Verpflanzung griechischer Medizin nach dem Orient durch syrische Vermittlung.
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Syrien mit seiner buntgemischten, leichtbeweglichen, wegen mangelnder Eigenkultur zur Assimilation stark hinneigenden Bevölkerung war unter der Herrschaft der Seleukiden akut und intensiv hellenisiert worden und galt in römischen Zeiten als eine der am meisten kultivierten Provinzen; es besaß in seinen reichen Städten blühende Bildungsanstalten (namentlich in Antiochia und Berytos) und gab Männern den Ursprung, welche auf den verschiedensten Wissensgebieten Ruhm erlangten[1]. Die hellenischen Einflüsse erstreckten sich über die wechselnden Grenzen hinaus und kreuzten sich bisweilen wundersam mit semitischem Geiste, wie dies namentlich die merkwürdige Kultur Palmyras oder der mesopotamischen Stadt Harran[2] beweist.
Die Kirche, welche seit dem Ende des 2. Jahrhunderts in Syrien festen Fuß gefaßt hatte, beförderte auf den Wegen ihrer Missionstätigkeit noch mehr die Expansion der griechischen Bildung nach dem Osten[3], indem sie in Mesopotamien Schulen errichtete — die bedeutendsten waren in Nisibis und Edessa — in welchen neben der Theologie auch dem Studium der profanen Wissenschaften (Grammatik, Rhetorik, Poetik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie, Medizin u.a.), teils zu den Zwecken der Exegese, teils um Vertreter verschiedener praktischer Berufe (darunter insbesondere Aerzte) heranzubilden, gebührende Sorgfalt zugewendet wurde. Von größter Tragweite aber war es, daß sich in den christlichen Lehranstalten — ausgehend von der Uebertragung der Bibel und der Kirchenväter — eine reiche, vielseitige Uebersetzertätigkeit entfaltete, welche seit dem 5. Jahrhundert eine wachsende Zahl von moraltheologischen, philosophischen (z. B. Schriften des Aristoteles in neuplatonischer Ueberarbeitung), mathematischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Schriften der Griechen den Einheimischen im Gewande der syrischen Sprache zugänglich machte[4]. Im Wetteifer der Lehr- und Uebersetzertätigkeit zeichneten sich die heterodoxen Sekten der Jakobiten (Schulen von Kinnesrin und Rasain) und Nestorianer (Edessa) am meisten aus. Der hervorragendste, namentlich für die Medizin in Betracht kommende, Uebersetzer war Sergios von Rasain (Presbyter und Arzt in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts), welcher Werke des Hippokrates und Galenos ins Syrische übertrug.
Religiöser Fanatismus vertrieb die nestorianischen Gelehrten im Jahre 432 vorübergehend, 489 aber dauernd, aus ihrem Hauptsitz Edessa und zwang sie zur Flucht über die Grenzen des Byzantinerreiches nach Persien, wo sie sich unter dem Schutz der toleranten Sassaniden als Forscher und Lehrer frei betätigen konnten. Ihrem ersprießlichen Wirken dankte die alte Schule von Nisibis neuen Aufschwung, und bald entstanden auch andere Lehranstalten, unter denen die Akademie von Dschondisabur höchsten Ruf gewann. Daselbst wurden außer den theologischen auch philosophisch-naturwissenschaftliche Studien betrieben und Uebersetzungen griechischer Werke ins Syrische und Persische veranstaltet.
Griechische Kultureinflüsse machten sich in Persien[5] zwar schon zur Zeit der Partherherrschaft geltend, ganz besonders aber waren es die Sassaniden (seit 224 n. Chr.), welche trotz ihres strammen Nationalsinnes die Verpflanzung hellenischer Kunst und Bildung förderten. Wahrscheinlich kamen auch griechische Aerzte ins Land; eine eigentliche medizinische Lehranstalt scheint jedoch erst am Ende des 5. Jahrhunderts von den Nestorianern in Dschondisabur, im Anschluß an ihre kirchliche Schule, begründet worden zu sein. Unter der Regierung des weisen Chosrau Nuschirwan (532-579), welcher der Förderung medizinischer und philosophischer Studien ganz besonderes Interesse zuwendete[6], blühte die medizinische Schule von Dschondisabur empor und wurde späterhin sogar für Jahrhunderte die bedeutendste Hochschule des Orients; sie bildete den Kreuzungspunkt griechischer und indischer Heilkunst[7]. Die Verbindung der Anstalt mit dem Hospital erwies sich sehr vorteilhaft für die praktische Ausbildung der Zöglinge.
Als Persien unter die Herrschaft des Islam kam, verblieben die Nestorianer trotzdem im Besitze der Schule von Dschondisabur. Welch emsiges Streben dort geherrscht haben muß, beweist die rasche Entwicklung der arabischen Medizin, welche gerade dieser Schule so vieles verdankte.
[1] Unter ihnen waren viele Aerzte.
[2] Bei den Harraniern (Sabiern) verknüpften sich die Reste altbabylonischer Weltanschauung mit neuplatonischen Vorstellungen.
[3] Vorher hatten auch die jüdischen Schulen von Tiberias, Sepphoris und Nisibis die Verbreitung einer mit griechischen Elementen durchsetzten Kultur nach dem Osten begünstigt.
[4] Als älteste Uebersetzer werden Ihiba, Pruba (Probas), Kumi (Mitte des 5. Jahrhunderts) genannt, Lehrer von Edessa.
[5] Auch in Persien haben jüdische Gelehrte (Schulen von Sura, Pumbeditha, Nehardea) nicht wenig den späteren Missionären der westlichen Bildung vorgearbeitet.
[6] Zu Chosrau Nuschirwan flüchteten die sieben Philosophen, welche Justinian von ihren Lehrstühlen in Athen vertrieb. Als Beweis seiner Aerztefreundlichkeit wird folgendes erzählt: Einer der berühmtesten Praktiker seiner Zeit, Tribunos aus Palästina, hatte den König einst mit Erfolg behandelt und war reichlich beschenkt wieder entlassen worden. Als Chosrau aufs neue nach dem Arzt Verlangen trug, war er gerade mit Justinian in Krieg verwickelt. Er schloß mit dem Kaiser einen Waffenstillstand unter der Bedingung, daß Tribunos ein ganzes Jahr bei ihm bleiben solle. Nach Jahresfrist bat Tribunos zum Lohne für seine Leistungen um die Freilassung einer Anzahl vornehmer griechischer Kriegsgefangener, und der König gewährte nicht allein diese Bitte, sondern setzte noch außerdem 3000 andere Gefangene in Freiheit.
[7] Chosrau schickte seinen Leibarzt Burzweih (Barsudje) nach Indien, um von dort Arzneien zu holen und medizinische Werke zu studieren. (Burzweih brachte außerdem das Schachspiel und die Fabeln der Bidpai mit.) — Es scheint, daß neben den Nestorianern zeitweilig auch Inder an der Akademie von Dschondisabur als Lehrer tätig gewesen sind.