II
Am andern Tage fuhr der Kaiser mit Platow in die Kunstkammern. Sonst hatte der Kaiser niemanden von den Russen mitgenommen, weil man ihm nur einen zweisitzigen Wagen geschickt hatte.
Sie langten bei einem nicht allzu großen Gebäude an — die Auffahrt ist unbeschreiblich, Korridore ins Unendliche, die Zimmer gehen eines in das andere, und endlich in dem hauptsächlichsten Saale stehen verschiedene gewaltige Büsten, und in der Mitte unter einem Baldachin steht »Abolon von Polwedere«.
Der Kaiser blickt auf Platow, ob er wohl sehr erstaunt sei, und worauf er schaue. Der aber geht, die Augen zu Boden gesenkt, so dahin, als sehe er gar nichts — und dreht nur Ringe aus seinem Schnurrbart.
Die Engländer begannen alsogleich, verschiedene Wunder zu zeigen und zu erklären, was bei ihnen für kriegerische Zwecke eingerichtet ist. »Sturmmesser« für die Marine, »Pontonen« für das Fußvolk und geteerte Segeltücher für die Reiterei. Der Kaiser hat an dem allen seine Freude, alles kommt ihm sehr schön vor, Platow aber bleibt dabei, daß für ihn das alles gar nichts bedeute.
Der Kaiser spricht: »Wie ist denn das möglich? — Weshalb ist in dir eine solche Gefühllosigkeit? Gibt es denn wirklich hier gar nichts für dich zu bewundern?«
Platow antwortet: »Mir ist hier nur das Eine erstaunlich, daß meine forschen Kerle vom Don ohne dies alles Krieg führten und zwölf Heidenvölker davonjagten!«
Der Kaiser spricht: »Das ist Unsinn!«
Platow antwortet: »Ich weiß nicht, worauf ich das beziehen soll, zu streiten wage ich aber nicht und muß schweigen.«
Als aber die Engländer eine solche Auseinandersetzung zwischen ihnen wahrnahmen, führten sie ihn sogleich gerade zu dem »Abolon von Polwedere« und nahmen dem aus der einen Hand ein Mortimergewehr, aus der andern eine Pistole.
»Sehen Sie« — sprachen sie — »wie bei uns gearbeitet wird« und zeigten ihm das Gewehr.
Der Kaiser schaute ruhig auf das Mortimergewehr, weil er solche in Zarskoje Ssjelo selber besitzt, jene aber geben ihm darauf die Pistole und sagen:
»Diese Pistole ist von unbekannter, unnachahmlicher Meisterschaft. Unser Admiral zog sie einem Räuberhauptmann in ‚Kandelabrien‘ aus dem Gürtel.«
Der Kaiser schaut auf die Pistole und kann sich nicht satt sehen. Er seufzt furchtbar.
»Ach, ach, ach ...« — spricht er — »wie kann man nur so, wie kann man das denn überhaupt so fein machen!« — Und er wendet sich zu Platow und spricht zu ihm auf russisch: »Siehst du, wenn bei mir in Rußland auch nur ein solcher Meister wäre, würde ich darüber äußerst glücklich und stolz sein und diesen Meister sogleich in den Adelstand erheben!«
Platow aber versenkte auf diese Worte hin sofort seine rechte Hand in seine weiten Pluderhosen und zog von dort einen Gewehrschraubenzieher heraus. Die Engländer sagen: »Das läßt sich nicht öffnen!« Er aber gibt gar nicht darauf acht und beginnt das Schloß aufzudrehen. Er dreht einmal um, zweimal — das Schloß ist herausgefallen. Platow zeigt dem Kaiser den Drücker und grade auf der Rundung die russische Aufschrift: »Iwan Moskwin aus der Stadt Tula«.
Die Engländer erstaunen, und einer stößt den andern an:
»O je, da sind wir hereingefallen!«
Der Kaiser aber spricht kummervoll:
»Weshalb hast du sie so in Verlegenheit gebracht, mir tun sie jetzt sehr leid. Laßt uns abfahren.«
Sie setzten sich wiederum in denselben zweisitzigen Wagen und fuhren ab; und der Kaiser war an diesem Tage auf einem Ball. Platow aber goß ein noch größeres Glas Branntwein hinter die Binde und entschlummerte eines festen Kosakenschlafes.
Es war ihm froh zumute, daß er die Engländer in Verlegenheit gebracht und ihnen den Tulaer Meister zum Vorbild gegeben hatte. Dabei war es ihm aber auch verdrießlich: Weshalb hatte der Kaiser bei einer solchen Gelegenheit die Engländer bemitleidet!
»Worüber hat sich denn da der Kaiser gegrämt« — dachte Platow — »ich verstehe das ganz und gar nicht« — und in solchen Gedanken stand er zweimal auf, bekreuzte sich und trank Schnaps, bis er sich gewaltsam einen starken Schlaf zugezogen hatte.
Die Engländer aber konnten zu dieser selben Zeit gleichfalls nicht schlafen, weil es auch ihnen »wirbelte«. Während der Kaiser sich auf dem Ball vergnügte, bereiteten sie ihm ein derartiges neues Wunderwerk vor, daß diesmal auch Platow alle Phantasie ausging.