IV. Die Marschall-Inseln.
Sowie im Bereich der deutschen Handelsgesellschaft die ausgedehnte Tonga-Gruppe, früher auch die Vitji-Inseln, gezogen wurden, sind nördlich und westlich von Samoa in der Phoenix, Ellis, Gilbert-Gruppe, auf Una und Rotomah Handelsbeziehungen eröffnet worden und die Schiffe der Gesellschaft hielten auf diesem weiten Gebiet den Verkehr aufrecht. Verbindungen mit den Neu-Hebriden und Salomon-Inseln wurden ferner zu dem Zwecke unterhalten, um dort die Anwerbungen der so sehr benöthigten Plantagenarbeiter vorzunehmen, da der träge Samoaner sich zur dauernden Arbeit nicht bereit finden läßt. Ein Gemisch verschiedener Stämme, zu denen Rotumah- und Tapituwea-Leute (Gilbert-Inseln), sowie auch Marschall-Insulaner sich gesellen, findet man auf den deutschen Plantagen, und doch genügt oft die Arbeitskraft nicht, da nicht immer für heimbeförderte Arbeiter, nach Ablauf ihres dreijährigen Vertrages hinreichender Ersatz geschafft werden kann.
Die Marschall-Inseln und, im Zusammenhang mit diesen, die weite Karolinen-Gruppe und die Gilbert-Inseln bildeten in den achtziger Jahren getrennte Niederlagen für sich, gleichwie ein solches auch in Matupi (Neu-Pommern) errichtet war, unter Leitung von Beamten der deutschen Gesellschaft. Den Handelsverkehr hielten auf diesen Stationen, ebenso wie in Apia, die daselbst stationirten Schiffe aufrecht. Ablösungen der Schiffe erfolgten je nach Maßgabe der Verhältnisse, oder sobald sie reparaturbedürftig geworden waren, dem nur in Apia, der Hauptstation, abgeholfen werden konnte.
Aus dem Grunde schon, um meine Kenntniß über die Inselwelt des stillen Ozeans zu bereichern, begrüßte ich freudig die Weisung, mit einem anderen Schiffe auf den Marschall-Inseln stationirt zu werden, und im Anfang Januar 1886 segelte ich von Apia nach Jaluit, um erst nach Verlauf von zwei Jahren nach Samoa zurückzukehren.
Ziemlich nordwärts durch die Phönix-Gruppe ging mein Kurs, dem zu Folge die Marschall-Inseln weit westlich bleiben mußten, wenn keine oder nur schwache Aequatorialströmung vorhanden gewesen wäre; auch war es nöthig, wegen des nördlich vom Aequator zu erwartenden Nordost-Passatwindes, möglichst östlich von der Gilbert-Gruppe zu bleiben, um, sobald dieser einsetzen würde, mit freiem Winde die Fahrt des Schiffes zu beschleunigen; denn wenn diese Inseln in Lee blieben, wäre es zwecklos gewesen, gegen den starken Strom und Wind nordwärts zu kreuzen.
Wider Erwarten fand ich schon nördlich der Phönix-Gruppe einen starken Strom, der in 24 Stunden das Schiff 70-80 Seemeilen nach Westen versetzte, dessen Gürtel so schnell als möglich passirt werden mußte, wollte ich nicht in absehbarer Zeit gezwungen werden, mir durch die Gilbert-Gruppe hindurch einen Weg zu suchen. Zum Glück aber trat keine Windstille ein, der östliche Wind blieb beständig, wenn auch leicht, bis ich aus dem stärksten Strom heraus mit immer nördlichem Kurs die Insel Milli sichtete; ich hatte also in Wirklichkeit durch die Stromversetzung einen nordwestlichen Kurs gesegelt. Gerade drei Wochen waren vergangen, als ich den Bestimmungsort Jaluit erreichte, und begünstigt von anhaltend schönem Wetter die 1800 Seemeilen lange Entfernung in dieser Zeit zurückgelegt hatte.
Zum allgemeinen bessern Verständniß und, ehe ich zu einzelnen bemerkenswerthen Reisen durch die Marschall-Gruppe übergehe, scheint es mir angebrachter, vorher schon eine kurz gefaßte Uebersicht von diesen Inseln und deren Bevölkerung zu geben, um so mehr als besondere Eigenthümlichkeiten in der Bildung und Entstehung dieser Inseln zu erwähnen sind. Eine Gruppe verschieden geformter Atolls, oft von beträchtlicher Ausdehnung, umfassen, vom 4-12° nördlicher Breite und 166-172° östlicher Länge, die Marschall-Inseln ein weites Gebiet. Ihrer Bauart nach, sind es Randriffe der verschiedensten Bildung, die ein mehr oder weniger tiefes Korallenbett umschließen. Und wenn ich auf ihre Entstehung hinweisen soll, so haben wir die viel tausendjährige Arbeit der Korallenpolypen vor uns, die aus großer Tiefe Schicht auf Schicht bis zur Meeresfläche aufgebaut haben, und schwere See, Wind und Witterungseinfluß haben mit der Zeit zwar schmale, aber langgestreckte Inseln in beträchtlicher Zahl auf den Randriffen gebildet.
Die eigentliche Bezeichnung dieser Randriffe wäre Korallenwälle, da diese sehr steil bis zu einer großen Tiefe abfallen, und jeder Atoll erscheint wie ein langgestreckter, steiler Bergrücken, in einzelnen Fällen auch wie eine Bergkuppe, sofern man sich die thatsächliche Bildung des Meeresbodens vergegenwärtigt. Da nun die Koralle nicht tiefer als etwa 200 Fuß zu bauen beginnt, müssen in der That diese Erhebungen gleich Bergkuppen aus der Tiefe des Meeres aufragen, worauf als Grundlage die Polypen ihre Werke aufgebaut haben. Aber erwiesen ist es, daß die Korallenwälle viel hundert Fuß tief sich unter der Meeresfläche erstrecken, mithin kann der schichtweise Aufbau aus so bedeutender Tiefe nicht begonnen worden sein.
Es bleibt also nur die Annahme übrig, fast die Gewißheit, daß auch hier versunkene Höhen, besser gesagt Gebirgskuppen, das Fundament abgegeben haben, auf welchem die Koralle sich ansiedelte. Hätte nun nach erfolgtem Verschwinden der höchsten Bergspitzen ein Tiefersinken der Landmassen nicht stattgefunden, würden feste Riffflächen entstanden sein, auf denen sich im Laufe der Zeiten niedrige Inseln gebildet hätten, eine Bildung der heutigen Atolle würde naturgemäß dann nicht möglich gewesen sein. Einen anderen Anschein hingegen gewinnt es, sofern man der Vermuthung Folge giebt, daß, worauf ich schon hingewiesen, die ganze ausgedehnte Inselwelt des stillen Ozeans einst aus verschiedenen mächtigen Gebirgszügen, mit sehr zahlreichen thätigen Vulkanen bestanden hat, deren Kratersenkungen oft einen sehr bedeutenden Umfang gehabt haben müssen.
Wird dieses als erwiesen betrachtet, dann sind sämmtliche Atolls einst für lange Zeit noch über die Meeresfläche ragende Krater gewesen, Inseln, an deren Rändern die Koralle fortgebaut hat. Je tiefer die Kraterinseln langsam versanken und ein gänzliches Erlöschen der Vulkane die Folge war, ebenso schnell baute die Koralle fort und füllte schließlich die weiten Oeffnungen aus. Die Randriffe schon weit im Vorsprung konnten diese durch die bessere Ernährung der Polypen auch schneller anwachsen, aber der innere Aufbau und die allmähliche Auffüllung blieb zurück, was natürlich war, sobald das allmähliche Sinken der Landmassen aufgehört hatte, denn jetzt gestatteten die zusammenhängenden Randriffe den bauenden Polypen nicht mehr oder doch zum Theil nur, durch die von der Strömung offen gehaltenen Durchfahrten, die Zufuhr frischen Meerwassers und mit diesem frische Nahrung.
Die eine Gewißheit aber liegt bestimmt vor, ehe die heutige Beschaffenheit der Atolle herbeigeführt worden ist, sind große Zeiträume hingegangen, die alle Spuren der Entstehung verwischt haben.
Geht man von der Annahme aus, daß auffallende Veränderungen nicht mehr stattfinden, vor allem ein weiteres Sinken seit vielen Jahrhunderten unterblieben ist, dann müssen, da kein Stillstand im Schaffen der Natur eintreten kann, der einst sämmtliche Atolls durch die theils an der Innenseite, theils an den Außenriffen weiter bauenden Korallen geschlossen werden, wie es bei zwei kleineren Atolls in der Marschall-Gruppe bereits geschehen ist. Es werden, wenn dadurch auch der innere Aufbau der Korallen zum Stillstand gekommen ist, mehr oder weniger tiefe Wasserbecken zurückbleiben, die naturgemäß versumpfen müssen, sobald der vordringende Pflanzenwuchs festen Fuß faßt. Es ist erwiesen, daß starke Strömungen, wie solche durch den gleichmäßigen Wechsel von Ebbe und Fluth hervorgerufen werden, der Koralle am Weiterbau hinderlich sind, wenigstens nur langsame Fortschritte gestatten, dagegen findet man bei solchen Atolls, wo nur noch durch enge Zufahrten ein Zugang möglich, daß die Koralle diese von innen zu verbauen sucht. Begünstigt durch die immerwährend frische Zufuhr an reichhaltigen Nährstoffen, führen die Polypen in der Nähe der Durchfahrten allmählich kleinere Bänke auf, und bauen so weiter, bis jede Oeffnung im Randriff schließlich verschlossen wird, was bei den südlich liegenden Atolls zunächst zu erwarten ist.
Die Marschall-Gruppe bildet zwei nahezu parallel laufende Ketten von Insel-Atolls in Nord-Nord-West- und Süd-Süd-Ost-Richtung, die östliche die Ratock-, die westliche die Ralik-Gruppe; die Bezeichnung beider Ketten ist der Sprache der Marschall-Insulaner entlehnt. Die Ralik-Kette zählt 15, die Ratock- 14 Korallengruppen, unter denen sich einige kleinere Inseln befinden, die keine Atolle sind.
Soweit die geschichtliche Kunde reicht, soll bereits im Jahre 1529 der spanische Kommandant Alvaro de Saavedra einige Atolls gesehen und besucht haben; nähere Nachrichten liegen aber erst seit 1788 vor und zwar von den englischen Befehlshabern Marschall und Gilbert, nach denen auch die beiden großen Inselgruppen benannt worden sind. Trotzdem nun in den folgenden Jahrzehnten der stille Ozean mehr und mehr von Kriegs- und Kauffahrteischiffen befahren und erforscht wurde, sind doch nur spärliche Nachrichten von jener fernen Inselwelt zu uns gekommen; bisweilen meldeten sie auch von dort verschollenen oder ermordeten Schiffsbesatzungen.
So befand sich im Jahre 1824 der amerikanische Walfischfänger „Globe“ in der Nähe der Insel Milli, wo der größte Theil der Besatzung dieses Schiffes meuterte und landete. Es gelang zwar einigen von der zahlreichen Mannschaft, die gezwungen den Meuterern hatten folgen müssen, ihr Schiff wieder zu erreichen und die offene See zu gewinnen, auch waren diese, obschon es ihnen an Offizieren fehlte im Stande die Sandwich-Inseln zu erreichen; auf ihren Bericht hin wurde dann im folgenden Jahre der Schooner „Delphin“ ausgesandt, um wenn möglich die Meuterer zu ergreifen. Aber nur zwei ganz junge Leute, die keinen Antheil an der Meuterei gehabt, wurden noch lebend vorgefunden, alle übrigen waren von den Eingebornen erschlagen worden, weil diese die ihnen überlassenen Frauen roh behandelt hatten, sie verfielen der Rache der Eingebornen und ernteten so den Lohn ihrer Thaten.
1834 landete Kapitän Dowsett auf den Marschall-Inseln. Dieser unterhielt freundlichen Verkehr mit den Eingebornen und nichts befürchtend, landete er eines Tages, und ging allein in ein Dorf, nicht ahnend, daß inzwischen seine Mannschaft am Strande ermordet worden war. Die an Bord zurückgebliebenen, die den Vorgang mit ansahen, waren der Meinung, ihr Führer sei auch erschlagen worden. Sie lichteten sofort die Anker und entflohen. Als das Schiff nach Honolulu zurückgekehrt war, wurde sogleich die „Waverley“ ausgerüstet, um nach Kapitän Dowsett oder dessen Schicksal zu forschen. Es wurde aber nichts weiter gefunden, als einige dem verschollenen Kapitän gehörende Sachen, und sein, in die Rinde verschiedener Bäume eingeschnittener Name. Die Eingebornen, mit denen wohl schwer eine Verständigung erzielt werden konnte, erzählten, der Kapitän sei mit seinem Boote in See gegangen; jedoch der Führer des „Waverley“ glaubte ihnen nicht und ließ eine ganze Anzahl niederschießen. Darauf segelte das Schiff weiter nach Ponape, der größten Insel der Karolinengruppe, und lief auch die östlichste dieser Inseln, „Kusai“ an, hier aber ereilte alle das Schicksal, das Schiff wurde von den Eingebornen genommen und die ganze Besatzung getödtet. Späteren Nachrichten zu Folge hat Kapitän Dowsett noch im Jahre 1843 auf einer Insel in der Ralikkette, die er mit seinem Boote erreichte, gelebt, wahrscheinlich aber hat er von hier die Karolinen erreicht und ist auf einer dieser Inseln getödtet worden.
Ich könnte noch mehrere solcher Fälle anführen, wo an verschiedenen Inseln Schiffe genommen, oder der Versuch dazu gemacht wurde, selbst schiffbrüchige Seeleute wurden nicht verschont; noch im Jahre 1852 wurde vor der Insel Ebon ein Schiff erobert, dessen Besatzung der Rache der Eingebornen verfiel, weil Jahre vorher dort von Weißen ein großer Häuptling getödtet worden war.
Selbst auf Jaluit, der heutigen Hauptinsel, wurde, wie ich aus sicherster Quelle erfahren, wenige Jahre später ein amerikanisches Handelsschiff die „See-Nymphe“ genommen. Es ankerte in der Lagune unter der Insel „Medjado“, und, hier mit den Bewohnern Tauschhandel treibend, ließ sich der Führer hinreißen, einen Häuptling thätlich zu beleidigen. Die Folge war, daß dieser mit seinen Verwandten und seinem Anhang einen Ueberfall plante, der, sobald die Mannschaft des Schiffes wieder landete, ins Werk gesetzt wurde. Es heißt, der damals noch junge Kabua, der jetzige König in der Ralik-Kette, habe selbst den nichtsahnenden Schiffsführer auf seinen Schultern über das Riff getragen, andere Eingeborne trugen auf gleiche Weise die Besatzung zum Lande. Weit genug vom Schiffe entfernt, wehrlos in die Gewalt der Eingebornen gegeben, wurden die Ahnungslosen auf ein gegebenes Zeichen hinterrücks niedergeschlagen. Das Schiff wurde darauf ausgeraubt und es entging keiner dem Tode.
Die Ursache dieser Metzeleien, der so viele Unschuldige zum Opfer gefallen sind, ist in der Roheit zu suchen, welche die Führer amerikanischer Walfischfänger, die in diesem Gebiete reiche Beute erjagten, an Eingebornen verübt haben. Sie litten es, daß oft mit Gewalt den Eingebornen die Weiber entrissen wurden, auch verhängten sie ungerechte Strafen. Mehr aber noch haben die zügellosen Mannschaften solcher Schiffe, deren brutales Auftreten die Führer nicht zu hindern vermochten, verschuldet, und bitteren Haß gegen den weißen Mann in die Herzen der Inselbewohner gesät.
Schlimmer noch, sie hinterließen scheußliche Krankheiten, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbten, tausende hinwegrafften und ein gesundes Volk zur Verzweiflung brachten. Erst nachdem die Meerbewohner vernichtet, die Walfischjagden nicht mehr lohnend genug geworden waren, wurden die Marschall-Insulaner seltener belästigt. Als dann die Missionare kamen, (zuerst 1857 auf der Insel Ebon) predigten diese das Evangelium und fanden willige Hörer bei denen, die so oft ihre Hände in das Blut des weißen Mannes getaucht hatten; eifrig befolgten die Eingebornen die göttliche Lehre und vergaßen ihre Rachsucht.
Heute, unter deutschen Schutz gestellt, mögen diese Insulaner, die so manche gute Eigenschaft besitzen, aufathmen, und sich in Sicherheit, ihres Daseins freuen; aber leider ward mit der Zivilisation auch der Todeskeim ausgestreut, langsam, aber sicher geht diese Menschenrasse dem endlichen Verfall entgegen.
Sowie geographisch der Marschall-Archipel in zwei Gruppen getheilt wird, so kann dies auch in Bezug auf Bevölkerung und politische Verhältnisse geschehen, denn sowohl die Ralik- als auch die Ratak-Kette ist in dieser Beziehung jede für sich als ein getrenntes Ganzes zu betrachten. Schon die Sprache beider Gruppen ist verschieden, nicht in ihrem Bau, vielmehr im Dialekt, und gleiche Unterschiede zeigen sich in den politischen Verhältnissen der Bewohner. Während auf der Ratak-Kette fast jeder Atoll von einem, oder mehreren Häuptlingen beherrscht wird, die oft in gegenseitiger Fehde leben und sich der Herrschaft zu bemächtigen trachten, selbst zur Eroberung anderer Gruppen (Atolls) lang vorbereitete Kriegszüge unternehmen, liegt die ganze Macht auf der Ralik-Kette in den Händen eines Königs, jenes schon erwähnten Kabua, besser gesagt, in den Händen seiner Familie.
Die Macht richtet sich hier nach Besitz und Anhang, und obgleich Kabua nicht der reichste der Häuptlinge, ist er doch als der älteste als König anerkannt worden, zumal da die Besitzungen seiner Stiefsöhne und deren Einfluß sein Ansehn erhöhte. Sein Stiefsohn Nelu (Lojab), dessen Bruder Lagajime, Litokua und neben diesen Launa sind die einflußreichsten Häuptlinge auf der Ralik-Kette; namentlich Nelu, seine Brüder und seinen Anhang habe ich häufig an Bord gehabt und mit diesen Reisen von Atoll zu Atoll gemacht.
Bei den meisten ungebildeten, sogenannten wilden Völkern findet man, daß das Weib nicht als gleichberechtigt angesehen wird, vielmehr die Sklavin des Mannes ist, auf deren Schulter alle Lasten und Mühen abgewälzt werden. Doch die Polynesier zeichnen sich darin aus, daß sie das Weib höher stellen, mehr noch ist dieses bei den Mikronesiern der Fall; vor allem bei den Marschall-Insulanern, bei welchen es volle Gleichberechtigung hat, d. h. keine Beschränkung im Handeln, in Haus und Hütte, und soweit des Weibes Einfluß reicht, der, da Rang und Würde nur vom weiblichen Geschlechte abgeleitet wird, häufig groß ist.
Die Bevölkerung ist zum großen Theil besitzlos, aller Landbesitz liegt in den Händen der Häuptlinge, deshalb ist es den Bewohnern nur gestattet, eine Frau zu haben, wo hingegen die Häuptlinge mehrere haben dürfen, doch bleibt die erste Frau, sofern sie Kinder hat, die rechtmäßige; sie ist bei den Vornehmen gewöhnlich die Tochter eines Besitzenden. Steht die Frau im Range höher als der Mann, so erhält dieser auch eine höhere Würde, nur über das Eigenthum der Frau hat er kein Verfügungsrecht, das verbleibt als mütterliches Erbtheil den Kindern. Die Tochter eines Häuptlings kann einen gewöhnlichen Mann heirathen, durch diese Verbindung wird derselbe ebenfalls in den Häuptlingsrang erhoben, auch auf die Kinder geht diese Würde über. Dem Häuptlinge steht es frei, sich die Frau eines seiner Untergebenen anzueignen, nie aber kann ein Besitzloser sich wiederum eine Häuptlingsfrau (also Wittwe) zum Weibe nehmen.
Etwas auffallend will es mir scheinen, daß nach meiner eigenen Wahrnehmung selbst im Innern Afrikas, bei den Völkern am Nyassa-See und oberen Schire, die ganz gleiche Einrichtung der weiblichen Erbfolge besteht, nur daß dort nicht direkt der Sohn als Nachfolger bestimmt wird, sondern der Neffe, und trotz des dem Weibe zugestandenen Vorrechtes, dieses doch nur sehr gering geachtet und mehr als Sklavin betrachtet wird.
Die Ehe bei den Marschall-Insulanern ist nur ein lockeres Band, leicht geschlossen und leicht gelöst. Der Eingeborne nimmt sich das Mädchen zur Frau, die ihm gefällt, sofern die Eltern desselben damit einverstanden sind, gefällt sie ihm aber nicht mehr, so schickt er sie einfach fort und sucht sich eine andere. Zwar hat wie in anderen Gewohnheiten auch hierin der Einfluß der Missionare Wandel geschaffen, namentlich auf den südlicheren Atolls, wo das Christenthum große Verbreitung gefunden hat, doch hat auf Gesittung die neue Lehre wenig Einfluß gehabt; Keuschheit ist keine Tugend der Insulaner, schon sehr jung verkehren, ohne daran gehindert zu werden, die Geschlechter mit einander und üble Folgen bleiben nicht aus, ebenso ist selbst die nächste Verwandtschaft kein Hinderungsgrund für solchen Umgang.
Als Beweis recht lockerer Sitten gilt der Umstand, daß es keiner Frau verargt wird, wenn sie sich einen anderen Verkehr sucht, sobald der Mann auf längere Zeit abwesend ist oder sich auf Reisen befindet; indeß schwinden solche Gewohnheiten immer mehr und mehr, häufiger trifft man sie nur noch auf den nördlicheren Atolls an. Von Erziehung kann eigentlich keine Rede sein, den Kindern wird in jeder Hinsicht volle Freiheit gelassen, Arbeit lernen die Kinder nicht kennen, das einzige was ihnen vielleicht von Seiten der Eltern beigebracht wird, ist die Einübung der Tänze und Gesänge. Auffallend ist auch die große Sterblichkeit unter den Kindern, wohl eine Folge zu geringer Aufsicht und schon früh entwickelter Krankheitskeime; die stetige Abnahme der Bevölkerung ist darauf zurückzuführen.
Der Körperbau der Männer überschreitet selten das Mittelmaß; die Weiber sind durchweg von kleinerem Wuchse. Diese verlieren auch schnell ihre Reize, schon im Alter von zwanzig Jahren ist alle Schönheit vergangen, wenn überhaupt von solcher die Rede sein kann, obgleich im jugendlichen Alter vielen der Reiz der Anmuth eigen ist, aber im Alter werden sie recht häßlich.
Daß auf den nördlichen Atolls sich ein kräftiger Menschenschlag erhalten hat, liegt wohl daran, daß dieser mit einer etwas rauheren Natur zu kämpfen, auch weniger durch die von Weißen eingeführten Krankheiten zu leiden gehabt hat. Auch zeichnen sich hier die Könige und Häuptlinge meistens von ihren Untergebenen durch eine stattlichere Gestalt aus, weil sie bemüht sind, möglichst reines Blut in ihrem Kreise zu erhalten, wovon freilich der bereits erwähnte große Häuptling Nelu eine Ausnahme macht, denn fast klein und schwächlich gebaut, hat er durchaus nichts Achtunggebietendes an sich.
Um Sitten und Gewohnheiten dieser Insulaner zu erforschen, muß man sich zu solchen Inseln und Atolls wenden, wo noch nicht der Einfluß der Zivilisation bemerkbar geworden ist, was besonders in Bezug auf Trachten der Fall. So tragen auch heute noch sowohl Männer als Frauen langes Haar, das stark und schwarz, von jenen am Hinterkopfe in einem Büschel oder Knoten zusammengebunden wird, die Frauen tragen es dagegen lose. Als besonderen Schmuck bei feierlichen Gelegenheiten, Tänzen und auch Kriegszügen, bedienen sich die Männer der Hühnerfedern; die tätowirten Gestalten mit aufrechtstehenden Federn in den Haaren, und oft unnatürlich erweiterten Ohrlappen geben sich dadurch ein wildes, Furcht erweckendes Aussehen.
Die Tätowirung ist allgemein und wurde früher mit Festlichkeiten verbunden, heute, wer die Kosten erschwingen kann, läßt solche ohne weiteres vornehmen, und entspricht eine solche dem Stande, welchem der Mann angehört. Dieses schmerzhafte Verfahren — ich habe oft, wenn hunderte Nadelstiche in die Haut getrieben wurden, die Nerven der Eingebornen bewundert — wird nach und nach auf dem ganzen Körper vorgenommen, sodaß die eigentlich helle Kupferfarbe der Haut unter den blauen Streifen verschwindet, sogar die Ohren, Augenlider, selbst die Finger werden tätowirt. Die Zeichnung ist immer streifenförmig, die Striche sind auf einem bestimmten Körpertheil stets gleichmäßig, entweder wagrecht oder senkrecht; auf Brust und Rücken laufen die Streifen meistens unter einem Winkel zusammen.
Wie bei den Samoanern, so benutzt man auch hier ein Instrument, das aus vielen Nadeln zusammengesetzt ist und die Breite der Streifen hat. Die Häuptlinge sind auch im Gesicht tätowirt und haben auf den Schultern undeutliche verschwommene Zeichnungen. Die Frauen sind weniger gezeichnet, in gleicher Weise höchstens an den Beinen, die Arme und die Brust werden seltener tätowirt.
Nicht zufrieden mit solcher langwierigen, schmerzhaften Operation, setzten diese Insulaner einen gewissen Stolz darin, unnatürlich erweiterte Ohrlappen auf künstlichem Wege herzustellen. Schon von früher Jugend an wird in beide Ohrlappen ein Loch geschnitten und dieses durch Einzwängen von einem Streifen des dehnbaren Pandanusblattes allmählich erweitert. Auf diese Weise wird das Loch im Ohrlappen bis vier Zentimeter und darüber lang, genügt dies nicht, wird der Fleischring dicht an der Backe abgeschnitten und mit einem Schnitt im Backenfleisch weiter unterhalb des Ohres verwachsen gelassen. Ist die Heilung erfolgt, so wird nun im Backenfleische selbst weiter geschnitten, bis ein Ring entstanden ist, durch den man bequem die Hand hindurchstecken könnte. Wird solches Loch nun mit einem aufgerollten Pandanusblatte ausgedehnt, so gewinnt es den Anschein, als hingen zwei hohle Röhren an den Backen herunter, was freilich etwas besonderes vorstellen soll, aber gewiß nichts zur Schönheit, vor allem nicht beim weiblichen Geschlechte beiträgt, bei alten Frauen und auch Männern sogar recht widerlich aussieht.
Uebrigens habe ich solche Erweiterung der Ohrlappen nur bei ganz alten Leuten gefunden, ein Zeichen, daß die Operation seit vielen Jahren fortgesetzt wurde; gewöhnlich aber ist das Loch nur einige Zentimeter groß und dient als Aufbewahrungsort für Schmuckgegenstände, als Muscheln, Blätter und Blumen, namentlich einer lilienartigen Blüthe, auch für Tabak, Pfeifen u. a.
Die Willkürherrschaft der Häuptlinge, unter denen der reichste auch der mächtigste ist, hat dahin geführt, daß, wie schon erwähnt, die Bevölkerung nur in zwei Klassen, die Besitzenden und Besitzlosen, zerfällt und der großen Masse eigentlich nichts gehört, diese vielmehr vollständig von den Landbesitzern abhängig ist. Ein solcher giebt dem Besitzlosen ein Stück seines Landes, auf welchem jener seine Hütte erbauen, sowie die Erzeugnisse, als Pandanus, Brotfrucht und Taro verwerthen kann, nur die Kokospalmen gehören ihm nicht.
Für Land, Schutz und Obdach ist der Besitzlose verpflichtet, gemeinhin sechs Monate zu arbeiten und zwar während dieser Zeit die Kokosnüsse für den Besitzer einzuernten, den Ertrag der Palmen in der anderen Jahreshälfte kann er für sich selbst verwenden, aber, da die Kokosnuß so gut wie baar Geld im Tauschhandel ist, muß er häufig noch seinen Antheil abgeben und ihm verbleibt nur wenig.
Dennoch kennt der Eingeborne keine Nahrungssorgen, und will er nur verwenden, was die Natur so reichlich ihm zugedacht hat, so kann er mit geringer Müh' und Arbeit sich ein sorgenloses Dasein schaffen, Bequemlichkeit, oft Gleichgültigkeit jedoch verhindern ihn daran, er ißt, was er gerade hat und sobald er das Bedürfniß fühlt, sich zu sättigen, ihm genügen schon die Milch und der Kern einer Kokosnuß, oder die süße Pandanus.
Letztere Frucht, die ich überall auf den Marschall-Inseln gefunden habe, dient namentlich zur Zeit der Reife als ein Hauptnahrungsmittel. Sehr zuckerhaltig, wird der süße Saft aus der fasrigen, prismatisch geformten Frucht, aufgesogen und da dieser nahrhaft genug ist, genügt er schon zur Sättigung. Mehr aber noch eignet sich der darin enthaltene Zuckerstoff zur dauernden Erhaltung einer Art Speise Pyru genannt. Dieselbe wird aus der Arrowroot-Wurzel, Brotfrucht und Kokosnuß hergestellt; auf heißen Steinen gebacken, durch den reichlichen Zusatz von Pandanussaft äußerst dauerhaft gemacht, hat sie einen der Feige ähnlichen Geschmack. Die Masse wird in etwa Zolldicke auf Blättern zubereitet, fertiggestellt wird sie dann aufgerollt und sehr dicht in trockenen Pandanusblättern eingepackt und mit dem schon beschriebenen Cajar kunstvoll verschnürt. So erhält man eine angenehme Dauerspeise, die jahrelang sich hält, selbst im Wasser nicht verdirbt.
Die so verfertigten Rollen, von gewöhnlich einem Meter Länge und fünfzehn Zentimeter Durchmesser, haben ein beträchtliches Gewicht, sie werden im Haushalte nur verbraucht, wenn Mangel an anderen Nahrungsmitteln eintritt; gewöhnlich aber dient diese Speise dazu, um auf weiten Seereisen oder an entlegenen Orten, wo nichts Genießbares erhältlich ist, die benöthigte Nahrung zu ersetzen.
Der Pandanusbaum, ein schlanker, fester Stamm, der zuweilen die Höhe einer mittelhohen Palme erreicht, trägt eine Blätterkrone, deren Zweige ähnlich den einzelnen Blattstreifen einer Kokospalme, tief herabhängen; die Frucht, ein bis 70 Pfund schwerer Kolben besteht aus vielen prismatisch geformten, nach innen spitz zulaufenden, faustgroßen Fruchtkernen, die, gut gereift, sich leicht loslösen lassen.
Für die Marschall-Insulaner, kann man sagen, ist dieser Baum fast werthvoller als die Kokospalme; mit den Blättern deckt er das Dach seiner Hütte, der Stamm giebt ihm die Stützen, die Frucht nahrhafte Speisen, und aus dem Blatte verfertigt er sich seine kunstvoll gearbeitete Kleidung, dazu geben Handstöcke und Knüttel die Luftwurzeln. Das Pandanusblatt läßt sich, wenn es getrocknet ist, nach Belieben in ganz feine Streifen zertheilen; um diesem aber die Sprödigkeit zu nehmen, wird das Blatt erst für längere Zeit in Frischwassertümpel gelegt, dann aufgerollt und feucht tüchtig geklopft. Dadurch gewinnt der Eingeborne einen dauerhaften Stoff zu seinem Mattengewebe und zu Hüten die dem echten Panama an Güte fast gleich kommen und lange halten. Ueberhaupt entwickeln die Frauen im Handflechten eine Geschicklichkeit, die kaum übertroffen werden möchte.
Sucht sich der Mann keine angemessene Beschäftigung — Trägheit ist ihm angeboren — so hilft er den Frauen beim Flechten der Matten, oder bereitet das Material dazu vor, auch übernimmt er wohl selbst solche Arbeit. Hierbei bedienen sie sich nicht allein der Hände, sondern auch die Füße müssen helfen, und zwar dienen die beweglichen Zehen dazu, die Gewebe fest und straff zu halten.
Die Tracht der Frauen ist einfach genug, ihre ganze Bekleidung besteht bei Erwachsenen aus zwei lang herunterhängenden Matten, von denen eine vorne, die andere hinten angebracht ist und zwar so, daß sie übereinander fassen und mittels eines Gürtels um die Hüften festgehalten werden. Dieser Gurt, ein weiß und schwarz gesprenkeltes dünnes Tau, häufig mehrere Meter lang, wird um den Leib gewickelt und der obere Theil der Matten um dieses eingesteckt, so bleibt von diesem nichts sichtbar. Junge Mädchen tragen eine kürzere, ebenso befestigte Matte, aber nur nach vorne und je nach Alter und Größe ist eine solche breiter oder schmäler; der Oberkörper bleibt unbedeckt, Kinder sind ganz nackt. Aehnlich wie die Samoaner, tragen auch die Männer einen Bastrock, verfertigt aus den Fasern des Boa-Busches, indeß ist die Herstellung eines solchen kostspielig und seltener habe ich solche Bekleidung gefunden; gewöhnlich macht eine zwischen die Beine gelegte und um den Leib mit einer Schnur befestigten Matte den ganzen Anzug des Mannes aus. Von meiner Schiffsbesatzung, die meistens nur aus diesen Insulanern bestand, hatten die meisten selten mehr in ihrem Besitz als solch Bekleidungsstück und eine Schlafmatte; liebten es aber, sobald ihr Verdienst groß genug geworden, der gewöhnlich 52-60 Mark monatlich betrug, sich nach europäischer Art, mit Hose und Hemd zu bekleiden.
Was den Bau der Wohnungen der Marschall-Insulaner anbetrifft, so findet man sowohl recht ärmlich und einfach, als auch großartig und kunstvoll aufgeführte Bauten. Oft genügen ihnen als Aufenthaltsort sogar die denkbar einfachsten Hütten; ein schrägliegendes Dach, das vorne auf Stützen, hinten auf der Erde ruht, und mit Wänden aus Flechtwerk hergestellt ist. Dennoch ist die Bauart der Hütten und Häuser auf einigen Atolls verschieden, nicht in der Form vielmehr in der Größe und Festigkeit, größere Häuser sind mit bemerkenswerthem Geschick erbaut. Das Dach, das gewöhnlich aus einem Geflecht von Pandanus- oder Kokosblättern wasserdicht hergestellt wird, ist eine feine Arbeit. Man findet das Innere eines Hauses meistens reinlich und sauber, oft auch mit feinen Matten ausgeschmückt; der Boden ist mit kleinen Korallensteinen bedeckt und gewöhnlich mit großen, reinlichen Matten belegt. Auch die nähere Umgebung zeugt von einem Sinn für Reinlichkeit, der Erdboden ist ringsum geebnet und ebenfalls mit kleinen Steinen besät. Man kann sagen, je nach Zahl der Familienglieder begnügt sich der Eingeborne entweder mit einer unscheinbaren Hütte oder er baut sich ein stattliches Haus.
In größeren Bauten ist meistens auf den Sparren noch eine besondere Schlafstätte für das Ehepaar oder vornehmere Gäste errichtet, sonst schlafen alle durcheinander auf dem mit Matten bedecktem Fußboden. War ich gelegentlich gezwungen die Gastfreundschaft der Eingeborenen in Anspruch zu nehmen, dann wurde stets ein besonderes Lager für mich hergestellt.
Geschick und Kunstfertigkeit der Insulaner lassen sich erst recht beurtheilen, wenn man in ihre Kirchen eintritt; alles Schöne, was sie durch ihrer Hände Arbeit herzustellen im Stande sind, ist darin vereinigt und eine wahre Ausstellung weisen die langen Wände auf, die ganz mit feinen, in Form und Muster verschiedenen Matten behängt sind. Es finden sich darunter Gewebe, die Zeugniß ablegen von großer Geschicklichkeit und außerordentlichem Fleiße.
Die Lebensweise der Eingebornen ist ein sorgloses Dahinträumen, das nur unterbrochen wird, wenn sie sich gelegentlich zur ernsten Arbeit aufraffen. Vor Tagesanbruch, wenn noch frische Kühle über Meer und Land gebreitet liegt, sorgt der Insulaner schon für den täglichen Unterhalt, d. h. er erklettert die hohe Palme und bricht genügend Nüsse ab oder schafft andere Lebensmittel herbei; er liebt nicht die heißen Sonnenstrahlen und sucht Kühlung und Schatten unter seiner Hütte oder unter breitästigen Bäumen. Auch mehrmaliges Baden am Tage in der See ist ihm zur Gewohnheit geworden, als tüchtiger Schwimmer und Taucher scheut er selbst nicht vor schwerer Brandung zurück. Sonst, wenn keine Nothwendigkeit zur Arbeit vorliegt, verträumt er den Tag, und essen, schlafen, rauchen, gelegentliche Handreichung, füllt die Tagesstunden aus. Lebendig und lebhaft wird er erst, sobald das Tagesgestirn zur Rüste geht, der Hauch vom endlosen Ozean ihm Kühlung zufächelt, auch sucht er erst zur späten Nachtstunde sein Lager auf; vor allem liebt er es in mondhellen Nächten im Kreise Vertrauter zu rauchen und zu plaudern, wobei es recht laut und lebhaft hergeht. Für den Europäer, der die Ruhe der Nacht nicht gestört wissen will und gerne schlafen möchte, was oft Mosquitos und drückende Schwüle verhindern, sind solche Ausführungen, Gesang und Tänze, nächtlicher Weile, manchmal recht unangenehm.
Die Gesänge sind eintönig und wenig melodienreich; im Chor gesungen, werden sie stets langsam und halblaut begonnen, allmählich aber lauter und schneller, begleitet mit Händeklatschen und dem taktmäßigen Wiegen des Oberkörpers, bis sie schließlich zu einem Tempo übergehen, das mehr Aehnlichkeit mit Schreien als mit Singen hat. Vor allem haben die Frauen große Fertigkeit darin, und jede Bewegung mit der Hand oder dem Körper wird stets sorgfältig ausgeführt, genau wie bei den Samoanern; freilich habe ich auf diesen Inseln die Frauen nie tanzen sehen, nur Männer zuweilen, mit Federbusch, Muscheln und sonstigem Zierrath geschmückt, führten vor meinen Augen Tänze auf, zu denen die Frauen im Chor sangen.
Anlaß zu Tänzen und Aufführungen giebt jedes geringe Vorkommniß, z. B. das Eintreffen eines Europäers, eines Schiffes u. a.; der Vorsänger erzählt darüber, was ihm gerade in den Sinn kommt, oft den tollsten Unsinn, und zwar in kurzen Sätzen, hinter denen der Chor irgend einen Kehrreim unermüdlich absingt, bis der Gegenstand erschöpft ist und der Schluß durch lautes Klatschen schon allseitige Zustimmung gefunden hat.
Auch von Häuptlingen aufgeführte Einzeltänze sind nicht selten, solche haben aber immer ein kriegerisches Gepräge; wilde Geberden, Sprünge, Gliederverrenkungen, ein möglichst wildes Aussehen gehören dazu und können bei dem Zuschauer das Gefühl erwecken, als würde man es im Ernstfalle mit einem furchtbaren Gegner zu thun haben. Der Gesang ist mehr Geheul, ein Rühmen nie ausgeführter Thaten, zu dem ein Chor von Männern und auch Frauen ein entsprechendes Lied oder den passenden Kehrreim absingen.
Eine Eigenthümlichkeit dieser Insulaner ist ferner, daß sie ihre Todten nicht der Erde, sondern dem Meere übergeben, wobei sie eine Ausnahme mit den Häuptlingen machen. Ist ein gewöhnlicher Mann gestorben, wird er in Matten fest eingehüllt und bereits am zweiten Tage mit einem Kanoe in die See hinaus geführt, wo, fern dem Lande unter Beobachtung einiger Zeremonien der Todte den Wellen übergeben wird. Ans Land wird die Leiche wohl sehr selten wieder angeschwemmt, dafür sorgen schon die zahlreichen Haie, welche diese als willkommene Beute ansehen und schnell genug damit aufräumen.
So lange die Beerdigung am Lande oder in der See nicht erfolgt ist, werden Klagelieder um den Todten gesungen, auch Tänze aufgeführt, dann aber ist es Sitte, daß die Verwandten die Hinterbliebenen besuchen und beschenken.
Die Grabstätten der Häuptlinge werden gewöhnlich außerhalb eines Dorfes angelegt, wenn möglich in Korallensand gegraben; ist das Grab zugeschüttet, wird der Hügel abgeflacht und mit Steinen glatt bedeckt. Unter Palmen und Gebüsch liegen solche Stätten, oft nur noch erkennbar an den Steinhaufen, aus denen als einziges Zeichen verwitterte Kanoe-Paddeln hervorragen, die der Todte einst geführt oder angefertigt hat. Einem Todten wird alles mögliche mit in das Grab gelegt, Eßwaaren, Tabak, Pfeifen, u. a. m., damit derselbe auf der langen Reise, die er angetreten hat, nichts entbehrt. Auf frischen Gräbern habe ich fast immer Tabak und Nahrungsmittel vorgefunden, die dem Todten gespendet waren, sie dienen freilich nur dazu, die zahllosen Ratten, die gierig über solche Speisen herfallen zu sättigen.
Eine gewisse Scheu hat der Eingeborne auch davor, die Gräber der Verstorbenen zu öffnen; da er glaubt, der Geist des Todten könne ihm Uebels thun, so läßt er sich nicht dazu bewegen. So ist die deutsche Station auf der Insel Jabor (Jaluit) auf einem verfallenen Kirchhofe erbaut worden, die Zeit hat aber alle äußeren Spuren verwischt und nichts mehr deutet darauf hin, daß hier vor langen Jahren die Angesehensten und Vornehmsten der Bevölkerung begraben worden sind. Ich wußte es auch nicht eher, als bis ich, mit der Aufrichtung eines hohen Flaggenmastes betraut, mit meiner Mannschaft die nöthigen Vorbereitungen dazu treffen wollte. Die Leute weigerten sich aus den angeführten Gründen, an der bezeichneten Stelle eine Grube zu graben, und, unnöthiger Weise einen Zwang befürchtend, entfernten sie sich, und kehrten erst zum Schiffe und ihrer Pflicht zurück, nachdem der Flaggenmast errichtet war. Sie ernstlich zu tadeln wäre thöricht gewesen, da sie sonst stets willig und gehorsam waren, und nur abergläubische Furcht sie hinweggetrieben hatte, worauf eben Rücksicht genommen werden mußte.
Als die Ausschachtung von Arbeitern der Station (Neu-Hebriden-Insulanern) vorgenommen ward, in der eine feste Mauerung aufgeführt werden sollte, um das Grundwasser vom Fuß des Mastes fernzuhalten, stießen diese auf ein Grab; vorsichtig ließ ich das gefundene Skelett freilegen und gedachte den Schädel zu erhalten, aber das vermoderte Knochengerüst fiel zusammen und da nichts davon verwendbar war, wurden die Ueberreste an einer anderen Stelle vergraben.
Wie im weiten Ozean, und namentlich unter den Riffen und Inseln viele Fischarten angetroffen werden, so sind auch die Lagunen sehr fischreich. Schillernd in den schönsten Farben findet man hier die merkwürdigsten Arten und Größen. Aber leider was das Auge erfreut, ist dem Magen nicht dienlich, der Genuß solcher schönen Meerbewohner bringt dem Menschen den Tod oder langes Seichthum.
Durch das klare Meerwasser bis auf den Grund schauend, sieht man auf wachsenden Korallenriffen ein wunderbares Gebilde, bunte Sträucher, kleine Bäume, schöne Blumen, ein bunter, blühender Garten dehnt sich in der Tiefe aus; Gewächse in einer Mannigfaltigkeit, wie sie auf der Erdoberfläche schwerlich könnten zusammengestellt werden. Und alles dies ist nur das Werk der unscheinbaren Korallenpolype, die die wunderbarsten Gebilde auf dem tiefen Grunde erbaut. Ein reges, ungeahntes und nie geschautes Leben herrscht weiter unten, vieltausend Thiere, nicht sichtbar für des Menschen Auge leben und weben in dieser verborgenen Welt. Stahlblaue Fischlein spielen umher, bald hier bald dort an einem Strauche oder einer Blume naschend; naht sich ein größerer Fisch oder erschreckt sie irgend etwas, fliehen sie im Nu in das Labyrinth der Pflanzenwelt, oder suchen Schutz und Deckung zwischen den Zweigen, unter den Aesten der vielgestaltigen Korallenformen, wohin kein Feind ihnen zu folgen vermag.
Das Wenige, was in dieser unterseeischen Welt sichtbar ist, die Schönheit derselben und ihre Bewohner, kann keine Feder schildern, selbst wenn man die Phantasie zu Hilfe nähme, würde man hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Stundenlang über den Bord meines Bootes geneigt, achtlos die Angel in der Hand, trieb ich oft über ein Korallenfeld, und ward gefesselt von der Schönheit dessen, was ich unter mir vorüberziehen sah. Geradezu Wunderwerke erbaut die Koralle, die nicht vergehen und die Zeit die rastlose Schaffenskraft der Natur, selbst zu Inseln gestaltet, auf denen der vergängliche Mensch, der Schöpfung vollkommenstes Wesen, leben und auch leiden kann — die Werke von Menschenhand verfallen, die der winzigen Polype bleiben bestehen!
Nicht selten ist unter dem Schönen und Schönsten, was die Natur erschaffen, ein bitterer Kern, ein Tropfen Gift enthalten; so birgt auch die Koralle, unter einer schönen Hülle, ein tödtliches Gift, das den Meerbewohnern, den bunt schillernden Fischen nichts schadet, diese selbst aber giftig und gefährlich macht. So finden sich denn unter der großen Zahl von Fischen viele Arten, die nicht gegessen werden dürfen; stets muß ein gemachter Fang dem Gutachten eines erfahrenen Eingeborenen unterbreitet werden, will der Europäer nicht Gefahr laufen, Gesundheit und Leben zu gefährden.
Trotzdem machen die Eingebornen den Versuch, die Beschaffenheit eines ihnen unbekannten Fisches durch Essen zu erproben, bezahlen diesen aber, da sie keine Gegenmittel haben, oft mit dem Leben.
Tüchtige Fischer sind aber diese Insulaner doch, durch Erfahrung klug gemacht, stellen sie gewöhnlich nur solchen Fischen nach, die ungefährlich sind, unter anderen einem der Sardine ähnlichen Fische, der in größeren Schwärmen in den Lagunen angetroffen wird. Ist ein solcher Schwarm entdeckt und nahe genug dem Lande, treiben sie ihn mit Kanoes allmählich dem Strande zu; schnell werden dann Matten und Schnüre zwischen den einzelnen Fahrzeugen ausgespannt, der Kreis immer dichter gezogen, und die Fische, durch Geschrei, Schlagen mit den Paddeln gezwungen, in Massen auf ein Riff oder dem flachen Lande zu laufen, wo sie mit Matten, Körben und Händen leicht eingefangen werden können.
Beim Einzelfang auf großer Tiefe bedienen sie sich ihrer aus Perlmutter gefertigten Haken, die denen der Samoaner ähnlich sind; tauschen sich aber mit Vorliebe auch von den Weißen eiserne Angelhaken ein, die dem Zwecke besser entsprechen. Den fliegenden Fisch, der seltener in den Lagunen zu finden ist, fangen sie sich außerhalb der Riffe in ganz gleicher Weise wie ich es bei den Polynesiern gesehen und beschrieben habe.
Seit jeher waren die Marschall-Insulaner kühne entschlossene Seefahrer und verdienten den Namen „Schiffer“ eher, als die Samoaner. Sie sind nicht bloß in den Grenzen ihrer Inselwelt geblieben, sondern weit über diese hinaus, haben sie sich dem trügerischen Meer anvertraut und namentlich mit den Bewohnern der Karolinengruppe Verbindungen gesucht. Welch ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Volksstämmen bestanden haben mag, die in Sprache, Gebräuchen und Sitten sehr vieles gemeinsam haben, ist schwer zu sagen.
Am glaubwürdigsten scheint es, daß durch Wind und Strömungen große Kanoes (Proas) von den Marschall-Inseln verschlagen wurden, deren Insassen dann auch glücklich Land gefunden haben. So soll noch im Jahre 1855 eine kleine Flotte die östlichste der Karolinen-Inseln „Kusai“ erreicht haben und nach monatelangem Aufenthalt wieder nach den Marschall-Inseln zurückgekehrt sein; auch noch größere Entfernungen, wie berichtet, sollen sie zurückgelegt und glücklich ihr Heimathland wieder gefunden haben. Aber so einsichtig und wagemuthig in dieser Hinsicht der Eingeborne auch ist, so ist doch anzunehmen, daß nur glückliche Zufälle es gewesen sind, die ihn nach langer Irrfahrt haben Land finden lassen. Darnach zu urtheilen, daß sie oft viele Wochen gebraucht haben, um von einer Insel zur anderen zu gelangen, müssen ihre Kenntnisse in der Seefahrt doch recht bescheidene sein; was aber jedenfalls für viele verderblich geworden, ist die Gewohnheit, sobald sie nach längerem Suchen ihr Ziel nicht finden können, die Segel niederzuführen und sich ihrem Schicksale zu überlassen.
Besondere Beachtung nun verdienen die Fahrzeuge, mit denen der Inselbewohner sich auf den gefährlichen Ozean hinauswagt. Den Kanoebau muß man entschieden als ihre bedeutendste Leistung ansehen, Geschick, ja Kunstfertigkeit ist ihnen dabei nicht abzusprechen. Schon die Anforderungen, die sie an ihre größeren Fahrzeuge stellen, bedingen eine eigenartige Bauart; ihnen genügen nicht mehr ausgehöhlte Baumstämme, wie sich andere Völker solcher bedienen, hier gilt es vielmehr einen regelrechten Bau aufzuführen. Und zieht man in Betracht, daß früher (und heute noch vielfach) ihre einzigen Werkzeuge die Meermuschel und die Fischgräte waren, und das mit Geschick verwendete Feuer bei solcher Arbeit ihr bester Helfer ist, so kann man sich vergegenwärtigen, was es heißt, solche Fahrzeuge, die oft 50 und mehr Menschen zu fassen vermögen, herzustellen.
Ihre Geschicklichkeit und Ausdauer finden deshalb staunende Anerkennung bei den Fremden, ja ich möchte den Europäer sehen, der an die Stelle der Eingebornen gestellt, sich mittelst Feuer und Muscheln aus einem dicken Baumstamm eine Planke verfertigen könnte!
Die Kanoes, zu deren Bau das nicht sehr harte Holz des Brotfruchtbaumes verwendet wird, sind aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt. Der Kiel wird aus einem Stücke gefertigt, dies ist so ausgehöhlt, daß er an und für sich schon ein kleines Kanoe bilden würde; auf diesem werden dann die scharfen Vorder- und Hintertheile aufgesetzt, und dazwischen wieder die oft aus mehreren Stücken bestehenden Seitenwände eingefügt; die Höhe eines mittelgroßen Kanoes beträgt etwa 4 Fuß.
Alle Theile werden stumpf auf- und aneinander gesetzt; aber um die dauernde Befestigung derselben, die Dauerhaftigkeit des Ganzen zu erreichen, dazu gehört eine wahre Engelsgeduld, denn um dieses zu erreichen müssen durch zolldicke Wände oft viele hundert Löcher mittelst Fischgräten oder Knochen gebohrt werden, die nahe aneinander, in den einzelnen Theilen sich stets gegenüber liegen.
Naturgemäß können mit so unvollkommenen Instrumenten, Werkzeugen gearbeitete, stumpf aufeinander stoßende Hölzer nicht dicht halten, auch glatte Flächen sind damit nicht herzustellen; um aber dennoch eine gewisse Dichtigkeit zu erzielen, werden die Nähte mit zwischen gelegten trockenen Pandanusblättern ausgefüllt, dann werden durch die einander gegenüber liegenden Löcher Cajarfäden eingezogen und diese sehr fest angeholt. Die große Zahl solcher Laschungen ermöglicht es, jeden Theil des Kanoes dauernd und gut zu befestigen, und was Menschenkraft nicht fertig bringt, thut das Wasser, indem durchnäßt, sowohl die Pandanusblätter aufquellen, als auch die Cajarfäden sich zusammenziehen.
Finden sich sichtbare Undichtigkeiten, namentlich in den Löchern, so bereitet sich der Erbauer aus fein geriebenem Holz und dem klebrigen Safte der Pandanusfrucht eine Art Kitt, mit dem er gefundene lecke Stellen zustopft und verkittet. Da unbedingte Dichtigkeit natürlich nicht herzustellen ist, so lecken ohne Ausnahme alle Kanoes ziemlich stark, indeß mit einer aus demselben Holze hergestellten Mulde, einer Art Schöpfkelle, die der Eingeborne geschickt zu handhaben weiß, bewältigt ein Mann bequem ohne sonderliche Anstrengung das eingedrungene Wasser leicht; auch Kokosnußschalen, Blechbüchsen, selbst die hohlen Handflächen dienen ihm als geeignete Schöpfgefäße.
Alle Kanoes haben an einer Seite einen Ausleger, ein dem Kanoe parallel gelegtes und dem Bau desselben entsprechendes Stück Holz, mit diesem durch eine Anzahl biegsamer Zweige, die über beide Seitenwände des Kanoes hinreichen, verbunden ist. Weit genug abstehend, dient dieser als eine Art Schwebe, ein Kentern der scharf gebauten Fahrzeuge wird dadurch verhindert; namentlich beim Segeln giebt er ein Gegengewicht ab. Bei großen Kanoes liegt der Ausleger oft 6-8 Fuß von der Bordseite entfernt und besteht aus einem schweren Holzstücke, das, an sich möglichst stark, durch Träger und schräg liegende Gegenstützen, am Kanoe befestigt ist. Auf solchen Trägern, d. h. den einzelnen Verbindungen mit deren Ausleger, die unter sich ebenfalls gut verbunden sind, findet man oft noch eine kleine Hütte erbaut, worin für mehrere Mann Raum vorhanden ist, sie dient dem angesehensten der Besatzung gewöhnlich als Aufenthalt. Auch wenn befürchtet wird, der starke Wind könnte durch seinen Druck auf das Segel das Kanoe trotz des Auslegers zum Kentern bringen, setzen sich außerhalb der Bordwand mehrere Insassen auf das Flechtwerk des Trägers, so daß durch ihr Körpergewicht ein gewisser Gegendruck erzielt wird.
Im ruhigen Wasser, oder in leicht bewegter See, sind diese Kanoes sehr schnelle Fahrzeuge. Ein europäisch gebautes Boot muß sehr gute Eigenschaften haben, wenn es eine Wettfahrt mit ihnen aufnehmen will, würde aber stets, sobald ein Ziel windwärts erreicht werden sollte, also ein Aufkreuzen gegen den Wind nöthig wäre, glänzend geschlagen werden; denn die scharf gebauten Kanoes mit ihren Mattensegeln liegen so dicht am Winde und werden dennoch so schnell durchs Wasser getrieben, wie es mit einem gewöhnlichen Boote nicht möglich ist. Ich habe in den großen Lagunen, Majuro, Arno, Malonlab u. a., wenn ich auf entfernteren Inseln in solchen Atolls kleinere Aufkäufe an Kopra oder Nüssen machen wollte, des öfteren diese Kanoes benutzt und muß bezeugen, flinkere Fahrzeuge habe ich bei keinem ungesitteten Volksstamme gefunden.
So praktisch der Ausleger aber auch ist, ja so nothwendig für größere Fahrzeuge, um das Segeln mit diesen zu ermöglichen, so wird er doch auf freier und bewegter See oft verhängnißvoll. Obgleich er nach Möglichkeit zwar festgefügt und durch Cajar mit dem Kanoe verbunden ist, so löst er sich doch und bricht jede Verbindung leicht und geht, wenn die Wellen unablässig diesen hin und her zerren, verloren. Da eine Ausbesserung kaum vorgenommen werden kann, so ist, sobald diese Stütze verloren gegangen, das Schicksal der Insassen eines Kanoes auch besiegelt. Und diese Gefahr liegt immer vor, sie wächst mit dem Winde und den Wellen.
Ich habe erwähnt, daß diese Proas sehr scharf gebaut sind, sie sind es aber nicht nur vorne und hinten, sondern auch längs des ganzen Kiels; was aber besonders von Verständniß und Nachdenken zeugt, ist die Form, welche solchen Kanoes gegeben wird. Beim Vorwärtstreiben durch Wind und Paddeln ist der Ausleger, der zwar ebenso scharf geformt ist, doch naturgemäß ein Hinderniß und würde ein Kanoe immer nach der Seite hin abweichen, an welcher sich dieser befindet. Diesem Uebelstande abzuhelfen, baut nun der Insulaner sein Kanoe so, daß die Seite, an welcher der Ausleger nicht angebracht werden soll, vom Kiel aufwärts bis zur Bordwand fast ganz flach verläuft, die andere dagegen ist erhaben ausgebaut. Natürlich ergiebt sich daraus, daß im Verhältniß zur Länge ein Kanoe nur sehr schmal sein kann, aber durch die flache Seite wird der Vortheil gewonnen, das tiefgehende Kanoe kann beim Segeln am Winde nicht oder nur sehr wenig abgedrängt werden.
Zudem bleibt der Ausleger stets an der Windseite, andernfalls würde durch den Druck des Segels das Kanoe sofort kentern; ein wenden, wenn eine andere Kursrichtung genommen werden soll, geschieht nicht, vielmehr wird das gehißte Segel nur von vorne nach hinten oder umgekehrt geschiftet. Der Mast, in der Mitte des Kanoes in einer Spur feststehend, wird vom Ausleger aus durch Cajartaue gehalten, ist aber beweglich, so daß er nach vorne oder hinten geneigt werden kann, was stets beim Umschiften des immer in der Spitze festgesetzten Segels geschehen muß. Das Tau, mit dem das an langer Raa befestigte Segel gehißt ist, dient gewöhnlich nach hinten zu dem Maste als Stütze, seltener sind noch Hilfstaue angebracht.
Ein Reffen, d. h. verkleinern der Mattensegel, sowie diese gebildet sind, ist nicht wohl angängig; wird der Wind zu stark oder überrascht eine starke Böe ein Kanoe, kann man nichts weiter thun, als das Segel einfach niederzuführen, oder frei im Winde peitschen zu lassen. Im ersteren Falle kommt es oft vor, daß das vom Winde aufgebauschte Segel ins Wasser zu liegen kommt, und wüßten die Eingebornen nicht so geschickt mit den Fahrzeugen umzugehen, müßte häufig genug, wenn die nicht selten äußerst heftigen Windböen einfallen, ein Unglück eintreten. Für einen Europäer wäre das Kentern eine unangenehme Sache, der Eingeborne dagegen macht sich nicht viel daraus, er bringt schwimmend sein gekentertes Kanoe wieder in Ordnung.
Die Mattensegel, stets dreieckig, sind aus einem Geflecht von Pandanusblättern hergestellt, das aus etwa zehn Zentimeter breiten Streifen besteht, die sauber zusammengenäht, dicht und biegsam sind.
Von Religion kann bei diesen Inselbewohnern eigentlich keine Rede sein; sie haben nur eine unbestimmte Vorstellung von einem höheren Wesen, welches ihnen Gutes und Böses zufügen kann, sonst sind sie wie alle ungesitteten Völker dem Aberglauben verfallen. Da sie nur wenige Ueberlieferungen besitzen, so beschränkt sich ihr Gottesdienst lediglich auf einige Gebräuche. Gewöhnlich wenn ein Unternehmen geplant ist, z. B. eine Reise, ein Kriegszug, wahrsagen weise Männer aus loderndem Feuer und das gute oder böse Vorzeichen ist für die Ausführung oder Unterlassung maßgebend; auch wird zum Weissagen ein zusammengefaltetes Pandanusblatt angewandt, man fängt an dem einen Ende zu kniffen an und benutzt die so gewonnene Breite als Maßstab für die übrige Blattlänge, bleibt nichts übrig, so ist es ein gutes Zeichen, im anderen Falle ein schlechtes.
Erklärlich ist, da Götter und Gottheiten nicht vorhanden, die Insulaner nur eine sehr beschränkte Vorstellung von einem höheren Wesen hatten, daß sie, als die Missionare unter ihnen erschienen, willig der neuen Lehre lauschten, und sich zu ihr bekannten. Das Ansehen der Missionare war groß; diese verwandten dann ihren Einfluß dazu, der Unsittlichkeit, der Vielweiberei und anderen Lastern entgegen zu treten, sie haben aber nur dort Erfolg gehabt, wo sie selbst ansässig waren, d. h. auf den südlicheren Atolls, als Ebon, Jaluit und Milli.
Anscheinend ist das Begriffsvermögen des Eingebornen nicht groß, er erfaßt bei weitem nicht alles, was ihm gelehrt wird, auch hat er nur eine unklare Vorstellung von allem, was außerhalb seines Gesichtskreises liegt, und nur das natürliche Empfinden von Recht und Unrecht ist bei ihm geschärft worden; er folgt zwar aus Furcht vor einer strafenden Gerechtigkeit nicht so willig mehr den natürlichen Trieben, erliegt aber trotzdem leicht einer Versuchung.
Ausgebildete einheimische Missionszöglinge sind heute die eigentlichen Lehrer, und es ist zu hoffen, daß unter dem Schutze der deutschen Verwaltung das Christenthum mehr und mehr an Ausbreitung gewinnt, das ist um so eher zu erwarten, wenn erst die Häuptlinge bekehrt sind und durch maßvolles Vorgehen, unparteiische Rechtspflege, das Vertrauen der Eingebornen ganz gewonnen ist.
Da die Marschall-Inseln heute deutsches Besitzthum, die Bewohner also in gewissem Sinne unsere Landsleute sind, so mag es vielleicht an der Stelle sein, hier in ihrer Sprache das Gebet des Herrn, das „Vater unser“, anzuführen.
Yememuij i lon, en kwojarjar etom. Ea itok am ailin. Yen komonmon ankil am i lol enwot dri lon.
Ranin, letok non kim kijim ranin: Im jolok annuij jerawiwi, enwot kimuij jolok an armij jerawiwi jen kim. Im jab tellok non mon, ak drebij kim jennana, Bwe am ailin, im kajur, im wijaak in driv.
Erwähnt habe ich bereits, daß eine Stammverwandtschaft zwischen den Bewohnern der Marschall-Inseln und der Karolinen-Gruppe besteht, ihre Sprache und Sitten in vielen übereinstimmen. Deshalb will ich das gleiche Gebet auch in der Sprache dieser Inselbewohner, mit denen ich oft genug zusammengekommen und die auch zu jener Zeit, leider nur vorübergehend, unter dem Schutze der deutschen Flagge gestanden haben, hier anführen. Es lautet:
Papa tumus su in kosav, E'los val payi. Pogasai lalos tuku. Orek ma nu fwalu, ou elos oru in kosav. Frite kit len si ini ma kut mono misini: et nunok munas nu seske ma koluk las, oanu kut nunok munas sin met orek ma kuluk nu ses. A tie kot kit kut in mel, a es kit la liki ma koluk, tu togusai lalos, a ku, a mwolanu, ma patpat.
Mit dem Versuche, in obiger Schilderung ein anschauliches Bild von den Marschall-Inseln zu geben, möchte ich noch gleichzeitig eine wichtige Frage, nämlich die Deportationsfrage, verbinden.
Unzweifelhaft wird auch in unserem Vaterlande einst entschieden werden müssen, ob Deutschland nicht auch, wie seit langem Rußland und Frankreich, die Deportation als ein Mittel ansehen muß, um sich der Elemente der Bevölkerung zu entledigen, die heute die Zucht- und Gefängnißhäuser anfüllen, wenigstens die unverbesserlichen Individuen und schweren Verbrecher auszustoßen und solche, so der menschlichen Gesellschaft, ihrer Gefährlichkeit halber, zu entziehen. Zwar wird in Deutschland wohl nur die zwingende Nothwendigkeit dahin führen die Deportation rechtskräftig zu machen, zumal die Ansicht, mit dieser sei sowohl das geistige wie körperliche Verderben eines Individuums verbunden, noch eine allgemeine ist. Indeß man kann doch zu einer anderen Beurtheilung der Frage gelangen, wenn zugleich mit der zweifellos harten aber gerechten Strafe die Menschlichkeit durchaus gewahrt wird und ein Deportirter nicht als ein bereits dem Tode Verfallener anzusehen ist, eher noch die Möglichkeit vorliegt, ein solcher kann der menschlichen Gesellschaft wieder als ein nützliches Mitglied zugeführt werden.
Wohl zu berücksichtigen ist natürlich bei einer in Frage kommenden Deportation, daß eine der Hauptbedingungen, der nöthige Abschluß von jeder Gesellschaft ist und dabei doch, anders als in Zucht- und Gefängnißhäusern, den Verurtheilten ein bestimmtes Maß der Freiheit gegeben wird. Das Nächstliegende, um solche unerläßliche Vorbedingung zu erfüllen, wird immer das sein, daß man naturgemäß einsame, dem Verkehr entzogene Landstrecken, wie es größere oder kleinere Inselgruppen sind, dazu in Aussicht nimmt. Und nicht mit Unrecht, denn der schwer zu bändige Trieb nach persönlicher Freiheit wohnt jedem Wesen inne und wird daher bei verwegenen Naturen weit eher zum Durchbruch kommen.
Indeß, ist eine natürliche, unübersteigliche Grenze gezogen, stellt dem menschlichen Willen und Wollen sich ein Element, der Ozean, entgegen, ist die Folge, daß bei nicht gänzlich empfindungslosen Naturen schon der großartige Anblick des Weltmeers, die ruhige oft aber wildgrollende Sprache des Ozeans, eine wirksame Besserung im Naturell eines Verbannten erwarten läßt. Und fraglos werden demjenigen, dessen Gesichtskreis nicht enge Zellen beschränken, sondern dem sich die Wunder der Natur, der Ozean und das Firmament, in ihrer erhabensten Schönheit zeigen, sich Empfindungen aufdrängen, die schließlich die Erkenntniß herbeiführen, daß der Mensch dazu berufen ist, im Einzelnen, wie in der Gesammtheit einem höheren Zwecke zu dienen.
Wohl läßt sich erwarten, daß prinzipielle Fragen sich einer gesetzlichen Deportation entgegen stellen werden, indeß, mögen sich auch noch so große Einwendungen dagegen erheben lassen, eines ist sicher, dem in Freiheit gebornen, wenn auch verbrecherisch veranlagten Menschen, bringt nicht die Strafe, bringt nicht die enge Zellenhaft, sondern die goldene, wenn auch beschränkte Freiheit zur besseren Erkenntniß. Um nun zu begründen inwiefern die Deportationsfrage nicht so ohne weiteres als unausführbar abzuweisen ist, ziehe ich die Möglichkeit in Betracht, daß die einsamen sehr wenig bevölkerten und dem Weltverkehr entlegenen Marschall-Inseln als eine Heimstätte für schwerer Verbrechen wegen Verbannte angesehen werden könnten und zwar aus triftigen Gründen 1. als das Klima auf diesen Inseln als ein gesundes anzusehen ist; 2. die Ernährung, selbst für eine große Zahl, mit Leichtigkeit durchzuführen ist; 3. die Bewachung auf so einsamen von jeder Verbindung abgeschlossenen Inseln keine strenge zu sein braucht; 4. Feste Häuser unnöthig sind und nur Baracken des milden Klimas wegen in Frage kommen können. Sollten aber dennoch feste Häuser nothwendig sein, sind solche leicht durch das im Ueberfluß vorhandene Korallenmaterial herzustellen; 5. geregelte Thätigkeit wird durch Anbau von Kokosplantagen, Anpflanzung tropischer Gewächse als Taro, Arrowroot etc. der Züchtung von Schweinen und Hühnern und schließlich Bereitung der Kopra, der Herstellung von Matten und Tauwerk aus den Fasern der Kokosnuß etc. für zahlreiche Verbannte vorhanden sein und mit der Zeit sich aus Anpflanzungen Erträge ergeben, die die zweifellos anfänglich erheblichen Kosten reichlich decken werden.
Was speziell die Ernährung anbetrifft, die für einen Europäer besondere Beachtung verdient, so würde solche durch Zufuhr geeigneter Nahrungsmittel in Verbindung mit den leicht zu züchtenden und zu erhaltenden Schweinen und Hühnern eine ausreichende sein, zudem bietet der Ozean selbst durch seinen überaus großen Fischreichthum eine beliebige Abwechslung dar, und für keinen Kenner jener Koralleninseln kann ein Zweifel bestehen, daß dort nicht ausreichende gesunde Nahrungsmittel vorhanden sind. Anders freilich würde die Frage betreffs des guten Trinkwassers zu lösen sein, da das gefundene Grundwasser (durch Korallen filtrirtes Seewasser) auf die Dauer doch schädlich sein könnte, auch angelegte Cisternen in regenarmer Zeit nicht ausreichen möchten. Jedoch die Anlage von Condensatoren, die Seewasser in Süßwasser verwandeln, das auf großen Passagierschiffen fast ausnahmslos verwendet wird, würde jeden Bedarf decken.
Der berechtigte Einwand, den auf tiefer Kulturstufe stehenden Eingebornen sollte man nicht, um nicht das Ansehen der Europäer zu schädigen, den Transport gefangen gehaltener Weißer vor Augen führen, wird bei der Anlage einer Verbrecherstation auf den gedachten Inseln hinfällig. Denn wie erwähnt ist die Bevölkerung eine geringe und manche Korallen-Inseln sind fast unbewohnt auf denen aber nicht minder die Anlage von ausgedehnten Kokosplantagen möglich ist. Zieht man das Facit, so kann der Gedanke, auf einsamen Inseln der Marschall- resp. Browns-Gruppe Deportirte unterzubringen, durchaus nichts abschreckendes haben, zumal alle Vorbedingungen gegeben sind und neben der großen Entlastung der Zellengefängnisse käme der Vortheil dazu, daß mit einer verhältnißmäßig billigen Arbeitskraft ein Kulturwerk gefördert würde, das die Eingebornen niemals zu vollbringen im Stande sein werden; auf solche Weise der Werth der Marschall-Inseln für Deutschland ganz besonders gesteigert werden würde.
V. Reisen durch die Marschall- und
Karolinengruppe.
Wie erwähnt, weisen sämmtliche Atolls der Marschall-Gruppe dieselbe Eigenthümlichkeit auf, nur in Form und Größe sind sie verschieden; auffallend aber ist, daß fast bei allen die Leeseite der Atolle, d. h. also die, welche dem schweren Anprall der Ozeanwogen, die der oft sehr starke Nordost-Passat an diese Gestade treibt, nicht ausgesetzt sind, größere Landmassen aufweisen, hingegen an der Luv, d. h. Nordostseite, nur dort sich Anhäufungen von Sand und kleine oder größere Inseln sich finden, wo die Koralle ein weites mächtiges Riff erbaut hat. Ich habe nachgewiesen, daß Korallen-Inseln allein nur durch losgelöste Rifftheile entstanden sind, naturgemäß also die Wind- oder Wetterseite zuerst solche aufweisen müßte, daß dies nun auf diesen Atolls weniger der Fall, liegt daran, daß der starke Wind den von den Wellen gebildeten Korallensand hinwegfegt, über die Lagunen treibt und eine Anhäufung an der Leeseite begünstigt. Deshalb sind auch, mit wenigen Ausnahmen alle Stationen und Ansiedelungen der Weißen dort angelegt, zumal da dort bequeme Zugänge zu den Lagunen sich befinden, theils für die Schiffahrt günstiger Ankergrund vorhanden ist.
Da die Lagunen eine ganz beträchtliche Ausdehnung haben, zwischen 5 bis 70 Seemeilen lang sind, wird es erklärlich, daß in den Einfahrten sowohl bei Fluth, als auch Ebbe, eine starke und unter Umständen sehr starke Strömung vorhanden ist. Die Einfahrten im Jaluit-Atoll und auch in anderen sind gewöhnlich, weil sie nur schmal, für ein Segelschiff nicht zu passiren, so lange der Strom mit großer Kraft ein- oder ausläuft; erst kurz vor oder nach eingetretenen Stillstand, d. h. wenn Fluth oder Ebbe wechselt, sucht man ein- oder auszulaufen; und am besten ist es, wenn Durchfahrten auch bei niedrigstem Wasserstand noch tief genug sind, mit steigendem Wasser dies zu unternehmen; man sieht dann die Riffe besser und läuft auch keine Gefahr, wenn das Schiff an oder auf einem Riffe festkommen sollte, sitzen zu bleiben.
Im Jaluit-Atoll wird meistens die zwischen den Inseln Jabor und Enübor befindliche Südost-Passage, als Einfahrt, und die von hier nach Südwesten, zwischen Ai und Medjerrurik, liegende Passage, als Ausfahrt benutzt, seltener die Nordost-Passagen. Gegen widrige Winde diese engen Fahrstraßen zu benutzen ist für ein größeres Schiff schier unmöglich, ich habe es mit einlaufendem Strome öfter versucht, nie aber gewagt ein großes Segelschiff auf diese Weise, wenn ich in Jaluit anwesend, und zeitweilig als Lootse thätig war, ein- oder auszubringen.
Sehr häßlich ist es, wenn zwischen zwei Inselspitzen der vorher starke Wind plötzlich abflaut, oder sogar für den Augenblick entgegengesetzt weht; hat dann das Schiff keine genügende Fahrt oder ist sogar Gegenstrom vorhanden, ist die Lage für einen Führer oder Lootsen geradezu peinlich. Für den Schiffsführer der aus der Südwest-Ausfahrt von Jaluit segeln will, bedarf es einer genauen Kenntniß der Oertlichkeit, vor allem namentlich am Nachmittage, wo er die Sonne recht voraus hat, die das Wasser wie eine Silberfluth erscheinen läßt.
Als ich einst beordert war eine Bark hier hinaus zu lootsen, wurde der Wind zwischen den Inseln Ai und Medjerrurik still, die Untersegel schlugen back, während die Oberbramsegel noch den vollen Wind hatten und das Schiff trieb dem nahen Riffe zu. Nichts war dagegen zu machen, da aber jede Zögerung die Gefahr vergrößerte, so gab ich kurz entschlossen die nöthigen Befehle. Die Raaen flogen an den Wind, die klar gehaltenen Boote rauschten ins Wasser und wurden schnell voraus gebracht, nachdem das Schiff mit Tauen an ihnen befestigt war, ruderten kräftige Seemannsfäuste aus Leibeskräften, um das steuerlose Schiff wieder in Fahrt zu bringen. Bald half der stoßweise umspringende Wind, bald hemmte er, doch ging es langsam vorwärts, bis die Brise wieder mit voller Kraft einfiel und es ermöglichte, das Schiff zu regieren.
Als ich mit meinem Boote zurückkehrte, hoffte ich die zehn Seemeilen weite Entfernung bis Jabor aufkreuzen zu können, da brach aber in einer Böe der Mast, und die zwei Mann im Boote konnten gegen Strom und Wind nicht vorwärts kommen. Nirgends war wegen der Riffe Land zu erreichen, so mußten wir ohne Wasser und Lebensmittel wachend die Nacht verbringen. Am nächsten Vormittage mußte irgendwo Land aufgesucht werden, wir landeten auch an einer unbewohnten Stelle, wo wir, nachdem meine Leute aufgefundene Kokospalmen erklettert hatten, Durst und Hunger an jungen Nüssen stillen konnten. Darnach als hiervon genügend Vorrath eingesammelt war, ruderten wir in heißer Sonnengluth längs der Riffe weiter, erreichten aber die Station erst in der frühen Morgenstunde des dritten Tages.
Die erste Reise im Marschall-Archipel hatte ich nach Ebon, Namorik, Kili u. a. zu unternehmen und besuchte auf dieser zuerst die kleinsten, aber auch fruchtbarsten Atolle. Die einzige Einfahrt in der Ebon-Lagune liegt an der Südwestseite zwischen den Inseln Juridi und Meidj, diese ist zwar tief, aber sehr schmal und ausgedehnte Riffpatschen nach innen machen diese sehr schwer zugänglich, dazu läuft ein wirbelnder Strom ein und aus, der einem Schiffe gefährlich werden kann, wenn dieser in voller Stärke einsetzt, ehe frei Wasser gewonnen ist.
Der Wind ist zum Durchsegeln dieser Einfahrt selten günstig, ein Ankern außerhalb am Riffe nicht immer rathsam, und so begegnete es mir beim Einkreuzen, daß der über das Riff auslaufende Strom das Schiff innerhalb der langen Einfahrt an das Riff trieb, und dieses auf der schräg abfallenden Korallenwand sitzen blieb. Das Wasser fiel und, kam ich nicht frei, mußte das Schiff schließlich sich auf die Seite legen, umfallen und volllaufen. Deshalb wurde schnell ein Anker ausgebracht, der auf hundert Fuß Wassertiefe erst den Grund erreichte, und nun versucht, das Schiff abzuwinden; allein die starke Leine riß sehr bald von scharfen Korallen durchschnitten entzwei, und der Anker, an dem die Bojenleine zu kurz gewesen, war verloren. In Ermangelung eines schweren geeigneten Ankers, wurde nun als letzter Versuch schnell einer der Buganker zum gegenüber liegenden Riffe gebracht und gut hinter Korallensteine versenkt, dann versuchten wir aufs neue, das sich langsam neigende Schiff mit aller Gewalt abzubringen, und es gelang.
Wäre diese Anordnung erfolglos geblieben oder nochmals die Leine gerissen, so hätte ich nur noch versuchen können, schnell Gaffeln oder Segelbäume abzutakeln von den Masten, und senkrecht an der gefährdeten Seite im Wasser aufzustellen; wären diese an der Bordwand festgebunden worden, so wäre vielleicht durch solche Stützen, wenn das Wasser nicht zu tief fiel, ein Unglück vermieden worden sein.
Ich war fast jedesmal gezwungen, in der Ebon-Lagune einzulaufen, selbst später mit dem größten Schiffe der Gesellschaft und bin immer ohne besondere Schaden weggekommen. Nur einmal in dunkler Abendstunde in der Ost-Durchfahrt, der kleineren, aufkreuzend, lief ich noch, von den Riffen frei, auf Anrathen eines guten Lootsen, den der König von Ebon, der Häuptling Nelu, mir gestellt hatte, der mit seinem ganzen Gefolge sich an Bord befand, weiter nach der Insel Eninaitok, zwischen vielen Riffpatschen und Untiefen hindurch. Als die Insel in Sicht kam, war wegen der Dunkelheit der Abstand vom Lande schwer zu schätzen, und hätte ich mich nur auf die Kenntniß des Lootsen verlassen, und nicht lothen lassen, würde dieser mir das Schiff mit voller Fahrt aufs Riff gesetzt haben. Plötzlich nur drei Meter Wassertiefe findend, jagte ich gerade noch zur rechten Zeit das Schiff in den Wind und brachte es zum Stillstand; darauf segelte ich vom Lande ab und ging auf größerer Tiefe zu Anker, mich wenig daran kehrend, daß nun die Häuptlinge etwas länger im Boote sitzen mußten und die Ausschiffung länger dauerte. Um die schon tagelang an Bord befindlichen Eingebornen noch ans Land zu bringen, hätte ich, vertrauend der besseren Kenntniß derselben, bald mein Schiff arg gefährdet gesehen.
Manchem anderen Schiffe ist es beim Einkreuzen in dieser Lagune nicht sonderlich gut ergangen, Beschädigungen am Schiffsboden, leichter oder schwererer Art, waren nicht selten, und wer nicht durchaus hinein segeln mußte, vielleicht nicht unter der Insel Juridi ankern durfte, kreuzte lieber tagelang vor der Einfahrt hin und her; was ich mitunter auch that, wenn in der schlechten Jahreszeit die See am Riffe zu schwer oder nur wenig Ladung zu landen oder abzunehmen war.
Die Lagune selbst bietet, sobald man die schlechte Durchfahrt durchsegelt hat, einem Schiffe überall sichern Ankergrund; ein geschützter Hafen ist das weite Becken, in welchem heftiger Wind nur selten das ruhige klare Gewässer erregen kann.
Ein flüchtiger Ueberblick auf dieses weite Becken läßt vermuthen, daß nur noch wenig Riffe mehr, außer den der Ausfahrt vorgelagerten, vorhanden sind, und doch befindet sich eine große Zahl kleiner und größerer Riffpatschen in demselben; die Thätigkeit der bauenden Koralle, welche im Laufe der Zeit diese Lagune verschließen wird, ist in vollem Gange. Recht in die Augen fallend erweist sich diese Thatsache, langsam zwar, aber immer weiter bauen die Polypen, und nach menschlicher Voraussicht wird sich hier von allen offenen Atolls zuerst der Vorgang abspielen, daß diese Lagune für jeden Schiffsverkehr durch die unzerstörbare Arbeit der winzigen Thierchen geschlossen wird. Fahrten durch die ganze Lagune von Insel zu Insel bestätigten mir diese Annahme, da ich unter Land sowohl wie auch im großen freien Wasserbecken weit ausgedehnte Riffe vorfand.
Die meisten der langgestreckten Inseln dieses Atolls sind flach und ohne besondere Erhebungen, der Unterbau, Korallensteine, die aber schon so hoch mit einer Humusschicht bedeckt sind, daß solche wenig sichtbar werden, auch hat die reiche Vegetation, das Eindringen der Pflanzen im Gestein, das ihre zur Verwitterung desselben beigetragen. Ueberhaupt habe ich kaum auf einem anderen Atoll so dichtes Gebüsch, hohe Bäume und wuchernde Pflanzen angetroffen, wie auf Ebon; anzunehmen ist, daß dazu der reichlich fallende Regen, der die Verwesung in der Pflanzenwelt befördert, viel beigetragen hat.
Vor allem erwähnenswerth ist hier neben den sehr zahlreichen Kokospalmen der mächtige Brotfruchtbaum, dessen schmackhafte Frucht eine Hauptnahrung der Eingebornen ist. Der Baum wird über 60 Fuß hoch und trägt auf hohem Stamme, der oft mehrere Fuß im Durchmesser hat, eine gewaltige Krone, er könnte in seinem Bau mit unserer Eiche verglichen werden. Seine Früchte, am Ende der Zweige hängend, haben eine länglich runde Form und werden ein bis zwei Pfund schwer. Sie werden gewöhnlich zwischen heißen Steinen oder am Feuer geröstet und bieten selbst dem weißen Manne einen Ersatz für Brot und Kartoffeln, vor allem auf Inseln, wo die Jamswurzel oder Taro nicht erhältlich sind.
Hier auf Ebon, wo ich öfter an den Mahlzeiten der Eingebornen theilnehmen mußte, lernte ich eine neue Art der Zubereitung dieser Brotfrucht kennen, wodurch dieselbe ganz besonders schmackhaft gemacht wurde. Das Herz der Frucht wird mit einem Stückchen Holz oder mit den Fingern entfernt, in die entstandene Höhlung dann weiße Kokosnußmilch gefüllt, und so in Blätter eingewickelt, zwischen heißen Steinen gebacken. Das goldgelbe Fleisch, dessen Nährgehalt durch die Milch noch erhöht ist, wird so ein noch vorzüglicheres Nahrungsmittel. Auf anderen Inseln wo man diese Art der Zubereitung nicht kannte, fanden alle vereinzelt lebenden weißen Händler stets ganz besonderes Wohlgefallen an der auf diese Weise zubereiteten Brotfrucht.
Aeußerst fischreich ist auch die Ebon-Lagune, namentlich in der starken Strömung der Einfahrt hält sich ein wohlschmeckender, giftfreier Fisch auf, ähnlich unserem Blei. Um solche Fische nun zu erhalten, die weder nach der Weise der Eingebornen, noch mit Angeln zu fangen sind, benutzen hier die Händler von San Franzisko eingeführte Dynamitpatronen, die angezündet und zur rechten Zeit ins Wasser geworfen, durch Zerspringen alle am Orte befindlichen Fische betäuben. Diese kommen dann für wenige Minuten an die Oberfläche und werden, ehe sie wieder sinken, in die Kanoes oder Boote schnell eingesammelt; ist das Wasser nicht zu tief, werden die Fische durch Taucher vom Grunde heraufgeholt.
Die Verwendung solcher Patronen bedingt aber große Vorsicht; ein Verpassen des rechten Augenblickes, eine fehlerhafte Zusammenstellung des Sprengstoffes, bringt immer große Gefahr für den, der nicht ganz genau mit der Anwendung Bescheid weiß. Mehrfach habe ich Leute getroffen, denen durch das explodirende Dynamit, wenn eine solche Patrone nicht gut geladen war, mehrere Finger weggerissen waren, einige aber auch, die ihre Unkenntniß oder Ungeschick mit dem Verluste der rechten Hand bezahlt haben.
Als ich einst unter der Insel Juridi vor Ebon zu Anker lag, erbat sich mein Steuermann Kitimatu, ein Japaner, die Erlaubniß, mit dem Boote fischen zu dürfen. Da mir unbekannt war, daß derselbe sich von einem Händler Dynamitpatronen gekauft hatte — übrigens eine verbotene Waare, die nur im Geheimen zur Einführung gelangt — wurde ich erst durch den dumpfen Knall darauf aufmerksam gemacht. Bald sah ich, wie die Besatzung des Bootes in das Wasser sprang und eine beträchtliche Menge großer Fische in dasselbe hineinwarf. Der Japaner, ein vorzüglicher Taucher, holte vom Grunde immer mehr herauf, so daß nach der Zahl der angesammelten Fische zu urtheilen, mehrere hundert derselben betäubt oder getödtet sein mußten.
Dulden durfte ich nicht, daß fernerhin solche Art von Fischerei betrieben wurde, vor allem nicht die Mitführung des gefährlichen Dynamits an Bord, und obwohl mir, wie auch der Mannschaft, die große Menge schöner Fische nicht unwillkommen war, so mußte für die Folge doch die Verwendung solcher Patronen unterbleiben. Ziemlich erstaunt war daher der Japaner und die Freude seines Erfolges gedämpft, als ich vor seinen Augen die mir ausgehändigten übrigen Patronen über Bord warf; es wollte ihm nicht recht einleuchten, wie ein so nützlicher Gegenstand anderen gefährlich werden könne.
Ehe ich meine Angaben über den Ebon-Atoll schließe, will ich noch eines Vorganges erwähnen, der mir später an den Außenriffen leicht den Verlust des Schiffes „Futuna“ eingetragen hätte. Leichter, südwestlicher Wind wehte, als ich einst in der schlechten Jahreszeit, im Anfang Oktober, vor Ebon anlangte und wegen einiger Bootsladungen Güter nicht erst einlaufen wollte, sondern die Boote an Land sandte und durch den Steuermann das Geschäftliche erledigen ließ. Darauf segelte ich, da ich von hier nach den Karolineninseln beordert war, beim Winde liegend längs der Riffe nordwestwärts; zwar nahe dem Riffe, jedoch frei genug, um gegebenen Falls ein Segelmanöver ausführen zu können. Querab der Insel Toka aber, als ich schon hoffen konnte das Riff nach kurzer Entfernung mehr nach rechts abfallen zu sehen, wurde das Schiff von einer unerwarteten Strömung dem Riffe, auf welchem eine mittelmäßige Brandung lief, zugedrängt und erkennend, ich würde nicht frei davon kommen, gab ich Befehl zum wenden.
Nie hatte der Schooner, selbst in gefährlichen Engen, eine Wendung versagt, jetzt aber ging er nicht durch den Wind. Ein zweiter Versuch, mit ganzer seemännischer Geschicklichkeit ausgeführt, schlug wieder fehl; einen dritten wagen, da ich schon der Brandung sehr nahe gekommen war und der sicher fehl gehen mußte, da das Schiff nicht mehr Raum genug hatte um gute Fahrt zu gewinnen, hieß es geradezu aufs Riff setzen. Verloren schien das Schiff auf jeden Fall, da ich wegen des kurzen Abstandes vom Riffe keine Möglichkeit mehr sah, dieses vor den Wind herumzubringen, welches ja das einzige Manöver ist, wenn Strömung und schwerer Seegang ein Wenden verhindern. Doch um alles zu thun, mußte ich auch dies wagen; wie ich auf das Riff kam, angetrieben, oder mit vollen Segeln vor dem Winde, war jetzt gleichgültig; einmal in der Brandung mußte das Schiff doch nach kurzer Zeit am steilen Riff zerschlagen und in die Tiefe sinken; die einzige Aussicht war, daß sich die Mannschaft noch unter Umständen retten könnte.
Es ist ein Haupterforderniß für den Seemann auch in der gefahrvollsten Lage nicht den Kopf zu verlieren, sondern entschlossen zu handeln, so gab auch ich ohne Besinnen ehe noch das Schiff durch den Druck seiner Segel wieder an den Wind gekommen war, den Befehl, das Ruder hart Backbord zu legen, die Raasegel vierkant zu führen, alle Schooten der Schratsegel los zu werfen, und siehe wie ein Schwan mit ausgespannten Fittichen lief das Schiff mit schneller Fahrt seinem Verderben entgegen. Noch aber war seine Stunde nicht gekommen; das wackere Schiff, mit dem ich noch manche Noth und Sturm durchkämpfen sollte, ehe es in diesem Ozean an einer anderen Insel „Kili“ in die Tiefe sank, gehorchte über Erwarten gut dem Steuer. Die 150 Fuß, die das Schiff vom Riffe entfernt gewesen, hatte es noch nicht durchlaufen, als es durch den Druck der sehr schnell hantirten Segel wieder an den Wind gebracht war. Zwar lief die hohle See schon unter dem Kiel und hob das Schiff zum vernichtenden Stoße, — keine zehn Fuß hinter dem Heck donnerten die Schaumkronen der Brandung — und doch, mit freiem Winde die Fahrt beschleunigend, entkam ich dem sicher erwarteten Verderben.
Auf einer Fahrt von Jaluit nach Ebon und zurück, traf ich in der Ebon-Lagune den Häuptling Launa mit einigen seiner Proas an, mit denen er, zur Abreise nach Jaluit gerüstet, nur auf gutes Wetter wartete. Da die Gelegenheit günstig war, mit dem deutschen Schiffe nun die Ueberfahrt zu machen, trat Launa mit mir in Unterhandlung wegen des Fahrgeldes, dessen Höhe ihm zwar gut genug bekannt, das er aber herabgesetzt wissen wollte. Als ich darauf nicht eingehen konnte, erklärte er mir, dann solle auch keiner seiner Leute mit mir fahren, er segele mit seinen Kanoes billiger. Thatsächlich ging er am Abend desselben Tages in See und erreichte glücklich Jaluit.
Die Kunst, mit Geschick und Verständniß, solche nicht ungefährliche Fahrten in leicht zerbrechlichen Kanoes zu unternehmen, ist heute nur noch wenig Inselbewohnern eigen, obwohl sie früher im Bereich dieses Archipels nichts Ungewöhnliches waren. In der Nalik-Kette bedienen sich die Häuptlinge aber mehr der europäischen Segelschiffe, auch besitzt der König Kabua, eigentlich Nelu, ein solches, mit dem sie von Insel zu Insel fahren und es auch selber, ohne Hilfe eines Weißen führen.
Dieses Verständniß der Navigirung nur war einst ein streng gehütetes Geheimniß erfahrener Häuptlinge. Der es den Weißen verrieth, büßte es mit dem Tode. Obgleich die Inselbewohner sich auf ihren Fahrten nach dem Stand der Sonne und des Nachts nach den Sternen richten, worüber sie zu ihrem Zwecke genügend Bescheid wissen, haben sie sich doch eine Seekarte angefertigt, die unzweifelhaft beweißt, daß sie über die Lage der einzelnen Gruppen sowohl, wie über Wind und Strömungen gut unterrichtet waren.
Diese Karte besteht nur aus geraden oder gebogenen dünnen untereinander verbundenen Stäben, auf denen an bestimmten Stellen die einzelnen Inseln durch kleine Muscheln oder Steine angezeigt werden, die gebogenen Stäbe geben den Strom oder auch den Seegang an, was gleichbedeutend mit der Windrichtung sein würde. Alle Atolle sind auf diese Weise bezeichnet, und die Abstände derselben von einander verhältnißmäßig ziemlich genau angegeben. Hieraus ersieht man, daß in früheren Zeiten ein reger Verkehr im Bereiche dieses Archipels stattgefunden hat, die Eingebornen von Insel zu Insel segelten und so ihre Kenntnisse erweiterten; die vor sehr langer Zeit einfach genug gewesen sind, z. Z. als die heutigen Atolle noch nicht vorhanden waren, oder doch deren Ränder noch hohe zusammenhängende Landmassen bildeten, die im Laufe der Zeiten erst gesunken. Keine oder nur sagenhafte Ueberlieferungen haben diese Eingebornen, von denen die eine Beachtung verdient, daß nach der vor langer, langer Zeit an Stelle der jetzigen Atolle hohe Inseln gestanden haben, aber welche Veränderungen hier stattgefunden, was ihre Vorfahren geschaut, darüber schweigt ihr Mund!
Der Namorik-Atoll, in Nordwest-Richtung etwa 70 Seemeilen von Ebon entfernt, ist einer der wenigen, die durch die Korallen schon geschlossen sind. Nur zwei langgestreckte Inseln, von einander durch Riffe getrennt, die früher den Zugang zur Lagune gestatteten, bilden die ganze Landmasse, sind aber ebenso fruchtbar und ertragreich, wie die Inseln des Ebon-Atolls.
Steile Korallenwände, an denen kein Ankergrund gefunden werden kann, heben sich aus großer Tiefe empor. Und wenig angenehm ist es für einen Schiffsführer, sich stets unter Segel hier halten zu müssen; oft habe ich daselbst tagelang an der Westseite unter Land kreuzen müssen, ehe mit Booten, die häufig am steilen Strande gefährdet sind, die Ladung abgenommen war. Wohl ist heute noch das Wasser in der Lagune klar und rein, da von außen über die Riffe hinweg der Ozean seine Wogen hineinspült und damit der noch langsam bauenden Koralle frische Nahrung zuführt; wird dies aber einst durch Anhäufungen von Gestein und Sand unmöglich, so muß durch die heiße Sonne eine Verdunstung und damit eine Versumpfung eintreten.
Diesen Prozeß hat bereits die von Namorik in Ost-Richtung etwa 65 Seemeilen entfernt liegende Insel „Kili“ durchgemacht. Eine Seemeile lang, ist die kleine Lagune schon vollständig umschlossen und ein großer Sumpf, in welchem die Pflanzenwelt Fuß gefaßt hat und überreich wuchert. Anfänglich war das Eiland unbewohnt, weil Kokospalmen und Pandanus nur spärlich vorhanden waren und einzig wilde Hühner und Schweine dort ungestört hausten; jetzt hat man mit der Lichtung des wilden Busches begonnen, und die Anpflanzung einer ausgedehnten Kokosplantage verspricht einen lohnenden Ertrag.
Die Insel ist ebenso steil und unzugänglich wie Namorik, nur am Südende erstreckt sich ein langes Riff in die See hinein, auf welchem stets schwere Brandung steht und beim Kreuzen unter Land einem Schiffe gefährlich werden kann. Auf diesem ging auch der, einst von mir geführte Schooner „Futuna“ gänzlich in einer dunklen Nacht verloren.
Solche Schiffsverluste sind gewöhnlich auf unbekannte Strömungen zurückzuführen, die vorherrschend sind oder zeitweise auch von den Winden hervorgerufen werden. Muß man sich des Nachts unter Land halten, um nicht zu weit abzutreiben und dadurch Zeit zu verlieren, so ist es immer nöthig, sich über die Stromverhältnisse erst Gewißheit zu verschaffen.
In dieser Hinsicht ist die auf 0° 25' Süd-Breite und 167° 10' Ost-Länge liegende Insel „Pleasant-Eiland“ besonders bemerkenswerth, da dort der starke Aequatorialstrom, sobald der Wind nachläßt, jedes Schiff hinwegführt und Tage auch Wochen hingehen, ehe die Insel wieder erreicht werden kann. Fast jedem Schiffe, das dorthin Reisen unternommen hat, ist diese Strömung verhängnißvoll geworden, auch mir, unter den sechs Malen, daß ich dort habe anlaufen müssen, in zwei Fällen.
Anfang April 1886 nach Pleasant-Eiland beordert, erreichte ich die Insel mit günstigem Winde schnell. Da auch hier nirgends Ankergrund gefunden wird, ist es Gebrauch, sich Tag und Nacht ganz dicht unter Land zu halten, vor allem nicht nord- oder südwärts über die Insel hinauszusegeln, sonst führt der starke Strom das Schiff mit sich fort und kann nur bei frischem Winde und ein guter Segler den verlorenen Abstand wieder gewinnen.
Die Insel ist sehr fruchtbar, daher auch die Kopraausfuhr recht bedeutend; aber eigenthümliche Verhältnisse unter der Bevölkerung schädigen den Handel sehr, da zwischen den Bewohnern der elf Bezirke fast fortwährend gekämpft wird, und das Niederschlagen der Palmen durch den Sieger, das Aufblühen dieses gesegneten Ländchens verhindert. Die Eingebornen waren anfänglich den Fremden feindlich gesinnt und haben lange der Niederlassung europäischer Händler widerstanden; erst als ihnen die Wirkung der Feuerwaffen, die namentlich von Amerikanern eingeführt wurden, bekannt war, gelang es einzelnen Fremden, dort Fuß zu fassen.
Im Innern dieser etwa 15 Seemeilen im Umfange haltenden Insel erheben sich zwei kegelförmige Krater, einige hundert Fuß hoch, die längst erloschen sind und auf deren verwitterten Lavafeldern sich eine überaus reiche Pflanzenwelt entfaltet hat. Selbst ein Kratersee ist vorhanden, in dem die Eingebornen Fische züchten; auch Höhlen sollen vorhanden sein, die wahrscheinlich durch vulkanische Erhebungen entstanden sind.
An jenem Tage, als ich die Nordspitze zum ersten Male umsegelte und dicht unter dem etwa 200 Meter breiten Riffe mich aufhielt, hörte man am Nordende der Insel fortwährendes Gewehrfeuer. Die Eingebornen waren wieder in einen Kampf verwickelt. Zum Glück wußte ich wie harmlos im Grunde genommen solche Kämpfe sind, daß es in der Hauptsache dabei nur auf zweckloses Knallen, wildes Geschrei und lautes Geschimpfe ankommt. Selten fällt ein Gegner, auch genügen einige Verwundungen, um die Kampflust zu befriedigen, und bald beenden feierliche Verträge, die nie gehalten werden, die Raufereien. Das Schlimmste dabei ist, daß die anfänglich zügellose Wuth dieser wilden Menschen den Europäer gefährdet, daher ist dessen Haus gewöhnlich eine kleine Festung, geeignet, im Nothfall sich dahinter zu vertheidigen; sie fürchten aber auch die Treffsicherheit des weißen Mannes und wagen es daher selten, Wunden oder Tod sich durch einen Angriff zu holen.
Ist ein Kampf eröffnet, so nimmt der ganze Stamm daran theil; auch wenn der Europäer selbst nicht gefährdet ist, kann er zu solcher Zeit keine Arbeiter erhalten, um Ladung in Empfang zu nehmen oder zu verschiffen.
So war es auch an diesem Tage. Der Superkargo, Herr Tuchtfeldt, ein Beamter der Gesellschaft, den ich abgesetzt hatte, theilte mir mit, daß nichts zu machen sei; ich hatte also zu warten, und unablässig mit vollen Segeln auf- und abkreuzend d. h. ich ließ das Schiff eine gewisse Strecke treiben und segelte dann wieder dem Lande zu. Als nun die dunkle Nacht hereinbrach, deren Schatten die Insel den Blicken entzog und es schwer wurde, den sichern Abstand vom Lande zu schätzen auch vor Mitternacht noch die Kraft des Windes nachließ, erkannte ich bald, daß die Fahrt des Schiffes geringer sei als der entgegenlaufende Strom.
Mehr und mehr verschwanden die dunklen Umrisse der Insel, und als der Morgen tagte, sah ich nichts mehr von dieser, nur vom hohen Maste aus entdeckte ich, weit im Osten noch einen dunklen Punkt. Fünfzehn Seemeilen hatte der Strom das Schiff schon nach Westen getrieben, und Tage, dachte ich, würden hingehen, ehe ich diese Entfernung mit frischem Winde wieder aufgekreuzt hätte. Ich konnte über Backbord Bug am meisten Ost gewinnen, deshalb segelte ich 24 Stunden in Südost-Richtung fort.
Hatte ich aber geglaubt, südlich weniger Strom zu finden, so war dies eine bittere Täuschung, denn ich ermittelte am nächsten Mittag, daß das Schiff einen Grad in Südsüdwest-Richtung versetzt worden war, mithin ein Strom von vier Seemeilen in der Stunde nach Westen lief. Eine solche Stärke des Stromes von dessen Vorhandensein ich ja Kenntniß hatte, kam mir unerwartet, doch brachte sie mich nicht in Verlegenheit, besonders da nichts zu ändern war.
Unter den Schiffsführern, die bereits abgetrieben waren, war wie ich später erfuhr die Ansicht verbreitet, daß man in solchem Falle nicht gegen den Strom kreuzen dürfte, sondern sofort über den Aequator hinauszukommen suchen müsse, weil man erst auf 4 bis 5 Grad nördlicher Breite mit dem Gegenstrome erfolgreich nach Osten aufsegeln könne. Daß ich dies nicht wußte, hat mir großen Nachtheil gebracht, denn als ich nun überzeugt, daß ich auf südlichem Kurse nichts gewinnen würde und wieder nordwärts auf Nordnordwest Kurs beim Winde lag, wurde dieser immer schwächer, so daß ich nur wenig Nord gewann. Am dritten Tage erst hatte ich wieder den Breitengrad der Insel Pleasant-Eiland erreicht, befand mich aber bereits 70 Seemeilen weit von dieser entfernt; was ich befürchtet und in dieser Gegend nicht selten ist, traf ein, der Wind wurde ganz still und auf dem spiegelglatten Meere, das kaum eine langgezogene Dünung bewegte, trieben wir unter der brennenden Sonnengluth immer weiter westwärts, mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 72 Seemeilen in 24 Stunden.
Jeden Lufthauch, der hin und wieder aufsprang nutzte ich aus, um bloß aus dieser häßlichen Lage herauszukommen, denn am zehnten Tage (die Linie war wieder passirt) war das Schiff bereits 750 Seemeilen von der Insel abgetrieben worden. Am 14. Tage auf etwa ein Grad nördlicher Breite angelangt, fand ich keinen oder nur noch sehr geringen Strom, aber kein Wind wollte aufkommen; was aber das Schlimmste war, der Wasservorrath ging zu Ende; das Tagesmaß war längst schon so weit herabgesetzt worden, daß jeder Mann nur einen Tassenkopf voll per Tag empfing, und nach einigen Tagen war kein Tropfen mehr an Bord.
Der Grund, daß dieser Mangel eintreten konnte, war folgender: es hatte in Jaluit längere Zeit nicht geregnet, die Wasserbehälter, die das von den Dächern abfließende Wasser auffangen, waren fast leer, so ging ich mit wenig Wasser in See, fest darauf rechnend, in der Nähe des Aequators Regen anzutreffen. Die Wassernoth an Bord wurde schließlich sehr groß, hatte ich doch außer der Mannschaft noch 6 Eingeborne von Pleasant-Eiland mit mir, die während der Ladezeit als Arbeiter helfen sollten und vom Händler, damit er dieser Leute sicher wäre, sofort mit dem ersten Boote abgeschickt worden waren.
Um die Qual des Durstes zu stillen, durchsuchten die Leute alle Räumlichkeiten des Schiffes, wo eine Kokosnuß verborgen sein konnte, und in der höchsten Noth war ein Tropfen halb verdorbener Kokosmilch ein Labsal für uns alle. Die nächste Insel „Greenwich-Eiland“ sollte etwa 120 Seemeilen östlich von uns liegen, aber auch wenn ich Wind gehabt, hätte ich Tage gebraucht, diese niedrige Koralleninsel zu erreichen. So von Tag zu Tag hoffend, daß endlich eine Aenderung eintreten oder doch Regen kommen werde, suchte ich mit den schwachen Lüften, die das Schiff kaum eine Seemeile in der Stunde durchs Wasser trieben, nur nördlich zu kommen. War ich erst hoch genug und ständiger Wind wieder vorherrschend, konnte ich die nächste Insel in der Karolinen-Gruppe aufsuchen, fand ich voraussichtlich dort auch kein Wasser, so würden doch Kokosnüsse zu erhalten gewesen sein.
Regenschwere Wolken hingen am Horizonte schon tagelang, und wie sehnsuchtsvoll nach dem Himmelsnaß ausgeschaut wurde, daß jene Wolken heraufkommen und sich öffnen möchten, kann nur der ermessen, der qualvollen Durst gelitten hat und bereits die Verzweiflung in den Augen der Gefährten blitzen sah, die lechzend nach Wasser riefen.
Doch Gottes Hilfe ist am nächsten, wenn die Noth am größten. Drei Wochen waren hingegangen, da setzte ein frischer Ostwind ein, neue Hoffnung beseelte uns, in 36 Stunden konnte ich die Mortlok-Inseln erreichen, und alle Noth hatte ein Ende. Aber noch gnädiger war der Himmel, nach dem Winde kam bald der Regen und so reichlich, daß alle Behälter gefüllt werden konnten; die furchtbare Qual des Durstes war vorüber. An der Grenze der äquatorialen Gegenströmung, mit der ich jetzt auf etwa 4 Grad nördlicher Breite schneller ostwärts zu kommen suchte, fand ich verhältnißmäßig schlechtes und kühles Wetter vor, schwere Regenböen nöthigten mich häufig nur gereffte Segel zu führen.
Ueber fünf Wochen waren hingegangen, ehe ich wieder Pleasant-Eiland sichtete und diesmal mich drei Tage dort halten konnte. Ein besserer Segler, ein amerikanischer Schooner, war bald nach mir eingetroffen, derselbe trieb auch in den ersten Nächten ab, kehrte aber in drei Wochen wieder zurück und, da dies das einzige Schiff blieb, welches in diesem Zeitraum die Insel angelaufen, hatte der Vertreter der Firma dasselbe nicht zur Rückreise nach Jaluit benutzt, sondern auf meine Rückkehr gewartet. Somit fand ich denselben wohlbehalten dort wieder vor, wiewohl sich schon bei den Weißen die Ueberzeugung Bahn gebrochen, es müsse meinem Schiffe etwas zugestoßen sein; auch nach Jaluit zurückgekehrt, fand ich dort die Nachricht verbreitet, ich sei verloren gegangen.
Weitere Reisen nach der Ratak-Kette, zunächst nach dem Milli-Atoll, machten mich auch dort mit den staatlichen Verhältnissen bekannt. Bald sah ich, daß die Bewohner weniger Nutzen von der vordringenden Civilisation gehabt hatten, als die der Ralik-Kette. Während erstere die monarchische Regierungsform zur Einigung geführt und Auflehnungen einzelner Häuptlinge verhindert hat, hat auf der Ratak-Kette die Herrschsucht der Häuptlinge viele Unzuträglichkeiten geschaffen, vor allen wenn zwei oder mehrere sich in den Landbesitz eines Atolls zu theilen hatten.
Vielfach fand ich auch um Dörfer und an den Grenzen einzelner Besitzungen, gerade oder in Kreisform aus Korallensteinen aufgeführte Mauern. Diese bilden die Grenzscheide, wo gelegentlich Belagerer, die immer die stärkeren sind, und Belagerte zusammentreffen. Es ist kein Kriegführen, nur ein Zerstören, als das Gebiet des Unterliegenden außerhalb der Mauer vernichtet wird. Selten, wiewohl die Eingebornen bereits europäische Waffen in Menge besitzen, selbst die Häuptlinge die besten Hinterlader haben, fällt aus Zufall ein Gegner von einer verirrten Kugel getroffen. Fertigkeit im Zielen haben sie noch nicht erlangt, was ein Glück ist, denn hätten sie diese, so würden sie, mit ihrem scharfen Gesicht sehr gefährliche Gegner sein.
Eigenthümlich ist, daß der Belagerer fast nie die Mauer zu nehmen wagt und ein Handgemenge möglichst vermeidet, eher versucht der Belagerte nächtliche Ausfälle, freilich ohne dabei etwas zu gewinnen. Der Streit endet gewöhnlich durch Uebergabe oder Aushungern, auch durch freiwilliges Abziehen des Stärkeren, der bei der Zerstörung der Palmen und Pandanusbäume sein Müthchen gekühlt hat; nicht selten aber auch durch so unvernünftige Handlungen eine Hungersnoth heraufbeschwört.
Helden sind die Männer alle nicht, sinn- und zweckloses Schießen ist ihnen die Hauptsache, mehr noch das gegenseitige Beschimpfen und die Aufführung kriegerischer Tänze. Nicht genug aber, daß verschiedene Häuptlinge sich auf einem Atoll bekriegen, sie rüsten sich auch mit ihren Proas Kriegszüge nach anderen Atolls zu unternehmen. Noch im Jahre 1885 zogen von Majuro 16 Kanoes mit 300 Mann unter Lailik aus um einen Häuptling auf Aurh zu bekriegen. Diese große Zahl Menschen ist aber niemals dort angekommen, obwohl der Abstand beider Atolle nicht besonders groß ist, sondern nur etwa 70 Seemeilen beträgt, es müssen Wind und Strömungen sie vertrieben haben, wenigstens wurde nie wieder etwas über das Schicksal dieser Schaar bekannt. Ich fand einmal sechs Monate nach jenem Aufbruche zwischen den nördlichen Atolls einen Theil eines großen Kriegskanoes treiben, theilte dieses den Händlern später auf Majuro mit und die Eingebornen entnahmen aus dieser Mittheilung, daß sie nun völlig ihre Angehörigen als verloren zu betrachten hätten.
Unter den Häuptlingen der Ratak-Kette war der angesehenste der verstorbene Kaibuke, dessen Neffe Leaugnat über Milli herrschte, andere, der junge Kaibuke, neben dem Häuptling Jiberik herrschte auf Majuro, auf Maloebab, Murijil; außer diesen war noch eine ganze Anzahl kleinerer Despoten vorhanden, die durch persönliche Zänkereien die Entwicklung der Inseln hinderten und auf einem Atoll oft solche Zustände schufen, daß jahrelang ein Verkehr einzelner Stämme untereinander unmöglich ward.
Zwar ist nach der Besitzergreifung der Marschall-Atolle durch Deutschland entschieden Wandel geschaffen worden, das Erscheinen der großen Kriegsschiffe, oft innerhalb der ausgedehnten mit Untiefen besäeten Lagunen, hat gewaltigen Eindruck gemacht. Jetzt, wo eine neue Obrigkeit vorhanden, haben die Privatkriege zu unterbleiben, jetzt gilt nicht mehr das Recht des Stärkeren, sondern die Streitigkeiten müssen vor das deutsche Gericht gebracht werden. Mancher Häuptling, der die Einmischung der Weißen in seine Angelegenheiten, d. h. in die eines muthwillig herbeigeführten Streites, unbequem fand und widersetzlich wurde, hat zum eigenen Nachtheil empfinden müssen, daß Verletzung der Pflichten und Gewaltthätigkeiten schwer geahndet werden.
Von Apia aus hatte ich einen langjährigen Diener des Herrn Konsuls Weber an Bord, ein Marschall-Insulaner, mit Namen Angenang, der in seine Heimat zurückbefördert werden sollte und so lange an Bord die Pflichten eines Kochs zu versehen hatte, bis sich Gelegenheit gefunden, ihn auf Milli abzusetzen. Es hatte diesem im Dienste der deutschen Gesellschaft so gut gefallen, daß er mit dem Plane umging, seine ganze Verwandtschaft zu beeinflußen, ebenfalls auf drei Jahre sich nach Samoa zu verpflichten. Als sich nun die Gelegenheit bot, den Milli-Atoll anzulaufen, erhielt ich Weisung die Anwerbung der freiwillig sich Meldenden an Bord vorzunehmen. Mehrere Tage in der Milli-Lagune hin und her segelnd, (es waren allerlei Förmlichkeiten mit einzelnen Häuptlingen zu erledigen) landete ich schließlich im Nordosten unter der Insel Ennanlik. Nicht lange währte es, bis sich einige Familien, Männer und Frauen, im ganzen 26 Personen, bereit fanden, auf einige Jahre nach einem fernen, unbekannten Lande auszuwandern, das freilich im Gegensatz zur öden, wenig fruchtbaren Korallen-Insel ein Paradies war.
Den Abschied zu verkürzen, der endlos zwischen den Scheidenden und den Zurückbleibenden zu werden drohte — viel Herzlichkeit, wie ich solche den Eingebornen kaum zugetraut, zeigten sie gegen Verwandte und Eltern — beschleunigte ich die Abreise und befand mich am ersten Abend bereits weit von Milli entfernt, als sich ein Vorfall ereignete, der Schiff und Mannschaft, sowie Fahrgästen einen schrecklichen Tod hätte bereiten können.
Da wenig Ladung Kopra im Raum war, hatte ich, um die kaum bekleideten Menschen Nachts nicht unnütz an Deck frieren zu lassen, auf alten Segeln eine Lagerstatt bereiten lassen. Aber anstatt die Ruhe zu suchen, unterhielten sie sich nach alter Gewohnheit, dabei war ihnen die Dunkelheit im Schiffsraume wohl nicht genehm, sie suchten also aus ihrem wenigen Gepäck eine einfache Petroleumlampe, von deren Vorhandensein ich nichts wußte, hervor und zündeten sie an. Lampe und Brennmaterial war recht schlechte Waare, von Händlern auf Milli eingetauscht, von deren Gefährlichkeit diese Naturkinder natürlich keine Ahnung hatten, und so kam es, daß die auf den Kopra gesetzte Lampe umfiel und explodirte.
Schon waren nach 8 Uhr Abends längst die Wachen abgelöst. Die Wache an Deck hatte ihre Posten, Ausguck und Ruder bezogen, und unter dem sternenklaren Himmel einer friedevollen Nacht herrschte völlige Ruhe auf dem einsam durch den Ozean ziehenden Schiffe. Da plötzlich ein gellender Aufschrei, ein helles Aufblitzen einer Feuerwelle — wie ich vom Hinterdeck aufgesprungen bin und im Augenblick die Größe der Gefahr erkannt habe, wußte ich nachher selber nicht. Die Männer, welche vor den Frauen die befestigte Leiter emporkletterten, stieß ich mit Gewalt zurück und sprang, der von allen Seiten herbeistürzenden Mannschaft befehlend, mir zu folgen, mitten unter die vor Schrecken gelähmten Menschen.
Zum Glück war nur die Hauptluke geöffnet geblieben, kein Luftzug regte die Flammen an, der von hinten wehende Wind trieb den schnell entwickelten beißenden Qualm zum leeren Vorraum; da glücklicher Weise die Lampe auf unbedeckten Kopra, von den Sachen und der Schlafstätte der Leute, weit entfernt aufgestellt gewesen war, so brannte auch erst das umhergespritzte Petroleum allein und von diesem mit entzündet der oelhaltige Kopra. Als einziger Europäer an Bord, (ich hatte nur einen Insulaner als Bootsmann, Lajibid, da es eigentliche Steuerleute nicht gab, vielmehr oft genug solchen Posten irgendwo entlaufene Matrosen, die das Schicksal bis hierher verschlagen, ausfüllen mußten) galt es zuerst die im Hinterraum zusammengedrängten Frauen herauszubringen, was ich schnell dem Lajibid übertrug, während ich mit den inzwischen ebenfalls herabgesprungenen Leuten die Schlafmatten ergriff, und solche ausgebreitet in das Feuer schleuderte, um es etwas zu dämpfen. So erreichte ich es, daß die nackten Leute, welche sich sonst der entwickelten Gluth nicht nähern konnten, muthig vordrangen und so schnell Matte auf Matte deckten, daß diese selbst nicht anbrennen konnten, auf die Weise wurde das Feuer erstickt.
Ueber dem Feuerheerde wurden dann alte Segel ganz ausgebreitet und nun, da hilfreiche Hände genug vorhanden waren, (den Milli-Leuten ließ ich nicht lange Zeit sich zu besinnen) wurden Ströme Wasser mit Eimern oder mit dem was gerade zur Hand war ausgegossen. Nachdem dann dem furchtbaren Rauche durch Oeffnen aller Luken Abzug geschafft war, wurde schnell mit Schaufeln, freiliegende Kopra haufenweise über Segel und Matten aufgeschüttet; als auch diese wieder durchnäßt war, war nach mehrstündiger Arbeit jede Gefahr beseitigt.
Welch ein Schicksal aber wäre uns beschieden gewesen, wenn wir des furchtbaren Elementes nicht Herr geworden wären! Nicht die Hälfte der Leute hätte ich retten können, das einzige Boot würde mit 20 Menschen schon bei bewegtem Seegange überladen gewesen sein und ehe es möglich geworden wäre Land zu erreichen, — Jaluit lag noch annähernd 120 Meilen vor uns, zurück gegen Wind und See zu rudern war ausgeschlossen — wären wir sicher eine Beute der Haie geworden wie alle anderen.
Selbst für den mit allen Gefahren der See vertrauten Seemann — Gefahren von denen der Landbewohner sich nichts träumen läßt — sind solche Augenblicke schrecklich, vor allem für einen Führer, der weiß, daß Menschenkraft im Kampfe gegen drei Elemente erliegen muß. Er selber harrt auf seinem Posten aus und stirbt, wenn er das Schicksal der ihm anvertrauten Wesen nicht mehr wenden kann, aber er weiß auch, daß die, die sich vielleicht auf Trümmern gerettet, einem grausamen Geschick verfallen sind.
Solche Gedanken geben einem Menschen übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten — die Gefahr liegt vor ihm, Tod oder Leben hängt von seiner Entschlossenheit und seinem Können ab — und mit dem Muthe der Verzweiflung stürzt er sich ihr entgegen, um die Planke zu schützen, auf der er steht, die ihn und die Gefährten über die blau schimmernde Tiefe, über den Ozean trägt.
Nach Jaluit zurückgekehrt, fand ich dort mein früher geführtes Schiff, das von Apia hierher beordert worden war, als Ablösung vor und hoffte schon die Milli-Leute nach Samoa bringen zu können; indeß ich hatte nur die Schiffe zu wechseln und befand mich bald wieder auf einer Monate langen Reise durch die Karolinen-Gruppe. Da die Mannschaft, Niue-Leute, für längere Zeit an Bord zu verbleiben verpflichtet war, so hatte ich nun wieder eine geübte Besatzung.
Ich muß mich darauf beschränken von dieser ausgedehnten Gruppe hoher Vulkan-Inseln und zahlreicher Korallen-Atolle ein begrenztes Bild zu entwerfen und kann nur aufrichtig bedauern, daß den zur Kolonialarbeit wenig tauglichen Spaniern diese reiche Inselwelt zurückgegeben war und über ein zukunftreiches Gebiet die entfaltete deutsche Flagge wieder eingezogen wurde. Die Atolle der Karolinen, zwar nicht an Umfang denen der Marschall-Inseln gleich, sind aber doch ebenso reich an Erzeugnissen wie diese, auch meist in größerer Ausdehnung bebaut, da die Bevölkerung zahlreicher ist.
Die hohen Basalt-Inseln wie Yap, Ruk, Ponapè, und Kufat, Stammvesten der Bevölkerung, sind dagegen in Wahrheit Edelsteine im weiten Ozean, die an Fruchtbarkeit in nichts den Samoa-Inseln nachstehen, vielmehr diese noch übertreffen. Die überreiche Natur wartet nur der fleißigen Hand, welche die aufgespeicherten Schätze heben soll. Soll man ein Urtheil über die gesammte Gruppe abgeben, so trifft noch immer der von früheren Entdeckern gethane Ausspruch zu „Das ganze Meer ist besät mit Edelsteinen, gerade wie der Spiegel des sternenbesäten Himmels über diesem.“ „The whole is studded with ocean gems, as if the mirror of the starry sky above it.“
Wenn ich hauptsächlich bei den östlichen Inseln verweile, so geschieht es darum, weil auch ich mit diesen besser bekannt geworden und hier zum Theil Augenzeuge von Vorgängen gewesen bin, die wenigen noch in der Erinnerung, vielen nie wahrheitsgemäß geschildert worden sind.
Zunächst nach Ponapè bestimmt, sah ich diese weithin sichtbare große Insel bereits am sechsten Tage. Einen hochwillkommenen Anblick boten die hohen Felsenmassen dem einsam auf weitem Meere hinziehenden Schiffer; geschmückt mit ewigen Grün vom höchsten Bergesgipfel bis zum blauen Ozean, breitete sie sich gleich einem Paradiese aus vor den staunenden Augen, wie solches von der Hand der Natur nicht schöner geschaffen, wie es einem sorglos glücklichen Volke nicht besser geboten werden kann.
Wie ausgestorben, scheinbar unbewohnt, liegt im smaragdenen Kleide im Ozean gebettet die Insel da, nichts als das Laub zahlloser Bäume ist sichtbar, aus dem vom Strande aufwärts die hochragenden Palmen sich vereinzelt oder in Massen abheben. Wenn man dicht unter die weit abliegenden Riffe, die mit schmalen Inseln besät sind, vorübersegelt, erblickt man hinter diesen ein weites ruhiges Becken, das von den draußen stürmenden Wogen des Ozeans nicht im geringsten bewegt wird und, wie weit man auch an diesem Riffe und Inselkranze entlang segelt, sich immer gleich bleibt. Zwischen dem dichten Laube der Bäume wird keine Hütte sichtbar, doch Rauch steigt hier und dort auf; unter den steilen Felswänden zieht phantastisch ein Kanoe, um bald zu verschwinden.
Ein bloßer Punkt auf meiner Karte, war diese 60 Seemeilen im Umfang große Insel. Sie war nur nicht genau bekannt, auch wußte ich nicht wo ich die Einfahrt zur deutschen Station zu suchen hatte, darum lief ich unter der Ostküste nach Süden und suchte westwärts weiter nach einer Durchfahrt. Da das Wasser still war, wagte ich es als ich gegen Abend eine ganz schmale Durchfahrt zwischen zwei Riffinseln fand, für mein Schiff gerade breit und tief genug, einzulaufen. Zwar lagen anfänglich schlecht sichtbare Riffpatschen umher, die gefährlich werden konnten, doch näher dem Lande verschwanden auch diese, und bald lag wie im sichersten Hafen das Schiff ruhig vor seinem Anker.
War vorher nichts von Menschen sichtbar gewesen, so erschien jetzt bald hier und dort ein Kanoe, und nicht lange währte es, dann lag eine Anzahl derselben längsseit; Hühner, Eier, Yams, Ananas, Bananen, Fische und Kokosnüsse, sowie Perlmutterschalen u. s. w. wurden zum Kaufe angeboten, gegen wenig Tabak konnten von den nackten Eingebornen die wohlschmeckenden Erzeugnisse dieses reichen Landes eingetauscht werden. Lungur-Eiland, den Bestimmungsort, mir zu zeigen, ließen sich willig einige Leute gegen geringes Entgelt bereit finden, sie meinten eine freie Durchfahrt führe innerhalb der Riffe dahin.
Wohl segelte ich am anderen Morgen einige Stunden weiter nördlich im ganz stillen Wasser, doch unter der 1000 Fuß hohen senkrechten Felswand von Jocoits an der Nordseite, fand ich zwischen den hier zahlreichen großen und ausgedehnten Riffen nur schmale gewundene Engen, die mit konträrem Winde nicht gut zu durchsegeln waren. Ich nahm deshalb das Kanoe der Eingebornen an Deck, und suchte durch eine Oeffnung im Hauptriffe wieder die freie See auf, um so nach der eigentlichen Jocoits-Einfahrt zu gelangen. In der That wurde bald Lungur-Eiland und die Station erreicht.
Durch dieses theilweise Umsegeln der ganzen Insel, ward mir die Gelegenheit gegeben, die mächtigen Felsenpyramiden sowohl, wie auch die überaus reiche Pflanzenwelt aus der Nähe zu beobachten; machte ich mich später auch mit dem Innern der Insel näher bekannt und sah die Großartigkeit der Natur in ihrer vollen Pracht und Wildheit, so schwächte dies doch nicht den zuerst gewonnenen Eindruck ab.
Die Insel muß in früherer Zeit eine öde Felsenmasse gewesen sein, bis die allmähliche Zersetzung der Lava und Basaltmassen auf der Oberfläche für das Pflanzenleben fruchtbaren Boden geliefert hat. Heute krönt die Höhen ein fast undurchdringlicher Urwald, reicher Humus hat sich abgelagert, die Verwesung der Pflanzen, die gestürzten Baumriesen erzeugten ihn, hohe Schichten der fruchtbarsten Erde deckten Thal und Höhen überall. Kurze reißende Ströme, aus tausend Quellen genährt, stürzen zu Thal, an ihren Mündungen weite Flächen abgeschwemmtes Land wieder ablagernd, das oft weithin bis zum Fuße der Felsen mit Seewasser überdeckt wird und doch dem Mangroven-Baum und vielen anderen ein Fortkommen gestattet, so daß, gleichwie in der Höhe, auch hier, mächtige Wälder sich ausgebreitet haben.
Silberklar und kühl ist das herrliche Wasser dieser Flüsse, oft bin ich, so weit ich nur mit einem Boote kommen konnte, diese hinaufgefahren, um die Großartigkeit der Urnatur zu betrachten; selbst im Innern des dunklen Erdtheils (Afrika) habe ich in den jungfräulichen Urwäldern kaum solche eigenartige Schönheit der Natur gefunden, wie sie sich hier auf so kleinem Raume dem Auge darbot. Gestürzte Baumriesen lagen, gestützt auf ihre mächtigen Zweige, von Ufer zu Ufer, Brücken, auf denen die zahllosen Insekten hin und her wanderten; auch See- und bunt gefiederte Singvögel liefen ohne Scheu auf solchen auf und ab. Tausende von Luftwurzeln, Lianen und Schmarotzerpflanzen strebten von den Bäumen herab zur Erde, um sich wieder in endloser unentwirrbarer Kette zu heben. Girrend lockt die Taube überall, nicht erkennbar wegen ihres dunklen Gefieders, im dichten Laub der Bäume, und nur das scharfe Auge des Eingebornen weiß sie zu finden und mit sicherem, unfehlbarem Schusse aus der luftigen Höhe herab zu holen.
Die Arten der Pflanzen und Bäume mit ihren Abarten, die Nahrung und Kleidung geben, sind sehr zahlreich; hauptsächlich aber sind es von den Bäumen Brotfrucht, Pandanus, Kokosnuß und Bananen, von den Erdpflanzen Yams, Taro, Ananas und andere, die ohne jegliche Pflege überall wachsen bis weit hinaus auf dem Inselkranz, woran gleich einer schäumenden weißen Linie die Wogen des Ozeans sich unablässig brechen.
In geologischer Hinsicht weist Ponapè besondere Merkmale auf. Der Unterbau ist fester Basalt, darüber thürmen sich aus gleichem Gesteine 2-3000 Fuß hohe Bergkuppen und Höhenzüge auf und darauf wieder vielfach schichtweise gelagerte Lavamassen. Ebenso fand ich auch im südlichen Theil der Insel, nahe dem Kiti-Hafen, als ich zu den schwer zugänglichen Höhen aufstieg, zu Tage tretenden rothen Lehm in ziemlich starken Schichten abgelagert vor, sicher ein Erzeugniß vulkanischer Ausbrüche. Auffallend aber ist, daß das Berggefüge in seiner Masse sowohl, wie in einzelnen Theilen, ein Spielball furchtbarster Naturkräfte gewesen zu sein scheint, denn entkleidet des überaus reichen Pflanzenwuchses böte sich dem Auge des Beobachters ein Gemenge übereinander gethürmter Felsen und Gesteine dar. Nicht die alles zersetzende Zeit allein hat ihnen hier ihren Stempel aufgedrückt, vielmehr sind die zahllosen Sprengstücke, mit denen die ganze Insel besät ist, sicher nur Erzeugnisse der gewaltigsten Erschütterungen und Umwälzungen schon erstarrt gewesener Massen.
Der Hauptheerd der vulkanischen Thätigkeit muß an der Nord- und Nordostseite gelegen haben, da hier eine Reihe kleinerer und größerer Inseln, die getrennt von der gewaltigen Masse der Insel Ponapè liegen, sich als muthmaßliche Krater erwiesen haben. So die Inseln Mutok, Yokocts, 800-1000 Fuß hoch, Yarum, Momts, Takain und Lungur. Die genannten sind alle Basaltgebilde, oft steil und schwer zugänglich, und steigen bis zu 300 Fuß und darüber. Allerdings habe ich keine Krateröffnungen gefunden, wohl aber Lavageschiebe, wenn auch nur in geringerer Menge.
Eine von Fachleuten unternommene Durchforschung der Inselgruppe dürfte zur Bestätigung meiner Ansicht führen. Diese stützt sich auch namentlich darauf, daß Lungur ein stumpfer von allen Seiten steil abfallender Kegel ist (ich habe ihn öfter an steiler Wand erklettert) und oben im Gestein eine geschlossene kahle Vertiefung zu Tage tritt. Auch ist das weite fruchtbare Vorland mit mächtigen Felsblöcken bedeckt, die von der Hauptmasse eine gewaltige Kraft abgesprengt haben muß.
Auffallend ist die oft bedeutende Tiefe innerhalb des mächtigen Riffes, welches die ganze Insel in einem Umkreise von 60 Seemeilen umgiebt; einzig erklärlich dadurch, daß in früherer Zeit ein Sinken der Gebirgsmasse stattgefunden hat, ein neuer Anbau der Korallen aber durch das frische Wasser der Flüsse verhindert wurde und nur dort die Polypen den äußeren Riffwall schaffen konnten, wo ihnen der Ozean reichlich Nahrung bot, so daß schließlich um die ganze Insel Ponapè eine Lagune entstanden ist.
Das Innere der Insel mit seinen Urwäldern ist zum Theil selbst für den Eingeborenen noch unzugänglich und unbekannt, nur wenige schmale Thäler, gebildet von steilen Felswänden, führen durch die einzelnen Gebirgspartien; auch längs der Flüsse, deren Wasserkraft sich im Gestein breite Wege gebahnt hat, ist ein Aufstieg zu den steilen Höhen möglich. Aber der Eingeborene trägt kein Verlangen, sich in der Wildniß umzuschauen, überall in gleich großartiger Weise tritt sie hervor. Am Strande wie auch am Fuße der unzugänglichen Höhen und verborgen im Gebüsch, an Felswänden, im Schatten gewaltiger Bäume hat er sich seine Dörfer erbaut.
Die Entdeckung der Karolinen-Inseln ist den Spaniern zuzuschreiben und zwar soll Quirosa bereits im Jahre 1595 Ponapè gesehen haben. Versuche der Spanier im 17. Jahrhundert, auf den westlichen Inseln Fuß zu fassen, scheiterten aber gänzlich an der Wildheit der Eingebornen, die stets die Priester und Kolonisten ermordeten. Die Folge war, daß das weite Gebiet bis zum 19. Jahrhundert fast ein unbekanntes Land geblieben ist. Jedenfalls war der Anspruch der Spanier auf diese reiche Inselgruppe unberechtigt, da sie sich nie darum bekümmert haben, auch kaum Kenntniß von dem dort verborgenen Reichthum hatten. Deutschen und Amerikanern blieb es überlassen diesen Völkern die Gesittung zu bringen und sie an den Anblick des weißen Mannes zu gewöhnen.
Ueberfälle und Wegnahme einzelner Schiffe haben auch hier wie anderswo in früherer Zeit stattgefunden. Die Eingeborenen, lüstern nach fremden Schätzen, bemächtigten sich meist durch Verrath der fremden Fahrzeuge, nachdem ihrer Uebermacht die Besatzungen erlegen waren. Nach Ueberlieferungen haben die Spanier mehrmals Ponapè besucht, sind aber, da sie den Eingebornen vertrauten, in deren Hände gefallen und niedergemacht. Unter anderen soll im Süden der Insel, wahrscheinlich im Kiti-Hafen, ein Schiff genommen sein, dessen Leute nicht anders getödtet werden konnten, als dadurch, daß man ihnen die Augen ausstach; sie hätten eine solche feste Haut gehabt, daß sie vor jeder Verletzung geschützt gewesen wären. Unzweifelhaft sind es in Panzern gehüllte Spanier gewesen, die hier der Uebermacht erlagen.
Auch im Metalanim-Hafen soll ein Schiff gestrandet sein und die ersten Hühner zu dieser Insel gebracht haben. Die Angabe scheint richtig zu sein, denn man fand später in den Händen der Eingebornen eine Messingkanone, ein silbernes Kruzifix, einen kupfernen Kessel, spanisches Geld u. a. m. Die eigentliche Entdeckung Ponapès erfolgte aber erst im Jahre 1828 durch die russische Korvette „Seniavina“ (Commandant Lutke) und die genauere Kenntniß verdanken wir amerikanischen Walfischfängern und den Missionaren.
Die Bewohner Ponapès, deren Zahl 5000 nicht überschreiten mag, sind, soweit ich sie kennen gelernt, im Umgange ein friedliches Völkchen, gefällig und gastfreundlich; trotzdem zeigen sie dem Europäer gegenüber eine gewisse Zurückhaltung im Benehmen. Etwas Lauerndes liegt in ihrem Gesichtsausdrucke, sie verleugnen das malayische Blut nicht, das, zum Theil wenigstens, durch ihre Adern rollt. Es ist die gezähmte Wildheit, die in dem funkelnden Blick der schwarzen Augen liegt; wie dem Malayen gegenüber hat der Fremde das unbestimmte Gefühl, als hätte er es mit einer Katzennatur zu thun und die scharfen Krallen könnten unerwartet den Arglosen packen.
Der freie Mann duldet kein Unrecht, Blut allein ist die Sühne dafür; bin ich recht unterrichtet, so ist unter diesen Eingeborenen die Blutrache weit verbreitet, auch heute noch ersteht in manchen Familien immer wieder ein Rächer für die beleidigte Ehre oder für das einst vergossene Blut.
Unter sich, im Verkehr mit einander und im Familienleben sind die Eingeborenen gütig und liebevoll, ganz anders als im Verkehr mit dem Fremden, dem gegenüber sie nicht selten sich unfreundlich und abstoßend zeigen; sie haben nur zu wohl dessen Selbstsucht begriffen, daher treten sie auch kalt und zurückhaltend ihm entgegen. Wohl findet der Europäer überall in den Hütten Schutz und Obdach, Speise und Trank und konnte zu jener Zeit unbelästigt wandern, wohin er wollte, aber solche geübte Gastfreundschaft ist nicht selbstlos, der Gastgeber erwartet stets eine Entschädigung, die seiner Mühe entsprechend ausfallen muß, und zwar ein Gegengeschenk, das in seinen Augen werthvoll genug ist.
Von kräftigem Körperbau, stehen die Männer nach Gestalt dem Weißen nicht nach, ebenso ist Klugheit ihnen nicht abzusprechen; auch gewisser Wissensdurst macht sich bei ihnen bemerkbar, und solche, die Gelegenheit gefunden, andere Länder und Völker zu sehen, stehen bei ihnen in hoher Achtung. Dennoch scheint die eingedrungene Gesittung niederdrückend auf das jetzige Geschlecht eingewirkt zu haben, sei es auch nur, daß sie mehr und mehr grollend, sich in sich selbst zurückziehen. Die große Fruchtbarkeit, welche diese hohen vulkanischen Inseln aufweisen, ist durch reichlichen Regenfall bedingt. Ueber der Gebirgsmasse lagert sehr oft ein dichter Wolkenschleier, der vorübergehend heftige Regenschauer herabsendet. Im Jahresdurchschnitt sollen nur 97 schöne, klare Tage vorkommen, 155 bedeckt mit Regenschauer und 72 Tage ständiger Regen.
Selten sind elektrische Ansammlungen, Blitz und Donner, und nach dem Glauben der Eingeborenen besucht dann ihr Gott „Ani“ die Insel und kündet seine Nähe durch zuckende Blitze und rollenden Donner an.
Ganz auffallend ist, wie wenig Ueberlieferung bei diesen Volksstämmen vorgefunden wird, nichts vernimmt man von großen Thaten, nichts von hervorragenden Häuptlingen; das Leben und Wirken früherer Geschlechter ist einfach ausgewischt, selbst im Gedächtnisse der Alten. Ob so geringe Theilnahme vorhanden, ob wirklich nichts Wichtiges in Sagen und Gesängen zu überliefern war, steht dahin, jedenfalls ist das, was an Ueberlieferungen vorhanden ist, so gering und unbestimmt, daß kein Schluß daraus auf das Vorleben dieser Stämme zu machen ist. Nur die Steine reden, wo der Menschen Mund schweigt — gewaltige Bauten, heute noch ausgedehnte Ruinen, stehen als Wahrzeichen einer längst entschwundenen Zeit und bezeugen die Thatkraft und Klugheit, welche den vergangenen Geschlechter innegewohnt hat. Woher sie stammen, darüber fehlt jede Spur; so staunend der Europäer die gewaltigen von Menschenhand errichteten Werke betrachtet, ebenso kopfschüttelnd und zweifelnd steht der heutige Eingeborene vor den Werken seiner Vorfahren. Die Antwort, die ich auf meine Frage erhielt, wer diese gewaltigen Mauern und Bauten aufgeführt habe, wie es möglich gewesen sei, Felsblöcke so übereinander zu thürmen und genau in passende Lage zu bringen, war; daß habe Niemand gethan; vor langer, langer Zeit habe ein schöner junger Mensch, ein Gott, in den Bergen gewohnt, der habe zu den Steinen gesagt, sie sollten sich aufeinander legen und so wären diese Mauern und Bauten entstanden.
Ich ging durch die Ruinen von Kusai, als ich diese Antwort erhielt; der Eingeborne, der sie mir gab, schien mir einer der aufgeweckteren zu sein, überzeugen aber ließ er sich von der Nichtigkeit seiner Angaben nicht und ich erhielt damit den Beweis, daß diese von den Vorfahren aufgeführten Werke heute von den Nachkommen als etwas Unnatürliches angesehen werden.
Aus gleicher Veranlassung müssen sowohl auf Ponapè wie auf Kusai vor Jahrhunderten diese Bauten errichtet worden sein und demselben Zweck gedient haben, da die Lage und Wahl des Ortes auf beiden Insel die gleiche ist. Diese am Metalanim-Hafen auf Ponapè und im Lela-Hafen auf Kusai liegenden Ruinen erzählen eine Geschichte, mit Felsentrümmern aufgeführt, mit Steinen geschrieben und sind eine Ueberlieferung aus der großen längst entschwundenen Zeit eines einsichtigen Volkes. Die Eingebornen, von einem einheitlichen Willen einst beherrscht und geleitet, haben wahrscheinlich diese sowohl zur Vertheidigung wie zum Wohnsitz geeigneten Bauten aufgeführt. Weniger auffällig wäre es, wenn aus kleinerem Gestein solche mächtigen Mauern, die große Quadrate umschließen, aufgeführt worden wären. Das ist aber nicht der Fall, Felsstücke von ungeheurem Gewichte sind aufeinander gethürmt; Zwischenräume mit kleineren ausgefüllt; 20 Fuß hoch und 12 Fuß breit liegen Gesteinmassen in dieser Höhe, die mit ungewöhnlichem Aufwand von Kraft und Geschick hinaufgeschafft sein müssen.
Selbst wenn man annimmt, die mächtigen Blöcke seien auf schrägliegender Unterlage aufgerollt worden, so fehlt doch die Erklärung dafür, auf welche Art diese an Stelle geschafft wurden, zumal da auf der Insel Lela die Steine erst über eine weite Wasserfläche haben geschafft werden müssen. Möglich ist auch, daß die Eingeborenen die so großen und schweren Felsstücke auf Flöße gerollt und weiter geschafft haben, aber dann müssen solche auch eine ganz bedeutende Tragfähigkeit besessen haben. Jedenfalls muß der Gedanke, daß dies alles ohne unsere heutigen Hülfsmittel ausgeführt ist, jeden, der diese Bauten gesehen, in höchstes Erstaunen versetzen. Jedes Quadrat in den Ruinen ist durch Gänge mit einander verbunden, es führen lange Kanäle zum Wasser, und an der Südseite von Lela münden diese in eine Art von künstlichen Hafen, dessen Umrisse zwar noch erkennbar, doch zum größten Theil durch Anschwemmungen verwischt und mit Mangrovengebüsch bedeckt sind. Uebrigens, als der Aufbau dieser Steinmassen vor nicht festzustellenden Jahrhunderten begonnen, ist die heute verschwemmte weite Bucht des Lelahafens bis zum Fuße der Bergmassen auf der Insel Kusai frei gewesen, heute erstrecken sich dagegen in der Runde große ausgedehnte Mangrovensümpfe, durch die nur einige wenige Wasserstraßen führen, und sind höchstens mit einem Kanoe bis zum festen Lande befahrbar.
Ein Beweis dafür, welch ein gewaltiger Zeitraum hingegangen ist, seit diese Werke ausgeführt wurden, ist, daß das Innere der Ruinen sowohl, wie selbst die Steinwälle vollständig überwuchert sind. Hohe Bäume stehen auf den Mauern, tief sind deren Wurzel ins Gestein eingedrungen und haben selbst die mächtigen Blöcke durch ihr Wachsthum auseinander gesprengt. Wie lange diese Ruinen als einstige Residenz der Könige gedient haben, sei dahingestellt, sie wurden schließlich ein Mausoleum der großen Todten und sind heute noch die Grabstätte der „Tokesau“ (Häuptlinge).
Die Insel Kusai, die östlichste der Karolinen-Gruppe, unterscheidet sich von Ponapè nach Form und Größe, sowie dadurch, daß das diese Insel umgebende Riff bei weitem nicht die lagunenartige Bildung aufweist, sondern mit dem Lande mehr verbunden bleibt, und nur größere Ausdehnung an der Nordwest, Nord und Nordostseite hat. An der ersteren, durch einen Durchbruch im Riff, wird dort der Coquille-Hafen, an der letzteren durch die Insel Lela „Nin-molchon“ von den Eingebornen genannt, der Lelahafen gebildet, während im Süden durch Inselchen auf dem Riffe selbst, durch eine Einbuchtung der Felsenmassen, die hiervon umgeben sind, der kleine aber sichere Lottin-Hafen entstanden ist.
In jeder Hinsicht stimmen sonst die beiden Inseln überein, was von der einen gesagt, gilt auch von der anderen; dieselbe Großartigkeit der wilden Natur, dieselbe Unzugänglichkeit zu dem Innern und zu den steilen Bergen, wie auch dieselbe furchtbare einstige vulkanische Thätigkeit.
Vorauszusetzen ist, daß auf dieser so fruchtbaren Insel eine ebenso zahlreiche Bevölkerung gelebt hat, wie auf Ponapè; selbst im ersten Drittel dieses Jahrhunderts war die Zahl der Bewohner noch mehr als doppelt so groß wie heute. Früher sollen sogar nach Angabe der ältesten Eingebornen viel tausende rings auf der Insel gelebt und gewohnt haben. Die einst zahlreich genug waren, stark bemannte Schiffe zu nehmen, und im heißen Kampfe die gut bewährten weißen Männer zu überwältigen, sind heute nur noch ein kleines Häuflein Menschen, 300 an Zahl.
Furchtbar hat eine schreckliche Seuche, eingeschleppt durch amerikanische Walfischfänger, unter dieser Bevölkerung besonders gehaust. In absehbarer Zeit wird auch der letzte Bewohner Kusais bei seinen Vätern versammelt sein, denn keine menschliche Hilfe kann dem Aussterben derselben mehr halt gebieten.
Schrecklich war es solche Kranke zu sehen, noch schrecklicher ihnen mit Rath und That beizustehen. Manchem verband ich die Wunden, andere lehrte ich wie solche rein zu halten und zu behandeln sind. Dafür waren sie auch sehr erkenntlich; lag ich im Hafen von Lela, wurde mir von Fischen, Schweinen und Schildkröten immer ein Antheil vom Könige Keru, der mit christlichem Namen Georg II. hieß, an Bord gesandt. Es ist nämlich Gebrauch, daß alle Speisen für den König sowohl, wie für die Angesehensten insgesammt, bereitet werden, diese werden dann vor das Haus des Königs gebracht und dieser bestimmt jedem seinen Theil.
Sehr unterwürfig sind die Unterthanen gegen ihren mit unbeschränkter Gewalt ausgerüsteten König, keiner wird unaufgefordert dessen hochgelegenes und kunstvoll aufgebautes Haus betreten, tief verneigt sich jeder Vorübergehende; hat einer aber ein persönliches Anliegen, kniet er auf der untersten Stufe der Treppe, die zum Hause hinaufführt nieder und bringt in solcher Stellung sein Anliegen vor. Des Königs Ausspruch ist Gesetz; so oft ich auch bei solcher Gelegenheit im Königshause anwesend war, fand ich dies bestätigt.
Durch beiderseitiges Entgegenkommen stand ich mit dem Könige und den Häuptlingen auf besonders gutem Fuße, was darauf zurückzuführen war, daß ich auch ihnen unentgeltlich Arznei gab, ihre Wunden verband und Schmerzen linderte. Sie lohnten mir dafür mit den Erzeugnissen des Landes, oft brachten sie mir so viel, daß meine Leute kaum alle Nahrungsmittel zu verzehren im Stande waren. Bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich Kenntniß von einem merkwürdigen Aberglauben. Ich war im Lelahafen eingelaufen, und da ich Wassermangel an Bord hatte, fuhr ich sofort mit einem Boote durch das Mangrovengebüsch den Fluß hinauf zum festen Lande um die mitgenommenen Fässer auffüllen zu lassen. Im Flußbett bemerkte ich auf klarem sandigen Grunde viele Aale, die aber zu gewandt waren, als daß sie mit den Händen zu greifen waren, nur ein mächtiges Thier von 4 Fuß Länge, dessen Schwanz wahrscheinlich von einem Hai abgebissen war, konnte sich nur mühsam fortbewegen. Diesen Aal im flachen Wasser zu ergreifen wäre zwecklos gewesen, deshalb befestigte ich, um ihn doch zu erhalten, ein starkes Messer an einer Stange, stieß dieses dem Aale durch den Kopf und nagelte ihn am Grunde fest. Bald waren die Kräfte des Thieres erschöpft, und es gelang die Beute zu sichern.
Zurückgekehrt zum Schiffe, fand ich dort eine ganze Zahl Eingeborner, auch Häuptlinge versammelt, die wieder Geschenke gebracht hatten; kaum aber hatten die Niue-Leute den großen Aal, den sie essen wollten, an Deck gebracht und aufgehängt, als die Eingebornen zum großen Theil auffällig verschwanden, ohne ihr Anliegen vorgebracht zu haben. Ich las in aller Mienen Abscheu und Furcht, und einen Häuptling befragend, warum sie sich vor solchem todten Thiere fürchteten, sagte er mir, daß in den Aalen, die von niemand gegessen werden, der böse Geist sich aufhalte, und wer solches Thier tödtet oder gar davon ißt, wird sicher gestraft.
Dieser Ausspruch war genügend, um die gewiß von thörichtem Aberglauben erfüllten Niue-Leute stutzig zu machen; sie ließen den Aal, dem sie die Haut schon abgezogen hängen, und wiewohl ich sie thöricht und unklug schalt, wollte doch keiner mehr etwas damit zu thun haben, viel weniger davon essen; es blieb nichts anderes übrig als den „bösen Geist“ über Bord zu werfen, worauf dann erst die in ihren Kanoes wartenden Eingebornen an Bord zurückkehrten.
Bemerkenswerth ist, daß Hundefleisch als besonderer Leckerbissen auf Ponapè gilt und werden Hunde dort gerne eingetauscht und gemästet. Ich hatte gelegentlich einmal einen elenden alten Hund, der mir von Eingebornen der Marschall-Inseln angeboten wurde, angenommen, um das Thier nicht elendiglich verkommen zu lassen; da es aber gar nichts werth, dazu bissig und häßlich war, so nahm ich in Ponapè das Angebot, es für zwei große Schweine abzugeben, an, zufrieden auf solche Weise den Hund loszuwerden, dem keiner nahen durfte und der mit Vorliebe seine Zähne in die nackten Beine der Leute einzugraben liebte.
Zeigen die Marschall-Insulaner im Flechten der Matten u. a. ganz besonderes Geschick, so übertreffen die Frauen und Mädchen auf Kusai in einer Hinsicht diese dennoch. Auf einem kleinen Webestuhle, der eigenartig gebaut ist, weben sie aus feinem Baumbast sehr kunstvolle Lendengurte, so fein und sauber — die Zeichnungen und die Zusammenstellung der verschiedenen Farben sind sorgfältig ausgeführt — wie es die kunstfertige Hand einer europäischen Dame nicht fertigbringen würde. Als Schere, um die oft kaum zolllangen Fädchen abzuschneiden, bedienen sie sich der messerscharfen Kante einer kleinen Seemuschel.
Staunend habe ich oft in ihren Hütten dieser kunstvollen mühseligen Arbeit zugeschaut. Wie der Knabe von Jugend auf sich mit dem Speere übt, den schnellen Fisch im Wasser zu tödten, so sitzen die Mädchen im jugendlichen Alter schon flechtend und webend, um ihre einfache Kleidung so schön wie möglich zu schmücken, denn wie alle Evastöchter sind auch diese einfachen Naturkinder nicht gänzlich frei von Eitelkeit.
Daß früher schon die Bewohner Kusais unter sich nicht allein Tauschhandel getrieben, sondern eine Art Werthgegenstand als Geld benutzten, gleichwie afrikanische Völker die Kauri-Muschel, ist erwiesen, und zwar haben sie die werthvolle Perlmutterschale dazu benutzt, die auf tiefem Korallengrunde, namentlich in Ponapè häufig gefunden wird. Von einer großen, sauber bearbeiteten Schale hatte das Kernstück, nach Größe und Breite, einen entsprechenden Werth, ein solches, etwa zwei Zoll breit und 6 bis 7 Zoll lang, wurde einem Arbeiter als Tagelohn ausbezahlt, die kleineren Stücke galten weniger. Wann aber dieses Geld, von dem ich einige Stücke noch in Lottin-Hafen bekam, in Kurs gewesen, darüber konnte ich gewisses nicht erfahren.
Einst nach längerer Abwesenheit nach Jaluit zurückgekehrt, erfuhr ich, daß in der Zwischenzeit, ein mir auch bekannter Europäer am Strande ermordet worden sei. In dunkler Abendstunde aus einer der Wirthschaften, deren zwei vorhanden waren, heraustretend, sei er von Malayen die irgend ein Schiff zurückgelassen, überfallen und getödtet worden. Ein Racheakt sei es gewesen und eine Verwechslung habe in der Dunkelheit stattgefunden, und ihr sei dieser junge Mann zum Opfer gefallen.
Der Mörder und seine Mitschuldigen waren schnell gefaßt und dem eingelaufenen deutschen Kriegsschiffe „Bismarck“ ausgeliefert worden; der Thäter büßte seine Schuld mit dem Leben.
Am Abend jenes Tages, an welchem ich in Jaluit eingelaufen war, folgte ich der Aufforderung des Leiters unserer Gesellschaft, den Abend mit Billardspielen gemeinschaftlich hinzubringen. Um diese Absicht auszuführen begaben wir uns zu dem Hause des deutschen Wirthes, das gewöhnlich von den Europäern besucht wurde. Nicht weit davon lag die Wirthschaft eines Schwarzen, der mehr Zuspruch von den zu Zeiten im Hafen anwesenden Schiffsbesatzungen hatte; hier pflegte es öfter auch recht lebhaft zuzugehen. Es mochte etwa 9 Uhr abends geworden sein, als ein wilder Lärm von jenem Hause herüberschallte, unter anderen hörte ich die lärmenden Stimmen meiner Niue-Leute heraus. Daß einige an Land gegangen waren wußte ich, ich hatte ihnen selber Urlaub gegeben, daß aber der Steuermann, ein von mir in Ponapè aufgenommener Matrose, der dort von einem Schiffe krank zurückgelassen worden war, ein Norweger, entgegen meiner Weisung die ganze Besatzung an Land gelassen und ihr noch dazu Geld zu Schnaps gegeben hatte, ahnte ich nicht.
Sogleich unterbrach ich das Spiel und eilte in der Meinung meine Leute seien mit anderen in Händel gerathen, zu dem anderen Wirthshause. Als ich schnell das Haus erreicht, fand ich in der Schenkstube eintretend allerlei Volk vor, darunter meine ganze Besatzung. Alle waren angetrunken und zwei Parteien befanden sich im heftigen Streite, der augenblicklich verstummte, als ich meinen Leuten befahl, sofort an Bord zu gehen. Aber nur einige waren vernünftig und folgten der Weisung, vier weigerten sich entschieden zu gehorchen; als sie auch einer zweiten Aufforderung nicht Folge leisteten, faßte ich schließlich, durch die Widersetzlichkeit aufgebracht, einen an, und schob ihn der Thüre zu. Kaum aber war meine Absicht den Umstehenden klar, als ich von hinten gefaßt und mit Faustschlägen zu Boden gestreckt wurde; im Fallen riß ich den Angefaßten mit mir, der auf mich fiel, dieser Umstand rettete mich, denn so kurz die Zeit auch war, bis der Mann aus meinen Händen befreit werden konnte, sie genügte um die Schaar, welche mit gezückten Messern und dem Rufe „tödtet den weißen Mann“ „kill the white man“, von der Mordthat zurückzuhalten.
Wider Erwarten war ich plötzlich frei und von dem Eigenthümer des Hauses, einem riesigen Neger, aufgerichtet sah ich, wie ein Weißer einen wuchtigen Stock auf die Köpfe der braunen Gesellen niedersausen ließ, die durch Fenster und Thüren entflohen. Der Retter in der Noth war ein amerikanischer Schiffsführer, von Honolulu, der gegen Abend noch in den Hafen eingelaufen, hier zufällig vorbeigekommen und mit angesehen hatte, wie ich niedergeschlagen wurde.
Meine Leute, soviel ich gesehen, waren es nicht gewesen, welche die Messer gezogen, die Uebelthäter aber wollten oder konnten sie nicht nennen, wenigstens konnten diese nicht ermittelt werden. Der deutsche Konsul mußte sich also damit begnügen die vier Mann, die Widersetzlichkeit gezeigt, dafür drei Tage lang in Eisen zu legen.
Nicht lange nach diesem Vorfall war mein Schiff wieder segelfertig, um eine Reise nach den Karolinen anzutreten; ich wurde von verschiedenen Seiten gewarnt, mit solcher Besatzung wieder in See zu gehen, denn dem rachsüchtigen Charakter der Niue-Leute sei nicht zu trauen. Indes ich verließ mich darauf, daß es keiner wagen würde, eine Meuterei an Bord auszuführen, da sie wohl wußten, daß sie vielleicht elendig auf See verhungern müßten, wenn sie ihren Führer überfallen und tödten würden. Wieder ging ich, ohne einen Europäer an Bord zu haben (der vorige wurde nach jenem Vorfall an Land sofort abbezahlt) in See, machte dafür aber einen der Niue-Leute jetzt zum Bootsmann, und als am Horizonte das letzte Land verschwunden war, rief ich die Leute alle zusammen und machte ihnen den Standpunkt klar.
Ihr vier, Bela, Sepona, Fiticefu und Mißcoffi, erklärte ich, seid dafür bestraft worden, was ihr in der Trunkenheit an Land begangen habt, zehnfach härter aber fällt die Strafe aus, wenn ihr ein Gleiches an Bord versuchen solltet. Für mich ist die Sache abgethan und ich hoffe für euch ebenfalls, doch, da ich euch nicht unbedingt vertrauen kann, so bin ich auf alles gefaßt und vorbereitet; zeigt ihr Ungehorsam oder gar Widersetzlichkeit, dann fallen die Folgen auf euch, also thut wie früher eure Pflicht.
Und die Leute thaten sie. Ich hatte nicht zu klagen, es schien als wollten sie durch Willfährigkeit gut machen, was sie in einer schwachen Stunde, als sie nicht Herr ihrer Sinne mehr gewesen, begangen hatten.
Auf dieser Reise nun lief ich die Insel Kusai zuerst an, um dann über Ponapè nach dem Providenz-Atoll weiterzusegeln. Nach erfolgter Ankunft im Lela-Hafen kamen am anderen Morgen 16 Eingeborene der Gilbert-Gruppe mit einem großen Brandungsboote zu mir an Bord und baten, ich möchte sie nach Jaluit mitnehmen.
Sie wären, erzählten sie, vor wenigen Tagen auf Kusai gelandet, nachdem sie zehn Tage auf dem Ozean zugebracht, kraftlos und nahezu verhungert, hätten sie die größten Qualen erduldet, ehe sie an dieser Insel in dunkler Nacht angetrieben wären. Ihre Heimath, die Insel Apamama, hätten sie mit ihrem Boote verlassen, um nach der nördlicher gelegenen Insel Maiana zu segeln, der starke Aequatorialstrom aber hätte sie weggeführt.
Bis ihre letzten Kräfte erschöpft gewesen, so lange hätten sie verzweifelt gegen Strom und Wogen angekämpft, dann aber, als die wenigen im Boot befindlichen Kokosnüsse aufgezehrt waren, Hunger und Durst sich eingestellt, hätten sie ihr Segel gesetzt und wären immer vor dem Winde laufend, nach Westen gesegelt, wo, wie sie früher gehört, große Inseln liegen sollten. Einsam auf dem unendlichen Ozean in einem offenen Boote fahrend, den schrecklichsten Leiden preisgegeben, hätten sie keine andere Hoffnung gehegt, als die, vielleicht im fernen Westen Land zu finden. Aber nie hätten sie Land angetroffen. Da alle zum Tode erschöpft waren, so würden sie so, wenn sie nur wenige Meilen südlich von Kusai, vorbeigetrieben wären, in wenig Tagen schon dem Hunger und Durst erlegen sein.
Welche Qualen diese 10 Männer und 6 Frauen erduldet hatten konnte man daran sehen, daß die Hölzer im Boot mit den Zähnen angebissen waren; das Grüne, welches sich durch faulendes Wasser im Boot angesetzt hatte, war mit den Fingernägeln ausgekratzt worden, selbst ihre mangelhafte Bekleidung aus Grasschurzen bestehend, hatten sie aufgegessen und damit den furchtbaren Hunger zu stillen versucht. Daß das Boot am Riffe in der Brandung nicht zerschlagen, die zum Tode erschöpften Menschen nicht am sicheren Gestade zu Grunde gingen, hatten sie einzig dem Zufall zu danken. Todesmatt waren sie von Bewohnern Kusais aufgefunden, gespeist und getränkt, nicht nach Art eines barbarischen Volkes als Feinde angesehen worden; sie wurden zum König nach Lela gebracht, der ihnen Speisen geben und eine Wohnstätte auf der Hauptinsel anweisen ließ, wo sie warten könnten, bis ein Schiff sie mitnehmen würde. Ihren Wunsch gleich mitgenommen zu werden mußte ich freilich auch abschlagen, da ich noch eine weite Fahrt vor mir hatte, allein ich versprach, sie auf meiner Rückreise von den Providenz-Inseln, abzuholen, und verwandte mich beim König Keru für sie, daß derselbe sie auf einige Wochen noch behalten möchte.
Von Ponapè segelte ich weiter nach Ujelang, der Hauptinsel im Providenz-Atoll, die etwa 240 Seemeilen nordost von der hohen Karolinen-Insel entfernt liegt, hier auf diesem einsamen Atoll fand ich nur etwa 40 Menschen vor, weißköpfige Greise unter ihnen, die erzählten, daß ihre Voreltern von den Marschall-Inseln mit Kanoes vertrieben seien, diese wären einst auf der einsamen Insel gelandet und hätten viele, viele Jahre verlassen gelebt, bis der weiße Mann gekommen sei und sich hier niedergelassen habe.
Einsam und trostlos genug fließt die Zeit und das Leben den wenigen Bewohnern auf dieser weltentlegenen Insel hin, vor allem für den Europäer, einem Deutschen, der höchstens alle acht Monate einmal, wenn ein Schiff einläuft, sich mit einem gebildeten Menschen unterhalten und freuen kann. Die Aufgabe die diesem Manne gestellt, ist nicht leicht, ein arbeitsames Leben muß ihn vor Schwermuth bewahren; die eigentliche Kultur soll er hier einführen und auf dem steinigen Korallenboden Kokosplantagen anlegen, deren Ertrag in späterer Zeit die aufgewendete Müh' und Arbeit lohnen soll.
Alle Bewohner dieser Insel leben nahe der deutschen Station und arbeiten für diese und von Fleiß und stetiger Arbeit zeugt es, daß 70000 Kokosnüsse und junge Bäume in weniger als zwei Jahren ausgepflanzt worden sind. Heute stehen auf einst ödem Korallengrunde Palmenhaine, deren Wipfel stolz im Winde rauschen, ein melodischer Gesang zu der donnernden Woge, die sich ewig in ohnmächtiger Wuth an diesen Gestaden bricht. Auch hier werden in ferner Zukunft einst, wenn die jetzt schon mit Korallenpatschen dicht besäte Lagune geschlossen worden ist, sich ausgedehnte Landflächen bilden, auf denen die Tropenwelt ihre ganze Pracht entfalten kann. Der Lebensunterhalt der wenigen Bewohner besteht aus der Kokosnuß, Taro, Fischen und Hühnern, letztere sind in großer Zahl vorhanden, ebenso Enten, die, da kein Eingeborner auf allen diesen Koralleninseln die Eier als Nahrung betrachtet, sich stark vermehren können. Jedesmal erhielt ich in Ujelang hunderte in Seesalz aufbewahrte Eier, die mir stets willkommen waren.
An solchen einsamen Gestaden halten sich auch mit Vorliebe die mächtigen Riesenschildkröten auf, um zur Brutzeit am Strande ihre Eier im Korallensande einzuscharren, die allein die heißen Strahlen der Sonne auszubrüten vermag. In der Brutzeit kommt das Weibchen dreimal an's Land und setzt jedesmal etwa 140 Eier ab, hält sich aber stets in der Nähe auf, um die aufgekommenen Jungen, die instinktmäßig dem Wasser zustreben, zu schützen. Wie mir versichert wurde, lauert das Männchen der jungen Brut auf und frißt eine große Zahl der jungen Thierchen, denen außerdem auch von großen Seevögeln viele Gefahren drohen, in Wirklichkeit gelangen aus der großen Anzahl Eier nur verhältnißmäßig wenige zur Entwicklung.
Der Fang solcher Riesenschildkröten, der in mondhellen Nächten ausgeführt wird, ist nicht so ganz ungefährlich, gewandt und schnell muß man dabei verfahren, das Thier von der Seite am Panzer zu fassen suchen und es auf den Rücken werfen. Um nicht durch Bisse oder die scharfen Krallen verwundet zu werden, bedienen sich die Eingebornen gewöhnlich bei großen Thieren starker Stöcke, die sie unter den Brustpanzer schieben und so das Thier umzuwerfen versuchen, das auf ebenen Boden dann unfähig ist, sich wieder umzuwälzen und zu entkommen.
Bei Gelegenheit meiner zweiten Anwesenheit auf Ujelang wurde einer großen Schildkröte nächtlicherweile aufgelauert, deren Brutstätte bekannt geworden war, es gelang uns wirklich, das mächtige Thier abzufangen. Nachdem das Thier mit schweren Knütteln getödtet war, wurde ihm der Brustpanzer mit scharfen Messern abgelöst; neben dem fetten wohlschmeckenden Fleische fanden wir 140 reife Eier vor, die kugelrund und mit einer weichen, lederartigen Schale umgeben sind. Letztere werden als besondere Leckerbissen angesehen, doch fand ich, daß sie, gekocht oder gebraten, einen etwas strengen Geschmack haben; wenn auch sehr nahrhaft, so sind sie doch nicht frischen Hühner- oder Enteneiern gleichzustellen. Diese Schildkröte wog etwas über 500 Pfund, doch waren auf Ujelang schon größere und schwerere gefangen worden. Zieht man bei solchen Thieren ihr langsames Wachsthum in Betracht, so müssen solche Meerbewohner ein hohes Alter erreichen.
In keinem Atoll habe ich so viele ausgedehnte Riffpatschen gefunden wie gerade hier, deshalb hat das Hindurchwinden mit einem Schiffe seine Schwierigkeit, ehe man von der Hauptdurchfahrt aus die Insel Ujelang erreicht. Mir fehlte es stets an Zeit und Gelegenheit nachzuforschen, ob die Angaben der Bewohner, im Westen der 12 Seemeilen langen Lagune steigen zeitweilig heiße Dämpfe auf, wahr seien, was auf vulkanische Thätigkeit schließen lassen würde. Daß solchen Angaben etwas Richtiges zu Grunde liegen müsse, daran zweifelte auch der deutsche Händler nicht, besonders deshalb, weil die Bewohner nur ungern den westlichen Theil der Lagune aufsuchten; hat dort jedoch wirklich eine unterseeische Kraft sich geäußert, so liegt ein stattgehabter Ausbruch doch jedenfalls eine Reihe von Jahren zurück.
Von Ujelang segelte ich geradewegs nach Kusai zurück, holte dort die 16 vertriebenen Gilbert-Insulaner ab und brachte sie mit ihrem Boote nach Jaluit, von wo sie später mit einem anderen Schiffe in ihre Heimath zurückbefördert wurden.
Es war gegen Ende des Jahres 1886, als ich von der Karolinengruppe zurückkommend Kusai auf dem Rückwege anzulaufen hatte, um dort vom Könige Georg eine alte Schuld einzufordern, die aus einem Quantum von 20000 Pfund Kopra bestand. Ich lag allein im Lela-Hafen und weilte gerade auf dem höchsten Punkte der Insel, Nin-moschon, als von Eingebornen der Ruf erscholl ein „Schiff in Sicht“. Wirklich kam von Norden mit schneller Fahrt ein in diesen Gewässern nicht oft gesehenes Fahrzeug, ein Dampfer, heran. Als dieser näher gekommen war, erkannte ich ein deutsches Kriegsschiff, das dem Anscheine nach im Lela-Hafen einlaufen wollte. Ehe ich aber vom Berge herab an Bord meines Schiffes gelangen konnte, hatte es vor der Einfahrt beigedreht und nur ein niedergeführter Kutter nahte sich mit raschen Ruderschlägen. Das Boot fuhr geradezu zum Hause des Königs, es landete ein Offizier mit mehreren der Bootsbesatzung und, noch erstaunt, was der plötzliche Besuch zu bedeuten habe, sah ich bald nach kurzer Verhandlung mit dem Könige und den Häuptlingen, wie mit kräftigen Axtschlägen das deutsche Protektoratsschild niedergeschlagen wurde.
Für uns Deutsche in dieser weltentlegenen Inselwelt, die stets der Ansicht waren, daß die einmal gehißte stolze deutsche Flagge nimmermehr würde niedergeholt, die reichen Karolinen-Inseln für alle Zukunft ein Theil des deutschen Reiches bleiben würden, war die unerwartete Rückgabe derselben an ein Volk, das sich nie um den beanspruchten Besitz und um sein zweifelhaftes Recht gekümmert hatte, ein harter Schlag. Wie auf Samoa, so mußten auch hier die Deutschen ihr kühnes Hoffen, auf deutschem Grund und Boden zu streben und zu ringen, so bald zu Grabe tragen. Ja, was ich später erfuhr, auf Ponapè haben die weißen Händler, als das Niederholen der Flagge angekündigt war, trauernd am Fuße des Flaggenmastes auf Lungur-Eiland gestanden und über sich die Flagge halbstocks wehen lassen, aus Leid darüber, daß die lange, friedevolle Zeit vorüber, daß ein Volk, dessen Ansprüche keiner begreifen konnte, fortan hier herrschen sollte.
Und es kam der gefürchtete Kampf, furchtbar und ernst, verhängnißvoll für die, welche ein freies unabhängiges Volk geknechtet, das noch nie den Weißen hatte gehorchen gelernt, unheilvoll auch für die, die Jahrzehnte schon in Frieden hier gelebt hatten.
Der kommandirende Offizier kam später zu mir an Bord und ich vernahm die traurige Nachricht, daß von nun an die Karolinen-Inseln unter spanischer Oberhoheit gestellt seien. Nach kaum zwei Stunden zog der „Albatros“, der auf allen Inseln die deutsche Flagge niedergeholt hatte, seines Weges weiter, und das, was wir Deutsche mit Stolz unser genannt, es war dahin! —
Noch am selben Abend besuchte ich den König, um das Nähere wegen der Einschiffung der Ladung mit ihm zu verabreden, doch kam ich jetzt bei diesem schön an, er weigerte sich entschieden, die Schuld zu bezahlen, unter dem Vorwand, er stünde nicht mehr unter deutscher, sondern spanischer Protektion. Eine Verständigung über den streitigen Punkt war nicht möglich, der sonst immer freundlich und entgegenkommende König kehrte plötzlich ganz andere Seiten heraus, mir blieb nichts übrig, als die Forderung fallen zu lassen und unverrichteter Dinge abzusegeln. Aber daß der König und seine Häuptlinge ein volles Verständniß von dem Protektoratswechsel gehabt haben, bezweifele ich — doch wie so bald sollten sie den Unterschied kennen lernen.
Dahin war die Zeit friedevoller Ruhe, dahin die Zeit, wo wir Weiße sicher in den Hütten der Eingebornen aus- und eingehen konnten, der besten Gastfreundschaft, des Schutzes und der Führung gewiß. Was die neuen Herren ihnen angethan, das reizte sie zur hellen Empörung, weckte die schlummernde Rache, und nicht diese allein sollten dem Verderben geweiht werden, sondern auch alle Fremden, weiße oder braune.