IV
Der erstaunliche Floh aus gehärtetem Stahl blieb bei Alexander Pawlowitsch in der Schatulle unter dem Fischbein, bis der Kaiser in Taganrog starb, nachdem er ihn dem Popen Fjedot gegeben hatte, damit der ihn später der Kaiserin gebe, wenn sie sich getröstet habe. Die Kaiserin Jelisaweta Alexejewna schaute die Variationen des Flohs an und lächelte, beschäftigte sich aber weiter nicht mehr mit ihm.
»Meine Sache,« spricht sie, »ist die einer Witwe, und mir sind keinerlei Unterhaltungen verführerisch,« und als sie nach Petersburg zurückgekehrt war, übergab sie dies Wunderding mit allen andern Kostbarkeiten dem neuen Kaiser zum Erbe.
Kaiser Nikolai Pawlowitsch schenkte gleichfalls anfangs dem Floh nicht die geringste Aufmerksamkeit, weil bei seiner Thronbesteigung eine »Verwirrung« war, später aber begann er einmal die ihm von seinem Bruder hinterlassene Schatulle durchzusehen und nahm aus ihr die Tabaksdose heraus, aus der Tabaksdose die Brillantnuß, und in ihr fand er den stählernen Floh, der schon lange nicht mehr aufgezogen war, und sich deshalb nicht bewegte, vielmehr friedlich dalag, als ob er versteinert wäre.
Der Kaiser schaute hin und staunte.
»Was ist denn da noch für eine Nichtigkeit, und wozu ward sie dort von meinem Bruder so aufbewahrt?«
Die Hofleute wollten es wegwerfen, der Kaiser aber spricht:
»Nein — das bedeutet irgend etwas!«
Man rief von der Anitschkin-Brücke aus der gegenüberliegenden Apotheke einen Chemiker, der auf der allerkleinsten Wage Gift abzuwiegen pflegte, und zeigte ihm das Ding; der aber nahm sogleich den Floh, legte ihn auf die Zunge und spricht: »Ich empfinde Kälte wie von einem festen Metall«. Darauf drückte er es leicht mit den Zähnen und erklärte:
»Wie es Ihnen beliebt, dies ist aber kein wirklicher Floh, vielmehr ein »Nymphusorium«, und es ist aus Metall gemacht, und die Arbeit ist nicht die unsrige, nicht russische.«
Der Kaiser befahl zu erkunden, woher dies stamme, und was es bedeute. Man stürzte sich sogleich in die Akten, um Verzeichnisse einzusehen — in den Akten aber war nichts eingetragen. Man begann diesen und jenen auszufragen — niemand wußte etwas. Zum Glück weilte aber damals noch der Donsche Kosak Platow unter den Lebenden und lag sogar immer noch auf seinem Verdrußsofa und rauchte seine Pfeife. Als der nun vernahm, daß bei Hof eine solche Unruhe sei, erhob er sich sogleich von seiner Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien beim Kaiser in allen seinen Orden. Der Kaiser spricht: »Was willst du von mir, tapferer Greis?«
Platow aber antwortet:
»Mir, Eure Majestät, ist nichts für mich selber nötig, da ich esse und trinke, wozu ich Lust habe, und mit allem zufrieden bin; ich bin aber« — spricht er — »gekommen, wegen dieses ‚Nymphusoriums‘ zu berichten, das man ausfindig machte; das« — spricht er — »war so und so, und folgendermaßen hat es sich vor meinen Augen in England zugetragen — und dort bei ihm liegt ein Schlüsselchen, ich aber besitze ihren ‚Winzigseher‘, in dem man es sehen kann; und mit diesem Schlüssel durch das Löchelchen in seinem Bäuchelchen kann man dies ‚Nymphusorium‘ aufziehen, und es wird hüpfen, wo und wann man es wünscht und zur Seite Variationen machen.«
Man zog den Floh auf, er begann zu springen. Platow aber spricht:
»Dies,« — spricht er — »Eure Majestät, ist wirklich eine sehr feine und interessante Arbeit; nur ziemt es sich nicht, daß wir uns darüber lediglich wundern mit entzücktem Gefühl, vielmehr muß man sie russischen Meistern in Tula oder in Sesterbek (damals nannte man noch Sestrorezk — Sesterbek) zeigen — ob nicht unsere Meister erreichen können, daß die Engländer sich nicht mehr über die Russen überheben.«
Kaiser Nikolai Pawlowitsch hegte großes Zutrauen zu seinen Leuten und liebte es nicht, sie irgend einem Ausländer hintanzusetzen, er antwortete denn auch Platow:
»Das sprichst du gut, wackerer Greis! Und ich übertrage dir diese Sache. Ich brauche sowieso dieses Schächtelchen nicht, bei meinen vielen Sorgen. Du aber nimm es mit dir und lege dich nicht mehr auf dein ‚Verdrußsofa‘, fahre vielmehr zum stillen Don und führe dort mit meinen Donzern vertrauliche Gespräche über ihr Leben, ihre Ergebenheit und was ihnen beliebt. Wenn du aber durch Tula kommen wirst, so zeige meinen Tulaer Meistern dieses ‚Nymphusorium‘, dann mögen sie darüber nachdenken. Sage ihnen von mir, daß mein Bruder sich über dies Ding erstaunte und die Fremdländer, die das ‚Nymphusorium‘ machten, über alles lobte; daß ich aber auf die Meinen baue, daß sie durchaus nicht schlechter sind. Sie werden mein Wort nicht zuschanden werden lassen und irgend etwas erfinden.«