Zwölftes Kapitel.

»Bah! Bah! Bah! Was bedeutet denn das?« fragte er die Biziukina und rieb sich die verschlafenen Augen.

»Ach, gar nichts, das ist … ein dummer Mensch, der früher bei uns verkehrte,« antwortete sie und ließ den Lehrer los.

»Weshalb soll er denn jetzt hinausgeworfen werden? Was hat er denn getan?«

»Nichts, gar nichts,« sagte Prepotenskij.

Termosesow sah ihn an und fragte:

»Wer sind Sie denn?«

»Der Lehrer Prepotenskij.«

»Wodurch haben Sie die Dame verletzt?«

»Durch nichts, durch gar nichts.«

»So kommen Sie her, ich will Sie versöhnen.«

Prepotenskij kam sofort zurück.

»Weshalb nennen Sie ihn eigentlich dumm?« fragte Termosesow die Hausfrau und hielt dabei den Lehrer an beiden Händen fest. »Ich kann es nicht finden.«

»Ja, versteht sich, Sie können mir glauben, ich bin gar nicht dumm,« sagte Warnawa lächelnd.

»Ganz richtig, und das Verhalten unserer Frau Wirtin Ihnen gegenüber kann ich nicht billigen. Aber zum Zeichen der Versöhnung soll sie uns Tee geben. Ich trinke gern ein Glas Tee, wenn ich geschlafen habe.«

Daria Nikolajewna ging hinaus, um den Tee zu bestellen.

»Na, und Sie, Herr Lehrer, nehmen Sie Platz und plaudern wir ein bißchen. Ich sehe, Sie sind ein guter Kerl, mit dem sich leben läßt,« begann Termosesow, als er mit Warnawa allein war, der ihn in fünf Minuten in sein ganzes trauriges Schicksal daheim und draußen eingeweiht hatte. Nichts wurde vergessen, weder die Mutter, noch die Totengebeine, noch Achilla, noch Tuberozow, bei dessen Namen Termosesow seine Aufmerksamkeit verdoppelte. Endlich erzählte der Lehrer auch noch von der Vormittagsschlacht des Diakons mit dem Kommissar Danilka.

Bei diesem Bericht räusperte sich Termosesow, klopfte Prepotenskij auf das Knie und sagte leise:

»Also, Herr Professor, ich beauftrage Sie hiermit, mir morgen früh diesen Kleinbürger unbedingt herbeizuschaffen.«

»Den Danilka?«

»Ja, den der Diakon beleidigt hat.«

»Das ist ja eine Kleinigkeit.«

»Also her mit ihm!«

»Morgen in aller Frühe ist er hier.«

»Recht so. Sie sind ein Prachtkerl, Prepotenskij!« lobte ihn Termosesow, und da in diesem Augenblick die Hausfrau wieder eintrat, wandte er sich an sie: »Hören Sie, er gefällt mir ausnehmend, und wenn er mich mit dem Popen Tuberozow bekannt macht, so nenn' ich ihn einen ganz klugen Kopf.«

»Ich kann ihn nicht ausstehn und rate Ihnen nicht, seine Bekanntschaft zu machen,« stammelte Warnawa, »wenn Sie es aber für nötig halten …«

»Es ist sehr nötig, lieber Freund.«

»Dann kommen Sie heute mit zum Abendessen beim Polizeichef, dort lernen Sie unsere ganze Gesellschaft kennen.«

»Schön. Ich geh überall hin. Aber ich muß doch eingeladen sein.«

»Ach, das ist ganz leicht zu machen,« fiel ihm der Lehrer ins Wort. »Ich werde sofort zum Polizeichef gehen und ihm im Namen von Daria Nikolajewna mitteilen, sie bäte um Erlaubnis, abends ihren Petersburger Gast mitzubringen.«

»Prepotenskij, komm in meine Arme!« rief Termosesow, und als der Lehrer aufstand und auf ihn zuging, küßte er ihn. Dann drehte er ihn linksherum und sagte: »Geh und handle!«

Stolz und seines Ruhmes nun völlig sicher, nahm Warnawa seine Mütze und ging. Nach einer Stunde, die Termosesow dazu benutzt hatte, der Biziukina klarzumachen, daß man keinen Dummkopf merken lassen dürfe, für wie dumm man ihn halte, kam der Lehrer mit der Botschaft zurück, Porochontzews wären sehr erfreut, die Herrschaften heute abend bei sich zu sehen.

»Und was den Kleinbürger Danilka betrifft, den Sie kennen lernen wollten,« fügte er endlich hinzu, »so habe ich ihn bereits ausfindig gemacht. Er steht draußen vor dem Tor.«

Termosesow belobte Warnawa nochmals für seine Findigkeit, stand auf und bat den Lehrer, ihn an irgendeinen stillen Ort zu führen, wo er ungestört mit Danilka reden könne.

Prepotenskij führte Ismail Petrowitsch in die leere Kanzlei des Akziseeinnehmers und stellte ihm dort den Kommissar vor.

»Guten Tag, Bürger,« begrüßte ihn Termosesow. »Wie hat Sie der hiesige Diakon neulich morgens beleidigt?«

»Er hat mich gar nicht beleidigt.«

»Gar nicht? Sagen Sie mir alles frei und offen, wie dem Popen in der Beichte, denn ich bin ein Freund des Volkes, kein Feind. Der Diakon Achilla hat Sie gekränkt?«

»Nein, er hat mich nicht gekränkt. Wir haben das schon unter uns erledigt.«

»Wie kann man das erledigen? Er hat Sie doch am Ohr durch die Stadt gezerrt!«

»Was ist denn dabei? Das sind ja nur Dummheiten.«

»Wieso Dummheiten? Eine Beleidigung ist es. Bedenken Sie, Bürger, er hat Sie am Ohr gerissen!«

»Es war aber doch nur Scherz. Darin finden wir keine Beleidigung.«

»Wie, Bürger? Ist es möglich, so etwas nicht als Beleidigung anzusehen? Er soll es doch vor allem Volke getan haben!«

»Ja freilich.«

»Da müssen Sie doch eine Klage einreichen.«

»Wem denn?«

»Nun, dem Fürsten, der mit mir gekommen ist.«

»Schon recht.«

»Also wollen Sie klagen oder nicht?«

»Worauf soll ich denn klagen?«

»Er kann zu hundert Rubel Strafe verurteilt werden.«

»Das stimmt.«

»Sie sind also einverstanden. So ist's recht, Prepotenskij! Setz dich und schreib, was ich dir diktieren werde.«

Und Termosesow diktierte eine Beschwerde an Bornowolokow, kurz, aber gehaltvoll; auch der Propst war darin nicht vergessen: er hätte der Lynchjustiz des Diakons Vorschub geleistet und dem Kläger sogar gesagt, daß die ihm zuerteilte Lektion wohlverdient gewesen.

»Nun unterzeichne, Bürger!« Und Termosesow stopfte Danilka die Feder gewaltsam in die Hand, aber der »Bürger« erklärte plötzlich, er wolle nicht unterschreiben.

»Was? Sie wollen nicht?«

»Nein, ich bin damit nicht einverstanden.«

»Was soll das heißen? Teufel noch einmal! Erst schweigst du, und nachdem man dir die Beschwerde gratis aufgesetzt hat, willst du nicht unterschreiben!«

»Nein, ich will nicht.«

»Man soll dir wohl noch einen Rubel geben, damit du unterschreibst? Das ist zu viel verlangt, mein Lieber. Sofort unterschreibst du!«

Termosesow packte den Widerspenstigen wütend beim Kragen und zerrte ihn zum Tisch.

»Ich … wie es Eurer Gnaden gefällt …, aber ich unterschreibe nicht,« stotterte der Kleinbürger und ließ die Feder absichtlich fallen.

»Ich will dich lehren! Wie's Eurer Gnaden gefällt! Und wenn es mir nun gefällt, deiner Gnaden ein Dutzend mal in die Fresse zu hauen?«

Der Bürger fuhr entsetzt zurück und stammelte:

»Euer Hochwohlgeboren, erbarmen Sie sich, zwingen Sie mich nicht! Meine Klage wird doch zu nichts führen!«

»Warum nicht?«

»Ich hab' schon einmal klagen wollen, als der fürstliche Verwalter Glitsch mich mit Nesseln auspeitschen ließ, weil ich auf die Wette des Polizeichefs hin sein Pferd stehlen wollte. Damals rieten alle mir ab. Klage nicht, Danilka, sagten sie, denn dann kommt es zu einer großen Untersuchung, und dann sagen wir alle, daß du längst schon in Sibirien sein müßtest. Ja, und ich kannte mich selber zu gut, um zu wissen, daß ich kein Recht mehr habe, meine Ehre zu verteidigen.«

»Wie du über deine Ehre denkst, das kommt hier gar nicht in Betracht.«

»Und die hiesigen Herren Beamten wissen auch …«

»Deine hiesigen Herren Beamten mögen wissen, was sie wollen, wir sind aber keine hiesigen, wir sind aus Petersburg. Verstehst du das? Aus der Residenz, aus Petersburg! Und ich befehle dir: sofort unterschreibst du, du gottverdammtes Luder, ohne alle Widerrede, sonst … sonst fliegst du auch ohne Untersuchung nach Sibirien.«

Und der bärenstarke Termosesow drückte mit der Rechten die Hand und mit der Linken die Kehle des Kommissars so kräftig zusammen, daß Danilka im Nu rot wurde, wie ein gekochter Krebs, und kaum noch hörbar röchelte:

»Um Gottes willen, lassen Sie mich los! Ich unterschreibe ja alles!«

Ächzend und hustend setzte er seine Krakelfüße unter das Gesuch.

Termosesow steckte das Papier in die Tasche, hielt Danilka die Faust unter die Nase und sagte drohend:

»Bürger, wenn du dich irgendwie vor der Zeit verplapperst, daß du dich beschwert hast …«

Danilka, der immer noch hustete, machte nur eine abwehrende Bewegung mit der ganz erstarrten Hand.

»… Dann schlag ich dir die ganze Fratze zu Brei, multipliziere die Wangen, subtrahiere die Nase und verwandle die Zähne in Brüche!«

Der Kleinbürger winkte mit beiden Händen ab.

»Jetzt hast du aber genug gekrächzt! Allez, marchez zur Tür hinaus!« kommandierte Termosesow, schob den Haken von der Tür zurück und gab Danilka auf der Schwelle einen so kräftigen Stoß, daß er über den an das Haus angebauten Hühnerstall hinwegflog und auf den warmen Rasen zu sitzen kam. Er sah sich nur noch einmal um, spuckte aus und rollte dann auf allen vieren zum Tor hinaus. Er hustete nicht einmal mehr.

Prepotenskij war von dieser Kraftprobe so entzückt, daß er laut applaudierte.

»Was fällt dir ein?« fragte Termosesow.

»Sie sind stärker als Achilla! Jetzt brauch' ich ihn nicht mehr zu fürchten!«

»Das brauchst du auch nicht.«