23. Nach Annaberg, dem Pöhlberg und Bärenstein oder Scheibenberg.
Neben den landschaftlichen Schönheiten bringt diese Wanderung allerlei historisch und volkstümlich Wertvolles. Auf Schritt und Tritt begegnet man Zeugen der einstigen Bergherrlichkeit. Der Silberreichtum ist dahin, aber Annaberg hat seinen Ruf als Hauptstadt des oberen Erzgebirges zu wahren gewußt. Gern besucht der Wanderer die prächtige und geistig regsame Bergstadt. Ehrwürdige Vergangenheit und vorwärtsstrebende Gegenwart reichen sich hier die Hand. Schon die Bahnfahrt durch das schöne Zschopautal ist genußreich. Wir verlassen die Bahn in Schönfeld. Die Wanderungen sind wenig anstrengend und bequem an einem Tage zu erledigen.
a) Bahnhof Schönfeld – Markus Röhling – Käthchenstein – Schreckenberg – Frohnauer Hammer – Annaberg – Pöhlberg.
Wanderzeit: ca. 3 Std.
Ausgangspunkt: Bahnhof Schönfeld. Linie Chemnitz–Annaberg.
Vom Bahnhof rechts hinauf zum Restaurant Erholung. Nun rechts hinab ins Tal. Unterhalb des Bahnhofes mündet die Sehma in die Zschopau. Nun im Sehmatale links aufwärts bei der Fabrik Neudeck, den rot-weißen Marken nach. Der Weg teilt sich. Rechts den gelb-weiß-gelben Marken nach, hinauf nach Markus-Röhling, einem verlassenen Silberbergwerk in idyllischer Lage mit einfacher Restauration. Nach Verlassen des Gasthauses den gelb-weiß-gelben Marken folgend am Käthchenstein, einem sagenumwobenen Felsen, vorüber nach dem Schreckenberg.
666 m hoch, mit einer künstlichen Ruine, von deren Turm aus man einen ganz prächtigen Blick besonders auf Annaberg und den Pöhlberg genießen kann.
Nun hinab auf steilem Wege zum Frohnauer Hammer.
Dieser älteste Profanbau der ganzen Gegend aus dem Jahre 1470 besitzt noch alle uralten Einrichtungen seines Betriebes. Der Hammer ruht zwar, aber seine Einrichtung bleibt durch den Hammerbund erhalten. Der ehemalige Besitzer Martin erklärt das Werk. Das Herrenhaus stammt aus dem Jahre 1697 und birgt im Erdgeschoß eine erzgebirgische Schankstube, während im Obergeschoß ein kleines Museum untergebracht ist, dessen Hauptsehenswürdigkeit eine meisterlich geschnitzte Weihnachts-Krippe vom Oberwiesenthaler Holzschnitzer Hertelt bildet.
Wir gehen, aus dem Gasthaus tretend, links weiter. Rechts über die Sehmabrücke, an der alten Herrenmühle, dem jetzigen Elektrizitätswerk vorbei, unter der Bahn hindurch, den Frohnauer Kirchsteg, die Frohnauer Gasse hinauf, rechts zur Bergkirche und zum Markt von Annaberg.
Die Hauptstadt des Obererzgebirges gehört zu den schönsten Städten Sachsens. Am Abhange des Pöhlberges, 602 m hoch gelegen mit ca. 20000 Einwohnern. Als Mittelpunkt der erzgebirgischen Posamentenindustrie gilt die Stadt als Hauptplatz für diesen Industriezweig neben Paris.
Die Stadt verdankt ihre Entstehung den reichen Erzfunden, die Herzog Georg den Bärtigen 1496 zur Gründung der Stadt veranlaßten. Ursprünglich »Neustadt am Schreckenberg« genannt, verlieh ihr Kaiser Maximilian im Jahre 1501 Wappen und den jetzigen Namen. Zu Ehren der Schutzheiligen erbaute man 1499 bis 1525 die herrliche St. Annenkirche. Die Glanzperiode des Silberbergbaues fällt in das 16. Jahrhundert. Die in der Annaberger Münze geprägten Engelsgroschen oder Schreckenberger genossen wegen ihres hohen Silbergehaltes allgemeine Wertschätzung. Der Ruf der Stadt zeigt sich in dem ehemals bekannten Worte: »Bist ein reicher Annaberger, hast den Sack voll Schreckenberger«. Beim Niedergang des Silberbergbaues entwickelte sich die Band- und Bortenwirkerei, verbunden mit der von Barbara Uttmann eingeführten Spitzenklöppelei, und erhielt der Stadt ihre Bedeutung. Aus diesen Anfängen entstand die heutige Posamentenindustrie, der sich noch andere Industriezweige, die meist dem Luxus dienen, anschlossen. So ward die Stadt mit den engverbundenen Nachbargemeinden Buchholz und Sehma zur führenden Fabrikstadt des Erzgebirges. Eine Reihe bedeutender Namen sind mit Annaberg verknüpft. Der Rechenmeister Adam Ries lebte 1515–1559 hier als Bergschreiber; Barbara Uttmann, die Wohltäterin des Erzgebirges ward 1514 hier geboren und starb 1575. Christian Friedrich Weiße, der Freund Lessings, als Kinderfreund bekannt und geliebt, ward 1726 hier geboren. Der unter dem Namen Peter Gast bekannt gewordene Komponist und Philosoph wurde als Heinrich Köselitz 1854 in Annaberg geboren und starb 1918 in seiner Vaterstadt. Er war der Freund und Deuter Friedrich Nietzsches und nach dessem Tode Hauptmitarbeiter am Nietzsche-Archiv zu Weimar.
Wir besuchen in Annaberg die Hauptkirche, das Erzgebirgsmuseum und den Friedhof.
Auf dem Markte das Bronzedenkmal der Barbara Uttmann von R. Henze. Nun durch die Große Kirchgasse zum Erzgebirgsmuseum, gegenüber der Hauptkirche, Haus Nr. 16. Es gliedert sich in kulturhistorische und touristische Abteilung. Die erstere enthält geschichtliche, kunstgewerbliche und volkskundliche Altertümer erzgebirgischer Bodenständigkeit, z. B. Kirchen-, Haus- und Zunftgeräte, Waffen, Münzen, Kleidungs- und Schmuckstücke, Bücher, Karten, Handschriften und Bilder. Erzeugnisse der erzgebirgischen Industrie, wie Klöppeleien, Chenille- und Seidenwirkwaren, keramische Erzeugnisse, Zinn, Schnitzwerke, Weihnachtskrippen u. a. m. In der touristischen Abteilung finden sich Bilder, Karten, Führer und Pläne, Erzgebirgsliteratur, Darstellung des Erwerbslebens einzelner Gegenden usw.
Die Hauptkirche kann man nach Anmeldung beim Kirchner, wohnhaft Kleine Kirchgasse 23, besichtigen. Sie ist eine der schönsten Kirchen Sachsens und inbezug auf Reichtum an Kunstdenkmälern aus katholischer Zeit wohl die interessanteste. Der Bau ist eine dreischiffige Hallenkirche mit Querschiff, der Turm ist 76 m hoch. Zwölf achtseitige Pfeiler tragen das Gewölbe. Überaus groß ist die Fülle von prächtigen Skulpturen, Altären, Fenstergemälden usw. Das Lebensalter des Mannes und der Frau ist in köstlich naiven Reliefdarstellungen an den Emporen angebracht. (Siehe die Schwindschen Bilder in der Wartburg.) Der Hauptaltar ist 1522 vom Augsburger Meister Adolf Dowher geschaffen worden. Großartige Orgel.
Nach Besichtigung der Kirche geht man durch die Kirchgasse wieder zum Markt zurück und durch die Wolkensteiner Straße zum Friedhof, hinter der Trinitatiskirche gelegen. Von der Kanzel an der Außenseite der Kirche wird zum Trinitatissonntage gepredigt. Daran schließt sich das bekannte Volksfest, die Käth, die in diesem Jahre ihr 400jähriges Bestehen feiern konnte. In der Nähe der Kirche befindet sich das Grabdenkmal der Barbara Uttmann. In unmittelbarer Nähe davon die berühmte Linde, die mit ihren seltsam geformten Ästen von 23 steinernen Pfeilern gestützt wird. Der Sage nach ward sie verkehrt gepflanzt. An den Friedhofsmauern alte Familiengrüfte und Grabsteine.
Vom Friedhof zurück bis zum Ende der Wolkensteiner Straße, dann links die Lindenstraße am alten Seminar aufwärts zum Schutzteich (rechts). Nun links die Pöhlbergstraße hinan. Beim Aufstieg fortwährend schöne Blicke auf den Gebirgskamm. Beim Steinbruch teilt sich der Weg. Rechts führt die direkte Straße an der »Sandgrube« vorüber zum Pöhlbergturm. Lohnender ist aber der Rundgang um den Berg. Er zweigt nach dem Steinbruch bei der Orientierungstafel rechts von der Straße ab. Es folgen mehrere Tafeln, die die Aussicht erklären. Bemerkenswert sind die sogenannten »Butterfässer«, 6–10 m lange aufrechtstehende Basaltsäulen. Hier den Weg hinauf zum Plateau des Pöhlberges.
833 m hoch. Basaltberg. 29 m hoher Aussichtsturm und Berggasthaus. Die Aussicht ist hervorragend. Eine Orientierungstafel auf dem Turm gibt alle sichtbaren Punkte an.
Vom Berg nach der Stadt zurück und mit der Bahn nach Chemnitz.
b) Pöhlberg – Floßgraben – Morgensonne – Dorf Bärenstein (2 Std.) – Bärenstein (40 Min.) – Cranzahl (1¼ Std.)
Wanderzeit: Reichlich 4 Std.
Ausgangspunkt: Pöhlberg.
Die Pöhlbergstraße abwärts bis zur Sandwäsche. Dann den sogenannten Floßgraben entlang. Dieser ist von dem Annaberger Markscheider Georg Oehder angelegt worden, um das Holz aus dem oberen Pöhlatale nach Annaberg zu bringen. Hinter Kleinrückerswalde (Ortsteil von Annaberg) Weg zur Bärensteiner Straße und zur Morgensonne. (Gasthaus.) Dann die Straße weiter nach Bärenstein.
Marktflecken mit 4400 Einwohnern, 707 m hoch am Fuße des Bärensteins gelegen. Rege Industrie, besonders Posamenten. Hängt unmittelbar mit der böhmischen Grenzstadt Weipert zusammen.
Von der Annaberger Straße wenden wir uns bei der Schule in die Fichtnergasse. Diese führt beim Hochbehälter auf die neue Bergstraße. Diese windet sich empor zum Wald und zum Gipfel des Bärensteins.
898 m hoch. Nephelinbasaltkuppe. 1913 ward der 30 m hohe Aussichtsturm errichtet. Hübsches Unterkunftshaus. Sehr schöne Aussicht, besonders auf den Kamm. Reizend ist auch der Blick auf die nähere Umgebung.
Wir folgen nun den blau-roten Marken hinab zum großen Teil durch schönen Wald nach Bahnhof Cranzahl.
Dorf mit 2500 Einwohnern, 654 m hoch gelegen. Posamentenindustrie und Sägewerke. Station der Linie Weipert–Annaberg–Chemnitz.
Rückfahrt nach Chemnitz.
c) Pöhlberg – Königswalde – Pöhlatal – Bärenstein.
Wanderzeit: 2½ Std.
Ausgangspunkt: Pöhlberg.
Vom Pöhlberg die Pöhlbergstraße hinab bis zur Sandwäsche. Dann am Floßgraben hin. In der Nähe des Galgenberges (mit Turm) auf den von Annaberg kommenden breiten Königswalder Marktsteig. Auf diesem links weiter, endlich hinab nach Königswalde.
Dorf mit 2900 Einwohnern in hübscher Tallage.
Am Gasthof Amtsgericht vorüber, über die Pöhlabrücke. Nach rechts. Am Gasthof Ratsgericht vorbei. Hinter Stein 3,00 teilt sich die Straße. Rechts die bequeme Talstraße im schönen Pöhlatal weiter. Wegbezeichnung blau-weiß-blau. Nach ca. 1 Stunde zum Blechhammer mit Restaurant. Immer im Tale weiter, an der Gasanstalt vorbei. Unter der Bahn weg. Rechts hinauf nach Bärenstein. Weiteres siehe Wanderung [23 b]. Wem der Weg nach Cranzahl zu weit erscheint, geht vom Berg zurück nach Bahnhof Bärenstein und fährt von hier über Annaberg nach Chemnitz zurück.
d) Annaberg – Buchholz (½ Std.) – Schlettau (1 Std.) – Stadt Scheibenberg (¾ Std.) – Scheibenberg (½ Std.) – Bahnhof Scheibenberg (40 Min.).
Wanderzeit: ca. 3½ Std.
Ausgangspunkt: Markt zu Annaberg.
Vom Markte durch die geschäftsreiche Buchholzer Straße. Links das Denkmal Georgs des Bärtigen, des Gründers der Stadt. Die Kaiser Wilhelm-Straße setzt die Buchholzer Straße fort. An ihr links das Stadttheater. Später das Bismarckdenkmal. Rechts über die Brücke und die Bismarckstraße weiter. Ohne Unterbrechung sind wir so nach Buchholz gelangt. Nur die Sehma trennt die beiden Städte. (Eine Vereinigung beider wird von vielen wohlmeinenden Seiten angestrebt.)
Buchholz. Stadt mit 11000 Einwohnern, 557 m (Rathaus) hoch gelegen. Die Industrie erzeugt: Posamenten, Spitzen, Kartonagen.
Die Stadt wurde um einige Jahre später (1501) als Annaberg von Friedrich dem Weisen gegründet. Eine frühere Ansiedelung hieß bereits Buchholz. Der Name der neuen Stadt wurde St. Katharinenberg im Buchenholz. Ursprünglich reiche Ausbeute an Silber und Zinn. Als der Bergsegen erlosch, wandte man sich, wie in Annaberg, der aufstrebenden Posamentenindustrie zu. Die Kirche ist sehenswert. Auf dem Markt das Denkmal Friedrichs des Weisen.
Wir gehen die Karlsbader Straße entlang bis zum Schluß. Rechts der Friedhof mit Begräbniskapelle. Ca. 2 Minuten vom Ende der Friedhofsmauer betreten wir die prächtigen Waldanlagen. Wir durchschreiten sie. Die Scheibenberger Straße geht links neben uns her. Auf einen freien Platz. Hier links auf die Straße und dieselbe rechts weiter. Forsthaus (mit Gasthaus). Nach Verlassen des Waldes rechts das Gasthaus Neu-Amerika. Endlich nach Schlettau.
Stadt mit 3700 Einwohnern, 584 m hoch gelegen im Talkessel an der Zschopau. Die Industrie erzeugt: Posamenten, landwirtschaftliche Maschinen, Leim, Knochenpräparate.
1367 war die Stadt im Besitz der Markgrafen von Meißen. Später waren die Herren von Schönberg auf Hassenstein Besitzer. 1413 gehörte die Stadt dem Kloster Grünhain. Nach dem Hussitenkriege wurde sie von Abt Nikolaus an Sigismund von Miltitz verpfändet. 1464 verbot Friedrich der Sanftmütige eine weitere Veräußerung. Das Schloß war Wohnung des kurfürstlichen Forstmeisters. An der östlichen Chorwand der Kirche befindet sich ein Mönchsgesicht, das Wahrzeichen der Stadt.
Nun links über den Schloßplatz, die Buchholzer Straße weiter, über den Markt und die Schwarzenberger Straße hinan. An Siegesdenkmal und Kirche rechts vorbei. Links der Bahnhof. Die Geleise überschreiten und die Ahornallee empor. So nach Scheibenberg.
Stadt mit 2700 Einwohnern, 625 m hoch am Fuße des Scheibenberges gelegen. Die Stadt wurde 1522 durch Ernst und Wolf von Scheibenberg als Bergstadt gegründet. Die Industrie befaßt sich mit Posamenten, Darmsaiten, Korsetts, Zigarren. Scheibenberg war der Wirkungsort des Pfarrers Christ. Lehmann, des Verfassers des »Historischen Schauplatzes des oberen Erzgebirges«, des zuverlässigsten älteren Quellenwerkes über das Erzgebirge. Scheibenberg wird als Sommerfrische aufgesucht.
Vom Markte gehen wir zur Kirche hinauf. Von dieser links ab, geradeaus durch die Pfarrgasse. Nun rechts nach dem Schießhause, welches rechts liegen bleibt. Neben der Straße läuft ein Promenadenweg hinauf bis zur Spitze. Hübsche Anlagen. Bei der Wegteilung rechts weiter. Wegmarkierung ist blau-weiß bis zum Gipfel des Scheibenberges.
807 m hoch. Basaltberg. Turm und Berggasthaus. Die prächtige Aussicht wird durch eine Orientierungstafel auf dem Turme erläutert. Wegweiser führen zu einigen hübschen Punkten: Waldfrieden, Schafpüschel, Zwergloch, Orgelpfeifen, Ostpanorama.
Vom Scheibenberg zurück zur Stadt und zu der 10 Minuten entfernten Station.
Bahnfahrt über Zwönitz nach Chemnitz zurück.