Fünfzehntes Kapitel.

Der Sekretär stand hinter dem Stuhle Bornowolokows und blickte über seine Schulter, während er weiterdiktierte: »Der Hundsfott Termosesow ist auf eine ebenso unbegreifliche wie geniale Weise in den Besitz meines eigenhändigen Briefes an Sie gelangt, in welchem ich so unvorsichtig war, alles das zu schreiben, was Sie auf diesem Blatte von der Hand eben dieses Halunken Termosesow geschrieben lesen.«

»Schluß?«

»Nein, noch etwas. Bitte, schreiben Sie: ›Wie er sich den Brief hat verschaffen können, den ich persönlich zur Post brachte, vermag ich nicht zu ergründen. Die Tatsache aber mag Ihnen ein Beweis für die Kühnheit und Gewandtheit dieses Lumpen sein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mir keine Ruhe zu lassen und mich so lange zu schikanieren, bis Sie ihm einen einträglichen Posten verschafft haben. Ich beschwöre Sie deshalb um unser beider Wohlergehen willen, für ihn selbst das Unmögliche möglich zu machen. Im anderen Falle droht er damit, alles aufzudecken, was wir in der Zeit unserer revolutionären Dummheiten begangen haben.‹«

»Kann der letzte Satz nicht geändert werden?«

»Nein. Ich bin wie Pilatus: was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.«

Bornowolokow schrieb das Bekenntnis seiner Schmach zu Ende und schob das Papier weg.

»Nun haben Sie hier noch den Bericht über die Geistlichkeit und die gefährliche Stimmung in der Gesellschaft zu unterzeichnen.«

Bornowolokow nahm die Feder wieder, las das Schriftstück noch einmal durch, überlegte und sagte:

»Was haben diese Leute, Tuberozow und Tuganow, Ihnen eigentlich getan?«

»Nicht das geringste.«

»Vielleicht sind es ausgezeichnete Menschen.«

»Sehr möglich.«

»Warum verleumden Sie sie denn? Was hier steht, ist doch Verleumdung?«

»Nicht durchweg, nur ein wenig.«

»Ja, wozu dies alles?«

»Was soll ich machen? Ich muß zeigen, was ich kann. Ihr Blaublütigen habt Onkel und Tanten, die sich für Euch bemühen, Parvenüs wie wir müssen alles selber machen.«

Bornowolokow seufzte und unterschrieb.

Termosesow steckte die Denunziation ein.

»Jetzt wäre noch das Dritte zu erledigen,« fuhr er fort, »dann setze ich meinen Hut auf und sage Adieu. Hier ist ein Wechselformular. Es lautet auf achthundert Rubel. Zweihundert erbitte ich mir in bar.«

Bornowolokow saß mit aufgestützten Armen da und betrachtete Termosesow schweigend.

»Nun? Sie haben sich wohl in die Zunge gebissen?«

»Nein, ich bewundere Sie bloß.«

»Bitte sehr. Ich bin so, wie das Leben mich gemacht hat. Aber jetzt unterschreiben Sie den Wechsel und geben Sie mir das Geld.«

»Wofür, Herr Termosesow, wofür?«

»Wofür?! Für Ihre einstigen geheimen Vergnügungen in stillen Nächten im heiligen Moskau und im sündhaften Petersburg; für Ihre Unterhaltungen, Pläne, Schriftstücke, für alle die schönen Stunden, an die ich in meinen Taschen und in meinem Kopf genug Erinnerungen behalten habe, um Ihre ganze Karriere vernichten zu können.«

Bornowolokow unterschrieb den Wechsel und warf das Geld hin.

»Verbindlichsten Dank,« sagte Termosesow, indem er Wechsel und Geld einsteckte, »es freut mich sehr, daß es ohne Feilschen abgegangen ist.«

»Was wäre dann geschehen?«

»Dann hätte ich das Doppelte verlangt.«

Nachdem er alle Dokumente beisammen hatte, suchte Termosesow seine Mütze. »Ich werde draußen im Wagen schlafen,« sagte er, »hier ist es zu schwül für zwei.«

»Wollen Sie mir nicht erst meinen Brief wiedergeben?«

»Fällt mir gar nicht ein. So war es nicht gemeint.«

»Ja, wozu brauchen Sie ihn noch?«

Termosesow lachte.

»Wollen Sie noch Geld dafür haben?«

»Nein, ich bin nicht habgierig, ich habe genug.«

»Pfui, was sind Sie für ein …«

»Vieh, wollen Sie sagen? Bitte, bitte, genieren Sie sich nicht. Ich höre nicht hin und gehe schlafen.«

»So beantworten Sie mir wenigstens noch nur eine Frage: wo sind die verschwundenen Brillanten der Biziukina?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Sie … Sie waren doch irgendwo mit ihr … in einer Laube, – nicht wahr?«

»Was ist denn dabei? Es waren auch noch andere Leute da: der Lehrer und der Diakon.«

»Gewiß. Aber sagen Sie mir wenigstens, – sind diese Brillanten nicht irgendwo unter meine Sachen gesteckt?«

»Wie kann ich das wissen?«

»O Gott! Dieser Mensch macht mich wahnsinnig!« rief Bornowolokow in höchster Erregung.

»Noch eins,« flüsterte Termosesow und drückte Bornowolokows Arm fest zusammen. »Daß Sie sich's nicht einfallen lassen, Ihren Kusinen vorzuflunkern … denn die Briefe wurden nicht nur von mir gelesen.«