X.
Der erste Hofball!
Die ganze Residenz ist voll Interesse und Anteilnahme.
Alter Tradition gemäß muß es an Hofballtagen besonders kalt sein, ein frisches, fröhliches Schneegestöber muß die Luft erfüllen, und die Parkbäume und Bosketts rings um das herzogliche Schloß herum haben die Verpflichtung, weiß bereift, wie ein glitzernder Zauberwald, das Auge zu erfreuen, denn niemals sieht der malerische Rokokobau schöner und märchenhafter aus, als wie mit strahlend erleuchteten Fenstern inmitten der verschneiten Winterlandschaft.
Dann malen die rotgelben Lichter ihre langzitternden Streifen über die weißen Samtdecken der Rasenflächen, werfen flimmernde Reflexe auf dem gefrorenen Teich und glühen wie starre Augen durch die immergrünen Taxushecken, welche ihre mannigfachen Schatten in den fleckenlosen Hermelin des Winters zeichnen. —
Pechfackeln schweben zu beiden Seiten der Einfahrt, wo ein mächtiges, eisernes Tor in kunstvoller Schmiedearbeit den inneren Schloßhof abschließt. Da staut sich die Menge und ist hochbefriedigt, einen Blick in das glänzend erleuchtete Vestibül zu werfen, wo mächtige Palmengruppen in feuchtwarmer Treibhausluft die verträumten Blattwedel über Marmorfiguren breiten.
Lakaien in roten Galaröcken, weißseidenen Strümpfen und Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden Bewegungen huschen her und hin, neigen sich tief vor den eintreffenden Gästen und stehen an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher Andacht auf all die köstlichen Schleppen herniederstarrend, welche wie ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern über die Purpurteppiche rauschen.
Guntram Krafft stand noch immer zögernd neben dem Sockel einer Karyatide und umfaßte mit staunendem Blick das üppige Bild, welches sich seinen Augen bot.
Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten Hallen und Gemächern von Hohen-Esp gesehen, glich so ganz und gar nicht dieser strahlenden Pracht, wie sie wohl in seinen Märchenbüchern geschildert war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer vorzustellen vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch ein Meer von Kerzen! Daheim brannte höchstens das Bärenweibchen von der getäfelt-dunkeln Decke, oder schaukelte sich ein Öllämpchen in schwerem Kettengehäng, einem Fünkchen gleich, über den gewundenen Stiegen. Unter den Fischerdirnen gab es wohl junges, schmuckes Blut, solch eine Blütenlese reizender, vornehm-schlanker Mädchengestalten wie hier aber hatte er nie zuvor geschaut, und die süße, herzbetörende Poesie einer Balltoilette deuchte ihm vollends ein Rätsel, welches sein armer, nüchterner Verstand nicht zu lösen vermochte! —
Anton hatte ihm gesagt: »Nun möchte ich mir erlauben, dem Herrn Grafen einen guten Rat zu geben. Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf Euer Gnaden einstürmen, daß es den Kopf verwirren muß!! Das darf aber nicht geschehen. Am besten wäre es, wenn der Herr Graf diesen ersten Ball nur mehr wie eine Schaustellung an sich vorübergehen ließen! Sie stellen sich auf irgendeinen hübschen Platz, sehen sich alles erst mal genau an, mustern die Damen und lassen sich ein bißchen über die einzelnen orientieren. Auf diesen großen Bällen ist es nicht nötig, daß man sich jeder einzelnen Person vorstellen läßt, nur den Kammerherren und Adjutanten müssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen Sie dann den Staats- und Hofdamen, den Marschällen und dem Zeremonienmeister vor, und die sorgen dafür, daß der Herr Graf den hohen Herrschaften präsentiert werden! — Alles hübsch in Ruhe und gemächlich! Man wird alles im Leben gewöhnt, auch das Leben und Treiben in Fürstenschlössern, und da Euer Gnaden noch nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst ein bißchen durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im Rücken hat, ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht in den Strom stürzt, kann man nicht darin ertrinken! — Das nächste Mal mischen Sie sich dann schon mit viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die Damen kennen und amüsieren sich herrlich!«
Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte ihn allsogleich und stand fürerst schon hier in der Treppenhalle still, um mit einem Gefühl der Verzauberung um sich zu schauen.
Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine gute Beschäftigung und ein schöner Vorwand, länger verweilen zu können.
Da schwebten sie an ihm vorüber, lachend und scherzend und die guten Bekannten begrüßend, all die wunderholden Frauen und Mädchen, mit schimmernd-weißen Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten Nacktheit zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen getrieben.
Aber das Auge gewöhnt sich auch an das Ungewohnteste, und fürnehmlich, wenn es so sinnbetörend und hübsch ist, wie eine junge Dame in großer Toilette.
Nein, das waren nicht die schweren, düstern Wollfalten, welche daheim der Mutter majestätische Gestalt umwallen, nicht die schweren Düffel-, Fries- und Warpstoffe, in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes kleiden, das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum und silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch Wirklichkeit, das war ein Traum!
Wie das glänzt und gleißt und rieselt von Atlas, Seide und Samt, — wie die flaumigen Spitzen wogen, wie die Tüll-, die Gaze- und Florkleider wehen! — Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen, welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen!
Blumen in allen Farben und Arten, zart eingeschmiegt in die Kreppwogen und in die reizend frisierten Haare, keine frischen, lebenden Blumen, wie Guntram Krafft zuerst geglaubt, sondern wunderbar täuschend nachgeahmt, mit Blättern und Knospen, Blüten, wie man sie in gleicher Schönheit kaum im Lenz beisammensieht! —
Und welch ein Gefunkel von Edelsteinen!
Über Nacken, Brust und Arme sind sie gestreut wie ein versteinerter Funkenregen, in allen Farben der Iris leuchtend, — Diademe über der Stirn, goldene Spangen um die zarten Handgelenke, und wo die Frauenaugen besonders tief und schwärmerisch blicken, da glänzen die zauberschönen Schätze des Meeres, die Tränen der Nixen und Meerfrauen, welche die Menschen Perlen nennen!
Gar mancher Blick hat den Bär von Hohen-Esp gestreift, gar manch leises Wort ist über ihn gewechselt und manch rote Lippe hat seinen Namen genannt, — auch hat des jungen Grafen Blick sich selber im hohen Wandspiegel gestreift und voll beinahe scheuer Unsicherheit sein fremdes Bild gemustert.
Er trägt zum erstenmal einen Frack — die weiße Binde und Weste — zum erstenmal die spiegelnden Lackschuhe an den Füßen.
In Hohen-Esp war solch ein Luxus unbekannt, und weil sich der Einsiedler aus der Bärenhöhle so ungewohnt darin vorkommt, fühlt er sich beklommen und geniert.
Die Zahl der Gäste lichtet sich, es scheint nun die höchste Zeit zu sein, die Säle zu betreten, und langsam steigt Guntram Krafft die Treppe empor.
Er mustert die überlebensgroßen Gemälde fürstlicher Ahnherrn an den Wänden, er atmet schwer und tief den berauschenden Duft, welcher ihn geheimnisvoll umweht. Sind es die Veilchen, welche Gabriele jüngst im Schlitten getragen? —
Wie haben seine Blicke Fräulein von Sprendlingen gesucht, — wie zuckte sein Herz empor, als er sie noch im letzten Moment droben an der Treppenbiegung erblickte. Sie wandte just das Köpfchen und schaute zurück, ein paar jungen Damen drunten zuzunicken.
Ihr Blick streift auch ihn, — aber so fremd, so kühl, als habe sie ihn nie im Leben gesehen.
Wieder überkommt ihn ein Gefühl banger Ungeduld.
Er sehnt sich danach, ihr vorgestellt zu werden, damit sie auch mit ihm plaudert und ihn abermals anlächelt wie damals auf der Straße, als er ihre schlanke Gestalt in den Armen emporhob und sie sekundenlang an seinem Herzen hielt. Bei dem Eingang an der Bildergalerie steht ein diensttuender Kammerherr, um die Ankommenden zu begrüßen.
Er tritt auch dem jungen Grafen sehr liebenswürdig entgegen, nennt seinen Namen und spricht seine Freude aus, wieder einen Vertreter der Familie von Hohen-Esp hier begrüßen zu dürfen.
Er spricht mit leiser Stimme, sehr höflich und verbindlich, dennoch liegt etwas Zeremonielles in seinem Wesen, und sein Händedruck ist mehr förmlich wie herzlich.
Er geleitet den Neuling auf höfischem Parkett bis zu dem nächsten Saal, welcher seinen Namen von den kostbaren alten Gobelins, die seine Wände schmücken, erhalten hat, und in welchem sich die tanzende Jugend bis zu dem Eintritt der hohen Herrschaften versammelt. Zwei Adjutanten in großer Uniform halten sich in der Nähe der Tür auf, treten eilig herzu, und der Kammerherr stellt ihnen den Grafen vor, mit der Bitte, ihn bei den jungen Damen bekannt zu machen.
Ein paar sehr liebenswürdige Worte der vielbeschäftigten Herren, welche Guntram Krafft mit der ehrlichen Versicherung, daß er sich freue, diesem Feste beiwohnen zu können, quittiert, und dann murmelt ein sehr junger Leutnant hinter ihm einen unverständlichen Namen und offeriert die silberne Schale mit den Tanzkarten.
Der Graf stellt sich seinerseits vor und nimmt eins der eleganten Kartonblätter, auf welchem unter dem farbigen Fürstenwappen eine Anzahl Tänze notiert ist, von welchen er kaum die Namen kennt.
»The lancers« — »Menuett der Königin« — »Ouadrille à la cour« — nein, diese Kunstwerke sind ihm in Hohen-Esp fremd geblieben.
Polka und Walzer, — ja, die hat er voll fröhlichen Übermuts bei dem Hauslehrer gelernt und zeitweise in der »blauen Woge« praktisch angewandt, wenn irgendein besonderes Fest die Anwesenheit des gräflichen Schirmvogts erforderte, — er hat da unwillkürlich ebenso mitgetanzt wie die wetterharten Fischer, Matrosen und Seeleute es vorgemacht; und daß man in Lackschuhen, auf höfischem Parkett doch ein bißchen anders walzt wie in dem weltfremden Fischerdorf — das sieht der Bär von Hohen-Esp nur allzugut ein. Er verzichtet darum darauf, zu engagieren, obwohl einer der Adjutanten sich mit ihm durch die Menge drängt und den Versuch macht, ihn den Damen vorzustellen.
Lauter fremde Gesichter, — wie rosige Nebel wallt es vor den Augen des Grafen, er verneigt sich stumm und vermag kaum, die einzelnen jungen Mädchen mit dem Blick zu umfassen, geschweige all die Namen zu merken, welche, kaum verstanden, vor seinen Ohren schwirren.
Wozu auch? — Er sucht nur ein einziges Antlitz, er lauscht nur auf einen einzigen Namen, und just darauf vergeblich.
Noch sind sie nicht weit gekommen, als ein lautes, hartes Klopfen auf dem Parkett ertönt, die lachenden, schwatzenden Stimmen wie mit Zauberschlag verstummen und die Damen hastig nach der einen Seite des Saales, die Herren nach der andern zurückweichen.
Adjutanten und Kammerherrn schreiten geschäftig »die Fronten« auf und ab, herüber und hinüber werden noch ein paar Scherzworte und Grüße getauscht, dann klopft es abermals, die vergoldeten Flügeltüren schlagen auf, und unter Vortritt der obersten Hofchargen betreten die hohen Gastgeber, von den Privatgemächern kommend, den Saal. —
Tiefe, feierliche Verbeugungen rechts und links.
Die Herrschaften grüßen voll gewinnendster Leutseligkeit, lächeln und schreiten langsam durch die spalierbildende Jugend.
»Bleibt die herzogliche Familie nicht anwesend?« fragt Guntram Krafft den jungen Leutnant, an dessen Seite er zufällig steht, ein wenig betroffen, als der Hof in der gegenüberliegenden Tür verschwindet, und der Angeredete klappt mit etwas wunderlichem Ausdruck in dem bartlosen Gesicht die Hacken zusammen.
»Herrschaften treten fürerst in den Thronsaal, um die älteren Damen und Herren zu begrüßen! Findet in der Regel kleiner Cercle statt, aber dann geht es sofort los! — Werden uns gleich hier durch die Galerie in den Tanzsaal begeben. — Haben der Herr Graf schon alle Tänze besetzt?«
»Nein! Noch nicht einen einzigen.«
»Ah ... fatal ... sind ein wenig spät gekommen, ist aber kein Mangel an Tänzerinnen! Im großen Saal läßt sich das erst richtig übersehen.«
»Ich möchte heut nicht tanzen, sondern das Fest nur als Schauspiel auf mich wirken lassen!«
»Sehr wohl! Ist auch kaum ein Vergnügen, auf einem wie ein Präsentierteller großen Raum zu tanzen! Furchtbare Fülle heut! Man findet sich kaum durch! Aber immerhin engagiert man, um ein wenig mit den Damen zu plaudern. Superbe Erscheinungen heute ... alle Stars sind vollzählig vertreten.«
»Wer gilt für die schönste der Damen?«
Der junge Offizier lacht: »Mon Dieu, Verehrtester, das ist schwer zu sagen! Der Geschmack ist unberechenbar! Da ist die Hofdame der verwitweten Prinzeß Amalie, — Gräfin Dollen, eine vielgerühmte Schönheit, aber kühl ... kühl bis ans Herz hinan ... dann Fräulein von Lochau, pikant ... amüsant ... kapriziös.., Baronesse Sprendlingen, bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt und anspruchsvoll ... Fräulein Karola von Erlau-Föhrbach, Tochter des Ministers ... ein Tanagra-Figürchen voll größten Charmes ... aber pardon ... wir wollen uns in den Tanzsaal begeben, damit die höchsten Herrschaften allzugleich das Zeichen zum Beginn des Tanzes geben können ... Sie gestatten, Herr Graf ...« und der Sprecher verneigt sich ein paarmal hastig nacheinander und schießt davon, um einer zierlichen kleinen Blondine den Arm zu bieten und sich dem »Zug nach dem Westen« anzuschließen.
Da hastet es abermals lachend und scherzend an ihm vorüber, und Guntram Krafft steht — um eines Hauptes länger denn alles übrige Volk — ruhig beiseite und überfliegt mit suchendem Blick die bunte Menge.
»Fräulein von Sprendlingen, — bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt und anspruchsvoll!« klingt es noch wie ein Echo vor seinen Ohren, und dann denkt er wie in jubelnder Freude daran, daß er nicht zu tanzen braucht, sondern auch eine Dame zum Plaudern engagieren kann.
Und wie er mechanisch über die Menge hinblickt, — da zuckt er plötzlich empor und ahnt es nicht, daß ihm alles Blut in die Wangen steigt.
Dort taucht endlich, endlich Gabrieles Köpfchen auf. Sie scheint es nicht eilig zu haben, den Tanzsaal zu erreichen.
Sie hat einen großen, zartduftigen Marabu-Fächer entfaltet und bewegt ihn mechanisch vor dem Busen auf und nieder.
Die Spitzen des Ausschnitts wogen leise, wie ganz zarter, maigrüner Hauch, durch welchen sich ein Silbergekräusel zieht, und die wunderschönen Arme gleißen im Licht und sind ihm so bekannt ... ja, wo sah er sie schon?
Im Traum! Es sind die Arme jener Meerfrau, welche ihm die Perlenschnur entgegenreichten. Perlen!
Nein, diesmal träumt er nicht!
An ihrem schlanken Hals schimmern sie in mattem Glanz, eine Kette mit einem Brillantschloß ... und sie neigt den Nacken graziös zurück und lächelt zu einem Dragoneroffizier empor, welcher ihr gar schöne Worte zu sagen scheint.
Langsam, ganz langsam schreiten sie heran, als die letzten im Saal, und Guntram Krafft begreift es in dem Augenblick selber nicht, woher er den Mut nimmt, aber er steht in dem nächsten Augenblick vor den beiden, verneigte sich etwas linkisch und stammelt seinen Namen.
»Darf ich um einen Tanz bitten, mein gnädiges Fräulein?«
Sie schaut ihn mit den großen hellen Augen einen Moment sprachlos an, das Lächeln schwindet, ihre Lippen zucken ein Gemisch von Stolz und schroffer Abweisung.
»Bedaure, meine Tänze sind vergeben!« sagt sie kurz, klappt den Fächer zu und legt ihre Hand auf den Arm des Offiziers, um hastig weiterzuschreiten. Herr von Heidler hat seinen Namen ebenfalls mit kurzer Verneigung genannt und den Bär von Hohen-Esp mit etwas ironischem Blick gemustert, dann flüstert er seiner Tänzerin ein paar Worte zu, und beide entschwinden in die Galerie.