III

Am andern Tage, als Platow beim Kaiser erschien, um ihm einen guten Morgen zu wünschen, spricht er zu ihm:

»Laß sogleich den zweisitzigen Wagen anspannen, um die neuen Kunstkammern anzusehen!«

Platow erkühnte sich sogar, zu bemerken, ob es nicht etwa genug sei, die fremdländischen Erzeugnisse anzuschauen und ob es nicht besser wäre, sich auf den Weg nach Rußland zu machen.

Der Kaiser aber spricht:

»Nein, ich wünsche noch andere Neuigkeiten zu sehen: man hat sich vor mir gebrüstet, daß man bei ihnen die erste Sorte Zucker bereite.«

Sie fuhren ab.

Die Engländer zeigten dem Kaiser, was sie für verschiedene erste Sorten haben, Platow aber schaut und schaut und spricht plötzlich:

»Aber zeigt uns doch aus Euern Fabriken den Zucker ‚Chalva‘!«

Die Engländer wissen nicht, was das bedeutet »Chalva«. Sie flüstern untereinander, zwinkern einander zu und wiederholen »Chalva?« »Chalva?«, können aber nicht verstehen, daß bei uns ein solcher Zucker hergestellt wird, und müssen zugeben, daß es bei ihnen alle Arten Zucker gibt, »Chalva« aber nicht.

Platow spricht:

»Nun, so ist auch kein Grund, zu prahlen. Kommt zu uns, wir werden Euch Tee zu trinken geben mit echtem ‚Chalva‘ aus der Bobrinskijschen Fabrik.«

Aber der Kaiser zupfte ihn am Ärmel und sprach leise zu ihm: »Bitte, verdirb mir nicht die Politik!«

Da riefen die Engländer den Kaiser in die allerletzte Kunstkammer, wo in der ganzen Welt gesammelte Mineralien und »Nymphusorien« lagen, von der allergrößten ägyptischen Pyramide bis zu einem »unterhäutigen« Floh, den man mit bloßem Auge selber gar nicht wahrnehmen, wohl aber seine Bisse zwischen Haut und Körper verspüren konnte.

Der Kaiser fuhr dorthin.

Man beschaute die Pyramiden und allerhand ausgestopfte Tiere und ging weg. Platow aber denkt bei sich:

»Nun, Gott sei Dank, alles steht gut — der Kaiser staunt über gar nichts.«

Kaum aber waren sie in die allerletzte Kammer getreten, so stehen dort ihre Arbeiter in Arbeitskleidung und Schürzen und halten eine »Tablette«, auf der gar nichts liegt.

Der Kaiser erstaunte sich plötzlich — daß man ihm eine leere »Tablette« hinhält.

»Was bedeutet das?« fragte er; die englischen Meister aber antworten: »Das ist unser untertäniges Geschenk an Eure Majestät!«

»Was ist es denn?«

»Aber« — sprechen sie — »geruhen Sie dort ein Körnchen zu sehen?«

Der Kaiser schaute hin und sieht, auf der silbernen »Tablette« liegt wirklich das allerwinzigste Körnchen.

Die Arbeiter sprechen:

»Geruhen Sie Ihre Fingerchen anzuspeicheln und es aufs Händchen zu nehmen.«

»Was soll mir aber denn das Körnchen?«

»Dies« — antworten sie — »ist kein Körnchen, vielmehr ein ‚Nymphusorium‘.«

»Ist es lebendig?«

»Keineswegs« — antworten sie — »es ist nicht lebendig, vielmehr ganz aus englischem Stahl in Gestalt eines Flohs von uns ausgeschmiedet, und in seiner Mitte ist ein Uhrwerk und eine Feder. Geruhen Sie es mit dem Schlüssel aufzuziehen: es wird sogleich zu tanzen beginnen!« Der Kaiser ward neugierig und fragt: »Wo ist denn aber das Schlüsselchen?«

Die Engländer sagen:

»Hier ist auch der Schlüssel, vor Ihren Augen.«

»Weshalb aber« — spricht der Kaiser — »sehe ich ihn nicht?«

»Deshalb« — antworten sie — »weil man dazu ein ‚Winzigglas‘ braucht.«

Man reichte ein »Winzigglas«, und der Kaiser sah, daß tatsächlich neben dem Floh ein Schlüsselchen auf der »Tablette« lag.

»Geruhen Sie« — sprachen sie — »es ins Händchen zu nehmen. Bei ihm im Bäuchelchen ist ein Aufziehlöchelchen, der Schlüssel macht sieben Umdrehungen, und dann wird es zu tanzen anfangen ...«

Mit Mühe erfaßte der Kaiser dieses Schlüsselchen und kaum vermochte er es mit den Fingerspitzen zu halten. Mit der anderen Hand aber nahm er das Flöhchen, und kaum hatte er das Schlüsselchen hineingesteckt, als er fühlte, wie der Floh sein Schnurrbärtchen zu bewegen begann, dann mit den Füßchen zu trippeln und endlich zu springen und in einem Flug gleich ein »Dansé« und zwei »Variationen« nach der einen Seite zu machen, dann nach der anderen, und so tanzte er in drei »Variationen« die ganze Quadrille.

Der Kaiser befahl sogleich, den Engländern eine Million zu geben, in was für Geld sie selber wollten — sei es in silbernen Fünfkopekenstücken, sei es in kleinen Assignaten.

Die Engländer baten, man möchte es ihnen in Silber auszahlen, weil sie sich in den Papierchen nicht auskennten; dabei aber offenbarten sie aufs neue ihre Schlauheit: den Floh gaben sie zum Geschenk, ein Futteral für ihn hatten sie indes nicht mitgebracht. Ohne Futteral konnte man aber weder ihn noch das Schlüsselchen halten, weil sie sich sonst verlieren, und man sie dann mit dem Kehricht hinauswirft. Das Futteral zu ihm bestand aber in einer Diamantnuß, aus einem Stück gemacht — dem Floh war ein Plätzchen in der Mitte ausgeschliffen. Dies Futteral gaben sie nicht, weil es, so sagen sie, dem Staate gehöre, und in dieser Beziehung sei es bei ihnen streng: nicht einmal für den Kaiser dürfe man es opfern.

Platow wollte sich schon sehr erzürnen. »Wozu«, so spricht er, »ein solcher Betrug! Das Geschenk haben sie dargebracht und eine Million dafür erhalten, und immer noch nicht genug! Ein Futteral«, spricht er, »gehört immer zu jeder Sache.«

Der Kaiser aber spricht:

»Hör’ bitte auf, das ist nicht deine Sache — verdirb’ mir nicht die Politik. Sie haben ihre Gebräuche« — und er fragt: »Wieviel kostet diese Nuß, in die der Floh hineingeht?«

Die Engländer setzen dafür noch Fünftausend fest.

Kaiser Alexander Pawlowitsch sagt:

»Man soll es ihnen auszahlen«, selber aber steckt er den Floh in dies Nüßchen, und mit ihm zugleich auch das Schlüsselchen. Um aber nicht die Nuß zu verlieren, legte er sie in seine goldene Tabaksdose; die Tabaksdose aber befahl er in seine Reiseschatulle zu legen, die ganz ausgelegt war mit Perlmutter und Fischbein. Die englischen Meister entließ der Kaiser in Ehren und sagte ihnen: »Ihr seid die ersten Meister in der ganzen Welt, und meine Leute verstehen im Vergleich zu Euch gar nichts.«

Jene blieben sehr zufrieden, Platow aber konnte den Worten des Kaisers nichts widersprechen. Er nahm nur das »Winzigglas«, ja, und ohne ein Wort zu sagen, steckte er es in seine Tasche. »Weil« — spricht er — »es auch dazu gehört, und ihr so schon viel Geld von uns genommen habt!«

Der Kaiser wußte das gar nicht bis ganz zu seiner Ankunft in Rußland. Sie reisten aber sehr bald ab, weil der Kaiser von allen diesen »Militärangelegenheiten« in Melancholie verfiel, und er eine geistige Beichte haben wollte in Taganrog beim Popen Fjedot. Unterwegs hatten er und Platow sehr wenig angenehme Unterhaltung, weil sie völlig verschiedene Gedanken hegten: der Kaiser glaubte, den Engländern sei niemand an Kunstfertigkeit gleich, Platow hingegen bestand darauf, daß auch die Unsrigen alles machen können, was sie anschauen, nur fehle es ihnen an nützlicher Lehre. Und er hielt dem Kaiser vor, daß bei den englischen Meistern durchaus in allem andere Regeln des Lebens, der Wissenschaft und der »Verpflegung« gelten und jeder Mensch bei ihnen alle »absoluten« Möglichkeiten für sich habe, und deshalb sei in ihm auch ein ganz anderer Geist.

Der Kaiser wollte das nicht lange anhören, Platow aber steigt auf jeder Station aus und trinkt vor Verdruß ein Wasserglas Schnaps, beißt gesalzene Bretzel zu, raucht seine Weichselpfeife, in die ein ganzes Pfund Schukowscher Tabak hineinging, setzt sich dann hin und sitzt so schweigend neben dem Kaiser im Wagen. Der Kaiser schaut auf eine Seite, Platow steckt durch das andere Fenster seine Pfeife hinaus und läßt den Rauch in die Luft. So reisten sie bis Petersburg; zum Popen Fjedot nahm aber der Kaiser den Platow schon gar nicht mehr mit.

»Du« — spricht er — »bist in geistlicher Unterhaltung unenthaltsam und rauchst so viel, daß sich von deinem Qualm nur Ruß im Kopfe ansetzt!« Platow blieb gekränkt zurück und legte sich zu Hause auf sein »Verdrußsofa«, und er lag dort immerfort und rauchte ohne Unterlaß Schukowschen Tabak.