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Awgust Matwejitschs Türe stand ebenso offen wie die Türen aller Offizierszimmer; es brannte aber darin kein Licht, und im blassen Morgenscheine konnte man nur einen eleganten Reisekoffer und anderes Gepäck unterscheiden. In einer Ecke stand das leicht aufgewühlte Bett.
Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man den Wunsch, stehen zu bleiben und einen Blick hineinzuwerfen: Was birgt dieses Zimmer? Woher und wofür ist dieses Unglück über uns gekommen?
Mich zog es hin, nachzuschauen, ob das verschwundene Geld nicht in diesem Zimmer sei: hat nicht der Pole selbst das Geld in seinem Zimmer vergessen und dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schönen, jungen Kameraden gekostet hat? Ich war schon bereit, in das Zimmer einzudringen und es zu durchsuchen; glücklicherweise wurde ich aber rechtzeitig gestört.
Aus dem Ende des Korridors, wo sich das große Zimmer befand, in dem nachts gespielt und gezecht wurde, riefen mir in diesem Augenblick mehrere Stimmen zu:
»Wohin? Wohin? .. Diese Dummheit fehlt uns noch gerade!«
Ich fühlte mich auf einmal verlegen und entmutigt. Ich sah plötzlich ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben war und wie leicht ich in den Verdacht kommen könnte, in diese Sache irgendwie verwickelt zu sein.
Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten auf die Stimmen zu, die mich von meinem Vorhaben abgebracht hatten.
Vor dem noch finstern, nach Norden gehenden Korridorfenster saßen auf der mit einer schmutzigen Pferdedecke bedeckten Bank, die dem Burschen des Rittmeisters als Lager diente, drei Offiziere und unser Regimentspfarrer. Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf geflochten und hatte einen üppigen blonden Vollbart, dem er den Namen »Vater Barbarossa« verdankte. Er war sehr gutmütig, nahm sich alle unsere Regimentsaffären zu Herzen, drückte aber seine Gefühle nicht durch Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken und ein gedehntes »Ja« aus. Nur in den dringendsten Fällen sprach er etwas mehr und zeigte dann immer Geistesgegenwart und Findigkeit.
Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd aus zwei Pfeifen. Der Pfarrer saß in der Mitte der Gruppe und bekam daher die Pfeife wie von rechts, so auch von links gereicht; auf diese Weise hatte er vom Rauchen den doppelten Genuß, den er außerdem noch auf die Weise vergrößerte, daß er nach jedem Zug aus der Pfeife sich das Gesicht mit dem herrlichen Vollbart bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen eigenartigen Respirator hinausließ.
Diese guten Menschen saßen auf ihrer Bank nahe bei dem Zimmer des Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war; drinnen wurde lebhaft, aber gedämpft gesprochen. Man hörte mehrere Stimmen, konnte aber kein einziges Wort unterscheiden.
Hinter der verschlossenen Tür befanden sich unser Regimentskommandeur, der Rittmeister und der Urheber des ganzen Unglücks — Awgust Matwejitsch. Der Oberst selbst hatte die beiden Herren zu dieser Besprechung eingeladen, niemand wußte aber, was er von ihnen wollte. Die drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus eigenem Antriebe den Posten in der Nähe des Zimmers bezogen, um den Kameraden zur Hilfe eilen zu können, wenn die Auseinandersetzung sich zuspitzen sollte.
Diese Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos: das Gespräch wurde, wie gesagt, in höchst anständiger Form geführt; der Ton wurde immer weicher und klang zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann hörten wir, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und wie zwei Herren sich der Türe näherten.
Der Schlüssel wurde umgedreht, und in der offenen Tür erschienen der Regimentskommandeur und Awgust Matwejitsch.
Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade ruhig, so doch jedenfalls friedfertig.
Der Oberst drückte dem Polen die Hand und sagte:
»Ich freue mich, daß ich Ihnen die Gefühle entgegenbringen kann, die Sie mir unter diesen schrecklichen Umständen einzuflößen verstanden. Ich bitte Sie, meiner Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der Ihrigen vertraue.«
Der Pole verbeugte sich vor ihm mit großer Würde und begab sich schweigend auf sein Zimmer; der Oberst aber wandte sich an uns mit den Worten:
»Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister zu begeben: Sie werden von ihm erfahren, wie wir uns alle zu verhalten haben.«
Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang. Noch ehe die Türe unten hinter ihm ins Schloß gefallen war, füllten wir schon das Zimmer des Rittmeisters.