Zehntes Kapitel.
Ich mußte durch jene Gasse Kievs fahren, welche von dem Stadt- oder sogenannten Kaisergarten zum Hause des General-Gouverneurs führt.
An einer Stelle stand ein altes, stark verfallenes Haus, welches einem Grafen Branicki gehörte.
Das Haus war niedrig, sehr lang, glich mehr einem großen Fabriksgebäude als einem Palais, und so an den Straßenabhang gebaut, daß die eine Seite des Hauses fast die Erde berührte, während die andere, weil in der Horizontalen gelegen, sehr hoch war und das Ansehen eines Walles hatte mit einem, etwa einem Karnis ähnlichen Aufputze.
Diese genaue Beschreibung ist unbedingt nötig, um das folgende verstehen zu können.
Graf Branicki wohnte in dem Hause nicht, auch Niemand von seinen Angehörigen oder Verwandten.
Es kann möglich sein, daß ein Teil des Hauses eingerichtet war um bei Bedarf benützt werden zu können, aber bekannt war, daß in einem Flügel der Bevollmächtige des Grafen Branicki wohne, ein Pole, selbstverständlich ein „Herr“, welchem ein außergewöhnlich großer Hund gehörte.
Dieser Hund besaß ein eigenartig getigertes Fell und liebte es an warmen Tagen sich an jenem Teile des Hauses zu sonnen, welcher an dem steilen Abhange lag; möglicherweise, war es die tatsächlich prachtvolle Aussicht auf die Umgebung, welche man von hier genoß, die ihn zu diesem veranlasste.
Die meisten Stadtbewohner kannten diesen Beobachter und hüteten sich ihn in seinen Betrachtungen zu stören; sie wichen ihm vorsichtig aus und zogen es vor, die gegenüber liegende Seite der Gasse aufzusuchen; ein Fremder jedoch, der mit der Lage und Bauart des Hauses nicht bekannt war, der ging gewöhnlich nichts böses ahnend ruhig seinen Weg an dem Hause vorüber, bis er zu seinem großen Schrecken und Überraschung erkannte, daß gerade über seinem Kopf ein groß mächtiger Hund liege; mehr oder weniger freundliche Worte an die Adresse des Eigentümers des Hundes waren das Endresultat dieser nichts weniger als erwünschten Begegnung. — —
An jenem von mir bereits beschriebenen Tage sonnte sich der Hund wieder an seiner Lieblingsstelle und freute sich wahrscheinlich nicht nur der schönen Aussicht, die sich ihm bot, sondern auch und möglicherweise hauptsächlich der Sonnenstrahlen, welche sein Fell wärmten.
Ich kannte den Hund, nahm deshalb keine Rücksicht auf dessen Gegenwart; auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse sah ich Drukart gehen, verließ deshalb rasch den Schlitten, um mit ihm zu sprechen und ihm jene Schwierigkeiten klar zu machen, die sich meiner Teilnahme an der projektierten Theatervorstellung entgegenstellen.
Andreas Ivanovič war an diesem Tage außergewöhnlich gut gelaunt, ja fast ausgelassen lustig, und meinte, daß sein gegenwärtiger, wohliger Zustand die Folge des prachtvollen Wetters sei, das ihn im Herzen erhelle.
„Ich,“ sprach er, „eile eine Untersuchung zu Ende zu führen. Ich habe mir einen Mörder zum Verhöre vorführen lassen, frug ihn über die verschiedenen Gründe, Ursachen, Vorfälle aus, dabei rasierte ich mich ruhig; ich frug ihn scherzweise, weshalb er soviele Menschen umgebracht und mich nicht, da wir ja allein in der Stube seien; da gab er mir zur Antwort, daß er es selbst nicht wisse, aber er hätte auch sonst an einem so herrlichen Tage wie heute seine Hände mit Blut nicht besudelt.“
Während wir in unserem Gespräch, fortfuhren, entstand plötzlich ein fürchterliches Geschrei: „Ai! wai! ... Karkadil! ...“ und in demselben Augenblick sprang zwischen uns wieder er ... mein Introligator, der sich um uns herumdrehte.
Von wo er gekommen, wohin er wollte, wie er am Wege unter das „Karkadil“ geriet, wußte ich damals nicht, aber sein Ansehen, seine Furcht, machte ihn noch bemitleidenswerter, noch lächerlicher, wie Tags vorher.
Trotz der großen Ehrfurcht, welche die Juden vor den Beamten zu haben pflegen, kroch er vor Schrecken und Angst unter den alten abgetragenen Pelz des Drukart, welcher diesen Pelz — als aus Schuppenbären — Flicken zusammengeflickt zu nennen pflegte und wand sich in diesem so hin und her, als wenn er „Katze und Maus“ spielen würde.
Wir fingen beide hell laut zu lachen an, während der Jude, sich hin und her drehend, ohne Unterlaß schrie: „Das Karkadil, das Karkadil!“ und erschrockene wie furchtsame Blicke auf den Hund warf, der sich jedoch nicht stören ließ, ruhig auf seinem Platze liegen blieb und auf uns herunter blickte.
Den Juden zu beruhigen gelang uns nicht, aber dieser Vorfall gab mir Gelegenheit dem Drukart die Geschichte dieses unglücklichen Menschen mitzuteilen.
Ich wiederhole nochmals: Drukart war ein herzensguter, weich- und feinfühlender Mensch, was vielen jedoch nicht einleuchten wollte und unmöglich erschien, weil er „rote Haare“ besaß, von deren Besitzer man zu sagen pflegt „Gott bewahre“, was ebenso beweisend ist als der Glaube, daß Rasiermesser in weißer Einfassung schärfer seien als solche in schwarzer; aber in den meisten solchen Fällen hilft alles Reden und Überzeugen gegen derartigen Unsinn — nichts!
Drukart war heute besonders gut aufgelegt und froher Laune und so kam es, daß meine Erzählung auf ihn einen günstigen Eindruck machte, und er sich für den Juden zu interessieren begann.
Über seine sonstige Art sich in fremde Angelegenheiten nicht einzumischen, blieb diesesmal das Herz Sieger, er bemitleidete den Juden und sagte leise:
„Wie nichtswürdig und gemein wurde dieses ‚Karkadil‘ betrogen.“
„Gewiß,“ gab ich zur Antwort, „eine solche Lumperei und Nichtswürdigkeit ist noch nicht dagewesen; doch läßt sich in der Sache nichts machen und dem Mann kann nicht geholfen werden.“
Drukart zog seine mächtige Stirne in Falten und meinte:
„Versuchen wir es!“
„Ja, was ließe sich tun?“
„Versuchen wir es! ... Komm mit, Du ‚Karkadil‘.“
Den Introligator zum Mitgehen zu bewegen, war nicht nötig, denn er verließ uns auch nicht einen Augenblick; er lief immer vor uns, sich stets nach uns scheu umsehend in der Angst, ob das „Karkadil“ nicht nachlaufe und ihn zu verschlingen drohe, wovor er große Angst zu haben schien; ich weiß nicht, ob er sich um sein Leben oder um das Leben seines Sohnes, welches in diesem Falle unzweifelhaft verloren war, fürchtete.
Man sagt: „Wie die Leute sich zeigen während eines Schreckens, das sind oder waren sie auch tatsächlich im Leben“ — sei dem nun wie es wolle, in dem Augenblicke, als die Gewohnheiten eines Menschen eine plötzliche Änderung durch Schrecken erfahren, zeigen sie ihre wahre Natur!
Nach diesem zu urteilen, müßte man annehmen, daß der Jude mehr um sein eigenes Leben besorgt war, als um das seines Sohnes; aber so lange wir nicht die Eigenschaft besitzen, mit eigenen geistigen Augen das Innere unserer Mitmenschen durchdringen und beobachten zu können, müssen wir derartige Annahmen als irrig, nichts beweisend und nichts Positives bringend ansehen. —
Andreas Ivanovič beschloß den Fürsten Hilarion Hilarionovič für den Juden zu interessieren — ein Plan, welcher meiner Ansicht nach weder Nutzen noch Schaden dem Juden bringen konnte, so daß ich mich für diesen nicht erwärmen konnte.
Elftes Kapitel.
Der Fürst war von Natur aus ein guter und edler Mensch, sehr phlegmatischen und schläfrigen Charakters, mit nur wenig Energie, die er auch dort selten zu zeigen pflegte, wo sie am notwendigsten gewesen wäre.
Doch Drukart kannte den Charakter des Fürsten besser wie wir alle anderen.
„Glauben Sie ja nicht,“ meinte er, „der Fürst besäße wenig Charakter- und Willensstärke; er ist ein sehr lieber, herzensguter Mensch, nur muß man ihm stets die Sache, um die es sich handelt, klar und deutlich vorstellen. — Er ist zwar weder Falke noch Adler, das ist gewiß, mit seinen Augen bringt er auch nicht gleich alles in Brand und schlägt auch niemanden mit seinen Flügeln tot; aber was er einmal sich in den Kopf genommen, was sich in seinem Hirn und Herzen festgesetzt, das spinnt er von hier aus weiter und sein ‚guter Junge‘ äußert sich dann bald.“
Hier muß ich die Bemerkung machen, aus welchem Grunde man diesem Fürsten, dem gütigsten unter den guten und dem mildesten unter den milden, den Beinamen „guter Junge“ gab.
Der Fürst war hochgewachsen und besaß ein imponierendes Auftreten.
Die hervorragendste Eigenschaft seines Charakters war seine Herzensgüte, die sich jedoch mehr passiv als aktiv äußerte.
Es schien, als wünsche und wolle er, daß es allen gut gehe, nur war er sich darüber nicht klar, in welcher Art und Weise er dieses erreichen könnte und deshalb überließ er alles dem — Zufall.
Sein Gesicht zeigte die ruhige Zufriedenheit eines guten Gewissens, es war unbeweglich und diese Unbeweglichkeit der Gesichtszüge blieb auch dann unverändert, wenn er böse wurde oder ihn etwas bewegte, oder wenn er sich über etwas aufregte, in letzteren Fällen bemerkte man an ihm eine eigentümliche Erscheinung, seine Oberlippe und sein Schnurrbart gerieten in eine zitternde krampfhafte Bewegung.
Diesen Zustand nannte seine Umgebung und seine Bekannten — „den guten Jungen“ — da er sich dann zeige, wenn der Fürst am meisten erregt ist; dieser „gute Junge“ enthob den Fürsten vom vielen Reden und unnötigen Gesten.
Der Fürst sprach wenig, langsam, in abgerissenen kurzen Sätzen, mitunter lakonisch, sarkastisch.
In seinen Reden fehlte zumeist der Schluß; der Aufbau seiner Sätze war ganz eigenartig.
Sie erinnerten in ihrer Anlage und Bildung an die Gespräche des Unbekannten in Dickens’ „Der Pickwickier-Klub“, den originellen Begleiter des jungen, zartfühlenden Tormein, der, wie bekannt, etwa in dieser Weise sich ausdrückte:
„Es geschah ... fünf Kinder ... Mutter ... hohe Person ... stets aß die Häringe ... Vergaß ... drei ... Kinder ... schauen ... sie ohne Kopf ... verwaist ... sehr leid.“
Um die eigentümliche Ausdrucksweise des Fürsten zu verstehen, dazu gehörte ein großes Anpassungsvermögen und langjähriges Zusammenleben mit dem Fürsten und auch mußte man seine Gewohnheiten kennen; es war außerordentlich schwierig den mündlichen Auseinandersetzungen und Weisungen zu folgen, da er, wie schon erwähnt, den Schluß gewöhnlich nicht sagte.
Doch aus dem Charakter des Heroen in Dickens’ Romane konnte man schließen, daß, obzwar er in kurzen abgebrochenen Sätzen und Wörtern seine Ansicht zum Ausdruck brachte, er jedenfalls rasch redete, aber unser herzensguter Fürst hatte es nie eilig, er redete sehr langsam, mit großen Zwischenpausen, so daß der „gute Junge“ stets Zeit hatte, wenn es sich notwendig zeigte, unter seiner Nase in seinem flotten Schnurrbarte sich festsetzen zu können.
Sprach der Fürst russisch, so pflegte er, wie es sich einem hohen Herrn des neunzehnten Jahrhundertes gebührte, ein nichts sagendes, gewöhnliches Wort einzufügen — ob am rechten oder unrechten Orte, blieb sich gleich; man findet diese Eigentümlichkeit dann nur noch unter dem Volke.
Dieses Wort, welches der Fürst einzuschalten pflegte, war: „scheint es“.
Auf diesem „scheint es“ blieb oft die ganze Resolution stecken und jedermann zog aus diesem „scheint es“ den Schluß, daß seine Angelegenheit nicht schlecht stehe.
Dieses „scheint es“ gleicht jenem abgerissenen Akkord in der Oper: „Die Makabäer“ — welcher mehr andeutet, als eine große Schlußkadenz nach allen Regeln der Kunst komponiert.
„Machen Sie ... scheint es ...“ sprach der Fürst, mit der Hand leicht winkend; seine Umgebung begriff ihn und alle wußten, was getan werden sollte; es kam alles schön heraus, deshalb, weil alle wußten und kannten, was der Fürst dachte und wollte.
In der Mehrzahl der Fälle endete alles sehr günstig und zu aller Zufriedenheit; ich aber konnte es mir trotz alledem nicht vorstellen, wie diese Angelegenheit einen günstigen Abschluß finden könnte.
Gegen den Introligator und für seinen Schädiger sprach das Gesetz, für den letzteren auch noch die Fürstin — deren Einfluß, Ansehen, Bedeutung zum Leidwesen größer waren als die des Fürsten; das war unbestreitbar.
Was konnte man dem fürstlichen „scheint es“ gegenüberstellen und wie es begreifen?
Bekanntlich muß man, wenn man etwas erreichen will, sich erst darüber klar sein, was man zu erreichen wünscht und auf welchem Wege man dies erreichen könnte, und erst dann schreitet man zur Ausführung des gefaßten Planes.
Aber weder Drukart noch ich haben uns irgend einen Plan gemacht, wie wir vorzugehen willens wären, um etwas günstiges für unseren Juden zu erreichen.
In uns beiden war nur der Wunsch — zu helfen, rasch zu helfen; und einer von uns meinte, daß es nur notwendig sei, den Fürsten milde zu stimmen, ihn für die Angelegenheit des Introligators zu interessieren, das übrige werde sich dann von selbst ergeben.
Drukart war von dem guten Ausgange gleich von Anfang an überzeugt, ich aber zweifelte sehr daran; dafür hatte ich später Gelegenheit gehabt ausrufen zu dürfen: Selig sind die Gläubigen, denn deren wird das Himmelreich.