VII.

Schneegestöber!

Wie weiße Watte lag's auf der Erde, und darunter blankes Glatteis, so daß die Scharen der Straßenjungen mit lärmendem Hallo die breiten Trottoirplatten entlangschlidderten!

Die eleganten Villen hatten Hermelinmäntel umgeworfen und standen in ihrer fürstlichen Pracht noch stolzer und unnahbarer wie sonst inmitten der wohlgepflegten Gärten, aus denen die Tannen, Lebensbäume und Taxus wie grüne Butzemänner schauen, welche unter weißen Laken Versteck spielen! Schlitten flogen mit klingenden Schellen und prächtig geschmückten Rossen vorüber wie Märchenbilder, schöne Frauen in flockigen Pelzen saßen darin und neigten grüßend die Köpfchen, Damen und Herren in eleganten Eiskostümen eilten dem spiegelblanken See im Parke zu, und zwischendurch drängte und schwatzte und lachte der breite Strom der Passanten, welche Dienst, Geschäft oder Vergnügen hinaus in das lustige Winterwetter trieb!

Guntram Krafft schritt langsam, schier atemlos schauend die Parkstraße hinab.

Es war zum erstenmal, daß eine größere Stadt ihre reizbaren Bilder vor ihm entrollte und den Neuling durch ihren rastlosen Wechsel in die seltsamsten Gefühle versetzte.

Anfänglich hatte ihn das Lichtmeer geblendet, die Menschenmenge belästigt, die Masse der hohen Häuser in unangenehmer Weise bedrückt; er empfand nur das Ganze als ein schwindelerregendes Chaos und verstand es noch nicht, das Einzelne, Schöne und Interessante daraus zu erfassen. Aber er lernte es bald.

Anton war ein verständiger und guter Lehrmeister, ein Mensch, der, als ehemals so verwöhnter und welterfahrener Mann, es nun nach der langen Zeit tiefer Einsamkeit geradezu mit Entzücken genoß, noch einmal in das verlorene Paradies seiner Jugendträume zurückzukehren.

Antons Freude und Eifer steckte den jungen Gebieter bald an, und dieweil Graf Hohen-Esp während der ersten Tage noch ein gewisses Unbehagen und Mißtrauen jeglichem Neuen gegenüber empfand und seiner Mutter nur mit einem rechten »Stoßseufzer« über die schreckliche Rundreise durch alle Magazine und Läden berichtete, — so gewöhnte er sich doch bald an das so gänzlich veränderte Bild seiner Umgebung.

Immer leuchtender haftete sein Blick auf all dem Eigenartigen, immer zufriedener musterte er seine so ganz verwandelte äußere Erscheinung im Spiegel, — er lachte so heiter wie ein Kind, als Anton ihm schmunzelnd versicherte: »So, Herr Graf, nun können wir uns schon vor den Residenzlern sehen lassen, bei Gott, einen schmuckeren Junker können sie im ganzen Land nicht finden!«

Ja, er war eine imposante, auffallend schöne Erscheinung, der Bär von Hohen-Esp, aber trotz der modernen Kleider lag es doch wie ein undefinierbares, gewisses Etwas über ihm, was ihn fremd und ungeschickt zwischen den anderen Herren erscheinen ließ.

Eine unüberwindliche Befangenheit und das Ungewohnte der neuen Kleidung beeinflußten ihn, er tappte daher wie ein Mensch, welcher zeitlebens blind gewesen und nun mit einemmal sehen lernt.

Der Ausdruck seines Gesichts, welches sonst mit Adleraugen, kühn und trotzig in Sturm und wildes Wetter schaute, bekam etwas kindlich Naives, beinahe Verlegenes, wenn er durch die Menschenmenge schritt oder im Hotel an der Table d'hôte Platz nahm.

Gundula hatte ihren Sohn tadellos erzogen, seine Manieren waren vorzüglich, formell und ritterlich, er war weit entfernt davon, sich wie ein Hinterwäldler zu benehmen, und doch wirkte seine Art und Weise seltsam, weil ihn das Ungewohnte der Situation ungeschickt und linkisch machte.

Der junge Bär hatte wohl alles, was eine gute Erziehung fordert, gelernt, aber er hatte seine Kenntnisse nie unter fremden Menschen verwertet, und weil hier in der Stadt alles so völlig anders war wie daheim, so verlor er auch den Glauben an sich selber und seine Art, und diese Unsicherheit gab dem hünenhaften Recken etwas Linkisches und Unvorteilhaftes.

Die Gräfin hatte bestimmt, daß ihr Sohn sich erst zehn bis vierzehn Tage in der Residenz aufhalten solle, ehe er seine Besuche bei Hof und in der Gesellschaft abstattete. —

Sie fand es wohl selber notwendig, daß die weltfremden Augen des jungen Mannes sich zuvor an elektrisches Licht und den bunten Wirbel der Großstadt gewöhnten, daß er erst ein wenig auf dem Parkett gehen lerne, ehe er sich in den glitzernden Strom hineinwagte.

Und Guntram Krafft lernte gehen, von Tag zu Tag besser, so daß Anton schon recht zufrieden war und sagte: »In zehn Tagen wird im Schloß getanzt, Herr Graf, da müssen zuvor die Karten abgeworfen werden!«

»Aber ich kann nicht tanzen, Anton! — das, was wir daheim im Fischerdorf mal ›Tanzen‹ nannten, das paßt wohl schwerlich hierher in das Palais!«

»Macht nichts, Herr Graf! Sie sehen zu und plaudern mit den schönen jungen Damen!«

Guntram Krafft wurde dunkelrot.

»Ich fürchte, daß ich auch damit Fiasko mache! Bedenk, Alter, ich habe mich nie darin geübt, mit Damen zu plaudern! Von was soll ich sprechen? — Von Hohen-Esp? Das kennt ja niemand! Von all den Dingen, die ich aus den Büchern gelernt habe? Die werden den jungen Mädchen nicht gefallen! — Ich begreife nicht, woher meine Mutter den Mut nahm, mich ungelenken Bär hierher unter die Menschen zu schicken!«

»So etwas müssen Sie sich gar nicht einbilden, Herr Graf! Das findet sich schon alles, und Sie wären der erste junge Mann, welcher bei einem hübschen Fräulein nichts zu reden wüßte! Da fragen Sie nur: ›Lieben Sie das Meer, mein gnädiges Fräulein?‹ und wenn sie sagt: ›ja, gar sehr!‹ — dann erzählen Sie ihr von unserm blauen Wasser daheim und den Fahrten durch Nebel und Sturm, welche Sie darauf machten! Das hört eine jede gern!« —

Guntram Kraffts Augen leuchteten auf. Ja, das war eine gute Idee! Wenn er von seiner geliebten See sprechen konnte, trat ihm wohl schon ganz unwillkürlich das Herz auf die Zunge!

Eine freudige Zuversicht überkam ihn, der naive Glauben eines redlichen Herzens, welches noch davon überzeugt ist, daß man auf jede freundliche Frage auch eine freundliche Antwort erhält!

Just diese Gedanken waren es, welche den Grafen beschäftigten, als er die Parkstraße entlang promenierte und mit hellem Blick auf das muntere Leben im Schneegestöber blickte. —

Er lachte über ein paar Jungens, welche sich schneeballten, und als er »unversehens mit Willen!« auch einen der weißen Grüße gegen die Schulter klatschen fühlte, da blieb er stehen und amüsierte sich noch mehr.

Helles Schlittengeläute erklang hinter ihm, doch wandte er in seinem lebhaften Schauen kaum den Kopf danach, bis ein lautes Aufschnaufen, Klirren und Hufschlagen, sowie die schrillen Angstrufe etlicher Passanten ihn jählings zurückschauen ließen.

Ein sehr eleganter Schlitten kam herangesaust, gezogen von zwei Vollblütern unter langwehenden Schneedecken.

Da plötzlich gleitet das Handpferd auf dem Glatteis, von dem der Wind momentan den Schnee hinweggeweht hat, aus, es stürzt wie gemäht zusammen, schlägt wild um sich, reißt auch das andere Roß nieder, und der Schlitten, welcher in voller Fahrt gegen den Knäuel anfährt, schlägt gegen den hochgeschaufelten Schneewall zur Seite.

Der Kutscher ist von seinem kleinen Rücksitz herabgeschleudert, und die Dame, welche in dem Schlitten sitzt, scheint momentan unter demselben begraben.

Von allen Seiten springen Männer heran und wenden sich in der ersten Bestürzung den Pferden zu, sie zu fassen, abzusträngen und weiteren Schaden zu verhüten — Guntram Krafft aber steht mit schnellen Schritten neben dem Schlitten, packt ihn mit kraftvollen Händen und richtet ihn ohne jede weitere Unterstützung auf, als sei er ein Puppenspielzeug! Dann greift er abermals zu und richtet die Dame, welche halb vergraben in dem Schnee liegt, in seinen Armen empor.

Er spricht kein Wort dabei, aber seine Blicke beobachten prüfend ihre Bewegungen, ob sie sich verletzt habe.

Sie steht auf den Füßen und tritt zur Seite, sie hebt die Arme und schüttelt die weißen Flockenballen aus dem Pelz und von dem Köpfchen.

»Nein, es ist nichts gebrochen, weder Arm noch Bein!« — atmet der Graf auf, — er sagt es mehr zu sich, wie zu der Fremden; diese aber hat es doch gehört, sie reißt den schneebedeckten Schleier von dem Hut und drückt den Muff trocknend gegen das Antlitz.

»Nein, Gottlob, — ich bin mit heiler Haut davongekommen!« sagte sie mit überraschend ruhiger und fester Stimme; sie scheint nicht sehr ängstlich oder nervös zu sein, sondern den kleinen Unfall höchst gelassen hinzunehmen. »Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre liebenswürdige Hilfe!« fügt sie hinzu, und als Guntram Krafft höflich den Hut zieht, blickt er zum erstenmal in das Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick wird groß und starr im Schauen, sein Atem stockt plötzlich und das Blut steigt heiß in seine Wangen empor. Solch ein reizendes Gesichtchen hat er nie zuvor gesehen.

Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und all die Träume zu verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt haben, wenn er in Journalen und in illustrierten Werken daheim solch ein anmutig-schönes Mädchenhaupt mit nachdenklichen Blicken betrachtete.

Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entzückend geformt das Näschen und der stolze, schwellendrote Mund, wie kraus die lichtbraunen Löckchen, welche unter der zurückgeschlagenen Krämpe des federumwallten Hutes hervorquellen, übersät von Schneesternchen, welche zu schmelzen beginnen und in blinkenden Tropfen über der Stirn zittern, wie bei einer Nixe, welche der Flut entsteigt!

Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporglänzen in langem, forschendem Blick, Augen, so hell, so groß, so flimmernd in einer undefinierbaren Farbe, als habe sich blau-grünes Seewasser unter den dunklen Wimpern zum Stern geformt!

Ja, so müssen wahrlich die Nixen aussehen, welche die weißen Arme nach den jungen Fischern heben, welche es ihnen antun mit dem wundersam schillernden Blick, daß sie sich ihnen nachstürzen in die geheimnisvolle Tiefe, auf Leben und Sterben.

Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder Einsamkeit aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau, die Sagen von den Nixen und Wasserfeien hatten schon seine Wiege umklungen und durch sein Leben fortgetönt in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut wie alles, was teilhatte an dem großen, wogenden Weltmeer, dem leuchtenden Ring, welcher seine Heimat umschloß.

Wenn er auf stiller, sonnenbeglänzter Flut in seinem Boot lag, dann stieg plötzlich ein reizendes Mädchenhaupt aus dem Wasser, so, wie er es in poetischer Schönheit in seinen Büchern daheim geschaut, das trug den Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und Bernstein auf der weißen Brust, — die Wassertropfen rieselten ihm funkelnd über die Stirn, und die Augen, die großen, hellen, farblosen Augen, die schimmerten wie durchsichtiger Kristall! —

So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche er soeben schaut!

Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn, den erst so kraftvoll Unerschrockenen, wieder linkisch und befangen.

Er reißt abermals den eleganten, spiegelblanken Filz von dem lockigen Haar und stottert ein paar unverständliche Worte, — aber sein Blick hängt wie gebannt an ihrem Antlitz, so naiv und ehrlich in seinem staunenden Entzücken, daß die junge Dame sich lächelnd abwendet und neben die Pferde tritt, welche mit Hilfe von untergeworfenen Decken wieder auf die Füße gebracht sind.

Auch der Kutscher ist herbeigehinkt, klopft den Schnee von seinem Mantel und untersucht das Geschirr.

»Na, das hat man alles noch gut gegangen, gnädiges Fräulein! Nicht mal ein Strang oder Riemen ist gerissen, und die Pferde sind auch mit dem Schreck davongekommen! Steigen Sie man ruhig wieder ein, es ist doch noch eine ganze Strecke bis nach Haus!«

Guntram Krafft ist zur Seite getreten, er merkt es erst an dem erstaunten Blick eines Dienstmannes, daß er den Hut noch immer in der Hand hält.

Hastig setzt er ihn auf, — seltsam, daß er das ganz vergessen hatte, daß er in dem eisigen Wind nicht fror! —

Sein Blick hängt noch immer wie gebannt an der schlanken, schmiegsamen Gestalt der jungen Dame, welche den gelbflockigen Pelz wieder um die Schultern wirft. Wie weicher Flaum umschmeichelt er ihr rosiges Gesicht. — Sie wendet sich dem Schlitten zu, um einzusteigen, und abermals tritt der junge Graf herzu, ihr beinahe schüchtern die Hand zu bieten, um ihr behilflich zu sein.

Wieder trifft ihn ihr Blick, — sie lächelt.

Aus Höflichkeit, gleichsam, um für seine Hilfe dankend zu quittieren, legt sie für eine Sekunde die zierliche Hand in die seine und schwingt sich voll sicherer Grazie in den Schlitten.

Sein Antlitz strahlt, sein Blick taucht in den ihren, er sieht sie an wie ein Kind, welches voll ehrlicher Unschuld sagt: »Wie bist du so schön! wie gefällst du mir so gut!«

Und die junge Dame, welche so viel Welt- und Menschenkenntnis besitzt, liest das auch sehr klar und deutlich von seinem hübschen Gesicht. Sie sieht ein wenig erstaunt aus, sie mustert seine elegante, hochmoderne Erscheinung, welche so gar nicht zu dem naiven Wesen des blonden Riesen paßt, sie lächelt abermals freundlich und anmutig, neigt das Köpfchen dankend und wendet sich zu dem Dienstmann, welcher hilfsbereit einen kleinen Reisekoffer und eine Plaidrolle, welche in den Schnee gefallen, in den Schlitten zurücklegt. —

»Ich habe kein Geld bei mir, — kommen Sie und holen Sie sich nachher bei Papa ein Trinkgeld!« sagt sie freundlich.

»O bitte, gnädiges Fräulein, — hat nichts auf sich! Ist man gut, daß alles so abgegangen ist!«

Und dann ein Zungenschnalzen des Kutschers, die Pferde bäumen ein wenig aufgeregt, ziehen an und sausen mit dem Schlitten davon.

Die Leute, welche sich angesammelt haben, stehen noch einen Augenblick und schauen dem schellenklingenden Spuk nach, dann zerstreuen sie sich schnell — und auch der Graf von Hohen-Esp schreitet mechanisch weiter.

Sein Blick folgt dem Schlitten, sein Antlitz leuchtet wie verklärt.

Er möchte die Augen schließen, um nur noch ihr Lächeln zu sehen!

Er hat keinen andern Gedanken fürerst wie nur das Lächeln — diesen sanften, weichen Druck ihrer kleinen Hand.

Ihm ist, als wehe noch der feine, diskrete Veilchenduft, den ihre Gestalt ausströmte, als er sie im Arm hielt, zu ihm auf.

Veilchen! Veilchen im Winter!

Trug sie deren am Kleide? Er sah sie nicht. Vielleicht war es auch nur solch ein herrliches, duftendes Wasser, welches Anton ihm auf den Toilettentisch gestellt.

Der Einsiedler von Hohen-Esp kannte keine eleganten Parfüms, diese waren unerlaubter Luxus in der Bärenhöhle gewesen, seit Gräfin Gundula jeden Heller sparte, um Goldstücke zu erwerben.

Anfänglich hatte Guntram Krafft »das Zeug« verächtlich zurückgewiesen.

Es deuchte ihm zu weichlich für einen Mann, wenn er sich mit dem Duft einer Blume schmücken wollte; — aber für eine Dame ... ja, das ist etwas anderes!

Wie hatte er es an seiner Tante, — an seiner Bonne geliebt, wenn sie im Frühling Veilchen und im Sommer eine Rose an der Brust trugen! Seine Mutter stellte die Blumen nur in ihr Zimmer, denn sie duldete keine Farbe an ihrer düsteren Witwentracht, aber selbst in dem stillen, freudlosen Gemach der Gräfin hatte ihn der Blumenduft angeheimelt und erfreut.

Und nun zog es wie eine süße, zauberhaft süße Woge um das reizendste junge Weib, welches er je mit Augen geschaut, um eine menschgewordene Melusine, welche ihm aus dem fernen Weltmeer hierher gefolgt ist, damit er nicht allein sei in der großen, unverstandenen Welt. —

Erst viel später kam ihm der Gedanke: »Wer mag sie gewesen sein?«

Der Dienstmann schien sie zu kennen, es war töricht, daß er ihn nicht nachträglich um den Namen der Unbekannten befragt hatte! Er ist noch gar zu ungewandt in solchen Sachen, und er würde gewiß sehr verlegen geworden sein, sich als derart neugierig zu zeigen.

Ob er sie wohl einmal wiedersieht?

Gewiß! —

Warum hätte sie sonst seinen Weg gekreuzt? Die Residenz ist ja nicht allzu groß, man begegnet sich wohl auf den Hofbällen, bei Gesellschaften oder in dem Theater, welches der Graf gestern besuchte, ohne daß die Oper einen besonderen Eindruck auf ihn machte. Er wird aber doch noch einmal hingehen, in der Hoffnung, seine reizende Nixe wiederzusehen.

Sie war sein einziger Gedanke während des ganzen Tages, und sie folgte ihm auch bis in den Traum hinein.

Daheim träumte der Bär von Hohen-Esp fast nie.

Die schwere körperliche Arbeit, die kräftige Seeluft schaffen eine gesunde Müdigkeit, einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Hier kämpft er nicht mit Sturm und Wetter, hier schafft er nicht voll eisernen Fleißes in Wald und Feld, — hier schaut er nur wirre, bunte, flüchtige Bilder, hier führt er nur in trägem Nichtstun ein Schlaraffenleben, hier blickt er nur — wie der verzauberte Fischer im Märchen — in wasserklare, flimmernde Rätsel.

Und als er schläft, rauschen die weißschaumigen Wogen um ihn her, und sie ... sie, die lieblichste aller Meerfeien, steigt empor aus der Tiefe und schüttelt lächelnd die blinkenden Tropfen von der Stirn.

Dann hebt sie die Arme und lockt und winkt ihm, und als er regungslos, wie verzaubert steht und sie anstarrt, da greift sie in das Wasser und hebt eine köstliche Perlenschnur, die glänzt wie der weiße Wellenschaum, und ihre Augen sind so klar und hell und tief wie die grünschillernde See, auf welche man auch hinabblickt, ohne den Grund zu schauen. Sein Herz erzittert in heißem, sehnendem Verlangen, — er neigt sich voll Leidenschaft und greift nach den Perlen, aber seine Blicke versinken in den grundlosen Nixenaugen. — — —

»Töv min Söhn«, hört er plötzlich eine rauhe Stimme hinter sich, — eine schwielige Hand packt seinen Arm und reißt ihn zurück.

»Dat lat man sin, min Jong,« sagt der alte Krischan Klaaden, »Perlens bedüten all Tränen!«

Da erwacht Guntram Krafft, reißt halb zornig, halb erschrocken die Augen auf und starrt in das fremde Hotelzimmer, durch dessen Fenster ein halbes Frühdämmern bricht, und er atmet tief auf und denkt: »Wie seltsam! Ich habe geträumt, wie ich es ehemals als Kind getan! Das kommt von dem müßigen Leben und dem närrischen Zeug, welches man hier zu sehen bekommt!« —

Es schlägt sieben Uhr, eine Stunde, welche in Hohen-Esp den jungen Gebieter noch nie in den Federn angetroffen, — warum soll er aber schon hier aufstehen? —

Der Tag ist ohnedies so lang, wenn man nichts zu tun hat.

Der Graf verschlingt die Hände unter dem Haupt und schließt die Augen, — er will weiterträumen von der wunderlieblichen Meerfrau, welche ihn mit dem Lächeln und den Augen der fremden Dame angeschaut.

— — An dem darauffolgenden Tage geht er noch mehr denn sonst spazieren.

Es ist rauhe Schneeluft, und die verwöhnten Leute der Residenz sitzen hinter dem Ofen und ahnen gar nicht, wie anders der Nord-Nordost über die See heult, wie er seine Eiskörner gegen die Burgfenster von Hohen-Esp jagt und dem jungen Bären zuruft: »Komm heraus aus deiner Höhle und wage ein lustig Tänzlein mit mir!«

In dicke Pelze gehüllt, schreiten hier in den geschützten Straßen die Herren so eilig aus, als fürchteten sie, in Eiszapfen verwandelt zu werden, und Damen sieht man fast gar nicht, selbst auf dem See im Park, wo der Graf während längerer Zeit Schlittschuh gelaufen, zeigte sich kaum eine der graziösen Gestalten in flottem Eiskostüm.

Guntram Krafft schaut so aufmerksam ringsum, er wandert ruhelos einher und sucht jemand, ohne es sich selber einzugestehen, und wenn ein Schlitten klingelt, so bleibt er unwillkürlich stehen und schärft den Blick.

Seine Visiten wird er am morgenden Tage fahren, und Anton versichert, daß durch die alsdann erfolgenden Einladungen reiche Abwechslung in dieses langweilige Leben kommen werde.

Bisher hat sich der Bär von Hohen-Esp vor diesen Einladungen gegrault, wie vor einer schweren unangenehmen Pflicht, welche er erfüllen muß, weil sie von ihm gefordert wird; jetzt plötzlich denkt er mit mehr Interesse daran, ja, er sieht in ihnen die einzige Möglichkeit, jener entzückenden Fremden noch einmal begegnen zu können.

An der Straßenecke hängt in dem vergitterten Kasten der Theaterzettel aus.

Zwar hat sich der Graf nach »Aïda« vorgenommen, nicht wieder dieser für ihn so unverständlichen Kunst zu huldigen, jetzt aber bleibt er plötzlich stehen und blickt nach dem weißen Papier hinüber.

»Der fliegende Holländer!« liest er, und mit wenigen Schotten überschreitet er den schneeverwehten Damm und studiert überrascht das Personenverzeichnis.

Der fliegende Holländer!

Wie oft hat er nicht an einsamen langen Winterabenden drunten im Dorf in »der blauen Woge« mit den Fischern zusammengesessen, wenn irgendeiner seiner Jugendgespielen oder ein Anverwandter der Dörfler nach langen Seefahrten heimkehrte und nun bei dampfendem Pfeifchen und einem Glase Grog sein »Garn spann!«

Ja, da wurde von manch verwegenen Abenteuern erzählt, von manch tollkühner Fahrt durch Wetter und Sturm, wenn die Segel verloren und der Mast gebrochen war, — und die Erlebnisse der Jungen machten die Alten beredt, so daß sie mit geheimnisvollem Augenzwinkern vom Klabautermann und dem »fliegenden Dutschman« berichteten!

Und nun sollte jener grausige und doch so poesievolle Spuk, welcher schon sein Kinderherz höher schlagen und seine Augen so oft in Nebel und jagendes Gewölk spähen ließ — hier auf der Bühne lebendig werden?

Er sollte von seinem sicheren Logenplatz aus im gemalten Wogenschwall wohl ein Schiff von Pappe und Leinewand schauen, und den bleichen Mann vom Tatenschiff bei elektrischem Licht an sich vorüberziehen sehen? —

Guntram Krafft lachte leise auf, und seine Augen blitzen.

Nein, beim »fliegenden Holländer« darf er nicht fehlen!

Es wird zwar ein armseliges Possenspiel sein für einen Mann, welcher so oft in Todesnot auf rollenden Seen die Segel gesetzt hat und hocherhobenen Hauptes auf den unheimlichen Gesellen wartete, dessen Anblick das sichere Verderben bedeutet! Aber gleichviel!

Er sehnt sich nach Wogen und Wind, er sehnt sich nach seinem heimatlichen Meer, in dessen Tiefe Perlen glänzen, und aus dessen kühler Flut die Nixen steigen, ihn mit kristallenen Augen anzulächeln, so wie sie ... jene Fremde ... die ihm doch bisher das einzig Traute und Bekannte hier in der Fremde deuchte!

Und der Graf von Hohen-Esp schreitet gedankenvoll weiter durch die menschenleeren Straßen, nach dem Theater, um sich einen Platz zu sichern.

Der Wind fegt den Schnee von den Dächern, und ein rostiger Torflügel kreischt in den Angeln, das klingt wie Möwenschrei vom fernen Strand ... und Krischan Klaaden steht wieder neben ihm und legt warnend die Hand auf seinen Arm.