrer, die Doktorenkollegien, welche das Promotionsrecht innehatten, sich nach den Wissenschaften gliederten, aber in ihrer Stellung keineswegs den heutigen Fakultäten entsprachen. Alle diese Vereinigungen hatten für ihre Versammlungen ein gemeinsames Gebäude, und streng genommen äußerte sich ihre Verknüpfung zu einer Einheit auf dem Boden der Hochschule nur darin, daß die akademischen Grade unter Leitung des Bischofs, der dabei als Kanzler auftrat, erteilt wurden.
In Paris schieden sich aus der ursprünglich gemeinsamen Magisterkorporation verhältnismäßig früh die theologische, juristische und medizinische von der artistischen Fakultät. Jede derselben wählte ihren Dekan. Die drei ersteren Fakultäten hießen die oberen, weil das Studium der Artes als Vorbereitung betrachtet, und jeder erst in den Artes zum Magister promoviert sein mußte, ehe er in einer der oberen Fakultäten als Scholar zugelassen wurde. Unter den an Zahl überwiegenden Artisten, und nur unter diesen, entstanden neben der Magisterfakultät noch landsmannschaftliche Vereinigungen aus Magistern und Scholaren, die vier „Nationen” (gallische, normannische, pikardische und englische) mit dem Rektor an der Spitze, der schließlich zum Haupt der Universitas wurde. — Die medizinische Fakultät erscheint als feste Organisation schon seit 1213 in den Urkunden, ein Dekan der medizinischen Fakultät wird zuerst 1267 erwähnt.

[10] Abweichend von der spätrömischen Tradition, sofern Martianus Capella für dieselbe maßgebend ist (vgl. S. 268, 270).

[11] Dieselben bildeten zu dieser Zeit in Italien schon einen eigenen Stand, der sich einerseits vom ärztlichen Beruf, anderseits von den Arzneihändlern differenziert hatte. Durch die Medizinalverfassung Friedrichs II. wurde nicht nur das Verhältnis zwischen Arzt und Apotheker, sondern auch die Ausbildung und Tätigkeit der letzteren gesetzlich geregelt.

[12] Diese Statuten geben auch über die dem Unterricht zu Grunde gelegten Bücher Auskunft. Debet audivisse bis artem medicinae ordinarie et semel cursorie exceptis urinis Theophili, quas sufficit semel audivisse ordinarie vel cursorie: Viaticum bis ordinarie, alios libros Ysaac semel ordinarie, bis cursorie, exceptis diaetis particularibus, quas sufficit audivisse cursorie vel ordinarie; Antidotarium Nicholai semel. Versus Egidii non sunt de forma. Item debet unum librum de theorica legisse et alium de practica. (Chartularium Univ. Parisiens. ed. Denifle et Chatelain, Paris 1889-91.)

[13] Welche Anforderungen an den „Baccalarius” resp. den „Baccalarius licentiandus” gestellt wurden, ersieht man aus der oben erwähnten Verordnung des Königs Karl I. von Anjou. ... teneatur baccalarius audivisse bis ordinarie ad minus omnes libros artis medicae, exceptis Theofili et libro pulsuum Filareti, quos sufficit audivisse semel ordinarie vel cursorie. Item regimenta acutorum bis ordinarie. Item quatuor libros Yshac, scilicet Viaticum, dictas universales, urinas. Librum febrium semel ordinarie ad minus. De omnibus praedictis tenetur baccalarius facere fidem et praestare juramentum. ... (Renzi, Coll. Salern. I, p. 62.) ... teneatur baccalarius licentiandus audivisse per triginta menses medicinam a magistro conventato et regente, deinde teneatur respondere bis de questione et desputatione magistri regentis, praeterea leget cursorio duos libros unum de theorica et alium de practica, postmodum teneatur audire antequam conveniat ad conventum seu licentiam quosque compleverit quadraginta menses in universo incipiendo computationem a prima die qua incepit audire medicinam a magistro conventato regente ut supra dictum est, si fuerit magister seu licentiatus in artibus et si non fuerit magister seu licentiatus in artibus debet audivisse quinquaginta sex mensibus ita quod non computetur, nec illud tempus in quo ut prius dicitur regitur Salerni. Item teneatur respondere cuilibet magistro regenti singulariter de questione in disputatione sua. ... L. c. p. 361. Ueber den Erfolg der Prüfung wurde an den Kanzler zu Neapel berichtet, worauf am letzteren Orte die Prüfung „per physicos regios”, also die eigentliche Staatsprüfung stattfand. Diese Kontrolle der medizinischen Fakultät von Salerno durch den Kanzler und die königlichen Aerzte ist erst 1395 aufgehoben worden.

[14] Die wissenschaftlich gebildeten Aerzte trugen anfänglich allgemein den Titel Magister. Im Laufe des 13. Jahrhunderts jedoch fand nach dem Beispiel Bolognas auch in den medizinischen Schulen der Doktortitel Eingang, wurde aber zunächst im ursprünglichen Sinne des Wortes (vgl. S. 247, Anm. 1 und S. 306) nur demjenigen erteilt, der als Lehrer in der Heilkunde tätig war. Allmählich wurde es übrigens Gebrauch, den Doktortitel allen zur Ausübung der Kunst legitimierten Aerzten zu geben, da eben jedem das Recht zu lehren fakultativ zustand. Die Scheidung in Doctores legentes et non legentes entsprach dann den tatsächlichen Verhältnissen, indem nur die ersteren die Lehrtätigkeit wirklich versahen.

[15] Wie sehr dieser Gegensatz gefühlt wurde, geht auch aus manchen Stellen in der schönen Literatur der damaligen Zeit hervor.

[16] Diese Fortschritte waren freilich nur Entlehnungen aus dem Orient bezw. Verbesserungen derselben. Der Kompaß wird bereits Ende des 12. Jahrhunderts erwähnt (in der Schrift de rerum naturis des Alexander Neckam, in den Dichtungen des Guiot de Provins und Jacques de Vitry), die Brillen (konvex) waren Ende des 13. Jahrhunderts bekannt, Salvino degli Armati und Alexander de Spina können höchstens als Wiedererfinder gelten.

[17] Aristoteles wurde erst nach langen Geisteskämpfen zum kirchlich anerkannten „Philosophen” par excellence. In den ersten Dezennien des Bekanntwerdens seiner physischen, metaphysischen, ethischen Schriften im Gewande arabischer Interpretation betrachtete man seitens der Kirche das Studium des Aristoteles mit einem gewissen Argwohn und verbot es teilweise sogar (1210, 1215, 1231), umsomehr als die Gegensätzlichkeiten zur katholischen Weltanschauung (z. B. die Lehre von der Ewigkeit der Welt) noch unausgleichbar erschienen und zu Häresien gefährlichster Art Anlaß gaben. Die Verbote vermochten aber den Enthusiasmus für das neue, hellstrahlende Licht der Erkenntnis nicht zu hemmen, und auch die Bedenken der Kirche schwanden in dem Maße, als gezeigt wurde, wie dem Aristotelismus gleichsam seine giftigen Bestandteile entzogen, ja wie er sogar den Interessen der kirchlichen Gelehrsamkeit dienstbar gemacht werden könnte. Schon das letzte, 1231 erlassene Verbot ließ vermuten, daß die Freigabe in Aussicht genommen war, bereits 1233 durften die verbotenen Bücher in Toulouse gelesen werden, seit 1254 gehörten dieselben auch in Paris zum regelmäßigen Studienplan. Insbesondere waren es Alexander von Hales, Albertus Magnus und Thomas von Aquino, die den Aristotelismus fortan zu seiner autoritativen Stellung in kirchlichen Kreisen erhoben, indem sie dabei gleichzeitig gewisse entgegenstehende neuplatonisch-arabische Auslegungen bekämpften. Die Art, wie die Kirche eine, anfangs nicht grundlos als feindlich betrachtete Strömung einzudämmen und in ihr Bett zu leiten wußte — vergleichbar mit dem Aufgehen der mystischen, schwärmerischen Richtungen im Franziskanerorden etc. — bedeutete einen Sieg, der, mit den Waffen des Geistes erfochten, weit glänzender war als jener, den die Inquisition über die Ketzer davontrug. Ein für die selbständige kirchliche Interpretation des Aristoteles und damit für die Anerkennung seiner Lehren höchst förderlicher Umstand ist nicht am wenigsten auch in dem Auftauchen neuer Uebersetzungen direkt aus dem Griechischen, wie sie im 13. Jahrhundert in erster Linie Robert Grosseteste, Bischof von Lincoln, Joh. Basyngstoke und Wilhelm von Moerbeke lieferten oder wenigstens anregten, zu suchen. Solche hat schon Thomas von Aquino — im Gegensatz zu Albertus Magnus — seinen Kommentaren zumeist zu Grunde gelegt; sie trugen viel dazu bei, daß sich der, ursprünglich gegen die gegensätzlichen Lehren der Peripatetik als solche gerichtete Kampf in einen Kampf gegen die, dem kirchlichen System widerstrebenden arabischen Interpreten (namentlich Averroës) einengen konnte.

[18] Es sei hier nur auf die von tiefster religiöser Inbrunst getragenen Hymnen Dies Irae und Stabat mater und auf die Anfänge des an den biblischen Stoffkreis gebundenen Dramas hingedeutet.

[19] Es waren vorzugsweise die Dominikaner, welche durch ihre auf Lehre und Schule gerichtete Tätigkeit eine tiefgreifende Durcharbeitung des gesamten Wissensstoffes anregten (der praktischen Medizin sind sie aber in der Regel fern geblieben); die Franziskaner sind ihnen hierin erst später gefolgt.

[20] Außerdem gibt es zahlreiche Ausgaben gewisser Gruppen seiner Schriften oder einzelner Schriften, von denen manche auch übersetzt worden sind (Deutsch, Französisch, Italienisch, Polnisch).

[21] Zu den naturwissenschaftlichen Schriften gehören Physicorum libri VIII (allgemeine Naturlehre, Lehre von den Kräften und der Bewegung) — de coelo et mundo libri IV (über die Bewegung der Himmelskörper) — de generatione et corruptione libri II (über die Verwandlung der Körper) — Meteorum libri IV (Meteorologie und physikalische Geographie) — de mineralibus libri V (allgemeine Eigenschaften der Mineralien, Beschreibung von 95 Edelsteinen, 7 Metallen, ferner Salz, Vitriol, Alaun, Arsenik, Schwefelkies, Nitrum, Tutia, Elektrum) — de anima libri III — de sensu et sensato — de memoria et reminiscentia — de somno et vigilia — de motibus animalium libri II — de juventute et senectute — de spiritu et respiratione libri II — de vita et morte — de nutrimento et nutribili — de natura locorum (Klimato- und kurze Kosmographie, reich an ethnologischen und physiologischen Bemerkungen) — de causis proprietatum elementorum (physikalische Geographie auf Grund der Vierelementenlehre) — de passionibus aëris (über meteorologische Vorgänge) — de vegetabilibus et plantis libri VII (Neuausgabe von Meyer und Jessen, Berlin 1867) — de motibus progressivis — de animalibus libri XXVI — Philosophia pauperum (Phil. naturalis, Summa naturalis, Isagoge in libros Aristotelis physicorum de coelo et mundo, de generatione et corruptione, meteorum et de anima; auszugsweise wiedergegebener Inbegriff der Naturanschauungen des Albertus in Anlehnung an Aristoteles, vielleicht von einem Schüler des Albertus herrührend). Psycho-physiologisches enthält auch die theologische Schrift Summa de creaturis. Unechte hierhergehörende Schriften sind vielleicht speculum astronomiae und de alchimia, sicher de virtutibus herbarum, lapidum et animalium quorundam (wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammendes Machwerk über die magischen Kräfte der Pflanzen, Edelsteine und Tiere), Mirabilia mundi, De secretis mulierum. Die letztgenannte unter dem Namen des Albertus laufende Schrift handelt von der Zeugung (astrologische Einflüsse), Menstruation, Fötusbildung, Geburt, Mißgeburten etc. und erfreute sich einer ganz besonderen Beliebtheit — was die zahlreichen Ausgaben (auch Kommentare), Uebersetzungen („der Frauenzimmer Heimlichkeit”) und Umarbeitungen, welche bis in das späte 18. Jahrhundert veranstaltet worden sind, beweisen; sie besitzt für die Geschichte der Geburtshilfe eine gewisse Bedeutung. Die im Laufe der Zeit zustandegekommenen, voneinander oft erheblich abweichenden Umarbeitungen und Erweiterungen basieren auf zwei verschiedenen Vorlagen, welche auf Henricus de Saxonia bezw. auf Thomas von Brabant zurückgehen sollen.

[22] Z. B. gehört hierher sein Glaube an die wunderbare Heilwirkung der Edelsteine (in der Schrift de mineralibus) u. a. Es ist aber nicht zu vergessen, daß es vorwiegend unterschobene Schriften sind (z. B. de virtutibus herbarum, mirabilia mundi u. a.), welche von Aberglauben strotzen. Leider haben gerade diese Schriften dazu beigetragen, daß Albertus in der Geschichte lange Zeit nur im verzerrten Bilde fortlebte. Bezüglich des Glaubens an die Heilkraft der Steine (vgl. S. 320) sei erwähnt, daß derselbe bereits im Anfang des 13. Jahrhunderts von einem deutschen Dichter, genannt „der Stricker”, in einem langen Spottgedicht bekämpft wurde. Als Gegenschrift zu diesem ist das unter Volmars Namen bekannte mittelhochdeutsche Gedicht über die Steine (ed. H. Lambel, Heilbronn 1877, mit dem St. Florianer Steinbuch) aufzufassen. Dem 13. Jahrhundert gehört auch das lateinische Steinbuch des Arnoldus Saxo an.

[23] Im II. Sentent. Opp. t. XV, 137a: Sciendum quod Augustino in his, quae sunt de fide et moribus, plus quam Philosophis credendum est, si dissentiunt. Sed si de medicina loqueretur, plus ego crederem Galeno vel Hippocrati, et si de naturis rerum loquatur, credo Aristoteli plus vel alii experto in rerum naturis. ... S. th. I, 14a: In theologia locus ab auctoritate est ab inspiratione Spiritus veritatis. ... In aliis scientiis locus ab auctoritate infirmus est et infirmior caeteris, quia perspicacitati humani ingenii, quae fallibilis est, innitur. In der Schrift de vegetabilibus (Opp. V, 430a, Ed. Jessen p. 339) verwirft Albertus an einer Stelle geradezu die Syllogistik und anerkennt, wo es sich um Einzeldinge handelt, nur die Erfahrung: Experimentum enim solum certificat in talibus, eo quod de tam particularibus naturis syllogismus haberi non potest.

[24] Zu den Enzyklopädien des 12. Jahrhunderts zählen der Elucidarius des Honorius Augustodunus und die Schrift des englischen Augustiners Alexander Neckam (1157-1227) de naturis rerum.

[25] Er wird als ein „familiaris” der königlichen Familie bezeichnet, hatte die berühmten Bücherschätze des Königs zu überwachen und zu mehren, für die Erziehung der königlichen Kinder allgemeine Vorschriften zu geben, welch letztere in der Schrift des Vincenz de eruditione filiorum regalium (ins Deutsche übers. von Chr. Fr. Schlosser, Frankfurt a. M. 1819) enthalten sind; ein Abschnitt darin betrifft die physische Erziehung.

[26] Bescheiden weist er für sich selbst jeden Anspruch auf Originalität zurück, zufrieden mit der Rolle des Kompilators: „Antiquum esse (scil. opus) auctoritate et materia, novum vero partium compilatione et aggregatione, se son per modum auctoris, sed excerptoris ubique procedere.”

[27] Lib. XI cap. 104: ... sed quoniam haec ipsa (scil. medicina) non tantum in operatione manuum, sed etiam in mentis speculatione consistit, videlicet quantum ad causarum considerationem, unde quasi media est inter practicam et theoricam....

[28] Thomas von Cantimpré war anfangs Augustiner und Regularkanonikus im Kloster Cantimpré bei Cambrai und trat später in den Predigerorden ein. Nach längeren Studien in Köln und Paris wurde er Lektor in Löwen, Subprior des dortigen Predigerkonvents, endlich noch Suffraganbischof. Er verfaßte außer der uns interessierenden Schrift theologische Werke.

[29] In diesem Buche findet sich auch eine Stelle, die für die Geschichte der Geburtshilfe sehr bemerkenswert ist, weil sie in gewissen Fällen die innere Wendung auf den Kopf empfiehlt. Dieselbe Vorschrift findet sich übrigens auch im Speculum doctrinale des Vincenz von Beauvais und in den auf Thomas von Brabant (vielleicht identisch mit Th. von Cantimpré) zurückgeführten Ausgaben der, dem Albertus Magnus unterschobenen, Schrift de secretis mulierum.

[30] Wir folgen in den, zum Teile nicht ganz klargestellten, biographischen Angaben vorzugsweise dem neuesten Herausgeber von Bacons Hauptwerken, Bridges.

[31] Um die Wurzeln der Größe Bacons bloßzulegen, muß hervorgehoben werden, daß die Pflege der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer und im Zusammenhange damit die Abneigung gegen scholastische Klopffechterei damals die Schule von Oxford charakterisierten — Züge, die schon früher in den Engländern Adelard von Bath, Alexander Neckam und Alfred Sershall hervorgetreten waren. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts waren die freisinnigen Theologen Robert Grossetête, Bischof von Lincoln und der Franziskaner Adam von Marisco die glänzendsten Vertreter, Männer, die den größten Einfluß auf Bacon ausgeübt haben. Grosseteste, der mehr Theologe und Naturwissenschaftler als Logiker und Metaphysiker war, legte, wie später Bacon, den Schwerpunkt einerseits auf die Kenntnis der gelehrten Sprachen (er verwarf die schlechten lateinischen Uebersetzungen des Aristoteles und regte neue unmittelbar aus dem Griechischen an), anderseits auf die Mathematik und Naturwissenschaft (seine Schrift de physicis lineis, angulis et figuris bildete für Bacons physikalische, namentlich optische Lehren eine der wichtigsten Grundlagen). Außer den beiden Genannten und anderen gleichstrebenden Denkern wirkte auf Bacon ganz besonders der Picarde Petrus von Maricourt (Maharncuria, Mahariscuria) ein, den er in Paris kennen gelernt hatte; dieser zeichnete sich durch unermüdlichen Eifer und eine seltene Geschicklichkeit in der physikalisch-alchemistischen Experimentalforschung aus.

[32] Dieses Werk handelt in seinen sieben Hauptabschnitten über die Quellen der wissenschaftlichen Irrtümer, über das Verhältnis zwischen Theologie und Philosophie, über die Erlernung der (zum Studium der Bibel und Philosophie nötigen) Sprachen, über Mathematik, Optik (wobei al-Haitam ═ Alhazen die Hauptquelle bildet), Experimentalwissenschaft und schließlich über Moralphilosophie. Der leitende Grundgedanke ist die Idee, daß gerade die intensivste Pflege der Wissenschaften, auf der von Bacon gewünschten sicheren Basis, der Kirche als höchstem Kulturfaktor die größten Dienste zu erweisen im stande ist.

[33] Vorher erschienen: Speculum alchimiae (1541), Epistola de secretis artis et naturae operibus (Paris 1541, Hamburg 1617), De nullitate magiae (Hamburg 1618), De retardandis senectutis accidentibus et de senibus conservandis (Oxon. 1590, engl. von R. Browne 1683), mehrere alchemistische Schriften zusammengefaßt unter dem Titel Thesaurus chymicus (Francof. 1603, 1620), Perspectiva (Francof. 1614), Specula mathematica (Francof. 1614).

[34] Aus dem ersten Kapitel der Schrift Communia Naturalium ergibt sich, daß Roger Bacon die Abfassung einer aus vier Hauptteilen (Grammatik und Logik; mathematische Wissenschaften; Physik; Metaphysik und Moralphilosophie) bestehenden, kolossalen Enzyklopädie beabsichtigt hat, zu welcher das Compendium studii philosophiae wohl die Einleitung gebildet hätte. Verfolgung und Gefangenschaft hinderten die Ausführung. Das Opus majus ist nur als großzügiges Exposé aufzufassen, geschrieben, um die wissenschaftlichen Reformpläne des Verfassers zu verteidigen, den Nutzen ihrer Verwirklichung für kirchliche und moralische Zwecke zu veranschaulichen.

[35] De secretis operibus artis et naturae cap. 4. Nam instrumenta navigandi possunt fieri sine hominibus remigantibus, ut naves maximae, fluviales et marinae, ferantur unico homine regente, majori velocitate quam si plenae essent hominibus. Item currus possunt fieri, ut sine animali moveantur cum impetu inaestimabili. Item possunt fieri instrumenta volandi, ut homo sedeat in medio instrumenti revolvens aliquod ingenium, per quod alae artificialiter compositae aërem verberent, ad modum avis volantis. Item instrumentum, parvum in quantitate ad elevandum et deprimendum pondera quasi infinita, quo nihil utilius est in casu. ... Possunt etiam instrumenta fieri ambulandi in mari vel fluminibus usque ad fundum absque periculo corporali. L. c. cap. 5 handelt über Brennspiegel, cap. 6 unter anderem über schießpulverähnliche Mischungen. Opus majus V, Perspectivae pars III, Dist. III, cap. 4: ... Nam possumus sic figurare perspicua et taliter ea ordinare respectu nostri visus et rerum, quod frangentur radii et flectentur quorsumcunque voluerimus, ut sub quocunque angulo voluerimus videbimus rem prope vel longe. Et sic ex incredibili distantia legeremus literas minutissimas et pulveres ac arenas numeraremus propter magnitudinem anguli, sub quo videremus. ... Op. maj. V, Perspectivae pars III, Dist. II, cap. 4: Si vero homo aspiciat literas et alias res minutas per medium crystalli vel vitri vel alterius perspicui suppositi literis, et sit portio minor sphaerae cujus convexitas sit versus oculum, et oculus sit in aere, longe melius videbit literas et apparebunt majores. ... Et ideo hoc instrumentum est utile senibus et habentibus oculos debiles. Nam literam quantumcunque parvam possunt videre in sufficienti magnitudine.

[36] Die schlechten lateinischen Uebersetzungen aus dem Arabischen, namentlich diejenigen des Aristoteles, hätte er am liebsten verbrennen lassen.

[37] Quatuor vero sunt maxima comprehendendae veritatis offendicula, quae omnem quemcumque sapientem impediunt et vix aliquem permittunt ad verum titulum sapientiae pervenire, videlicet fragilis et indignae auctoritatis exemplum, consuetudinis diuturnitas, vulgi sensus imperiti et propriae ignorantiae ocultatio cum ostentatione sapientiae apparentis (Op. maj. I, cap. 1). Vgl. auch Op. tert. cap. 22.

[38] Duo enim sunt modi cognoscendi, scilicet per argumentum et experimentum. Argumentum concludit et facit nos concedere conclusionem, sed non certificat neque removet dubitationem, ut quiescat animus in intuitu veritatis nisi eam inveniat via experientiae (Op. maj. VI, cap. 1).

[39] Ein Hauptabschnitt des Opus majus (Pars VI), de scientia experimentali, handelt ausschließlich darüber.

[40] Im „Scriptum principale” (vgl. S. 360, Anm. 2) hätte auch die Medizin ihren Platz gefunden und zwar nach der Alchemie, Botanik und Zoologie, auf welche Hilfswissenschaften sich das Studium des Menschen aufbauen sollte. Im Opus majus und seinen Annexschriften kommt Bacon gelegentlich auch auf die Heilkunde zu reden, der 6. Teil (Perspectiva) handelt eingangs über die Sinnesperzeption im allgemeinen, die Anatomie des Auges und den Sehakt (Bacon sucht zwischen der alten Emanationstheorie und den richtigen Anschauungen des al-Haitam zu vermitteln). — Rein medizinischen Inhalts ist die Abhandlung de retardandis senectutis accidentibus, beruhend auf Ali Abbas, dispos. regalis II, lib. I, pag. 24; im Manuskript sind ferner zwei Schriften über die Krisen und die kritischen Tage (Amploniana) vorhanden.

[41] Op. maj. IV, ed. Bridges Vol. I, p. 251, 384 ff., an beiden Stellen tadelt er die Aerzte seiner Zeit wegen ihrer Unwissenheit in astrologischen Dingen, „et ideo negligunt meliorem partem medicinae.”

[42] Opus tertium cap. 12: Sed alia est scientia, quae est de rerum generatione ex elementis et de omnibus rebus inanimatis. ... Et quia haec scientia ignoratur a vulgo studentium, necesse est ut ignorent omnia, quae sequuntur de rebus naturalibus; scilicet de generatione animatorum, ut vegetabilium et animalium et hominum: quia ignoratis prioribus, necesse est ignorari quae posteriora sunt. Generatio enim hominum et brutorum et vegetabilium est ex elementis et humoribus et communicat cum generatione rerum inanimatarum. Unde propter ignorantiam istius scientiae, non potest sciri naturalis philosophia vulgata, nec speculativa medicina, nec per consequens practica; non solum quia naturalis philosophia et speculativa medicina necessariae sunt ad practicam ejus, sed quia omnes simplices medicinae de rebus inanimatis accipiuntur de hac scientia, quam tetigi ... et haec scientia est alkimia speculativa, quae speculatur de omnibus inanimatis et tota generatione rerum ab elementis. Est autem alkimia operativa et practica, quae docet facere metalla nobilia et colores et alia multa melius et copiosius per artificium, quam per naturam fiunt. Et hujusmodi scientia est major omnibus praecedentibus, quae majores utilitates producit. Nam non solum expensas et alia infinita reipublicae potest dare, sed docet invenire talia, quae vitam humanam possunt prolongare in multa tempora, ad quae per naturam produci potest.

[43] Op. maj. VI, ed. Bridges pag. 204 ff., am Schlusse heißt es: Nam illa medicina, quae tolleret omnes immunditias et corruptiones metalli vilioris, ut fieret argentum et aurum purissimum, aestimatur a sapientibus posse tollere corruptiones corporis humani in tantum, ut vitam per multa secula prolongaret. Das Problem der Lebensverlängerung bildet namentlich den Inhalt seiner Schrift über das Alter. Bemerkenswert ist es übrigens, daß Bacon trotz aller Leichtgläubigkeit an der Ansicht festhält, daß die Lebensdauer über einen gewissen Grad, der einerseits für das Menschengeschlecht im allgemeinen, anderseits für das Individuum durch erbliche Keimverhältnisse im speziellen bestimmt ist, nicht verlängert werden könne.

[44] Epistola de secretis operibus artis et naturae cap. 2: Considerandum est tamen, quod medicus peritus, et quicunque alius qui habet animam excitare, per carmina et characteres licet fictos, utiliter (secundum Constantinum medicum) potest adhibere; non quia ipsi characteres et carmina aliquid operentur, sed ut devotius et avidius medicina recipiatur et animus patientis excitetur et confidat uberius et speret et congaudeat; quoniam anima excitata potest in corpore proprio multa renovare, ut de infirmitate ad sanitatem convalescat ex gaudio et confidentia. Si igitur medicus ad magnificandum opus suum, ut patiens excitetur ad spem et confidentiam sanitatis, aliquid hujusmodi faciat, non propter fraudem nec propter hoc, quod de se valeat (si credimus medico Constantino) non est abhorrendum.

[45] Vgl. besonders Hauréau in Histoire litteraire de la France, XXIX.

[46] Unter anderem wird darin die Medizin als die schwierigste Wissenschaft erklärt und die Forderung aufgestellt, daß die Regierungen mit aller Strenge gegen Kurpfuscher eintreten sollen. Es sei aber nicht verhehlt, daß Lull in einer anderen Schrift nichtmedizinischen Inhalts, Liber contemplationis in Deum, einen Vergleich zwischen den Aerzten der Seele und den Aerzten des Leibes zieht, wobei die letzteren in höchst ungünstigem Lichte erscheinen, ja sogar dem Kranken geraten wird, auf die eigene Erfahrung zu vertrauen.

[47] Im Jahre 1195 wurde von Heinrich VI. ein furchtbares Strafgericht über Salerno verhängt, bei welcher Gelegenheit viele Gelehrte nach anderen italienischen Städten auswanderten. Seit Friedrich II. litt die Schule erheblich durch die Konkurrenz mit der (1224) neugegründeten Universität Neapel, wiewohl sich vorübergehend das medizinische Ansehen Salernos stärker erwies als dasjenige ihrer hauptstädtischen, mit größeren Rechten und Geldmitteln ausgestatteten Schwesteranstalt. Nachdem schon 1231 die medizinische Fakultät in Neapel aufgelassen worden war, wurden 1252 sogar die übrigen Fakultäten nach Salerno verlegt, doch fand schon 1258 wieder eine Neuaufrichtung der Hochschule zu Neapel in vollem Umfang statt.

[48] Nach den französischen Synonymen zu schließen. Das Glossar beginnt in der ursprünglichen konfusen Anordnung mit dem Worte Alphita (et farina hordei est idem), daher die Bezeichnung.

[49] Er starb schon nach wenigen Monaten infolge einer schweren Verletzung, die er sich infolge des Einsturzes einer Mauer in seinem Palaste zu Viterbo zuzog.

[50] Am berühmtesten wurden die „Summulae logicales”. Auf diese bezieht sich Dante, der in seinem Paradiso von allen zeitgenössischen Päpsten nur den Petrus Hispanus antrifft:

E Pietro Ispano
Lo qual giù luce in dodici libelli
Canto XII, v. 135-136.

[51] Für dieses Werk wird übrigens auch der Arzt Julianus (Vater des Petrus Hispanus) als Autor in Anspruch genommen.

[52] Wahrscheinlich im Anschluß an alte Volksgebräuche; vgl. übrigens die moderne Rotlichtbehandlung.

[53] In der Einleitung zur Ausgabe des Mesuë von 1539 wird Joh. de St. Amando „doctor suavissimus” genannt.

[54] Das Revocativum memoriae stellte er für die scolares zusammen, „damit sie es nicht nötig hätten, schlaflose Nächte über dem sehr mühseligen Selbststudium des Galen und Avicenna zu verbringen”.

[55] Vgl. die von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen: O. Paderstein, Ueber Joh. de St. Amando (1892); Eicksen, Historisches über Krisen und kritische Tage; Müller-Kypke, Ueber d. Ars parva Galeni (1893); Reichel, Zur Literaturgeschichte der antiken Arzneimittellehre; G. Matern, Die drei Bücher des Galen über die Temperamente; F. Petzold, Ueber die Schrift des Hippokrates von der Lebensordnung in akuten Krankheiten (1894); Ehlers, Zur Pharmakologie des Mittelalters (1895).

[56] Bemerkenswert durch ihre Freimütigkeit sind seine Urteile über Avicenna, dem er zumutet, über viele einfache Heilmittel im Irrtum gewesen zu sein, über Constantinus, dessen Uebersetzungen er nicht traut, über Gariopontus, dessen bloß kompilatorische Tätigkeit er durchschaut. Festzuhalten ist besonders die Benützung des Celsus, des Cassius Felix und des verloren gegangenen Demosthenes als Quellen.

[57] Daß sich die artistisch-medizinische („Universität”) Fakultät Bologna (vgl. S. 317) übrigens bereits im Anfang des 13. Jahrhunderts eines nicht unbedeutenden Besuchs wißbegieriger laikaler und klerikaler Scholaren erfreute, beweist eine vom Papst Honorius III. 1219 an den dortigen Bischof gerichtete Verordnung, wonach den Priestern, Mönchen und regulierten Geistlichen das medizinische und juristische Studium untersagt wurde. Die medizinische Scholarenkorporation besaß eine ähnliche Organisation wie die juristische (an der Spitze ein Rektor), mußte sich aber gegenüber der langwährenden Präponderanz der letzteren erst in hartem Kampfe die Selbständigkeit erringen. Der Aufschwung der Schule datierte seit der Zeit, als die empirische Unterrichtsweise der philosophisch begründeten Platz zu machen begann, d. h. seit der Lehrtätigkeit des Thaddaeus Alderotti. Seinem Einfluß war es vornehmlich zu danken, daß die medizinischen Scholaren dieselben Privilegien wie die Jünger der Themis erhielten.

[58] Nach dem Schema: Behauptung, Beleg, Einwand, Gegeneinwand, Lösung.

[59] Es wird erzählt, daß er durch den Verkauf geweihter Wachskerzen vor den Kirchentüren seinen Lebensunterhalt fand.

[60] Als Papst Honorius IV., der ihn zu sich berufen hatte, seinem Erstaunen darüber Ausdruck gab, daß Alderotti ein tägliches Honorar von 100 Goldstücken forderte, antwortete er, daß doch kleine Fürsten und Edelleute nicht Anstand nehmen, 50 Goldstücke und mehr zu geben. Um nicht als geizig zu gelten, ließ ihm der Papst nach seiner Genesung angeblich nicht weniger als 10000 Aurei auszahlen.

[61] So geriet Alderotti mit Barth. Varignana deshalb in Feindschaft, weil dieser ihm angeblich einige Scholaren entzogen hatte, die früher seine Schüler gewesen waren.

[62] Interessant ist eine Stelle, aus welcher hervorgeht, daß er Nachtwandler gewesen ist; wir setzen sie hierher, um eine Probe seiner dialektischen Darstellungsweise und seines Stils zu geben. „An sensus possit fieri in aliquo dum dormit, Quarta quaestio. De quarta sic procedo. Videtur quod homo possit dormiendo sentire, nam dormiendo movetur, sicut patet in surgentibus de nocte, quorum Ego fui unus. Sed quandocumque homo movetur, tunc sentit quod ista duo sunt aequalia. Praeterea nos videmus eos infrenare equum et equitare: hoc autem non posset fieri sine sensu. Contra somnus secundum quod dicit Aristoteles in somno et vigilia est impotentia usus sensuum, et est immobilitas sensus, quare non sentit homo in somno. Ad hoc dico quod sine dubio non sentit homo in somno, et concedo rationes ad hanc partem. Quare si mihi opponas quod homo movetur in somno ergo sentit, dico quod ille motus non fit nisi ab impressione facta in virtute imaginativa, nam illa bene operatur in somno. Sed si dicas sensus convertitur cum motu, dico quod hoc est verum secundum aptitudinem sed non secundum actum; quare plerumque sentimus et non movemus aliquod membrum et e converso, sicut probatur in hoc quod modo dixi. Ad secundum quod tu dicis quod ipsi infrenant equum et equitant, dico quod ipsi tamen hoc faciunt per virtutem imaginativam et non per visum; nam si domus esset eis insolita non irent ad stabulum, sed vadunt propter consuetudinem, sicut Magister Compagnus Caecus, qui vadit propter consuetudinem per Bononiam transeundo vias sine aliquo socio. Praeterea Ego qui jam cecidi de alto quatuor pedum ad terram semper dormiens scio bene hujus facti experientiam. Unde dico quod nihil sentio. Statim enim cum frigus percutit me, aut audio aliquem loquentem, revertor ad me ipsum et redeo ad lectum. ...” (In Isagorum Joannitii libellum expositio, cap. X.)

[63] Es ist kein bloßer Zufall, daß die scholastische Medizin zuerst an der Stätte zur reinsten Entwicklung gelangte, wo die juristische Interpretationskunst ihre höchsten Triumphe feierte, in Bologna, denn unter den Einflüssen des Milieus mußte es ja naheliegen, die Glossiermethode auf das Gebiet der ärztlichen Forschung und des ärztlichen Unterrichts zu übertragen, wobei die falsche Voraussetzung maßgebend war, es käme auch hier nur auf die richtige Auslegung der „Litera scripta” an, es könne der antik-arabischen Fachliteratur von vornherein diejenige autoritative, unverrückbar fundamentale Bedeutung beigemessen werden, welche die Rechtsbücher des Justinian für die Juristen tatsächlich besaßen. Wie diese die Rechtsquellen, so behandelte Thaddaeus die Aphorismen, das Prognosticon des Hippokrates etc., indem er sie mit Glossen versah, denen bald förmliche Quaestiones, Disputationes, Recollectiones und Quodlibetationes folgten. Im Grunde war es ja der, durch die Wiedererweckung des römischen Rechts erwachte, juristische Geist, der — wie Roger Bacon klagte — die Theologie des 13. Jahrhunderts beherrschte, der juristische Formalismus, der so großen Einfluß auf die Architektonik der theologischen Lehrgebäude ausübte. In Italien selbst, wo die spekulative Theologie merkwürdigerweise keinen hervorragenden Vertreter hatte — führende Theologen italienischer Abstammung wie Petrus Lombardus u. a. wirkten in Paris —, wurde die scholastische Methode, nur soweit sie auf dem Gebiete der zumeist gepflegten Rechtsstudien zur Geltung kam, vorbildlich für andere Zweige, namentlich für die Medizin.

[64] Die Salernitaner Chirurgen strebten bei der Behandlung der Wunden Eitererzeugung an, die Bologneser Chirurgen dagegen empfahlen die austrocknende Wundbehandlung (nach dem Vorgang von Avicenna galt Wein als bestes Heilmittel für Wunden). Die Salernitaner stützen sich auf Hippokrates (Aphor. V, 67, Laxa bona, cruda vero mala), die Gegner auf Galen (Methodi med. Lib. IV, cap. 5, Siccum sano est propinquius, humidum vero non sano).

[65] Außer bei dem S. 308 besprochenen Jamerius kommt der Einfluß Rogers auch bei Wilhelm von Congeinna (vgl. Pagel, Die Chirurgie des Wilhelm von Congeinna, Berlin 1891) zur Geltung; über die Nationalität dieses Chirurgen ist nichts bekannt.

[66] Die ältestbekannten Aerzte Bolognas stammen aus der Fremde. In den Archiven von Lucca werden Aerzte seit dem 8. Jahrhundert erwähnt.

[67] Die darüber berichtenden Stadtstatuten sind eines der ältesten Denkmäler für die gerichtliche Medizin im Mittelalter.

[68] So z. B. bezüglich der eiterungslosen Wundbehandlung: Predictus tamen vir mirabilis magister Hugo omnia fere vulnera cum solo vino et stupa et ligatura ... sanabat, consolidabat, pulcherrimas cicatrices sine unguento aliquo inducebat (Lib. I, cap. 12).

[69] Stadt in Calabrien.

[70] Signa sunt, quod minoratur quantitas urinae ... et incipit venter inflari post tempus et fit hydropicus post dies. Et ut plurimum fit talis durities post apostema calidum in renibus et post febrem ejus. Aehnliche Stellen finden sich übrigens schon früher bei Serapion und Rhazes.

[71] Wiewohl Abulkasim eine Hauptquelle bildete, so blieb man doch bei seiner Vorliebe für das Glüheisen nicht stehen.

[72] Schon 1254 hatten die Wundärzte Examinatoren verlangt. Ihre Korporation besaß einen gildenartigen Charakter und sollte hauptsächlich einen Schutz gegen unlautere, meist aus der Fremde eingewanderte Elemente bilden. Die Mitglieder verehrten als Patrone die heiligen Aerzte Kosmas und Damian. Wahrscheinlich wurden ihnen schon früh die Kranken des Hôtel-Dieu anvertraut.

[73] Z. B. Aldobrandino von Siena, der besonders als diätetischer Schriftsteller (in französischer Sprache) hervortrat.

[74] Zitiert werden außer Wilhelm von Saliceto antike, arabische und abendländische Autoren.

[75] Als Beispiel diene die aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stammende Schrift Experimenta magistri Gilliberti (ed. Pansier, Janus 1903), in welcher noch der für die Empirie günstige, lang nachwirkende arabische und jüdische Einfluß durchleuchtet.

[76] Den Gegensatz zwischen Montpellier und den anderen in philosophischer Spekulation aufgehenden Schulen (Paris, Bologna etc.) schildert Arnaldus bezeichnend in seinem Breviarium Lib. V, cap. 10 mit den Worten: qui universale cognoscit, particulare autem ignorat, multoties in curatione peccabit. Et propter hoc Parisienses et Ultramontani medici plurimum student, ut habeant scientiam de universali, non curantes habere particulares cognitiones et experimenta. Memini enim vidisse quendam maximum in artibus, naturalem logicum et theoreticum optimum in medicina, tamen unum clystere seu aliquam particularem curationem non novit ordinare et vix ephemeram sciebat curare. At medici Montis Pessulani, sicut magister meus et alii probi viri, qui fuerunt scholares, qui student satis habere scientiam de universali, non praetermittentes scientiam particularem, unde magis respiciunt ad curationes particulares et didascola et vera experimenta habere, quam semper universalibus incumbere.

[77] Bonifaz VIII., der an einem Steinleiden laborierte, wurde von Arnald, welcher in der Kur dieser Affektionen besonders erfahren war, erfolgreich behandelt. In der Therapie spielte neben diätetisch-medikamentösen Maßnahmen auch die Applikation eines festansitzenden Lendengurts und eines — magischen Löwensiegels eine wichtige Rolle. Letzteres benützte der Papst mit Vorliebe — zur höchsten Entrüstung der Kardinäle. Bekanntlich wurde übrigens Bonifaz VIII. selbst nach seinem Tode der Ketzerei verdächtigt.

[78] Clemens V., der Arnald auch bei der Ordnung der Verhältnisse der medizinischen Schule von Montpellier (1308) zu Rat gezogen hatte, richtete nach dem Ableben des großen Arztes unter Androhung des Kirchenbannes an alle Bischöfe und die ihnen unterstellten Kleriker die Aufforderung, nach einem medizinischen Werke des Verstorbenen „de variis experimentis curandorum morborum acutorum” zu fahnden und ihm dasselbe auszufolgen. Der Papst erteilte ihm in diesem Zirkularschreiben die höchsten Lobsprüche.

[79] Der Herausgeber Symphorien Champier berichtet von seiner flüchtigen Schreibweise: cum enim aliquid ille scripsisset, quod scripserat, respicere bis minime tolerabat, sed neque etiam semel legere atque percurrere.

[80] Als Verf. wurde ein anderer Arnoldus angenommen, wobei man sich namentlich darauf stützte, daß im Breviarium eine Reihe von Neapolitanismen vorkommen.

[81] Im Prooemium zum Breviarium heißt es: et omnia, quae expertus sum, et quaecunque per omnes magistros et viros et mulieres etiam simplices et empiricos vidi temporibus meis experiri ... clariter enarrabo.

[82] Abweichend oder sogar oppositionell gegen Galen tritt er wiederholt auf, z. B. an mehreren Stellen in der Schrift de intentionibus medicorum, in dem Kommentar zur Schr. de mala complexione. Im allgemeinen freilich bringt er Galen und noch mehr dem Hippokrates Ehrfurcht entgegen. Weit schärfere Worte als gegen den Pergamener findet Arnald gegen Avicenna, von dem er einigemal sagt, daß er Galen ganz mißverstanden habe, ja den er geradezu einen Schriftsteller nennt, welcher den größeren Teil der abendländischen Aerzte verdummt habe („qui in medicina majorem partem medicorum latinorum infatuat”. De consid. oper. medic. Pars II, cap. 1). Es ist bezeichnend für Arnalds medizinische Richtung, daß er den Kliniker Rhazes im Gegensatz zu Avicenna ganz besonders verehrt und ihn mit folgenden treffenden Worten charakterisiert: „vir in speculatione clarus, in opere promtus, in judicio providus, in experientia approbatus” (De divers. intentionib. medicinae prooemium).

[83] Er wirft seinen Zeitgenossen mit Recht vor, daß sie statt der Originalschriften sekundäre Machwerke (Summae) studieren: Praeterea non in scripturis student, in quibus ars traditur supradicta Galeni et Hippocratis, a quibus medicinam divina concessione veraciter et perfecte novimus esse relevatam: immo potius in chartapellis et summis, quae potissime magni voluminis sunt, sicut in historiis Gilaberti, fabulis Pontij et Galteri. (De consid. oper. medicinae, prooemium.) — Bei der unmittelbaren Berührung mit den in Spanien ansässigen Sarazenen ist es nicht verwunderlich, daß Arnald das Arabische beherrschte, daher die arabische medizinische Literatur nicht nur intensiver, wie seine Zeitgenossen, sondern mit einer, diesen fehlenden Kritik benützen konnte. Auf seine arabische Sprachkenntnis weist z. B. folgende Stelle im Commentum super libello de mala complexione diversa: nec est imputandum errori transferrentis, quia in omnibus libris Arabum, quos invenire potuimus, sic invenimus continere nec similiter imputandum est defectui vocabulo in illa lingua, quoniam ad notificandum dolorem secundo modo acceptum scimus in eo esse copiosos sermones. Fast in allen Traktaten Arnalds kommen arabische Ausdrücke, auch vulgär-arabische Worte vor. — Vom Griechischen scheint er dagegen keine oder höchstens eine ganz oberflächliche Kenntnis besessen zu haben.

[84] Wie sich aus vielen Stellen ergibt, besaß Arnald für die Anatomie viel Interesse.

[85] Die Grundlage seiner Physiologie und Pathologie ist die Qualitäten- und Säftelehre, jedoch räumt er den zwischen Körper und Geist vermittelnden Spiritus besondere Bedeutung für das Leben im gesunden und kranken Zustande ein.

[86] Diesem goldenen Spruch geht ein sicherlich unechter Abschnitt voran, der in 12 Regeln eine systematische Anweisung zum methodischen Betrug bei der Uroskopie bietet. Besonders häufig wurde die siebente dieser humoristisch anmutenden, kulturgeschichtlich jedenfalls interessanten Regeln zitiert und dem Arnald mit Unrecht in die Schuhe geschoben: Tu forte nihil scies, dic quod habet obstructionem in hepate; dicet, non Domine, immo dolet in capite vel in tibiis vel in aliis membris; tu debes dicere, quod hoc venit ab hepate vel a stomacho et specialiter utere hoc nomine obstructio, quia non intelligunt, quid significat et multum expedit, ut non intelligatur locutio ab eis.

[87] Parabolae, Doctr. II, aph. 8. 9. 11. 12. Prudens et pius medicus morbum expellere satagit ante cibis medicinalibus quam medicinis puris. — Cuicunque potest per alimenta restitui sanitas, fugiendus est penitus usus medicinarum. — Modestus et sapiens medicus nunquam properabit ad pharmaciam, nisi cogente necessitate, cum etiam debilia, quibus corpus non indiget, sint nociva. — In pueris et decrepitis verendum est pharmacare, juvenibus quoque suspectum est crebro sumere pharmaciam.

[88] De vinis. Vgl. über den Inhalt S. 392.

[89] Nach neueren Forschungen darf Arnald freilich die Entdeckung des Alkohols, der Terpentinessenz, der Salz- und anderer Säuren nicht zugeschrieben werden, dessenungeachtet bleibt die Einführung des Alkohols in die Medizin sein Verdienst.

[90] Damit steht es auch im Zusammenhang, daß er ängstlichen Patienten übel aussehende Arzneien im Dunkeln gibt (De aquis medicinalibus, cap. 3), für Rekonvaleszente eine Ortsveränderung empfiehlt (Parabol. medicat., Doctr. VII, aphor. 2), daß er auf die Ideen der Geisteskranken liebevoll eingeht (De parte operativa) u. s. w.

[91] Als Alchemist hat sich Arnald einen langdauernden Nachruhm erworben, fast alle späteren Anhänger der spagirischen Kunst erwähnen ihn als einen Meister; eine Menge von alchemistischen Schriften, darunter freilich nicht wenige fälschlich, gehen unter seinem Namen. Aus der Untersuchung derselben erhellt, daß er aus der älteren Literatur schöpfte und mit ehrlicher Ueberzeugung arbeitete, ohne es freilich an Renommistereien, wie sie sich ja in allen derartigen Schriften finden, fehlen zu lassen. Rührt doch von Arnald der Ausspruch her, daß er das Meer mit seinem Elixier in Gold verwandeln wollte, wenn es aus Quecksilber bestände. Noch mehr als bei der Mitwelt stand er bei der Nachwelt im Rufe eines Zauberers, dem der Teufel die Transmutation der Metalle ermöglicht hätte. Als Principia naturalia nahm er Merkur und Sulfur an, d. h. das Prinzip des Unzersetzbaren, des Metallglanzes u. s. w. und das Prinzip der Zersetzbarkeit, Veränderlichkeit. Der Unterschied der Metalle beruhe auf der größeren oder geringeren Beimengung des schwefligen Prinzips, die Möglichkeit der Transmutation auf dem gemeinsamen Ursprung der Metalle. Arnalds schwer analysierbares Verfahren bestand der Hauptsache nach in wiederholtem Destillieren bezw. Sublimieren von Quecksilber, Kupfer-, Gold- und Silberamalgamen mit Essig und Salzzusatz, Verreiben, Filtrieren, einigen Oxydationsprozessen über dem Feuer, Trennung von den Verunreinigungen. Sehr bemerkenswert sind die beliebten Vergleiche der alchemistischen Prozesse mit organischen Vorgängen, der Zeugung, Geburt, dem Wachstum etc.; die Bestandteile des Steins der Weisen entsprechen dem Leib, dem Spiritus, der Seele. — Seit dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts war die Beschäftigung mit der Alchemie im Abendlande, besonders auch in Klöstern, weit verbreitet.

[92] In den Traktaten de coitu, de conceptione und de sterilitate.

[93] De parte operativa. Der Traktat Remedia contra maleficia, welcher allerlei Mittel gegen Zauber enthält, ist aber apokryph.

[94] Insbesondere unter astrologischen Einflüssen angefertigte Siegel (z. B. das Löwensiegel, vgl. S. 389 Anm. 1). Der Traktat de sigillis handelt eigens über die Herstellungsweise solcher Amulette.

[95] Die Aqua auri, erzeugt durch eine glühende, in Wein abgelöschte Goldplatte preist er als Panazee gegen Aussatz. Während aber im Rosarius philosophorum das durch alchemistische Künste bereitete Gold als Universalmittel gepriesen und demselben sogar der Vorrang gegenüber dem natürlichen Gold zugesprochen wird, heißt es in der Schrift de vinis: „Ideo falluntur in hoc alchimistae. Nam etsi substantiam et colorem auri faciunt, non tamen virtutes praedictas in illud infundunt” — womit eigentlich über die Alchemie überhaupt der Stab gebrochen wird.

[96] Die Schriften Arnalds sind größtenteils von der Astrologie durchsetzt, speziell handelt aber der Traktat Capitula astrologiae darüber; darin wird eingehend die Wichtigkeit der Astrologie für die Stellung der Prognose (kritische Tage), für die Arzneibereitung, für die Darreichung gewisser Mittel (z. B. der Laxantien), für die Ausführung des Aderlasses etc. erörtert. Arnald beruft sich auf Hippokrates und Galen und meint, wenn jemand weiter gehe als diese, so überschreite er die Grenzen der Medizin (Speculum introductionum medicinalium, cap. 97). Daß Arnald anderseits die Unverläßlichkeit der Astrologie erkannte und die Beobachtung am Krankenbette höher stellte, geht aus einer merkwürdigen Stelle hervor, wo er sagt, der Arzt, welcher die Astrologie vernachlässigt, fällt nicht in untrügliche Irrtümer (De judiciis astronomiae, cap. 10). — Bei Beurteilung dieses Sachverhalts muß man in Erwägung ziehen, daß man damals selbst von theologischer Seite die Vernachlässigung gewisser Konstellationen in der ärztlichen Praxis als sündhaft bezeichnete, so sehr man vom Gesichtspunkte des freien Willens die absolute Einwirkungskraft der Gestirne bestritt.

[97] Expositiones visionum. Soweit die Medizin in Betracht kommt, schließt er übrigens, was nicht zu verdammen ist, auf einen natürlichen Zusammenhang der Träume mit körperlichen Zuständen (z. B. Plethora-Alpdrücken).

[98] Breviar. II, cap. 51. Ein Geistlicher führte die Wunderkur aus durch ein Paternoster mit verändertem Schlußsatz. Gegen Halskrankheiten findet sich der Blasiussegen empfohlen.

[99] Auf astralen Einflüssen beruhe z. B. die Kraft gewisser Amulette, die aus Pflanzen, Tierteilen oder Mineralien gewonnen werden. Zauber sei besonders wirksam, wenn neben dem Instrumentarium die Person des Zauberers selbst vermöge des Sternbilds seiner Geburt eine entsprechende Kraft in sich trägt. Diese Kraft könne später noch durch Einflüsse der Himmelskörper verstärkt oder umgekehrt auch durch hemmende Konstellation vermindert und aufgehoben werden. Die geheimnisvollen Kräfte wirken durch Spiritus und Vapores, welche von den Personen ausgehen. Infolgedessen könne in Krankheiten ganz unbeabsichtigt ein Arzt oder ein Pfleger durch seine bloße Anwesenheit nachteiligen Einfluß ausüben, wenn er eben die geheime Kraft zur „Infektion” und Korruption des Spiritus in sich trägt, und diese Kraft noch durch eine ungünstige Konstellation verstärkt wird. (De parte operativa.)

[100] In diesem Abschnitt (Part. III, cap. 5) wird von den Brillen gesprochen. Es heißt dort nämlich von einem Augenwasser: et est tantae virtutis quod decrepitum faceret legere literas minutas sine ocularibus.

[101] Es kommen Fragen vor wie z. B.: ob das Feuer warm oder kalt ist, ob die spezifische Form eine Substanz oder ein Accidens ist, ob ein goldenes Kauterium besser als ein silbernes Kauterium wirkt u. s. w.

[102] So wird z. B. die Frage, ob die Nerven vom Gehirn oder vom Herzen entspringen, mit den Kunstgriffen der Dialektik zu beantworten gesucht. Die Frage, ob Gerstenptisane Fiebernden verabreicht werden darf, wird nach allerlei Subtilitäten in negativem Sinne entschieden, weil Gerstenwasser eine Substanz, Fieber dagegen ein Accidens sei.

[103] Pietro d'Abano sprach der Luft Schwere zu, erklärte den Regenbogen aus der Brechung der Strahlen, lehrte, daß die Aequinoktiallinie bewohnbar sei, berechnete annähernd richtig das Sonnenjahr und die Eintrittszeit der Sonne in die Hauptzeichen des Tierkreises. Was die Physiologie anlangt, verteidigte er z. B. die Ansicht, daß die Venen vom Herzen (nicht von der Leber) entspringen, daß die Respiration wenigstens quoad modum ein willkürlicher Akt sei u. s. w.

[104] Der Conciliator gehört zu den am frühesten gedruckten Werken.

[105] In Frankreich allein gab es im Anfang des 13. Jahrhunderts 2000, in den christlichen Ländern zusammen 19000 Leproserien (Sondersiechenhäuser, St. Georgsspitäler, Mesalleries).