III.
Die Zeit verging, — für Gundula schleichend, mit bleiernen Flügeln, für ihren Gatten in wirbelndem Tanz.
Da es der Gräfin in das Herz schnitt, unter so gänzlich veränderten Verhältnissen auf Hohen-Esp zu weilen, so hatte sie eigentlich darauf verzichten wollen, in diesem Jahr zu kurzem Sommeraufenthalt nach dort zu reisen, da trat jählings ein Ereignis ein, welches das bleiche Antlitz der müden jungen Frau in schier blendende Sonnenhelle tauchte.
Anfänglich wagte sie es kaum, an ihr verspätetes Glück zu glauben, ihr Herz erzitterte in bangen Zweifeln, ihre Seele jauchzte in Hoffnung, und auf ihren Wangen blühten wieder Rosen auf, ihre Lippen lächelten wie im Traum. Friedrich Karl beobachtete überrascht und erfreut die sichtliche Veränderung seiner sonst so resignierten Frau, und als er sich eines Tages sogleich nach dem Diner mit scherzenden Worten und einer kleinen Galanterie über ihre leuchtenden Augen und blühenden Wangen zurückziehen wollte, — da hielt sie sanft seine Hände fest, führte ihn nach ihrem dämmrig stillen Salon und warf sich voll bebender Erregung an seine Brust.
»Das alles siehst du und bemerkst du, Geliebter, und frägst doch nicht nach der Ursache, welche mich neu aufleben läßt in übergroßer Seligkeit?«
Überrascht schaute er sie an, nahm an ihrer Seite auf dem Diwan Platz und murmelte betroffen: »Ich verstehe dich nicht, Gundula ... hast du etwa das große Los gewonnen?«
Sie lachte unter Tränen. »Nur das große Los? Ach, was bedeutet alles Geld und Gut der Welt gegen unser Glück?!«
Seine Hand zuckte unruhig auf ihrem schönen Haupt. »Sprich, Liebling ... foltere mich nicht!«
Da schmiegte sie sich fest, ganz fest in seinen Arm und flüsterte ihm ein paar Worte in das Ohr.
»Gundula!« — schrie er beinahe auf: »Gundula — ist das Wahrheit? — Uns sollte ein Erbe geboren werden — ich sollte noch ein Kind auf den Armen wiegen?«
Er sprang empor, er stürmte im Zimmer auf und nieder, und dann bedeckte er ihre Hände, ihr verklärtes Gesicht mit brennenden Küssen.
»Ja, das ist ein unerwartetes Glück, Gundula!« jubelte er, »nun ist ja dein heißester und sehnlichster Wunsch erfüllt!« —
»Und der deine nicht auch?«
Wie ein Erbleichen ging es über sein erhitztes Gesicht, er sah sie nicht an, sondern preßte die Wange gegen ihre Hand.
»Wie kannst du fragen, Liebste? Als ob es mir gleichgültig sei, ob die Hohen-Esps aussterben oder nicht! Neun Jahre lang hatte ich mich freilich an diesen Gedanken gewöhnt ... ich rechnete mit jeder Möglichkeit, nur nicht mehr mit der, einen Erben zu erhalten!«
Und er sprang auf und strich mit dem Batisttuch über die perlende Stirn, dann lachte er abermals hell, beinahe übermütig auf und fuhr fort: »Ja, nun müssen wir wohl doch diesen Sommer nach Hohen-Esp fahren, damit du all deinen gemalten Freunden mit Zopf und Allongeperücke, mit Pickelhaube und Federhut das stolze Glück erzählen kannst, daß ihnen ein Urenkel geboren werden soll, daß Gräfin Gundula der alten Bärenburg für einen jungen Bären sorgen will!« —
»Und wenn es eine Bärin ist?«
»Um so kostbareren Schatz hat die Burg zu hüten«, lächelte er galant, und dann küßte er die Lippen seiner Frau und setzte die elektrische Klingel in Bewegung, um dem Diener zu sagen, daß er heute abend zu Hause bliebe, es solle ein Bote nach dem Klub gesandt werden mit der Meldung, daß der Herr Graf heute verhindert sei zu kommen. —
Gundula aber faltete die bebenden Hände und schloß lächelnd die Augen ... kam es noch einmal zurück, das Glück, das große, märchenhafte Glück von ehemals? — —
— — — Als der Gräfin lächelndes Antlitz sich zum Schlaf in die Kissen geneigt, wanderte Friedrich Karl ruhe- und rastlos in seinem Zimmer auf und nieder.
Er hatte einen Brief per Eilboten abgesandt, einen Brief, welcher den Administrator anwies, sofort dem Abholzen der Hohen-Esper Waldungen Einhalt zu tun.
Er hatte sich in sehr mißlicher Lage befunden und nach kurzem Kampf den Befehl gegeben, die herrlichen Buchenwaldungen um die Burg herum schlagen zu lassen, — hatte doch Gundula geäußert, daß sie keinen Aufenthalt wieder in Hohen-Esp nehmen wolle. Sie schämte sich vor all den Ahnherren im Saal, daß sie ihnen noch immer keinen Stammhalter zuführen könne!
Das war nun anders geworden!
Jetzt, nach neunjähriger Ehe! Wer hätte das gedacht!
Nun war Gundulas Liebe für den alten Ahnensitz neu entflammt, und auf keinen Fall durfte sie die Verwüstungen in ihren geliebten Wäldern erblicken!
Das war ein recht fataler Zwischenfall!
Was sollte er nun beginnen?
Seine Lage war von Jahr zu Jahr schlechter geworden, ach, Gundula ahnte es nicht, wie schlecht!
Er mußte absolut eine bedeutende Summe flüssig machen, um eine Spielschuld zu bezahlen!
Infam! er hatte während der letzten Zeit so viel Pech gehabt, und wenn er einmal gewann, so rannen die Dukaten wie Wassertropfen durch die Finger! Es ist seltsam, daß in Spielgewinnen so gar kein Segen steckt!
Es wäre auch richtiger gewesen, wenn er das gewonnene Geld angelegt hätte, anstatt es jedesmal zu verjubeln, ... aber du liebe Zeit! Für wen hätte er sparen sollen! Wie konnte er ahnen, daß noch einmal Kinder kommen würden!
Je nun, das muß jetzt alles anders werden. Er wird diese eine Spielschuld noch bezahlen und dann mit allem Ernst danach trachten, seine Verhältnisse wieder zu arrangieren! Er muß noch eine Hypothek auf Hohen-Esp aufnehmen!
Walsleben, Mönchhagen und Gottern sind bereits derart belastet, daß er mit diesen Gütern kaum noch rechnen kann, und das Kapital ist lange verbraucht, ebenso das Erbe seiner Frau!
Friedrich Karl stöhnt leise auf, schlägt die Hände vor das Antlitz und sinkt in einen Sessel nieder.
Wie Gundula sich auf das Kind freut! Ihr Antlitz ist wie verklärt — ihr ganzes Wesen atmet jauchzende Glückseligkeit!
Kann auch er sich auf einen Erben freuen? Im ersten Rausch der Überraschung tat auch er es! — gewiß! — welch eines Mannes Herz schwellt nicht Stolz und Genugtuung, wenn er Vater werden soll!
Ja, er freute sich wie ein Trunkener, — ohne jede Überlegung, — die rührende Ergriffenheit seiner guten Frau steckte auch ihn an!
Aber jetzt, in der stillen, einsamen Nacht, bei nüchterner Überlegung, da schleicht sich in dieses Glücksgefühl eine beklemmende Angst, die sorgende Frage: was soll aus dem Kind werden?
Wie willst du es ernähren? Von was einst standesgemäß unterhalten?
Was antworten, wenn einst der Sohn den Vater fragt: »Wo blieb das Erbe meiner Väter?« Welch ein bitterer, qualvoller Vorwurf! Graf Friedrich Karl will ihn nie hören, — nie! — Er will, er muß es wieder einbringen, was er vergeudet hat! —
Aber wie? —
Je nun, das Glück kann ihm nicht immer den Rücken kehren, einmal muß er doch wieder mit Erfolg spielen, und dann wird er jeden Gewinn anlegen und sein Vermögen ersetzen. All die Herren, welche durch ihn reich geworden sind, müssen ihm Revanche geben, sie müssen es, wenn sie Ehrenmänner sind!
— Der Graf sprang ungestüm auf und sah nach der Uhr.
Sind sie noch im Klub versammelt?
Nein, — es ist zu spät.
Aber morgen! — morgen! —
Und am nächsten Tage spielte er voll nervöser Leidenschaft, hitziger, aufgeregter, wie je.
Und er gewann!
Sein Kopf brannte! Wie unsinnig vor Freude stürmte er zu dem Bankier und legte das Geld an! — Und dann hatte er noch eine Chance!
Der Herzog war entzückt von seinem Viererzug schönster Rappen, welchen er gern seiner jungen Schwiegertochter, der Prinzessin Margarete, zum Geschenk machen wollte.
Prinz Georg, welcher mit Hohen-Esp unterhandelte, bot eine enorme Summe, aber die Eitelkeit des Grafen litt es nicht, daß er sich von seinen berühmten Pferden trennte. Das war jetzt anders geworden.
Er mußte für seinen Sohn Kapital machen! Noch an demselben Tage verkaufte er die Rappen, und das Geld brachte er abermals auf die Bank!
Welch ein Vergnügen ihm das bereitete! Es war etwas so Neues für ihn, zu sparen!
Vorläufig schaffte er auch keine anderen Pferde wieder an. Er kündigte dem zweiten Kutscher, und freute sich, wieviel er dadurch ersparte, — den Unterricht für den anspruchsvollen Engländer und vier Rationen! —
Er muß weiter überlegen, wie und wo er sparen kann, ohne daß Gundula es merkt, denn ein Gefühl der Scham hält ihn plötzlich davon ab, seiner Frau einzugestehen, wie gewissenlos er bisher gewirtschaftet hat. —
Und er spart und legt an ... und dann schlägt das Glück einmal wieder um und er muß alles wieder von der Bank abholen, um die Spielschulden abzutragen!
Es ist ein qualvoller Kampf, ein Auf und Nieder, ein Wasserschöpfen mit dem Sieb!
Aber Graf Friedrich Karl kämpft voll zäher Beharrlichkeit, er denkt an seinen Sohn! Und er sorgt und müht sich immer leidenschaftlicher und nervöser, je mehr er es beobachtet, wie in Gundulas Wesen eine wunderbare und auffällige Veränderung vor sich geht. —
Wie in langem Staunen haftet sein Blick oft verstohlen auf der Gräfin.
Ist dies dieselbe resignierte, müde, sanfte und gleichgültige Frau von ehedem, welche auf all seine Wünsche nur ein selbstloses: »wie du willst!« hatte, welche mit gesenktem Haupte einherschritt, interessenlos, und so matt und scheu, wie eine weiße Taube, welcher ein Sturm die Schwingen brach?
Ist dies dieselbe Gundula, welche zu ihrem eigenen Schatten geworden war? —
Jetzt ist es, als ob ein Steinbild endlich zum Leben erwacht sei!
Ihre Gestalt wächst hoch und kraftvoll empor, ihr Haupt hebt sich stolz und selbstbewußt auf den Schultern, und all ihre Bewegungen haben etwas Festes, Sicheres, wie er es nie zuvor an ihr gekannt!
Die sanften Taubenaugen blitzen in sieghafter Freude, die Lippen lächeln und sprachen doch nie energischere Worte wie jetzt!
Tante Agathe kommt zum ersten Male zu kurzem Besuch und weinte Tränen der Freude über das Glück ihres Lieblings.
Als sie Gundula so gänzlich verändert schalten und walten sieht, nickt sie leise vor sich hin. Wie ein Echo ziehen die Worte ihres verstorbenen Bruders durch ihren Sinn —: »wenn aber erst die junge Brut in der Höhle liegt, dann wird aus dem sanften, indolenten Weibchen eine gar trotzige, wehrhafte Bärin!« —
Ja wahrlich! — auch Gundula wird eine solche Bärin sein! —
Auf dringenden Wunsch der Gräfin siedelte die Haushaltung nach Hohen-Esp über und verblieb den ganzen Sommer daselbst, denn wie Gundula scherzend sagte: »sollte der junge Bär in seiner angestammten Höhle geboren werden!« —
Graf Friedrich Karl leistete seiner Gemahlin tagelang Gesellschaft, dann trieb es ihn wieder voll rastloser Ungeduld in die Residenz zurück; er kam und ging — er schweifte ruhelos zwischen dort und hier, und dabei ward er immer nervöser, immer blasser und elender, und sah schließlich so ernstlich krank aus, daß es Gundula auffiel und sie besorgt nach der Ursache fragte.
Er lachte und versuchte voll unsicherer Heiterkeit zu scherzen. »Ich werde noch die Ankunft des neuen Herrn und Gebieters abwarten, und alsdann ein paar Wochen in ein Bad reisen; der Doktor meint, es sei eine verschleppte Erkältung, dafür ist Luftwechsel gut!«
Früher hatte die Gräfin nie an einem Wort ihres Mannes gezweifelt, jetzt plötzlich hatte ihr Auge etwas so seltsam Forschendes und Durchdringendes, daß Friedrich Karl ihrem Blicke auswich.
Und die Wochen vergingen ... und auf der Burg Hohen-Esp wurde ein Sohn geboren. Ein Sohn! — wie ein zitternder Jubelschrei rang es sich von den Lippen der jungen Mutter. Nun lag der heißersehnte kleine Bär in ihrem Arm, und die alten Bilder von der Wand schauten mit wundersam lebendigem Blick auf sie nieder und lächelten ihr zu.
Hub nicht ein freudiges Brummen und Raunen in allen Ecken an? —
Trappten nicht die mächtigen steinernen Bären vom Burgtor herauf, die Wappenschilde in ihren Pranken vor dem jungen Bärlein in den weißen Kissen zu neigen?
Stampfte und schlurrte es nicht aus allen Winkeln und über alle Stiegen heran, der lange Zug aller jener zottigen Gestalten, welche seit Jahrhunderten hier in der Burg ihre stille Wacht gehalten und auf den jungen Sprossen gewartet haben, welcher künftighin ihr Herr und Gebieter sein soll, der Bär von Hohen-Esp? —
Welch ein Jubel und Glück im ganzen Hause! Nur der Vater des jungen Erben hält seinen Sohn mit zitternden Händen, und die Fieberglut auf seiner Stirn wechselt mit fahler Blässe. —
Sind es Tränen oder ist es perlender Schweiß, was langsam über seine fahlen Wangen rinnt? Alles schläft in der Burg — mit lächelnden Lippen und wohligem Behagen, — nur Graf Friedrich Karl wandelt ruhelos, selber einem Gespenst gleich, durch die weiten, hallenden Räume. Er findet keinen Schlaf.
Vor ihm schweben zwei große blaue Kinderaugen, die schauen ihn ernst und vorwurfsvoll an, als ob sie ihn richten wollten, und ein kleiner Mund fragt wieder und immer wieder: »Wo blieb das Erbe meiner Väter, welches sie dir zu Lehn hinterließen, auf daß du es für deinen Sohn treu und rechtschaffen verwalten solltest?« —
Wie Donnerhall brausen die Worte in seinen Ohren, ob er auch qualvoll die Hände dagegenpreßt und laut aufstöhnt: »Wie konnte ich noch auf einen Sohn rechnen! Ich war mir keiner Verpflichtung bewußt, weil mir kein Erbe geboren wurde!«
Diese leise Stimme aber fährt erbarmungslos fort: »Rechne nach! Noch ehe du ein Weib genommen, noch in den ersten, hoffnungsreichen Jahren deiner Ehe schwand das Kapital dahin, ward das Fundament gelockert, auf welchem jetzt der morsche Bau zusammenbricht! Rechne nach! wo blieb das Erbe meiner Väter?!« —
Graf Friedrich Karl sank schwer in einen Lehnstuhl nieder.
Er brauchte nicht nachzurechnen, — er wußte, wo das Geld geblieben war, — ach, er wußte es nur zu genau.
Vor seinen Augen schimmert grünes Tuch, blinken rollende Goldstücke. —
O furchtbare Antwort, welche er einst seinem Kinde geben muß! —
Wie Folterqualen peinigt sie schon jetzt sein Herz. —
Er erträgt diese Qual bitterster Selbstanklage nicht! — Er muß wiedergewinnen, was er vergeudete, er muß den drohenden Ruin abwenden, er muß es, wenn er noch den Mut haben soll, Weib und Kind in die Augen zu schauen! — —
Seine Hände wühlen aufgeregt in den Papieren auf dem Schreibtisch.
Der Administrator hat ihm die Abrechnungen geschickt, ... es gibt nichts mehr abzurechnen, und die Gläubiger drängen ... und die Termine laufen ab. —
Was tun? —
Die Herren, mit denen er den Winter über spielte, welche ihm außerordentliche Summen abgenommen und durch sein Vermögen reich geworden, haben sich zurückgezogen. Sie leben auf Reisen, — sie haben sich auf ihre Besitzungen begeben.
Es bleibt keine andere Möglichkeit, keine andere Hoffnung, als wie Monte Carlo. Er will noch das Letzte zusammenraffen, was er besitzt, und will va banque sagen!
Nur warten muß er, bis sein Weib genesen ist, bis sie ... jede Nachricht aus dem Höllenpfuhl jenes Spielernestes ertragen kann!
Er hat seinen Sohn zum Bettler gemacht, aber alles kann und darf er ihm nicht nehmen, die Mutter muß er ihm lassen!
Also warten, ... warten! —
O, welch martervolle Wochen werden das sein!
Wenn es ein Fegefeuer gibt, so wird er es in diesen Wochen kennenlernen.
Und er lernte es kennen! —
Er saß mit hämmernden Pulsen und eiskalten Händen an Gundulas Lager, er sah in ihr Antlitz, welches alle Himmelswonnen junger Mutterschaft spiegelte, er hörte mit krampfhaftem Lächeln all die seligen Zukunftspläne an, welche sie für des Kindes und ihr eigenes Geschick schmiedete. Ja, sie wollten glücklich sein! —
Nun waren ja ihre kühnsten Hoffnungen erfüllt, nun lag der Sohn in ihren Armen, welcher das alte Geschlecht zu jungem Glanz und junger Herrlichkeit aufblühen wird! —
Und die Gräfin drückte seine Hände voll unaussprechlicher Liebe zwischen den ihren und blickte ihm wieder in die Augen wie damals ... vor Jahren ... als er sie im Arme hielt und dem bräutlichen Weib gelobte, »ich will alles tun, dich glücklich zu machen!« — O meineidiger, wortbrüchiger Gesell, der er ward!
Leichtsinnig und gewissenlos hat er all das morgenschöne Glück zertrümmert!
Wahrlich, hat er es?
Nein! tausendmal nein! Noch wird er ein letztes Wort mit dem Schicksal sprechen, noch kann alles wieder gut werden ... ach, so gut! — Und er flüstert ihr mit heiserer Stimme zärtliche Worte ins Ohr und wiegt seinen Knaben auf den Armen.
Niemand ahnt, wie es dabei in seinem Herzen aussieht!
Wahrlich niemand?
Tante Agathe, welche zur Pflege ihrer geliebten Nichte gekommen, blickte ihm oft so seltsam forschend, so wunderlich prüfend in das fahle Angesicht.
Ahnt sie, wie es um ihn steht?
Warum nicht?
Daß seine Verhältnisse zerrüttet sind, pfeifen in der Residenz die Spatzen vom Dache. Wie trostlos sie sind, weiß man freilich noch nicht. —
Der Tag kommt, an welchem der junge Bär von Hohen-Esp getauft werden soll.
Auf Friedrich Karls Wunsch und zum beispiellosen Entzücken der Gräfin hat man von jeder Festlichkeit Abstand genommen.
Im allerkleinsten Kreise, — nur von den Eltern, Tante Agathe und dem jungen Pastor aus dem nächsten Dorfe, bei welchem Hohen-Esp eingepfarrt ist, wird das Kind über die heilige Taufe gehalten.
Wie schön sieht Gundula aus!
Ihre Figur ist voll, kräftig, schier königlich geworden.
Sie schreitet so hoch und stolz, so gebietend stattlich einher, wie noch nie zuvor, und doch liegt eine Weichheit auf ihrem Angesicht, ein Ausdruck in ihren Augen, welcher beweist, daß Gräfin Hohen-Esp in all ihrem strahlenden Glück ein demütiges und frommes Weib geblieben. — — —
»Guntram Krafft« hat man den Knaben getauft, und der Prediger hat über ihm die Hände gefaltet und gebetet, daß dieses Kind dereinst in Wahrheit ein Schirmherr und Schutzvogt für alle sein möge, welche unter seine starke Hand gestellt sind, daß er, ebenfalls furchtlos und treu wie seine Ahnherren, die »Kraft«, welche ihm den Namen gibt, in den Dienst seines Gottes und seiner Nächsten, für Fürst und Vaterland stellen möge, daß auch er über den Inhalt seines Lebensbuches die Devise schreiben möchte, unter welcher seine Väter Taten getan:
»Christe Kyrie —
Zu Lande und See —
Ein Schirmherr der Not —
Das walt' Herregott!«
Nie hatte Gundula geglaubt, daß ihr so sehr lebensfroher, oberflächlicher Gatte von einer heiligen Handlung derart ergriffen sein könne!
Auch der Prediger schaute voll warmherziger Teilnahme auf den Grafen, welcher kaum imstande war, seine Erregung zu meistern. Und wie bleich, wie leidend, wie nervös sah er aus! Kaum, daß er den Knaben halten konnte, so bebten ihm die Hände.
»Du bist krank, Friedrich Karl,« flüsterte ihm Gundula besorgt zu, als sie sich an seine Brust lehnte: »jetzt sehe ich erst, wie schlecht du aussiehst! Fühlst du Schmerzen — hustest du etwa?«
Er zwang sich zu einem Lachen und scherzte. »Die Geburt eines Sohnes ist ja für den Vater jedesmal sehr angreifend, doch geht es mir, den Umständen nach, immer noch sehr gut! Eine kleine Luftveränderung, — die wird alles wieder gutmachen!«
»O, so reise bald! Du siehst, dem Kinde und mir geht es so ausgezeichnet, daß du nun um unsertwillen nicht mehr zu zögern brauchst!«
»Ich gedachte übermorgen nach San Remo zu fahren! Möchtest du mich nicht begleiten? Fühlst du dich wohl genug? — Unserm Jungen macht Tante Agathe derweil die Kur!«
Sie schüttelte das Haupt und errötete. »Undenkbar! Du vergißt, daß ich selber die Amme unseres Lieblings bin! Auch bist du ungenierter, wenn du auf niemand Rücksicht nehmen mußt! Also übermorgen! — und wie lange bleibst du?«
»Das steht bei Gott! Halt mir den Daumen, mein braves Weib, daß ich bald frisch genug sein werde, um heimkehren zu können! Ach, Gundula, — du glaubst nicht, wie gern ich wieder bei euch sein möchte!«
Er sah sie nicht an bei diesen Worten, er senkte das Haupt schwer auf die Schulter.
Er reiste, — und Gundula stand droben auf dem Söller des Turmes und blickte dem entschwindenden Wagen nach.
Sein weißes Taschentuch flatterte noch lange zurück, so lange, bis die mächtigen Waldungen den Weg deckten.
»Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter!« zog es voll wehmütiger Sehnsucht durch den Sinn der Gräfin, als sie hinaus in die herbstlich stille Gegend blickte, über welcher ein kühler Seewind brauste und die dunklen Schatten eilenden Gewölks strichen. Regentropfen fielen kalt und schwer hernieder, und Gundula erschauerte unter ihrem kühlen Kuß.
Mit weißen Schaumkämmen grüßten die fernen Meereswogen herüber, und welke Blätter wirbelten von den drei Linden, welche den Burghof beschatteten, zu ihr empor.
Ein niegekanntes Gefühl unbeschreiblicher Trauer überkam Gundula, es war ihr plötzlich zu Sinn, als könne es nie wieder licht und hell auf dieser Welt werden, als sei die Sonne für ewige Zeiten für sie untergegangen. Wie in jäher Angst streckte sie die Arme nach der Richtung, in welcher der Wagen verschwunden war, aus.
»Friedrich Karl!« — rang es sich wie ein Schrei von ihren Lippen — »Friedrich Karl!«
Der Wind verwehte den Klang, — das bunte Laub rauschte auf und fegte raschelnd über die Fliesen.
Keine Antwort. — Sie preßte die Hand gegen das zitternde Herz und schüttelte jählings den Kopf.
»Was ficht mich plötzlich an? Ich bin noch nervös und schwach, da nimmt man alles so schwer! — Wie oft ist Friedrich Karl in den letzten Jahren verreist, kaum daß ich seine Abwesenheit bemerkte! Und nun, wo mir sein Ebenbild am Herzen ruht, will mich die Sehnsucht übermannen? — Das ziemt sich nicht für eine Bärin, die ihr Junges säugt, auf daß sie es zum Helden mache!« — und mit schnellem Lächeln um die erblaßten Lippen wandte sich die junge Mutter, um hastig das Zimmer ihres Kindes zu erreichen. Da lag der kleine Guntram Krafft in seiner wunderlichen, uralten Wiege, in welcher wohl schon seit Jahrhunderten die Stammhalter der Hohen-Esps dem Leben entgegenschlummerten. Aus dunkelgebräuntem, wurmstichigem Holz lag sie plump und ungefüge auf den breiten Kufen.
Zwei kleine geschnitzte Bären ruhten auf denselben und stützten die Bettstatt, dieweil ein großer, hölzerner Bär hinter derselben stand und mit erhobenen Pranken die grünen Vorhänge hielt.
Blühend und kraftvoll schlummerte Guntram Krafft in den Kissen, und voll aufquellender Zärtlichkeit neigte sich Gundula und blickte in das Antlitz des Kindes, welches sich in leisem Weinen verzog.
Die kleinen Hände griffen unruhig in die weißen Linnen, und in jähem Aufschluchzen öffnete er die Augen mit angstvollem Blick. Da legte sich die kühle, ruhige Hand der Mutter auf sein Köpfchen.
»Schlaf, kleiner Bär! schlaf ein!« lächelte sie. »Fürchtest du dich, weil dein Vater von uns ging? — Bist drum noch nicht verlassen! Deine Mutter hält treue Wacht bei dir!«