VIII.

Schon geraume Zeit vor Beginn der Vorstellung hatte sich Graf Hohen-Esp in dem Theater eingefunden.

Er war der erste Gast im Haus, fast allein in der Loge, und betrachtete voll nachdenklichen Interesses das Gemälde des Vorhangs, die geschmackvolle Pracht des Goldstucks ringsum. Als Anton ihm zum erstenmal ein Billett in die Fremdenloge besorgt hatte, war der so sparsam gewöhnte Einsiedler entsetzt über den hohen Preis und fragte: »ob denn nicht noch billigere Plätze vorhanden seien?«

Anton aber schüttelte ebenso respektvoll wie energisch den grauen Kopf und antwortete: »Nein, Herr Graf! Es ist Befehl der gnädigsten Frau Gräfin daheim, daß Euer Gnaden hier in allen Dingen standesgemäß auftreten. Wir haben es ja jetzt wieder dazu, an Geld ist kein Mangel mehr, seit die Güter in dero Besitz sind, und wenn in der Burg so sparsam gewirtschaftet wird, so ist das um des Prinzips willen, — wenn es gilt, den Namen zu repräsentieren, soll es mit dem altgewohnten Glanz geschehen, — so haben es die Frau Gräfin-Mutter bestimmt.«

Guntram Krafft war es seit Kindesbeinen gewöhnt, einen Befehl der Mutter blindlings zu erfüllen, und so saß er auch jetzt wieder in der Loge, und wenn er diesen Platz auch noch viel zu prunkvoll für seine schlichten Ansprüche fand, so freute er sich doch, daß er ihm ein so unauffälliges Ausschauen nach allen Seiten gestattete.

Sobald eine Tür klappte, richtete sich sein Blick wie in ungeduldigem Forschen den neu Eintretenden zu, und so viel anmutige junge Mädchen und selbstbewußte schöne Frauen auch erschienen, Guntram Krafft sah jedesmal enttäuscht aus. —

Mehr und mehr Menschen drängten sich nach ihren Plätzen, immer bunter, immer farbenprächtiger ward das Bild ringsum, — auch die Loge füllte sich mit Gästen.

Ein paar höhere Offiziere mit ihren Damen nahmen neben dem Grafen Platz, die Erscheinung des fremden Herrn mit schnellen Blicken musternd und alsdann hinter dem Fächer in unauffälliger Weise nur das eine Wort flüsternd: »Der Parzival!«

Ein Lächeln, Raunen, Flüstern — —

Ja, der moderne Parzival, welchen die besorgte Mutter so ängstlich gehütet, welchen sie in tiefer Waldeinsamkeit erzog und nun doch hinaus in die gehaßte Welt schicken muß, weil das Herz des jungen Recken voll glühender, tatendurstiger Ungeduld nach Aventure verlangt.

Die ganze Residenz wußte es bereits, daß der Graf von Hohen-Esp im Hotel Quartier genommen und gekommen war, die Feste der Saison zu besuchen, um sich eine Burgherrin für die ferne Bärenhöhle zu erwählen.

Voll lebhaften Interesses sahen Mütter und Töchter der guten Partie entgegen, und manch neugierig forschender, oder zärtlich lächelnder Blick streifte den jungen Mann, wenn er seine Spaziergänge durch die Straßen machte und sich so völlig fremd und unbekannt in der Stadt wähnte.

Auch jetzt waren fast alle Blicke auf den Bären von Hohen-Esp gerichtet, welcher ahnungslos über die Menge hinwegblickte und nur eine einzige unter allen suchte.

Er bemerkte es auch nicht, wie eine junge Dame in der Nebenloge, welche sich lebhaft mit den Insassen seiner Loge begrüßt hatte, die Blicke immer wieder auf ihn heftete und sichtlich bemüht war, seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Wie schwer aber war das bei einem derart naiven und harmlosen Menschen wie diesem modernen Parzival!

Er hörte mit halbem Ohr der Begrüßung und Unterhaltung zu, vernahm, daß der eine der Offiziere sie »gnädigste Komtesse« — eine der Damen als »liebste Thea« anredeten, daß man über einen Ball bei dem Kammerherrn von Stach sprach und fragte, warum eigentlich Fräulein von Sprendlingen nicht zugegen gewesen sei ...

Dann aber setzte die Musik ein, und ihre wundervolle Eigenart interessierte den Grafen mehr, wie das verstummende Geplauder neben ihm.

Soeben wollte sich seiner eine gewisse Mißstimmung über die Enttäuschung, welche er erfahren, bemächtigen, aber der eigenartige Seemannsruf, das so faszinierende: »Ho — Hoho johe!« — riß ihn empor aus seinen Gedanken, atemlos hinabzulauschen, wo aus Flöten und Geigen schier spukhaft der ganze Zauber des Seemannslebens emporrauschte.

Und als sich der Vorhang hob — da erhob sich ganz unwillkürlich auch Guntram Krafft und schaute starren Blickes, tief aufatmend, voll unendlichen Staunens auf das mächtig wogende Meer, auf welchem das Schiff des fliegenden Holländers heranfliegt!

Und nun er selber, der verwünschte, ruhelose Mann, just so, wie sein altes, verräuchertes Bild in der »blauen Woge« daheim hängt, so bleich, wie Krischan Klaaden ihn deutlich gesehen hat, als er in wilder Sturmnacht am Kap Horn an ihnen vorüberraste!

»Blutrot die Segel — schwarz der Mast! —« Und alle Segel vollgesetzt, so wie das bei einem Schiff aus Holz und Eisen unmöglich gewesen, kein Licht an Bord — keine Mannschaft auf Deck — kein Pfeifen und Schrillen um Rahen und Wanten — still und geisterhaft wie ein Schatten flog's vorbei, — Elmsfeuer blitzen, und nur auf dem Vorderschiff eine düstere Gestalt mit schneeweißem Gesicht ... so ... just so, wie sie jetzt drunten auf der Bühne steht!

Ho — hoho johe! —

Ist dies wahrlich nur eine Komödie?

Ihm ist's, als wehe die kalte, scharfe Seeluft in die Loge empor, — ihm ist's, als woge das Meer vor seinen Blicken ... ihm ist's, als stehe er selber am Strand und schaue aus nach jenem Schiff, von welchem die sehnsüchtigen Klänge über die Wasser ziehn ... »Blas lieber Südwind!...«

Guntram Krafft richtet sich höher auf, wie wildes Heimweh überkommt es ihn, voll sehnsüchtigen Entzückens leuchten seine Augen! — Er möchte die nervigen Arme recken und dehnen, möchte aus rauher Seemannskehle den Fremden auf der Bühne zujauchzen: »Ho ho johe! ich hol' euch über!! —«

Vergessen hat er, wo er ist, er weiß es nicht, daß ein Lichtstrahl aus den Kulissen hervor just sein weit vorgeneigtes, begeistertes Antlitz trifft, er ahnt es nicht, wie schön ihn die Erregung macht, wie auffällig er sich in diesem Augenblick benimmt.

Er weiß es auch nicht, daß zwei Mädchenaugen in langem Schauen auf ihm haften, daß es in ihnen aufleuchtet wie geheime Leidenschaft und brennendes Interesse, — seine Nachbarin, Komtesse Thea, welche keinen Blick von ihm wendet.

In die gegenüberliegende Loge sind leise zwei Damen getreten und haben unbemerkt Platz genommen.

Die Jüngere ist es, die mit langem Blick den Grafen von Hohen-Esp mustert und ihrer Nachbarin zuflüstert: »Sieh, Mama, da drüben steht der fremde Herr, welcher mich gestern unter dem Schlitten hervorgeholt hat!«

Frau von Sprendlingen, die noch immer auffallend schöne und elegante Frau des seit etlichen Jahren pensionierten Generals, hob die Lorgnette.

»Ah! Das interessiert mich! Eine auffallend schöne und stattliche Erscheinung! Er scheint ja überaus begeistert von der Aufführung — sogar von diesem ersten langweiligen Akt! — Sonst bekommen die Herren in der Regel erst Augen und Ohren, wenn die Senta erscheint! — Sieh nur diesen Ausdruck in dem Gesicht deines Retters! Nächstens fällt er auf die Bühne herunter! Seine Augen leuchten ja förmlich! Wer mag es sein, hörtest du es nicht, Gabriele?«

Die junge Dame zuckte die Achseln. »Nie sollst du mich befragen ...«

»Je nun, man wird es erfahren!«

»Wenn er in der Residenz bleibt, sicher!«

»Er scheint gut situiert, sein Anzug ist tadellos —«

»Aber nicht schick!« —

»Das liegt nur an der ganzen Art und Weise! Seltsam, der blonde Riese scheint etwas derb in seinen Bewegungen —«

»Ein echter Krautjunker! Du glaubst nicht, wie verlegen er gestern wurde, als er mir geholfen! Kein Schuljunge errötet mehr so intensiv wie er!«

»Das ist kein Fehler!«

»Aber auch kein Vorzug!«

»Männertugend ist stets ein Vorzug, und zwar ein recht seltener!«

»Geschmackssache! Es ist leider eine unumstößliche Tatsache, daß die amüsantesten und nettsten Herren meist diejenigen sind, welche schon mit einem Fuße in Amerika stehen!«

»Amüsant mögen sie sein, — aber nicht heiratsfähig!«

»Was liegt daran?«

»Sehr viel, wenn man nicht eine alte Jungfer werden will!«

Gabriele zuckte mit stolzem Lächeln die schönen Schultern. »Als ob man nur heiratete, um versorgt zu sein und unter die Haube zu kommen! Arme Mädchen sind wohl darauf angewiesen! — Gott sei Dank, daß ich in der Lage bin, frei nach Herz und Geschmack einen ... einen recht amüsanten Mann zu wählen!«

Frau von Sprendlingen atmete etwas beklommen auf und zupfte nervös an den echten Spitzen ihres Kleides.

»Welch eine Torheit! Gerade du, die so sehr verwöhnt ist und so ungeheure Ansprüche an das Leben stellt, mußt eine sehr brillante Partie machen. Du machst dir total falsche Vorstellungen von unserm Vermögen ...«

»O nein! Daß ich keine Millionärin bin, weiß ich, aber daß ich genug habe, um auch einen armen Mann heiraten zu können, davon bin ich überzeugt!«

»Und wenn du dich irrst?«

»Dann bleibe ich lieber frei und unabhängig, ehe ich einen Mann freie, der mir nicht sympathisch ist!«

»Ist dir jener Fremde drüben sympathisch?«

Gabriele lehnte das Köpfchen gelangweilt zurück. »Vorläufig ist er mir unendlich gleichgültig! Zwar sieht der ›blonde Riese‹, wie du ihn zu nennen beliebst, aus, als könne und müsse er ganz Hervorragendes leisten, und du weißt, daß ich die Menschen nur nach Verdienst schätze!«

»Ah ... die ideale Marotte! Die deutsche Maid, welche sich nur für Helden begeistern kann! Schade, daß es deren heutzutage zu wenig gibt!«

»Es gibt deren!«

»Etwa Herr von Heidler?«

»Wenn einer — dann er!«

»Welche Illusionen!!« Frau von Sprendlingen lachte etwas nervös: »Ich hörte bisher nur, daß er recht flott und leichtsinnig sei!«

»Und daß er der beste, kühnste und unerschrockenste Reiter, der tüchtigste Offizier im ganzen Regiment ist, hörtest du noch nicht, Mama?«

»Das wohl auch, aber um mir zu imponieren, ist es noch nicht genug!«

»Also bist du es, die so hohe Anforderungen an das moderne Heldentum stellt!« Gabriele hielt den Fächer ein wenig tiefer, und ihr Blick flog zu der ersten Reihe des Parketts hinab, in welcher die jungen Offiziere der Garnison mit Vorliebe ihre Plätze wählten.

»Mir genügt es vollkommen, wenn ein junger Mann seinen guten Willen beweist, sein Bestes für Fürst und Vaterland zu geben. Ich bin eine begeisterte Patriotin, ich taxiere den Mann nur nach dem, was er für Reich und Volk leistet, — das bestimmt seinen Wert!«

»Aber was leistet Heidler?« zuckte Frau von Sprendlingen ein wenig ironisch die Achseln.

»Fürerst genug, indem er Soldat ist, sich durch seine Bravour auszeichnet und andern ein gutes Beispiel gibt! Daß er eine vorzügliche Karriere macht, es zu den höchsten Ehren bringt, ist selbstredend. Sollte aber ein Krieg kommen, hat er jederzeit Gelegenheit, seinem Kaiser mit Leib und Seele, Gut und Blut zu dienen!«

Und gleichsam, als ahne der junge Offizier die ehrenvolle Konduite, welche ihm der schöne Mund droben ausstellte, wandte Herr von Heidler, der elegante Dragoner, das Haupt und blickte mit einem mehr kühnen und siegesgewissen, wie verbindlichen Lächeln zu der Loge empor.

Gabriele errötete ein klein wenig und nickte ihm wie einem guten Bekannten zu, war es doch stadtbekannt, daß Herr von Heidler ihr eifriger Courmacher war, welcher schon während der beiden letzten Winter die Schleppe der jungen Dame durch den Goldstaub der Saison getragen. Der junge Dragoner war eine auffallende Erscheinung, nicht hübsch und — wie viele behaupteten — auch nicht sehr sympathisch, aber auf jeden Fall recht interessant.

Schick und vornehm, sportlich trainiert bis zur Magerkeit, mit einem sehr schmalen, scharf geschnittenen Gesicht, glatt rasiert bis auf den englischen kleinen Bart an den Wangen, dazu zwei sehr tiefliegende, scharfe, lebhaft blitzende Augen und einen Mund, dessen geneigte Winkel ihm etwas Arrogantes gaben — das war Herr von Heidler.

Das krause, aschblonde Haar war nicht kurz geschnitten, sondern lockte sich in zwei kleinen Tollen über der Stirn, und das Monokel schaukelte sich meist nur auf der Brust, ohne benutzt zu werden.

Die Damen schwärmten für den außerordentlich amüsanten Spötter, welcher rücksichtslos die Cour machte, seinen scharfen Witz auf Kosten anderer spielen ließ und durch Wort und Blick zu faszinieren verstand, — die kleinen Skandalgeschichten, welche man sich über seinen Leichtsinn und sein Glück bei den Frauen erzählte, verliehen ihm seltsamerweise in den Augen der Großstädterinnen noch einen Reiz mehr!

Die Herren urteilten weniger günstig über ihn, nannten ihn einen frivolen und kaltherzigen Egoisten und bewunderten höchstens den außerordentlichen Schneid und die beinahe brutale Kühnheit, mit welcher er sich auf der Rennbahn und dem Exerzierplatz einen Namen gemacht hatte.

Die Unterhaltung der beiden Damen in der Loge war sehr leise geführt worden, — sie waren ungeniert, da sie sich allein befanden, auch übertönte die Musik das Flüstern hinter dem Fächer.

Mutter und Tochter kannten den fliegenden Holländer zur Genüge, betrachteten die Oper nur als angenehme Zerstreuung und wären heute abend überhaupt nicht hier erschienen, wenn nicht die Hofdame der Prinzeß Amalie am Nachmittag vorgefahren wäre, mit der Nachricht, daß Hoheit Fräulein Gabriele heute abend gern in der Teepause im Opernhause sprechen möchte, um direkte Nachrichten von dem X'er Hofe zu erhalten. Man wisse, daß Fräulein von Sprendlingen bei der Hofmarschallin daselbst zu Gast gewesen und gestern zurückgekehrt sei.

Der erste Akt war vorüber, langsam sank der Vorhang nieder, und die Klänge der Musik verhallten.

Guntram Krafft stand noch so völlig unter dem Eindruck des Gehörten, daß er regungslos verharrte und zur Bühne hinabstarrte, als könne sein scharfes Auge die neidische Hülle durchdringen.

Erst der tosende Beifall des Hauses ließ ihn betroffen aufschauen, und als er das Haupt wandte und sein Blick mechanisch die gegenüberliegende Loge streifte, zuckte er plötzlich zusammen, und auf sein erst so frei und edel blickendes Antlitz trat wieder der Zug beinahe scheuen Entzückens, mit welchem er schon einmal in die Augen seiner Unbekannten gestarrt!

War es Spuk und Zauber?

Da glänzten ihm plötzlich die klaren Nixenaugen wieder entgegen, da schimmerte das lockige Haar unverhüllt über der Stirn, und weiße, flaumige Spitzen rieselten wie Wasserschaum um den schlanken Hals.

Der Graf hatte das Empfinden, als müsse er mit jubelnder Bewegung zu ihr hinübergrüßen, aber er wagt es nicht, er sieht aus wie aus Stein gemeißelt, und nur sein ehrliches Kinderauge spiegelt all sein Entzücken über dies unverhoffte Wiedersehen.

Die ältere Dame hebt die Lorgnette und sieht ungeniert zu ihm herüber, und um die Lippen seiner Meerfei spielt ein schnelles Lächeln.

Sie sieht ihn an, groß und gelassen, und dann schaut sie an ihm vorüber und nickt Komtesse Thea an seiner Seite zu, — die Offiziere in der Loge und deren Damen tauschen ebenfalls Grüße herüber und hinüber, und einer der Herren sagt laut und lebhaft: »Ah scharmant! Da ist ja Fräulein von Sprendlingen wieder zur Stelle! Es ging auch wahrlich nicht länger ohne sie, man ist so sehr an ihre reizende Erscheinung gewöhnt, daß der Ballsaal nicht komplett schien, wenn sie fehlte!«

»War Ihre Freundin Gabriele verreist, Komtesse?«

»Ja, Exzellenz! Sie war fahnenflüchtig! Hat ihre Tante Grüdner, die Hofmarschallin am Hofe zu X., anläßlich deren Silberhochzeit besucht!«

»Sie kann noch nicht lange zurückgekehrt sein?«

»Seit gestern mittag, gnädigste Frau! Hatte sogar noch ein Eisenbahnunglück hier in der Parkstraße zu überstehen —«

»Eisenbahnunglück? Parkstraße? bless me! Sie sprechen in Rätseln, bester Baron!!«

»Na, einigen wir uns auf ein Schlittenunglück, Exzellenz! Der ›Schwan‹ kippte um, und Schön-Gabrielchen lag weich und warm ...«

»Im Schnee?!«

»O nein, an der Brust eines kühnen Retters, glaube, der alte Dienstmann Saul stürzte sich ihr nach auf Leben und Sterben!«

»Pfui, wie unpoetisch! Glücklicherweise scheint alles sehr gut abgelaufen?«

»Tadellos!«

»Wer weiß, ob nicht ihr Herzchen einen Knax davongetragen hat! Wenn der alte Saul sie im Arme hielt ...!!«

»Ungefährlich, Exzellenz! Da es noch früh am Tage war, hatten seine Augen noch nicht den unheilvollen denaturierten Spiritusglanz!« —

»Welch ein Glück!« —

»Aha — der Kammerherr erscheint drüben an ihrer Seite ... sie erhebt sich ...«

»Man hat sie wohl zu den hohen Herrschaften in das Teezimmer befohlen?« —

»Allright, — sie geht!«

»Wie schade, — es war ein so schöner point de vue für uns!« —

»Ein Glück für Ihr Herz, Baron! Bedenken Sie, daß die Kleine in festen Händen ist!«

»Hört, hört!« —

»Festen Händen?«

»Nun ja! Der alte Saul?!« —

Leises, übermütiges Lachen ringsum, nur Graf Hohen-Esp steht schwer atmend und lächelt nicht einmal.

Er hat Wort für Wort von der Unterhaltung gehört, obwohl er keinen Blick von dem reizenden Mädchenhaupt drüben gewandt.

Fräulein von Sprendlingen, — Gabriele heißt sie! — Nun hat er ihre Spur gefunden, nun weiß er, daß er sie wiedersehen, ihr sicher in den Salons begegnen wird.

Sein Herz schlägt aufgeregt in der Brust, das Blut brennt ihm in den Wangen.

Gabriele!

Wie durch Zauberspuk hat sie es ihm angetan, so wie die Nixen aus der Flut tauchen und den Seemann mit kristallenen Augen anlächeln, dann ist es um ihn geschehen.

Sie hat mit dem Kammerherrn ein paar Worte gewechselt, dieser küßt die schmale Hand der Mutter und bietet der Tochter galant den Arm, sie hinauszuführen.

In das Teezimmer der hohen Herrschaften, richtig, der Hof hat die große Mittelloge, wie fast immer nach den Aktschlüssen, verlassen. Der Bär von Hohen-Esp setzt sich mechanisch wieder nieder, und als er aus seinen tiefen Gedanken emporschaut, weil die Unterhaltung um ihn her wieder laut und lebhaft wird, da sieht er direkt in das blasse, schmale Gesichtchen der Komtesse Thea, deren tiefumschattete dunkle Augen mit dem Ausdruck einer Madonna auf ihn gerichtet sind.

Er erschrickt beinah und hat das Gefühl, als müßte er ein Kompliment vor ihr machen, doch entsinnt er sich noch rechtzeitig, daß er ihr noch gar nicht vorgestellt ist.

»Ich habe Gabriele sehr lieb! Sie ist meine vertrauteste Freundin!« sagte die junge Dame just, — wie es ihm scheint, mit ganz besonderem Nachdruck, und bei Guntram Krafft wecken die Worte: »Ich habe Gabriele sehr lieb!« einen warmen Widerhall im Herzen.

Interessierter wie zuvor blickte er die Sprecherin an. —

»Nun, dann muß man sich also mit Ihnen recht gut stellen, Komtesse Sevarille, wenn man einen Verbündeten sucht, um das Herz der spröden Freundin zu erobern?«

Und abermals nickte die Genannte voll besonderen Nachdrucks und sagt, den Blick auf den Hohen-Esper gerichtet: »Das will ich meinen! Der Weg zu Gabrieles Herzen führt hart an mir vorüber! Wer zu ihr gelangen will, kann und darf mich nicht umgehen!«

Sie scherzt anscheinend, und dennoch haben ihre Worte einen seltsam ernsten Klang in Guntram Kraffts Ohr.

Er blickt sie in seiner naiven Weise an, als habe sie nur zu ihm gesprochen, — hocherfreut und dankbar zugleich.

Die dunklen, sanften Augen haben etwas sehr Vertrauenerweckendes für ihn, es muß herrlich sein, mit diesem anscheinend sehr liebenswürdigen und gütigen Mädchen über Gabriele zu sprechen.

Sagte sie nicht selbst: »Ich habe meine Freundin sehr lieb?«

Je nun, so muß ihr doch das Glück derselben ganz besonders am Herzen liegen!

Die Musik intoniert von neuem, und unruhig schaut der Graf nach seinem reizenden Gegenüber aus, — umsonst, der Platz an der Seite der Frau von Sprendlingen bleibt leer. Jetzt treten die hohen Herrschaften wieder ein, und hinter ihnen — richtig — da erscheint Gabriele und nimmt neben einer der Hofdamen Platz.

Erst nach der nächsten Pause kehrt sie an die Seite der Mutter zurück.

Mit strahlenden Augen begrüßt sie Guntram Krafft — doch seltsam ... sie, die ihm noch vorhin ein so anmutiges Lächeln spendete, blickt jetzt plötzlich über ihn hinweg, als existiere er nicht mehr für sie.

Die großen, hellen Nixenaugen blicken so kalt — so unheimlich kalt, und die feinen Lippen wölben sich so stolz und hochmütig, als habe sie der blonde Fremdling hier drüben nie und nimmer im Arm gehalten.

Was mag ihr plötzlich in den Sinn gekommen sein?

Der Bär von Hohen-Esp ist so in Schauen und Sinnen versunken, daß er für nichts anders mehr Augen und Ohren hat, — er bemerkt es nicht, wie Komtesse Thea keinen Blick von ihm wendet und ihn scharf beobachtet, wie das sanfte Madonnengesicht plötzlich einen sehr scharfen, ironischen Ausdruck bekommt, wie es in den schwärmerischen Augen aufglimmt. Er sieht nur das kühle, stolze Nixengesicht in der Loge drüben — und als die Senta auf der Bühne drunten mit weicher Stimme klagt: »Doch nie ein treues Weib er fand!« da geht es plötzlich wie ein Erschrecken durch das Herz des weltfremden Mannes.

Ein treues Weib! —

Wie oft hat er daheim im Ernst und Scherz aus den rauhen Seemannskehlen gehört:

»Da ist eine Nixe an's Ufer geschwommen,
Die hat sich ein Schiffer zum Liebchen genommen,
Ihr Aug' war wie Wasser, ihr Leib war wie Schnee,
Und falsch und treulos das Weib aus der See —
Hojohe! Hojohe!
Das treulose Weib aus der See!«

Sein Blick schweift wieder hinüber wie in angstvollem Forschen, und ihm ist's, als ob sich im Dämmerlicht des verdunkelten Hauses ihr schneeweißes Antlitz ihm zuwende.

Lächelt sie?

Ja, sie lächelt wie zuvor ... und ihre kleine, weiche Hand liegt wieder mit sanftem Druck in der seinen, er atmet den süßen Veilchenduft, welcher aus ihrem Haar emporweht.

Wie erlöst von bangem Zweifel atmet er auf.

Wie kommt er dazu, sie eine Nixe zu nennen? Nur um der wundersamen, lichtklaren Augen willen? —

Das war eine sonderbare Idee von ihm.

Gott sei gelobt, sie ist eine Erdentochter von Fleisch und Blut, und in ihrer Brust schlägt ein warmes, treues Herz, für den, welcher es zu eigen gewinnen wird!

Warum ist er hier?

Wie der fliegende Holländer, der einsame, weltfremde und verlassene, kam auch er an Land, um ein Weib zu freien, — und so wie jener auf der Bühne drunten eine todgetreue Seele findet, so wird auch er sein zaubrisch Lieb sich heimholen. —

Ho — hohojohe! —

Horch, den Matrosenjubel! Horch, die brausende See und den tosenden Sturm!

Wieder weht es um seine Stirn wie heimatliche Luft, sein Herz wird weit und groß in heißem Sehnen nach dem Meer und all seinem herben Zauber!

Soll er heimkehren zu ihm? —

Lächelnd schließt er die Augen.

Nein! Mit noch zaubervolleren, tausendfachen Banden hält es ihn in der Fremde fest!