Einundzwanzigstes Kapitel.
„Sava,“ fing sie an, „Du bist überhaupt weder Sava noch Pope, sondern — ungetauft, was nur mir allein und Niemandem anderen bekannt ist. — An dem allen ist allein Dein verstorbener Vater, der Dukač, schuld, der einen heftigen, reizbaren Charakter besaß, den Niemand liebte, aber alle mieden und fürchteten, und bei dem Niemand, als ihm ein Sohn geboren wurde, Gevatter sein wollte. — Der alte Dukač ließ die junge Frau des Popen und einen Beamten einladen, seinen Sohn aus der Taufe heben zu wollen, beide sagten ab. — Darüber ist der alte Dukač so wild geworden und so böse auf alle, sogar den Popen selbst, daß er Niemanden mehr im Dorfe bitten wollte, seinen Sohn aus der Taufe heben zu wollen. — Auch ohne euch alle werde ich fertig — meinte er — auch ohne eueren Kram. — Er rief seinen Verwandten Agap, welcher bei ihm seit seiner Kindheit, nachdem seine Eltern gestorben, lebte und durch dessen Behandlung derselbe verblödete, befahl ihm ein paar starke Pferde vor den Schlitten zu spannen. Mich wählte er zur Patin für sein Kind und sagte: fahr’ mit Agap in das Nachbardorf und lass’ das Kind dort taufen ... Er schenkte mir sogar einen Pelz — Gott mit ihm — seit jener Zeit habe ich ihn nicht mehr angezogen; so hängt er nun mehr als dreißig Jahre lang an demselben Nagel, auf welchen ich ihn damals aufhängte. — Mir befahl der alte Dukač darauf zu achten, daß bei der Taufe nichts ungehöriges vorfalle, namentlich aber, sagte er, bemühe Dich mit dem dortigen Popen gut auszukommen und darauf zu sehen, daß er nicht, vielleicht aus Bosheit, dem Kind einen schweren oder gar einen Moskauer Namen gebe. — Es war um Barbara herum, im Dezember; das Wetter war höchst unbeständig, ja geradezu gefährlich, denn nach Barbara kommt Nikolai, das ist der Moskauer Hauptheilige, welcher uns Kasaken feindlich gesinnt ist, und nur den Moskovitern alles zuschanzt. Wenn etwas bei uns Kasaken geschieht, mag es sein, was es wolle und selbst dann, wenn wir im vollsten Rechte wären, wird er zu unserem lieben Herr Gott gehen, ihm dieses und jenes vorreden, ihm alles das so vorstellen und ihm einreden, daß alles zum Vorteile der Moskoviter ausfällt, denn seine Moskauer hebt er stets heraus, selbst wenn sie etwas getan hätten, was nicht recht ist, er wird sie jedesmal rechtfertigen und jedesmale alle Schuld auf die Kasaken schieben. — Doch neben dem heiligen Nikolaus da wohnt gleich in der Nachbarschaft der heilige Sava. Er ist einer von unseren Kasaken und uns deshalb sehr gewogen. Welche Stellung er im Himmel einnehmen mag, ist nicht bekannt, aber immerhin dürfte sie eine hohe und ziemlich einflußreiche sein, denn er nimmt sich stets seiner Kasaken an und ist stets ihr Verteidiger und Gönner.“
Ich antwortete dem Dukač:
„Das kann schon möglich sein; aber mir scheint, der heilige Sava besitzt wenig Einfluß im Himmel.“
Der alte Dukač aber meinte:
„Wenn auch der heilige Sava wenig Einfluß im Himmel besitzt, so ist er dafür schlau und was er nicht durch sein Ansehen und seine Macht durchsetzen kann, das erzielt er auf Umwegen, aber jedesmal zieht er seine Kasaken aus der Patsche. Wir werden ihn von hier aus unterstützen dadurch, daß wir in die Kirche Kerzen stellen, diese anzünden und Gebete lesen lassen; Gott wird aufmerksam darauf und wird sehen, daß es noch Leute gibt, welche den heiligen Sava ehren, er wird sich auf ihn erinnern und ihm wieder freundlich zugetan sein.“
Ich versprach dem Dukač alles, was er haben wollte!
Ich wickelte das Kind warm, barg dasselbe unter meinem Pelz, legte ihm jedoch noch beim Einwickeln ein Kreuzchen um den Hals, das es eigentlich erst bei der Taufe erhalten sollte.
Agap aber stellte ein Fäßchen Pflaumenbranntwein zu seinen Füßen, und so fuhren wir in Gottes Namen ab.
Wir waren noch keine Werst weit vom Dorfe gekommen, als mit einemmale ein solcher heftiger Sturm mit starkem Schneetreiben sich erhob, daß man kaum die Köpfe der Pferde noch weniger einen Weg sehen konnte. Ich sagte zu Agap:
Es ist unmöglich weiter zu fahren in diesem Wetter, kehre lieber um!
Doch Agap fürchtete seinen Onkel mehr wie das Feuer und wollte unter keinen Umständen umkehren.
Gott wird uns helfen in das nächste Dorf zu kommen — sagte er — mir ist es übrigens ganz gleichgültig, ob ich hier erfriere oder ob mich der Onkel totprügelt.
Und er hieb in die Pferde und trieb sie immer und immer an, denn was sich Agap ’mal in den Kopf setzte, dabei blieb er trotz allem Zureden.
Es wurde immer dunkler und dunkler, so daß überhaupt gar nichts mehr zu sehen war.
Und so fuhren wir und fuhren, wohin? das wußte weder Agap noch ich. Die Pferde, sich selbst überlassen, gingen bald nach rechts, bald nach links, hierher, dorthin — aber wir kamen immer nicht dorthin, wohin wir wollten.
Uns beiden ist kalt geworden, trotz der Pelze, die wir anhalten, ja wir fühlten uns halb erstarrt; und um nicht ganz zu erfrieren, tranken wir aus dem Fäßchen jenen Branntwein, der eigentlich für den Popen in Peregudi bestimmt war.
Ich sah nach dem Kinde und dachte, Gott behüte, daß es ersticke; doch dasselbe lag so warm unter dem Pelze, atmete so gleichmäßig und ruhig, so daß jeder Atemzug sichtbar wurde.
Ich wickelte das Kind noch fester und wärmer ein, ließ ihm jedoch soviel Öffnung, daß es frische Luft atmen konnte und war völlig glücklich darüber, daß das Kind so gesund und so ruhig schläft. Wir fuhren weiter, fuhren, fuhren, schließlich aber merkten wir doch, daß wir nur im Kreise gefahren sind; kein Licht, kein Baum, keine Hütte ist in der Finsternis sichtbar; die Pferde gehen wohin sie wollen.
An eine Rückkehr nach Hause, um dort das Wetter abzuwarten, war gar nicht mehr zu denken, denn es war nicht möglich sich darüber klar zu werden, wo wir eigentlich uns befinden, ob wir gegen Peregudi oder Paripsami fahren.
Ich riet dem Agap abzusteigen und die Pferde am Zaume führen, er aber gab mir zur Antwort, ob ich nicht toll geworden sei, ihm wäre sehr kalt und er steige unter keiner Bedingung aus.
Ich versprach ihm einen Rubel zu geben, wenn er aussteige, sowie wir nach Hause kommen, er aber gab zur Antwort:
„Was soll ich mit dem Rubel, wir krepieren sowie so alle hier auf dem Wege, mitten im Feld. — Wenn ihr mir aber noch etwas gutes erweisen wollet, so läßt mich noch einen ordentlichen Schluck aus dem Fäßchen machen.“
Ich sagte ihm: trink, so viel Du willst — und er trank.
Er trank sich voll, stieg dann aus und trachtete an die Köpfe der Pferde zu kommen, aber kaum hatte er zwei Schritte gemacht, als er eiligst zurücklief und vor Furcht zitterte.
Was ist denn geschehen? — frug ich — was ist vorgefallen?
„Schau, schau, hin“ — gab er zitternd vor Angst zur Antwort — „siehst Du nicht, und ist Dir nicht klar, daß Du, wenn auch eine gescheite Frau, doch nichts gegen Nikolaus machen kannst?“
Was redest Du denn für einen Unsinn, Du Dummkopf, wer will denn etwas gegen den heiligen Nikolaus beginnen?
„Warum steht er dann dort?“
Wo steht er?
„Dort! — siehst Du ihn nicht, ganz nahe an den Pferdeköpfen.“
Daß Dich, Du dummer Kerl! Du bist betrunken!
„Eh! ich und betrunken?“ — antwortete er — „Dein Mann war auch nicht betrunken und hat Geister gesehen und ich sehe sie auch.“
Schau — sage ich — Du hast Dich meines Mannes erinnert; was er gesehen, das weiß ich besser als Du, aber sage ’mal, was siehst Du?
„Ich sehe dort etwas sehr Großes stehen, eine große goldene moskauer Mütze hat es auf dem Kopf, es sprühen sogar Funken aus derselben.“
Die Funken sprühen aus Deinen besoffenen Augen.
Ich war der Meinung, daß das, was er zu sehen meint, gar nicht möglich sei, andererseits ist aber doch der Gedanke bei mir aufgekommen, daß dies wahr sein und der heilige Nikolaus böse sein könnte darüber, daß wir das Kind nicht auf seinen Namen, sondern Sava taufen lassen wollen; ich sagte dem Agap:
Was und wer es auch sein mag, beachte es nicht, jetzt wollen wir tun, als wenn wir nachgeben und seinen Willen tun möchten, und morgen tuen wir dann, was wir wollen. — Lass’ die Pferde, sie sollen gehen, wohin sie wollen — die werden uns gewiß nach Hause bringen; meinetwegen kannst Du alles austrinken, was noch in dem Fäßchen ist.
Agap war darüber ganz erstaunt.
Ja, trinke nur, Agap — sagte ich — trinke nur, aber zu Hause sage bei Leibe nichts, was vorgefallen ist, ich werde schon eine Geschichte zusammenstellen, die ich ihnen erzählen, und die sie für wahr halten werden. — Ich werde sagen, das Kind ist getauft auf den echten kasakischen Namen Sava, wie es der alte Dukač gewollt hat, auch das Kreuzchen werde ich ihm zeigen, das ich ihm um den Hals gehängt habe, dann werde ich sagen, der Pereguder Pope hätte befohlen das Kind am nächsten Sonntag nochmals in die Kirche zu bringen, damit er es nochmals segnen könne, deshalb müssen wir nochmals nach Peregudi fahren, wo dann das Kind getauft wird, wie es sich für einen wahren Christen gebührt. — Ich schaute wieder nach dem Kinde und fand, daß es lebt und ruhig schläft, und so warm ist, daß sogar eine auf seine Stirne gefallene Schneeflocke sofort zerschmolz; mit diesem Wasser bekreuzte ich seine Stirne und sprach dabei: im Namen Gott des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes taufe ich Dich auf den Namen des heiligen Sava.
Wir ließen den Pferden freien Lauf; sie sollen gehen wohin sie wollen. Die Pferde gingen und gingen — bald blieben sie stehen, bald zogen sie an; das Wetter gestaltete sich immer ärger und ärger; der Sturm heulte; die Kälte wuchs.
Agap wurde schließlich voll trunken; anfangs brummte er etwas unverständliches, schließlich verstummte er, wälzte sich in den Schlitten und fing an zu schnarchen.
Mir aber wurde immer kälter und kälter, ich fühlte, wie meine Glieder starr zu werden anfangen, schließlich wurde ich bewußtlos und erwachte erst in der Hütte des Dukač, wo man mich mit Schnee rieb.
Als ich zum Bewußtsein gekommen, erinnerte ich mich daran, was ich mir vorgenommen hatte zu sagen und deshalb sagte ich, daß das Kind auf den Namen Sava getauft sei. —
Alle glaubten es; ich redete darüber nicht weiter, weil ich immer den Gedanken und Willen in mir trug, die Schuld gut zu machen und das Kind am nächsten Sonntag taufen zu lassen.
Aber ich wußte nicht, daß Agap angeschossen und in Folge der Verwundung gestorben sei, auch nicht, daß man den alten Dukač ins Gefängnis abgeführt, denn ich war krank und als ich später alles dieses erfuhr, da konnte ich mich nicht mehr dazu entschließen, dieses alles der alten Dukačin zu beichten, weil ich deren Gram, Schmerz und Unglück, das ja so groß genug war, nicht vermehren wollte.
Ich nahm mir vor, später alles aufzudecken; je weiter aber die Zeit verlief, um so schwerer gestaltete es sich für mich, Aufklärung zu bringen und so verschob ich die Sache von Tag zu Tag.
Die Zeit lief, Jahre sind vergangen; das Kind wuchs zum Knaben heran, alle riefen ihn Sava, Sava, ja sie schickten ihn studieren.
Und immer nahm ich mir vor, das Geheimnis aufzudecken, immer marterte mich der Gedanke, ich sei Schuld daran, daß der Knabe ungetauft ist.
Und als ich erfuhr, Sava solle sogar Pope werden, da lief ich in die Stadt, um dieses zu verhüten und um laut zu rufen, er sei ungetauft, doch mich hat man nicht beachtet, nicht gehört, ihn aber zum Priester geweiht.
Weiter über die Sache zu reden hatte dann keinen Zweck mehr. Seit der Zeit hatte ich keine Ruhe mehr; es war fürchterlich für mich zu wissen, daß durch meine Schuld die ganze hiesige christliche Gemeinde zum Spott und Gelächter der Welt sein werde, weil sie einen ungetauften Popen zum Seelsorger habe.
Dann aber, als ich älter wurde, als ich sah, daß alle den Sava lieben und achten, da steigerte sich noch meine Qual und mein Schmerz, ja ich fürchtete mich vor dem Tode.
Erst jetzt, auf meinem Sterbebette, bekenne ich dieses alles, es bitter bereuend.
Möge mir die Christenheit verzeihen, was ich an ihr Böses getan, mögen mir jene verzeihen, deren Seelen durch den ungetauften Popen in Verderbnis gerieten; mich aber könnet ihr, wenn ihr wollet, lebendig begraben, ich werde auch diese Strafe freudig annehmen.“
Der Vikarius und der Pfarrer von Peregudi haben alles dieses zu Papier gebracht und unterschrieben, dann dem Vater Sava vorgelesen, sind dann zur Kirche gegangen und haben das Kirchentor versiegelt; hierauf fuhren sie zum Bischof nach der Gouvernementsstadt und nahmen Sava mit.
Darüber fing nun das Volk an unruhig zu werden und zu besprechen, was es wohl mit ihrem Väterchen sei, weshalb der Vikarius die Kirche versiegelt und ihren Sava nach der Stadt mitgenommen habe?
Kann denn so etwas je vorgekommen sein, was die Kerasivna erzählte?
Wäre es denn möglich, daß die Herren in der Stadt etwas derartiges hätten zulassen können?
Schließlich sind sie darüber einig geworden, daß dies alles der heilige Nikolaus angezettelt habe, um den heiligen Sava bloß zu stellen, und das erste, was geschehen müsse, sei, den heiligen Sava beim Gott kräftigst zu unterstützen und deshalb sei es notwendig, sofort zum Bischof zu gehen.
Die Kasaken rissen eigenmächtig die Siegel von der Kirche ab, öffneten sie, zündeten vor dem Altare und den heiligen Bildern so viele Kerzen an, als sie in der Kirche fanden, wählten sechs Kasaken aus, welche sofort zum Bischof gehen müssen, um ihm zu sagen, er solle es sich gar nicht einfallen lassen, den Sava aus ihrer Gemeinde zu entfernen oder ihm etwas anzutun, denn sie wollen nur den Sava haben und keinen anderen, wenn er, der Bischof, das, was sie wollen, nicht tut, so treten sie zu einer anderen Religion über, wenn nicht zur katholischen, so doch zur türkischen; denn ohne unseren Sava wollen wir nicht leben — sagten alle.
Dies gab eine schwierigere Aufgabe zu lösen, als jene es war als
der Diakonus N. den Trepak trat,
Dieser aber nicht geklagt,
Während dies der Inspektor tat!
Die Kerasivna starb, nachdem sie allgemeine Buße getan und der versammelten Gemeinde alles das erzählte, was sie dem Vikarius mitgeteilt.
Die Kasakendeputation machte sich auf den Weg in die Stadt zum Bischof, nachdem vorher in allgemeiner Versammlung nochmals beraten und beschlossen worden ist, was zu geschehen habe, wenn der Bischof ihrem Wunsche nicht entsprechen und ihnen den Sava nicht zurückgeben sollte.
Es wurde einstimmig beschlossen, daß sie, wenn sie dann nach Hause gekommen, allen Branntwein, welcher noch in den Schenken gefunden wird, austrinken werden, damit Niemand nach ihnen denselben trinken könne, dann werden sie Türken und jeder nimmt sich drei, die reicheren vier Weiber — denn so lange unser guter lieber Sava lebt, wollen wir keinen anderen Popen.
Es ist gar nicht denkbar, daß er ungetauft wäre, nachdem er so viele Leute getauft, getraut, begraben hat und so viele zu ihm zur Beichte gingen.
Wäre es denn möglich, daß alle diese Leute Ungläubige, Heiden wären?
Die Kasaken sind darin einig geworden, daß, wenn Sava wirklich nicht getauft sei, ihn der Bischof in der Stille taufen solle, damit er schließlich doch Pope bleiben könne ... denn sonst werden sie alle ... Türken.