VI. Der Aufstand und Kampf auf Ponapè.

Schnell, als wollten die Spanier sich ihres neuen Besitzes auf alle Fälle sichern, und was sie in Jahrhunderten versäumt hatten, jetzt plötzlich nachholen, entfalteten sie ihre Macht auf allen Mittelpunkten d. h. auf den Inseln Yap, Ruck, Ponapè und anderen. Wenig Rücksicht nahmen sie auf die Gefühle bisher ganz unabhängiger Stämme, sie führten jene bekannte Gewaltherrschaft ein, durch welche Spanien im Laufe der Zeiten sich um seine blühendsten Kolonien gebracht hat. Durch Militär- und Priesterherrschaft sollte die Kultur dem freien Volke aufgedrängt werden.

Da den Eingebornen keine Zeit gelassen ward sich allmählich an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen, so fühlten sie den ihnen auferlegten Zwang doppelt hart. Die Strenge, die angewendet wurde, sie zum Gehorsam und zur Ergebenheit zu zwingen empörte sie; Wege und andere Bauten auszuführen, wie sie es für die langansässigen, amerikanischen Missionare freiwillig gethan, weigerten sie sich, sie fügten sich auch nicht gutwillig der Forderung, umsonst schwere Tagesarbeit zu leisten. Grollend zogen sich die Eingebornen zurück, im Herzen Wuth und Rache schnaubend. Ganz sorglos müssen die Spanier gewesen sein, oder sie haben gar zu gering einen möglichen Widerstand geachtet, sonst hätten sie den Anzeichen eines kommenden Sturmes, der warnenden Stimme eines hier ansässigen spanischen Abkömmlings von der Insel Guam, Manuel de Tores, mehr Beachtung geschenkt.

So nahte das Verhängniß, durch Gewalt und Ungerechtigkeit heraufbeschworen. Die beleidigten Häuptlinge, der zumeist betroffenen Bezirke im Norden von Ponapè, nämlich Jokoits, Nut, Mants, Tohuak und andere, sammelten ihre Schaaren, und es wurde beschlossen die Spanier einfach aus dem Lande zu jagen. Festgesetzt als Tag der Rache wurde der vierte Juli 1887; also nach nur wenigen Monaten hatten die Spanier sich schon so verhaßt gemacht, daß die Eingebornen verzweifelt zu den Waffen griffen und sich ihre Freiheit um jeden Preis erkaufen wollten.

Gegenüber der Insel Lungur, der deutschen Station, nach Süden am festen Lande war das spanische Regierungsgebäude errichtet worden und war in gewisser Hinsicht durch die Kanonen der im Hafen liegenden spanischen Korvette „Maria de Melina“ gedeckt, obwohl 130 Soldaten, meistens Malayen von den Philippinen-Inseln, als persönliche Bedeckung dem Statthalter zur Verfügung standen.

Am 1. Juli 1887 (vorher war schon manche Versammlung der Eingebornen verboten und zersprengt worden) sandte der Statthalter zum gleichen Zwecke eine Abtheilung unter den Offizieren Don Ricardo Martinez und Don Alferes ab, um abermals eine große Versammlung aufzulösen, auch hatten die Führer wohl den Auftrag, den Häuptling des Bezirks mit sich zu bringen. Auf welcher Seite nun die Schuld gewesen, das bleibe dahingestellt; die Eingebornen sagen, wie mir später ein Theilnehmer erzählte, die Spanier hätten auf sie gefeuert, wenn dies der Fall gewesen, so war es das Signal für die zu hunderten versammelten Bewohner, den Kampf schon jetzt zu eröffnen.

Wer diese Schluchten und Berge gesehen, die oft mit undurchdringlichem Gebüsche bewachsen sind, worin jedes Felsstück jeder Baum einen Hinterhalt bietet, kann sich denken, daß ein Widerstand gegen diese einsichtigen, gut bewaffneten Bewohner vergeblich war.

In kurzer Zeit endete der Kampf mit der gänzlichen Vernichtung der Spanier, auch der den Eingebornen auf Ponapè und uns Weißen so wohl bekannte Dolmetscher Manuel de Tores fiel; ihm, einem langjährigen, mit allem wohl vertrauter Händler, war bittere Rache zugeschworen worden, weil er sich in die Dienste der Spanier gestellt; er wurde buchstäblich in Stücke gehauen.

Nur zwei verwundete Malayen entkamen dem Blutbade und brachten die Schreckenskunde von der Niedermetzelung der Abtheilung zum Fort. Zur Stunde, als im Fort noch nichts über diese Vorgänge bekannt geworden, weilte der Vertreter der deutschen Plantagen-Gesellschaft Herr Ruß beim Gouverneur, der ihn zu sich gebeten, um über die gefährliche Lage, die keinem unbekannt geblieben, zu berathen; auch sollte Herr Ruß so viele Gewehre und Schießbedarf übersenden, als er irgend entbehren konnte. Da traf die schlimme Kunde ein. Herr Ruß übernahm es, dem Kommandanten des Kriegsschiffes die traurige Botschaft zu bringen, deren Tragweite keiner ermessen konnte, und der ersucht wurde die nothwendigen Maßregeln sofort zu treffen; Herr Ruß aber fuhr zu seiner Station und übersandte dem Gouverneur das Gewünschte.

Die Eingebornen, durch den ersten Erfolg kühn gemacht, und längst vorbereitet, den verderblichen Schlag zu führen, stürmten nun bald zu tausenden nach dem Fort, und umstellten es so, daß kein Entkommen mehr möglich war. Ihre Führer waren der Häuptling Lab in Nut und Nanamariki von Jokoits.

Der Kommandant der „Maria de Melina“ führte sofort, auf die ihm gewordene Nachricht, fast seine ganze Besatzung (nur 28 Mann blieben an Bord zurück), in sämmtlichen Boten dem Statthalter zu Hilfe, aber die flinken Eingebornen hatten das Fort schon umzingelt und warteten im sichern Hinterhalt nur, so lange bis alle Boote in Schußweite gekommen, um die Besatzung niederschießen zu können.

Kein Einziger der Offiziere und Soldaten kam mit dem Leben davon, die meisten lagen alle todt in ihren Booten und die, welche schwimmend sich zu retten suchten, traf die tödtliche Kugel im Wasser. Die Gemahlin des Kommandanten, die sich an Bord befand, wurde durch solchen Anblick tief erschüttert und vor Angst wahnsinnig. Der überraschende Erfolg mochte wohl die Aufständigen stutzig gemacht haben oder sie waren über die Zahl der Besatzung der „Melina“ ungenügend unterrichtet, denn sie führten ihren Plan, das Schiff zuerst zu nehmen, nicht aus. Wären sie gleich in der entstandenen Verwirrung mit ihrer Uebermacht vorgegangen, würde es ihnen ein leichtes gewesen sein das Schiff zu nehmen.

So aber langwierige Berathungen pflegend, ließen sie den Ueberlebenden an Bord Zeit, sich so zu verschanzen, daß ein Angriff auf das Schiff nur unter schweren Verlusten noch möglich war.

Das Boot, welches Herr Ruß von Lungur mit Waffen und Munition abgesandt, wurde auf dem Wege zum Fort angehalten und weggenommen, dadurch bekamen die Häuptlinge den Beweis in die Hände, daß der angesehenste aller Händler auf Ponapè die Spanier unterstützt hatte; deshalb beschlossen sie, auch die Deutschen, welche auf ihrer Station bisher nicht gefährdet waren, nieder zu machen.

Noch aber war das Fort erst umschlossen, in welchem eine kleine Schaar sich vorbereitete, ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Hätten die Feinde es unternommen am Tage die leichte Feste zu nehmen, wären die Eingeschlossenen nicht ungerächt gefallen, so aber wählte der verschlagene Feind die Nacht zum Angriffe, und nahm den größten Theil der Befestigungen ein, nur wenige der Eingeschlossenen sahen den neuen Morgen wieder, doch auch diese kleine Zahl sank vom tödtlichen Blei getroffen, ehe aufs Neue Dunkelheit die Erde deckte.

Einen letzten verzweifelten Ausfall mit denen die die Schreckensnacht überstanden hatten, unternahm der Statthalter am 2. Juli. Priester und Klosterbrüder voran, verließen alle die unhaltbare Feste, um sich zum Strande durchzuschlagen, aber der hinter Stein und Baum gedeckte Feind mähte fast alle bis auf die durch ihre Kleidung kenntlichen Priester nieder. Nur der Statthalter mit wenigen erreichte den Strand, fand aber den Tod mit den letzten Getreuen, ehe er ein rettendes Boot erreichen konnte, und wurde, ebenso wie der Dolmetscher de Tores, in Stücke gehauen.

Später sah ich selbst die Klosterbrüder, die keine Waffe geführt und deshalb unbelästigt das Schiff erreicht hatten, an Bord der „Melina“, und ich muß sagen, auf ihren bleichen Gesichtern waren noch nicht alle Spuren jener schrecklichen Tage und Stunden verwischt.

Der Eingeborne scheut den offenen Kampf, seine liebsten Waffen sind Verschlagenheit und List. Das bewies auch die Botschaft, welche die Häuptlinge am 2. Juli nach Lungur sandten, die die Zusicherung enthielt, den Deutschen würde nichts geschehen. Wenn die Spanier alle todt wären, wollten sie kommen und die deutsche Flagge wieder aufhissen, es solle wieder so wie früher sein. Doch aus anderen Nachrichten, welche überbracht wurden, war mit Sicherheit zu schließen, daß alles nur ein Vorwand wäre, sogar, daß der Häuptling Lojap auf Lungur schon Befehl erhalten hätte, die Station zu nehmen, keinesfalls aber die Umschlossenen fliehen zu lassen.

Um das zu verstehen, muß man die Sinnesart der Eingebornen berücksichtigen, Verschwiegenheit, auf die bei einem planmäßigen Vorgehen gegen Feinde alles ankommt, kennen sie nicht, sie verrathen sich und ihre Absichten selbst. So soll es auch ein offenes Geheimniß gewesen sein, daß am 4. Juli ein Ueberfall auf die Melina geplant war, der den Aufstand einleiten sollte; sie wollten wie sonst mit Tauschgegenständen an Bord fahren, nur in größerer Zahl, und im gegebenen Augenblick die ahnungslose Besatzung überwältigen.

Wären sie so vorgegangen, so hätten die Spanier unverzeihlich sorglos sein müssen, wenn sie nicht im Kampfe Sieger geblieben wären und die unbewaffneten Eingebornen von Bord geschlagen hätten. Dann hätte der Aufstand auch einen ganz anderen, für die Spanier sicher vortheilhafteren Ausgang genommen; ihr Verderben war jene erzwungene Auflösung der am 1. Juli stattgehabten Versammlung.

Wie vorbereitet der Aufstand war, ist daraus zu schließen, daß selbst die Bewohner der Inselgruppe Parkim, die 26 Seemeilen von Ponapè in WNW.-Richtung gelegen ist, sich daran betheiligen wollten und alle Vorbereitungen trafen, zum bestimmten Tage auf Ponapè einzutreffen.

Der deutsche Händler auf jenen Inseln Namens Schmidt, fuhr aber unauffällig, wie schon sehr oft, als wüßte er nichts von allem, in der Nacht zum 2. Juli ab und traf mit seinem Boote und seiner Familie auf Lungur ein, gerade als Herr Ruß die bedenkliche Botschaft der Häuptlinge empfangen hatte. Jetzt zu dreien auf der Station mit einer Anzahl nicht einheimischer Arbeiter beschlossen diese, wenn möglich, die Station zu halten. Doch am nächsten Tage wurde ihre Lage sehr ernst, nach vollbrachter Niedermetzelung der Spanier, sammelten sich die Aufständigen, um den Deutschen dasselbe Schicksal zu bereiten. Alle anderen Händler auf Ponapè in den verschiedenen Häfen als Mants, Kiti und anderen ansässig, waren gleich auf die Nachricht hin, die Spanier seien alle gefallen mit ihren Booten auf die weite See entflohen, mit Recht befürchtend, sie würden demselben Schicksal und der Rache der Eingebornen verfallen, die jetzt, bis auf die amerikanischen Missionare, jeden Fremden tödten wollten und sich bemühten, völligen Kehraus zu halten.

Daß der Häuptling Lojap allein nicht einen Angriff auf die deutsche Station unternommen hatte, lag daran, daß er wußte, wie gefährlich im offenen Kampf die Waffe in der Hand der Deutschen war und, daß sie die Drohung, auf jeden, der sich nähern würde, zu feuern, wahr machen würden. Hatte er doch häufig genug unsern Schießübungen beigewohnt, wenn wir auf bewegtem Wasser Flaschen oder andere Gegenstände zerschossen und selten nur das Ziel verfehlten.

Die Häuser der Station, nur aus Holz erbaut, waren freilich insofern ein ungenügender Schutz, als jede Kugel die schwachen Wände durchschlagen mußte und so war die erste gemeinsam durchwachte Nacht aufregend genug, da die Umschlossenen wohl bemerkten, wie die Feinde zu ihrer Orientirung umherschlichen, ohne jedoch zum Angriff überzugehen.

Jene erwähnte Eigenschaft der Eingeborenen, nichts geheim halten zu können, versetzte die Eingeschlossenen in die Lage, durch Kundschaft die Absichten ihrer Feinde kennen zu lernen und zwar wurde die Frau des Händlers Schmidt, eine Eingeborene von Ponapè am nächsten Morgen ausgesandt, um sichere Nachrichten einzuholen. Dieselbe brachte denn auch die Gewißheit, daß in der kommenden Nacht der erwartete Angriff würde ausgeführt werden — die Eingeborenen sammelten sich am Ostende der Insel Lungur.

Dem gewissen Tode zu entgehen gab es jetzt nur noch eine Möglichkeit — es mußte versucht werden, mit den Booten die offene See zu erreichen, und wenn das gelungen war, dem Schicksale vertraut werden. Die drei Deutschen, zwar bereit zu kämpfen, hatten doch aber auch Weiber und Kinder zu schützen und sahen wohl ein, daß es ein Unding sei, die große Station gegen eine hundertfache Uebermacht zu halten. Darum wurden so geheim als möglich alle Vorbereitungen getroffen, um mit der hereinbrechenden Dunkelheit die Flucht zu wagen.

Da die deutsche Station ziemlich frei gelegen war, konnte ungesehen so leicht keiner herankommen, auch war es möglich, mit Schußwaffen alle Seiten zu bestreichen. So führten denn die Arbeiter ungehindert die Aufträge ihres Herrn aus und brachten so unauffällig als möglich Lebensmittel u. s. w. zum Werfthause und legten Bootsgeschirr, Segel und Ruder bereit.

Aber trotzdem wurde dies alles doch vom Feinde bemerkt und die Absicht erkannt. Da die Werft ganz links von der Station lag, so konnte nicht bemerkt werden, wie einige durchs Gebüsch und durchs Wasser längs derselben sich hinschlichen und sämmtliche Boote, drei an Zahl, losschnitten und treiben ließen. Die Bedrängten, die nun ihre letzte Hoffnung schwinden sahen, setzten, als der Vorgang gleich darauf bemerkt wurde, alles daran, die Boote wieder zu erhalten und einige Arbeiter, tüchtige Schwimmer, brachten denn auch nach vieler Mühe zwei derselben zurück.

Die Boote wurden nun auf dem Riffe gegenüber der Station im Bereich der Waffen festgelegt, aber da man nicht daran gedacht hatte, daß sie mit der ablaufenden Ebbe festkommen mußten, so kostete es viel Zeit und Mühe, als um 8 Uhr Abends alles bereit war, nur eins der Boote wieder abzubringen, und dieses, zum Ende der Werft gerudert, sollte dort bemannt werden. Mit größter Vorsicht wurden die Frauen und Kinder dorthin gebracht, die Männer trugen Geld, Bücher und Waffen hin und fast schien es, als würden sie unbelästigt entkommen. Herr Ruß aber, der als der letzte das Wohnhaus verschloß und zwei Behälter mit Trinkwasser dann zum Boote schleppen wollte, wurde von einem Kundschafter gestellt und angehalten, der schnell erkennend, was hier vorging, seine Genossen durch einen lauten Ruf herbeizulocken suchte.

Wie groß die Gefahr, sah Herr Ruß schnell ein, er setzte also die Behälter schnell nieder, und zwang mit gezogenem Revolver den Verräther, der unbewaffnet war, dies Wasser selber in schnellster Gangart zum Boote zu tragen. In größter Eile wurde darauf ins Boot geworfen, was zur Hand war, vor allem Korallensteine aus der Werft gerissen, um das Boot zu beschweren, dann sprangen die Nahestehenden hinein und losgeschnitten trieb das Boot in die Nacht hinaus. Die meisten der Arbeiter, die zurückbleiben mußten, sprangen seitwärts auf das Riff und flohen strandaufwärts.

Keine Minute zu früh waren die Flüchtlinge entkommen, denn von allen Seiten stürmten die Feinde heran; schnell folgten flinke Kanoes den Fliehenden, die aber den Vorsprung ausnutzend und mit rasch entfaltetem Segel vor dem Winde laufend, durch die Riffenge die offene See gewannen, wo im bewegtem Wasser kein Kanoe ihnen mehr zu folgen vermochte.

Man könnte fragen, warum die Deutschen sich nicht auf die „Maria de Melina“ geflüchtet haben. Solcher Versuch aber wäre wohl fehlgeschlagen, denn die Spanier hätten höchst wahrscheinlich auf das in der Dunkelheit sich nähernde Boot Feuer gegeben. So würden sie den Feinden entronnen, von Freunden niedergeschossen worden sein. Auch war ihnen bekannt, daß in dieser Nacht der Versuch gemacht werden sollte, die so schwach vertheidigte Korvette zu nehmen. Daß dieses unterblieb, das hatte die schwache Besatzung der geglückten Flucht der Deutschen zu danken, denn da diese nun den Händen der Aufständigen entgangen waren, so wurde die Unschlüssigkeit unter den Häuptlingen wieder groß, die vermeiden wollten, daß über die Vorgänge auf Ponapè irgend welche Nachricht verbreitet würde. Sobald die Deutschen die freie See gewonnen und keine Verfolgung mehr zu befürchten war, wurde beschlossen nach der 75 Seemeilen von Ponapè in Südwest-Richtung liegenden Inselgruppe Ngatik zu segeln, dem nächsten Land außer Parkim. Sie wurden aber durch die Verhältnisse gezwungen diesen Plan aufzugeben, denn wie gut nämlich auch alles vorher bedacht und überlegt worden war, in der Hast war im letzten Augenblicke nicht darauf geachtet worden, was in das Boot hineingeworfen wurde und nun stellte sich, als auf bewegtem Meere eine Untersuchung vorgenommen wurde, zum allgemeinen Schrecken heraus, daß nur sehr wenig Mundvorrath im Boote war.

Es blieb also nichts übrig, als den Kurs nach Parkim zu nehmen, wo es vielleicht noch möglich war, aus dem Hause des Händlers Lebensmittel zu holen, sofern die Eingeborenen es noch nicht erbrochen und ausgeraubt hatten. Der frische Wind trieb das schnelle Boot durch die Wogen und schon nach Mitternacht fanden die Flüchtlinge sich in der Nähe der Station. Hier ließen Ruß und Schmidt ihr Boot mit seinen Insassen zurück und gingen mit einigen Leuten auf Kundschaft aus; der dritte Deutsche und ein Eingeborener von Guam (Marianen-Archipel) San Jago, der mit den Deutschen alle Gefahren redlich theilte, blieben im Boote zurück und bewachten einen der Parkim-Leute, der zur Bootsbesatzung des Herrn Schmidt gehörte, und da ihm nicht zu trauen war, nicht freigelassen werden durfte.

Was Eßbares noch im unversehrten Hause vorgefunden wurde (wenig genug war es), wurde so schnell und geräuschlos als möglich fortgeschafft, ebenfalls noch frische Kopra und zahlreiche Kokosnüsse. Alles ging gut, in früher Morgenstunde konnte wieder abgesegelt werden, um jetzt den Kurs südwärts nach Ngatik zu richten. Der gefangen gehaltene Mann wurde vorher frei gelassen, schon um einen Esser weniger zu haben, es waren ihrer im Boote doch genug.

Es war ein gefährliches Unternehmen. Die in dieser Jahreszeit eintretenden Windstillen, die unbekannten Meeresströmungen, sowie öfters sturmartige Böen von langer Dauer machten es mehr als zweifelhaft, ob es den Seefahrern überhaupt gelingen würde, so niedriges Land, wie die kleinen Koralleninseln es sind, aufzufinden; doch im schlimmsten Falle konnte man das hohe Land von Ponapè immer wieder aufsuchen, das bei klarem Wetter doch beinahe 60 Seemeilen weit sichtbar blieb.

Mit dem seetüchtigen Boote war es auch nicht so sehr gefährlich große Strecken zu machen, dennoch mag ihnen allen nicht sonderlich zu Muthe gewesen sein, da keiner auf dem Ozean die Wege, die zu Land und friedlichen Menschen führten, kannte.

So kam der Tag mit seiner Gluth, einsam zogen sie auf weitem Meere dahin — es kam die Nacht und brachte einen Gewittersturm, der sie weit aus ihrem Kurs verschlug — und wieder kam trostlos ein Tag für sie; nun wußte keiner mehr wohin, auf bewegtem Ozean irrten sie umher, kein Land in weiter Runde — die Inselgruppe Ngatik fanden sie nicht und mußten nun, um bloß zu wissen, wo sie sich befanden, nach Osten gegen den Wind aufkreuzen. Tage sahen sie kommen und gehen, bis endlich Ponapè wieder in Sicht kam.

Der Insel nahe, erkannte Herr Ruß, daß sie sich an der Südseite von Ponapè befanden und wollte nun versuchen, in Kiti-Hafen einzulaufen, wo, wie er wußte, im Hause des dort ansässig gewesenen amerikanischen Händlers sich eine Seekarte befand, die, wenn noch vorhanden, ihnen wenigstens einen Anhalt bot, wo sie weiter Land finden könnten. Wohl erinnerte sich Herr Ruß, daß ich ihm den genauen Kurs nach Mokil, der nächsten östlich von Ponapè liegenden Insel, einst angegeben hatte, aber muthlos geworden, mit wenig Mundvorrath im Boote — Wasser hatten sie sich bei verschiedenen Regengüssen mit ihrem Segel aufgefangen — mochte keiner mehr zu einer neuen Irrfahrt rathen.

Im Kiti-Hafen eingelaufen, bemerkten sie, daß die dortigen Bewohner, die längst das sich nahende Boot erkannt, die Absicht hatten, mit Kanoes ihnen den Weg zu verlegen, und nur mit genauer Noth entgingen sie zum zweiten Male ihren Verfolgern. Auf Ponapè durften sie also nirgends landen, sie segelten deshalb wieder nordwärts unter dem Außenriffe hin und suchten die Parkim-Inseln abermals auf.

Ueberrascht, am Strande vor der Station das Boot des Herrn Schmidt zu finden, erfuhren sie bald, daß die auf Ponapè zurückgebliebenen Arbeiter noch in derselben Nacht, als sie selbst geflohen waren, dem Beispiel ihres Herrn gefolgt und das zweite Boot mit steigender Fluth vom Riffe frei gemacht hatten, um ihr Heil auf dem Meere zu suchen; ein ungewisses Schicksal zogen die Leute dem gewissen Tode von der Hand der erbitterten Feinde vor.

Die Deutschen fanden die Hauptinsel gänzlich verlassen, die Eingebornen waren mit ihren Kanoes abgesegelt, nachdem sie die Station gänzlich ausgeraubt hatten, um sich am Aufstand auf Ponapè zu betheiligen. So konnten sie denn in Ruhe sich nach Lebensmitteln umsehen, sie fanden fast nur Kokosnüsse und Brotfrucht, doch gelang es ihnen auch noch einige Schweine zu schießen und Hühner einzufangen, die sie zubereitet mit sich nahmen.

So ausgerüstet, wollte Herr Ruß zum zweiten Male versuchen Ngatik aufzufinden. Auf Parkim durften sie nicht bleiben; die siegestrunkenen Eingebornen hätten sie nach ihrer Rückkehr sicher nicht geschont. Sie segelten also mit beiden Booten wieder ab und vertrauten sich abermals dem Ozean an. Aber als der zweite Tag anbrach, fanden sie wieder kein Land — schon muthlos, zum Theil verzweifelt, wollten sie jetzt das Boot westwärts laufen lassen, auf gut Glück einem unbestimmten Schicksal entgegen gehen.

Doch nur kurze Zeit hielten sie diesen Kurs, da entdeckte einer ihrer Leute, der auf den schwankenden Mast geklettert war, mit seinen scharfen Augen in weiter Ferne südwärts die Kronen hoher Palmenbäume über den im Sonnenlicht glitzernden Wogen, sein Ruf „Land, Land“ riß alle aus ihrer Versunkenheit empor — nach Stunden schon lag vor ihnen das ersehnte und so vergeblich gesuchte Ziel — hier wenigstens waren sie sicher vor ihren einst so guten Freunden, nun aber um so mehr erbitterten Feinden. —


VII. Das Auffinden der Entflohenen.
Rückreise nach Samoa. Ende.

Die geschilderten Vorgänge sind die wortgetreue Wiedergabe dessen, was mir die später Aufgefundenen erzählt haben und ich überzeugte mich selber davon, daß alle Angaben der Wahrheit entsprachen, ja selbst, daß die Irrenden auf weitem Meer viel Härteres erduldet hatten, als sie zu berichten imstande waren.

Von jenen Ereignissen auf Ponapè, insonderheit davon, daß ein Aufstand dort befürchtet wurde, ahnte auf den Marschall-Inseln Niemand etwas. Ich lag mit meinem Schiffe „Futuna“ bereit, in wenig Tagen über Pleasant-Eiland nach Ponapè abzusegeln, ebenso der deutsche Dreimast-Schooner „Brigitta“, der, wie bestimmt, mit mir zusammen dort eintreffen sollte. Es war am 6. Juli um die Mittagsstunde, als, wie gewöhnlich, wenn ein Schiff in Sicht gekommen, das laute „Sail ho“ von den Eingebornen auf Jaluit gerufen wurde und von den hohen Schiffsmasten über die niedrige Insel hinweg auf den Ozean schauend, erkannte man bald, daß das Missionsschiff, der Dampfer „Morningstar“ auf die Südostdurchfahrt von Jaluit abhielt. Doch wie sonst lief das Schiff nicht in den Hafen ein, sondern drehte bei und sandte nur ein Boot hinein, das geradewegs zum deutschen Reichskommissar fuhr und diesem wichtige Nachrichten überbrachte.

Ohne Verweilen fuhr das Boot wieder ab; bald hatte sich die Kunde wie ein Lauffeuer verbreitet, auf Ponapè hätten die Eingebornen unter den Spaniern ein furchtbares Blutbad angerichtet, die deutschen und anderen Händler seien diesem zwar glücklich entronnen, irrten aber auf dem weiten Meere umher, dem sie sich in leichten Booten anvertraut hätten. Alle Schiffe, die in Ponapè einliefen, ließen die Bewohner nicht wieder fort, um zu verhindern, daß nach Westen den Spaniern Nachricht über den Aufstand gebracht würde.

Welche Gefahr für die deutschen Stationen auf Ponapè entstanden war, ließ sich gar nicht beurtheilen, vielleicht war der ganze Handel auf dieser reichen Insel zerstört, vielleicht durch Vernichtung der Bauten und Güter, der Gesellschaft ein ungeheurer Schaden zugefügt worden.

Leider war die mir gegebene Weisung, daß ich zuerst nach Pleasant-Eiland laufen sollte, nicht mehr zu ändern, so wurden denn schleunigst Waffen und Schießbedarf an Bord geschafft, damit wir, wenn nöthig, uns vertheidigen könnten. In aller Frühe des 7. Juli verließ ich den Hafen von Jaluit mit der Weisung, die Reise nach Möglichkeit zu beschleunigen und, wenn ich Ponapè erreicht hätte, vorerst nach den Entflohenen zu suchen; in dem Hafen dort aber nicht eher einzulaufen, als bis ich mich vergewissert, ob solches ohne große Gefährdung für Schiff und Mannschaft geschehen könne.

Nach Pleasant-Eiland, von welcher Insel ich eine beträchtliche Menge Kopra für die „Brigitta“ abzuholen und auf welcher ich auch viel Ladung, Güter und Holz, zu landen hatte, gelangte ich schon nach wenigen Tagen und kreuzte hier unablässig drei Tage und Nächte. Schon war am vierten Tage die Ladung zum größten Theil an Bord gebracht, als der Wind plötzlich schwächer wurde, der Abstand von der Insel vergrößerte sich immer mehr und sah ich ein, daß ich gegen den Strom mich nicht mehr halten würde, deshalb Signale für den an Land befindlichen Geschäftsführer aufhißend, kam dieser schließlich ab; brachte jedoch den deutschen Händler ebenfalls mit, weil er mit diesem noch nicht alles Geschäftliche erledigt hatte.

In der Voraussetzung, der Wind würde wieder stärker werden, blieb der Händler auf Anrathen des Geschäftsleiters an Bord und ließ sein Boot zur Insel zurückfahren; aber die Hoffnung erwies sich als trügerisch, der Wind wurde ganz still und am nächsten Morgen war kein Land mehr in Sicht. Ob das Boot, da der Abstand zwischen Land und Schiff schon ganz beträchtlich gewesen war, die Insel wieder erreicht hat, darüber habe ich Gewisses nie erfahren können.

Wie verhängnißvoll der Strom für die Insassen eines Bootes werden kann, zeigt folgender Vorfall, der sich im Jahre 1889 zutrug und den auf Pleasant-Eiland ansässigen Europäern, die mir persönlich wohl bekannt waren, nebst ihren Leuten das Leben kostete.

Im Juli 1889 wurde im Bismarck-Archipel die Nachricht verbreitet, es seien auf der Insel Tatan drei Weiße und eine Anzahl Kanaken von den dortigen Eingebornen ermordet worden. Da S. M. Schiffe „Alexandrine“ und „Sophie“, im Bismarck-Archipel anwesend waren, unternahm die „Sophie“ es, nähere Erkundigungen einzuziehen und es bestätigte sich, daß zwar keine Europäer, aber sieben Eingeborne von Pleasant-Eiland, sowie zwei Frauen erschlagen waren, zwei Frauen aber noch lebten, von denen eine, ein junges Mädchen, Irivon mit Namen, ermittelt werden konnte und auf ihren Wunsch an Bord des Kriegsschiffes nach Matupi gebracht wurde.

Der dort ansässige Vertreter der Firma Hernsheim & Co., Herr Thiel, der mehrere Jahre auf den Marschall-Inseln (Jaluit) gelebt hatte und die Sprache dieser Insulaner verstand, erfuhr aus dem Munde des Mädchens Folgendes:

Sie selbst sei einst mit dem Schooner „Mangaribien“ (Kapt. Reiher) von Pleasant-Eiland nach Likieb gekommen und habe dort gearbeitet, später sei sie längere Zeit auf Jaluit thätig gewesen, dann aber, als sich Gelegenheit geboten, in ihre Heimath zurückkehren, habe sie sich mit noch drei anderen Weibern auf einem nach Pleasant-Eiland bestimmten Fahrzeuge eingeschifft. Als die Insel schon in Sicht war, sei dieses wahrscheinlich vom harten Strom gefaßt, und abgetrieben worden. Vorher aber sei noch ein Boot mit den Europäern von der Insel gekommen, die Waaren aufgekauft hätten; es waren dies die Händler Harris, van Been (ein Holländer) und Bair, begleitet von dem Häuptlinge Banegain und 6 Kanaken.

Diese nun hätten sie und die anderen Weiber zu ihrer Freude mit in das Boot genommen, doch wegen des zu starken Stromes, den zu überwinden die Mannschaft zu schwach gewesen, hätten sie die Insel nicht erreicht sondern wären drei Monate auf dem Ozean umher getrieben; das Leben hätten sie von den aufgekauften Lebensmitteln, Hartbrod und Reis gefristet. Nach entsetzlichen Leiden wären dann zuerst Bair, dann van Been, zuletzt Harris gestorben, wohl aus Mangel an Wasser. Längere Zeit nach dem Tode der Weißen wären sie an eine Insel angetrieben, auf der sie sich für den im Boote befindlichen Taback Kokosnüsse hätten kaufen wollen.

Sie hätten auch Nüsse erhalten, darauf aber wären die Eingeborenen in das Boot gekommen und hätten mit Tomahawks die sieben männlichen Kanaken und zwei Weiber erschlagen. Sie selbst und ein Weib, Namens Bananie, waren ins Wasser gesprungen und weggeschwommen. Aus dem Wasser hätten die Eingeborenen Papilin und Mamalu sie gezogen und vor der Wuth der anderen dadurch gerettet, daß sie sie in ihre Hütten aufnahmen und zu ihren Frauen machten.

In ähnlicher Weise wie das erwähnte Schiff war auch ich wieder von dieser Insel abgetrieben und hatte keine Aussicht schnell dorthin zurückzukehren, um wenigstens den Händler wieder abzusetzen; versuchte ich es, konnten Wochen hingehen, ehe es mir gelang, die Insel zu erreichen, was mit meiner Weisung, schnell nach Ponapè zu segeln, nicht zu vereinbaren war. Deshalb besann ich mich nicht lange, als jede Aussicht auf frischen Wind geschwunden war, sondern ließ das Schiff nordwärts vom schwachen Windhauch langsam durch die spiegelglatte See treiben, um aus dem widrigen Strom herauszukommen; viel nöthiger schien es mir, den von Ponapè Entflohenen Hilfe zu bringen, als unersetzliche Zeit zu opfern, um Pleasant-Eiland wieder aufzusuchen.

48 Stunden waren hingegangen, als gegen Abend wie gewöhnlich die Pumpen untersucht wurden, weil das im Schiffe angesammelte Wasser ausgepumpt werden sollte. Da fand sich, daß über 3 Fuß Wasser im Schiffsraum war. Bald wurde es zur Gewißheit, daß wir uns auf einem leckenden Schiffe befanden, denn obgleich unablässig die Nacht hindurch gepumpt wurde, war erst gegen Morgen das Wasser bewältigt.

Unter anderen Verhältnissen wäre es, wenn nicht die dringende Sorge um die von Ponapè geflüchteten Deutschen mich gezwungen hätte, die Reise fortzusetzen, meine Pflicht gewesen, wieder nach Jaluit zu segeln, da ich nicht wissen konnte, ob ich in der Folge mit der Mannschaft würde das Schiff halten können. So wurde der Kurs nicht geändert — aber es war, als sollten wir nicht vorwärts kommen, denn selbst in den äquatorialen Gegenstrom gelangt, fanden wir wenig Wind und trieben eigentlich mehr nach Westen, als daß wir segelten.

Die Ursache, daß das Schiff leck geworden, war der Seewurm gewesen, der an einer vom Kupfer entblößten Stelle nahe am Kiel zwei Planken durchfressen hatte. Dieser Wurm bohrt sich als unscheinbares Thierchen in das Holz hinein, wächst darin bis zur Fingerstärke, und wenn eine Planke ganz durchbohrt ist, genügt ein größeres Loch, das Schiff in ernstliche Gefahr zu bringen.

Als ich im Januar 1887 das von Apia gekommene Schiff übernahm, wurde mir nicht bekannt gegeben, daß dieses vorher auf einer Reise nach der Gilbert-Gruppe in der Lagune von Tapetuea auf ein Riff gerathen war und dort wahrscheinlich am Kupfer Beschädigungen erlitten hatte; wären diese gleich in Apia in Stand gesetzt, d. h. das beschädigte Kupfer ausgebessert worden, so hätte das sonst so gute Schiff der Seewurm nicht durchfressen können. Doch es war geschehen und vorläufig nichts weiter zu machen, als durch ständiges Pumpen das Schiff über Wasser zu halten.

Es ist übrigens eine besondere Vorsicht nöthig, wenn man die nicht mit Kupfer oder Zink beschlagenen Fahrzeuge, wie Boote, aussetzen will, denn sehr zahlreich bohren sich diese kleinen Würmer ein und sind im Stande, Bootsplanken von ½ bis 1 Zoll Stärke schon nach mehreren Wochen völlig zu zerstören. Darum dürfen selbst mit Kohlentheer bestrichene Boote nie lange im Wasser liegen bleiben, sondern müssen stets aufs Land geholt werden, sobald sie außer Gebrauch gesetzt sind.

Auch die Eingebornen im weiten Ozean auf jeder Insel befolgen diese Regel, ob ihre Kanoes klein oder groß sind, stets holen sie diese nach dem Gebrauche aufs trockene Land.

Meine Absicht war, zuerst die Insel Mokil anzulaufen, da ich vermuthen konnte, daß dorthin die von Ponapè entkommenen Händler geflohen wären, oder wenigstens von mehreren der Versuch gemacht sein würde diese Insel zu erreichen, da es für sie dort eher möglich war, ein vorübersegelndes oder dort anlaufendes Schiff anzutreffen. Aber trotzdem, daß tagelang die Insel in Sicht war, konnte ich wegen Windstille doch nicht herankommen, und als endlich wieder leichter Wind aufsprang, war ich zu weit entfernt, so daß es besser war, geradewegs nach Ponapè zu laufen.

Vor der Nordeinfahrt angekommen sah ich die „Brigitta“ im Hafen liegen, nicht weit entfernt vom spanischen Kriegsschiff, und als ich auch Boote zwischen beiden Schiffen verkehren sah, hielt ich jede Gefahr für ausgeschlossen und lief hinein.

Die „Brigitta“, später von Jaluit abgegangen, hatte zwar leichten aber ständig guten Wind auf ihrem viel nördlicheren Kurse gefunden, hatte auch Mokil angelaufen und einige dorthin geflüchtete amerikanische Händler gesprochen, dieselben waren aber vollständig unwissend über das Schicksal der Deutschen. Das Schiff umsegelte darauf Ponapè, lief nach Parkim und Ngatik, fand aber auf letzterer Gruppe die Geflüchteten nicht mehr vor. Diese hatten dort, entblößt von allen Mitteln, kaum ihr Leben fristen können und, als der Zeitpunkt gekommen, wo Herr Ruß ein Schiff erwarten konnte, daß von Jaluit nach Ponapè unterwegs wäre, hatte er es mit den Gefährten gewagt, ihm nach Mokil entgegen zu segeln.

Dort angelangt hörte er, daß die „Brigitta“ vor kurzem ihn dort gesucht hätte und nochmals dieserhalb nach Ngatik gesegelt wäre. Da sich gerade günstige Gelegenheit bot schleunigst dem Schiffe zu folgen, nahm er einen Platz auf einem amerikanischen Schooner und ließ sich auf Ngatik, wo er sein zweites Boot zurückgelassen hatte, wieder absetzen. Aber auch hier kam er wieder zu spät an und mußte sich nun zum zweiten Male mit seinem Boote der trügerischen See anvertrauen. Doch als er abermals Mokil erreicht hatte, war die Brigitta, die ihn vergeblich gesucht, vor ihm zu dieser Insel zurückgekehrt, hatte sein großes Boot mitgenommen und war nach Ponapè weiter gegangen.

Diese langwierigen und im offenen Boote nicht ungefährlichen Reisen hatte denn auch die Umherirrenden stark mitgenommen; vor allem hatte die seit langen Wochen schlechte Ernährung ihr körperliches Befinden schädlich beeinflußt. Doch nichts anderes blieb übrig, als nochmals dem Schiffe zu folgen; endlich wurde es an der Nordseite von Ponapè umhertreibend aufgefunden.

Seit dem 2. Juli bis zu dem Tage, an welchem die deutschen Schiffe eingelaufen waren (ich traf etwa 36 Stunden nach der „Brigitta“ ein) war inzwischen ein spanischer Kriegsdampfer, der während des Aufstandes schon auf der Reise nach Ponapè gewesen, angekommen, hatte die fast verlassene „Maria de Melina“ neu besetzt und war dann mit der traurigen Nachricht von der Niedermetzlung der Garnison und der Schiffsbesatzung schnell nach Manilla zurückgedampft.

Unter dem Schutze des jetzt wieder starken Kriegsschiffes konnten wir auf Lungur landen; doch wie verändert war dort alles! Wo einst schöne Wege, wucherten Gras und Unkraut, was in schönster Ordnung gewesen, war verfallen. Zwar hatten die Eingebornen die Station nicht zerstört, sondern nur erbrochen und Waffen und Munition herausgeholt, auch sonst mitgehen heißen, was ihnen nützlich schien, doch war der Schaden und die Zerstörung groß genug.

Nachdem die „Maria de Melina“ Verstärkung erhalten, eröffnete der neue Kommandant Jose de Concha sehr bald die Beschießung, alle im Bereiche der Geschütze liegenden Inseln und Ortschaften wurden unter Feuer genommen; doch, da diese eine ausrangirte Segelkorvette mit alten Vorderladern war, die ihren Ankerplatz nicht verlassen konnte, blieb die Beschießung so gut wie erfolglos.

Wie die Eingebornen erzählten und auch von anderer Seite verbürgt wurde, sind sie, sobald ein Geschoß eingeschlagen hingelaufen und haben, überzeugt von seiner Gefahrlosigkeit, den Zünder herausgerissen; der solches unternahm, dem gehörte dann auch das in dem Halbgeschosse enthaltene Pulver. Nur eine Kugel, die auf solche Weise erlangt wurde, platzte, als ein Verwegener die Lunte fassen wollte, und riß ihm beide Beine weg. So unglaublich dies auch klingen mag, so ist es doch wahrscheinlich, denn die jedenfalls längst nicht mehr zeitgemäßigen Geschütze und die ganz veralteten Geschosse waren zu einer erfolgreichen Beschießung nicht mehr geeignet.

Der Verkehr mit den spanischen Offizieren, während unserer Anwesenheit auf Lungur, war recht freundlich, sie zeigten sich uns in jeder Weise gefällig, auch hatten sie keinen anderen Verkehr und konnten mit Sicherheit nur auf der Insel Lungur landen, da jedes Betreten der Hauptinsel selbst ihnen mit Waffengewalt von den Eingebornen verwehrt wurde. In welcher Weise die Spanier, wenn die erwartete Verstärkung von Manilla eingetroffen sei, vorgehen würden, darüber äußerte sich der Kommandant Jose de Concha folgendermaßen:

Es sollten rund um Ponapè befestigte Stationen unter dem Schutze mehrerer dort stationirter Kriegsschiffe errichtet werden und würden dann tausend Mann genügen, bei allmählichem Vordringen die Aufständigen zu Paaren zu treiben. Namentlich sollten die Bezirke Jokoits, Nut, Aru, Mants und Tahunk gesäubert werden. Wären einmal die Eingebornen in das unwirthliche Innere der Insel getrieben, würden sie durch Hunger und Mangel an Schießbedarf genöthigt, bald genug zu Kreuze kriechen.

Doch die Erwartungen, die dieser Kommandant gehegt, haben sich nicht erfüllt, Spanien konnte vorläufig solche Macht nicht entfalten und als diese später zur Stelle war, mußte es sich mit der Bestrafung der Hauptbetheiligten begnügen, denn inzwischen waren auch die Bewohner von Ruk und Yab in den Aufstand eingetreten, und bald versuchten auf der ganzen Gruppe der Karolinen im Osten wie im Westen fast gleichzeitig die kriegerischen Stämme, sich von dem ihnen auferlegten Zwange zu befreien.

Es ist eine Eigenthümlichkeit der Spanier, daß sie so schnell zu strengen Maßregeln in neuerworbenen Ländern den Eingebornen gegenüber schreiten und immer geschritten sind und so wenig ihre Gebräuche und Sitten berücksichtigen. Und gerade auf den Karolinen war Gewalt am wenigsten angebracht, hier, wo diese Völker noch nie die Hand einer stärkeren Macht gefühlt, wo sie unabhängig, frei und zufrieden lebten.

Unausgesetzte Kämpfe werden die Spanier, so lange diese Inseln in ihren Händen verbleiben, führen müssen, bis der letzte Rest dieses begabten Volkes dem Verderben geweiht ist, bis die weiten blühenden Fluren, auf denen hundertfacher Segen die geringe Arbeit lohnt, Brandstätten und Trümmer geworden sind; die Spanier werden endlich Sieger bleiben, aber um welchen Preis!

Die Kulturarbeit auf diesen Inseln wird ein ander Volk, wenn das jetzt dort lebende Geschlecht in seinem Heimathlande begraben und vergessen ist, zum späteren Segen vollbringen müssen. —

Sobald beide Schiffe segelfertig waren, verließen wir die deutsche Station auf Lungur: Herrn Ruß nahm ich mit nach Jaluit, er durfte nicht zurückbleiben, über kurz oder lang wäre er doch der Rache der Eingebornen verfallen. Die „Brigitta“ steuerte westwärts nach Yab, wo sie vollständig verloren ging, mit der „Futuna“ aber ging ich nordwärts nach dem Providenz-Atoll. Obgleich das Schiff noch immer stark leckte, die Pumpen zu bestimmten Stunden bei Tag und Nacht stets in Betrieb gehalten werden mußten, so hatten doch tüchtige Taucher dem Schlimmsten durch Uebernageln eines Stückes Kupfer am Schiffsboden abgeholfen, und da ich auch u. A. für den einsam auf jenem Atoll lebenden Deutschen Proviant an Bord hatte, wo seit 8 Monaten kein Schiff erschienen war, hielt ich es für nothwendig auch dort noch einzulaufen.

Von Ujelang segelte ich zurück nach Pingelap, einer zwischen Ponapè und Kusai liegenden Insel; dort holte ich mir von dieser eine neue Besatzung, Leute die ich mir erst auszubilden hatte, welche aber wegen geringerer Heuer eine Ersparniß ermöglichten, und kehrte von hier geradenwegs nach Jaluit zurück.

Die „Futuna“ war in den Marschall-Inseln nicht auszubessern, darum beschloß der Vertreter der Gesellschaft, Herr Brandt, dieselbe nach Apia zu senden; doch mußten vorerst noch sämmtliche Stationen mit Handelsgegenständen versehen werden, und auf dieser langen Rundreise durch die Marschall-Gruppe lernte ich verschiedene mir noch nicht bekannte Atolle kennen.

Was die Kulturfrage anbelangt, die das deutsche Reich auf diesen fernen Inseln besonders berücksichtigen muß, so kann ich erwähnen, daß die Ertragfähigkeit noch einer ganz bedeutenden Steigerung fähig ist, sofern der Sinn der einheimischen Bevölkerung für den Handel immer mehr geweckt und diese angeleitet wird, mehr zu erzielen als bisher, was darauf hinausläuft, die vielen brachliegenden Inseln mit Kokosbäumen zu bepflanzen. Dadurch würde nicht bloß ein greifbarer Vortheil erzielt, sondern auch der Gefahr vorgebeugt, daß die Wogen des Ozeans zeitweilige Zerstörungen auf diesen niedrigen Koralleninseln anrichten können. Findet doch jede hier wachsende Baumart, vornehmlich die Kokospalme, selbst auf steinigen Korallengrund, einen dankbaren Boden und gutes Fortkommen.

Im Begriffe nach Samoa abzusegeln, mußte ich meinen Obersteuermann Kannegießer, der die Führung des Schooners „Ebon“ erhielt, welches Schiff dem König Kabua und Nelu gehörte, zurücklassen, und an seiner Stelle den Japanesen Kitimatu nehmen. Kannegießer, der auf den Marschall-Inseln seit jener Zeit verblieben ist, wurde 1894 auf der Insel Butaritari (Gilbert-Gruppe) von den Eingebornen dort, die im Verkehr viel unzugänglicher sind als die Marschall-Insulaner, ermordet. In den letzten Tagen des Jahres 1887 verließ ich Jaluit; gegen starken östlichen Wind aufkreuzend, hoffte ich östlich von der Gilbert- und Ellis-Gruppe nach Süden segeln zu können, fand aber noch nördlich vom Aequator wieder solchen starken Strom, daß ich gezwungen war, diesen Plan aufzugeben, und zwischen 8 bis 12 Grad nördlicher Breite fortan Ost zu gewinnen suchte.

Oft genug hatte ich die Erfahrung gemacht, daß, während im südlichen Theil der Marschall-Inseln gutes Wetter vorherrschend war, im nördlichen zur Zeit des Nordost-Passates starke Winde wehten, so daß an den Gestaden der nördlichsten Atolle sich eine schwere See brach; ob die Annahme, jene Atolle sinken noch langsam, erwiesen ist oder nicht, steht dahin, soviel aber ist sicher, daß die nördlichsten Atolle wegen der immer weiter vordringenden See von ihren Bewohnern haben verlassen werden müssen und die wenigen noch über dem Meere liegenden Inseln heute unbewohnt sind.

Auf 176 Grad westlicher Länge, nahe der Linie, die ich in wenig Stunden zu passiren erwarten konnte, sahen wir, als die Sonne in ihrer wunderbaren Schönheit über den endlosen Ozean aufgegangen war, plötzlich wenige Seemeilen voraus eine niedrige, unbewachsene und unbewohnte kleine Insel. Als wir näher gekommen waren und dieser auf der Westseite vorüberfuhren — ich hatte schon tags vorher weit nördlicher erwartet eine Insel zu sehen und war überrascht jetzt noch eine unerwartet in Sicht zu laufen — sah ich, daß nahe derselben eine große Menge Haifische umherschwamm, auf dem niedrigen Sande aber saßen abertausend Seevögel, die noch mit ihrer Morgentoilette beschäftigt sich erst in Schwärmen erhoben, als der ungewohnte Anblick des immer näher kommenden Schiffes sie aufscheuchte.

Nicht das geringste war auf diesem öden Sand weiter zu entdecken, nur hin und wieder leuchteten im Sonnenstrahl weiße Flecken auf, es waren die angehäuften Ausleerungen der Seevögel, die in Schaaren noch saßen oder mit krächzendem Geschrei in der Luft umherschwirrten. Die Gelegenheit wäre günstig gewesen, hier frische Eier in Mengen zu erhalten, doch sah ich nirgends an der Westseite flacheren Grund und erst ganz dicht heranzulaufen und danach zu suchen schien mir der Mühe nicht werth. So segelte ich weiter, zufrieden, daß die im direkten Kurs gelegene Insel erst am frühen Morgen in Sicht gekommen und nicht, als noch Dunkelheit herrschte, von uns getroffen war, denn dann hätte sie uns und dem Schiffe verhängnißvoll werden können.

Uebrigens war ich auf alle Möglichkeiten vorbereitet, wenn das schon stark leckende Schiff nicht mehr zu halten gewesen wäre — die Mannschaft konnte nichts weiter thun, als nur die Segel bedienen und unablässig jede halbe Stunde pumpen, — dann hätte ich dieses mit den bereit gehaltenen Booten, in denen für Wochen Mundvorrath und Wasser bereit lag, verlassen.

Schon darum war ich soweit nach Osten aufgesegelt und suchte, als der Aequatorialstrom schwächer geworden, noch immer etwas Ost zu gewinnen, damit ich die Phönix-Gruppe durchschneiden oder in Lee von mir zu liegen hatte. Wäre auch keine große Gefahr damit verbunden gewesen, mit den guten Booten auf freiem Meer vor dem Winde zu segeln und Land zu suchen, so wäre solche Fahrt für zwei Frauen, Samoanerinnen, die ich als Fahrgäste an Bord hatte, doch recht unangenehm geworden.

Die Walfischfänger, die in früheren Jahrzehnten so zahlreich diesen Theil des Ozeans durchkreuzt und reiche Beute fanden, haben wenige der gewaltigen Meerbewohner verschont, und doch sah ich hin und wieder noch einige riesige Walfische in der dunkelblauen Fluth sich tummeln.

Mit langsamer Fahrt nach Süden segelnd, (die Phönix-Gruppe lag hinter uns) wurden wir eines Tages von einem, jungen Walfisch begleitet, dem es Vergnügen zu bereiten schien bald vor, bald mit dem Schiffe zu laufen, und gar leicht wäre es gewesen, dem Thiere in den dicken, plumpen Körper eine Harpune hineinzuwerfen, doch sah ich ein, daß, wenn wir auch wirklich mit sicherem Wurfe das Thier hätten tödten können, wir schwerlich einen Nutzen davon gehabt hätten, und Harpune und Leine wollte ich nicht darum opfern. Doch versessen darauf, den Walfisch zu erlangen, oder wenigstens den Versuch zu machen, bot der Steuermann Kitimatu mir immer wieder, wenn der Fisch dem Schiffe recht nahe gekommen, seine werthvolle Harpune an. Er wollte diese verlieren, sollte der Fisch entkommen, nur möchte ich ihm gestatten, eine der besten langen Leinen zu nehmen. Schließlich selbst neugierig gemacht, wie wohl der Fang verlaufen würde, ließ ich alle Vorbereitungen dazu treffen und um sicher zu gehen, damit der harpunirte Fisch die gute Leine nicht zerreißen könnte, beauftragte ich Kitimatu, diese, solange der Wal in die Tiefe schießen sollte, immer weiter auslaufen zu lassen. Ich selbst ging auf den Klüverbaum hinaus und unter diesem am Stammstocke Fuß fassend, durch eine Brustleine gut gehalten, daß beide Arme frei blieben, wartete ich auf den Augenblick, wann der Wal wurfgerecht wieder vor dem Schiffe laufen würde, um dann die bleibeschwerte Harpune dem Thiere in oder neben das Spritzloch mit voller Wucht zuzuwerfen.

Nicht lange brauchte ich zu warten, der Wal kam heran und mit sicherem Wurfe geschleudert, fuhr ihm die tödtliche Harpune seitwärts unter dem Spritzloch tief in den Leib. Zu Tode getroffen, den Schwanz hoch über Wasser schnellend, schoß das Thier mit gewaltiger Kraft in die Tiefe. Die starke Leine fuhr rauchend hinterher; um den Spillkopf zum Wegführen belegt, war sie, da Kitimatu sie nicht fahren lassen wollte, mit furchtbarer Geschwindigkeit um dieses Holzstück herumgerissen worden, sodaß Rauch und Feuer heraussprangen und die Leine zum Theil verbrannt war. Kitimatu, dessen Hände ebenfalls verbrannt wurden in Folge der Reibung, konnte nicht mehr festhalten. Schon war ich selbst inzwischen an Deck gekommen und hatte das Messer gezogen, um diese zu kappen, als plötzlich die Leine aufhörte, weiter auszulaufen. Die Kraft des Thieres war gebrochen oder es kam herauf, um Luft zu schöpfen, die ihm aus der tödtlichen Wunde schnell entflohen sein mochte, — doch diese schnelle Fahrt in die Tiefe war sein Todeslauf gewesen. Weit entfernt an der Steuerbordseite — die ganze 450 Fuß lange Leine war fast ausgelaufen — kam der Wal hoch, Blut und Wasser spritzte er in die Luft, in Strömen floß sein Blut aus der klaffenden Wunde und färbte rings um ihn das Meerwasser roth.

Sich hin und her wälzend, peitschte er noch mit letzter Kraft einige Male das Wasser mit dem Schwanze, dann lag er still. Das Schiff, an den Wind gebracht, trieb mit backgebrassten Raaen; darauf ward der Wal herangeholt, und lag bald in Schlingen aufgefangen sicher längsseit. Nun war die Frage, wie wohl das schwere Thier an Deck gehißt werden könnte, nicht, weil wir nicht gewußt hätten, wie das anzufangen wäre, sondern es fragte sich, ob die stärksten Takel (Flaschenzüge) an Bord ausreichend sein würden.

Im Großtop wurde das stärkste Takel aufgebracht, dann wurde der todte Wal am Schwanze, mit Hilfe unserer Winde hochgeholt, doch der Körper erwies sich, als die Tragfähigkeit des Wassers aufgehoben, zu schwer. Ihn fahren lassen wollten wir nicht, deshalb wurde, um das Gewicht des Körpers zu erleichtern, der ganze Leib, soweit anzukommen war, aufgeschnitten, der Inhalt entfernt, und der Wal schließlich so hoch gewunden, daß sein Uebergewicht über Deck zu liegen kam. Jetzt wurde ein anderes Takel vom Vortop an der Harpune befestigt — am Kopfe war durchaus keine festsitzende Schlinge anzubringen, zumal da dieser nicht frei vom Wasser zu bringen war — an Bord sicher festgelegt, dann stürzte, indem wir plötzlich das Hintertakel fahren ließen, mit gewaltigem Krach der schwere Körper, 22 Fuß lang, über die Regeling (Bordwand) weggleitend, an Deck. Obgleich wir unvollkommene Mittel an Bord hatten, um den nicht besonders dicken Speck des Wals auszulassen, wurden dennoch gegen hundert Liter Thran gewonnen, vom Fleische jedoch wurde soviel als die Leute irgend unterbringen konnten, in Salzlacke gelegt, dann in Streifen geschnitten und an der heißen Sonne getrocknet. Der Vorrath war so groß, daß die Mannschaft noch in Apia damit Tauschhandel trieb.

Da beim schönsten Wetter mit leichtem Ostwind die östlichste Insel der Unionsgruppe in Sicht gekommen war, konnte ich darauf rechnen, in einigen Tagen die hohen Berge von Upolu nach zwei Jahren wiederzusehen. Wir erübrigten uns trotz des häufigen Pumpens die Zeit, dem Schiffe ein schmuckes Aussehen zu geben und arbeiteten fleißig um die Takelage sauber in Stand zu setzen.

Schon war die Arbeit beendet, und ich freute mich darüber ohne zu ahnen, daß alles vergeblich gewesen, und obwohl ich wußte, wie leicht in dieser schlechten Jahreszeit südlich vom Aequator stürmische Westwinde plötzlich auftreten, dachte ich doch nicht daran, nur noch 200 Seemeilen von Samoa entfernt, von einem Sturm überrascht zu werden.

Am Morgen des 25. Januars 1888, der ebenso golden und friedlich angebrochen, wie seit Wochen schon ein jeder Tag, fand ich eine Aenderung am Aneroid-Barometer, der langsam fallend auf ungewöhnliche Vorgänge in der Atmosphäre hinzuweisen schien, obgleich kein Wölkchen am azurblauen Himmelsgewölbe sich zeigte. Zog weit vom Standorte des Schiffes ein Sturm oder gar ein Orkan vorüber? Das konnte ich noch nicht wissen, ist doch der Umkreis des letzteren oft gewaltig groß. Doch das Barometer sank mehr und mehr, der leichte Ostwind ward ganz still, und auf der spiegelglatten Fluth wiegte sich das Schiff. Der Mittag kam und noch dieselbe Ungewißheit blieb, nur im Nordwest und Norden kamen am Horizonte weiße Wölkchen auf, näherten sich mit großer Geschwindigkeit, als fegten sie, leichten Federn gleich, vor einem entfesselten Sturm dahin!

Die Gewißheit jedoch erhielt ich bald, mehr und immer drohender kam schweres Gewölk herauf, die Luft, bisher klar und rein, ging in ein fahles Graugelb über, kein Zweifel war mehr, daß ein Orkan heranziehe, der, wenn wir ihm nicht entfliehen konnten, seine Mitte sich nach Osten fortschiebe, uns mit seinen wirbelnden Armen erfassen und in die schweigende Tiefe des Ozeans unfehlbar ziehen würde.

Was geschehen konnte, geschah, obwohl ich überzeugt war, daß das schwer lecke Schiff kaum einen heftigen, anhaltenden Sturm überdauern würde.

Sehr erstaunt war die in solchen Dingen unerfahrene Mannschaft, als während der tiefsten Stille, — kein Windhauch regte sich, — der Befehl zum Dichtreffen sämmtlicher Segel gegeben wurde, und nach kurzer Zeit lag das Schiff unter Sturmsegeln, selbst die Zeit fand ich noch, ein neues Vorstagsegel, das auf der Reise fertig geworden, anschlagen (anbinden) zu lassen.

Da kam von Norden her, (am wirbelnden Wasser, das mit tausend kleinen Wellen und weißen Köpfen wie tanzenden Kobolden aufwallte, war es schon von weitem erkennbar,) der erste heftige Windstoß. In immer kürzeren Pausen mit immer wachsender Gewalt, kam der Sturm daher und trieb trotz der wenigen Segel das Schiff vor sich her, durch die immer wilder und höher schäumende Fluth.

Ich befand mich in dem äußern Kreise des wirbelnden Sturmes, der von Stunde zu Stunde wuchs; wohin aber zog die Mitte? Ihr mußte ich mit aller Gewalt entfliehen, so lange es noch eine Möglichkeit dazu gab. Mit großer Besorgniß beobachtete ich das Barometer, das bis 5½ Uhr Nachmittags ständig fiel, dann stand es, der Sturm hatte seine höchste Gewalt erreicht.

Ich wußte nun, da der Wind von Zeit zu Zeit in der nördlichen Richtung, woher er wehte, wenig hin und her umsprang, daß der Orkan nach Süden zog, seine Mitte vielleicht sehr weit entfernt im Westen lag. Aber doch war seine Gewalt so furchtbar, daß er den Athem benahm, und die See so wild und furchtbar, wie ich sie selten gesehen. Das Schiff ächzte in allen Fugen, den Kopf niedergedrückt in die brandenden Wogen, raste es vor dem heulenden Sturm dahin. Die Leute, zitternd und unfähig ernstlich noch zu kämpfen, festgebunden an den Pumpen, damit die überbrechenden Seen sie nicht mit fortrissen, arbeiteten, doch vergeblich; denn die Pumpen warfen kein Wasser auf, obgleich durch die donnernden Wogen, durch den heulenden Wind, das unheimliche Geräusch davon zu vernehmen war, wie die Wassermassen im Raume hin und her spülten; wenn das Schiff ein Spielball der Wogen recht schwer rollte, wollte es mir scheinen, als könne es sich nur schwer wieder aufrichten, die große Wassermasse im Raume drückte es auf die Seite und wenn diese reißend anwuchs, konnte es geschehen, daß das sinkende Schiff sich auf die Seite legte, um sich nie mehr aufzurichten.

Mit andern Mitteln dem Verderben zu wehren war unmöglich, keine Luke konnte geöffnet werden, denn fußhoch spülten die Wellen über das Deck, die Wassergewalt war so groß, daß an beiden Seiten die Verschanzung zum Theil weggerissen war, und jede von hinten oder seitwärts aufstauende See fegte Wasserberge über das Schiff.

So konnte es nicht weiter gehen, ich sah den Untergang vor Augen, nicht die wilde See und den rasenden Sturm fürchtete ich, vielmehr das steigende Wasser im Schiffsraume, das in absehbarer Zeit uns in die Tiefe des brüllenden Ozeans ziehen mußte. Das Schiff an den Wind zu bringen, war das einzige, was noch geschehen konnte, aber ob es nicht schon zu spät, ob bei dem Versuche nicht eine einzige wilde See, die mit voller Gewalt beim Anluven sich über das Schiff brechen mußte, genügte, dasselbe auf die Seite zu drücken und es mit allen an Bord verschwinden ließ! Das ließ sich nicht sagen. Das Untermarssegel stand noch immer wie ein Brett geschanzt, dahinter setzte sich der Sturm und so klein auch die Fläche Leinewand war, mit größerer Gewalt und Geschwindigkeit war das Schiff noch nie durch die Fluthen getrieben worden. Dies Segel mußte verschwinden wollte ich das gefährliche Manöver noch ausführen, solch Oberdruck, wenn erst der Wind von einer Seite einfiel, mußte verderblich werden. Der Gedanke, das Segel noch aufgeien und bergen zu können, wäre thöricht gewesen, keiner meiner Leute, mit denen, vom Japanesen abgesehen, gar nichts mehr anzufangen war, hätte auch nur den Versuch gemacht, den wie eine Gerte hin und her schwankenden Mast zu erklettern.

Ein matter Tagesschimmer lag noch über dem erregten Ozean, den furchtbaren Kampf der Elemente verdeckte noch nicht die dunkle Nacht — so durfte ich denn nicht mehr zögern, vielleicht beschleunigte ich das unabwendbare Schicksal, vielleicht auch, war das Manöver, wenn es gelang, unsere Rettung.

Mit Kitimatu besprach ich das Nothwendigste, er sollte mit einigen Leuten vorne im Schiff aufpassen, vorerst die Schoten des Marssegels fliegen lassen, damit dieses in Stücke peitschen könne, dann das dichtgereffte Vorstagsegel setzen, während ich hinten ein wenig das Großsegel anhissen lassen wollte, um durch dessen Druck das Schiff schnell an den Wind zu bringen. Ehe aber die Mannschaft verzweifelt und muthlos, wie es kaum anders von solchen braunen Menschen erwartet werden konnte auf ihren Posten stand, fegte plötzlich der Sturm mit seiner wildesten Gewalt daher, die See war nur ein Schaum, keine hohe Welle hob sich — es war, als hielt der Druck der Atmosphäre die schäumenden Wogen nieder — da, ein furchtbares Krachen, das den heulenden Sturm übertönte, das Marssegel, gespalten und mit wenigen Schlägen aus seinen Tauen geflogen, flog im Winde wie leichtes Papier dahin. Vor Top und Takel lief jetzt das Schiff. Hatte es aber vorher den von hinten heranstürmenden Wogen entrinnen können, so drohten diese nun, da die Geschwindigkeit vermindert worden, über das Heck herein zu brechen.

Kaum hatte ich diese Gefahr in den wenigen Augenblicken erkannt, so rollte auch schon eine furchtbare Woge heran, die grüne Kopfmasse glitzerte selbst schon im Abenddunkel — das Herz im Leibe machte die Erwartung, was die nächste Sekunde bringen mußte, stille stehen — den unvermeidlichen Tod, wenn diese Woge das Schiff überlief. Als wollte das Schiff sich in seine Länge überwerfen, so hoch auf dem Kamm der Woge hob sich das Hintertheil, dann brach die See. Instinktmäßig sprang jeder fußhoch in die Wanten, um von der brüllenden Gischt nicht fortgerissen zu werden, das Deck war sogleich von der See überspielt, daß nur die Masten, das Karten- und Deckhaus hervorragten. Krachend waren beide Boote unter ihre Träger gepreßt, die Böden eingedrückt worden und vollgefüllt mit Wasser waren die starken Befestigungen wie Bindfaden zerrissen.

Eine zweite See, eine dritte kam heran, gleich drohend und verderbenbringend, dann war es still, als hätte die Wuth des Meeres ausgetobt — jetzt oder nie war der Augenblick gekommen, das Schiff an den Wind zu bringen. Indem ich Kitimatu das Zeichen gab, sein Segel zu hissen, und selbst den letzten Halt des Großsegels fahren ließ, dem Manne am Ruder den Befehl gab, das Steuer nach Backbord zu legen, wirbelte unter dem Drucke der Leinewand das Schiff herum, und die nächste See schon, wie ein Wasserberg herankommend, faßte es von vorne.

Doch war die Gewalt des Windes groß, als wir vor der See liefen, war diese, von vorne kommend, derart, daß man den Kopf wegwenden mußte, um geduckt hinter der Verschanzung, nur athmen zu können. Mit dem letzten harten Stoße hatte sich der Wind etwas nach Osten gedreht und da dort der Kopf des Schiffes den Wellen zugekehrt war, so brachen diese nicht so schwer über das stampfende Fahrzeug. Aber schlimmer kam es. Das Vorsegel nicht ganz aufgehißt, holte zu furchtbaren Schlägen aus; ehe ich selbst bei der jetzt herrschenden Dunkelheit nach vorne gekommen, war schon das Vorstag gebrochen; das neue Segel an seiner Schot nur noch gehalten, wehte, auf die heranrollenden Seen peitschend, in Lee. Dieses bargen wir; doch was schlimm war, der Vordermast hatte seinen besten Halt verloren, und, konnte der Schaden nicht ausgebessert werden, so brachen die stehenden schwächeren Befestigungen, brach auch durch das furchtbare Arbeiten des Schiffes der Mast und mußte, um das Schlimmste zu verhindern, gekappt werden.

Hatte der Japaner in den Stunden der höchsten Gefahr gezeigt, daß er nicht nur ein unerschrockener Seemann war, so zeigte er jetzt kühnen Muth und Verachtung jeder Gefahr, ohne diesen Helfer wäre mir nichts gelungen. Die Pingelap-Leute hielten sich nur fest und kein Zureden, kein Schelten half — der böse Geist, sagten sie, sei gekommen und würde sie alle holen. —

Da keine Mittel zur Hand waren, in solcher Dunkelheit die nothwendige Arbeit auszuführen, so wurde zunächst das große zerschlagene Boot an Deck geführt, die Taljen abgenommen und mit diesen und dem zerrissenen Stag eine vorläufige Verbindung zwischen Mast und Bugspriet hergestellt, die stark genug war, dem Maste den verlorenen Halt wieder zu geben.

Als dies gethan war, mußte Wind und Wellen anheimgegeben werden, was ihre Gewalt uns noch Schlimmes zufügen wollte. In all der Noth dieser Stunden, in dem verzweifelten Kampfe mit den Elementen, hatte keiner mehr darauf geachtet, daß eigentlich um eine sinkende Planke gerungen wurde, bis der Augenblick gekommen, wo wir uns wieder darauf besinnen konnten und das im Schiffsraum so unheimlich spülende Wasser uns an die Gefährlichkeit unserer Lage mahnte.

Mit beiden Pumpen, die jetzt Wasser warfen, wurde unablässig fortgepumpt, standen wir auch bis zum Halse im Wasser, drohten die Seen uns wegzuspülen, wir mußten ausharren und die letzten Kräfte einsetzen. Es war ungefähr 10 Uhr Abends geworden, rabenschwarze Nacht umgab uns, bei der Arbeit war der Nebenmann nicht zu sehen, nur fühlen oder durch Anruf konnte man sich überzeugen, ob keiner fehlte, da öffneten sich die Schleusen des Himmels, eine Regenfluth stürzte herab, wie solche kein Wolkenbruch furchtbarer ausgießen kann.

Waren wir aber nicht im Stande gewesen, uns Lichter anzuzünden, so leuchteten plötzlich, gleich einer magischen Erscheinung, solche an den Enden jeder Raa auf, flüchtig erscheinend und schwindend. Es waren die Elmsfeuer, die durch Ausgleichung entgegengesetzter Elektrizitäten entstehen. So lange der furchtbare Regen anhielt, zeigten diese sich bald einzeln, auch zu mehreren, nur sekundenlang waren sie auf allen Raaen zugleich sichtbar.

Eine wunderbare Wirkung übte aber der strömende Regen; die See, so wild und furchtbar, beruhigte sich sehr schnell, das Zischen der weißen Schaumkronen verstummte allmählich und gegen Mitternacht, da auch in gleicher Weise der Sturm sich gelegt, hoben nur noch langlaufende Wellen das Schiff auf ihren Rücken, es war, als wenn der im wildesten Aufruhr tobende Ozean wieder ruhig zu athmen begann. Der goldene Morgen kam, so freundlich grüßte die Sonne vom wolkenlosen azurblauen Himmelszelt hernieder, als hätte sie nichts vom Verzweiflungskampfe der Menschen mit den entfesselten Naturkräften gesehen. Fast hätte man aus diesem Frieden, der wieder über den breiten Ozean gebreitet lag, schließen mögen, daß jener heiße Kampf um das Leben, nur ein böser, schrecklicher Traum gewesen sei, wenn nicht jeder Blick über das arg zugerichtete Schiff das Gegentheil bewiesen hätte.

36 Stunden unausgesetzter, schwerer Arbeit waren hingegangen, als endlich das Wasser im Schiff, das durch den verwaschenen Ballast nicht zu den Pumpen gelangen konnte und mit Eimern ausgeschöpft werden mußte, bewältigt war und auch so viel Segel wieder gesetzt waren, daß das Schiff langsam mit wieder leichtem Ostwinde durch die Fluthen zog. Am 30. Januar 1888 erreichte ich wohlbehalten den Hafen von Apia.

Unverändert in der äußeren Erscheinung fluthete auf Samoa das Leben, nichts verrieth, welche Kämpfe in einem Zeitraum von zwei Jahren hier gewüthet hatten, welch' Parteizwist die Bevölkerung zu blutigen Kriegen verleitet hatte. König Maliatoa war entthront und verbannt, Tamasessi, König von Samoa, gegen den aber, als Schützling der Deutschen, die feindlich gesinnten Häuptlinge zu Felde zogen, deren großer Zahl dieser König auch erliegen mußte, für die deutsche Sache floß selbst das Blut der deutschen Marine-Matrosen, die im heldenhaften Kampfe der Uebermacht erliegen mußten!

Schlimmer aber als früher war der Konkurrenzneid entfacht, die Parole war „gegen die Deutschen“. Weigerte sich schon der Samoaner der betreffenden Behörde, damals der deutschen, die geringe Steuer zu zahlen, welche für den Kopf einen Dollar betrug, so war es um so bedauerlicher, wenn auch Weiße durch ihre Weigerung den Eingebornen zu noch größerem Widerstand aufreizten.

Eines Falles will ich nur Erwähnung thun: Im Frühjahr 1888 wurde von der damals deutschen Munizipalität einem in Apia ansässigen Franzosen, der jede Steuerzahlung verweigert, mehrere Kisten mit Getränken gepfändet und ihm in Folge dessen die Schankgerechtigkeit entzogen. Amerikaner und Engländer, die, wo es sich gegen Deutsche handelte, stets alles in Bewegung setzten, was nur irgend zu Schwierigkeiten führen konnte, hatten sich vorgenommen, am Tage der Versteigerung, die in den Räumen des deutschen Konsulats stattfinden sollte, einen Putsch zu veranstalten, der zu Thätlichkeiten führen sollte. Auch standen hinter ihnen eine Anzahl Halb-Samoaner, meistens Abkömmlinge von Engländern, eine Menschensorte, die alle Untugenden der Weißen und Eingebornen in sich vereinigt.

Diese löbliche Absicht war jedoch nicht geheim genug geblieben und so fanden sich am festgesetzten Tage der größte Theil der in Apia anwesenden Deutschen ebenfalls zur Versteigerung ein. Es war ein stilles Uebereinkommen unter allen, das bedrohte deutsche Ansehen zu schützen, auch, wenn nöthig, die Beamten vor Beleidigungen zu bewahren.

Doch die verhältnißmäßig große Zahl von Deutschen, die wir erschienen, sowie der strömende Tropenregen kühlten wunderbar schnell die Rauflust der Gegenpartei ab, die, weil in der Minderzahl, keine Bekanntschaft mehr mit den deutschen Fäusten zu machen wünschte und alles verlief zur vollsten Zufriedenheit. Daß bei einem Straßenkampfe vor dem deutschen Konsulat, der durch das Eingreifen der aufgehetzten Eingebornen große Ausdehnung annehmen konnte, die deutschen Kriegsschiffe im Hafen nicht unthätig bleiben würden, wußten wir, denn der angesammelte Groll war so groß, daß aus einer kleinen Reiberei sich schnell ein ernster Kampf entwickelt hätte.

Noch waren die Vorbereitungen, die „Futuna“ zur eingehensten Ausbesserung aufs Land zu holen, nicht beendet, als eines Tages Ende Februar die untrüglichen Anzeichen eines Orkans sich bemerkbar machten.

Blutroth stand die Sonne am Himmel, ihre Strahlen durchdrangen nicht mehr das dichte Dunstgebilde, immer drohender wurde die Luft, die, schließlich eine gelbe Dunstmasse bildend, den ganzen Horizont umzog.

Wie furchtbar frühere Orkane gewüthet hatten, davon zeugten an den Riffen die zahlreichen zerschmetterten Schiffskörper, die selbst von der furchtbaren See bis zum festen Lande geschleudert worden waren. Gefahr beim Ausbruch eines Wirbelsturms war hauptsächlich für die im Hafen liegenden Schiffe, unter denen sich die deutschen Kriegsschiffe „Olga“, „Adler“ und „Eber“ befanden und für die Sicherung dieser Fahrzeuge unterblieb wohl nichts, was in der Möglichkeit menschlichen Könnens lag.

Mein Schiff zu sichern, mit dem ich unter dem Schutze des vorspringenden Korallenriffes „Kap Horn“ lag, brachte ich vier Anker aus mit so viel Kette, als es der beschränkte Raum gestattete. Vor mir lag mit ihrem Heck, dem genannten Riffe zugekehrt, die „Olga“ und dampfte, als die einlaufende See immer höher und wilder wurde, gegen diese an zu dem Zwecke, ihre aufs Aeußerste angespannten Ankerketten zu entlasten.

Berge gleich rollte die See in den Hafen und es war ein großartiger, wenn auch wenig erhebender Anblick, die Schiffe mit der immer mehr zunehmenden See kämpfen zu sehen.

Furchtbar arbeitete die „Olga“; im Wellenthal, wenn zwischen meinem Schiffe und diesem ein Wasserberg heranrollte, der sich mit donnernder Gewalt auf dem Riffe brach, sah ich mitunter nichts weiter von dem Kriegsschiffe als dessen obere Masten und Marsraaen, so hoch, so gewaltig war die See. Wirbelnd, ohne Widerstand zu finden, raste die Schraube jedesmal in freier Luft, wenn der Bug des Schiffes tief hinabsank, das Heck dagegen von anlaufender See hochgehoben wurde.

Die in den Hafen aus nordöstlicher Richtung einlaufenden Wassermassen mußten naturgemäß sich einen Abfluß suchen und fanden diesen, einen wirbelnden Strom verursachend, unter Land nach der See zu auslaufend. Dieser Strom, oft so breit wie das ganze Riff und namentlich im kleinen Hafen sich verbreitend, hatte zur Folge, daß die in diesem liegenden Schiffe dessen ganzer Gewalt ausgesetzt waren und ein Spiel der See und des Stromes wurden.

Aengstlich wartete jeder auf den Ausbruch des Orkans; die wilde See kam bei vollständiger Windstille heran, aber so schwer und hoch, daß, hätte hinter dieser die Gewalt des Windes sich gesetzt, das Unglück jetzt schon eingetreten wäre, das ein Jahr später so vielen Schiffen verderblich geworden ist und hunderten deutscher Seeleute ein frühes Grab bereitete. Wo an diesem Tage die „Olga“ mit Erfolg der wilden See widerstand, sank 1889 der „Eber“ mit seiner ganzen braven Besatzung, von den Wogen hinabgerissen unter das hohle Riff, das selbst die Todten nicht zurückgab.

Ein Schiff nur widerstand der Gewalt der Seen nicht; im großen Hafen an jener Stelle, wo keine steinigen Riffe das Ufer umsäumen, wurde es hoch auf den Strand geworfen, es ist dies derselbe Ort, auf welchen 1889 die „Olga“, nachdem ihre Ankerketten zerrissen, von den Wogen geschleudert worden ist, der einzige Punkt, wo es möglich ist, ein gestrandetes Schiff wieder flott zu machen.

Die gefürchtete Nacht kam mit ihren Schrecken — doch der erwartete Orkan blieb aus, wo dieser geweht, welche Inseln er mit seiner verheerenden Gewalt heimgesucht, wer konnte das sagen! Samoa verschonte er dieses Mal, um dafür ein Jahr später desto furchtbarer zu wüthen, mit seinem mächtigen Arme die stolzen Schiffe und ihre braven Besatzungen in den Grund, in den Tod zu wirbeln. —

Meine Absicht, die deutsche Heimath nach langer Abwesenheit wieder aufzusuchen, konnte erst im Monat Mai zur Ausführung gelangen und, da in Apia Mangel an Schiffsführern war, mußte ich die Aufsicht über die Ausbesserung der „Futuna“ aufgeben und mehrmals noch kürzere Fahrten nach Tutuila und anderen Orten unternehmen. Unter anderem hatte ich im Monat März nach den Tonga-Inseln zu segeln; als ich am 27. März im Hafen von Vavau „Neiafu“ zu Anker lag, lief dort ein englisches Segelschiff, von den australischen Kolonien kommend, ein, dieses brachte die Trauerkunde von dem Ableben unseres Heldenkaisers „Wilhelm des Großen“, der am 9. März seine irdische Laufbahn vollendet hatte.

Ich konnte diese Kunde nicht sofort nach Samoa bringen, weil ich erst nach den Keppels-Inseln, Niuatobutabu, segeln mußte, deshalb setzte das englische Schiff seine Fahrt nach Samoa fort.

Auf Niuatobutabu angelangt, senkte sich dort, sobald der Tod des deutschen Kaisers bekannt geworden, die Flagge des Königs Georg von Tonga, als Zeichen der Trauer für den ruhmgekrönten, edlen Herrscher. War doch sein Name und seine Thaten selbst diesem weltentlegenen Inselvolke nicht unbekannt geblieben; unter ihnen lebende Deutsche hatten in mancher Mußestunde den staunenden Eingebornen von dem mächtigen Volke erzählt, über das der große Kaiser geherrscht, das er zu großen Thaten, zu ungeahnter Höhe geführt.

So lange ich auf Niuatobutabu weilte, drei Tage, wehten die Trauerflaggen sowohl an Land wie an Bord des außen am Riffe in bewegter See verankerten Schiffes.

Auch diese Inseln sah ich zum letzten Mal. Nachdem ich Abschied genommen, segelte ich am dritten Tage in später Nachmittagsstunde weiter, jedoch frei von den Riffen, begann das Schiff durch die querlaufende See heftig zu rollen — ich suchte westlich von Boskaven zu passiren, um nicht gegen Wind und See zu kreuzen, da ich hoffen konnte, den freien Ozean zu gewinnen ehe die Nacht hereinbrach.

Nachdem an Deck vorher alles gut zur Reise versichert war, ließ der Obersteuermann Goede noch die Pumpen ansetzen, ehe die Mannschaft, Niueleute, theils auf ihren Posten, theils zur Ruhe ging. Da plötzlich — ich war in die Kajüte hinabgegangen die Papiere zu ordnen — erscholl der Schreckensruf „Mann über Bord“ und an Deck springend, sah ich eine Schiffslänge hinter dem Schiffe den Obersteuermann noch auftauchen.

Mit starrem Blicke, in dem die Todesangst geschrieben, schaute er dem enteilenden Schiffe nach — die nächste Woge bedeckte ihn und wir sahen nichts mehr. Eine Rettungsboje ergreifend und über Bord werfend, das Schiff in den Wind jagend, war das Werk weniger Sekunden — so furchtbar vom starken Winde auch die Segel gepeitscht wurden, das Schiff stand und ging durch den Wind — es mußte der Stelle zutreiben, wo der Steuermann zuletzt gesehen wurde.

Auf den Befehl „ein Ausguck in die Masten“ enterten vier eingeborene Passagiere auf, sie sahen die treibende Rettungsboje, aber nicht mehr den Steuermann. Das nächste war, das an Deck befestigte Boot über Bord zu setzen; ohne Rücksicht wurden die Befestigungen durchschnitten, das Boot nur vorne hoch gehißt, halb über die Verschanzung geschwungen, wurde dieses von der ganzen Besatzung an Deck hochgehoben und im gegebenen Augenblick mit aller Kraft in die unruhige See geworfen; mitunter bei schwerem Seegange die einzige Art ein Boot von der Schiffsseite freizuhalten, ehe es an dieser zerschlagen und unbrauchbar wird. Vier Mann sprangen mit kühnem Satze von der Regeling sogleich hinterher ins Boot, das, sobald die haltende lange Leine losgeworfen war, nach hinten trieb. Die Richtung, wohin die Leute, die in der hohen See nicht um sich sehen konnten — das Boot war bald vom Schiffe aus nur hin und wieder sichtbar, wenn es hoch auf dem Kamm einer Woge tanzte — zu rudern hatten, wurde von den Leuten in den Masten angegeben.

In drei Minuten war das Boot über Bord und bemannt, doch suchte dieses vergeblich in der hohen See hin und her, die Boje wurde gefunden aber der Steuermann war und blieb verschwunden. Wie furchtbar solch' ein Augenblick, weiß nur der, welcher einen Kameraden von seiner Seite in den jähen Tod gerissen sieht und doch nicht helfen, nicht retten kann!

Lange, bis zur schnell hereinbrechenden Dunkelheit, trieb ich mit dem Schiffe umher, dem Boote folgend, das vom Schiffe aus geleitet, immer größere Kreise zog, in der eitlen Hoffnung, es könnte doch noch etwas vom Steuermann gesehen werden, obgleich ich wußte, daß alles längst vorbei war; hatte der Verunglückte mir doch selbst gesagt, er könne nicht schwimmen und wenn auch, in solcher See wäre die Kraft des besten Schwimmers bald erlahmt.

Erst als alles nutzlos war, als die Nacht hereinbrach und die Mannschaft im Boote äußerst ermüdet sein mußte, nahm ich dieses wieder auf und jetzt die nördliche Durchfahrt wegen dort liegender unbekannter Riffe nicht mehr als sicher ansehend, kreuzte ich die ganze Nacht zwischen Boskaven und den gefährlichen Riffen von Niuatobutabu, um den freien Ozean zu gewinnen.

Nach Aussage der Mannschaft wollte der Steuermann, nachdem das Pumpen beendet, nach dem Hinterdeck gehen, das Schiff schwer rollend, habe er jeden Halt auf dem freien Deck verloren und sei, mit voller Wucht gegen die Verschanzung fahrend, über diese hinweggestürzt, eine schnell geworfene Leine ergriff er nicht mehr. So fand er den Seemannstod, im weiten Ozean ein stilles, unbekanntes Grab, die donnernde Woge sang ihm hier sein letztes Schlummerlied. —