Neuntes Kapitel.
Der andere Morgen, welcher weiser sein sollte als der gestrige Abend, ist zur gewohnten Zeit, wie von der Natur vorgeschrieben, eingetroffen, licht und hell, würdig eines großen, merkwürdigen Vorfalles.
Es war dies einer jener prachtvollen Morgen, wie man sie nur in der Ukraina findet; an solchen Tagen äußert die Sonne mit wunderbarer, im Norden völlig unbekannter Kraft ihre Macht über den Frost, mag derselbe noch so heftig sein.
In der Nacht friert es; gegen Früh nimmt die Kälte noch zu; der Tag droht rauh zu werden; mit einemmale nimmt die aufsteigende Sonne ihre Rechte in Anspruch: der Himmel glüht in rosigen Tönen; die Luft wird weich; der Schnee auf den Dächern und den von der Sonne beleuchteten Stellen der Plätze und Gassen schmilzt unter der Gewalt der wärmenden Sonnenstrahlen.
Das Ganze erinnert an einen im Anblick wechselnden Stoff, gewebt aus einem hellen und einem dunklen Faden.
Zu derselben Zeit, als die Schattenseite der Gassen und Gäßchen mit Eis und Schnee bedeckt ist, taut die von der Sonne beschienene Seite auf, die Dächer glänzen und dampfen von der entweichenden Feuchtigkeit; hell klingen die von den Dächern fallenden Tropfen auf die Erde, wo sie wiederum sofort fest werden und gefrieren.
Und die Spatzen, diese Vagabunden der Vogelwelt, hurtig, lebhaft, gewandt, leidenschaftlich, stets bereit und aufgelegt zum Streit und Hader, wie zum ausgelassensten Spiele und zur Ausführung allerlei Unsinnes und Schabernacks, erscheinen plötzlich in solcher Menge auf den von der Sonne beschienenen Stellen, daß man darüber staunt und nicht zu enträtseln vermag, von wo dieselben gekommen sein mögen.
Noch gestern waren sie nicht da, waren nicht bemerkbar und heute beleben sie die warme Luft wie ein Mückenschwarm.
Sie erfüllen die Luft mit ihrem lustigen, durchdringenden Gezwitscher, sie fliegen hin und her, jagen einander von den Ästen der bereiften Bäume und überschütten die unterhalb gehenden Menschen mit silberglänzendem, schimmernden winterlichen Putz.
Wo nur ein schneefreies, von der Sonne beschienenes Plätzchen sichtbar wird, ist auch er da, der Haufe der kleinen, schreienden, lärmenden Vagabunden, aber die größte Menge derselben ist stets dort, wo es eine besonders von der Sonne beleuchtete und deshalb warme Stelle gibt, hoch oben auf den Kirchentürmen oder den Dächern der höchsten Häuser, denn dort glänzt und glitzert alles vom Sonnenstrahl.
An solchen Stellen findet man eine ganze internationale Gesellschaft aller Art von Vögeln; auf den Karnisen machen sich die Tauben im süßen far niente breit und putzen ihr Federkleid; hin und her gehen die schwatzhaften Staare und zwischen ihnen die hin und her springenden und fliegenden Spatzen.
Mit einem Wort, überall, in der ganzen Natur lebt jetzt alles auf; Mensch und Tier werden lebendiger, lebenslustiger, freudiger, beweglicher unter dem Einflusse der wärmenden Sonnenstrahlen; alles atmet leichter auf und freut sich des Augenblickes und des Lebens.
Josef Hall sagt ganz richtig: die Welt ist ein wunderbares Ding, eine Sache, der menschlichen Seele nahestehend; in ihr nimmt alles neues Leben an und wir selbst verändern uns in ihr selbst zum Besseren.
Die warmen Sonnenstrahlen beleuchten und erwärmen die Körper, als wenn sie die Rauhheiten der Seele wegschmelzen wollten, sie geben dem Geiste eine größere Klarheit und jene Wärme dem Herzen, welche die Menschen zur Ausübung des Guten tauglicher und bereitwilliger macht.
Der Geist des Menschen wird erleuchtet, er fürchtet sich nicht mehr vor der Dunkelheit, der Finsternis, der Kälte des Herzens, er selbst ist bereitwillig zu erwärmen, zu erleuchten, den noch im kühlen, dämmerigen Schatten wandelnden Bruder ...
Solche bezaubernd schöne, warme Tage, welche ungeahnt die winterliche Kälte verjagen, habe ich außer in der Ukraina und namentlich in Kiev, nirgends gefunden.
Nördlicher, an der Oka, und in dem schwarzerdigen Keile des russischen Reiches pflegt das Frühjahr erst um jene Zeit einzutreten, zu welcher die russische Kirche das Fest Mariä Verkündigung feiert, — aber dieses Frühjahr ist doch etwas anderes, als das Frühjahr der Ukraina.
Es ist diese Erscheinung geradezu gesagt eine Kaprice der Natur, ein mutwilliges Spiel, ein atmosphärischer Scherz mit der Erde, etwas Phänomenales — und die Erde freut sich, lächelt zu alle dem, denn unter deren Bewohnern herrscht dann bloß Frieden und Freundschaft! — —
Aufgestanden an einem solchen prachtvollen Morgen, hatte ich mich vor allem bei meinem Diener nach dem Juden erkundigt und erfuhr zu meinem größten Erstaunen, daß derselbe bereits meine Wohnung verlassen habe.
Er sei, als es noch ziemlich dunkel war, aufgestanden, habe sich leise nach der Küche, wo mein Diener den Samovar herrichtete, getappt, dort ein Glas heißes Wasser getrunken und dazu ein Stückchen Zucker, den er in seiner Tasche fand, gegessen; dann sei er weggelaufen ... Wohin? ... darüber konnte mir der Diener keine Auskunft geben, und auf meine weitere Frage, in welcher Stimmung sich der Jude befand, erhielt ich zur Antwort:
„Ruhiger, doch hatte er immer etwas leise vor sich gebrummt und gesummt wie eine Drohne.“
Nach dem Frühstück fuhr ich, um keine Zeit zu verlieren, zu Drukart, welcher zu jener Zeit in dem niedrigen Entresol wohnte, das über dem Tore der Kanzlei des General-Gouverneurs liegt.
Ich nahm mir vor, dem Drukart von der Angelegenheit des Introligators nichts mitzuteilen, da ich der Ansicht war, daß alles, was in dieser Sache vorgenommen wird, zu nichts führen werde, um so mehr, als ich überzeugt war, daß Andreas Ivanovič, trotz seiner großen Herzensgüte, aber außerordentlicher Vorsichtigkeit in allem seinen Tun und Lassen, sich kaum entschließen dürfte, in dieser ihm völlig fremden Angelegenheit etwas zu unternehmen.
Zu meiner Schande sei es gesagt, ich habe überhaupt gänzlich des Juden vergessen, als ich vom Hause wegfuhr und dachte nur an mich selbst.
Doch das Geschick hat es übernommen, diese meine egoistische Zerstreutheit und Vergeßlichkeit richtig zu stellen und dasjenige in Ausführung zu bringen, woran ich vor allem anderen hätte denken und dessen ich mich vorzugsweise hätte annehmen sollen.