Erstes Kapitel.
Nicht nur den Zwerg Nikolai Afanasjewitsch erschütterte die schauerliche Ruhe des Gesichtsausdrucks und der wackelnde Kopf Tuberozows, der langsam durch den tiefen Schlamm der ungepflasterten Straßen hinter dem Sarge seiner entschlafenen Gattin herging, sondern in dem großen und stummen Schmerz tiefangelegter Menschen liegt unzweifelhaft eine unwiderstehliche Kraft, die von allen empfunden wird und bei kleinen Naturen, welche gewohnt sind, ihr Weh in lauten Seufzern und Geschrei ausströmen zu lassen, Angst und Grauen erweckt. Das fühlte jetzt jeder, der irgend etwas mit dem verwaisten Greise zu tun gehabt hatte, dessen treue Gefährtin dahingegangen war. Als die Erdschollen an den Sargdeckel schlugen und der in den Bann getane Priester sich umwandte, um von dem hohen Erdhaufen herabzusteigen, traten alle Umstehenden zurück und gaben ihm den Weg frei, den er nun auch ganz allein mit entblößtem Haupte durch den ganzen Friedhof entlang schritt.
Am Tor blieb er stehen, betete vor dem Heiligenbild der Kapelle, setzte seinen Hut auf und wandte sich noch einmal um. Erstaunt trat er zurück. Vor ihm stand der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch, der von der Grabstätte an in einer Entfernung von zwei Schritt hinter ihm hergegangen war.
Etwas wie Freude zuckte über das Gesicht des Propstes. Es tat ihm augenscheinlich wohl, seinem »alten Märchen« in einem so trüben Augenblick zu begegnen. Er wandte sich seitwärts den schwarzen Feldern zu, auf denen noch kümmerlich und frierend die Wintersaat sproßte, und aus seinen Augen fiel eine schwere Träne, einsam und schnell, wie ein Tropfen Quecksilber, und verlor sich in seinem grauen Barte, gleich einem im Walde verirrten Waisenkind.
Der Zwerg bemerkte diese Träne. Er wußte, was sie bedeutete und schlug still ein Kreuz. Sie machte Sawelijs vom Übermaß des Schmerzes beengte Brust leicht. Er holte tief Atem, und als der Zwerg ihn aufforderte, in seinen Wagen zu steigen, erwiderte er:
»Ja, Nikolascha, es ist gut, ich will mit dir fahren.«
Schweigend fuhren sie dahin, bis der Wagen vor dem Häuschen des Gendarmen in der Klostervorstadt hielt. Tuberozow drückte dem Zwerg stumm die Hand und ging in seine Wohnung.
Nikolai Afanasjewitsch folgte ihm nicht. Er empfand, daß Tuberozow jetzt allein sein wollte. Erst am Abend besuchte er den Witwer, und nachdem er eine Zeitlang dagesessen hatte, bat er um Tee unter dem Vorwande, daß ihn friere; in Wirklichkeit wollte er Sawelij von seinem Schmerz ablenken und das Gespräch auf den eigentlichen Zweck seines Besuchs bringen. Der Plan gelang vollkommen, und als Tuberozow den dampfenden Samowar hineingetragen hatte, die Tassen aus dem Schrank holte und sich anschickte, den Tee zu bereiten, begann der Zwerg leise zu erzählen, was sich in all der Zeit in Stargorod zugetragen. Schritt für Schritt ging er vorwärts, ließ einen Tag nach dem andern vorüberziehen, bis zu dem Augenblick, wo er hier am Teetisch saß. In diesem Bericht war natürlich sehr viel die Rede von der Betrübnis der Städter über das Mißgeschick des Propstes, den man so sehr vermißte und ganz zu verlieren fürchtete.
Der Propst, der dem Zwerg anfangs ernst und ruhig, beinahe teilnahmlos zugehört hatte, wurde aufmerksamer, als die Rede auf das Verhalten der Gemeinde seiner Maßregelung gegenüber kam. Und als der Zwerg, nachdem er sich erst umgesehen hatte, mit gedämpfter Stimme zu erzählen fortfuhr, sie hätten im Namen der ganzen Gemeinde ein Gesuch aufgesetzt und unterzeichnet, und er, Nikolai Afanasjewitsch, hätte es von Achilla empfangen und auf seiner Brust verborgen, da zuckte die Unterlippe des Alten krampfhaft und er sagte:
»Ein braves Volk. Ich danke.«
»Ja, es ist brav, unser Volk, sogar sehr brav, aber es weiß noch nicht recht, wie es eine Sache anfangen soll.«
»Finsternis, Finsternis über dem Abgrund … doch über allem schwebt der Geist des Herrn,« sagte der Propst, seufzte tief und bat um das Papier, von dem der Zwerg gesprochen hatte.
»Wozu braucht Ihr es denn, Vater Propst, dieses Papier?« fragte der Zwerg schlau lächelnd. »Morgen wird es dem überreicht, an den es gerichtet ist –«
»Gib es mir, ich will es besehen.«
Der Zwerg knöpfte seinen Rock auf, um seinen Brustbeutel herauszuholen, schien sich aber plötzlich auf etwas zu besinnen.
»Nun, so gib doch her,« bat Sawelij.
»Aber werdet Ihr … werdet Ihr es nicht zerreißen, Vater Propst?«
»Nein,« sagte Tuberozow fest, und als der Kleine ihm das Blatt hinreichte, das mit winzigen und riesengroßen, deutlichen und ganz unleserlichen Unterschriften bedeckt war, murmelte Sawelij andächtig:
»Zerreißen? Dieses kostbare Dokument zerreißen? Nein, nein! Mit ihm ins Gefängnis; mit ihm ans Kreuz! In den Sarg sollt ihr es mir legen!«
Und zum nicht geringen Entsetzen des Zwerges rollte er das Blatt schnell zusammen und verbarg es auf seiner Brust unter dem Leibrock.
»Aber, Vater Propst, das soll doch eingereicht werden!«
»Nein, das soll es nicht!«
Ihm das Papier jetzt fortzunehmen, war unmöglich. Man konnte sicher sein, daß er sich eher von seinem Leben, als von diesem Blatt mit den kostbaren Krakelfüßen seiner Gemeinde trennen würde.
Dies sah der Zwerg ein und versuchte vorsichtig, sich dem Gedankengang Sawelijs anzupassen. Er fing an davon zu reden, wie bedeutungsvoll und erfreulich dieses Eintreten der Gemeinde für ihren Pfarrer sei, und wies weiter darauf hin, daß der Wille der Gemeinde für jeden Einzelnen bindend und heilig sein müsse.
»Sie weinen und wehklagen jetzt, Vater Propst, daß sie Euch nicht mehr sehen sollen.«
»Das ist nicht zu ändern,« sagte der Propst seufzend. »Meine Tage sind ohnedies schon gezählt.«
»Aber ich, Vater Propst? Wie steh' ich da? Was hat die Gemeinde mir anvertraut und womit kehr' ich zu ihr zurück?«
Tuberozow stand auf, durchschritt ein paarmal sein enges Zimmerchen, blieb in der Ecke vor dem Heiligenbilde stehen, zog das Blatt wieder hervor, küßte es noch einmal und reichte es dann dem Zwerg mit den Worten:
»Du hast recht, mein lieber Freund, tu, wie die Gemeinde dir befohlen.«