XII.
Frau von Sprendlingen stand in etwas langweiligem Gespräch mit einer alten Exzellenz nahe der Empore, auf welcher die höchsten Herrschaften Platz genommen, dem Tanze zuschauten oder Cercle hielten.
Sie hatte beobachtet, wie huldvoll der Herzog mit Graf Guntram Krafft gesprochen, wie auch die fürstlichen Damen ihn auszeichneten, und wie der Erbe von Hohen-Esp sich bei dem neu beginnenden Tanz mit tiefer Verneigung zurückzog, um einen Augenblick an der blütenduftigen Wanddekoration stehen zu bleiben, um auf das farbenglänzende Bild im Saal herabzuschauen.
Baronin Sprendlingen verabschiedete sich mit ein paar liebenswürdigen Worten und schritt — anscheinend nur in den Anblick der hohen Herrschaften vertieft, langsam an dem Wanddiwan entlang.
Ein feines, nervöses Zucken spielte um ihre Augen, ein Zeichen, daß sie geärgert oder nervös war, und wenn ihr Blick zufällig Komtesse Thea streifte, so bekam er beinahe etwas Feindseliges.
Frau von Sprendlingen besaß viel Scharfblick und Menschenkenntnis, und das Gespräch zwischen Thea und dem Grafen, welches sie unfreiwillig belauscht, hatte ihr die Überzeugung gegeben, daß die Komtesse bemüht war, auf sehr feine und geschickte Art gegen Gabriele zu intrigieren.
Die Komtesse war bereits zu der Überzeugung gekommen, daß sie, als sehr wenig bemittelte junge Dame, kaum Chancen hatte, zu heiraten, geschweige eine glänzende Partie zu tun.
Der Hohen-Esper aber war eine solche, und die junge Dame schien klug genug, das Eisen allsogleich zu schmieden, solange es noch heiß und der Graf unbekannt in der Gesellschaft war.
Wenn man momentan auch noch ein wenig witzelte über den Einsiedler von Hohen-Esp und ihn mehr neugierig wie begehrlich betrachtete, so wußte Frau von Sprendlingen doch, daß er sich gar bald hier eingelebt und der Gegenstand brennenden Interesses für Mütter und Töchter sein werde.
Schon jetzt hörte man überwiegend mehr Anerkennendes aus dem Mund der Damen wie Spöttisches, und die Schönheit des jungen Mannes schien der Punkt zu sein, an welchem eine allgemeine Begeisterung für den reichen Grundbesitzer einzusetzen beabsichtigte.
Ganz wie von ungefähr näherte sich die Baronin dem Sohne Gundulas und bemerkte es voll äußerster Genugtuung, wie sein Blick, ein wenig verdüstert, aber sehr beharrlich ihrer Tochter folgte.
Sie nestelte die langstielige, sehr elegante Lorgnette an der goldenen Kette von dem Fächer los und hob sie an die Augen, und als der Graf mechanisch auf die elegante, noch immer sehr schöne und jugendliche Frau herniedersah, schien sie ihn just in diesem Moment erst zu bemerken und zu erkennen.
Sie wandte sich ihm sichtlich überrascht und erfreut zu und bot ihm die kleine Hand, über welcher die kostbaren Armspangen funkelten, entgegen.
»Sieh da, Graf Hohen-Esp! welch eine Freude, Sie hier bei Spiel und Tanz begrüßen zu können! Hoffentlich sind Sie schon bei der Jugend bekannt geworden und amüsieren sich vortrefflich?« —
Einen Augenblick schien der Genannte nicht recht zu wissen, wen er vor sich hatte.
Er verbeugte sich in seiner etwas linkischen und befangenen Weise und stammelte eine Antwort, von welcher Frau von Sprendlingen wenig verstand.
»Hoffentlich hat Ihnen meine Tochter Gabriele einen Tanz aufgehoben?« fuhr die schöne Frau mit anmutigem Lächeln fort. »Es ist heute einer jener seltenen Tage, an welchen die Herren in der großen Überzahl sind und die Tanzkarten infolgedessen bald ausverkauft sind!« —
Die Sprecherin beobachtete das Antlitz des jungen Mannes und war sehr befriedigt, als sie das jähe Aufleuchten seiner Augen sah, das plötzliche, lebhafte Interesse bemerkte, sobald sie den Namen Gabrieles nannte.
»Oh, Frau von Sprendlingen!« rief Guntram Krafft mit jäher Röte in den Wangen, in seiner so ehrlich-naiven Art: »Jetzt erst erkenne ich Sie, gnädigste Frau! Die Damen sehen in den Balltoiletten alle so märchenhaft verändert aus, daß man sich selbst mit dem besten Gedächtnis in dieser neuen Welt schlecht zurechtfindet!«
»Wie begreiflich ist das! — So fanden Sie auch meine Tochter noch nicht unter den vielen unbekannten Tänzerinnen heraus?«
»Fräulein von Sprendlingen? Selbst mit blinden Augen würde ich sie erkennen!«
Das klang aus tiefstem Herzen heraus, und die Generalin lächelte abermals.
»Wie liebenswürdig Sie das sagen! — Ich hoffe, daß Sie zum mindesten den Kotillon mit ihr tanzen?«
Ein Schatten flog über das strahlende Gesicht des jungen Bären.
»Ich kam zu spät, gnädigste Frau!« sagte er leiste.
»Oh! in der Tat? Darüber müssen Sie mich genau unterrichten! Sind Sie für diesen Tanz verpflichtet oder haben Sie Zeit, mir ein wenig Gesellschaft zu leisten? Hier unter dem Rundbogen der Nische sitzt es sich sehr nett, setzen wir uns zum Plaudern nieder.«
»Sehr gnädig — ich bin überaus dankbar!« stammelte Guntram Krafft, und abermals leuchtete ihm die Freude aus den Augen. Die schlanke, elegante Frau mit dem zarten, blassen Gesichtchen und dem so sehr gewinnenden Ausdruck in den schönen Zügen hätte nicht Gabrieles Mutter zu sein brauchen, um es ihm anzutun, er hatte schon bei seinem ersten Besuch lebhafte Sympathie für sie empfunden, und dieses Gefühl steigerte sich in diesem Augenblick zu herzlichster Begeisterung. Empfand er doch heute, inmitten all der fremden, so wenig entgegenkommenden Menschen, jedes freundliche Wort doppelt dankbar.
Nun war es Gräfin Thea nicht mehr allein, welche ihm wie ein rettender Engel in seiner Verlassenheit erschien, Gabrieles Mutter ließ sein Herz noch schneller und erregter in diesem Augenblick schlagen, und er empfand es schon als großes Glück, mit ihr von der Wunderlieblichen zu plaudern, welche es seinem Herzen wie durch Spuk und Zauber angetan. — — — Er setzte sich neben Frau von Sprendlingen auf den Diwan nieder, und die weichen, glänzenden Falten ihrer fraisefarbenen Atlasschleppe legten sich wie ein Traumgefilde um seine Füße.
»Also Sie kamen zu spät zu Gabriele?« fragte die Baronin abermals mit ihrer weichen, angenehmen Stimme und entfaltete den duftigen Marabufächer vor der Brust. — »Wie kam das? Wir waren heute sehr präzise zur Stelle!«
»Dessen kann ich mich kaum rühmen, gnädigste Frau! Ich habe das fremde Terrain Schritt um Schritt erobert und bedurfte der Zeit, um mich in diesem Zauberreich zurechtzufinden. Sie ahnen nicht, wie völlig neu es mir ist, wie ich gleich einem Kind erst das Gehen auf dem höfischen Parkett lernen muß!«
»Davon merke ich nichts — oder besser gesagt, Sie lernen zum Erstaunen schnell! Gleichwohl begreife ich, daß Sie heute nicht Herr der Zeit gewesen! So fanden Sie Gabriele erst jetzt während des Tanzes!«
Er senkte das Haupt tiefer und blickte auf die schimmernden Atlasfalten, auf das wirre, feine Spitzengeriesel, welches sie umsäumte, nieder.
»Doch nicht, gnädigste Frau ... ich konnte mich Ihrer Fräulein Tochter noch in der Galerie bekannt machen ... aber ... ich kam zu einer sehr ungelegenen Zeit ...«
Die letzten Worte klangen so leise, daß Frau von Sprendlingen sie kaum verstand. Sie hob jäh den Kopf.
»Ungelegenen Zeit? Was verstehen Sie darunter, lieber Graf?«
Da schauten sie seine großen, ehrlichen, blauen Kinderaugen unendlich traurig an.
»Ihr Fräulein Tochter stand im Begriff, sich zu verloben«, sagte er treuherzig.
Die Generalin machte eine beinahe entsetzte Bewegung. »Gabriele sich verloben? — Herr des Himmels, mit wem denn?«
»Mit jenem schlanken, dunkelhaarigen Dragoner, welcher eine breite Narbe auf der Stirn trägt; der Name ist mir wieder entfallen, gnädigste Frau!«
»Mit Heidler?« Frau von Sprendlingen klappte bewegt den Fächer zu: »O welch eine lächerliche, absurde Idee! — Wer hat Ihnen solch einen Unsinn vorgeredet, Graf?«
Schier atemlos starrt der Bär von Hohen-Esp die schöne Frau an seiner Seite an. Wieder stieg es heiß und rot in seinem Antlitz auf.
»Es ist nicht wahr? — Es ist ein Irrtum?« klang es wie leiser Jubel von seinen Lippen —: »O, das wäre ja ...« und er unterbrach sich plötzlich voll tödlicher Verlegenheit und starrte abermals auf die duftige Atlasschleppe nieder. —
»Solches Märchen hat Ihnen gewiß Gräfin Thea Sevarille vorerzählt!« lachte die Generalin, und doch flimmerte es in ihrem Blick wie geheimer Triumph, das Spiel der kleinen Intrigantin richtig durchschaut zu haben —: »Die jungen Mädchen wittern ja sofort eine Verlobung, wenn ein Herr etwas den Hof macht, und bedenken in ihrem mitteilsamen Eifer gar nicht, daß zum Verloben doch immer zweie gehören!«
»Herr von Heidler liebt Fräulein Gabriele wohl sehr?« fragte Guntram Krafft wieder in seiner beinahe kindlichen Aufrichtigkeit, und abermals klang es wie geheime Sorge durch seine Stimme.
»Je nun — er schwärmt meine Tochter an und zeigt das sehr aufrichtig!« lächelte Frau von Sprendlingen ein wenig ironisch —: »aber das tun doch sehr viele der jungen Herren, denn Gabriele ist allgemein beliebt und recht gefeiert! Aber an Verloben denkt sie durchaus nicht — und wenn sie zu Herrn von Heidler vielleicht etwas liebenswürdiger ist wie zu andern Herren, so kommt das einfach daher, weil sie ihn schon seit einer langen Reihe von Jahren kennt!«
Guntram Kraffts Blick hing in atemlosem Lauschen an den Lippen der Sprecherin.
Es war, als ob er aus jedem ihrer Worte neue Zuversicht und frischen Lebensmut schöpfte; seine Augen strahlten wie verklärt, und er bemühte sich auch gar nicht, seine Freude zu verbergen.
»So liebt er sie ... aber sie nicht ihn?« fragte er leise und sah die Baronin an, als habe er auch nicht das kleinste Geheimnis mehr vor ihr.
Frau von Sprendlingen lachte abermals.
»Es ist meine feste Überzeugung, und ich hoffe, daß ich mich nicht irre! Die Welt, und namentlich die lieben Freundinnen meiner Tochter, sagen Gabriele — ebenso wie jedes andere vielumschwärmte Mädchen — gern verlobt, in der Hoffnung, sie dadurch unschädlich zu machen; daran muß man sich hier in der Residenz gewöhnen, bester Graf, und durchaus nicht alles glauben, was die Leute sagen! Nun aber erzählen Sie mir weiter! Gabriele hatte keinen Tanz mehr frei?«
»Keinen, gnädigste Frau.«
»Aber Sie holten sich schon eine Extratour bei ihr?«
Da blickte er sie wieder recht treuherzig und verlegen an.
»Das wage ich nicht. Ich wollte überhaupt nicht mit Ihrer Fräulein Tochter tanzen, sondern nur plaudern.«
»Ah! Sie überraschen mich!«
»Ich kann nicht tanzen, Frau Baronin! Ich lernte es nie in der Art, wie man hier tanzt.«
»Sehr begreiflich! In der Einsamkeit Ihrer schönen Strandburg ist dazu wohl kaum Gelegenheit! — Aber in einer Pause könnten Sie das Versäumte doch nachholen?«
»Ich habe nicht den Mut dazu. Ich bin unbeholfen und weiß nicht, was ich mit jungen Damen reden soll. Meine einseitigen Interessen sind wohl nicht die ihren, und die große Welt ist mir fremd.«
»Sie waren so sehr liebenswürdig, meiner Tochter als Retter zu Hilfe zu kommen, als sie jüngst ein kleines Unglück mit dem Schlitten hatte?«
Seine Augen leuchteten wieder auf, er bejahte sehr lebhaft und freute sich des Zufalls, welcher ihn just in jenem Augenblick des Wegs daher geführt.
»Ei, so fragen Sie doch meine Tochter, wie ihr jene unfreiwillige Bekanntschaft mit dem Schnee bekommen ist!« scherzte die Generalin. »Wenn der Anfang zu einer Unterhaltung gefunden ist, haben Sie das Schwerste überstanden!«
»Fräulein von Sprendlingen ist stets sehr umlagert ... und ... sie möchte es wieder ungnädig aufnehmen, wenn ich störe!«
»Haben Sie bereits zu Tisch engagiert?«
»Nein, gnädigste Frau, daran dachte ich noch nicht. Muß man das?«
»Man muß nichts, was man nicht will! Aber ich möchte Ihnen einen guten Rat geben. Wie ich höre, ist die Jugend auch heute nicht plaziert, und Gabriele sagte mir, daß Herr von Heidler in der Bildergalerie an Tafel III Plätze belegt habe. — Nun kommen Sie einmal mit — ich führe Sie bis zu der Galerietür, — dann suchen Sie sich den Tisch Nr. 3 auf und belegen sich daselbst einen Platz mit Ihrer Visitenkarte!« —
»O, vortrefflich! In der Nähe Ihres Fräulein Tochter?«
»Wenn Sie das wünschen!«
»Über alles wünsche ich es mir!«
Der junge Bär von Hohen-Esp war wie ausgewechselt, er lachte und sprach lebhafter wie je zuvor.
»Gut! Reichen Sie mir Ihren Arm, Graf, wir wollen diese Quadrille benutzen, um uns den Weg zu bahnen!«
Er sah ihr noch einmal mit leuchtendem Blick in die Augen.
»Ich danke Ihnen!« sagte er wie aus tiefstem Herzen heraus.
Frau von Sprendlingen lächelte: »Glauben Sie in Zukunft nichts, was die Leute faseln! Sie sehen, wie falsch man Sie unterrichtet hatte!« —
Sie schritten an dem Diwan entlang, den großen, goldenen Saaltüren zu, und Frau von Sprendlingen hatte das Empfinden, als sei der Mann mit der hohen Reckengestalt an ihrer Seite ein Baby, welches sie mit einem einzigen Wort, einem einzigen Druck ihrer zierlichen Hand lenkt und dirigiert, wohin es ihr beliebt.
Ihr Blick flog hinüber zu Gräfin Thea, welche, sichtlich zerstreut, ihre Quadrille tanzte, — sie sah weder den Graf von Hohen-Esp noch seine Begleiterin — und ein feines Lächeln des Triumphes zuckte um ihre Lippen.
Guntram Krafft stand vor dem Tisch Nr. 3 und übersah die Visitenkarten, welche auf den Gläsern lagen.
Ein jeder Platz war besetzt.
Unschlüssig und tief enttäuscht schaute er über die Tafel.
»Wünschten der Herr Graf gerade an diesem Tisch zu sitzen?« fragte es hinter ihm.
Ein Lakai und der Haushofmeister, welcher mit jeder neuen Erscheinung am Hofe vertraut schien, trat diensteifrig näher und verbeugte sich ebenso höflich wie respektvoll.
»Es wäre mir allerdings sehr lieb gewesen!« versicherte der Hohen-Esper, sehr angenehm durch das Interesse des alten Hofbeamten berührt.
»Aber bitte, Herr Graf! Nichts leichter wie das! Es müssen sowieso noch Plätze eingeschoben werden, da der Herr Hofmarschall noch in dem letzten Augenblick Ansagen von benachbarten Garnisonen erhielt! Also fügen wir noch ein Kuvert ein ... befehlen Herr Graf vielleicht hier?« — und er neigte den wohlfrisierten Kopf und las: »von Heidler ... ah ... unser Vortänzer ... dann hier seine Dame ... und neben derselben ... befehlen der Herr Graf?... oder vielleicht hier an der Ecke ...«
»Nein, nein! Danke verbindlichst! Der Platz hier ... welchen Sie zuerst bezeichneten, ist mir sehr angenehm ...« und der Sprecher zog seine Visitenkarte aus der Brusttasche und reichte sie dar.
Wieder stieg die heiße Glut in seine Wangen, und voll verlegener Hast wandte er sich und schritt nach dem Saal zurück.
Ihm war's, als müßte man ihm all seine jubelnden Gedanken von der Stirn ablesen! Vor wenig Minuten hatte er gewähnt, all die hellen Kerzen ringsum seien erloschen und dunkle, trostlose Nacht umgebe ihn, seit er gehört, Gabriele sei die Braut eines andern, und nun plötzlich, als er vernimmt, daß dies Gerede eitel Lug und Trug ist, da schlägt sein Herz auf in ungestümer Glückseligkeit, und die elektrischen Flammen ringsum blenden ihm die Augen, so leuchten und funkeln sie!
Warum das? —
Er vermag sich selber kaum Rechenschaft darüber zu geben, er überläßt sich willenlos dem fremden, eigenartigen Zauber, welcher ihn gefangenhält.
In der mit Blumen dekorierten Vorhalle des Saales treten ihm ein paar ältere Herren mit Band und Stern entgegen und reden ihn in liebenswürdiger Weise an.
Sie sind Tänzer und Jugendbekannte seiner Mutter gewesen und erkundigen sich voll aufrichtigen Interesses nach Gräfin Gundulas Ergehen.
Guntram Krafft freut sich, von ihr sprechen zu können, er empfindet es voll stolzer Genugtuung, daß man seine Mutter so hoch schätzt und verehrt, und als der eine der Herren die Hand auf seinen Arm legt und sagt: »Kommen Sie, Graf, ich muß Sie zu meiner Frau bringen! Sie ist ebenfalls eine gute Bekannte Ihrer Frau Mutter von früherer Zeit und wird sich sehr freuen, von ihr zu hören und ihren Sohn kennenzulernen!« — da folgt der junge Mann so heiter und unbefangen, als ob ihn die letzte halbe Stunde heimisch auf dem Parkett gemacht habe.
Er sieht im Vorüberschreiten Gräfin Thea, welche ihm lebhaft zuwinkt.
»Wo um alles in der Welt stecken Sie denn, Graf? Ich möchte Sie gern den jungen Damen vorstellen! — Halten Sie ihn bitte nicht allzu fest, Exzellenz — zum nächsten Walzer ist er urkundlich verpflichtet!«
Sie hält lachend die Tanzkarte empor, und der Begleiter Hohen-Esps zuckt scherzend die Achseln. »Wenn Sie den Grafen allerdings an solch holde Pflicht gemahnen, Komtesse, wird er mir fahnenflüchtig, noch ehe er der alten Garde den Eid geleistet hat! — Aber unbesorgt — ich war zeitlebens ein unbescholtener Mann und begehre nicht meines Nächsten Weib, Knecht oder Walzertänzer!! — Au revoir!« —
Und als der nächste Tanz mit den weichen, lockenden Klängen der »Rosen aus dem Süden« einsetzt, stockt Guntram Krafft plötzlich in der Unterhaltung mit der Frau Minister und schaut abermals in Gräfin Sevarilles erhitztes Gesichtchen, welches ihm aus nächster Nähe zulächelt.
»Sie haben engagiert, lieber Graf?« fragte die alte Dame in schnellem Verstehen: »Das ist recht! Ich werde mich freuen, Sie tanzen zu sehen! Und den achtundzwanzigsten dieses Monats reservieren Sie uns also ... wir werden uns freuen, Sie zum Diner bei uns begrüßen zu können.«
Der Bär von Hohen-Esp dankt sehr erfreut, verneigt sich und steht im nächsten Augenblick an der Seite der Komtesse.
Er hat es so eilig, ihr zu erzählen, daß es mit der Verlobung Gabrieles ein großer Irrtum ist, aber er kommt fürerst nicht dazu, denn Thea spricht lebhaft auf ihn ein, wendet sich zu den nächststehenden jungen Mädchen und stellt ihnen den Graf vor.
Man lächelt ihm sehr liebenswürdig zu, beginnt ein allgemeines Gespräch und macht dem »modernen Parzival« klar, daß er unter allen Umständen tanzen müsse!
»Sie sehen, Graf, man tanzt hier keinen Walzer, sondern nur Galopp! Je nun, und das ist doch kein Kunststück! Wer so wie Sie eines Hauptes länger ist, wie alles übrige Volk, steuert doch ohne jedwede Gefahr durch all diese Wirbel und hohe Flut!«
Das ist ein Wort!
Guntram Kraffts Auge blitzt auf, — er lacht und verneigt sich vor Thea.
»Mut hat auch der Mameluck, Komtesse — riskieren Sie es mit mir Seebären?«
Einen Augenblick neigt sie das Köpfchen zurück und sieht zu ihm auf.
Welch ein Blick!
Wenn der Einsiedler von Hohen-Esp nicht arg zu naiv wäre, würde er viel, sehr viel darin lesen!
Aber der Graf denkt gar nicht darüber nach, was sich wohl in den Augen einer Komtesse Sevarille spiegeln möchte, er hat nur einen einzigen Wunsch, den — es zu versuchen, ob er sich wahrlich unter die Reihen der Tänzer wagen kann, ob er die Probe bestehen wird, um alsdann auch den Arm um jene andere, Einzigste legen zu können, welche all sein Sinnen und Denken gefangennimmt.
Und er tanzt, — wohl nicht ganz so gewandt und elegant wie die andern Herren im Saal, aber doch sicher und gut, ohne im mindesten unliebsam aufzufallen.
»Bei einem Galopp kommt es nur auf die sichere Führung an!« hat eine der Damen soeben noch ermutigend gesagt, nun, und sicher hat der bärenstarke Arm des Hohen-Esper seine Dame gehalten!
Mit heißgerötetem Antlitz führt er Thea an ihren Platz zurück, und die andern Damen und Herren, welche gewartet haben, voll neugierigen Interesses das »erste Debut des Parzival« zu beobachten, begrüßen ihn mit lebhaftem Beifall.
Guntram Krafft hat es gar nicht bemerkt, wie aller Blicke ihm während des Tanzes gefolgt sind, er hat es nicht gehört, daß der Herzog sich erfreut und anerkennend darüber äußert, — er schaut nur suchend über die bunte, wirbelnde Menge, ob er nicht Gabrieles Köpfchen erspähen kann.
Und er sieht sie plötzlich in nächster Nähe, sieht direkt in die wundersam hellen, großen Nixenaugen hinein, welche wie staunend auf ihn gerichtet sind.
Und Guntram Krafft lacht noch glückseliger wie zuvor, sagt Komtesse Thea ein herzliches Dankeswort und richtet sich hoch und kühn auf — in Wahrheit wie ein junger Bär, welcher sich plötzlich seiner Kraft bewußt wird, wendet sich und steht im nächsten Augenblick vor Fräulein von Sprendlingen. »Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein?«
Da starren ihn die meerfarbenen Augen abermals an wie aufs höchste überrascht ob einer solchen Zumutung, und dann wendet sie das Köpfchen und wechselt einen sekundenlangen, unendlich vielsagenden Blick mit dem schlanken, jungen Garde-Grenadier-Offizier, welcher neben ihr steht.
Der lächelt sehr verständnisinnig —: »Ich begreife, Baronesse!« dreht sich kurz auf dem Hacken um und eilt als vielbeschäftigter Vortänzer davon, — Gabriele aber legt langsam, beinahe zögernd den Arm auf den des Grafen und sagt: »Wir werden noch einen Augenblick warten müssen, es ist sehr wenig Raum zum Tanzen!«
»Wie Sie befehlen, Fräulein von Sprendlingen!« antwortet Guntram Krafft und umschließt mit bebender Hand ihre weiche, schmiegsame Gestalt.
Wie rote Nebel wallt es vor seinen Augen, die Aufregung schnürt ihm die Kehle zusammen, er hat das Gefühl, als wanke der Boden plötzlich unter seinen Füßen, und doch möchte er aufjauchzen vor Glückseligkeit, wie daheim, wenn er dem wilden, feindlichen Meer eine Beute abgetrotzt!
Einen Augenblick harrt er so ... noch einen ... und da ... gerade als er lostanzen will, bricht die Musik mit kurzem Schlusse ab.
Der Garde-Grenadier ist in die Mitte der Tanzenden getreten und hat die Hand mit kurzer Geste nach dem Orchester hinter dem Goldgitter der Galerie gehoben.
Guntram Krafft, der Neuling, bemerkte es nicht, er blickt nur erschrocken zu Gabriele nieder und sagt bedauernd: »O wie schade!« — und Fräulein von Sprendlingen lächelt ganz wunderlich, löst die Hand von seinem Arm und tritt von ihm zurück.
»Bedaure sehr!« sagt sie kühl, wendet das Köpfchen und begrüßt eine junge Hauptmannsfrau, welche jetzt am Arm ihres Tänzers vorüberschreitet und ihr zunickt.