Zwölftes Kapitel.
Termosesow machte ein sehr verlegenes Gesicht, als er zu den Damen zurückkehrte. Ihre Verwirrung aber war noch viel größer. Die Mädchen sprangen auf und liefen hinaus, um ihre Tränen zu verbergen, die infolge der ihnen von der Mutter gehaltenen Pauke reichlich flossen. Die Postmeisterin selbst blieb als Opferlamm im Salon.
Termosesow stellte sich schweigend vor sie hin und lächelte.
»Ich sehe Sie an,« sagte die Dame geziert, »und schäme mich.«
»Sie haben den Brief?«
»Die Versuchung war zu groß. Hier ist er.«
Termosesow nahm das versiegelte Kuvert aus ihrer Hand.
»Ich schäme mich ganz entsetzlich … aber was soll ich machen … ich bin ein Weib …«
»Ach, lassen Sie doch! Ein Weib! Um so besser, daß Sie ein Weib sind! Das Weib ist ein viel besserer Freund als der Mann und ich bin ein so vertrauensseliger Narr, daß ich wirklich warme aufrichtige Freundschaft … ich meine, weibliche Freundschaft sehr nötig habe! Jetzt habe ich mich an Herrn Bornowolokow angeschlossen … Wir sind schon lange Freunde und er ist auch jetzt mehr mein Freund als mein Vorgesetzter … wenigstens scheint es mir …«
»Ja, ich sehe, ich sehe, Sie sind sehr treuherzig und vertrauensselig!«
»Ich bin einfach ein Narr in dieser Beziehung! Ein völliger Narr! Ein kleines Kind kann mich nasführen!«
»Das ist aber nicht gut, gar nicht gut!«
»Was kann ich gegen meine Natur? Jemand, der meine Freundschaft mit Bornowolokow genau beobachtet hatte, sagte mir einmal: ›Paß auf, Ismail Petrowitsch, du bist zu leichtgläubig! Baue nicht zu sehr auf diese hinterlistige Freundschaft! Bornowolokow zeigt hinter deinem Rücken ein ganz anderes Gesicht, als du zu sehen gewohnt bist!‹ … Aber ich kann nicht anders – ich muß ihm glauben!«
»Warum tun Sie es?«
»Gott, ich bin nun mal so! … Ja, wenn man mir Beweise vorlegte! Wenn ich hören könnte, wie er in meiner Abwesenheit von mir spricht! Wenn ich einen Brief von ihm sehen könnte! Den Freundesdienst würde ich mein Leben lang nicht vergessen!«
Die Postmeisterin bedauerte, daß sie diesen hinterlistigen Bornowolokow nie zu Gesicht bekommen habe, und fragte, ob Termosesow vielleicht eine Photographie des Verräters besäße?
»Leider nicht. Aber einen Brief von ihm. Hier, sehen Sie seine Handschrift.«
Und er zeigte ihr einen Fetzen Papier von Bornowolokows Hand beschrieben. Beim Fortgehen ließ er ihn wie von ungefähr auf dem Tische liegen.