Achtzehntes Kapitel.
Es war Nachmittag. Havelaar trat aus dem Zimmer und fand seine Tine in der Vorgalerie mit dem Thee auf ihn wartend. Mevrouw Slotering trat aus ihrem Hause und schien sich nach Havelaars begeben zu wollen, doch auf einmal wendete sie sich nach dem Zaune und wies dort mit ziemlich heftigen Geberden einen Mann zurück, der ebenzuvor eingetreten war. Sie blieb stehen, bis sie sich versichert hatte, dass er nach draussen zurückgegangen war, und kehrte darauf dem Rasen entlang nach Havelaars Haus zurück.
»Ich will doch endlich mal wissen, was das bedeutet!« sagte Havelaar, und als die Begrüssung vorüber war, fragte er in scherzhaftem Tone, damit sie nicht meine, er missgönne ihr das bisschen Autorität auf einem Erbe, das früher das ihre war:
—Bitte, Mevrouw, sagen Sie mir doch mal, warum Sie nur immer die Leute, die das Erbe betreten, zurückschicken! Wenn der Mann da eben gerade einer war, der Hühner zu verkaufen hatte oder sonst irgendwas, was man in der Küche braucht?
Da zeigte sich auf dem Gesicht der Mevrouw Slotering ein schmerzlicher Zug, der Havelaars Blick nicht entging.
—Ach, sagte sie, es giebt soviel schlechtes Volk!
—Gewiss, das giebt’s überall. Doch wenn man es den Menschen so schwierig macht, werden die Guten auch wegbleiben. Nun, Mevrouw, erzählen Sie mir doch nun mal ganz offen, warum Sie so streng Aufsicht üben über das Erbe!
Havelaar sah sie an und suchte vergebens die Antwort zu lesen in ihrem feuchten Auge. Er drang etwas stärker auf Erklärung ... die Witwe brach in Thränen aus und sagte, dass ihr Mann im Hause des Distriktshauptes von Parang-Kudjang vergiftet worden wäre.
—Er wollte Gerechtigkeit üben, M’nheer Havelaar, fuhr die arme Frau fort, er wollte ein Ende machen der Misshandlung, unter der die Bevölkerung seufzt. Er ermahnte und bedrohte die Häupter, in Versammlungen und schriftlich ... Sie müssen doch wohl seine Briefe gefunden haben im Archiv?
Es war so. Havelaar hatte diese Briefe gelesen, von denen Abschriften vor mir liegen.
—Er sprach mehrfach mit dem Residenten, sagte weiter die Witwe, doch immer vergeblich. Denn da es allgemein bekannt war, dass die Erpressung statthatte zu Nutzen und unter dem Schutze des Regenten, den der Resident nicht bei der Regierung anklagen wollte, so führten alle diese Unterredungen zu nichts anderm als zur Misshandlung der Kläger. Darum hatte mein armer Mann gesagt, dass er, falls keine Besserung eintrete vor Jahresschluss, sich direkt an den Generalgouverneur wenden werde. Das war im November. Er ging kurz darnach auf eine Inspektionsreise, nahm das Mittagmahl im Hause des Dhemang von Parang-Kudjang ein, und wurde kurz darauf in erbarmungswürdigem Zustande nach Haus gebracht. Er rief, auf den Magen deutend: »Feuer, Feuer!«, und wenige Stunden später war er tot, er, der immer ein Muster von Gesundheit gewesen war.
—Haben Sie den Arzt von Serang rufen lassen? fragte Havelaar.
—Ja, doch er hat meinen Gatten nur kurze Zeit behandelt, weil er bald nach seinem Eintreffen gestorben ist. Ich wagte dem Doktor meine Vermutung nicht mitzuteilen, weil ich besorgte, ich würde wegen meines Zustandes diesen Ort nicht schnell verlassen können, und auch Rache fürchtete. Ich habe gehört, dass Sie ebenso wie mein Gatte den Missbräuchen entgegentreten, die hier herrschen, und darum habe ich keinen ruhigen Augenblick. Ich hatte dies alles vor Ihnen verbergen wollen, um Sie und Mevrouw nicht ängstlich zu machen, und beschränkte mich also auf die Überwachung von Garten und Erbe, damit keine Fremden Zutritt zur Küche erlangten.
Nun wurde es Tine deutlich, warum Mevrouw Slotering ihre eigene Haushaltung weiter führte und selbst keinen Gebrauch von der Küche machen wollte, »die doch so geräumig sei«.
Havelaar liess den Kontrolleur rufen. Inzwischen richtete er an den Arzt in Serang ein Ersuchen um Angabe der Erscheinungen bei Sloterings Tode. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, war nicht in dem Sinne der Vermutung von der Witwe. Dem Arzte nach war Slotering gestorben an einem »Abscess in der Leber«. Es ist nicht zu meiner Wissenschaft gelangt, ob ein derartiges Leiden so plötzlich auftreten und den Tod verursachen kann binnen weniger Stunden. Ich glaube hier der Erklärung der Mevrouw Slotering Beachtung schenken zu müssen, dass ihr Ehegatte früher immer gesund gewesen war. Doch wenn man solcher Erklärung keinen Wert beimisst, weil die Auffassung des Begriffes ‚Gesundheit‘ vor allem bei Nicht-Heilkundigen eine ziemlich grobsinnliche und auch unterschiedliche ist—so bleibt doch die gewichtige Frage bestehen, ob jemand, der heute stirbt an einem »Abscess in der Leber«, sich gestern noch zu Pferde setzen konnte mit der Absicht, einen bergigen Landstrich zu inspizieren, der in einzelnen Richtungen zwanzig Stunden breit ist? Der Arzt, der Slotering behandelte, kann ein tüchtiger Heilkundiger gewesen sein und nichtsdestoweniger sich getäuscht haben in der Beurteilung der Erscheinungen der Krankheit, unvorbereitet wie er war, ein Verbrechen zu vermuten.
Wie dem sei, ich kann nicht beweisen, dass Havelaars Vorgänger vergiftet wurde, da man Havelaar die Zeit nicht gelassen hat, diese Sache zur Klarheit zu bringen. Wohl aber kann ich beweisen, dass seine Umgebung ihn für vergiftet hielt, und dass diese Vermutung sich stützte auf des Vorgängers Leidenschaft, Unrecht entgegenzutreten.
Der Kontrolleur Verbrugge trat bei Havelaar ein. Dieser fragte kurzab:
—Woran ist M’nheer Slotering gestorben?
—Das weiss ich nicht.
—Ist er vergiftet?
—Das weiss ich nicht, aber ...
—Sprechen Sie deutlich, Verbrugge!
—Aber er suchte den Missbräuchen entgegenzutreten, wie Sie, M’nheer Havelaar, und ... und ...
—Nun? Weiter?
—Ich bin überzeugt, dass er ... vergiftet worden wäre, wenn er noch länger hier geblieben wäre.
—Schreiben Sie das auf!
Verbrugge hat diese Worte aufgeschrieben. Seine Erklärung liegt vor mir!
—Noch etwas. Ist es wahr oder ist es nicht wahr, dass gewuchert und erpresst wird in Lebak?
Verbrugge antwortete nicht.
—Antworten Sie, Verbrugge!
—Ich wage es nicht.
—Schreiben Sie auf, dass Sie’s nicht wagen!
Verbrugge hat es aufgeschrieben: es liegt vor mir!
—Gut! Noch etwas: Sie wagen nicht zu antworten auf die letzte Frage, doch sagten Sie mir unlängst, als die Rede von Vergiftung war, dass Sie die einzige Stütze Ihrer Schwestern zu Batavia seien, nicht wahr? Liegt darin vielleicht die Ursache Ihrer Furcht, der Grund dessen, was ich stets Halbheit nannte?
—Ja!
Verbrugge schrieb es auf: seine Erklärung liegt vor mir!
—Es ist gut, sagte Havelaar, nun weiss ich genug.
Und Verbrugge konnte gehen.[1]
Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit besonderer Innigkeit küsste. Als Mevrouw Slotering weggegangen war, schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer.
—Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich möchte, dass du mit Max nach Batavia gingest: ich klage heute den Regenten an.
Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und rief schluchzend:
—Nein, Max! nein, Max! das thue ich nicht ... wir essen und trinken zusammen!
Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig recht zum Nasenschnauben hätte wie die Frauen zu Arles?
Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift gebe. Nachdem ich einigermassen die Verhältnisse geschildert, unter denen dies Schriftstück verfasst wurde, glaube ich nicht nötig zu haben, auf die beherzte Pflichterfüllung hinzuweisen, die daraus hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle Milde, die Havelaar bewog, den Regenten vor allzu schwerer Strafe in Schutz zu nehmen. Doch nicht so überflüssig wird es sein, dabei seine kluge Umsicht zu betonen, die ihn kein Wort verlieren liess über die soeben gemachte Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und Zuverlässigkeit seiner Anklage nicht durch die Ungewissheit einer wohl bedeutungsvollen, doch noch unbewiesenen Beschuldigung abschwäche. Seine Absicht war, die Leiche seines Vorgängers ausgraben und wissenschaftlich untersuchen zu lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang unschädlich gemacht sein würde. Doch man hat ihm hierzu die Gelegenheit nicht gelassen.
In den Abschriften von offiziellen Schriftstücken—Abschriften, die übrigens buchstäblich übereinstimmen mit den Originalen—glaube ich die thörichten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen zu dürfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass sie diese Änderung bereitwillig hinnehmen.
»No. 88. Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856.
Geheim. Eile.
An den Residenten von Bantam.
Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich mir hauptsächlich die Untersuchung angelegen sein lassen über die Art und Weise, wie die Inländischen Häupter ihre Verpflichtungen gegenüber der Bevölkerung im Punkte des Herrendienstes, des ‚Pundutan‘ und dergleichen erfüllen.
Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autorität und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess, die die gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits weit überschritt.
Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren, und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder später selbst durch Drohungen diesen Inländischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen: dass dieser Missbrauch aufhörte und dass gleichzeitig dieser alte Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt würde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die, wie ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in Berücksichtigung des besonderen Umstandes, dass er Besuch erwartete von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und von Tjanjor, zum mindesten von dem letzteren—der, wie ich meine, schon mit grossem Gefolge unterwegs ist—und er also mehr als sonst der Versuchung ausgesetzt war—und angesichts des beschränkten Status seiner Geldmittel sozusagen der Notwendigkeit—durch ungesetzliche Mittel für die durch diesen Besuch nötigen Vorbereitungen Vorsorge zu treffen.
Dies alles stimmte mich zur Milde bezüglich dessen, was schon geschehen war, doch keineswegs war ich geneigt zur Nachgiebigkeit gegenüber weiteren Fällen.
Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder Ungesetzlichkeit.
Von diesem vorläufigen Versuch, den Regenten durch Güte auf den Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand Kenntnis verschafft.
Ich habe jedoch erfahren müssen, dass er mit brutaler Unverschämtheit alles in den Wind schlägt, und ich fühle mich kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen:
dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta Negara, beschuldige des Missbrauchs der Amtsgewalt durch ungesetzliches Verfügen über die Arbeit der ihm Unterstellten, und verdächtig erkläre der Erpressung durch die Forderung von Aufwendungen in natura ohne oder gegen willkürlich festgestellte, unausreichende Bezahlung;
dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang—seinen Schwiegersohn—verdächtig erkläre der Mitschuld an den genannten Thatsachen.
Um beide Sachen gehörig einleiten zu können, nehme ich mir die Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen:
- 1. den obengenannten Regenten von Lebak mit grösster Eile nach Serang zu senden und dafür Sorge zu tragen, dass er weder vor seiner Abreise noch unterwegs die Gelegenheit habe, durch Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen, die ich werde einholen müssen;
- 2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorläufig in Arrest zu nehmen;
- 3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren Ranges, die, zur Familie des Regenten gehörend, Einfluss auf den geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung ausüben könnten;
- 4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von dem Ausfall ausführlichen Bericht einzureichen.
Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erwägung zu geben, den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen.
Zum Schlusse habe ich die Ehre—zum Überfluss für Sie, der Sie die Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon möglich ist—die Versicherung zu geben, dass aus einem politischen Gesichtspunkt der streng gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste im Wege steht, und dass ich eher Gefahr besorgen möchte, falls sie nicht zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin informiert, dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte, »pussing« ist (also: ratlos und in Verwirrung gebracht) durch all die Plackerei und Bedrückung, schon lange nach Rettung ausschaut.
Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit dem Schreiben dieses Briefes erfülle, zum Teil geschöpft aus der Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, zu seiner Zeit das eine und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit dessen Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht, ich gleichwohl tiefes Mitleid fühle.
Der Assistent-Resident von Lebak,
Max Havelaar.«
Folgenden Tags antwortete ihm ... der Resident von Bantam? O nein, der Herr Slymering, privatim!
Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag für die Kenntnis der Art und Weise, wie in Niederländisch-Indien die Verwaltung gehandhabt wird. Der Herr Slymering beklagte sich, »dass Havelaar ihm von der Sache, die vorkäme in dem Briefe No. 88, nicht erst mündlich Kenntnis gegeben hätte«. Natürlich weil dann mehr Möglichkeit gewesen wäre, zu »schipperen«. Und weiterhin: »dass Havelaar ihn in seinen dringenden Geschäften störe«!
Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht über »ruhige Ruhe« beschäftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle ihn und den Residenten von Bantam, Havelaar und Slymering, nebeneinander . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser, dass Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die Gicht hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen der Kapitalien der Firma—Last & Co.—mache ... denn in Grundsätzen bin ich unerschütterlich ... kam ich vorgestern auf den Gedanken, dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe, und da er so power aussieht und also für mässigen Lohn wohl zu kriegen wäre, drängte es sich mir auf, dass ich der Firma verpflichtet sei, auf die wohlfeilste Art für den Ersatz Bastians zu sorgen. Ich ging also nach der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau von dem Laden war vorn, schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen, obschon ich ihr unlängst recht deutlich gesagt hatte, dass ich M’nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht. Es berührt immer beleidigend, wenn man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt weniger kalt ist und ich das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe ich es dem zu und ziehe es mir nicht an ... die Beleidigung, meine ich. Ich sagte also noch einmal, dass ich M’nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht, und ersuchte sie, doch nachzusehen, ob der Shawlmann zu Hause wäre, weil ich nicht wieder wie unlängst mit seiner Frau zu thun haben wollte, die stets unzufrieden ist. Doch das Trödelweib weigerte sich, nach oben zu gehen. »Sie könnte nicht den ganzen Tag Treppen klettern für das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst nachsehen.« Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der Treppen und Flure, die bei mir durchaus nicht nötig war, denn ich erkenne stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich überall mein Auge habe. Das habe ich mir so bei den Geschäften angewöhnt. Ich kletterte also die Treppen hinauf und klopfte an die bekannte Thür, die von selbst wich. Ich trat ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah ich mich mal um. Nun, viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes Höschen mit gestickter Borde über einem Stuhl ... was brauchen solche Menschen gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr schwerer Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf dem Kaminsims lagen einige Bücher, die ich einsah. Eine wunderliche Sammlung! Ein paar Bände von Byron, Horaz, Bastiat, Béranger, und ... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel, mit den apokryphen Büchern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann nicht erwartet. Und es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand viele Notizen auf losen Stücken Papier, die sich auf die SCHRIFT bezogen—er sagt, dass Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist verrückt—nun, alles war von derselben Hand wie die Manuskripte in dem verwünschten Paket. Vor allem schien er das Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die Blätter. Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu fühlen beginnt, und darum durch Lektüre in den Heiligen Büchern sich mit GOTT versöhnen will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete, fiel mein Auge auf einen Nähkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne Hintergedanken besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige Kinderstrümpfe darin und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein Brief an Shawlmanns Frau, wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war geöffnet und sah aus, als wenn man ihn in Erregung zusammengeknutscht hätte. Nun habe ich den festen Grundsatz, niemals etwas zu lesen, was nicht an mich gerichtet ist, weil ich es nicht anständig finde. Ich thue es denn auch nie, wenn ich kein Interesse daran habe. Aber nun wurde mir eine Eingebung, dass es meine Pflicht wäre, mal Einsicht in diesen Brief zu nehmen, weil sein Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig gewährte bei der menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann führte. Ich dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah ist, da Er mir hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr über diesen Mann zu erfahren, und mich also vor der Gefahr behütete, einer unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht auf solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen im Geschäft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens war der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entzückt von dem schönen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu sein, der eifrig für den HERRN arbeitet, denn er schrieb, »dass die Frau des Shawlmanns sich scheiden lassen müsse von solch einem Elenden, der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht verdienen könne, der obendrein ein Schurke wäre, denn er hätte Schulden ... dass der Schreiber des Briefes um ihren Zustand bekümmert sei, wiewohl sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf den Hals geladen hätte, indem sie den HERRN verliess und Shawlmann anhing ... dass sie zum HERRN zurückkehren müsse, und dass dann vielleicht die ganze Familie die Hände dazu verbinden würde, ihr Näharbeit zu verschaffen. Doch vor diesem allen müsse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre Schande für die Familie bedeute«.
Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da in diesem Briefe stand.
Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare Weise gewarnt war. Ohne diese Warnung wäre ich sicher wieder das Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss also nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen Ersatzmann fände, denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse, und wir können im Augenblick auch keinen von den Leuten entbehren, weil unser Geschäft so flott geht.
Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es gemacht habe auf dem letzten Kränzchen, und ob ich das Triolett gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kränzchen gewesen. Es sind wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen, mit meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der Sohn von dem ersten Last—als die Meyers noch drin waren, aber die sind nun lange raus—hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau und Marie mal sehen möchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte, brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich sprach mit unserm Buchhalter darüber, der ein Mann von viel Erfahrung ist und mir nach gründlicher Beratung in Erwägung gab, meinen Plan zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell in der Ausführung meiner Beschlüsse. Bereits den folgenden Tag sah ich ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte mich auf den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun könnte, als den Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich reiflich alles erwogen—es sprach viel dafür, aber auch viel dagegen—sind wir gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen zurückgekehrt. Ich würde das ja alles nicht so ausführlich erzählen, wenn es nicht in enger Beziehung zu meinem Buche stände. Zum ersten liegt mir daran, dass ihr wisst, warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten, die Stern letzten Sonntag gewiss wieder ausgekramt hat.—Was ist das nur für eine Geschichte von einem Menschen, der noch was hören sollte, als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte es von den jungen Rosemeyers, die in Zucker machen.—Zum zweiten bin ich so ausführlich, weil ich wiederum aufs neue die sichere Überzeugung gewonnen habe, dass all diese Erzählungen über Elend und Unruhe in Ostindien ganz offenbare Lügen sind. Da sieht man wieder, wie das Reisen einem Gelegenheit giebt, recht auf den Grund der Dinge zu kommen.
Samstag Abend nämlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung bei einem Herrn angenommen, der früher in Ostindien Resident war und nun auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und wahrlich, ich kann den liebenswürdigen Empfang nicht genug rühmen. Er hatte sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und der Kutscher hatte eine rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu kalt, um den Landsitz zu besichtigen, der im Sommer prächtig sein muss, aber im Hause selbst blieb einem nichts zu wünschen übrig, denn es war von allem, was das Leben angenehm macht, vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal, eine überdeckte eiserne Glasgalerie als Gewächshaus, und der Kakadu sass auf einem Ständer von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und ersah sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt wird. Der Mann hatte gehörig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte wohl drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein noch ein Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrüffelt, und auch die Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an, gerade wie der Kutscher.
Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren—wegen des Kaffees—brachte ich das Gespräch darauf, und sah sehr bald, woran ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass er’s im Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein wahres Wort ist an all den Erzählungen über die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ich brachte das Gespräch auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von einer sehr ungünstigen Seite. Er versicherte mir, dass man sehr recht daran that, den Mann wegzujagen, denn er war eine sehr unzufriedene Person, die stets an allem was auszusetzen hatte, während überdies sehr über sein eigenes Betragen Klage zu führen war. Er entführte nämlich oft Mädchen und brachte sie dann zu seiner eigenen Frau, und er bezahlte seine Schulden nicht, was doch sehr unanständig ist. Da ich nun aus dem Brief, den ich gelesen hatte, so gut wusste, wie begründet all diese Beschuldigungen waren, war es mir eine grosse Genugthuung, zu sehen, dass ich die Dinge so gut beurteilt hatte, und war ich sehr zufrieden mit mir selbst. Dafür bin ich denn auch bekannt an meinem Börsenpfeiler—dass ich stets so richtig urteile, meine ich.
Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie erzählten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss doch wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei Driebergen nicht halb so gross wäre als ihr »Erbe«, wie sie es nannten, in den Binnenlanden von Java, und dass zur Unterhaltung desselben wohl an die hundert Menschen nötig waren. Doch—und das ist wohl ein Beweis dafür, wie beliebt sie waren—das thaten diese Leute ganz umsonst und rein aus Wohlwollen für sie. Auch erzählten sie, dass bei ihrem Abzug von dort der Verkauf ihrer Möbel wohl zehnmal mehr aufgebracht hätte, als dieselben wert waren, weil die Inländischen Häuptlinge so gern ein Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie gewesen ist. Ich sagte Stern später davon, der behauptete, dass es durch Zwang geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen könnte. Doch ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein Verleumder ist, dass er Mädchen entführt hat—gerade wie der junge Deutsche bei Busselinck & Waterman—und dass ich auf sein Urteil durchaus keinen Wert legte, denn ich hätte nun von einem Residenten selbst gehört, wie die Dinge ständen, und hätte also von M’nheer Shawlmann nichts zu lernen.
Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter anderm ein Herr, der sehr reich war und noch immer viel Geld an Thee verdient, den die Javanen ihm für wenig Geld liefern müssen und den die Regierung ihm für einen hohen Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen anzuregen. Auch dieser Herr war sehr bös auf all die unzufriedenen Menschen, die fortwährend gegen die Regierung reden und schreiben. Er konnte die Verwaltung der Kolonien nicht genug rühmen, denn er sagte, er sei überzeugt, dass man viel Verlust hätte an dem Thee, den man von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei, dass man dauernd einen so hohen Preis für einen Artikel bezahle, der eigentlich geringen Wert hätte und den er selbst denn auch nicht gern möchte, denn er tränke stets chinesischen Thee. Auch sagte er, dass der Generalgouverneur, der die sogenannten Theeverträge verlängert hätte, trotz seiner Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden Verlust bei diesem Artikel habe, so ein befähigter, braver Mensch sei, und vor allem denen ein so treuer Freund, die ihn früher schon gekannt hätten. Denn dieser Generalgouverneur hätte sich den Teufel um das Gerede gekümmert, dass an dem Thee soviel Verlust wäre, und er hätte ihm, als von Einziehung dieser Verträge—ich glaube im Jahre 1846—die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, indem er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu kaufen. »Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle Menschen beschimpfen höre! Wenn er nicht gewesen wäre, liefe ich nun zu Fuss mit Frau und Kindern.« Darauf liess er sein »barouchet« vorfahren, und das sah doch so apart aus, und die Pferde waren so wohlgenährt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glüht vor Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren und Klagen von Geschöpfen, wie dieser Shawlmann eins ist.
Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls der Herr, für den die Javanen Thee bauen. Es sind die allerbesten Menschen und doch von ganz besonderem Ansehen! Beide fragten sie gleichzeitig, mit welchem Zuge wir in Amsterdam anzukommen gedächten. Wir begriffen nicht, was dies auf sich hatte, doch später wurde es uns klar, denn als wir am Montag Morgen dort ankamen, waren zwei Bediente am Bahnhof, einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit einer gelben Weste, die beide aussagten, sie hätten per Depesche Auftrag erhalten, uns mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus dem Häuschen, und ich dachte daran, was Busselinck & Waterman wohl gesagt haben würden, wenn sie das gesehen hätten ... dass zwei Fuhrwerke zugleich für uns da waren, meine ich. Aber es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen, denn ich konnte mich nicht entschliessen, eine von den Parteien zu kränken, indem ich eine so liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat war teuer. Aber ich habe mich aus dieser höchst schwierigen Situation schon wieder gerettet. Ich habe meine Frau und Marie im roten Fuhrwerk Platz nehmen lassen—in dem Wagen von der roten Weste meine ich—und ich habe mich ins gelbe gesetzt—ins Fuhrwerk, meine ich.
Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer so schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und, als wenn’s wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in gebückter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem Ärmel seines schäbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den Dreckspritzen zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, und meine Frau fand es auch.
[1] Dem ersten Bande meines Multatuli-Unternehmens habe ich eine Beilage in Facsimile beigegeben, welche die dieser Stelle des „Havelaar“ entsprechenden, von dem Assistent-Residenten Eduard Douwes Dekker handschriftlich gestellten Fragen, sowie die Antworten seines Kontrolleurs Van Hemert in Nachbildung des Original-Aktenstückes enthält. W. Sp.