XII

Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den Kameraden ein schwerer Zweifel zurück. An Saschas Leiche wurde aber indessen die Sektion vorgenommen, man fälschte den Tatbestand und schrieb ins Protokoll, daß er den Selbstmord »in einem Anfall von Wahnsinn« verübt habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der Küster las eintönig den Psalm: »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir.«

Wir alle waren in gedrückter Stimmung. Wir gingen auf und ab, rauchten bis zur Bewußtlosigkeit und weinten sogar ab und zu. Eine solche Jugend, eine solche Frische mußte erlöschen! .. So wenig hatte er vom Honig gekostet und mußte schon sterben!

Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu Schlachten bestimmte Männer waren auf einmal zu Waschlappen geworden. Der Pole verschob seine Abreise: er wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen Vater sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen Abend ankommen sollte.

Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wäre, so hätten wir wohl die Stunden der Mahlzeiten vergessen; er aber sorgte für uns und auch für die Leiche. Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo man kaufen müsse und redete auf uns ein, wir sollten uns beruhigen.

»Alles geht nach dem Willen Gottes.« pflegte er zu sagen. »Wir sind wie Gras.«

Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen. Man verhaftete die Hotelbediensteten unter verschiedenen Vorwänden und durchsuchte ihre Sachen. Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und verhört, ob der Selbstmörder ihm vor dem Tode nichts übergeben hätte.

Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht verstanden zu haben. Nach einer Weile antwortete er aber:

»Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld übergeben.«

»Weißt du, was auf Hehlerei steht?«

»Jawohl.«

Selbstverständlich wurde er nicht von uns, sondern von den Gerichtsbeamten verhört, denen man bekanntlich keinen Überfluß an Zartgefühl vorwerfen kann.

Man ließ den Burschen laufen, und bald darauf sah man ihn schon mit dem Putzen von Saschas Reservestiefeln beschäftigt.

XIII

Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa zweiundfünfzigjähriger Herr von angenehmem Äußeren. Er hatte eine militärische Haltung, trug die Uniform eines verabschiedeten Offiziers und Sporen, aber keinen Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und merkten garnicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir sahen ihn erst, als er wieder herauskam.

Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen, ließ sich von ihm ins Sterbezimmer führen und verblieb dort mit ihm unter vier Augen mehrere Minuten. Als er dann zu uns in den Saal trat, mußten wir über die stille Majestät in seinen Zügen staunen.

»Meine Herren,« sagte er, sich vor uns verbeugend, »ich stelle mich Ihnen vor: ich bin der Vater Ihres unglücklichen Kameraden. Mein Sohn ist tot, er hat selbst Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in namenloses Unglück gestürzt ... Aber er konnte nicht anders, meine Herren ... Er starb wie ein Mann von Ehre und Gewissen ... Und dies ist, glauben Sie es mir, mein einziger Trost ...«

Mit diesen Worten ließ sich der alte Herr, der unsere Herzen sofort gefangen genommen hatte, in einen Sessel vor dem runden Tisch sinken, vergrub das Gesicht in die Hände und begann laut wie ein Kind zu schluchzen.

Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser.

Er trank davon zwei Schluck, drückte mir freundlich die Hand und sagte:

»Ich danke Ihnen allen, meine Herren!«

Dann fuhr er sich mit dem Tuch über das Gesicht und sagte:

»Das ist noch nicht das Schwerste ... Was bin ich? Aber wie soll ich es meiner Frau sagen? ... Das Mutterherz wird es nicht ertragen können!«

Er wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und begab sich zum Obersten, um sich ihm vorzustellen.

Auch zum Obersten sagte er, daß Sascha »wie ein Mann von Ehre und Gewissen« gestorben sei und daß er anders gar nicht hätte handeln können.

Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie es seine Gewohnheit war, an einem Bonbon und sagte schließlich:

»Sie wissen doch, daß dem Selbstmorde ein gewisser unglücklicher Umstand vorangegangen war ... Wir sind ja miteinander verwandt, und ich kann und muß Ihnen alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen des Kornetts war immerhin etwas sonderbar ...«

»Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!«

»Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier, der das Geheimnis vor uns verdeckt, ein wenig lüften wollten ...«

»Ich kann es nicht, Herr Oberst ...«

Der Oberst zuckte die Achseln.

»Was soll man machen?!« sagte er. »Nun, mag es so bleiben.«

»Nur noch eines, Herr Oberst. Der fürstliche Generalbevollmächtigte wird sein Geld nicht vom Regiment, sondern von mir bekommen. Dies ist mein trauriges Vorrecht.«

»Ich wage nicht zu widersprechen.«

Saschas Vater überreichte an diesem selben Tag dem Polen unter vier Augen die zwölftausend Rubel.

Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand, sagte: »Um nichts in der Welt!« und steckte es dem Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich einander gegenüber und fingen beide zu weinen an.

»Großer Gott! Großer Gott!« rief der Alte. »Er hat so ehrenhaft, so vornehm gehandelt, und doch ist noch ein Bösewicht im Spiele, der den Diebstahl verübt hat.«

»Man wird ihn schon finden.«

»Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!«