XI
Unser Rittmeister war ein Prachtkerl, aber nervös und aufbrausend. Er war schlagfertig und klug, konnte sich aber nicht beherrschen, und seine Redegabe war echt militärisch: er verstand wohl zu befehlen, aber nicht zu erzählen und seine Gedanken darzulegen.
So war er auch in diesem Augenblick. Er riß seine Halsbinde von sich und warf uns allen wütende Blicke zu.
»Nun, das sind schöne Geschichten, nicht wahr?« wandte er sich an den Pfarrer.
Dieser sagte nur »Ja, ja, ja« und nickte.
»Das ist es eben: ja, ja, ja! Gute Werke haben schöne Folgen!«
Der Pfarrer sagte wieder: »Ja, ja, ja.«
»Das wäre aber eigentlich Ihre Sache!«
»Was denn?«
»Uns ganz andere Stimmungen beizubringen ...«
»Ja.«
»Sie haben aber gar keinen Einfluß auf uns.«
»Unsinn!«
»Es ist kein Unsinn. Was sind Sie jetzt hergekommen? Viel notwendiger braucht man jetzt einen Küster, damit er bei der Leiche die Psalmen liest.«
»Wie steht es? Was sollen wir tun?« drangen die Offiziere in ihn. »Der Oberst ist fort, und Sie sind aufgeregt und machen dem Pfarrer eine Szene ... Würden wir denn auf ihn hören, wenn er uns bekehren wollte? .. Wo ist der Pole? Weiß der Teufel, ob er das Geld überhaupt gehabt hat. Was treibt er jetzt allein auf seinem Zimmer? Sagen Sie bitte, was Sie beschlossen haben! Wer ist der Schuldige?«
»Der Teufel ist der Schuldige! Sonst gibt es keinen Schuldigen!« antwortete der Rittmeister.
»Aber dieser Pole ...«
»Der Pole ist über jeden Verdacht erhaben ...«
»Wer hat Ihnen das eröffnet?«
»Wir selbst, meine Herren, wir selbst! Ich und unser Regimentskommandeur bürgen für ihn. Wir behaupten nicht, daß er der ehrlichste Mensch ist, wir sehen aber, daß er die Wahrheit spricht, daß er das Geld gehabt hat und daß es verschwunden ist. Nur der Teufel allein kann es gestohlen haben ... Daß das Geld tatsächlich vorhanden war, folgt schon daraus, daß, als der Oberst, der jeden Skandal vermeiden möchte, ihm hier in meiner Gegenwart die zwölftausend Rubel anbot, er auf sie verzichtete ...«
»Er verzichtete?«
»Ja, und noch mehr als das: er verpflichtete sich aus eigenem Antrieb, keine Anzeige über den Verlust zu erstatten und keinem Menschen auch nur ein Sterbenswort von dieser verfluchten Angelegenheit zu sagen. Kurz, er benahm sich so korrekt, vornehm und feinfühlend, wie man es nur wünschen kann.«
»Ja, ja, ja!« versetzte der Pfarrer.
»Der Oberst und ich gaben ihm im Namen aller das Wort, daß wir ihm unser volles Vertrauen entgegenbringen und uns während eines ganzen Jahres als seine Schuldner betrachten werden; wenn die Sache sich vor Ablauf dieses Jahres nicht aufklärt und das Geld nicht zum Vorschein kommt, so bezahlen wir ihm die zwölftausend Rubel, und er verpflichtet sich, sie anzunehmen ...«
»Selbstverständlich nehmen wir diese Schuld auf uns und werden sie gewissenhaft abzahlen«, fielen ihm die Offiziere ins Wort.
»Meine Herren«, fuhr der Rittmeister etwas leiser fort, »er ist aber fest überzeugt, daß wir nichts zu zahlen brauchen werden; er behauptet, daß das Geld sich finden wird. Er sagt das so bestimmt und mit solcher Überzeugung, daß, wenn wahrhaftig der Glaube Berge versetzen kann, seine Erwartung sicher in Erfüllung gehen muß. Ja, sie muß sich erfüllen, denn sie ist mit Blut erkauft ... Er hat mit seinem Glauben auch mich und den Kommandeur angesteckt. Er bat uns zwar, ihn zu durchsuchen, wir verzichteten aber darauf ... Wenn Sie es aber wünschen, so können Sie es noch nachholen; er sitzt in seinem Zimmer und erwartet Sie, Sie können es tun. Ich stelle Ihnen aber eine Bedingung: alles muß unter uns bleiben. Sie müssen sich dazu mit Ihrem Ehrenwort verpflichten.«
Wir gaben ihm das Ehrenwort, durchsuchten aber den Polen nicht. Wir gingen nur alle zu ihm ins Zimmer und drückten ihm stumm die Hand.