Fünftes Kapitel.
Die dunkeln, bangen Ahnungen des Diakons gingen in Erfüllung: der schwächliche, durch die Ereignisse hart mitgenommene alte Propst gehörte kaum noch dieser Welt an. Er erkältete sich nachts beim Zählen der Verbeugungen, die der Diakon auf seinen Befehl zu machen hatte, und wurde krank. Er litt nur wenig Schmerzen, fühlte aber, daß der Tod schon die Arme nach ihm ausstreckte.
Und nur eins tat ihm weh: daß der Bann immer noch nicht von ihm genommen war. Achilla verstand dies sehr wohl und wußte auch, was den Alten dabei am meisten betrübte.
Tuberozow wollte nicht als Gemaßregelter sterben. Er wollte vor den himmlischen Richter als ein von der irdischen Gewalt Freigesprochener treten. Er diktierte dem Diakon einen Brief, in dem er der geistlichen Behörde von seiner Krankheit Mitteilung machte und in rührenden Worten bat, man solle ihm die Gnade erweisen und die Frist des ihm auferlegten Bannes verkürzen. Der Brief wurde abgesandt, blieb aber unbeantwortet.
All seine Kraft, alles, was ihm lieb und teuer war, hätte Achilla freudig hingegeben, um diesen Schmerz von der Seele Tuberozows zu nehmen, aber es lag nicht in seiner Macht, auch war es schon zu spät. Der Todesengel schwebte bereits zu Häupten seines Bettes, um die scheidende Seele zu empfangen.
Einige Tage später stand Achilla weinend in einer Ecke des Krankenzimmers und blickte auf den Vater Zacharia, der, tief über den Sterbenden gebeugt, dessen letzte geflüsterte Beichte entgegennahm. Doch was bedeutete das? Was für eine Sünde belastete das Gewissen des greisen Sawelij, daß der Vater Benefaktow plötzlich in so große Aufregung geriet? Er schien sogar völlig vergessen zu haben, daß er eine Sakramentshandlung vollzog, die keinerlei Zeugen duldet, denn er verlangte mit lauter Stimme, Vater Sawelij solle irgend jemandem irgend etwas vergeben! Was machte den Vater Sawelij am Rande des Grabes so unbeugsam?
»Sei friedfertig! Sei friedfertig! Vergib!« drängte Zacharia sanft, aber fest. »Wenn du nicht vergibst, kann ich dir keine Absolution erteilen.«
Der arme Achilla zitterte am ganzen Leibe und lauschte mit stockendem Herzschlag auf jedes Wort.
»Im Namen des lebendigen Gottes flehe ich dich an, solange du noch am Leben …« rief Zacharia mit lauter Stimme und stockte plötzlich, ohne den Satz zu Ende bringen zu können.
Der Sterbende richtete sich krampfhaft empor, fiel wieder zurück, hob die Hand, um sich zu bekreuzigen, und nachdem er dies getan, sprach er langsam und mit großer Anstrengung:
»Als Christ … vergebe ich ihnen die Schmach, die sie mir angetan … aber daß sie, nur auf den toten Buchstaben bedacht … daß sie hier … Gottes lebendiges Werk zugrunde richten …«
Der Augenblick wurde immer ernster und feierlicher. Es knackte etwas in der Gurgel Sawelijs, und er fuhr wie ein im Fieber Phantasierender fort:
»Diesen Schmerz will ich vor den Thron … des Königs der Könige … und selbst dafür zeugen …«
»Sei friedfertig. Vergib! Vergib ihnen alles!« rief Zacharia händeringend.
Sawelij zog die Brauen zusammen, seufzte und flüsterte: »Wohl mir, daß ich mich gedemütigt habe« – und schloß dann mit unerwartet fester Stimme:
»Nach dem Gerichte derer, so Deinen Namen lieben, erleuchte die Unwissenden und vergib dem blinden und verderbten Geschlechte seine Herzenshärte.«
Zacharia blickte mit seligem Lächeln zum Himmel und machte das Zeichen des Kreuzes über Sawelijs Gesicht.
Dieses Gesicht bewegte sich schon nicht mehr, die Augen blickten starr in die Höhe und erloschen. Das Ende nahte.
Achilla stürzte laut schluchzend zum Bette und warf sich über den Sterbenden.
Mit einer letzten Kraftanstrengung legte der Verscheidende seine Hand auf den Kopf des Diakons. Dann aber fing er auch schon laut zu röcheln an, und seltsam mischten sich diese Töne mit den sanft rieselnden Worten des Sterbegebets, das Zacharia mit tränenerstickter Stimme sprach. Das Erdenwallen des Propstes Tuberozow war zu Ende.