IX.

Während Guntram Krafft mit sehnsüchtigem Blick nach dem Logenplatz, welchen Gabriele am Arm des Kammerherrn verlassen, hinüberschaute, war Fräulein von Sprendlingen in das Teezimmer, welches hinter der großen Hofloge lag, eingetreten.

Prinzeß Amalie blickte ihr bereits erwartungsvoll entgegen.

Die hohe Dame, welche schon seit Jahren eines Knieleidens wegen nur mit großer Anstrengung zu gehen vermochte und meist in ihrem kleinen, eleganten und leicht beweglichen Rollstuhl gefahren wurde, nickte dem jungen Mädchen in ihrer herzgewinnenden Weise zu und fesselte sie sogleich an ihre Seite, nachdem Gabriele von den anwesenden Fürstlichkeiten durch ein paar huldvolle Worte der Begrüßung ausgezeichnet war.

Fräulein von Sprendlingen stand, die servierte Tasse Tee in der Hand, neben der Prinzessin und erzählte in ihrer frischen, anmutigen Art von den erlauchten Anverwandten der hohen Frau, welche sie während ihres Besuches bei der Hofmarschallin am Hofe zu X. noch vor wenigen Tagen gesehen und gesprochen hatte.

Da gab es viel zu berichten: von der jungen, liebreizenden Hoheit, welche diesen Winter zum erstenmal tanzt und auf einem Kostümfest im Ministerhotel als »Rautendelein« ganz besonders herzgewinnend aussah; von den jungen Prinzen, welche der Frau Herzogin bereits über den Kopf wachsen, sehr liebenswürdig und begabt sind, auch auf künstlerischem Gebiet, namentlich in der Musik, schon Hervorragendes leisten; von diesen und jenen alten Hofbeamten, welche schon zur Zeit der Prinzeß Amalie ihre Stellung innehatten und der hohen Frau ein ganz besonders treues und verehrungsvolles Andenken bewahren.

Wieviel hat sich aber auch gerade in dem letzten Jahrzehnt verändert!

Manch alte treue Seele ist heimgegangen, manch Glück ist zerschellt, manch Unglück hat sich noch in letzter Stunde gewendet, — die Jungen wachsen heran, und »neues Leben blüht aus den Ruinen!«

Die kurze Pause hatte kaum ausgereicht, all die vielen Erinnerungen neu aufleben zu lassen. Gabriele bleibt auf Wunsch der Frau Prinzessin in der großen Loge.

Und als sich die Herrschaften während der nächsten Pause abermals zurückziehen, wendet sich der Herzog mit einer Ansprache an Fräulein von Sprendlingen und verwickelt sie momentan in eine Unterhaltung.

Als er sich just voll liebenswürdigen Interesses nach dem Unfall erkundigt, welchen sie mit dem Schlitten gehabt, klingt das leise, beinahe übermütige Lachen des Prinzen Karl Emil an ihr Ohr, welcher mit einer der Hofdamen plaudert.

»Ich glaube, Gräfin, wir alle sind gespannt, den ›weisen Toren‹ kennenzulernen!« sagt er gerade mit vernehmlicher Stimme, »denn solch eine Bekanntschaft macht man nicht alle Tage, höchstens in Bayreuth!«

Der Herzog wendet den Kopf: »Von welchem ›weisen Toren‹ sprichst du?«

»Von dem modernen Parzival!« lacht der Prinz, »welcher heute abend dem fliegenden Holländer eine gewaltige Konkurrenz macht und das Publikum mehr interessiert wie der bleiche Kapitän auf der Bühne drunten!«

»So, so! — Der Graf von Hohen-Esp! — Der dürfte freilich die Attraktion der diesjährigen Saison sein! — Und ›Parzival‹ nennt Ihr ihn? — So übel nicht, wenngleich der Hof des Königs Amfortas recht wenig Ähnlichkeit mit dem unsern hat!«

»Parzival kam auch in Klingsors Zauberschloß und sah dort Blumenmädchen, die beinahe so schön waren wie unsere Balldamen!« neckte der Prinz mit einem Seitenblick auf Gabriele.

»Dürfen wir ... oder müssen wir jetzt erröten, Hoheit?« —

»Beides, mein gnädiges Fräulein, es steht Ihnen eins so gut wie das andere!«

»Laßt sehen, ob es den modernen Parzival von Burg ›Hohen-Esp‹ fesselt!« scherzte der Herzog und fuhr, direkt zu Fräulein von Sprendlingen gewandt, fort: »Was sagen Sie dazu, Gnädigste, daß die eifersüchtige Mutter Herzeleide, alias Gräfin Gundula, endlich den so lang versteckten Sohn freigibt?« —

»Ich höre es soeben mit Staunen, königliche Hoheit, daß Graf Hohen-Esp hier in der Residenz anwesend ist!«

»Sogar in nächster Nähe zu schauen! Bemerkten Sie noch nicht in der Loge, Ihnen gegenüber, einen blonden Mann, welcher nicht im mindesten nach einem Hinterwäldler ausschaut?!«

Gabriele blickte den Sprecher mit weit offenen Augen an. —

»Jener Fremde ... jener ist es, königliche Hoheit?«

»Gewiß! Sie erwarteten auch eine ganz andere Erscheinung in dem Einsiedler aus der Bärenhöhle?«

»Findest du wirklich, Vater, daß er so völlig von Europens Kultur beleckt ist?« lachte Prinz Karl Emil mit zwinkerndem Blick: »Der tadellos zugeschnittene Rock und die Krawatte à la fin de siècle machen es nicht allein! Ich finde, der Graf sieht trotz all des Goldschnitts, mit dem man ihn ›neu eingebunden‹ hat, doch aus, wie ein etwas verstaubter Foliant, welchen man aus wurmstichigem Archiv holt!«

Leises Gelächter, die Herzogin und einer der Flügeladjutanten sind herzugetreten und beteiligen sich voll Interesse an dem Gespräch, sie lachen ebenfalls über den drolligen Vergleich des Prinzen, nur der Herzog zuckt etwas ungeduldig die Schultern.

»Motiviere deine Ansicht!« sagt er kurz, »was mutet dich ›verstaubt‹ an der blühenden, reckenhaften Gestalt des jungen Mannes an?«

»Sein Anzug nicht, das haben wir bereits konstatiert!« fährt der Prinz mit lustig blitzenden Augen fort, »ich bin sogar überzeugt, daß Parzival das modernste Parfüm ins Schnupftuch goß, welches jemals Blumenmädchen fabrizierten. Aber ... es ist der Ton, welcher die Musik macht — und die Art und Weise, wie ein Mensch seine Kleider trägt, ist maßgebend für seine Persönlichkeit!«

»Ganz recht, — wie aber trägt Graf Guntram Krafft seinen Rock?«

»Wie ein Mann, der sich höchst fremd und höchst unbehaglich in der neuen Fasson vorkommt!«

»So? Das ist mir noch nicht aufgefallen!«

»Beobachte ihn! Jede seiner Bewegungen ist geniert, ungeschickt, — in Wahrheit ›bärenhaft‹! Man sieht, daß der junge Einsiedler es gewohnt ist, mehr mit Keulen dreinzuschlagen, als wie mit dem Operngucker zu hantieren!« —

»Mich überrascht am meisten der Ausdruck seines Gesichtes!« schaltete die Herzogin ein, »fraglos ist der Graf ein schöner Mann! Seine Züge haben etwas Edles, ich möchte beinahe sagen Heldenhaftes! Aber ihr Ausdruck nimmt ihnen vollständig diesen Charakter!«

»Er ist von all dem Neuen befangen!...«

»Und das wohl auch mit Recht! Seine Augen haben einen schier kindlichen Blick, so naiv wie er schaut kaum noch ein Backfischchen drein! — Was er denkt und fühlt, spiegelt sich auf seinem Antlitz, das beobachtete ich während der Vorstellung. Wenn er bemerkt, daß sich aller Augen aus dem Publikum auf ihn richten, wird er verlegen wie ein schämiges Jüngferchen, — ich möchte darauf wetten, daß er sogar errötet!« —

»Dies alles deucht mir kein Fehler!«

»Gewiß nicht, — aber auch kein Vorzug für einen Mann!« —

»Wir müssen bedenken, wie groß der Umschwung der Verhältnisse für den Ärmsten ist! In tiefster Einsamkeit aufgewachsen, steht er urplötzlich in dem bunten hochflutenden Strom großstädtischen Lebens, — sonst gewöhnt, stets die strenge, energische Mutter zur Seite zu haben, welche alles für ihn bedenkt und leitet ... ist er plötzlich ganz allein auf sich selbst angewiesen und muß sich ohne Kompaß und Steuer durch die Flut völlig fremder Verhältnisse lavieren ...«

»Er steht daheim vollständig unter dem Einfluß der Mutter?«

»Selbstverständlich! Er wird der Gräfin jetzt wohl mit Ausübung aller praktischen Arbeit zur Hand gehen, aber sicherlich Frau Herzeleide ebenso als ›hohe Obrigkeit‹ ansehen, wie Parzival der Ältere, ehe ihn sein Tatendrang hinaus in die Welt führte!«

»Die Verhältnisse sollen ja geradezu glänzende geworden sein! Man sagt, die Gräfin habe sich vollkommen arrangiert und das verlorene Vermögen sozusagen zurückgewonnen!«

»Hut ab! Sie ist eine vortreffliche Frau, welche jedermann die höchste Achtung abnötigt! Was diese Bärin für ihr Junges getan, macht ihr so leicht kein Mann nach!«

»Sie muß eine geradezu geniale Landwirtin, eine geborene Agrarierin sein! Allerdings hat sie auch viel Glück bei der Sache gehabt! Schon der Umstand, daß der alte Wattenburg seinen Sohn verlor und nun nicht mehr viel Interesse am Landbesitz hat! Dem allein verdankt sie es doch, daß sie Walsleben so ›portionsweise‹ zurückkaufen kann!«

»Nächstens geht das Gut wohl wieder völlig in ihren Besitz über! Der alte Inspektor hat mal kürzlich unserem Domänenrat erzählt, die Gräfin hätte es schon vor zwei Jahren kaufen können, die Barsumme läge bereit; aber sie ist so sehr vorsichtig, daß sie sich nie völlig verausgabt, sondern stets mit allen möglichen Eventualitäten rechnet, Mißernten usw., wo es gilt, die Löcher mit Kapital stopfen!«

»Sehr klug und vernünftig gedacht! — Ich bin sehr gespannt, den Sohn kennenzulernen, ob er von den großen Anlagen der Mutter geerbt hat!«

»Vorläufig machen Mutter und Sohn ja zusammen noch eine ›Zehne‹ aus!« zuckte Prinz Karl Emil voll Humor die Achseln.

»Was heißt das?«

»Nun — sie ist die eins — und er ... die Null!« —

Abermals ein leises Gelächter, nur der Herzog klappte mit verräterischem Zucken um die Lippen den Sohn mit dem Handschuh gegen den Arm und schalt: »Unverbesserlicher Spötter! Bei dir und deiner beklagenswerten Mama ist es freilich umgekehrt!«

In den Korridoren ertönte das Klingelzeichen, die hohen Herrschaften traten nach sehr huldvoller Verabschiedung in die Loge zurück, und Gabriele eilte, die Begleitung des Kammerherrn dankend ablehnend, zu Frau von Sprendlingen zurück.

Ihr Atem ging schnell und unruhig, ihr Herz schlug aufgeregt in der Brust.

Sie setzte sich schweigend auf ihren Platz nieder, und ein finsterer, beinahe verächtlicher Blick streifte den Grafen von Hohen-Esp, welcher sich mit aufleuchtenden Augen vorneigte und durchaus kein Hehl von seinem Entzücken machte, sie wiederzusehen. Also das Muttersöhnchen aus der Bärenhöhle war der mutige Retter, welcher mit so gewaltigen Fäusten ihren Schlitten ausgerichtet hatte, daß der Kutscher gar nicht genug davon schwärmen konnte, war der höfliche Mann, welcher sie emporgehoben und mit solch unverhohlener Bewunderung in ihr Antlitz geblickt hatte, daß sie lächeln mußte!

Der Bär von Hohen-Esp! Jener Held, welcher wegen einer kaum beachtenswerten Verletzung am Fuß nicht Soldat ward, welcher sich feige und schlapp hinter der Mutter Schürze verkroch, anstatt voll kühnen Wagemuts hinaus in die Welt zu stürmen, um Gut und Blut zu Kaisers Ehren zu wagen!

Und den nennen sie einen Parzival? Sie möchte schallend auflachen, und beißt doch wie unter physischem Schmerz die Zähne zusammen.

Nein! Parzival war zwar auch ein Kind weltabgeschiedenster Einsamkeit, welches die Mutter gegängelt hatte, solange sein Arm noch schwach und sein Schwert noch kurz war, — als aber dem jungen Löwen das Haus zu eng ward, als er die königliche Kraft in Herz und Faust verspürte, da riß er sich los von dem unwürdigen Gängelband, von Weiberrock und Schürze, sattelte hochgemut sein Roß und zog aus, in seines Königs Landen Frau Aventure die Fehde anzusagen!

Parzival, der weise Tor, ward ein Held, in dessen markiger Hand der Speer, der heilige, leuchtete; was aber ist Graf Guntram Krafft? Wahrlich ein Bär, welcher kampfmutig hervorbricht aus der Höhle, Sieg und Beute zu suchen? —

Nein, wahrlich nicht!

Er sitzt hinter dem Ofen und läßt Weiberhände für sich arbeiten, er erntet nur die Saat, welche die fleißige Mutter für ihn ausgestreut.

Und was tut er für Kaiser und Reich?

Nichts!

Für wen setzt er seine Bärenkräfte ein?

Nur für sich selbst!

Sagt er es sich nicht selbst, daß er als Mann, — als Edelmann heilige Pflichten zu erfüllen hat?

Nein!

In behaglicher Ruhe genießt er sein inhaltloses Leben, läßt das Schwert an der Wand rosten und stellt das Schild der Ahnen in die Rumpelkammer!

Was will er hier?

Sich gar ein Weib suchen, welches sein Schlaraffenleben mit ihm teilt?

Ein verächtliches Zucken um Gabrieles Lippen.

Auch eine solche wird sich wohl für ihn finden; es gibt Mädchen, welche wenig, sehr wenig von einem Mann verlangen, lediglich einen Trauring.

Gehört Gabriele von Sprendlingen zu diesen bescheidenen Seelen?

Nein, und tausendmal nein! In ihrer Brust glüht ein Feuer heiliger Vaterlandsliebe und stolzer Begeisterung, vor dessen Flammenschein selbst die reckenhafte Bärengestalt des reichen Grafen von Hohen-Esp wie ein Schatten kläglich zusammenschrumpft!

Ja, kläglich!

Gabriele ist wie eine Elfengestalt winzig und zierlich neben dem Riesen Guntram Krafft, und doch deucht es ihr, als blicke sie tief auf ihn herab, so tief, daß er gar nicht mehr für sie existiert!

Als die letzten Musikklänge verrauscht sind und der tosende Beifall sich gelegt hat, erhebt sich das junge Mädchen und schreitet hastig dem Ausgang zu; für den Grafen von Hohen-Esp, welcher noch immer zögernd in der Loge steht und zu ihr hinüberschaut, hat sie keinen Blick mehr.

In der großen Halle drunten stehen die jungen Offiziere und plaudern mit den Damen, welche hier das Vorfahren der Wagen erwarten. Auch Leutnant von Heidler ist Gabriele sporenklirrend entgegengetreten, küßt Frau von Sprendlingen die Hand und erkundigt sich nach dem Befinden der Damen.

Er hat Gabriele bereits auf dem Bahnhof begrüßt — daß seine Anwesenheit daselbst ein Zufall gewesen, hat er weder behauptet, noch hat es die junge Dame angenommen; auch jetzt blickt er ihr mit den kühnen, siegesgewissen Augen, wie in selbstverständlicher Vertraulichkeit in das reizende Antlitz und versichert ihr, daß die Residenz schauderhaft öde ohne sie gewesen sei und daß es eine ganze Menge zu erzählen gäbe! Gestern habe er mit etlichen Kameraden eine — soit dit Schnitzeljagd auf Schnee und Glatteis geritten, um die Dauerhaftigkeit der Gäule auszuprobieren, die guten Resultate habe man selbstredend mit etwas Alkohol gefeiert, und zwar sei die Sitzung so ausgedehnt worden, daß er nicht mehr dazu gekommen sei, einen von ihm beabsichtigten Besuch in Villa Monrepos zu machen. Ob er denselben jetzt noch nachholen und eine Tasse Tee bei den Damen trinken dürfe?

Frau von Sprendlingen hat durchaus nichts dagegen, obwohl ihr Lächeln ein wenig kühler scheint, wie sonst; Gabriele aber errötet unter dem zarten Spitzenschleier, welcher ihr Köpfchen verhüllt, und die Nixenaugen blitzen voll Interesse auf.

»Einen Übungsritt à la Heidler?« ruft sie lebhaft, »davon müssen Sie erzählen! Wie geht es Ihrer ›Gudrun‹ — hat sie das Glatteis mit bekannter Verve genommen?« —

»›Gudrun‹ hat brillant durchgehalten, aber Massenbach hat Pech mit seinem ›Slusohr‹ gehabt, — nahm einen Graben ... gegen die Sonne ... war natürlich geblendet und sprang zu kurz ...«

»O weh! Und ›Slusohr‹?« —

»Kocht bereits im Wurstkessel!«

»Pour condoler!« —

»Dem Besitzer des seligen Rosses oder denen, die es verspeisen müssen?!«

Sie lachen und bemerken kaum die hohe Männergestalt, welche dicht neben ihnen an einer Säule steht und keinen Blick von Gabriele verwendet. Nur Frau von Sprendlingen sieht den Erben von Hohen-Esp und zeigt ihm ein ganz besonders freundliches Gesicht.

Der Wagen wird gemeldet, Herr von Heidler bietet der Baronin den Arm, und Gabriele folgt.

Guntram Krafft schreitet so dicht an ihrer Seite, daß der lichtblaue, mit weißem Tibet besetzte Samt ihres Theatermantels ihn streift.

Die junge Dame bemerkte es nicht.

Wieder weht der süße Veilchenduft zu ihm empor und benimmt ihm schier den Atem, — der Einsiedler aus der Bärenhöhle hat nur Augen und Sinn für die schlanke Mädchengestalt neben ihm, — aber das stolze Antlitz wendet sich nicht ein einziges Mal ihm zu.

Er steht und sieht, wie der Dragoneroffizier sie in den Wagen hebt und dann selber einsteigt, — die Pferde ziehen an, und neue Wagen und Rosse drängen vor das Portal.

Wie im Traum schreitet der junge Graf in die kalte Winternacht hinaus.

In seinem Kopf wirbelt es von neuen, wundersamen Eindrücken.

Sein Herz schlägt heiß und ungestüm in seiner Brust; wie eine leidenschaftliche Glückseligkeit, eine jauchzende Lebensfreude kommt es über ihn. Morgen wird er seine Besuche fahren, er wird all die vielen, heiteren, freundlich lachenden Menschen kennenlernen, — auch Gabriele von Sprendlingen, — und dann ist er ihr kein Fremder mehr, er darf sie grüßen, darf mit ihr plaudern ... und sie wird ihn mit den süßen, rätselhaften Augen ebenso anblicken, wie vorhin den Dragoner ...

Noch nie hat sich der weltfremde Mann so frohen Herzens zum Schlafe niedergelegt, wie an diesem Abend, — vor seinen Ohren rauschen die Wogen des Meeres, klingen die Zauberweisen des »Fliegenden Holländers« — Sentas Antlitz trägt Gabrieles Züge, und sie breitet die Arme nach ihm aus und singt leise wie ein Hauch: »Ach, wann wirst du, bleicher Seemann, sie finden? Betet zum Himmel, daß bald ein Weib — die Treue ihm hält!« — Hohojohe! —


Die Villa Monrepos, welche der pensionierte General von Sprendlingen bewohnte, lag in einer jener stillen Vorstadtstraßen, in welchen nur Equipagen und elegante Passanten verkehren, wo kunstvolle Eisengitter die prächtig gepflegten Gärten einhegen und weiße Steinbilder aus Taxus und Lebensbäumen ragen.

Über den verschneiten Gartenweg eilte eine junge Dame in fußfreiem Tuchkostüm, welches die sehr kleinen Juchtenstiefelchen genügend sehen ließ, ein weiches Pelzkäppchen auf dem lose gepufften Haar, und die dicke lange Boa von rötlich-hellem Pelz um den zierlichen Hals geschlungen, zog eilig die Glocke und ging mit kaum merklichem Gruß an dem Portier vorüber, um die teppichbelegte Treppe emporzuhasten.

Sie schien kein seltener Gast bei Fräulein von Sprendlingen zu sein, denn der Diener öffnete sogleich wie ganz selbstverständlich die weißlackierten Flügeltüren und sagte mit kurzer Verbeugung: »Darf ich bitten, in das Musikzimmer, Komtesse, — das gnädige Fräulein spielen soeben!«

»Hm!« sagte Gräfin Thea von Sevarille, den Gruß ebenso unhöflich erwidernd wie zuvor denjenigen des Portiers, staubte die letzten Schneesternchen von dem Muff und schritt durch eine Flucht beinahe übereleganter Salons nach dem kleinen, turmähnlichen Anbau, in welchem Gabriele ihren Flügel aufgestellt hatte.

Fräulein von Sprendlingen klappte die Noten zu und erhob sich.

»Endlich, Thea! Es war mir schon ganz unheimlich, daß du noch nicht hier warst! Während meiner Abwesenheit hat sich doch gewiß mancherlei hier ereignet, was wichtig genug ist, um rapportiert zu werden! Komm mit hinüber, ich finde es heute kalt hier!«

»Dein eisiges Herz kühlt die Temperatur zu schnell ab!« lachte Thea und legte den Arm um die Schultern der Freundin. »Mir ist es recht, warm zu sitzen, ich bin bis zum Eiszapfen gefroren!« —

Sie traten in das lauschige Boudoir, in welchem sie ehemals schon als Backfische so oft beisammen gesessen; Komtesse Sevarille warf die Pelzjacke und Boa ab, zog den weißen Schleier über das spitze, scharfmarkierte Näschen empor und ließ sich wohlig vor dem Kamin in eins der hellseidenen Sesselchen sinken.

»Neuigkeiten!« lachte sie; »wenn du gehst, Liebste, steht die Zeit bei uns still, — und sowie du wieder auf der Bildfläche erscheinst, häufen sich die Ereignisse! Nummer 1! Du bist mit dem Schlitten umgekippt?« —

»En passant, — es war nicht der Rede wert!«

»Es genügte, um dich einem höchst gefährlichen Retter in die Arme zu führen!!«

Thea dachte an den alten Dienstmann, von welchem man im Theater gesprochen, und belachte ihren harmlosen Witz sehr vergnüglich; um so mehr überraschte sie der plötzlich so ganz veränderte Ausdruck in dem schönen Antlitz ihres Gegenübers.

»Ein gefährlicher Retter?« spottete Gabriele, und ihre Augen wurden so groß und durchsichtig, als wollten sie einen Blick bis in ihr tiefstes Herz gestatten. »Wenn mir alle Menschen so ungefährlich wären wie der Bär von Hohen-Esp, so wäre es gut um mich bestellt!«

Schier atemlos starrte Thea sie an. »Der Bär von Hohen-Esp?« wiederholte sie gedehnt.

»Verlangst du, daß ich ihn voll ersterbenden Respekts Herr Graf nenne?!« —

»Der Hohen-Esper rettete dich?«

Gabriele zuckte beinahe ungeduldig die Achseln.

»Mein Gott, du fragst mich ja nach meinem Retter, und da muß ich dir doch begreiflich machen, daß nichts an der ganzen Sache gefährlich war, weder er noch der umgekippte Schlitten, noch die durchgehenden Pferde! Nichts von alledem hat eine Spur hinterlassen!«

Einen Augenblick starrte Gräfin Sevarille, noch aufs höchste betroffen, in das lodernde Kaminfeuer, dann faßte sie sich schnell und nickte sehr lebhaft: »Du sollst mir die ganze Begegnung mit dem sagenhaften Menschen einmal genau beschreiben! Ihr lerntet euch also bereits kennen?«

»Ebenso wie man sich mit einem Eckensteher kennenlernt, der zuspringt, wenn einem der Schirm hinfällt!«

Thea lachte gedämpft. »So stellte er sich nicht vor?« —

»Nein! Ich glaube nicht, daß der Einsiedler aus dem Hinterwald schon Knigges Umgang mit Menschen studiert hat!«

»Vorzüglich! Du bist fabelhaft amüsant, Gabriele! Und sehr gut warst du nie auf diesen Bär zu sprechen! Weißt du noch, wie du damals — hier an derselben Stelle — einen feierlichen Eid schwurst, den taten- und ruhmlosen Grafen nie zu erhören, und wenn er zehnmal dir zu Füßen liegen sollte?«

»Nein, diesen Schwur vergaß ich nicht und gedenke ihn auch unter allen Umständen zu halten!« spottete Fräulein von Sprendlingen mit demselben verächtlichen Zucken um die Lippen wie am Abend zuvor im Theater. —

»Wenn du gehofft hast, der Schlittenunfall sei das erste Kapitel zu einem Roman gewesen, so irrst du gewaltig!«

Theas Augen schillerten, sie rückte eifrig näher und verschlang die Hände um das Knie.

»Ich bezweifle es nicht! Ein Charakter wie du wechselt nicht die Ansichten wie die Handschuhe, — das wäre erbärmlich! Es wäre nur recht bedauerlich, wenn der arme Parzival sein Herz ernstlich an dich verlöre!«

»Warum nennt ihr alle diesen Herrn im Frack und Zylinder ›Parzival‹? Verzeih' die Offenheit, aber ich finde es als eine grobe Geschmacksverirrung!«

»Warum das? — Stimmt das Schicksal des Hohen-Esp nicht genau mit dem von König Gamurets Sohn überein?«

»Das ich nicht wüßte!«

»Lies einmal die deutschen Heldensagen nach! Gamuret fiel im Kampf, hinterließ seine Gemahlin Herzeleide, welche an allem Glück ebenso verzweifelte, wie die Gräfin Gundula, und einen ganz jungen Sohn, den er ebensowenig heranwachsen sah, wie weiland Graf Friedrich Karl seinen Erben in der Bärenburg! Und so steht es nun wörtlich bei Gustav Schalk zu lesen: ›O‹, schluchzte Herzeleide und drückte den schönen Knaben Parzival voll Zärtlichkeit an das Herz, ›O, sähen dich, du liebes Kind, die Augen deines Vaters, wie würden sie so innig lachen ob deiner Schönheit! Wehe, wehe uns beiden, daß er dahinfahren mußte! Dich aber will ich behüten vor solchen Fährlichkeiten. Du sollst nicht ein Ritter werden! Fern von der Welt sollst du aufwachsen und später als friedlicher Landmann den Acker bauen!‹

... So! Und nun ziehe den Vergleich! Die Gräfin Gundula sprach gewiß ebenso, mit etlichen kleinen Veränderungen nur! ›Wehe, daß er dahinfahren mußte nach Monte Carlo! — Dich aber will ich vor solchen Versuchungen und Fährlichkeiten wahren, mein Guntram Krafft! Du sollst kein Leutnant werden, sondern fern in den Wäldern von Hohen-Esp aufwachsen und als friedlicher Landmann deinen Acker bebauen!‹«

»Vortrefflich! Du weißt ja großartig Bescheid!«

»Seit ich in Bayreuth war, ist Parzival mein Liebling, mein Ideal, meine Leidenschaft!«

»Sehr begreiflich, denn der Bayreuther Parzival ist auch aller mütterlichen Schlappheit zum Trotz doch ein Ritter geworden, hat Heldentaten getan und die Welt mit seines Namens Ruhm erfüllt, — dahingegen Graf Guntram Krafft? Was tat er?«

»Er achtete und respektierte eine gramgebeugte Mutter zu sehr, um ihr durch trotziges Scheiden das Herz zu brechen, wie der ›ritterliche‹ Parzival es tat!«

Gabriele zuckte die Achseln.

»Der gute Sohn! Wenn ihm Mutter Herzeleide von Hohen-Esp nur kein Taschenmesser mitgegeben hat, daß er sich hier in die Finger schneidet!«

»Spotte nur, Gabriele! Ich kenne ja deinen Widerwillen gegen Männer, welche sich nicht aus Patriotismus spießen und hängen lassen! Mag Graf Guntram Krafft in deinen Augen keine einzige von all jenen hohen Tugenden besitzen, welche du so gebieterisch forderst, — eins mußt du ihm dennoch zugestehen, daß er hübsch ist! Bildhübsch! Reichlich so schön wie jener Parzival, welcher auf den weltbedeutenden Brettern unter Schminke und Lampenlicht alle Welt bezauberte!«

Thea hatte mit beinahe schwärmerischer Ekstase gesprochen, sie preßte die Hände gegen die Brust und schaute träumerisch in das Schneetreiben hinaus, Gabriele aber lachte ein wenig erstaunt und schüttelte den Kopf.

»Du scheinst ihn gestern abend genauer angesehen zu haben wie ich! Fürerst finde ich es nur schade, daß so männlich edle Züge einen solch weichlich naiven Ausdruck tragen! Das kommt bei der Erziehung in Waldeinsamkeit heraus! Aber gleichviel, — er gefällt dir! Und das ist viel Glück für den Bärenhäuter ...«

»Nenn' ihn nicht so, Gabriele! Du tust ihm unrecht, und ich mag es nicht hören!«

»Ei, ei! So gewaltig hast du schon Feuer gefangen? So ganz prima vista dich erobern lassen?!«

Komtesse Sevarille schlang leidenschaftlich den Arm um die Sprecherin und drückte ihr Gesichtchen mit den nervös bebenden Lippen an die Schulter der Freundin.

»Ach, Gabriele, du hast gut spotten und dich über einen neuauftauchenden Heiratskandidaten lustig machen!« sagte sie leise, sehr innig und sehr aufrichtig, »du Glückliche hast dein Teil erwählt, du wirst geliebt und liebst wieder! Wenn du es auch noch ableugnest, — wir wissen es doch, daß du mit Heidler einig bist! Warum auch nicht? Wenn man so reich ist wie du, kann man sich den Luxus gestatten, den Löwen der Saison an die Rosenkette zu legen — ich armes Wurm muß bescheidener sein und Gott danken, wenn es nur ein Bär ist, dessen Herz ich bändige! — Und er gefällt mir schon jetzt so gut, dieser Bär! — Gabriele! Du hast stets gesagt, daß du meine treue, aufrichtige Freundin bist, betätige es! Hilf mir, daß ich auch so glücklich werden möchte, wie du!« Ein seltsamer Ausdruck lag auf dem reizenden Antlitz mit den hellen Nixenaugen.

Gabriele sah aus, als wolle sie sagen: »Wie schnell hat sich schon eine gefunden, die dem Freier aus der Bärenhöhle mit offenen Armen entgegenläuft!« — — aber sie sprach ihr Empfinden nicht aus, kämpfte auch den Widerwillen, welcher sie überkam, nieder, und antwortete so freundlich, wie es ihr möglich war: »Wenn ich jemals etwas dazu tun kann, dir das Herz des Grafen zuzuwenden, so soll es gewiß geschehen, obwohl ich glaube und hoffe, daß er ohne fremdes Zutun solch einen guten Geschmack entwickeln wird! Was aber Heidler anbelangt« — — die Sprecherin erglühte bis auf den weißen Hals hinab, — »so bist du gewaltig im Irrtum, wenn du glaubst, daß ein einziges Wort zwischen uns gefallen ist, was mehr besagt, wie freundschaftliches Interesse. Wir sind gute Kameraden, — weiter nichts.« —

»Je nun, was noch nicht ist, wird desto sicherer werden! — Apropos ... der Hohen-Esper fährt heute Besuche. — War er schon hier, und habt Ihr ihn angenommen?«

Wieder brach ein lauernder Blick unter den dunklen Augen hervor und forschte in dem Antlitz des Fräulein von Sprendlingen, Gabriele aber griff gelassen nach ein paar Karten, welche zwischen den Büchern des Nebentischchens lagen und reichte sie dar.

»Vor einer halben Stunde schickte mir die Mama die Karten herüber, soviel ich weiß, hat sie den hohen Besuch empfangen, — ich selber ließ mich entschuldigen, ich sei noch bei der Toilette!«

»Und spieltest Klavier? Du bist zum Totlachen, Gabriele! So etwas brächte keine andere fertig!« —

Mit beinahe gierigem Blick hafteten die Augen der Komtesse auf der Karte, sie war plötzlich sehr guter Laune, strahlend heiter und vergnügt. »Guntram Krafft, — Graf Bär von Hohen-Esp«, las sie mit viel Pathos. »Wie entzückend das klingt! Das mußt du selbst eingestehen, Liebste!«

»Der kleinste Titel darunter würde mir mehr imponieren wie der ganze Namen!« klang es trocken zurück.

»Du bist unverbesserlich, aber himmlisch amüsant, ich bewundere dich! Doch nun addio, cara mia, ich muß heim!« — und Thea schob die Visitenkarte in ihren Muff und griff hastig nach der Jacke.

»Bleib' doch noch! es gibt gewiß noch mancherlei zu berichten?!« —

Aber Komtesse Sevarille hatte es plötzlich sehr eilig.

»War der Graf denn schon bei euch?« fragte Gabriele noch zum Abschied.

Sie nickte flüchtig. »Die Tournee fängt ja meistens in unserer Straße an! — Empfiehl mich bitte deiner lieben Mutter ... und nochmals — addio!« —

Wie ein Schatten, schnell und lautlos, flog sie die Treppe hinab.

Auf der Straße überlegte sie einen Augenblick. Sie wußte genau, nach welcher Liste die Visiten zumeist abgefahren wurden, ihrer Berechnung nach mußte Graf Hohen-Esp jetzt bis zu dem Hause des Oberjägermeisters gekommen sein. Hastig schritt sie aus.

Ihr Gesicht sah so zufrieden und triumphierend aus wie selten zuvor.

Von weitem sah sie die Equipage, in welcher Guntram Krafft saß, in eine Nebenstraße einbiegen.

Vortrefflich! Auch sie wird einen Besuch bei der Oberjägermeisterin machen und noch einmal mit dem Grafen zusammentreffen, — »doppelt genäht reißt nicht!« sagt ein altes Sprichwort, und außerdem möchte sie es dem Erben von Hohen-Esp nahe legen, daß sie heute nachmittag auf dem Eis zu treffen ist. Auch Gabriele wird sie nennen, — als Lockvogel. —