Zwölftes Kapitel.

Der Diakon lief von einem Steinmetz zum andern, bis schließlich seine Wahl auf den allerschlechtesten, einen Mühlsteinfabrikanten namens Popygin fiel. Zwei deutsche Steinhauer hatten den Diakon in hellen Zorn versetzt, weil sie immer wissen wollten, ob »der Maßstab es gestatten werde«, eine so große Pyramide aufzubauen, wie der Diakon sie haben wollte, der die Fläche einfach durch Schritte und die Höhe mit emporgereckten Armen bezeichnete.

Meister Popygin als biederer Russe verstand ihn besser: sie maßen alles nach Schritten und mit ausgestreckten Armen ab und schlossen einen mündlichen Vertrag, den sie durch Handschlag besiegelten. Damit war die Bestellung gemacht und der Bau der Pyramide begann. Achilla sah zu, wie man die riesigen Steine schob, wendete und glättete und war über ihre Dimensionen entzückt.

»So ohne Maßstab ist's viel besser,« sagte er, »wie es uns paßt, so bauen wir.«

Der russische Meister Popygin stimmte ihm durchaus bei.

Tuganow ließ sich von Achilla über die Fortschritte der Arbeit Bericht erstatten und widersprach ihm weder, noch stritt er mit ihm. Er suchte den Recken durch das Denkmal bei Laune zu erhalten, wie man einem betrübten Kinde ein Spielzeug gibt.

Nach einer Woche war sowohl die Pyramide als auch die Inschrift fertig, und der Diakon kam zu Tuganow und bat ihn, das Wunderwerk seiner schöpferischen Phantasie in Augenschein zu nehmen. Es erwies sich als furchtbar breite, etwas plattgedrückte Pyramide, mit einem Kreuz oben und je einem großen holzgeschnitzten, vergoldeten Cherub an den vier Ecken.

Tuganow betrachtete das Monument. »Das lebt!« sagte er, und der Diakon war beglückt. Die Pyramide wurde auseinandergenommen und ihre Teile auf neun Schlitten nach Stargorod geschafft. Auf dem zehnten Schlitten, der die Karawane beschloß, saß Achilla selbst, zusammengekauert, in einem speckigen Schafpelz zwischen den vier vergoldeten, in Matten gewickelten Cherubim. Er war immer noch ganz entzückt von der Herrlichkeit des Denkmals, aber in dieses Entzücken mischte sich eine gewisse Unruhe: er fürchtete, es könnte jemandem einfallen, an seiner Pyramide Kritik zu üben, an dieser einzigartigen Schöpfung seines Geistes und Geschmacks, dem Zeugnis seiner Ergebenheit und Liebe zu dem entschlafenen Sawelij. Um dem zu entgehen, beschloß Achilla, den Aufbau möglichst im geheimen zu bewerkstelligen. Als er daher Stargorod erreicht hatte, ging er nachts nur zu Zacharia und erzählte ihm von allen Schwierigkeiten, die er bei der Herstellung der Pyramide zu überwinden gehabt hatte.

Es gelang dem Diakon aber nicht, unbemerkt das Monument zusammenzustellen. Die auf den Schlitten lagernden Teile der Sawelij-Pyramide erregten gleich am nächsten Morgen allgemeines Aufsehen. Die sich scharenweise herandrängenden Städter interessierten sich besonders für die unter den Matten hervorblinkenden Arme und Flügel der vergoldeten Cherubim. Die Biederleute stritten heftig über die Frage, was das wohl für Engel sein mochten: silberne oder vergoldete.

»Silbern und vergoldet und von innen mit Brillanten gespickt,« erklärte Achilla und trieb die Mitbürger auseinander, die sich um die Arbeiter drängten.

Auch die feinen Herrschaften ärgerten den Diakon. Diese schienen ihm eigens zum hämischen Kritteln gekommen zu sein.

Der sonst so wenig selbstbewußte und ehrgeizige Achilla wurde in seiner wachsenden Reizbarkeit zuletzt ganz unerträglich. Er konnte kein Wort über Tuberozow mehr ruhig anhören. Sogar wenn man den Seligen lobte, geriet er in Wut: er fand all und jedes Lob unangebracht.

»Was gibt's denn da zu loben?« sagte er zu Benefaktow. »Ihr seid, nehmt mir's nicht übel, ein leichtsinniger Mensch, Vater Zacharia. Ihr redet von ihm, wie man von Milch redet, wenn man eine Kuh gesehen hat.«

»Habe ich denn etwas Schlechtes über ihn gesagt?«

»Man soll überhaupt nicht von ihm reden. Die Zeit ist nicht danach, über die Glaubensstarken zu streiten.«

Gegen andere war Achilla noch viel schroffer als gegen Benefaktow, und als nach und nach alle, durch seine Empfindlichkeit abgestoßen, ihn zu meiden anfingen, geriet er immer mehr unter die Herrschaft eines Gedankens: der Vergänglichkeit alles Irdischen und des Todes.

»Sagt was ihr wollt,« philosophierte er, »das ist auch keine Kleinigkeit, plötzlich so hinzusterben und dann Gott weiß wo an einem ganz andern Ort wieder zu sich kommen.«

»Darüber hast du noch Zeit genug nachzudenken,« tröstete ihn Zacharia, »du stirbst nicht so bald.«

»Woraus schließt Ihr das, Vater Zacharia?«

»Aus deinem Körperbau und … dann hast du solche Ohren … so feste …«

»Ja, was meine Statur und meine Ohren betrifft, so brauchte ich in hundert Jahren nicht zu sterben; man müßte mich rein mit einem Knüppel totschlagen. Aber, wißt Ihr, das hängt doch auch von der Phantasie ab, und deswegen muß der Mensch auch daran denken.«

Und endlich verfiel der Diakon in eine ganz trübe Hypochondrie, die auch den andern nicht entging. Man fing an zu reden, daß er sich den Tod herbeirufe.

Der Propst Grazianskij besuchte den Diakon und machte ihm Vorwürfe wegen seines freiwilligen Exils; er sagte, es wäre unvernünftig, die Menschen zu fliehen; Achilla aber erwiderte ihm ruhig:

»Den Vernünftigen sucht Ihr jetzt vergebens. Er liegt im Grabe.«

Dem Arzt Pugowkin, den der Diakon einst beim Baden untergetaucht hatte und der trotzdem sein guter Freund geblieben war und jetzt zu ihm kam, ihn zu trösten und ihm einzureden, er sei krank und müsse sich ärztlich behandeln lassen, erwiderte Achilla:

»Du hast recht, mein Bester, alle meine Gedanken gehen durcheinander … Ich grübele – ich weiß selber nicht worüber … und immer quält mich … weißt du (Achilla zog die Brauen zusammen und schloß im Flüstertone) die Sehnsucht.«

»Nun ja, man nennt das erhöhte Sensibilität, Reizbarkeit.«

»Reizbarkeit, das ist es! Alles drückt mich. Weißt du, es ist, als ob ein Pfahl in meiner Brust stäke, und nachts sitze ich da und weiß lange nicht, weswegen ich mich quäle und weine.«

Da trat unerwartet ein Ereignis ein, das den Diakon aufrüttelte: der Tod des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch. In seinem Testament hatte er verfügt, daß Vater Zacharia und Achilla ihm das letzte Geleit geben sollten, jedem von den beiden hatte er dafür fünf Rubel in bar, zwei Paar selbstgestrickte Strümpfe und eine baumwollene Nachtmütze hinterlassen.

Als man vom Begräbnis nach Hause ging, schien der Diakon heiterer als sonst. Er scherzte sogar.

»Seht ihr wohl, meine Lieben, wie Er unsere Gemeinschaft auflöst?« sagte er, »einen nach dem andern holt Er sich: nun ist auch Nikolai Afanasjewitsch hin. Und dann kommt die Reihe an mich und Vater Zacharia.«

Achilla täuschte sich nicht. Als er Seinen Besuch erwartete, stand Er, der Milde und Unüberwindliche, schon hinter ihm und breitete seine kühlen Flügel über ihn.

Die Chronik muß eingehend über die letzten Taten des Recken Achilla berichten, denn diese Taten waren seiner durchaus würdig und gaben ihm die Möglichkeit, auf seine eigene, ganz besondere Weise die Fahrt nach dem jenseitigen Ufer des Lebensmeeres anzutreten.