Fünftes Kapitel.
Nikolai Afanasjewitsch drehte sich auf seinem Stühlchen den Gästen zu und sagte: »Ich hatte Sie ja schon darauf aufmerksam gemacht, daß es eine ganz einfache und wenig interessante Geschichte sein würde. Und nun, Schwesterlein,« dabei stand er auf, »müssen wir auch fahren.«
Maria Afanasjewna erhob sich ebenfalls, aber der Diakon fing wieder an: Nikolai Afanasjewitsch habe nicht zum richtigen Heiligen beten lassen.
»Das ist nicht meine Sache, werter Vater Diakon,« rechtfertigte sich Nikolai Afanasjewitsch, während er seine Mütze suchte.
»Wieso denn nicht? Natürlich ist es deine Sache! Du mußt doch wissen, zu welchem Heiligen du betest!«
»Erlaubt mal, als ich zum erstenmal deshalb in die Kirche kam, gab ich dem Priester einen Zettel mit der Aufschrift ›um Rückkehr einer entflohenen Sklavin‹ und ein Fünfzigkopekenstück, darauf hielt der Priester einen Bittgottesdienst vor Sankt Johannes dem Krieger ab, und so ging es denn auch später.«
»Wenn die Dinge so stehen, taugt eben der Priester nichts.«
»Wieso? Wieso? Wieso? Wieso taugt der Priester nichts?« mischte sich plötzlich Vater Zacharia Benefaktow ins Gespräch.
»Weil er die Befugnisse seines Amtes nicht kennt,« erwiderte Achilla höchst selbstbewußt. »Wer betet denn um Rückkehr eines entflohenen Knechtes zu Sankt Johann dem Krieger?«
»Ja, was meinst du? Zu wem denn sonst? Zu wem? Zu wem?«
»Zu wem? Ihr habt es wohl vergessen? Neben dem Platz des Kirchenältesten hing früher an der Wand ein Blatt. Jetzt ist es fortgenommen. Allein ich erinnere mich noch ganz genau, welche Heiligen bei den verschiedenen Gelegenheiten anzurufen sind.«
»So.«
»Jawohl! und wenn Ihr's wissen wollt, – zu dem Heiligen Theodor Tyron hätte gebetet werden müssen.«
»Du hast unrecht. Es war ganz richtig, daß sie den Johannes anriefen.«
»Blamiert Euch nicht, Vater Zacharia.«
»Ich sage dir, es war ganz richtig.«
»Ich aber sage Euch, Ihr blamiert Euch ganz unnützerweise. Ich weiß die ganze Tabelle auswendig.«
Er schob den breiten Ärmel seiner Kutte weit auf den Ellenbogen hinauf und bog mit der rechten Hand den Daumen der Linken ein, als ob er ihn abbrechen wollte.
»Um Heilung von der fallenden Sucht,« begann er, »betet man zum heiligen Maroas.«
»Zum heiligen Maroas,« wiederholte Benefaktow zustimmend.
»Um Heilung von der zehrenden Sucht – zum heiligen Märtyrer Artemios,« fuhr Achilla fort und bog in derselben Weise den Zeigefinger ein.
»Artemios,« wiederholte Benefaktow.
»Um Erlösung von Unfruchtbarkeit – zum Wundertäter Romanus; wenn der Gatte sein Weib verschmäht – zu den Märtyrern Gurios, Samon und Abebas; wenn man vom Teufel geplagt wird – zum heiligen Nyphon; gegen die wollüstige Leidenschaft – zur heiligen Thomais …«
»Und zum heiligen Moses Ugrinos,« fügte Benefaktow, der bisher nur im Takt mit dem Kopf geschüttelt hatte, leise hinzu.
Der Diakon, der schon alle fünf Finger der linken Hand eingebogen hatte, sann einen Augenblick nach, indem er den Vater Zacharia scharf ansah, dann öffnete er die linke Faust, um nun die Finger der Rechten einzubiegen, und meinte:
»Ja, man kann auch zum Moses Ugrinos beten.«
»Bitte weiter.«
»Gegen die Trunksucht – zum Märtyrer Bonifatius.«
»Und zum Moses Murinos.«
»Wie?«
»Zum Bonifatius und zum Moses Murinos,« wiederholte Vater Zacharia.
»Ganz recht,« stimmte der Diakon ihm bei.
»Bitte weiter.«
»Zum Schutz gegen bösen Zauber – zum heiligen Märtyrer Cyprianus.«
»Und zur heiligen Justina.«
»So hört endlich auf mit Eurem Vorsagen, Vater Zacharia!«
»Wenn's aber doch mit russischen Buchstaben deutlich gedruckt steht: und der heiligen Justina.«
»Schön, sei's drum! Und der heiligen Justina. Um Wiedergewinnung gestohlener Gegenstände und um Rückkehr entflohener Knechte (der Diakon betonte jedes einzelne Wort) – zu dem Theodor Tyron, dessen Gedächtnis wir am siebzehnten Februar feiern.«
Jedoch kaum hatte Achilla sein letztes Wort gleich einem Trompetensignal herausgeschmettert, als auch schon Zacharia mit derselben leisen und leidenschaftslosen Stimme in der Aufzählung fortfuhr:
»Und zum heiligen Johannes dem Krieger, dessen Gedächtnis wir am zehnten Juli feiern.«
Achilla riß die Augen weit auf und schrie:
»Jetzt fällt mir's ein, ja, man kann auch zu Johannes dem Krieger beten.«
»Aber weshalb habt Ihr denn eine ganze Stunde gestritten, Vater Diakon?« sagte Nikolai Afanasjewitsch, ihm zum Abschied sein Händchen entgegenstreckend.
»Daß mir sowas passieren mußte! Ich hatte die Duplikate vergessen, deshalb stritt ich,« verteidigte sich der Diakon.
»Das ist genau wie im Sprichwort, werter Herr: ich suche meine Mütze und habe sie auf dem Kopfe. Meinen ehrerbietigsten Gruß, Vater Diakon.«
»Ich suche meine Mütze! … Ach, du Kleiner!« grinste Achilla, kriegte den Zwerg am Rockschoß zu packen und setzte ihn auf seine Hand, indem er rief:
»Der ist ja so leicht wie eine Flaumfeder!«
»Laß sein,« befahl Vater Tuberozow.
Der Diakon stellte den Zwerg wieder auf den Boden und bemerkte scherzend, in Anbetracht seiner Leichtigkeit sei es unmöglich, ihn nach Gewicht zu verkaufen. Doch der Propst, den das vorlaute Gebaren des Diakons schon zu ärgern begann, wandte ein:
»Weißt du, wen man nach Gewicht schätzt?«
»Nun, wen?«
»Den Wicht.«
»Schönsten Dank!«
»Bitte sehr, recht gern geschehen.«
Der Diakon wurde verlegen, fuhr mit seinem Baumwolltaschentuch über den haarigen Filz seines Hutes und brummte:
»Ihr könnt auch nie und nirgends ohne Politik auskommen!«
Und schritt mit gekränkter Miene zur Tür hinaus.
Bald begannen sich auch die andern Gäste zu verabschieden und gingen ein jeder seines Weges.
Den Zwerg und seine Schwester trug der bronzebeschlagene Wagen schnell von dannen, Tuberozow aber nahm seinen Weg in Begleitung desselben Darjanow, mit dem wir ihn im Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja gesehen haben, langsam über die Brücke.
Als sie das jenseitige Ufer erreicht hatten, machten sie einen Augenblick Halt. Von alter Erinnerung überwältigt meinte der Propst:
»Ist es nicht seltsam, daß dieses alte Märchen, welches uns der Zwerg erzählt und das ich schon so oft gehört habe, daß dieses kindliche Märlein von den Stricknadeln der Alten mich nicht nur erfrischt, sondern auch beruhigt hat nach all der Aufregung, in welche mich die jüngste Wirklichkeit versetzt hatte? Ist das nicht ein deutlicher Beweis dafür, daß ich alt geworden bin und in der Vergangenheit zu leben beginne? Aber nein, das ist es nicht. Ich bin von klein auf so gewesen. Mir fällt eben ein Erlebnis ein: als Student kam ich einmal in das Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte und sah, wie man die alte Holzkirche niederriß, um an ihrer Stelle ein neues schönes Gotteshaus aus Stein zu errichten … Damals brach ich in Tränen aus.«
»Warum denn?«
»Es war mir leid um das hölzerne Kirchlein. Einen schönen, lichten, neuen Tempel will man in Rußland bauen, und die Enkel, die darin beten werden, werden sich freuen an der Fülle von Licht und Wärme, – und dennoch tut es weh, wenn die alten Balken ohne Erbarmen auseinandergezerrt werden.«
»Ja, lohnt sich's denn wirklich, etwas zu bewahren aus jener alten Zeit, die nichts Besseres wußte, als mit Stricknadeln zu klappern und sich an Zwergenhochzeiten zu erfreuen?«
»Ja, sehen Sie mal, ärmlich genug ist das ja, – und doch fühlte ich etwas vom russischen Geiste darin. Ich gedachte der alten Bojarin und mir wurde so wohl und frei dabei, und das scheint mir der schönste Lohn für meine Pietät. Lebt in gutem Einvernehmen mit eurem alten Märchen, ihr jungen russischen Leute! Solch ein altes Märchen ist ein wunderbares Ding! Wehe dem, der in seinem Alter keines hat! Euren Ohren klingt das Klappern der alten Stricknadeln eintönig, mir aber erzählt es süße Mären! … O wie gerne möchte ich in Frieden mit meinem alten Märchen sterben!«
»Das wird ja wohl auch so werden.«
»Wie soll man das wissen? Wie soll man wissen, wer es sein wird? Aber erlauben Sie, – was ist denn das?« unterbrach der Propst sich plötzlich und sah nach einer Staubwolke, die sich auf dem Berge zeigte und einen mit drei Pferden bespannten Reisewagen, in dem zwei Männer saßen, begleitete. Der eine von ihnen war groß, fleischig, schwarz, mit feurigen Augen und einer unverhältnismäßig großen Oberlippe; der andere klein, glatt rasiert, mit einem völlig leidenschaftslosen Gesicht und hellen, wässerigen Augen.
Der Wagen mit den Fremden fuhr schnell über die Brücke und bog auf dem anderen Ufer links ab.
»Was für unangenehme Gesichter,« sagte der Propst und wandte sich ab.
»Wißt Ihr auch, wer das war?«
»Gott sei Dank, nein.«
»Dann kann ich es Euch zu Eurer Betrübnis sagen. Es ist der Regierungsbeamte Fürst Bornowolokow, welcher seit einiger Zeit hier erwartet wird. Ich habe ihn sofort erkannt, obgleich ich ihn lange nicht gesehen habe. Richtig, sie halten vor dem Biziukinschen Hause.«
»Sagen Sie, bitte, welcher von beiden ist Bornowolokow?«
»Links, der Kleine, ist Bornowolokow.«
»Und der andere?«
»Wohl sein Sekretär. Auch eine Berühmtheit eigener Art.«
»Ein tüchtiger Jurist?«
»Hm! Davon habe ich eigentlich nichts gehört. Aber wegen irgendeiner Studentengeschichte wurde er einmal zu Festungshaft verurteilt.«
»Um Gottes willen! Wie nennt sich dieser Mann?«
»Ismail Termosesow!«
»Termosesow?«
»Ja, Termosesow; Ismail Petrowitsch Termosesow.«
»Himmel, was für Leute unser Zar in seine Dienste nimmt!«
»Wie meint Ihr das?«
»Aber, ich bitte! Dies Gesicht, diese Lippen, und auf Festung hat er gesessen und ist wieder freigekommen, und Termosesow heißt er auch noch.«
»Das ist entsetzlich, nicht wahr?« rief Darjanow laut lachend.