II.
Der Graf von Hohen-Esp und seine junge, liebreizende Frau galten für das glücklichste Paar im Lande!
Nicht deshalb, weil Pracht und Glanz sie umgaben, weil Sorge und Kummer unbekannte Gäste in ihrem Hause waren, weil sie alles besaßen, was dem Herzen Freude — und dem Leben Reiz verleiht, — sondern, weil sie einander aus heißer, inniger Liebe geheiratet hatten. Auf Gundulas Wunsch hatte das junge Paar die Flitterwochen auf Burg Hohen-Esp verlebt, und ein paar Damen und Herren der Gesellschaft, welche, auf weiterer Fahrt durch das Land begriffen, für etliche Stunden in dem wunderlichen alten Strandschloß Rast gehalten, konnten gar nicht genug erzählen, wie wahrhaft verklärt in unaussprechlicher Glückseligkeit die junge Gräfin dreingeblickt.
Ihr sei die Stille und Einsamkeit dieses Aufenthalts ersichtlich sehr sympathisch, während der lebenslustige Gatte wohl nur aus Galanterie und im Rausch des Honigmonats in diesem freiwilligen Exil aushalte!
Selbstredend werde das junge Paar schon bei Beginn der großen Rennen »auf der Bildfläche« erscheinen und den Winter in der Residenz verleben. Graf Friedrich Karl habe das heilig gelobt und sehr vergnügt dabei ausgesehen, auch Gundula habe sehr liebenswürdig gelächelt, aber doch heimlich geseufzt!
Ob sie eifersüchtig ist und den Gatten am liebsten in die Klostereinsamkeit der alten Bärenburg einsperrte? — Wohl möglich! Aber dann wehe der jungen Frau!
Der Erbherr von Hohen-Esp ist nie ein Heiliger gewesen und hat auch gar keine Anlage dazu, sein Leben in Sack und Asche zu vertrauern! — Gundula sei ja sehr hübsch, und daß sie den jungen Lebemann durch ihre äußeren Reize in Fesseln geschlagen, sei auch begreiflich; ob sie aber das Zeug dazu haben werde, ihn dauernd zu fesseln?
Sie ist nicht allzu geistreich, nicht im mindesten das, was man amüsant nennt.
Friedrich Karl habe bisher freilich der pikanten Lustigkeit gefallener Engel nie auffällig gehuldigt und sich beim Bakkarat besser unterhalten wie in den schwülen Salons der Demi-Mondainen, dennoch sei ein Charakter wie der des jungen Millionärs ganz unberechenbar, und die Langeweile zeitige oft Launen und Marotten, welche früher ganz ferngelegen. Eine eifersüchtige Frau aber ist immer ein Unglück sowohl für sich wie für andere. Kommt ein Mann nicht von selber auf dumme Gedanken — eine eifersüchtige Frau bringt ihn darauf! Ihre ewigen Anschuldigungen, ihr Mißtrauen weisen ihm erst den Weg. —
Zwar hat man an Gundula stets eine große Sanftmut und Nachgiebigkeit gerühmt, und selbst ihre Jungfer hat nach vier Jahren noch versichert, ihr gnädiges Fräulein sei die verkörperte Herzensgüte —! — Ob aber diese Taubennatur noch vorhalten wird, wenn sie eine Bärin von Hohen-Esp geworden?
Femme varie! und die Eifersucht ist eine Krankheit, welche so urplötzlich aufkeimt und in Saat schießt wie das Unkraut auf dem Felde.
Ja, die Zukunftsehe der Hohen-Esps bildete in der Residenz das unerschöpfliche Thema, welches am Teetisch und im Rauchsalon mit gleichem Interesse in allen Tonarten variiert wurde!
Währenddessen träumte das junge Paar eine zauberhafte Spätsommeridylle auf Hohen-Esp, der einsamen, uralten Burg, welche sich auf bewaldeter Bergkuppe am Ufer der Ostsee erhebt und weithin über die blauwogende Unendlichkeit schaut.
Sie gehört zu dem ältesten Grundbesitz der Familie, ein düsteres altes Gemäuer, ein Krähenhorst, welchen die kokette Laune ehemaliger Bewohner gar eigenartig ausstaffiert. Die Bärenburg gleicht in Wahrheit der Höhle eines Bären, denn die plumpen, massigen Mauern der graue, stumpfe Turm sind im Innern und Äußern mit lauter Dingen ausgestattet, welche an den Bär und seine wehrhaften Pranken erinnern.
Gundula war im ersten Augenblick erschrocken, als die beiden riesenhaften Bären, welche am Eingang des Burgtors Wache halten, aus grimmig offenen Rachen die Zähne ihr entgegenfletschten, als ihr überall auf Schritt und Tritt in der ganzen Burg, wohin sie nur blickte, Bären in allen Größen und Arten entgegenschauten, als jedes Möbel oder jedes Gewebe ihr in Schnitzerei oder Muster das nämliche Motiv zeigten — Bären! Bären überall! Bald aber gefiel ihr diese absonderliche Eigenart, und je mehr sie sich in die Traditionen der Familie und den Gedanken hineinlebte, daß sie nun selber eine Bärin von Hohen-Esp geworden, eine jener seelen- und nervenstarken, stolzen, gewaltigen Frauen, welche seit vielen Jahrhunderten hier gehaust, wahrhafte Herrinnen der alten Zwingburg zu sein, da schlug ihr Herz hoch auf im stolzen Selbstbewußtsein, und beinahe zärtlich haftete ihr Blick auf den braunzottigen Gesellen, welche in dieser verzauberten alten Herrlichkeit die neue Gebieterin auf Schritt und Tritt begrüßten.
Ja, verzaubert!
Durch die grauen Mauerhallen wehte es, durch die mächtigen Buchenwipfel im Parke raunte es und um die verwitterten Steinbilder der wappentragenden Bären ging es wie ein geheimnisvolles Brummen und Murmeln, wie ein gespenstisches Wirken und Weben, welches seine Zauber um eine Menschenseele spinnt, den unheimlichen Zauber, eine sanfte Taube in eine gar wilde und trotzige Bärin zu verwandeln! —
»Ich begreife eigentlich deinen Geschmack nicht, Herzlieb!« lachte Friedrich Karl, als sie eines Abends auf der Zinne des Turmes standen, weit hinab über die Wipfel des Buchenwaldes auf das ferne, blaue Meer zu schauen, in welches der glühende Sonnenball langsam, durch violette Dunstschleier tauchend, herniedersank. »Ich begreife dich nicht, daß es dir hier in der entsetzlichsten aller vermoderten und verräucherten Bärenhöhlen so gut gefällt! So schön, wie Hohen-Esp seinerzeit als Sitz der ersten unseres Geschlechts gewesen sein mag, so völlig überlebt hat sich sein mystischer Zauber in unserer heutigen Zeit voll Komfort, Eleganz und Leichtlebigkeit! Ich hatte im stillen eigentlich gehofft, Gundula, du würdest beim Anblick all der grausigen Untiere, welche schier zudringlich hier auf Schritt und Tritt verfolgen, schleunigst Reißaus nehmen! ›Alle Tage Feldhühner‹ ist kaum so greulich, wie ›alle Tage Bären!‹ — Bären, wo man sie sich nur denken kann, — man kann keinen Löffel in die Hand nehmen, ohne den Bär darin graviert zu finden, kein Glas, kein Sessel — kein Teppich ... keine Wand ... brr! Was zu viel ist, ist zu viel! Unsere Altvorderen sind mit diesem Bärenkultus schließlich langweilig geworden!«
Beinahe erschrocken sah die Gräfin den Sprecher an. »Langweilig? und das sagst du, Friedrich Karl, der Nachkomme dieses herrlichen Geschlechts, für den jeder Zoll dieses Grund und Bodens heilig sein sollte? — Sieh, ich trage erst seit wenigen Wochen den Namen Hohen-Esp — und doch ist es mir, als sei mein Herz und Sinn schon ganz und gar verwoben mit ihm, als wüchse ich empor zu einer neuen, ungeahnten Größe, als neige sich jedes dieser Bärenhäupter mir zu mit trautem Gruß und Segenswunsch! Ich kann nicht satt werden, durch Räume zu schreiten, wo ringsum die Andenken von Vätern und Ahnherren sprechen, wo alles davon zeugt, was sie einst waren und was wir Glückseligen jetzt sind, — wo ihr Geist uns umweht und ihre Namen zu uns sprechen! O du lieber Mann, — ich habe zuvor nie darüber nachgedacht, wie schön es wohl sein müsse, die Mutter eines Sohnes zu sein, hier aber in der Burg deiner Väter, da überkommt es mich wie eine heiße, ehrfurchtsvolle Sehnsucht, wie eine jauchzende Begeisterung bei dem Gedanken, daß ich berufen sein möchte, diesem alten, trotzigen Bärengeschlecht einen Erben zu schenken, es fortzupflanzen in einem Sohn, welcher dereinst so edel, so ritterlich und herrlich sein wird, wie alle jene heldenhaften Männer, welche ehemals in diesen Räumen gehaust, welche ihren Wahlspruch in die grauen Quadersteine gemeißelt, ihn hoch auf ihr Banner geschrieben und in seinem Sinne lebten und starben —
Christe Kyrie ...
Zu Land und See,
Schirmherr der Not —
Das walt' Herre Gott!«
Mit entzücktem, schier staunendem Blick sah Graf Hohen-Esp auf die Sprecherin.
Wuchs sie tatsächlich neben ihm empor, oder täuschte ihn sein Auge, daß er ihre schlanke Gestalt plötzlich so hoch und stolz, so bärenhaft markig neben sich sah?
Und dieses schöne, begeisterte Angesicht, diese leuchtenden Augen ... gehörten sie wahrlich seiner ernsten, träumerisch stillen Gundula? —
Fester schlang er den Arm um sie, heißer noch küßte er ihre Lippen.
»Schade, daß mein guter Vater dich nicht sprechen hören kann, du wärest wahrlich eine Schwiegertochter nach seinem Herzen! Ja, der alte Herr war in der Tat noch der alte Schirmvogt der Not und Schwachheit, wie ihn der alte Wappenspruch verlangt; er hat viel Gutes getan, und wenn auch nicht mit gewappnetem Arm gegen die Seeräuber hier von dem Bärenhorst aus, so doch als moderner Mann im Reichstag und von der Ministerkanzel aus; du weißt, wie man sein Andenken in Ehren hält! — Ja, ein moderner Mann! — Hohen-Esp bewohnte er selten, fast nie; es lag ihm zu abgelegen, zu weltfern und unbequem, die Telegraphendrähte hatten ihr Netz allzu gebieterisch um ihn gesponnen. — Da hatte er sich Schloß Walsleben für den Sommeraufenthalt zurechtmachen lassen, — auch ein von den Vätern ererbter ›heiliger‹ Boden, aber doch etwas behaglicher und komfortabler wie hier die alte Bärenhöhle! Garnison in der Nähe, flotte Kavallerie — elegante und distinguierte Gutsnachbarschaft — kurzum ... man kann da ein paar Wochen aushalten! Und siehst du, Herzlieb, diesem hübschen Besitz möchte ich mein wonniges Weib auch einmal zuführen! Wir waren nun drei Wochen hier, — die Walslebener dürfen doch nicht eifersüchtig werden?!«
Wie innig er sie an sein Herz drückte, wie schmeichelnd seine Stimme klang, wie unwiderstehlich war der strahlende und heitere Blick seiner Augen, welche in letzter Zeit doch oftmals recht müde und gelangweilt in die Waldeseinsamkeit hinausgeschaut hatten!
Ein Gefühl tiefer Wehmut beschlich Gundulas Herz, wenn sie an Scheiden dachte, — wie unaussprechlich glücklich war sie hier gewesen! — wie redete jedes Zimmer, jedes Plätzchen im Park von einer Zeit berauschend seliger, junger Liebe! — Nie und nimmer würde sie sich in Hohen-Esp langweilen, und müßte sie ihr ganzes Leben hier zubringen! —
An seiner Seite ... im Verein mit ihm — wäre es nicht Paradieseswonne gewesen?
Aber was galten ihr die eigenen Wünsche, wenn Friedrich Karl andere Pläne hegte?
Ein einziger Blick in sein lachendes Gesicht, ein Kuß von seinem Munde, und die Bärin war wieder die willenlose Taube, welche mit demütigem Lächeln nickt: »So bringe mich nach Walsleben, Liebster! Die Welt ist ja überall schön, wo du bist!« —
»Gut, — sagen wir: vierzehn Tage noch nach Walsleben! Das genügt, daß du dein neues Heim, die Umgegend und Menschen kennenlernst, und dann ... dann machen wir doch noch unsere Hochzeitsreise, Liebchen?!« —
»Hochzeitsreise? ich glaubte, die machten wir schon letzt!«
»Hierher nach Hohen-Esp?« er lachte beinahe übermütig: »Nein, meine kleine Schirmvogtin, diese Extratour war nur ein Beweis meines unbedingten Gehorsams! Du wünschtest, die Bärenburg kennenzulernen, — und ich war Wachs in deinen Händchen, wie ich stets im Leben sein werde! — Nun aber kommt die Belohnung für diesen Separatarrest, obwohl derselbe so süß und wonnig war, daß er seinen Lohn schon reichlich in sich selber trug! — Aber wir Menschen sind nun mal unbescheiden und nimmersatte Kreaturen! Auf das schöne Exil in Hohen-Esp folgt ein noch schöneres in Walsleben, und wie man nach der süßen Speise noch Konfekt und Früchte verlangt, so lassen wir uns noch eine kleine Spritztour gen Nizza, San Remo — Monte Carlo — — usw. — servieren!«
»Alles, was du willst! Die Zwingherrin ist ihrem Herzliebsten gegenüber Sklavin!«
»Dank! Dank, du herrlichste der Frauen! Also reisen wir! — Hurra ... laß uns sogleich hinab und die Befehle zum Kofferpacken geben —!«
Sie hielt seine Hände fest. »Und der schöne Sonnenuntergang?« flüsterte sie bittend, mit einem langen, sehnsüchtigen Blick nach dem fernen Meer.
»Scheint die Sonne noch so schön — einmal muß sie untergehn!« rezitierte er scherzend. »Du weißt, daß ich für Naturschönheiten leider Gottes sehr wenig Verständnis habe, aber wenn es dir Freude macht ... selbstverständlich, Liebchen, bleiben wir noch bis zum Schluß der Vorstellung hier ... Du weißt ja, die dienstbaren Geister sind gewandt genug im Packen, um uns morgen früh noch den Schnellzug erreichen zu lassen!« —
»Das kann ich nicht garantieren ... also gehen wir! Jene graue Wolkenwand droht die Sonne doch zu verschlingen, ehe sie den Horizont erreicht ...«
»Wie nett von der Wolkenwand!« —
»Schäm' dich, du lieber Spötter!«
»Meine Sonne geht ja doch nicht unter, Liebste — dein Auge strahlt mir Tag und Nacht!«
Sie gingen Arm in Arm — hinter ihnen aber erlosch das leuchtende Tagesgestirn, — es ward Nacht.
In Walsleben fand Gundula alles, was wohl sonst jedes Frauenherz entzückt und hoch befriedigt hätte. —
Gediegene Eleganz, Behaglichkeit und die Erfüllung eines jeden, selbst des anspruchvollsten Wunsches. Es würde die junge Frau auch beglückt haben, wenn sie mehr Wert auf äußeren Glanz gelegt, und Sinn für all die vielen, hübschen Nichtigkeiten gehabt hätte, mit welchen das moderne Wohlleben sich ausstattet und welche einer Reihe von müßigen Tagen einen scheinbaren Inhalt verleihen.
Gundula hatte aber seit jeher wenig Passion für Geselligkeit und alles, was mit derselben zusammenhing.
Ihre tiefgehenden Interessen wurzelten nicht im Parkett, und die reinste Freude, welche sie empfinden konnte, war diejenige an einer schönen Natur, mit all dem stillen Zauber und den unerforschlichen Wundern, welche ihrem Schöpfer Preis und Ehre geben.
Seit sie in der tiefen innigen Liebe zu ihrem Gatten ein übergroßes Glück gefunden, war ihre Neigung für die Einsamkeit eher größer, denn geringer geworden, und so wie sie in dem weltvergessenen Hohen-Esp alles gefunden, was sie schön und wonnig deuchte, um so weniger entsprach das Walslebener Schloß mit seinem eleganten Leben und Treiben ihrem Geschmack. Dennoch verriet nicht das kleinste Wort, nicht der leiseste Seufzer, wie ungern sie hier weilte. Sie sah es ja dem glücklichen Gesicht ihres Mannes an, daß er sich außerordentlich wohl fühlte, und was hätte der selbstlosen und anspruchslosen Seele Gundulas mehr Befriedigung geben können, als den Geliebten froh und zufrieden zu sehen?
Man fuhr schon am zweiten Tag, als die junge Herrin kaum den eigenen, fürstlichen Besitz in Augenschein genommen, in die Nachbarschaft, um Besuche abzustatten.
Da man nur so kurzbemessene Zeit in Walsleben weilte, drängten sich die Einladungen; man besuchte Feste und sah wiederum Gäste bei sich, und Gundula empfand es bei all ihrem Widerwillen gegen eine derartige Vergnügungshetze doch mit unendlicher Wonne, daß Friedrich Karl eine stolze Genugtuung darin fand, der Welt sein junges Weib zu zeigen, daß er sich beneidenswert und glücklich in ihrem Besitze fühlte. —
Zwischen all dem Trubel fanden sich doch noch schöne, stille Stunden, wo der Geliebte ihr allein gehörte, wo er sich ihr voll zärtlicher Ritterlichkeit auch ausschließlich widmete!
Dafür dankte sie ihm durch eine stets liebenswürdige Bereitwilligkeit, ihm hinaus in das laute, bunte Leben zu folgen, und als die für Walsleben festgesetzte Zeit abgelaufen war und der junge Graf voll ungeduldiger Sehnsucht nach neuen Zerstreuungen verlangte, da gab sie gern Befehl, die Koffer zu packen.
Welch ein ruheloses Hin und Her, Kreuz und Quer durch die Welt!
Gundula hatte zuvor wenig von ihr gesehen, die Krankheit des Vaters führte sie alljährlich in dasselbe Bad, und Tante Agathe liebte es nicht, sich in einem »rollenden Sarge« durchschütteln zu lassen.
So fand die junge Frau auch jetzt wieder viel genußreiche Stunden, denn Friedrich Karl unternahm ihr zu Liebe jede Partie und jede Promenade über Berg und Tal, begleitete sie in Kirchen und Museen, obwohl er selbst in freimütiger Ehrlichkeit bekannte, daß er jedweder Kunst gegenüber Barbar sei. Dafür speiste Gundula ihm zu Liebe mit an der amüsanten table d'hôte, fuhr zu Reunionen, in Theater und Konzerte, machte große Toilette, wenn er es verlangte, und opferte Ruhe und Schlaf, wenn es ihm Freude machte, etwas länger an dem grünen Tisch zu sitzen.
Monte Carlo!
Anfänglich hatte Gundula gar nicht geahnt, welch ein Höllenabgrund in diesem Paradiese gähnte. Sie sah voll naiver Verständnislosigkeit dem Spiel zu, bis es ihr allmählich klar ward, was dasselbe eigentlich bedeuten wollte.
Da erschrak sie zum erstenmal bis in das tiefste Herz hinein.
Sie stand hinter ihrem Gatten und sah, wie die Glut fieberischer Erregung immer dunkler und heißer in sein schönes Antlitz stieg, wie die Banknoten in seiner Brieftasche mehr und mehr zusammenschmolzen.
»Herzliebster« — flüsterte sie in sein Ohr —: »laß uns gehen — ich sterbe vor Müdigkeit!«
Er sprang sofort auf, raffte noch ein paar Goldstücke zusammen und bot ihr den Arm.
»Vergib mir, darling! es ist in der Tat sehr spät geworden ... aber im Eifer des Spiels ... ich habe gar nicht daran gedacht, daß du in letzter Zeit immer so spät zu Bett gekommen bist.«
Sie fürchtete, daß er sie heimbegleiten und noch einmal an den grünen Tisch zurückkehren werde, aber er tat es nicht, er sagte nur lachend: »Heute habe ich infames Pech gehabt! Das kommt von allem Glück in der Liebe, Schatz! Na, morgen hole ich mir die Dukaten alle wieder zurück.«
Am folgenden Tage verspielte er noch eine weit größere Summe.
»Ich muß an meinen Bankier telegraphieren,« sagte er, »unser Reisegeld ist auch schon futsch!«
Da faßte sie flehend seine Hände, und ihre blauen Augen schauten voll Angst in sein schönes, sorgloses Antlitz. —
»Friedrich Karl ...« flüsterte sie, »ach, laß uns fort von hier!«
Er lachte hell auf und küßte sie: »Ich glaube, du hast Angst, daß ich uns hier bankrott spiele!« scherzte er. »Unbesorgt, du liebes Närrchen! Die paar tausend Franken reißen noch kein Loch in unsern Geldbeutel, und einmal muß ich doch auch wieder gewinnen!«
Er gewann aber nicht, sondern verlor auch die nächsten Tage unaufhörlich. — Die namhafte Summe, welche sein Bankier ihm angewiesen, schmolz dahin wie der Schnee im Sonnenschein. Der junge Graf lachte noch immer, aber es war ein etwas gewaltsames und nervöses Lachen.
»Friedrich Karl ... laß uns fort von hier!« flehte Gundula abermals, und diesmal rollten ein paar große Tränen über ihre Wangen und netzten seine Hand.
Er zuckte zusammen.
»Wenn du befiehlst, sofort, mein Liebling! O, du glaubst doch nicht etwa, der Spielteufel habe mehr Gewalt über mich, als dieser süße Engel, welchen ich mir selbst zum Wächter meines Glückes gesetzt habe?«
Und er schellte seinem Kammerdiener und teilte ihm mit, daß mit dem Kurierzug am nächsten Vormittag weitergereist werden solle. So unbeschreiblich glücklich, wie in dieser Stunde, war Gundula nie wieder.
Nein, ihr Mann war kein Spieler, er war zum mindesten kein verblendeter und leidenschaftlicher Spieler, welcher keinem Zuspruch und keiner Bitte mehr zugänglich war. Sie konnte ihm zuversichtlich vertrauen — und diese Gewißheit beseligte sie.
Die nächstfolgenden Jahre verlebte das junge Paar in Saus und Braus in der heimatlichen Residenz. Graf Hohen-Esp machte ein glänzendes Haus, und da er nie im Leben gefragt hatte: »kann ich mir dies oder jenes gestatten«, so fragte er auch jetzt nicht danach, sondern war sehr erstaunt, als sein Administrator ihm eines Tages eröffnete, er sei nicht in der Lage, noch mehr Gelder zu zahlen, da die zuständigen Revenuen bereits an die Adresse des Herrn Grafen abgeführt seien.
»Was? ei zum Teufel! Wir haben ja das neue Quartal kaum angefangen?« — staunte Friedrich Karl, die Zigarette im Mund, die Hände in den Taschen seines Jacketts versenkt. »Sonst war das doch sehr viel mehr?«
»Herr Graf vergessen, daß das Kapital sehr abgenommen hat; die Summen, welche nach Monte Carlo geschickt wurden, die Ehrenschuld, welche an Herrn von X. — und diejenige, welche nach Wiesbaden abgesandt wurde ...«
»Donnerwetter! ist das so ins Geld gelaufen?« wunderte sich der junge Mann sehr gelassen, »das ist ja fatal. Aber ich muß doch momentan was haben! — Vom nächsten Quartal an können wir ja manches sparsamer einrichten. Aber gerade jetzt muß ich so mancherlei berappen ... was fangen wir da an, Alterchen?« —
Der Beamte zuckte etwas besorgt die Achseln.
»Sehr schwierig, Herr Graf ...«
»Schnacken! — Können Sie nicht die Schafe mal wieder scheren lassen? — Wir heizen ein bißchen ein im Stall!«
Der Administrator lachte. — »Dann müßten wir ihnen das Fell abziehen!« —
»Oder können Sie keinen Wald schlagen lassen?«
»Da ist schon so viel in den letzten Jahren rasiert, Herr Graf, daß da nichts mehr weg darf! Höchstens die Buchenwaldung um Hohen-Esp herum ... da sind starke Stämme ... die würden einen guten Ertrag geben ...«
Friedrich Karl grub die schlanke Hand momentan in sein lockiges Haar. »Meine Frau hat eine Leidenschaft für das alte Bärennest und den schönen Hochwald ... sie will jeden Sommer ein paar Wochen da zubringen ... also ganz herunter darf das Holz nicht ...«
»Würde der Förster auch gar nicht zugeben, Herr Graf!«
»Was der zugeben kann und will, ist mir ganz gleichgültig! Lassen Sie die Sache so machen, daß die stärksten und schönsten Bäume ausgeforstet werden. Verstanden? — um den Wald etwas zu lichten!«
»Befehl, Herr Graf!«
Ein Jahr verging, und im Hause des Grafen von Hohen-Esp klangen nach wie vor die Flöten und Geigen, klimperten fern ab im Zimmer des Hausherrn die Goldstücke auf dem Spieltisch, Friedrich Karl amüsierte sich, reiste, rauchte, spielte, und war nach wie vor ein aufmerksamer und ritterlicher Gatte, wenngleich die immer blasser werdenden Wangen und der müde, resignierte Ausdruck im Gesicht seiner Frau immer deutlicher hervortraten.
Gundulas Vater war sehr unerwartet an einem Herzschlag gestorben, und während des Trauerjahres, wo man doch nicht gut die Saison mitmachen konnte, unternahm Graf Hohen-Esp in Begleitung seiner Gemahlin eine Reise um die Welt.
»Du hast ja jetzt ein recht nettes Kapital geerbt, Liebchen!« sagte Friedrich Karl in seiner leichten, fröhlichen Art, »da könntest du mir eigentlich einen Gefallen tun! Es ist momentan schwer für mich, Geld flüssig zu machen, — du weißt, daß das bei Grundbesitz immer seinen Haken hat! Darum wäre es mir sehr lieb, du rücktest ein bißchen von deinem Mammon heraus, um die Reisekosten zu decken! Ja? Willst du? Wärest auch die beste Frau der Welt!«
Er küßte ihre Wangen und Hände, und sie lächelte ihr stilles, müdes Lächeln, schmiegte sich an ihn und nickte: »Nimm soviel du willst! Was soll ich mit dem Geld? Ich freue mich ja so, daß wir während der Reise endlich einmal uns wieder selbst angehören können!«
Und er nahm Geld, — soviel er wollte, denn die Reisekosten waren nicht gering.
Ach, wie hatte Gundula gehofft, daß sie das Trauerjahr still und behaglich in der schönen Einsamkeit von Hohen-Esp verleben würden, endlich, endlich einmal wieder glücklich zu sein, wie zu Anbeginn ihrer Ehe!
Statt dessen hub wieder ein ruheloses Wandern an, ein stetes Zusammenleben mit fremden Menschen, deren Mittelpunkt der schöne, liebenswürdige Graf ja ständig war!
Reiche Engländer und Amerikaner schlugen ein Spielchen vor ... und um die Langeweile der endlosen Seefahrten zu lindern, spielte Friedrich Karl; — manchmal mit Glück, — meist mit recht erheblichen Verlusten.
Und als man nach Jahr und Tag heimkam, teilte er seiner blassen Frau so en passant einmal mit, daß die Reiserei doch infam teuer gewesen sei und ein Heidengeld verschlungen habe! Das ererbte Kapital sei beinahe draufgegangen ... na, allzuviel war es ja nicht ... und da keine Kinder da sind, für die man zu sorgen hat, ist es ja gleichgültig, wo es bleibt! — Gundula hatte ohne ein Wort still vor sich hingenickt.
Nein, es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen müssen!
Der Graf setzte sich an den Flügel und spielte den feschen Walzer, welchen er jüngst zum erstenmal wieder in einem Ballsaal gehört hatte, und Gundula erhob sich lautlos, schritt über die weichen Teppiche nach ihrem kleinen Boudoir und grub laut aufschluchzend das bleiche Antlitz in die Atlaskissen.
Nein — es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen müssen!
Was ihr Mann achselzuckend, mit lachendem Munde als eine ja wohl fatale, aber doch nicht zu ändernde Tatsache aussprach, das fraß ihr seit Jahren schon wie nagend Todesweh am Herzen, das lastete auf ihr wie ein grausames Schicksal, wie eine Bürde, unter welcher sie freud- und trostlos daherschlich. —
Ein Sohn! — ach, daß sie einen Sohn hätte! Wenn sie zurückdenkt an jene ersten, traumseligen Wochen in Hohen-Esp, mit welch einer stolzen Glückseligkeit sie zu den gedunkelten Bildern an der Wand emporgeschaut und ihnen zugeflüstert hatte: »Einen Sohn will ich euch einst zuführen, einen jungen Bären, furchtlos, brav und rechtschaffen, ein Schirmvogt der Schwachen, ein Retter der Gefährdeten, ein Edelmann in Tat und Wort, — so wie ihr es gewesen seid!« —
Wie glühte ihr damals das Herz in der Brust voll stolzer Begeisterung, — wie träumte sie mit offenen Augen einen herrlichen, goldenen Traum! — Wehe ihr! es ist nur ein Traum gewesen und geblieben!
Kein Kind im Hause! —
Nur ein graues Gespenst schleicht darin herum, das klimpert mit Geldstücken und schlägt klatschend die Karten auf! —
Anfänglich hatte Gundula bitterlich weinend mit gefalteten Händen dagegen gerungen, dann aber sind diese Hände müde und matt geworden, ihr Herz schwer und starr, es hat nicht mehr in törichten Hoffnungen geglüht und nicht mehr bang gezittert, wenn sie sah, daß das Vermögen, das große, gewaltige Vermögen des Grafen von Hohen-Esp dahinschmolz!
Für wen sollte es erhalten bleiben?
Sie selber bedarf weder Glanz noch Üppigkeit, sie wird die Stunde segnen, wo die goldene Brücke, welche ihren Gatten in die falsche, bunte, treulose Welt führte, zusammenbricht.
Dann muß er bei ihr bleiben, dann wird sich nichts mehr zwischen sie drängen, dann wird sie vielleicht noch einmal in einem stillen, weltfernen Winkelchen glücklich sein!
Glücklich?!
Sie schluchzt laut auf.
Wofür also sparen? — Es ist ja kein Kind im Haus!