Fünfzehntes Kapitel.
Der Plan war also gelungen. Warnawa hatte jetzt einen Vorwand zum Essen zu kommen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Er trat ins Zimmer mit der Miene eines unglücklichen Opfers feindlicher Gewalten und setzte sich an das schmale Ende des Tisches, Darjanow gegenüber. Zwischen ihnen, an der Längsseite, nahm Alexandra Iwanowna Platz, während die vierte Seite frei blieb. Die Hostienbäckerin selbst setzte sich fast nie mit ihrem Sohne zu Tisch, und auch jetzt begnügte sie sich damit, die Gäste zu bedienen, ohne mitzuessen. Die Alte war entzückt, ihren gelehrten Sohn wiederzuhaben, Freude und Kummer wechselten auf ihrem Antlitz, ihre Augenlider waren gerötet, die Unterlippe zitterte leise und ihre alten Füßchen gingen nicht, sondern liefen in großer Hast, wobei sie unausgesetzt bemüht war, sich so zu stellen und zu wenden, daß man ihr Gesicht nicht sehen konnte.
Die Gäste suchten durch allerlei Listen die Alte zum Bleiben zu bewegen, und lobten ihre Kochkunst. Aber die Gute wies alles Lob zurück und meinte, sie verstünde nur die allereinfachsten Speisen zu bereiten.
»Aber gerade diese einfachen Speisen schmecken uns ausgezeichnet.«
»Ach, wie sollen sie schmecken! Bloß gesund sollen sie sein, sagt man. Aber Gott weiß, ob dem wirklich so ist. Warnawa ißt doch immer, was ich gekocht habe, – und sehen Sie ihn bloß an: ganz wie leer ist er.«
»Hm!« brummte Warnawa, sah die Mutter vorwurfsvoll an und schüttelte den Kopf.
»Ach Gott, was willst du wieder? Wirklich, Warnawa, du bist leer.«
»Sagt das doch noch einmal!« knurrte der Lehrer.
»Es ist doch nichts Kränkendes, Warnascha! Milch trinkst du morgens bis zur Unendlichkeit; Tee mit Weißbrot nimmst du auch bis zur Unendlichkeit; Braten und Grütze auch, – aber wenn du vom Tische aufstehst, bist du wieder leer bis zur Unendlichkeit. Das ist doch sicher eine Krankheit. Ich sage dir schon, lieber Sohn, hör' auf mich …«
»Mutter!« unterbrach sie der Lehrer zornig.
»Was ist denn dabei, Warnascha? Ich sage dir, wenn du frühmorgens aufstehst, mußt du beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ – und dann erst essen …«
»Mutter!« rief Warnawa noch lauter.
»Was ärgerst du dich denn, Närrchen? Ich sage dir, du mußt beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ und dann ein Stückchen geweihte Hostie essen, denn, Sie müssen wissen,« wandte sie sich an die Gäste, »ich hole mir immer für ihn und für mich je ein Stückchen von der Hostie aus der Kirche, damit wir einst drüben in demselben Zelt sind. Aber er will es nie essen. Warum?«
»Warum? Ihr wollt wissen, warum? Schön! Weil ich mit Euch nirgends zusammen sein will, weder in dieser noch in irgendeiner andern Welt!«
Ehe noch der Lehrer diese Worte gesprochen hatte, erbleichte die Alte. Sie zitterte so, daß die beiden Fayenceteller, welche sie in der Hand hielt, ihr entglitten und klirrend in Scherben zersprangen.
»Warnascha,« rief sie, »du sagst dich los von mir?«
»Ja, ja, ja, ich sage mich los! Ihr seid mir auch hier schon zuwider, und mich verlangt nicht im mindesten darnach, Euch noch in jener Welt auf dem Halse zu haben.«
»St! St! St!« suchte die Alte bitterlich weinend ihn zu unterbrechen, und fing an, dicht vor seinem Gesicht in die Hände zu klatschen, damit sie seine furchtbaren Worte nicht höre. Jedoch Warnawa schrie viel lauter, als seine Mutter klatschte. Da stürzte sie zum Heiligenbild und rief außer sich, mit den gespreizten Fingern ihrer mageren Hände fuchtelnd:
»Höre ihn nicht, Gott, höre ihn nicht, höre ihn nicht!«
Und dann fiel sie schluchzend in der Ecke vor dem Bilde zu Boden.
Diese traurige und ganz unerwartete Szene hatte alle Anwesenden in Erregung versetzt, ausgenommen Prepotenskij. Der Lehrer blieb völlig ruhig und aß mit seinem gewöhnlichen, nie versagenden Appetit. Die Serbolowa war aufgestanden und der Alten, welche aus dem Zimmer stürzte, gefolgt. Darjanow sah durch die offene Tür, wie die Hostienbäckerin Alexandra Iwanowna umarmte. Er stand auf, schloß die Tür und stellte sich ans Fenster.
Prepotenskij aß ruhig weiter.
»Wann fährt Alexandra Iwanowna nach Hause?« fragte er, gemächlich kauend.
»Sobald die Hitze nachläßt,« antwortete Darjanow trocken.
»Erst!« sagte Prepotenskij gedehnt.
»Ja, Tuberozow will sie hier noch aufsuchen.«
»Tuberozow? Bei uns? In unserem Hause?«
»Ja, in Ihrem Hause. Aber er kommt nicht zu Ihnen, sondern zu Alexandra Iwanowna.«
Darjanow stand während dieses Gespräches mit dem Rücken zu Prepotenskij und blickte in den Hof hinaus, aber bei den letzten Worten wandte er sich um und fügte mit einem kaum merklichen Lächeln hinzu:
»Es scheint, Sie haben eine Mordsangst vor Tuberozow.«
»Ich? Ich Angst vor Tuberozow?«
»Ja freilich. Es sieht so aus, als wäre sogar Ihre Nase ganz grün geworden, wie ich sagte, er wolle hierher kommen.«
»Meine Nase grün geworden? Ich versichere Sie, das kommt Ihnen nur so vor. Wie wenig ich ihn fürchte, will ich Ihnen heute noch beweisen.«
Mit diesen Worten erhob sich Prepotenskij und ging hinaus. Der Gast ahnte nicht, was für kühne Gedanken in diesem Augenblick im verzweifelten Gehirn Warnawas keimten und reiften. Der geneigte Leser aber soll es im nächsten Kapitel erfahren.