XI.
Einen Augenblick stand Guntram Krafft regungslos und starrte der entzückenden Erscheinung des jungen Mädchens nach.
Alles Blut, welches ihm zuvor nach dem Herzen gestürmt war, schoß ihm in die Wangen, und ein Gefühl tiefster Mutlosigkeit überkam ihn.
Er war viel zu harmlos und weltfremd, um in dem Benehmen der beiden eine Zurücksetzung oder Unhöflichkeit zu sehen; es erfüllte ihn nur mit tiefer Betrübnis, daß er zu spät gekommen war, und sein erster Gedanke war der, daß Gabriele wohl erwartet hatte, er werde früher den Weg zu ihr finden, um sie zu engagieren.
Fraglos war sie über sein langes Zögern ungehalten, denn zuvor hatte sie ihn doch nicht mit diesen stolz und kühl schimmernden Augen angesehen!
Sie lächelte ihm so wonnig zu, als er sie aus dem Schnee emporhob, und als sie zuerst in das Theater trat und seiner ansichtig wurde, da spiegelte es sich in ihrem Gesicht, daß sie ihn wiedererkannte, und abermals flog das süße, bezaubernde Lächeln um ihre Lippen. Nun zürnt sie ihm!
Wie soll er sich ihr wieder nähern, um sie zu versöhnen?
Er ist so fremd hier, unter all den vielen Menschen doch so allein.
Und sehr freundlich ist niemand zu ihm, keiner scheint Zeit und Lust zu haben, mit ihm zu plaudern.
Dieses Empfinden macht ihn noch befangener wie zuvor, und er, der noch nie ein Gefühl der Furcht gekannt, der sich todesmutig auf die brüllende See hinauswagte, voll kühnen Trotzes dem Tode sein Opfer abzuringen, er wagte es kaum noch, die Schwelle des Tanzsaals zu überschreiten, er steht zaudernd und verzagt beiseite und fühlt es plötzlich, wie heißes, ungestümes Heimweh sein Herz erfaßt.
Jubelnde Tanzweisen erbrausen durch die weitgeöffneten Saaltüren, — er hört nur noch den Klang von Gabrieles herben Worten, — eine bunte, glitzernde, farbenprächtige Menschenflut wogt vor ihm und lockt mit tausend Wundern, — er aber sieht nur noch zwei kalte, helle, kristallfarbene Mädchenaugen, welche ihn ansehen, daß er bis in das tiefste Herz hinein friert. —
Wie einsam, wie verlassen ist er auch hier! — Wie empfindet er es noch so viel schmerzlicher, als daheim in seiner Mutter Haus!
Da klingen leise, schnelle Schritte neben ihm, und eine milde, freundliche Stimme spricht ihn an. —
»Dachte ich es mir doch, Graf, daß Sie nach der ersten Niete, welche Sie gezogen, kaum noch Lust verspüren, in das volle Menschenleben hineinzugreifen! — Schade, daß ich Sie vorhin erst im Vorübergehen entdeckte und erst pflichtschuldigst meine Tour abtanzen mußte, ehe ich Sie holen konnte! Ich hätte Ihnen gern Gabrieles Abweisung erspart!«
Guntram Krafft hatte überrascht den Kopf gewandt.
Er blickte in die sehr sanften, liebenswürdigen Augen der Komtesse Sevarille.
Wie ein Aufatmen nach banger Spannung ging es durch seine Seele.
»O, Komtesse ... Sie gedenken meiner ... Sie nehmen meiner so freundlich wahr?!« stotterte er mit aufleuchtendem Blick und kämpfte gewaltsam seine Verlegenheit nieder.
»Selbstverständlich, Graf! ›Wenn der Berg nicht zu mir kommt, gehe ich zum Berg!‹ sagt Mohammed, und nach diesem praktischen Beispiel möchte auch ich handeln. — Ich kann mich so lebhaft in Ihre Situation hinein versetzen! Sie sind fremd hier, alles mutet Sie ungewohnt an, und niemand von diesen hastigen, vielbeschäftigten Menschen hat Zeit, Sie ein wenig in die Sitten und Gebräuche der großen Welt einzuführen!«
»Nur Sie allein, Komtesse, wollen diese große Freundlichkeit haben?«
»Wenn Sie sich meiner Fürsorge anvertrauen wollen, Graf?« lächelt sie herzgewinnend zu ihm auf: »Es sollte mich aufrichtig freuen, wenn ich recht viel zu Ihrem Amüsement beitragen könnte!«
»Ich danke Ihnen von Herzen!« Er sagt es sehr warm und herzlich und blickt ihr so ehrlich in die Augen wie ein Kind: »Wie schade, daß ich diesen freundlichen Schutzengel nicht früher fand! Sie hätten mich gewiß beizeiten zu Fräulein von Sprendlingen geführt, damit ich noch einen Tanz und nicht einen Korb von ihr erhalten hätte!«
Thea lächelt und zuckt die nicht allzu runden Schultern.
»Auf jeden Fall hätte ich Ihre Bitte um den Tanz zu gelegenerer Zeit angebracht wie Sie!«
»Gelegenere Zeit?«
»Sahen Sie nicht, wie sehr vertieft Gabriele und Herr von Heidler in ihre Unterhaltung waren?«
Der Bär von Hohen-Esp wurde abermals rot, als wäre er auf einer Sünde ertappt.
»Nein ... das sah ich nicht!« —
»Herr von Heidler macht ihr sehr die Cour! Wer weiß, was er ihr gerade sagen wollte, als Sie so störend dazwischentraten!«
Der Graf blickte sie starr, wie verständnislos an. »Ah!« sagte er nur.
»Und weil Sie fraglos einen sehr lyrischen Augenblick abkürzten, sah Gabriele Sie nicht sonderlich freundlich an!«
»Sie liebt ihn?«
»Ich glaube es wohl, — die ganze Stadt wenigstens erzählt es sich als Tatsache!«
Wie groß und geisterhaft seine Augen sie anstarrten!
»Sie sind schon verlobt, die beiden?«
»Das weiß man nicht genau, aber man vermutet es! — Nun aber kommen Sie, lieber Graf! es gibt noch so viele reizende Damen im Saal, welche alle sehr gern mit Ihnen tanzen möchten! Sehen Sie hier, meine Tanzkarte! Ihr Name fehlt auch noch darauf, und den Kotillon habe ich speziell für Sie aufgehoben!«
»Ich kenne diesen Tanz nicht, Komtesse ... außer Polka und Walzer lernte ich keine Reigen.«
»Gut! So setzen wir uns während dieser Zeit und sehen zu! Ich erkläre Ihnen die einzelnen Touren, und das nächste Mal wirbeln sie flott mit mir herum!«
»Das wäre sehr gütig, Komtesse!« er spricht wie einer, dem die Kehle zugeschnürt ist.
»Kommen Sie mit! Führen Sie mich in den Saal zurück! Wir haben eine sehr lustige, kleine Ecke gebildet, und wenn ich Sie all den jungen Damen und Herren bekannt mache, werden Sie sich vortrefflich amüsieren!«
Sie legt ihre Hand auf seinen Arm und blickt zu ihm auf.
So gütig und freundlich wie sie sah ihn noch niemand hier in der Residenz an.
Das fällt wie Sonnenschein in sein Herz.
»Ich danke Ihnen, Komtesse!« sagt er noch einmal; er möchte so gern mehr sprechen, aber er weiß nicht was. Er hat es nicht gelernt, das leichte, amüsante Geplauder, er vermochte auch nicht in diesem Augenblick von gleichgültigen Dingen zu reden, jetzt, wo sein Herz zum erstenmal im Leben schmerzt, als sei ihm ein grenzenloses Leid widerfahren.
Aber Gräfin Sevarille scheint keine Unterhaltungskünste von ihm zu verlangen, ihre dunklen Augen lachen fröhlich zu ihm auf, und sie spricht statt seiner, während sie nach dem Tanzsaal schreiten.
»Wissen Sie, Graf, was ich glaube? Sie finden unsere große Stadt, unsere lebhaften Feste, all die modernen Sitten und Gebräuche fürerst ganz greulich und sehnen sich heim in den köstlichen Frieden Ihres stillen Strandschlosses! O wie sehr begreife ich das! Auch für mich gibt es kein besseres Glück als eine Landidylle! Warum sehen Sie mich so erstaunt an? Scheint Ihnen das so unbegreiflich?«
Sein Blick haftet noch immer überrascht auf ihrem blassen Gesichtchen. Er muß sich beinahe herabbeugen, wenn er in ihre Augen schauen will, die sehr kleine, puppenhafte Gestalt hängt wie ein verwehtes Sommerwölkchen an seinem Arm.
»Ja, das finde ich sehr unbegreiflich, aber es freut mich um so mehr, es zu hören. Ich glaubte, die Leute der großen Welt hätten gar keinen Sinn und kein Verständnis mehr für die kleinen Genien des Friedens, welche sich aus dem Häuserlabyrinth heraus zu uns in die Stille der Wälder geflüchtet haben. — Lebten Sie längere Zeit auf dem Lande, Gräfin, daß Sie es liebgewannen?«
»Längere Zeit? O nein, Gott sei es geklagt! Nur ganz kurz und flüchtig lernte ich seinen Zauber kennen, und darum glüht die Sehnsucht desto heißer in meinem Herzen! — Sie müssen mir viel von Ihrer Heimat, von Ihrem Leben und Treiben dort, erzählen, Graf! Nachher setzen wir uns abseits auf einen Diwan in der Galerie, und dann wollen wir beide mit allen Gedanken so sehr in Hohen-Esp sein, daß Ihr Heimweh bald schwinden soll! Fürerst aber möchte ich Sie recht vielen Damen vorstellen, damit Sie ...«
Er blieb zögernd stehen und blickte in die offene Saaltür ein, vor welcher Kopf an Kopf die Herren in glänzenden Uniformen standen und mit mehr oder minder harmlosen Scherzen die Tanzenden kritisierten.
»Ein Plaudern in der Galerie dürfte also viel lohnender sein wie ein solches im Saal!« sagte er leise, und die Lichter flirrten vor seinem Blick, und die schmetternden Musikklänge taten ihm weh. »Lassen Sie uns also doch gleich hier bleiben, Komtesse, wenn Sie wirklich diesen Tanz für mich opfern wollen!«
»Opfern?« — sie neigte das Köpfchen mit den leuchtend roten Granatblüten zurück und lächelte: »Nicht im mindesten, — der Tanzsaal lockt mich ebensowenig wie Sie! Darin bin ich so grundverschieden von meiner Freundin Gabriele, daß sie sich einzig inmitten des amüsantesten Getriebes wohlfühlt, während mein Sinn sich seit jeher nach der beschaulichen Ruhe sehnte.« — Sie setzte sich auf den weißen, golddurchwirkten Brokat des Diwans nieder; die lichtrote Seide ihres Kleides leuchtete unter den duftigen Tüllwogen, und hinter ihr baute sich eine Kulisse von Kamelien und Fliederbäumen auf, welche die blühenden Zweige über ihr Köpfchen neigten.
Es war ein hübsches, anmutiges Bild, aber Guntram Krafft sah es nicht.
Es lag noch immer wie graue Schleier vor seinen Augen, und aus allen Worten seiner Partnerin hörte er nur das eine heraus, daß Gabriele sich einzig bei Spiel und Tanz wohlfühle.
Mechanisch setzte er sich an die Seite der Gräfin nieder.
»So würde Fräulein von Sprendlingen nie auf dem Lande glücklich sein?«
»Nein, soviel ich beurteilen kann, nie! Und das ist ja auch gut, denn aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie in eine Großstadt heiraten, da bleibt ihr ja alles zur Verfügung, woran ihr Herz hängt! — Nun aber sagen Sie mir einmal, Graf, wie geht es Ihrer lieben, hochverehrten Frau Mutter? Ich hörte durch einen Freund meines Vaters so viel von ihr erzählen, daß ich die seltene, vortreffliche Frau lieben lernte, ohne sie zu kennen! Sie muß ja in ihrer Jugend bildschön gewesen sein, und so fabelhaft liebenswürdig ... nicht wahr? Sie sehen ihr sehr ähnlich?«
Guntram Krafft war viel zu unerfahren, um die versteckte Eloge aus diesen Worten herauszuhören, er schaute sie nur abermals voll aufrichtigen Dankes an.
»O, wenn Sie sehen würden, was meine Mutter leistet, Komtesse, welch eiserne Energie, welch unermüdlichen Fleiß sie besitzt, Sie würden sie nicht nur lieben, sondern auch bewundern und verehren! Wenn die Bären von Hohen-Esp in alter Zeit die Schirmvögte des Landes gewesen sind, welche ihre starke Hand über die Schwachen und Notleidenden breiteten, so hat meine Mutter diese Zeit in ihrer Person wieder aufleben lassen! Wenn mancher Schiffbrüchige ahnte, wessen milde Hand ihn ins Leben zurückgerufen, der Name der Gräfin Gundula würde bekannter sein, als wie er es ist!«
»Was für ein guter Sohn sind Sie! — O, es ist ein Genuß, wenn man so von einer Mutter sprechen hört! Warum wirkt die herrliche Frau so ganz inkognito? Legt sie denn gar keinen Wert darauf, auch von der Welt anerkannt zu werden?«
»Von der Welt? Die ist ihr sehr gleichgültig!«
»Und wie denken Sie darüber?«
»Genau ebenso!«
»Sie streben nicht nach äußeren Ehren, nach Rang und Würden?«
Seine großen blauen Augen blickten sie verständnislos an.
»Nein! Was sollten die mir nützen?«
Sie schlang die kleinen Hände staunend ineinander.
»O, Sie Kinderherz! Wissen Sie nicht, daß der Ehrgeiz die Triebfeder jedweden modernen Schaffens und Handelns ist?« —
»Ich weiß es wohl, aber ich verstehe es nicht. Mir genügt der Beifall von zweien vollkommen.«
»Von welchen zweien?«
»Von Gott dem Herrn und meiner Mutter!«
»Ihre Mutter kann Ihnen wohl ein Lob sprechen und Sie dadurch beglücken, — der Beifall Gottes dürfte aber nur eine Illusion sein, denn er ist durch nichts zu beweisen!«
Wieder traf sie sein klarer, ernster Blick.
»Durch nichts im Sinne der Welt, — und doch ist er so fühlbar. Haben Sie es nach einer guten Tat noch nie im innersten Herzen bestimmt gefühlt und gewußt, daß Gott mit Ihnen zufrieden war? — Der Beifall der Menge mag schön sein, aber solch ein Gefühl glückseliger Erhebung und frommer Zufriedenheit, wie ich es als Gottes Segen empfinde, wenn ich meine Schuldigkeit und vielleicht noch ein wenig darüber ... getan, das kann aller Lorbeer der Welt nicht geben!«
Thea blickte vor sich nieder.
Hatte sie je eine gute Tat getan, hatte sie jemals derartiges empfunden? —
Sie zupfte ein wenig ungeduldig an den roten Blüten ihres Kleides; nur mit Mühe unterdrückte sie ein ironisches Lächeln, aber sie bewegte zustimmend den Kopf und sagte beinahe träumerisch: »Und ob ich dies Gefühl kenne! Sie glauben gar nicht, Graf, wie sehr Sie mir aus der Seele sprechen! Darüber müssen wir noch viel eingehender plaudern ... ah, Herr von Stetten! Holen Sie mich etwa schon zu unserer Française?«
Der Vortänzer stand vor ihnen und verneigte sich hastig mit sehr scharmantem Lächeln.
»Leider darf ich mich noch nicht so glücklich preisen, Komtesse, während eines ganzen Galopps bin ich noch verurteilt, auf diesen Vorzug zu warten! Jetzt gilt mein störendes Eingreifen lediglich dem Herrn Grafen!« — Abermals eine sehr höfliche Verneigung vor Guntram Krafft, welcher sich erhoben hatte und den Gruß erwiderte. »Der Kammerherr von Rheinsberg sucht Sie aller Ecken und Enden, Graf! — Seine Hoheit der Herzog haben den Wunsch geäußert, Sie zu sprechen! — Auch dürfte es alsdann gelegene Zeit sein, daß Sie den fürstlichen Damen präsentiert werden!«
»Ich stehe zur Verfügung, wollen Sie die Güte haben, mich dem Herrn Kammerherrn zuzuführen. Ich bitte um Verzeihung, Komtesse, und stehe bald wieder zu Diensten.«
Wie altmodisch und wohlerzogen das klang! So recht nach Gräfin Gundulas vergilbter Schule; Thea wollte es eigentlich nicht, aber sie wechselte doch einen schnellen Blick mit Herrn von Stetten, um dessen Lippen ein recht scharfes Zucken ging.
Dann schritten die beiden Herren eilig davon, und Komtesse Sevarille erhob sich ein wenig gelangweilt und wandte sich dem Saale zu.
»Thea!« —
Beinahe erschrocken schaute sich die Gerufene um. Hinter dem Boskett hervor traten Frau und Fräulein von Sprendlingen, sie hatten auf einem zweiten Wandpolster, welches ganz versteckt hinter der grünen Kulisse stand, gesessen und waren weder von der Komtesse noch von dem Grafen Hohen-Esp bemerkt worden.
»Gabriele ... gnädigste Frau ... um alles in der Welt — was tun Sie hier?«
Baronin Sprendlingen schritt mit einem merklich kühlen Gruß und ganz seltsam scharfem Blick an der jungen Dame vorüber, Gabriele aber blieb stehen und lachte.
»Solch indiskrete Lauscher hattest du nicht vermutet? Je nun, wenn man Pech hat! Als ich ein einziges Mal herumgetanzt hatte, riß mir plötzlich die Perlenschnur am Hals — zum Glück konnte ich sie gleich in der Hand zusammen fassen! Mama stand in meiner Nähe, wir flüchteten uns hierher in dieses lauschige Versteck, nahmen ein paar Perlen heraus, und Mutter knüpfte den Faden so gut es ging zusammen. Ich denke, jetzt wird sie halten. Du weißt, ich liebe einen völlig nackten Hals nicht.« —
»Und diese Prozedur dauerte so lange?«
Thea sah ein wenig verlegen aus und bemühte sich, desto harmloser zu erscheinen.
»Gerade als wir uns erheben wollten, kamst du mit dem Bären und setztest dich Posten, — da wollten wir nicht stören.«
Das war lachend gesagt und klang doch wie feiner Spott.
Auch Thea lachte. »Hast du dich an den Bekenntnissen seiner schönen Seele recht delektiert? Wie gefiel dir die Ansicht dieses prächtigen Menschen über eitle Ruhmsucht? O Gabriele, du glaubst gar nicht, wie gut er mir gefällt!« —
Die Komtesse flüsterte es sehr schwärmerisch, und doch hing ihr Blick in scharfem Forschen an dem reizenden Antlitz der Freundin, einer sehr abfälligen Kritik gewärtig.
Aber Gabriele sah an ihr vorüber und sagte nur kurz: »Er ist ein Kind!«
»Ja, ein goldenes Kinderherz!«
»Was man nicht kennt, entbehrt und verlangt man nicht! Wem nie der Gedanke kam, daß man nicht nur für sich, sondern in erster Linie für andere leben muß, dem genügt ein Seelenfrieden, welchen das Bewußtsein, ›nichts Böses begangen zu haben‹, verleiht.«
»Mein Gott, wie sollte jener einsame Mensch auf dem Lande Gelegenheit finden, sich um ein großes Ganzes, um Fürst und Vaterland, verdient zu machen!«
»Das ist es eben! Will er ein Parzival sein, so soll er sich von seiner Bärenhaut aufraffen, in die Welt hinausziehen und Taten tun! — Aber wir streiten da um Kaisers Bart; ich glaube kaum, daß der Graf uns jemals um unsere Ansicht befragen wird, — die seiner Mutter genügt ihm!«
Das klang wieder recht mokant, aber doch nicht ganz so spöttisch mehr wie früher.
Fräulein von Sprendlingen wandte sich ein paar Kavalieren zu, welche augenscheinlich auf ihr Kommen gewartet hatten und die junge Dame um eine Extratour bestürmten.
Da Gabriele nur mit einem der Herren tanzen konnte, — und sie tat es, wie eine Königin, welche einem Vasallen eine herablassende Huld erweist, — so war auch Gräfin Sevarille in diesem Augenblick begehrte Ware und flog ebenfalls im Arm eines Tänzers auf feurigen Galoppklängen dahin.
— — Graf Guntram Krafft war dem Herzog vorgestellt und wurde von dem hohen Herrn durch eine ganz besonders gnädige und lange Unterhaltung ausgezeichnet, und der Einsiedler von Hohen-Esp, welcher zuvor so zaghaft und unsicher auf dem Parkett gestanden, trat plötzlich fest und sicher auf, wie ein Mann, welcher über schwankendes Moorland geschritten ist und nun wieder festen Boden unter den Füßen fühlt.
Er wuchs unter dem Blick seines Fürsten empor zu dem alten, frischen Selbstbewußtsein, welches ihm die heimatliche Scholle gab, er redete frank und frei, in seiner schlichten, treuherzigen Weise, welche klug, verständig und liebenswürdig klang, — wenig von sich selber und seinem Tun und Handeln, aber dafür desto mehr von seiner Mutter. — Die begeisterte Verehrung für die Gräfin leuchtete ihm aus den Augen, und durch die Seele des Fürsten zog wie stille Wehmut der Gedanke: »Um wieviel reines und schönes Glück hat sich sein Vater selbst betrogen!«
— Das Wohlgefallen des hohen Herrn an dem jungen Grafen war ein ganz ersichtliches, er führte ihn persönlich der Herzogin und Prinzessin Amalie zu, und auch diese bezeigten ihm ein sehr freundliches Interesse.
Die jungen Herzoginnen und Prinzen des Hauses wechselten ebenfalls ein paar liebenswürdige Worte mit ihm, wenngleich aus ihren Augen ein etwas neugieriges Forschen blitzte, welches mehr dem vielbesprochenen Sonderling als der Person des Grafen galt.
Den Damen gegenüber stellte sich sogleich wieder eine gewisse Befangenheit bei ihm ein, und in seiner Feinfühligkeit empfand er es selber sehr peinlich, wie wenig gewandt er im Verkehr mit denselben war.
Gabriele hatte während des Tanzes zufällig in der Nähe des Herzogs gestanden, als hochderselbe den Bären von Hohen-Esp durch seine Ansprache auszeichnete.
Ihr Blick streifte die Sprechenden und schärfte sich plötzlich, als er das Antlitz Guntram Kraffts traf.
Die Veränderung in seinem Aussehen fiel ihr auf, — sie war sehr vorteilhaft.
»Sehen Sie doch, mein gnädiges Fräulein« — lachte auch ihr Tänzer, »vor Serenissimus wandelt sich der tolpatschige Bär zum Löwen! Er sieht wirklich ausgezeichnet aus, der Hohen-Esper, und wenn man ihn scherzend den modernen Parzival nennt, so hat man nicht so unrecht, denn Frau Herzeleides Sohn zeichnete sich ja auch durch besondere Schönheit aus!«
»Durch die Schönheit eines ritterlichen Kämpen.« —
»Denken Sie sich jenen Mann in die Rüstung eines Gralsritters, und er würde schön sein wie ein Gott!« —
»Er ›würde‹ — freilich! — aber er wird es nie werden!« —
»Leider, jene Zeiten sind vorüber!« —
»Sie leben noch in jedem Manne fort, welcher Säbel oder Degen führt, welcher kühn bereit ist, in den Kampf für Fürst und Vaterland zu ziehen!«
Der junge Assessor verneigte sich geschmeichelt.
»Sehr verbunden, mein gnädiges Fräulein, diese Anerkennung tut einem Soldatenherzen wohl! Ich bin zwar nur Reserveoffizier, aber zähle mich dennoch zum Ganzen!«
»Mit Fug und Recht! Sie dienen dem Vaterlande mit Feder und Schwert zugleich!«
»Der Bär von Hohen-Esp tut es mit dem Pfluge!« Sie sah ihn groß und erstaunt an. »Indem er sich selber zum reichen Mann macht?«
»Auch dadurch. — Wenn sich ein Landwirt bemüht, seine Güter auf eine stets höhere Kulturstufe zu bringen, sie stets ertragsfähiger und besser zu machen, so dient er damit indirekt auch seinem Vaterlande. Außerdem ist anzunehmen, daß ein Mann, dessen persönliche Lage sich ständig hebt, darauf bedacht ist, für seine Arbeiter und deren Wohlergehen, für seine Bediensteten und deren günstige finanzielle Lage zu sorgen. Er arbeitet dadurch am besten an der Lösung der großen sozialen Lage mit und schafft in seinem Kreise vielleicht mehr Gutes, als manch ein Held der Feder und des Säbels Zeit seines Lebens! — Ganz abgesehen von dem erziehlichen und fördernden Einfluß, den gerade der Gutsbesitzer in seinem kleinen Reiche ausüben kann!«
»Das mag alles sehr logisch sein,« zuckte die junge Dame etwas ungeduldig die Achseln, »aber es bezieht sich leider nur auf die Gräfin und nicht auf ihren Sohn! Außerdem sind wir Frauen zu kurzsichtig, um solch ein Wirken in der Stille genügend anzuerkennen. Für die Mutter genügt es mir, für den Sohn nicht!«
»Und warum nicht für diesen?«
»Weil ich bei einem Manne Taten sehen will! Es steckt in jedem Mädchenkopf ein gutes Stück Romantik, welches den Wert eines Mannes nur nach der Qualität von Mut und persönlicher Kühnheit bemißt, welche er zeigt. Die idealste Tat imponiert mir gar nicht, wenn der Betreffende, welcher sie ausübt, sich nicht dabei exponiert und sein Leben aufs Spiel setzt! — Wenn heute ein reicher Mann Hunderttausende hingibt für den Bau eines Krankenhauses, so finde ich das sehr edel, sehr lobenswert und schön, aber mein Herz wird für den hochherzigen Spender nicht um einen Hauch schneller schlagen wie vorher! Wenn aber ein Soldat mit kühnem Hurra im Kugelregen vorwärts stürmt, um für seinen Kaiser einen Sieg zu erkämpfen ... wenn ein Mensch sich mutig in ein brennendes Haus wagt, um ein Kind zu retten ... wenn er sich daherrasenden Rossen entgegenwirft, einen Greis zu schützen ... ja, das ist Heldenmut, welcher mich stets zu heißem Entzücken, zu flammender Bewunderung begeistern wird!« —
»Ich verstehe Sie und Ihre Ideale vollkommen, mein gnädiges Fräulein, und freue mich dessen, wenngleich Sie bei all Ihrer edlen Leidenschaftlichkeit doch etwas engherzig urteilen. Jeder leistet gewiß so viel, wie in seinen Kräften steht, aber jeder muß sich auch den Verhältnissen anpassen, in welche ihn Gottes Vorsehung gestellt hat. — Wenn die Völker nicht aufeinander schlagen, wird es schwer sein, sich blutige Lorbeeren auf dem Schlachtfeld zu pflücken, und wenn kein Haus brennt, hält es schwer, Gefährdete zu retten! — In unsern, gottlob so stillen Zeiten lassen sich Taten, welche man mit den Augen sieht, am wenigsten vollbringen; aber warten Sie nur, — wenn sich die Gelegenheit bietet, wird auch Graf Hohen-Esp seinen Mann stehen!«
Ein sarkastisches Lächeln zuckte um Gabrieles Mund, mit ungläubigem Blick streifte sie die Reckengestalt des Genannten, welcher soeben vor den jungen Prinzessinnen stand und so befangen in sich zusammensank, als fehle Mark und Kraft in seinen Knochen, — dann wandte sie mit aufleuchtenden Augen das Köpfchen und sah Herrn von Heidler entgegen, welcher sich hastig zu ihr Bahn brach und um eine Extratour bat.
Die breite Narbe auf seiner Stirn hob sich dunkelrot von dem erhitzten Gesicht ab, die Narbe, welche stets von dem schweren Sturz erzählen wird, welchen der schneidige Kavallerist sich bei tollkühnem Ritt geholt! — Gabrieles Herz schlägt hoch auf, sie legt die bebende Hand auf seinen Arm und blickt sekundenlang in das scharfgeschnittene, trainierte Gesicht mit den unruhig flackernden Augen empor. —
Hart, eisern — fest ist es — wie aus Bronze gegossen; der Griff, mit welchem er ihre schlanke Gestalt beinahe an sich reißt, hat nichts so Zartes, Rücksichtsvolles, wie die Hände des Bären von Hohen-Esp, als er sie, behutsam, wie ein zartes Vögelchen, aus dem Schnee hob.
Gabriele liebt solche Weichlichkeit nicht. Ihr Blick brennt auf dem roten Streifen, welcher seine Stirn zeichnet, und durch ihren Sinn zieht es wie jubelnde Weise: »Wie lieb' ich dich erst um die Narb' auf der Stirn — und das eiserne Kreuz auf der Brust!« —