VII
Die Tulaer, gescheite Leute und erfahren in Metallarbeiten, sind gleichfalls berühmt als erstklassige Kenner in der Religion. Ihres Ruhmes in dieser Hinsicht ist sowohl die heimische Erde voll wie sogar der heilige Athos: sie sind nicht nur Meister im Singen mit Variationen, sie wissen vielmehr auch, wie das Bild »Der abendliche Klang« gemalt wird. Und wenn jemand von ihnen sich größere Opfer auferlegt und ins Mönchstum übertritt, so werden aus ihnen die allerbesten Klosterökonomen und gehen aus ihnen die allerfähigsten Gabeneinsammler hervor. Auf dem heiligen Athos aber weiß man, daß die Tulaer — das allergewinnbringendste Volk sind, und wenn sie nicht wären, so hätten die dunklen Winkel Rußlands wahrscheinlich nicht sehr viele Heiligtümer des fernen Ostens gesehen, und der Athos hätte viele nützliche Darbringungen russischer Freigebigkeit und Frömmigkeit entbehren müssen. Jetzt aber fahren die Tulaer vom Athos Heiligtümer in unserm ganzen Vaterlande umher und sammeln meisterhaft milde Gaben auch dort, wo eigentlich gar nichts zu holen ist. Der Tulaer ist erfüllt von kirchlicher Frömmigkeit und dabei ein großer Praktiker in dieser Sache, und deshalb begingen auch die drei Meister, die es auf sich genommen hatten, Platow zu unterstützen und mit ihm ganz Rußland, durchaus keinen Fehler, als sie sich nicht nach Moskau, vielmehr nach dem Süden aufmachten. Sie gingen aber nicht nach Kiew, vielmehr nach Mzensk, einer Kreisstadt im Orlowschen Gouvernement, in der ein altes steingemeißeltes Heiligenbild des heiligen Nikolai steht, das in den allerältesten Zeiten auf einem großen, gleichfalls steinernen Kreuz auf dem Fluß Suscha dahergeschwommen kam. Dies Heiligenbild ist von strengem und schrecklichem Aussehen, der Heilige ist auf ihm in Lebensgröße dargestellt, ganz angetan mit einem vergoldeten Silbergewand, dunkel von Angesicht, und in einer Hand hält er einen Tempel, in der andern — das Schwert, das Zeichen des Sieges. Und grade in diesem »Zeichen des Sieges« war auch der Sinn der Sache beschlossen: der heilige Nikolai ist überhaupt der Beschützer in Handels- und Kriegsangelegenheiten, und der Nikolai von Mzensk ganz im Besondern, und grade vor ihm sich zu verneigen, waren auch die Tulaer gekommen. Sie ließen einen Bittgottesdienst unmittelbar beim Heiligenbilde halten, dann beim steinernen Kreuz, endlich kehrten sie bei Nacht nach Hause zurück, und ohne irgendwem irgend etwas zu sagen, machten sie sich in furchtbarer Heimlichkeit ans Werk. Sie gingen alle drei in ein und dasselbe Häuschen zum Linkser, schlossen die Türen und die Fensterläden, entzündeten vor dem Heiligenbild des Nikolai das Lämpchen und begannen zu arbeiten.
Einen Tag, zwei, drei sitzen sie und gehen nicht aus, immer klopfen sie nur mit den Hämmerchen. Sie schmieden irgend etwas, was sie aber schmieden — ist unbekannt.
Alle sind neugierig, aber niemand kann etwas erfahren, weil die Arbeitenden gar nichts erzählen und sich nach außen nicht zeigen. Verschiedene Leute gingen zum Häuschen, klopften unter mannigfachen Vorwänden an die Türe, um Feuer oder um Salz zu bitten. Die drei Meister öffneten aber auf gar keine Bitte, und sogar womit sie sich nährten — war unbekannt. Man versuchte sie zu erschrecken: man tat so, als brenne in der Nachbarschaft ein Haus — ob sie nicht vor Schrecken herausspringen würden, und es sich dann offenbaren werde, was von ihnen geschmiedet sei. Nichts aber verführte diese schlauen Meister: einmal nur streckte sich der Linkser bis zur Schulter aus dem Fenster heraus und schrie:
»Brennt ihr nur für euch, wir aber haben keine Zeit« — und wiederum verbarg er seinen zerrupften Kopf, warf den Laden zu und machte sich an seine Arbeit.
Nur durch die kleinen Spalten war zu sehen, wie im Innern des Hauses das Feuerchen leuchtete, es war auch zu hören, daß feine Hämmerchen auf feinen Amboßen pochten.
Mit einem Worte, die ganze Sache ward in so furchtbarem Geheimnis ausgeführt, daß es unmöglich war, irgend etwas zu erfahren, und dabei zog sie sich hin bis gerade zur Rückkehr des Kosaken Platow vom stillen Don zum Kaiser; und in dieser ganzen Zeit sahen und sprachen die Meister niemanden.
VIII
Platow fuhr sehr rasch und mit »Zeremonie«: selber saß er im Wagen, auf dem Bock aber befanden sich zwei Kosaken mit Knuten zu beiden Seiten des Fuhrmanns und schlugen ihn erbarmungslos, damit er galoppieren lasse. Wenn aber einer der Kosaken einschlafen wollte, so stieß ihn Platow selber aus dem Wagen heraus mit dem Fuß, und noch böser jagten sie dahin. Die Maßnahmen zur Ermunterung wirkten derart erfolgreich, daß man auf keiner Station die Pferde anhalten konnte, sie vielmehr hundert Sprünge an dem Anhaltsorte vorbeigaloppierten. Dann »wirkte« wiederum der Kosak auf den Fuhrmann in umgekehrter Richtung, und sie kehrten zur Auffahrt zurück.
So kamen sie auch in Tula an — sie flogen um hundert Galoppsprünge an dem Moskauer Schlagbaum vorüber, darauf aber wirkte der Kosak auf den Fuhrmann nach der entgegengesetzten Richtung ein, und sie begannen dann bei dem Haustor frische Pferde anzuspannen.
Platow stieg gar nicht aus, er befahl nur einem Kurier, möglichst rasch die Handwerker zu ihm zu führen, denen er den Floh hinterlassen hatte.
Der Kurier kam herbeigelaufen: sie möchten möglichst rasch kommen und seinem Herrn die Arbeit bringen, durch die sie die Engländer zuschanden machen sollten; und kaum war dieser Kurier fortgelaufen, als Platow ihm noch neue Boten nachsandte, damit es möglichst rasch gehe.
Alle seine Leute hatte er ausgeschickt und begann bereits einfache Leute aus dem neugierigen Publikum auszusenden, ja sogar selber streckt er vor Ungeduld seinen Fuß aus dem Wagen und selber will er vor Ungeduld hinlaufen und mit den Zähnen knirscht er nur so — immer scheint es ihm noch nicht rasch genug.
So ward in damaliger Zeit alles genau und rasch verlangt, damit auch keine Minute für den Nutzen Rußlands verloren gehe.