Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Und wieder war es Winter, wieder gegen Abend, wieder um den Nikolai- und Sava-Tag, etwa zu jener Zeit als fünf und dreißig Jahre zurück die Kerasivna aus Paripsami nach Peregudi fuhr, um des alten Dukač einzigen Sohn taufen zu lassen.
Von Peripsami nach der Gouvernementsstadt, dem Sitze des Bischofs, war es beiläufig vierzig Werst.
Die zum Bischof behufs Befreiung ihres Sava abgesandte Kasakendeputation berechnete, daß sie fünfzehn Werst, bis zur Schenke des Jossel, gehen, dort sich stärken, wärmen, ausruhen werde, um so anderen Tages zeitlich früh beim Bischof vorsprechen zu können.
Die Sache aber nahm einen anderen Verlauf.
Für die Kasakendeputation gestaltete sich das Wetter ebenso unfreundlich, wie es gewesen war vor fünf und dreißig Jahren, als die Kerasivna mit Agap zur Taufe mit dem Kinde fuhren; es entwickelte sich ein heftiges Schneetreiben, so daß die Kasaken sich in der Steppe zu verirren begannen; sie verloren alle ihnen sonst wohl bekannten Merkzeichen, gerieten auf einen Abweg und wußten schließlich nicht, wo sie sich befinden, bis auf einmal, es konnte wohl eine Stunde vor Sonnenaufgang sein, sie von jemandem, nicht auf der Straße, sondern auf dem Eise, angeredet wurden:
„Nu, Jungens, wohin so zeitlich? wo?“
Die Kasaken grüßten.
„Was führt euch bei einem solchen Hundewetter her; seht, es hätte nicht viel gefehlt und ihr wäret ins Wasser gefallen.“
„So!“ gaben sie zur Antwort. „Wir befinden uns in schlimmer Lage, und gehen zum Bischof; wir möchten dort gerne eher vorsprechen, als unsere Feinde und ihn fußfällig bitten zu unseren Gunsten zu entscheiden.“
„Und was soll er für euch tun?“
„Uns unseren ungetauften Popen lassen, denn, wenn dies nicht geschieht, so werden wir aus lauter Gram und Schmerz Türken.“
„Warum wollt ihr gerade Türken werden? Die dürfen doch keinen Schnaps trinken.“
„Den trinken wir früher allen aus.“
„Ach! ihr Teufelskerle!“
„Ja, was bleibt uns denn anderes übrig zu tun, wenn sie uns so schwer kränken, daß sie uns unseren Popen nehmen.“
Der Unbekannte meinte:
„Erzählt mir doch die Geschichte von dem ungetauften Popen im Zusammenhange.“
Und die Kasaken erzählten.
Und so, an der Wuhne stehend, haben sie alles der Ordnung nach recht ausführlich dem Fremden mitgeteilt und immer und immer dabei hervorgehoben, daß, wenn der Bischof ihrem Wunsche nicht entspricht und ihnen den Sava nicht wieder zum Popen gibt, sie Türken werden.
Da meinte der Fremde:
„Seid ruhig, Jungens, seid ruhig und fürchtet nichts, ich glaube, der Bischof wird schon das richtige treffen.“
„Ja, wir glauben es selbst,“ sagten sie, „denn wer eine solche hohe Würde bekleidet, sollte stets ein rechtes und gerechtes Urteil fällen, aber wer kennt den Bischof, Gott allein!“
„Seid sicher, daß der Bischof das rechte Urteil geben wird, ich selbst werde schon dazu beitragen, was möglich ist.“
„Du? ... wer bist Du denn eigentlich? ... Sag ’mal, wie heißest Du?“
„Ich? ... ich heiße Sava.“
Und dieser Sava sagte ihnen weiters, sie wären gerade zur rechten Zeit gekommen und gerade an die rechte Stelle, wohin sie gehörten und auf den Berg zeigend, sagte er weiter: Seht, dort ist das Kloster, wo der Bischof wohnt.
Sie schauten auf und bemerkten auf der anderen Seite, gerade vor sich, das Kloster.
Die Kasaken waren darüber erstaunt, daß sie bei einem solchen fürchterlichen Schneetreiben und so heftigem Sturm ohne jede Störung und ohne jeden Aufenthalt vierzig Werst gegangen wären.
Nachdem sie den Berg erstiegen, setzten sie sich auf die Bank vor dem Kloster, öffneten ihre Rucksäcke und zogen alles Eßbare heraus, was sich darin befand und warteten, essend, bis die Glocken zum Frühgottesdienste anschlagen und das Klostertor sich öffnen würde.
Sie gingen in die Kirche, hörten den Gottesdienst stehend an, worauf sie zum Hause des Bischofs gingen, um Audienz zu erbitten.
Man kann nicht gerade behaupten, daß unsere hohen geistlichen Würdenträger große Neigung zum niederen Volke hätten, denn es ist außerordentlich schwierig vorgelassen zu werden, wenn man dem sogenannten Volke angehört; diesesmal war das gerade Gegenteil der Fall: unseren Kasaken wurden keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt, ja es hatte sogar den Anschein, als wenn sie erwartet worden wären, denn man führte sie, sowie sie ankamen, sofort in den Wartesaal, wo sie zwar sehr lange stehen mußten, und wohin sich der Vikarius, der Peregudiner Pope und Sava, sowie noch viele andere Personen einfanden.
Der Bischof trat später aus seinen Zimmern in den Wartesaal, sprach mit den Anwesenden, schien jedoch den Vikarius und die Kasaken nicht zu bemerken, erst nachdem alle anderen sich entfernt hatten, trat er an die Kasaken heran und meinte:
„Na, Jungens, gekränkt hat man euch und beunruhigt? ... den ungetauften Popen wollt ihr haben?“
Und die Kasaken baten:
„Ja ... Euer Gnaden ... seien Sie so gut ... so gütig ... Hochwürdigster Herr ... wie sollen wir nicht gekränkt sein ... einen solchen Popen, wie unseren Popen, gibt es in der ganzen Welt nicht ...“
Der Bischof lächelte:
„Recht habt’ ihr ... einen solchen zweiten gibt es nicht ...“ und sich zu dem Vikarius wendend, meinte er:
„Geh’ mal in die Sakristei; dort hat Sava ein Buch vorbereitet und bringe es herein, dann lese uns vor, was auf der aufgeschlagenen Seite steht.“
Der Bischof setzte sich.
Der Vikarius brachte das Buch und fing an zu lesen:
„Ich will Euch, Brüder, nicht sehen, wie unsere Väter, die immer unter der Wolke stehend, durch das Meer gegangen und in Moses getauft worden sind, in der Wolke und dem Meere. Alle haben dieselbe geistige Nahrung genossen und dasselbe geistige Wasser getrunken aus einer Quelle, und diese Quelle war Christus.“
An dieser Stelle unterbrach der Bischof den Lesenden:
„Hast Du verstanden, was Du gelesen?“
„Verstanden.“
„Und erst jetzt begriffen?“
Der Vikarius wurde verlegen und wußte nicht, was er zur Antwort geben solle, deshalb sprach er so oben hin:
„Diese Stelle habe ich auch früher schon gelesen.“
„Wenn dieses der Fall gewesen, wie konntest Du es zulassen, daß diese Leute in große Aufregung gebracht wurden? warum wurden diese guten einfachen Leute beunruhigt, denen er ein guter und lieber und genehmer Seelenhirt gewesen?“
Der Vikarius antwortete:
„Nach den Regeln der heiligen Väter ...“
„Halt,“ unterbrach ihn der Bischof, „halt! geh’ nochmals zum Sava und lasse Dir ein zweites Buch geben.“
Der Vikarius ging und kam mit einem neuen Buche in der Hand zurück.
„Lese!“ befahl der Bischof.
„Wir lesen,“ fing der Vikarius an, „beim heiligen Grigorij dem Gottesgelehrten über den heiligen Vasilij, daß er für die Christen solange ein Heide gewesen, bis er zum Seelenhirten geweiht wurde.“
„Bis was er wurde?“ unterbrach ihn der Bischof.
Der Vikarius entgegnete:
„Ich tat dies alles aus Amtseifer, als es sich gezeigt hat, daß dieser in einem solchen Amte ungetauft sei.“
Nun aber stieß der Bischof ungeduldig mit dem Fuße auf:
„Du wiederholst immer eines und dasselbe! Es scheint, daß Deiner Ansicht nach man zum Moses durch die Wolke gelangen kann, um getauft zu werden, nicht aber zum Christus? — Es ist schon gesagt worden, daß diese, die Taufe suchten, durch die feuchte Wolke unter Todesfurcht drangen, daß sie mit dem vom Himmel auf die Stirne des Kindes gefallenem und aufgetautem Wasser dasselbe mit dem Zeichen des Kreuzes im Namen der heiligen Dreieinigkeit in den Schoß der Kirche brachten. — Was willst Du noch mehr? — Du bist ein streitsüchtiger, unduldsamer, zänkischer Mann und taugst nicht für die Arbeit in Christo: an Deine Stelle setze ich den Popen Sava; und ihr, Jungens, gehet ruhig nach Hause und fürchtet euch nicht, der Pope Sava, der euch gut ist, ist auch mir gut und Gott genehm. Geht mit Gott nach Hause.“
Die Kasaken fielen dem Bischof zu Füßen und dankten für seine Güte.
„Nun, seid ihr zufrieden?“
„Sehr, sehr zufrieden,“ gaben sie einstimmig zur Antwort.
„Und werdet ihr auch jetzt noch Türken?“
„Tfu! werden nicht, Väterchen, werden nicht!“
„Und den Schnaps werdet ihr auch nicht allen auf einmal austrinken?“
„Nein, nein, nicht auf einmal, nach und nach; der Teufel soll ihn ...“
„Nun, so geht mit Gott und lebt nach christlicher Art und Weise weiter.“
Und als sie schon im Begriffe waren den Wartesaal zu verlassen, da winkte der eine von ihnen dem Bischof mit dem Finger, um ihn auf sich aufmerksam zu machen und sagte ihm halblaut:
„Wären Euere Gnaden so gütig mit mir in ein Eckchen zu gehen?“
Der Bischof lächelte und sagte:
„Gut, gehen wir in ein Eckchen.“
„Erlaubt, Euer Gnaden, Euch zu fragen, wer erzählte Euch das alles, ehe wir es Euch mitteilen konnten?“
„Geht es Dich ’was an?“ meinte der Bischof.
„Gewiß, geht es uns an; vielleicht hat es Euch der Sava erzählt?“
Dem Bischof, welchem tatsächlich der ihm nahe stehende Sava alles dieses erzählte, sah den Chochol an und entgegnete:
„Ja, Du hast es erraten — mir hat es der Sava mitgeteilt.“
Damit ging er aus dem Saale.
Jetzt begriffen die Kasaken alles.
Und seit dieser Zeit geht unter ihnen die Überlieferung, daß der schwache Sava still und ruhig, dafür aber warm für sie eintrat und den Moskauer Nikolaus, trotz seiner Macht, so hinterging, daß letzterer das Spiel verlor.
„Was ist doch unser Sava für ein listiger Heiliger,“ sagten sie, „was er nicht alles ausdachte und alles bei Seite schieben mußte, um über den Stärkeren und Mächtigeren zu siegen: selbst in die heiligen Bücher weiß er Sachen zu bringen, die Niemand begreifen kann. — Gott allein weiß es, ob er unseren Popen unter dem Pelze der Kerasivna taufte, oder ob er alles dieses nur so knotete, damit es selbst der Bischof nicht auflösen kann? — Daß aber diese Angelegenheit zu unseren Gunsten ausfiel, dafür sei er bedankt.“
— — —
Vater Sava, sagt man, soll noch heute leben; um sein Dorf herum ist alles zum Stundismus übergetreten; seine Kirche ist jedoch stets übervoll von andächtigen Menschen ...
Man weiß zwar nicht, ob der heilige Sava in Paripsami noch tätig mithilft, soviel ist aber sicher, daß es in unseres Sava Bezirke keine nackten Michalki und Potapki gibt.
DAS URTEIL SEINER EMINENZ.
Erstes Kapitel.
Sehr jung, fast noch ein Kind, trat ich in den Staatsdienst und wurde in Kiev der Finanzdirektion zugeteilt, welcher Alexander Kirylovič Klučarev als leitender Direktor vorstand.
Klučarev war im wahren Sinne des Wortes ein „eifriger Beamter, ein Streber“ vom Scheitel bis zur Zehe, welcher von allen ihm Untergebenen nicht nur gefürchtet, sondern auch gehaßt wurde, sowohl in Kiev, wie auch in seinem früheren Dienstorte Žitomir; in Petersburg aber, wohin derselbe als Departements-Vorstand versetzt worden ist, empfand vor ihm Niemand Furcht, im Gegenteile, man gab diesem außergewöhnlich strengen, rücksichtslosen, trockenen Formalisten bald deutlich zu verstehen, daß man seiner Dienste nicht bedürfe, da ja auch andere, jüngere, eben dasselbe leisten können, wie er, Klučarev.
Er wurde in den Ruhestand versetzt, starb jedoch bald darauf, und es gab Niemanden, der ihm eine Träne nachgeweint hätte.
Klučarev stammte aus einer Popenfamilie und wurde in einem geistlichen Seminar erzogen und ausgebildet.
Er war außergewöhnlich kräftig gebaut, unermüdlich tätig, trocken und kurz im Verkehr, liebte in allem Genauigkeit und Pünktlichkeit und war — harten Herzens.
Es ist wahr, er liebte seinen Schoßhund mit den braunen hängenden Ohren, küßte denselben aufs Maul, konnte sehr besorgt und unruhig sein, wenn er meinte, daß sich derselbe unwohl fühle und vielleicht traurig aussehe; dann machte er eigenhändig diejenigen nötigen Operationen und Waschungen, die man dem Tierarzt oder sonst irgend einem Diener überläßt; aber ich habe selbst gesehen, wie in seinem Gesichte auch nicht eine Muskel zuckte, in seinen Augen auch nicht ein einziger Strahl des Mitgefühls sichtbar wurde, wenn er einen altgedienten Beamten mit zahlreicher Familie — oft ohne jeden Grund und Ursache — aus dem Dienste jagte oder ein jüdisches Kind unter die Soldaten aufnehmen und ihm das Haar schneiden ließ.
Das Einstellen jüdischer Kinder in den Militärdienst war eine höchst grausame gesetzliche Bestimmung.
Das Gesetz bestimmte, daß Kinder unter zwölf Jahren keine Aufnahme finden sollten; meistenteils wurden doch Kinder unter diesem Alter „dem äußeren Ansehen nach“ aufgenommen, und zwar mit Vorliebe, einmal litt ja der Dienst nicht darunter, dann zeigte es sich, daß je jünger die Kinder waren, sie sich desto leichter einlebten, ihre Eltern vergaßen und keine Schwierigkeiten beim darauffolgenden Taufen machten.
Diesen Umstand benutzten die Juden, welche die Kinder wie jede andere Ware lieferten; die kleinen Kinder wurden den Müttern aus den Armen gerissen oder geradezu in der Nacht aus dem Bett gestohlen, geraubt, in die kleinen Krakauer Britschken gesetzt und zur Stellung geschleppt.
Wie herzzerreißend, wie widerwärtig alles dieses war, ist schwer, ja geradezu gesagt, unmöglich zu beschreiben.
In allen jüdischen Städten, Städtchen und Dörfern erneuerte sich tatsächlich das Weinen in Rama: „Rachel weinte bitter um ihre Kinder und war trostlos.“
War das Gesetz, welches, Gott sei Dank! bereits aufgehoben ist, an und für sich selbst grausam, es wurde dasselbe für die jüdische Bevölkerung noch unerträglicher und drückender durch die Niederträchtigkeit und Gewissenlosigkeit eigener Stammesgenossen.
Dem Gesetze zufolge mußte eine gewisse bestimmte Zahl jüdischer Rekruten zur Stellung kommen, man war jedoch nie im Stande diese Zahl aufzustellen unter den gewöhnlichen Verhältnissen; die Rekrutierungen folgten sich viel zu rasch eine nach der anderen, weshalb jedesmal bei der Stellung mit außerordentlicher Strenge verfahren werden mußte, um keinen Ausfall eintreten zu lassen.
Es wurden deshalb stets mehr junge Leute eingestellt, als eigentlich bestimmt war, wobei stets die Bemerkung gemacht wurde, daß dieses Mehr bei der nächsten Stellung in Abrechnung komme; doch fand diese Zusicherung keine weitere Beachtung, wurde einfach — vergessen.
Angenommen, eingeschrieben und von der Hand weg!
Das eingestellte Kind wurde sofort einem Regimente zugeteilt, das sich weit, weit ab von dem Geburtsorte des Knaben in Garnison befand; die armen beklagenswerten Judeneltern wußten und erfuhren nie mehr, wo sich ihre Kinder befinden, oder wo man sie suchen könnte, die Kinder blieben für die Eltern verloren, waren für sie tot; außerdem wurden fast alle, ehe sie ihren Bestimmungsort erreichten, getauft.
Nicht wenige taufte man bereits in Kiev, wofür sich besonders die Gemahlin des damaligen General-Gouverneurs Fürstin Katharina Aleksejevna Vasilčikov geborene Fürstin Ščerbakov interessierte.
Die schreiendste Ungerechtigkeit bei diesem Rekrutierungsvorgange bestand darin, daß bei fast allen Geburtsscheine aus den Matriken der Rabbiner fehlten und daß das Alter, wie ich schon früher erwähnte, nur nach dem äußeren Ansehen, nach Abschätzung, bestimmt wurde, wobei Täuschungen und Irrtümer nicht ausgeschlossen waren.
Zumeist wurden „beschworene Aussagen“ vorgelegt von sechs oder zwölf Juden, welche unter Eid bestätigten, ihnen sei sehr genau bekannt, daß dieser oder jener Schmule, Mordechai oder Wolf bereits zwanzig Jahre alt sei; auf Grund solcher Dokumente wurden sieben- bis achtjährige Kinder für zwölf- bis vierzehnjährige ausgegeben.
Solcher Fälle gab es unendlich viele!
Ja, es kam nicht selten vor, daß das eine Dutzend Söhne Israels, angeworben von dem Lieferanten der lebenden Ware, schworen, Jakob sei zwölf Jahre alt; ein zweites, von den Eltern des Kindes gemietetes Dutzend ebenfalls unter Eid aussagten, Jakob zähle nicht mehr wie höchstens sieben Jahre.
Ja, ein und dasselbe Dutzend Juden schworen sogar sowohl zu Gunsten des Lieferanten wie gleichzeitig zu Gunsten der Eltern desselben Kindes.
Es bildete sich, geradezu gesagt, eine Zunft, ein Klüngel von „Schwörern“, bestehend aus dem Abschaum des jüdischen Proletariates und Pöbels, wie solche sehr eingehend und wahrheitsgetreu der zur katholischen Kirche übergetretene ehemalige Rabbiner Bravmann schilderte.
Es waren das Banden ehrloser, gewissensloser, demoralisierter Juden, die stets einen Haufen von mehreren Mann bildend, die Straßen unsicher machten, herumvagierten unter dem Vorwande nach „Arbeit“ zu suchen, d. h. Leute zu finden, welche einen falschen Eid, falsche Zeugenschaft oder ähnliches benötigten.
Und dort, wo es was zu beschwören gab, sei es beim Pristav oder dem Rabbiner, welche sehr leicht bestochen werden konnten, wurde ohne Furcht und ohne Zagen der Name Jehovas ungestraft angerufen, mit seinem Namen manche Untat, manche Lüge und Unrecht zugedeckt.
Dieser Mißbrauch mit dem Namen Gottes war allgemein bekannt, aber ... die einmal von formaler Seite nicht anfechtbare Angelegenheit konnte den Lauf der Sache nicht aufhalten.
Es hatte Niemand Zeit, Lust noch Mittel sich des Schwachen vor dem Stärkeren anzunehmen, ihm zu raten, ihn zu verteidigen oder das Urteil darüber zu fällen, ob das, was vorlag, auch tatsächlich wahr, recht oder falsch sei.
Ja, ich sage offen: ich spürte in mir keine Lust etwas zu tun, weil ich in diesem Meere von Tränen und Seufzern, in welchem ich meine jungen Jahre zu verleben gezwungen war, alles bessere Gefühl verlor.
Wenn sich dann und wann ein schwaches Zeichen von Mitgefühl in meinem Herzen regte, so wurde dieses Gefühl sofort unterdrückt durch die Erkenntnis, diesem gräßlichen, herzzerreißenden Jammer der weinenden Mütter und Väter nicht abhelfen zu können.
Die sich täglich, ja stündlich wiederholenden unbeschreiblichen Szenen des menschlichen Jammers machten keinen Eindruck mehr auch auf das feinstfühlige Herz.
Die Gewohnheit ist ein großes Ungeheuer!
Und wie es keine Regel ohne Ausnahme gibt, so erscheint vor meinem geistigen Auge eine solche Ausnahme, weshalb ich den Fall erzählen will, welcher meiner Ansicht nach einen weichen und warmen Strahl von Licht auf eine Persönlichkeit wirft, die sich besonders durch ihre Weichherzigkeit, Mildtätigkeit Religiosität von allen anderen hohen Kirchenfürsten der russischen Kirche abhob und zwar den Mitropoliten in Kiev Filaret Amfiteatrov.
Möglicherweise werdet ihr Euch darüber wundern, was gemeinschaftliches der Mitropolit mit der Rekrutierung jüdischer Kinder hätte? — Für gewöhnlich wäre dieses auch leicht der Fall, aber hier liegt ein Ausnahmsfall vor, und dann ist das, was ich Euch erzählen werde, so wunderbar, so merkwürdig und bietet soviel Interesse, daß ich annehmen kann, ihr werdet mir bis zum Ende dieser nicht langen, aber wahren Geschichte aufmerksame Hörer bleiben.